Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust
emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden
Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, daß darunter nur der braune
Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes
Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem
abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die
kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb
spielend, halb winselnd über die Dielen und ein Neugeborenes lag
eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel
zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau
stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den
Oberkörper. Außer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne
Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum
Trocknen und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften
Teil des Raumes ein.
Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat
er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel
zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen und blickte den
Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt über die
gepreßte Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte
der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: »Ist sie noch nicht zurück
aus dem Kloster?«
Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden,
ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß
der Herr nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins
Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge,
obwohl alt und häßlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
jeder Form zu erteilen vermag.
Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« erwiderte er, »aber das
ist doch gegen das Recht.«
»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den
Kopf, »wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibt’s
kein Recht, für arme Juden gibt’s gar kein Recht. Und mit was kann ich
dienen? Mit wem hab ich das Vergnügen?«
»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser auf, mit einer
Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten
konnte. »Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern
Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir
haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta.
Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der
Gehilf vom Uravar und klopft da draußen und meint, wir sollen doch
einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
’s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu den Nonnen,
denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon
bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der ’s Fleisch bringt ins Kloster,
kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr meine Tochter ist eine gute
Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war
Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein
freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen
die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen
kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister
sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, daß wir
kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin
ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu
sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind.
Und gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie
sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt
haben wird an die neue Umgebung.«
Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. »Un so bin ich
fortgegangen,« schloß er und atmete tief.
»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt
hatte.
»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt,
leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muß warten. So wart ich.«
Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis
die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges
Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende
Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit
dem Bein einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde lag, rollte
sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen hin und her. Das Kind lachte,
während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in
Schlaf schüttelte.
Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte und
blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. »Was
soll ich tun, lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall
wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. »Kann ich mir helfen,
sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ ein Auge, kann ich mir
helfen, lieber Herr?« Er ging auf und ab.
Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts.
Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich.
»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit,
»hör auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.«
»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein
Kind gegeben haben!« rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und
wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn ich hungern un
dürsten muß.«
»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« fragte die Frau mit
streng zusammengezogenen Brauen.
»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und blickte verdrießlich von
einem zum andern, »gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen
das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.«
Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische Männer betraten den Raum,
wobei sie Gebete murmelten.
Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm
Specht begegnete. Der Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb
aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und
meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade gestern Abend vor dem
Kloster geweilt hätten. »Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht
fabelhaft, daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll fügte
er hinzu: »Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten
wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
Wirtshaus.«
Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm
schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor
ihn hinstellte.
Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben
Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter.
Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: »Heute ist
es mir schlimm ergangen; heute hab’ ich was Schlimmes erfahren. Hören
Sie nur ... Vielleicht bereu’ ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber
der Teufel kann ewig schweigen.«
Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des
Lehrers.
»Sie kennen doch Beate?«
Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine
Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich
übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte
Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten
habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn
mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt
Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und
das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe
hervor, als er sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die
Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum
Wahnsinn treiben.« Er lächelte und zupfte an seinem schmalen, blonden
Schnurrbart.
Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besaß, hatte
zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines
Wortes wert. Er schämte sich für Specht.
Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte
die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: »Wann
wird man denn befehlen, das Mädchen frei zu lassen?«
»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. »Die Elasser meinen
Sie? Ich weiß nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer so
fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts,
persönlich nahen. »Wer, glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?«
fragte er ironisch.
»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer
völlig zu.
»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?«
Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im
Bunde sei.
Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: »Es
handelt sich um ein Unrecht.«
Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies?
Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?«
»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum
Narren halten,« erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und
schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus
dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold
an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube
verließ.
Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich
auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum
Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann
melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst
versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein
warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er
Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier
kommen?
Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme rief: »Specht!
Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!«
Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saßen bei Tisch und
schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate
blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich,
lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas
Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der
Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und
deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört
den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und
sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben
Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig bist –« ... mit
einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riß sie das Blatt mitten
entzwei.
»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse,« rief Specht, zu
Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den
Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge um ihren
Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so
schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen.
Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.
Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka
»trieb«. »Nichts,« erwiderte sie endlich scheu.
Der Lehrer lächelte sarkastisch.
»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. »Er ist reich
genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?«
»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« antwortete
Specht.
Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie
über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem
Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen
Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.