Sechzehntes Kapitel

Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des

Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,

welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die

Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller

Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt

sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.

Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch

geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und

richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm

kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die

Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat

wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.

Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,

daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich

telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben

Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser

ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz

erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts.

Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,

daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den

Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten

werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an

welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser

wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,

Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war

bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von

frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte

die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog

es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt,

müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten

Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter

Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine

letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte

Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und

sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht

ein Ende.«

Das war am 5. Februar.

Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers

nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit

dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von

ihm Besitz genommen.

Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach

körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,

ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu

schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war

rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor,

als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,

von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer

dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.

»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr

Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.

Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte

den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,

schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als

Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider

senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt

der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren

Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?

Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.

Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum

bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe

Frau?«

Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg

der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen

Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den

Knien liegenden gefalteten Hände.

Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit

ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht,

Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.«

Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.

Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,

als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um

den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.

Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der

Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener

Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige

Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte

und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.

Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom

Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als

sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und

nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann

kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,

jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete

sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das

werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich

Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein

deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu

werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der

Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war

weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold

widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen

ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen

das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte

seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht

geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es

licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag

viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,

bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde

erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe

Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit

zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst

vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn

selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort

aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der

Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige

Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von

einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält?

Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein.

Der Moloch · 第 21 / 84 题