Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am
Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug
das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch
und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu
machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm
hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas
Blicken. Die Polin wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück und
stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch
schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen
Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoß
und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung
gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu
schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden
Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und
leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die
Freude über den, der solche starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand
auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der
Magd und sagte: »Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere für
dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk’ dir
einen neuen Unterrock.«
Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stieß er mit dem Fuß
das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen
Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher
kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte
der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor
Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er
kurz, trotz der süßen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß
es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit
kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das
Elasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt
und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn fast. »Sag dem Herrn
Dank, Jutta,« murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die
Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen
Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas
schwärmerischen Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der
Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt
verhindert hatten.
Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom
Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern
zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu
unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die
überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen
und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die
Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlüpften
wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten
Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten
Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im
Gedränge kaum vorwärts schieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten
sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend.
Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des »goldenen
Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt,
seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in
Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied.
Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu.
Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die
Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich
blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt,
das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefaßt prüfenden
Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, was
er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit
niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken
schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer
fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn
Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie
manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich
genug, daß Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als
ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene
Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im
Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt und
Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate.
Specht faßte ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall
gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf
die Füße der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und
wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade
hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt.
Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit,
aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und
fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt
starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie
redete, hatten etwas Unerklärliches. »O ja,« antwortete Arnold gelassen,
»aber ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war ein Jahr eine
unübersehbare Spanne Zeit.
Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der
heiße Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald
schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er
stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen
Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate
vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen,
und seine großen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn
nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefaßt und knirschte etwas
durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate
antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig,
verliebt, unentschieden und von äußerster Wildheit war. Ihre Haare
klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot,
das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten,
verdeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich
zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich
vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und
höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die
Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von
der Anstrengung des Nachlaufens.
»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht wiederum. »Ich möchte nicht
gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch
einen Spaziergang machen.«
Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den
Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der
Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse.