Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht
abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte.
Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter
gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten
genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst
werde er wiederkommen.
Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor
Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich
vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine
Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun
schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich
selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit
einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen
Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl
erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.
So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen
und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin.
Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das
Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden
waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte,
war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen
Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien
sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.
Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins
Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,
abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für
das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht?
Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin
und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg
und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und
Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,
und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über
die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige
Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren
riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran
herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die
Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als
Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.
Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte
der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte
sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße
hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein
Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und
schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des
Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines
Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an.
Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von
selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu
holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und
lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er
eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn
sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor
Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er
warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der
nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen
würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und
nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in
seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den
Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,
aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm
erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt
denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst
du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie!
überzeuge sie!
Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte
sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen
Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem
geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen
Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.
Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm
ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert
kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter
Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.
Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen
und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,
wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf
einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den
Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor
einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.
Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden
gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und
der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,
sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich.
Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er
war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
kleinen Kopf.
Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem
Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder
greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah
Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich
zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen
Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah
deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob
und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten
sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn
vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er
konnte nicht vergessen.
Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist
das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute
empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war
indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf.
Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem
in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die
andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der
Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust
zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich
gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe
begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute
düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und
Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds
Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den
Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf
die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der
Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten
Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu
und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?«
Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und
immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem
Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.«
Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner
Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.
»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig.
»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden
Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen
Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es
gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine
Hoffnung mehr.«
»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das
Unrecht sich ergießen lassen ganz.«
»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man
euch den Kopf abschlägt?«
Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,«
antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat
lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch.
Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und
nicht für uns.«
Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem
Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt
ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die
niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen.
Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist
nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.«
»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das
Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein
alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.«
Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster
Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.«
Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der
Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen
geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug
gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die
Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem
eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz
über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon
versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren
ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht,
obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser
eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit
auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.
Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und
er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er
mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor
den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,
hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,
daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns
anhören.«
»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt.
»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln,
»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.«
Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch
beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte
die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an
die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.
Darauf wurde ihm wohl und kühl.