Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im
Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher
besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den
neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem
Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da
wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der
Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange
nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit
ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor
Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau
Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe,
Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde
Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach
seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren
Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er
möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.
»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige
Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend
zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz
hübsch.« Ein köstliches Aber.
Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne
weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie
das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit
kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das
drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu
kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten
könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken
Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper
vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr
erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das
Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit
Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.
Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die
zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde
waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war
lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie
manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem
Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel,
geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren
Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich
verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann
leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen,
gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer
Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen
Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute
interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor
Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines
Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht
Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen,
als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre
Kinder die wunderbarsten auf der Erde.
Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige
Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester
zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend
die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig
an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter
mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.
Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang
ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit
die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,
sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die
Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und
zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie
betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte
gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle
Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte
Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb.
»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,«
sagte Natalie.
Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber
nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane.
Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh.
Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder
geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein,
das ist das einzige.«
»Idiot«, murmelte Natalie.
Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit
sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn
fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte
er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke
und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe
Million haben werde, oder –« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins
Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie
gelassen und erwartungsvoll anschaute.
Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer
Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.«
»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.
Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du
weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das
Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte
etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem
Lächeln abseits.
Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich,
schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er
sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe.
Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin
zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte
anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen
Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um
jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf
der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken.
Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit
Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.
»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt.
»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging
zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich
vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den
Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.
Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt
ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste
Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,
gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse
verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die
Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist.
»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie,
die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.
»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra.
»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder
Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich
zu Petra ... nicht wahr, Petra –?« ...
»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich
Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,
aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.«
So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen
einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im
Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren
können.