Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam
Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden
Elasser zu sich ins Kloster gebracht.
»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte
sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.«
»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold.
»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster
gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.«
»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch.
Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und
an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein
Mädchen rauben,« sagte er verwundert.
»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula.
Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das
Vorgefallene.
»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu
seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?«
Frau Ansorge zuckte die Achseln.
»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.«
»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,
braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.«
»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?«
Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden
Leute an,« entgegnete sie gleichgültig.
Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem
Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider
Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,
Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen
dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein
alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen
Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt
sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.
Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch
das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit
einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte
mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der
Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen,
alle Judenkinder zu taufen.
Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach
der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden.
Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend,
hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte
Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern
des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung
abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls
offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als
trauriger Anblick bot.