Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und
hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch
die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.
Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,
überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am
Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust
verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die
Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie
gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich
anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
begann sie indes zu schlafen.
Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als
das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang
empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich
Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon
vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der
Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.
Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig
das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über
die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu
Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des
Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit
nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte
nicht zu rühren.
Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann
in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.
Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch
bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?«
Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint
sie dich, Arnold? Willst du denn fort?«
Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will
fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man
muß einen Verwalter mieten.«
»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt.
Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und
trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit
erfaßt.
»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«,
begann Arnold.
Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast
ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,«
entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die
Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,«
fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem
vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen
ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.«
Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was
ich muß?« fragte er.
Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt
machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er
gedehnt und widerwillig.
»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine
Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.
Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas
Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen
wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen
tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht
nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne
Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab’ hier
keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich
will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon
Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der
Teufel holen.«
Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung
erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen
Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den
gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens
sträubten.
Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu
finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir
es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.
Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur
Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem
Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur.
Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen
Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig
für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den
Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis
bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch,
kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände.
Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.
Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu
gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei
zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer
Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster
glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und
sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das
Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die
Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg
fort.