Dreizehntes Kapitel

Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines

Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor

der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem

Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit

verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal

passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände,

tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter,

kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er

von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter

Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der

Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.

Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus

der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die

Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in

dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen,

und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:

langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter

Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine

lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit

Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.

Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort

draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine

Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er,

ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum

Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner

während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder

zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,

Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner

Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig

über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine

Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte

sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu

zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie

wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der

großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles

bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine

Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose

Natalie.

Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der

Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um

zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen,

stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den

Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als

sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den

Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war

betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren

verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie

sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie

gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich

umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung

anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.

Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine

Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er

blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten

Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche

Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich

hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie

erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu

verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch

zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um

diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit

war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis

gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein

und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan

nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune

des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit

dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne

sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem

Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie

lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine

flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch

mehr als Liebe.

Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm;

eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst

Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,

nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er

gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater

zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so

vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu

sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,

daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft

schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.

Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch

ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede

Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das

junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war

Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht

verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit

hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich

aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle

Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener

Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren

gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als

sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,

aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung

und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte

Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und

fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr

hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die

düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht

des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,

vergessen dürfe.

Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes

und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das

Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der

Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die

sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige

glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den

Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er

beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.

Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen.

Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben

nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,

als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.

Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.

Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage

ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen

machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam

sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu

entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.

Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im

Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone

Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat

ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich

überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der

Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte

schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und

verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und

warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen

stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb

gekommen?«

Arnold bejahte.

»Zu viel Umstände,« spottete Beate.

»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete

Arnold trocken.

Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von

Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes

und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte

den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.

Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim

Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte

sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.

Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie

begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr

Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das

Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.«

Damit schlug sie die Türe zu.

Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig

erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in

einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ

unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die

drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte

zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche

Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.

Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem

ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür

öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im

Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte

seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form

hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein

so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,

nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in

Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob

sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse

verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen

handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von

dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.

Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals

auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem

Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben,

gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich

zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der

gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit

zeigte.

Der Moloch · 第 18 / 84 题