Achtzehntes Kapitel

Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von

Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt

Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den

Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen

Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die

Frau Mutter nichts?«

»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.

Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster

und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand.

»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle

übrigen zu ersetzen.

Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat

mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott

lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des

Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit

Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden

war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen

zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.

Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat

neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die

Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen

Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des

Klosters – hat es ein Ende?«

Elasser vermochte nichts zu erwidern.

»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise

fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz

schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.

»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos.

Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine

Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.

Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen

Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des

unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos;

Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.

Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im

Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor

Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein

Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.

Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.

Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen

ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig

war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie

Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten

Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war

weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein

Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel

auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er

sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei

den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht

und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine

Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber

niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold,

indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob

sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann

blieb er tückisch gebückt an seinem Platz.

Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte

nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren

heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!

mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern

vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen

zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn

ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um

aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum

selbständig hörenden Ohr geworden.

Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was geschieht denn? Ist

es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die

Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen

würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und

Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch

an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es

gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner

würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden

schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu

leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, denn sie

können sonst nicht leben.

Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der

Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die

Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen,

seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von

sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie

werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich

eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu

lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den

ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend

an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der

Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.

Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch

Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem

Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn

ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte

der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm

auf.

Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor

sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß

mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.

Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner

Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster

waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich

entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war

schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam

vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe

die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,

während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin

Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine

Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.

Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;

Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede

Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst.

Der Moloch · 第 23 / 84 题