Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von
Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage
bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate
kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen
Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen
böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in
Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und
Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt.
Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib,
innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich,
für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte.
Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese
gleichmütige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht,
ist wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn sie wußte, was
sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.
Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen.
Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain
weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung auf den städtischen
Ankömmling.
Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, daß seine Schwester
beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden,
setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die überaus
langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der große Himmel,
dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn seine
anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug vergessen.
Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu
dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter
ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine
ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer
miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt
aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben,
erzählte Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold Ansorge
begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten hätten.
»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« platzte Beate lachend
heraus.
»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, »sondern wie er
zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht
dumm.«
»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht
sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester
begrüßten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und
spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter
Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig,
aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer Furcht, denjenigen
allzusehr zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt.
Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein
Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, und seine Empfindlichkeit, daß
Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht
gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka
bei Beate nach dem Lehrer.
Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter
Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß
vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht
zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas
Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald
wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,«
fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag’ ich dir nur im Vertrauen, es
soll Geheimnis bleiben.«
Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den
Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte
die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines
langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum
erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm,
besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über
den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild,
denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte
er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere
Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir
haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht’s
dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich
fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?«
Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte
Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,«
log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich
sehr viel.«
»Hm–m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich
sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
flinken Benehmen.
Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe
brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand.
Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom
Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob
Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei
Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette
und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.
Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei
entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen
können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich
in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine
Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm
leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es
lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.
Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine
ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die
Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie
von den Tschechinnen gelernt hatte.
#Kudy, kudy, vede cestička
Pro mého Jenička ...#
Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine
Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu
lieben.