Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo
trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf
vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie
neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor
Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden,
müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter,
Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den
leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen.
Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend
auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit
einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein
Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte:
»Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte
seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und
begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu
machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte
übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste
durch die Spalten der geschlossenen Türe.
Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die
flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben
müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So
verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und
ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an
Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte
gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine
tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der
Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb
triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge,
erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab
ihr zu denken.
Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig
gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in
seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an
solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um
sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte.
Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies
sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte,
wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten
und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei
nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das
beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten
Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die
Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen
wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und
mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka
allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte.
Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine
schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.
»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er
Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und
strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese
inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald
wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?«
Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte
Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte
den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den
Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich
langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes
Wort zu finden.
»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich
langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den
Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.
»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern
Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie
von ihm?«
Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und
Unwirkliches.
»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr
Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun
aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht
ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.«
»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten
Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog.
»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd.
»Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich
ist alles.«
Arnold lächelte besserwissend und erhob sich.
Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher
so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder,
als er gekommen war.
Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die
Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und
der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit
unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm
suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr,
den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch
er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem
Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten
sich.
Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und
der Assistenzarzt war abgereist.
Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen
Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg
geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken
und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.
Von Elasser hörte man nichts.
Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte
sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf
gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute
war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das
Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit
hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf
ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus,
und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen?
Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit
hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag?
Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu
schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um
Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen?
Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende
Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir
merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die
Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag
Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie
tief.