»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend
gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und
Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu
schaffen hatte, irgendwohin.
Arnold schwieg.
»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer
verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier?
Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem
man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.«
Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte
Arnold, was macht er solches Wesen davon.
»Ich wundre mich nur, daß Sie’s hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind
doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine
Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer
heutzutage.«
»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort.
Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand
entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft.
Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;
über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.
»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener
Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die
Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die
etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen
durchaus reifen Charakter.
Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend
und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er
hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den
Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor
ihm floß ein Strom der Einsamkeit.
Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte
sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als
Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das
ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner
Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf
und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn
auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem
Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht
erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern,
als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,
den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts
Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem
Lehrer mit Interesse.
Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu
gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er
hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er
Beziehungen und wünschte Sympathien.