Zweiundzwanzigstes Kapitel

Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung

stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.

»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte

und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und

wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer

Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren

Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel

und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und

frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die

Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre

endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute

empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden

Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer.

Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht

lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und

suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,

bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in

dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und

spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen

Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er

war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das

Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille

Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom

geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den

hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem

Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern

war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,

beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das

Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen.

Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch

Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe

Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte

gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der

Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht,

Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu

erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer

redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und

zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen.

Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.

Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme

machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer

neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter

verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen

Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener

Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte,

wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte

nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und

sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm

unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so

enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke

blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der

Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den

Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und

glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder

das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und

sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die

Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung

seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin

ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern,

Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und

glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die

Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der

Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu

einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem

unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore

geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang.

Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der

Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und

war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein

Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und

kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die

Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den

erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus

den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten

ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die

betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite.

Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an

Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu

sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und

trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige

begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte.

Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn

Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die

Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den

Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der

prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und

versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,

drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege;

jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn

etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler

Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit

Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien

ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als

es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.

»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast

du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der

äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die

Schulter.

Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden

kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll

ich’s anfangen?«

»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen

Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der

Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose

zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser

eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum

wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du

bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst

du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine

Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen

abbringen, ganz im Gegenteil.«

»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig

dazwischen.

»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern

Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese

Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen

andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal

Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den

Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die

ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im

Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf

sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den

Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie

die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von

Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und

Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern

wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt.

Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur

um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.

Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen

entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,

sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie

Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst

erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen

Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es

nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen

Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes.

Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in

der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt

dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber

deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt

du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es

dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es

unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege

als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden.

Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch

sinnlos.«

Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr

ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte

sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit

hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben.

»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr

Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu

unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite

Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich

dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines

Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der

unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten

noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!«

Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn

er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den

Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht

schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein

Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo

und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die

Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz.

Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen

glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«,

sagte er. »Man kann beides tun.«

»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine

Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin

dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht

verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.

Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«

Sie gaben einander die Hand.

Der Moloch · 第 28 / 84 题