Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte
erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über
drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt.
Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe
erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge,
dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen
beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.
Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom
Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und
die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt.
Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,
polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,
Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und
knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;
andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren
Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen
Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die
lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und
angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen
Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier
der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den
Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise
Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel
und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,
Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche
zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter
prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier
keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe.
Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das
in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein
Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte
Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen
sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in
früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein
Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert
habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den
Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von
geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,
um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag,
waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der
reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas
außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden
Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden
Wohlgeruch im Zimmer.
»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo.
»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte
Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll
Teilnahme, etwas spöttisch, – alles zu gleicher Zeit mit einer
unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,
so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die
Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre
Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo,
ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold
überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte
schon mit Ungeduld auf Sie – oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich
war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im
edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier
laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh
erfahren – Kommen Sie, ... komm, Arnold.«
All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des
Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft
gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein
Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An
einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten
Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von
Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,
blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte
Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet
auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine
schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die
farblosen Lippen.
»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo,
indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer
Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl.
Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,
die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?«
»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein.
Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit
einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von
verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna
Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab
schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld.
»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche
Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,
wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte.
»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an
Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte
Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen
ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte
sie das junge Mädchen.
»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem
nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie
gesprochen wurde.
»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der
Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte
ich eine Heldentat verrichten.«
Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf
Anna Borromeo.
»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und
tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.
»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen
Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf
das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den
Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,
zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und
fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei
Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt
war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie
die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,
erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei
auf der silbernen Schale griff.
Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und
hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern
schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch
zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe
vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.«
Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht.
Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo,
darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften.
Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen
auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die
Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna
Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.