Einundzwanzigstes Kapitel

Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte

erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über

drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt.

Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe

erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge,

dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.

Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen

beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.

Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom

Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und

die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt.

Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,

polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,

Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und

knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;

andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren

Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn

stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen

Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die

lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und

angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen

Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier

der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den

Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise

Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel

und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,

Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche

zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter

prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier

keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe.

Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das

in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein

Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte

Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen

sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in

früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein

Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert

habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den

Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von

geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,

um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag,

waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der

reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau

war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas

außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden

Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden

Wohlgeruch im Zimmer.

»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo.

»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte

Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll

Teilnahme, etwas spöttisch, – alles zu gleicher Zeit mit einer

unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,

so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die

Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre

Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo,

ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold

überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte

schon mit Ungeduld auf Sie – oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich

war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im

edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier

laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh

erfahren – Kommen Sie, ... komm, Arnold.«

All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des

Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft

gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein

Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An

einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten

Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von

Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit

einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,

blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte

Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet

auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine

schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die

farblosen Lippen.

»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo,

indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer

Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl.

Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,

die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?«

»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein.

Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit

einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von

verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna

Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab

schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld.

»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche

Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,

wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte.

»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an

Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte

Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen

ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte

sie das junge Mädchen.

»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem

nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie

gesprochen wurde.

»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der

Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte

ich eine Heldentat verrichten.«

Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf

Anna Borromeo.

»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und

tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.

»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen

Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf

das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den

Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,

zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und

fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei

Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt

war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich

sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie

die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,

erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei

auf der silbernen Schale griff.

Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und

hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern

schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch

zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe

vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.«

Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht.

Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo,

darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften.

Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen

auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die

Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna

Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.

Der Moloch · 第 27 / 84 题