Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf
Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer
Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf
welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies
bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls
auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da
wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine
grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter
entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder
freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen
gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer,
Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich.
Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die
Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine
Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine
alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen
folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt,
ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach
Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte
ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr
zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel
saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.«
Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine
Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll
anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte
nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß,
verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen
vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren.
Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn
sie einen andern sich langweilen sehen.«
Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten
Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich
im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an.
Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen
näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte
er mit offenbarer Geringschätzung.
»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit
unschlüssiger Selbstironie.
»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«,
sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog
verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra
spielte mit ihrer Uhrkette.
Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah
rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was
reden sie?
Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von
Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds
Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte
sie, mit den Augen zwinkernd.
Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen.
Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das
Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe
vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe
er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden
der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich
gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner
Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener
nichtigen Menschen.
»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet.
»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl
frostig.
»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber
daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.«
»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte.
»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete
Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.
»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm.
»Kommen Sie«, sagte Natalie.
Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges
mitteilen, indessen führte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.«
Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich hinzu:
»Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.«
Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den
Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: »Ist es
wahr, daß Sie bis jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt
davon.«
Arnold sah den Mann überrascht an und wußte nicht, was er aus ihm machen
sollte. Er bückte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich
blitzte, dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte draußen
seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die kühle Luft ein. Unten
im Flur überholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich
nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen Schritt gegen die Straße
bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner Rumpf. Auch der
Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze
Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick
lag drückende Langeweile und trostlose Ruhe.
»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« fragte er höflich und
wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die
Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.
Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen Augen. Er empfand
plötzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider,
vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.
»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte Hyrtl. Er hatte den
Wagenschlag geöffnet, stellte einen Fuß auf das Trittbrett und zündete
eine Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, fuhr er
fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. »Das was Sie oben sehen,
ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den
Keller. Hinter den Möbeln und Bildern hängen die Pfändungssiegel. Die
Stühle, worauf sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir
oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie
betrügt ihren Mann und Osterburg betrügt seine Frau. Es ist alles
Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mädchen. Na,
adieu, leben Sie wohl.«
Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem
Kutscher das Zeichen, zu fahren.
Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem Überlegen beschloß
er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was
dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getüncht waren; er
erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich
nun Wahrheit holen.
Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen Mantel auf einen Berg
von andern Mänteln und trat mit suchendem Gesicht in die
Gesellschaftsräume. Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie
durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lächelte ihm zu wie einem
vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich vernahm er ihre
Stimme hinter sich. »Denken Sie nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit
einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka hat sich
verheiratet ...«
Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als
Jubel, Liebenswürdigkeit und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß
gelogen haben, dachte er.