Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des
Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die
Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller
Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt
sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.
Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch
geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und
richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm
kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die
Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat
wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.
Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,
daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben
Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser
ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz
erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts.
Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,
daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den
Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten
werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an
welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser
wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,
Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war
bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von
frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte
die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog
es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt,
müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten
Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter
Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine
letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte
Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und
sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht
ein Ende.«
Das war am 5. Februar.
Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers
nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von
ihm Besitz genommen.
Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach
körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu
schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war
rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor,
als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,
von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer
dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.
»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr
Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.
Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte
den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,
schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als
Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider
senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt
der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren
Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.
Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum
bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe
Frau?«
Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg
der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen
Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den
Knien liegenden gefalteten Hände.
Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit
ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht,
Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.«
Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.
Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,
als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um
den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.
Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der
Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener
Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige
Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte
und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.
Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom
Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als
sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und
nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann
kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,
jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete
sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das
werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich
Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein
deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu
werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der
Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war
weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold
widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen
ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte
seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht
geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es
licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag
viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,
bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde
erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe
Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit
zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst
vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn
selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort
aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der
Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige
Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von
einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält?
Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein.