Consul Herrn ~Giulianich~, so wie an den kaiserlich russischen und
americanischen, Herrn ~Wilkinson~. Da der Capitain erklärt hatte,
daß er, sobald günstiger Wind komme, die Abfahrt beschleunigen wolle
und wir deßhalb nicht wissen konnten, ob nicht schon am andern Morgen
Rhodus wieder fern von uns liegen werde, beschloß ich jene Empfehlungen
baldmöglichst abzugeben und mit Hülfe derselben den Versuch zu machen,
ob es uns nicht erlaubt werden könne, ungeachtet der auf drei Tage
festgesetzten Quarantäne, schon heute die Stadt zu sehen, in deren
Nähe wir dann vielleicht in unserm Leben nicht mehr kommen möchten.
In Begleitung meiner beiden jungen Aerzte und des Capitäns fuhr ich
hinüber zu den Schranken der Quarantäne, die Briefe, nachdem man sie
wohl durchräuchert hatte, wurden angenommen und während wir an dem
Anblick der buntfarbigen, mannichfaltigen Steingeschiebe am Strande uns
ergötzten, kam schon der Sohn des trefflichen Herrn Consuls Giulianich
und bald auch, mit dem Vater zugleich, Herr Wilkinson. Diese edlen
Männer fragten sogleich womit sie uns dienen könnten und da wir den
Wunsch, vor allem die Stadt zu sehen, äußerten, sendeten sie alsbald
zum türkischen Kommandanten, erbaten von ihm einen Janitscharen und
einen Quarantäneaufseher und äußerten selber ihre Bereitwilligkeit
uns zur Stadt zu begleiten. Während dieser Verhandlungen war der
Hunger, den die Seekrankheit so lange in Fesseln gehalten, zugleich
aber auch heftig gereizt hatte, in seiner ganzen Stärke erwacht, wir
fragten bescheiden an, ob uns wohl aus einer nahen Locanda etwas zu
essen könne gebracht werden und diese Frage wurde sehr bald durch
die That beantwortet. Als man jetzt die Thüre, hinein ins Innre der
Schranken uns öffnete und uns selbst eine Hütte der Quarantänehüter
zum Speisezimmer einräumte, fielen mir freilich die Worte eines alten
Engländers ein, der mit uns die Donaureise machte: daß »nur in der
Türkei noch Vernunft sey«, weil man da weder mit der Pestquarantäne
noch mit der Mauth es so genau nehme, doch möchte ich diese Art von
Vernunft nicht unbedingt und überall anempfehlen, obgleich, bei der
wirklich sorgfältigen Aufsicht, welche die Herrn Consuln und die
Quarantänehüter über uns und jede unsrer Bewegungen führten, von uns
weniger die Gefahr einer Ansteckung zu fürchten war, als von jenen
türkischen Schiffen, die mit uns fast aus denselbigen Gegenden kommend,
durch besondre Vergünstigung der türkischen Stadtbehörden gleich nach
ihrer Ankunft der Quarantäne überhoben wurden. Ohnehin war ja die ganze
Einrichtung dieser noch jugendlichen Anstalt nicht eben ausreichend zu
nennen, da nach Verlauf der kurzen, dreitägigen Frist unsre Türken mit
einem großen Theil ihrer in Körben und Kisten verwahrten Sachen ohne
weitre Vorkehr zu ihren Glaubensgenossen hinüberzogen.
Wir traten jetzt den Weg an, vorüber an der Grabstätte des türkischen
Heiligen (Marabu's), dem unsre Hadschi's schon heute reichliche Gaben
zum Opfer sendeten, um durch seine Hülfe eine günstige Seefahrt zu
erflehen; vorüber dann an einigen erhöhten, mit Bäumen bepflanzten
Plätzen und an den Brunnen mit herrlichem Wasser, aus deren einem,
welcher der Quarantäne zugehört, auch wir, so wie unsre Matrosen,
Wasser schöpfen und trinken durften. Hier neben uns, am Eingang des
innern oder Galeeren-Hafens, nicht an jenem des äußern, stund, so
sagt man, auf den Felsenklippen das eine der sieben Wunder der alten
Welt: der Sonnenkoloß, das Meisterwerk des Chares und Laches von
Lindos, welcher siebenzig bis achtzig Ellen hoch ragte und zwischen
dessen Füßen die Schiffe ein- und ausliefen. Im 282ten Jahre vor
Christus war dieser Coloß, zum Andenken an die glückliche Abwehr des
Städtebezwingers Demetrius von den hart bedrängten Mauern errichtet
worden; schon im Jahre 226, nachdem er nur 56 Jahre gestanden, stürzte
er, durch ein Erdbeben getroffen nieder; auch in seinen Trümmern noch
Bewunderung erregend, bis die ersten moslimitischen Eroberer der Insel,
die Araber, welche Moavia hieher geführt hatte, im Jahr 656 n. Chr., im
938ten nach der Aufrichtung, selbst diese Reste, deren Erzmasse 9000
Zentner lastete, hinwegführten.
