Elftes Kapitel

Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich

zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so

stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann

wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab,

ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte

es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu

grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm

entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte

auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von

neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich

Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese

Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,

seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn.

Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne,

erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden

sollte, weil eine Wolke darüber zog.

Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen.

Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande.

Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,

denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im

Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.

Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er

berichtete und Arnold las:

»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und

getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner

Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt,

den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter

Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde

eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt

deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen,

entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der

Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede

Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus

einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das

Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt,

verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach

langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein

Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster

gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta

Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen

des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des

Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu

verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie

ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid

stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am

festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm

eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta

Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte

Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin

den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu

den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den

klareren und wahreren Ausdruck: entführt –? Denn das Mädchen wurde

inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.«

Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die

Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig

war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.«

Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und

bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und

geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann

erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter

seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen

prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines

raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht

kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem

seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften

Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe

verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes

erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur

Sorge.

Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse

und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu

haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch

auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu

sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die

rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht

bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.

»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft.

»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den

Sofawinkel.

»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der

Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung.

Die Frau schwieg.

»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort.

»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln.

Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold

los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte

Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher

Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und

Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die

Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei

Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.

Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat

erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten

keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum

Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum

Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta

verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach

Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach

Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und

überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde

verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von

unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty

hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern

verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch

mehr wissen?«

Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr

Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.

Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus.

Der Moloch · 第 15 / 84 题