Dreiundzwanzigstes Kapitel

Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im

Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher

besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den

neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem

Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da

wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der

Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange

nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen

zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit

ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor

Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau

Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe,

Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde

Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach

seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren

Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er

möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.

»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige

Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend

zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz

hübsch.« Ein köstliches Aber.

Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne

weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag

und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie

das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit

kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das

drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu

kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten

könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken

Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper

vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr

erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten

Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das

Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit

Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.

Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die

zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde

waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war

lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie

manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem

Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel,

geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren

Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich

verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann

leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen,

gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer

Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen

Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute

interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor

Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines

Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht

Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen,

als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre

Kinder die wunderbarsten auf der Erde.

Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige

Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester

zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend

die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig

an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter

mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.

Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang

ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit

die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,

sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die

Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und

zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie

betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte

gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle

Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte

Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb.

»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,«

sagte Natalie.

Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber

nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane.

Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh.

Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder

geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein,

das ist das einzige.«

»Idiot«, murmelte Natalie.

Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit

sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn

fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte

er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke

und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe

Million haben werde, oder –« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins

Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie

gelassen und erwartungsvoll anschaute.

Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer

Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.«

»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.

Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du

weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das

Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte

etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem

Lächeln abseits.

Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich,

schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er

sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe.

Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin

zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte

anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen

Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um

jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf

der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken.

Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit

Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.

»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt.

»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging

zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich

vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den

Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.

Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht

war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt

ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste

Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,

gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse

verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die

Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist.

»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie,

die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.

»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra.

»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder

Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich

zu Petra ... nicht wahr, Petra –?« ...

»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich

Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,

aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.«

So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen

einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im

Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren

können.

Der Moloch · 第 29 / 84 题