Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß ihr Bruder Borromeo
sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin
zeigte eine üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen herrischen
und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut nichts Gutes in seinem
Schwabenalter,« sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen
Frau mit Vergnügen betrachtete.
An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung.
Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser.
Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine
Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und
Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden.
Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen Sie mich morgen früh um
sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen
Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von
mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster
seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung
erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind
verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist,
die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn
Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die väterliche
Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe steht
kein Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder
nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin
dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und
dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die
Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit,
sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.«
Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur,
sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn
schließlich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte er nichts
Rechtes anzufangen.
In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen
Landstraße an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. Beide Tiere sahen
aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und
Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus
der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide
Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig
und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin.
Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das größere Pferd
erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem
Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen,
daß er in der größten Eile über die Landstraße Reißaus nahm. Als er
aufwachte und den Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor;
dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Straße, die schwermütige
Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug
etwas Unvergeßliches in sich.
Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch
halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein
Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam.
Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frührot
glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig
davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der
Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete
gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon.
Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende
ein Windlicht brannte, welches nur mühsam die Finsternis verringerte.
Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte
schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken
befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen
Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer
langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein
ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein
dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen Stäben bestehendes Gitter
befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie
starrten vor sich nieder.
Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der
Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen
traten herein. Elasser reckte den Kopf auf – Arnold gedachte seines
Traumpferds, welches sprechen wollte – und blickte nach der Tür, die
sich indes wieder schloß, ohne daß seine Tochter eingetreten wäre.
Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die
erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren
Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden
Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und
Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich
geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu
leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen
erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde
ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe ließ
sich von neuem hören; Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern,
und mit einem Schlag war es wieder still.
Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte und
seine Stirn glänzte von Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen
Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm
mußten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter
finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang
hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die
frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und
befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem
verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht.
Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben
Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen
oder wachten.
Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat
ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig.
Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und
richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht
rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne
Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem
Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine
Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.«
Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und
schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle
Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu
zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern,
die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor
ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz
der Oberin zu rühren.
»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit
feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen
zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer
Spitze den Raum.
Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte
gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen
schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen.
Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung
haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte
und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen
durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt –!«
Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich
verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach
Arnold um und wartete, bis er herankam.