Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich
zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so
stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann
wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab,
ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte
es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu
grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm
entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte
auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich
Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese
Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn.
Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne,
erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden
sollte, weil eine Wolke darüber zog.
Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen.
Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande.
Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,
denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im
Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.
Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er
berichtete und Arnold las:
»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und
getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner
Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt,
den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter
Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde
eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt
deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen,
entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der
Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede
Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus
einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das
Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt,
verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach
langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein
Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster
gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta
Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des
Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu
verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie
ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid
stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am
festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm
eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta
Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin
den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den
klareren und wahreren Ausdruck: entführt –? Denn das Mädchen wurde
inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.«
Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die
Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig
war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.«
Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und
bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und
geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann
erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter
seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen
prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines
raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht
kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem
seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften
Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe
verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes
erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur
Sorge.
Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse
und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu
haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch
auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu
sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die
rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht
bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.
»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft.
»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den
Sofawinkel.
»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der
Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung.
Die Frau schwieg.
»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort.
»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln.
Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold
los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte
Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher
Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und
Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die
Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei
Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat
erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten
keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum
Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta
verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach
Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach
Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und
überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde
verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty
hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern
verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch
mehr wissen?«
Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr
Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus.