Neunzehntes Kapitel

Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und

hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch

die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.

Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,

überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am

Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust

verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die

Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie

gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich

anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit

begann sie indes zu schlafen.

Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als

das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang

empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich

Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon

vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der

Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.

Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig

das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über

die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu

Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des

Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit

nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte

nicht zu rühren.

Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann

in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen

das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.

Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch

bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?«

Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint

sie dich, Arnold? Willst du denn fort?«

Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will

fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man

muß einen Verwalter mieten.«

»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt.

Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und

trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit

erfaßt.

»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«,

begann Arnold.

Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast

ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,«

entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die

Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,«

fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem

vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen

ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine

Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.«

Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was

ich muß?« fragte er.

Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt

machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er

gedehnt und widerwillig.

»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine

Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.

Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht

kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas

Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen

wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der

Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen

tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht

nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne

Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab’ hier

keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich

will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon

Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der

Teufel holen.«

Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung

erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen

Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den

gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens

sträubten.

Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu

finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir

es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur

Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem

Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur.

Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen

Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig

für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den

Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis

bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch,

kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände.

Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.

Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu

gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei

zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer

Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster

glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und

sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das

Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die

Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg

fort.

Der Moloch · 第 24 / 84 题