Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines
Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor
der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem
Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal
passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände,
tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter,
kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er
von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter
Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der
Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.
Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus
der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die
Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in
dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen,
und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:
langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter
Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine
lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit
Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.
Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort
draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine
Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er,
ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum
Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner
während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder
zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,
Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig
über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine
Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte
sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu
zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der
großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles
bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine
Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose
Natalie.
Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der
Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um
zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen,
stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den
Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als
sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den
Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war
betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren
verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie
sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie
gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich
umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung
anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.
Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine
Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er
blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche
Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich
hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie
erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu
verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch
zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um
diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit
war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein
und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan
nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune
des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit
dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne
sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem
Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine
flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch
mehr als Liebe.
Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm;
eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst
Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,
nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er
gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater
zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so
vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu
sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,
daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft
schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.
Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch
ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede
Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das
junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war
Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht
verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit
hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich
aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle
Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener
Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren
gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als
sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,
aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung
und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte
Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und
fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr
hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die
düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht
des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,
vergessen dürfe.
Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes
und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das
Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der
Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die
sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige
glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den
Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er
beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.
Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen.
Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben
nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,
als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.
Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.
Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage
ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen
machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam
sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu
entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.
Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im
Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone
Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat
ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich
überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der
Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte
schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und
verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und
warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen
stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb
gekommen?«
Arnold bejahte.
»Zu viel Umstände,« spottete Beate.
»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete
Arnold trocken.
Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von
Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes
und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte
den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.
Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim
Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte
sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.
Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie
begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr
Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das
Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.«
Damit schlug sie die Türe zu.
Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig
erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in
einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ
unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die
drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte
zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.
Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem
ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür
öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im
Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte
seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form
hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein
so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,
nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in
Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob
sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse
verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen
handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von
dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.
Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals
auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem
Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben,
gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich
zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der
gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit
zeigte.