Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach
Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung,
trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in
einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich;
der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer
langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur
über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.
Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der
hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine
Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch
vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar
beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in
Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber
Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da
drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald
zu viel. Endlich werd’ ich atmen können!«
Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen,
niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen
können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem
Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst
gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er
schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte
in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch
Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem
noch verborgenen Feuer.
»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in
Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu
wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll
man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab
ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er,
schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift
uns.«
Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons
Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert.
»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen
Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von
diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme
Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine
unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!«
Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage
borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.
Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als
Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein
Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art
früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar
bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses
zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte,
gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die
Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den
persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst
alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten
in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite,
brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte
nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief,
als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der
dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu
wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die
stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die
Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er
von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für
die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend
verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem
Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden
frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum
Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die
neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich
suchend danach zurück.
Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um
jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn
Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und
Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber
alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun.
Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel
draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er
hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein
Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah
er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit
dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der
»Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine
telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim
Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber,
aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend
seinen Weg fortsetzte.
Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es
Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß
Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte.
»Elasser ist beim Justizminister, – wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie
er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das
erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst
gewesen.«
»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold.
»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste
belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener
Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der
Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf
die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und
hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
wird Ihnen zurückgegeben werden.«
Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem
Bericht des Lehrers begriff er nicht.
»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort,
»aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim
Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt
ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem
Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die
Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.«
»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er
mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die
Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen.
Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie,
lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und
schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen
können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht
versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.«
Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in
diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde
blickend, schüttelte er den Kopf.
»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht
mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg.
»Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß
stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung
des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum
die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das
ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner
Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe
mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat
dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne
mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten
#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in
dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei –«
»Was heißt das?« unterbrach Arnold.
»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten
kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser
etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ...
anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache
Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das
Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder
zusammen.
»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben
wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos
schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß
diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben
sollten.
»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer
Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in
Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung
unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze
Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter
anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas
nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie
wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
beide werden es nicht erleben.«
Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen
Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme
zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.
Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein
paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.
»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte
Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme
hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu
Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst
dabei ist –? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders
von mir.«
Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.
»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die
Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen
Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen
scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging.
Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war
die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den
herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das
Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den
halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck.
Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der
Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht
unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen
Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß.
Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er
bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem
niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.