Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von
Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt
Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den
Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen
Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die
Frau Mutter nichts?«
»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.
Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster
und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand.
»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle
übrigen zu ersetzen.
Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat
mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott
lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des
Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit
Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden
war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen
zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat
neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen
Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des
Klosters – hat es ein Ende?«
Elasser vermochte nichts zu erwidern.
»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise
fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz
schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.
»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos.
Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine
Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.
Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen
Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des
unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos;
Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.
Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor
Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein
Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.
Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.
Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen
ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig
war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie
Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten
Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war
weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein
Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel
auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er
sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei
den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht
und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber
niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold,
indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob
sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann
blieb er tückisch gebückt an seinem Platz.
Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte
nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren
heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!
mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern
vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen
zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn
ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um
aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
selbständig hörenden Ohr geworden.
Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was geschieht denn? Ist
es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die
Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen
würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und
Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch
an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es
gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner
würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden
schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu
leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, denn sie
können sonst nicht leben.
Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der
Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die
Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen,
seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von
sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie
werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich
eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu
lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den
ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend
an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der
Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.
Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch
Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem
Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn
ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte
der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm
auf.
Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor
sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß
mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.
Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner
Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster
waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich
entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war
schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam
vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe
die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,
während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin
Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine
Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.
Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;
Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede
Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst.