Achtes Kapitel

Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam

Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden

Elasser zu sich ins Kloster gebracht.

»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte

sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.«

»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold.

»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster

gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.«

»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch.

Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und

an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein

Mädchen rauben,« sagte er verwundert.

»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula.

Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das

Vorgefallene.

»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu

seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?«

Frau Ansorge zuckte die Achseln.

»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.«

»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,

braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.«

»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?«

Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden

Leute an,« entgegnete sie gleichgültig.

Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem

Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider

Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,

Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen

dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein

alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen

Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt

sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.

Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch

das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit

einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte

mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der

Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen,

alle Judenkinder zu taufen.

Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach

der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden.

Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend,

hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte

Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,

Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern

des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung

abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls

offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als

trauriger Anblick bot.

Der Moloch · 第 12 / 84 题