Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich geh’ jetzt ins Dorf.«

Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt

atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich

gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege

lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluß,

dessen mühselig hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels

wiedergab.

Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig,

entfernten sich nur an einer Stelle von der Straße und bildeten, den

Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das

Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar

wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den

jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen

Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die

Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und

Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein

bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn

hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob

beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche.

»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« sagte der Hausierer, »werd’

ich Ihnen verklagen bei Gericht.«

Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weißen

Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl ich Hund,« sagte er und warf einen

beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.

Elasser wurde erregt. »Ich fürcht’ mich nicht vor Ihrem Hund,«

antwortete er. »Ich fürcht’ mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich

mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach’ hat

sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen

kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an

Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz

herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte

Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn

gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um

seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen krachten und

zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur

Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt und blickte

Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den

Blick mit solcher Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf

duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos

zusammenschrumpfte.

Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der Herr wird dafür zu büßen

haben,« sagte er, auf Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem

Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind

da die Gerichte.« Er nickte Arnold zu und verließ den Laden.

Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold

auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die

blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als

sei der Sonnenschein trüber geworden.

Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus

entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf

Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, sehr gut.

Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine

Lektion erhalten.« Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein

wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein

Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere

Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er

darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich

zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold

betraf.

»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?« fragte

er. »Was tun Sie denn den ganzen Tag über?«

Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.

»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?«

meinte Specht. »Und wird Ihnen das nicht langweilig?«

»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!«

»Waren Sie nie in der Stadt?«

»Nein.«

»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äußern nach sind Sie doch ein

Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei

einem Städter. Sehr merkwürdig!«

»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« erkundigte sich Arnold.

»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie

die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor.

Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich

sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine große Stadt. Theater,

Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale

Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht

vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie

mir.«

Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiß wurde, zog er

seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend

und verständnislos anschaute.

Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Straße lag eine

Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und

neu umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine

Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den

Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet

hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und

ging dem Lehrer entgegen.

Der Moloch · 第 7 / 84 题