Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung
stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.
»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte
und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und
wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer
Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel
und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die
Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre
endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden
Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer.
Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht
lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und
suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,
bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in
dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und
spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen
Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er
war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das
Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille
Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom
geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den
hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem
Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern
war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,
beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das
Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen.
Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch
Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe
Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte
gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der
Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht,
Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu
erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer
redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und
zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen.
Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.
Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme
machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer
neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter
verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen
Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener
Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte,
wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte
nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und
sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so
enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke
blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der
Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den
Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und
glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder
das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und
sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die
Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung
seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin
ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern,
Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und
glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die
Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der
Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu
einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem
unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore
geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang.
Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der
Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und
war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein
Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und
kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die
Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den
erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus
den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten
ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die
betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite.
Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an
Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu
sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und
trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige
begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte.
Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn
Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die
Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den
Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der
prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und
versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,
drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege;
jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn
etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler
Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit
Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien
ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als
es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.
»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast
du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der
äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die
Schulter.
Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden
kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll
ich’s anfangen?«
»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen
Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der
Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser
eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum
wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du
bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst
du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine
Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen
abbringen, ganz im Gegenteil.«
»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig
dazwischen.
»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern
Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese
Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen
andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal
Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den
Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die
ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im
Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf
sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den
Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie
die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von
Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und
Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern
wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt.
Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur
um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen
entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,
sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie
Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst
erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es
nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen
Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes.
Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in
der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt
dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber
deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt
du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es
dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es
unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege
als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden.
Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch
sinnlos.«
Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr
ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte
sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit
hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben.
»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr
Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu
unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite
Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich
dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines
Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der
unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten
noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!«
Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn
er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den
Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht
schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein
Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo
und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die
Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz.
Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen
glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«,
sagte er. »Man kann beides tun.«
»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine
Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin
dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht
verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.
Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«
Sie gaben einander die Hand.