Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und schaute ruhig nach der
Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht
das kleinste Fischlein wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß
kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den
schlesischen Wäldern lag ein Wetter.
Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn,
was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel
auf ihn.
Arnold brummte etwas vor sich hin.
Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde
er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können.
»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf.
Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh
und zu Ostern schlachten sie Christenkinder.
»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der Jud ist arm, hat neun
Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht
bekommen.«
»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wäre!« höhnte
Salscha.
Arnold zuckte die Achseln und schwieg.
Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den
Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit
war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwünscht.
Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie
nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr
gleichmäßiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen.
Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den
Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er
schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau
Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie
fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.
Aber die Wolken verzogen sich wieder.
Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit
allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt
vorgeschwärmt habe.
Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der Windbeutel«, sagte sie;
»er soll seine frischgebackene Weisheit für sich behalten.«
Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein
Regenbogen stand.
»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie.
Arnold trat an ihre Seite.
»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und groß vor dir.
Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm
übrig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe
verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine
Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
sie sind leer wie gedroschenes Stroh.«