Fünfzehntes Kapitel

Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht

abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte.

Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter

gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten

genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst

werde er wiederkommen.

Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor

Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und

nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich

vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine

Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun

schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich

selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit

einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen

Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl

erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.

So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen

und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin.

Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das

Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden

waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte,

war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen

Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien

sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.

Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins

Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,

abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für

das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht?

Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin

und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg

und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und

Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,

und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über

die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige

Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren

riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran

herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die

Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als

Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.

Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte

der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes

Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte

sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße

hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein

Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und

schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des

Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines

Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an.

Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,

blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von

selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu

holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und

lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er

eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn

sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor

Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er

warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der

nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen

würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und

nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in

seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den

Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,

aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm

erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt

denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst

du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie!

überzeuge sie!

Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte

sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen

Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem

geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen

Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.

Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm

ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert

kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter

Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.

Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen

und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,

wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf

einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den

Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor

einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.

Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden

gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und

der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,

sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich.

Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er

war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend

kleinen Kopf.

Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem

Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder

greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah

Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich

zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen

Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah

deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob

und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten

sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn

vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er

konnte nicht vergessen.

Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist

das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute

empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war

indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf.

Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem

in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die

andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der

Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust

zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich

gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe

begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute

düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und

Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds

Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte

sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den

Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf

die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der

Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten

Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu

und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?«

Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und

immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem

Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde

verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.«

Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner

Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.

»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig.

»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden

Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen

Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es

gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine

Hoffnung mehr.«

»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das

Unrecht sich ergießen lassen ganz.«

»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man

euch den Kopf abschlägt?«

Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,«

antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat

lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch.

Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und

nicht für uns.«

Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem

Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt

ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die

niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen.

Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist

nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.«

»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das

Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein

alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.«

Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster

Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.«

Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der

Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen

geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug

gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die

Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem

eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz

über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon

versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren

ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht,

obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser

eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit

auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.

Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und

er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er

mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor

den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,

hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,

daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns

anhören.«

»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt.

»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln,

»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.«

Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch

beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte

die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an

die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.

Darauf wurde ihm wohl und kühl.

Der Moloch · 第 20 / 84 题