Siebentes Kapitel

»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend

gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie

einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und

Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu

schaffen hatte, irgendwohin.

Arnold schwieg.

»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer

verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier?

Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem

man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.«

Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte

Arnold, was macht er solches Wesen davon.

»Ich wundre mich nur, daß Sie’s hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind

doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine

Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer

heutzutage.«

»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort.

Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand

entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft.

Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;

über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.

»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener

Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die

Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des

Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die

etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen

durchaus reifen Charakter.

Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend

und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er

hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den

Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor

ihm floß ein Strom der Einsamkeit.

Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte

sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als

Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das

ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner

Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf

und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn

auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem

Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht

erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern,

als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,

den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts

Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem

Lehrer mit Interesse.

Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu

gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er

hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er

Beziehungen und wünschte Sympathien.

Der Moloch · 第 11 / 84 题