Vierzehntes Kapitel

Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam Antworten. Hanka

befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfaßte sofort die

merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und

Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung haben Sie denn?«

fragte er.

»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.«

»Gar nichts?«

»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und

klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.

»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold erstaunt.

Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Juristerei

erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.«

Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen

konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und

schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar

für den Gruß des Lehrers. »Ein reizender Mann,« sagte sie von Specht.

»Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« Sie sprach

laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold

fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf

ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als

sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit

wohlwollendem Lächeln.

Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch

ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden

öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit

stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es

heiß und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er

die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine

Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äußerung

eines Schmerzes lag.

Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes

Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute

kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. Es

sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er

halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit

sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo,

damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben

hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die

Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und

der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr

Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.

An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel

hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und

verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen.

In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem

Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er

drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen

Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein

Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt

war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte

wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold

fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe stehen, um den

Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die

Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der

Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die

Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim

Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. Moses, war die

Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und

nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und Jutta?«

fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn nicht wiederkommen?«

»Der Herr fragt –!« erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein

gutes Deutsch zu sprechen. »Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.«

Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er

fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er

hörte ein vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen Flügel

und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreißig Menschen beisammenstehen.

Gleichgültig schloß er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf

den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat,

erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von

Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder

hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lärm herrschte. In der

kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt.

In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr

Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und

endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne.

Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit

ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer

Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war

weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung ihm gelten könne.

Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische

Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor

ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer

gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf

steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß wie der eines

Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter

der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich

eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: »Judenknecht!« und das Gemurmel

fing wieder an, dunkler und gährender.

Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem

Rufer und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann

seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein Schauer

durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.

Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das

Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte

bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die

Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen

sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte.

Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold saß mit gesenktem Kopf,

die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen

zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der

mit dem Frühschnellzug eintreffen mußte. Von der Station aus war noch

ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche

mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu

begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit

den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die

Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt

vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum

Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden

erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit

gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert

Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr

früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die

dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen in denen

sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.

Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und

Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein.

Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der

Küche. Da standen uralte Möbel, auf welchen die Zeit gleich einem

Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt

mit wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in

seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den

hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner

Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der

förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege

verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.

»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?« fragte er, in

seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.

Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem

unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann.

»Ich weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken.

Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum

die Haare berührend, als fürchtete er sie zu zerzausen. »Und hältst du

das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig.

Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er verwundert. »Hast du denn

so schlechte Erfahrungen gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und

drückte das Kinn auf die Lehne.

»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, antwortete

Borromeo mit einem Lächeln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem

Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht

klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging,

und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des

etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck,

die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der

Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,

als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel.

Der Moloch · 第 19 / 84 题