Zwischen dem innern oder dem Galeerenhafen und den Mauern der Stadt
zieht sich ein Saum der Küste hin, auf welchem, außerhalb der
eigentlichen Stadt, das Haus des türkischen Statthalters der Insel
stehet. Weiterhin steigt man den grünenden Hügel hinan zu einem der
Thore, das zunächst stehet dem Schloß St. Elmo und dem Bollwerke der
Engländer, während der Belagerung der Stadt durch Suleiman. Die Kanonen
in der Nähe dieses Einganges tragen das Bild des heiligen Johannes
und Inschriften, welche es bezeugen, daß sie einst im Dienste andrer
Herren und Vertheidiger der Stadt gewesen, denn die jetzigen sind.
Nicht fern von hier tritt man in die Hauptstraße der Ritter (+Strada
dei Cavalieri+). Da rechts, über den Thüren der alten, festgebauten
Häuser sieht man noch jetzt die Wappen jener edlen Geschlechter,
die aus den Ländern des Westens hierher gezogen waren, zum Kampfe
für den Glauben der Väter und das heilige Land. Es erwecken diese
Zeichen das Andenken an manchen Pilgrim und mannhaften Streiter aus
den noch jetzt in der christlichen Heimath fortbestehenden Häusern;
denn hier in Rhodus, im Munde seiner Ritter, sprach sich der ernstliche
Wunsch, dem von Osten hereinbrechenden Verderben zu steuern, in acht
verschiedenen Zungen aus: in der französischen, deutschen, englischen,
spanischen, portugiesischen und italienischen, zu denen sich noch
die für sich bestehenden Schaaren der Ritter der Auvergne und der
Provence gesellten. Der Pallast des Großmeisters, mit seinen Hallen und
Gemächern, das alte Gebäude der Kanzlei und der Rittersaal, erinnern
durch die noch ungebrochene Kraft ihres festen Gemäuers an die Kraft
ihrer ritterlichen Erbauer und an jene Einfalt, die sich so gut mit der
Würde vertrug.
Hier, am Ende der Ritterstraße stehet die vormalige Cathedrale: die
Kirche des heiligen Johannes. Sogar die Thüren aus Sykomorus(?)holze
mit vielem, halberhabenen Schnitzwerk, noch mehr aber die Säulen und
Bögen des ehrwürdigen Gebäudes, sind in ihrer anfänglichen Schönheit
zu sehen. Mitten durch das Innre der Kirche haben die Türken einen
bretternen Verschlag gezogen; der östliche Theil, wo der Hochaltar
stund, ist in ein Kornmagazin verwandelt. Hier ließ man uns ohne
Schwierigkeit ein; noch erinnert mancher Zug der Gestaltung des festen
Gesteines an die vormalige Bestimmung der Stätte, die Wände aber, von
welchen die zügellosen Janitscharen nach der Eroberung der Stadt durch
Suleiman, an dem für Rhodos so trauervollem Christtage (25. Dec. 1522),
alle christlichen Gemälde abkratzten, sind kahl. Der westliche Theil
der Kirche, jenseit des bretternen Verschlages hat die Bestimmung
einer Moschee erhalten. Ein neidischer Türke, der eben vorübergieng,
protestirte laut gegen unsern Eintritt, als der Janitschar die Thür
uns öffnete, dieser aber gebot ihm Schweigen und wir giengen hinein.
Doch was sieht man da, als die auf den Boden, zur Bequemlichkeit der
Betenden, hingebreiteten Matten und Teppiche; an den leeren Wänden
einige Koransprüche und den Rednerstuhl des Freitagspredigers.
Wir stiegen jetzt hinan auf den noch immer festen St. Johannisthurm
und genoßen der Aussicht über Stadt und Land, so wie auf das Meer.
Nach der Eroberung der Stadt durch die Türken fand man in diesem
Thurme vermauerte Gemächer, in denen ziemlich ansehnliche Vorräthe
von Schießpulver aufgehäuft lagen. Da man weiß, daß Rhodus zuletzt
hauptsächlich durch den Mangel an Munition zur Uebergabe an den Feind
genöthiget wurde, glaubt man mit vielem Recht in dieser Verheimlichung
eines so wichtigen Kriegsbedürfnisses die Spuren, entweder einer innern
Verrätherei oder der geheimen Geschäftigkeit jener selbst unter den
Rittern und Bürgern nicht unansehnlichen Parthei zu erblicken, welche
die Uebergabe beschleunigt wünschte, der sich eine andre Parthei
der Tapfern standhaft widersetzte. Doch könnte dieses Vermauern der
Pulvergemächer auch einen andern minder zweideutigen Grund gehabt
haben, welcher nur durch den Tod des Generals der Artillerie, der bei
einem der ersten Stürme (am 17ten September) fiel, zum Geheimniß wurde.
Der Weg an der Mauer der Stadt hin eröffnete uns eine Aussicht hinab in
die Gärten, welche nach der langen Entbehrung eines solchen Anblickes
dem Auge ganz besonders wohl that. Seit Magnesia und Smyrna hatten
wir keine solchen Gärten gesehen und diese hier waren noch ungleich
mehr als jene mit den Kräften und Schönheiten des warmen Südens
angethan. Es war eben die Zeit der angehenden Reife der Orangen, die
hohen, dickstämmigen Bäume prangten in dem reichsten Schmucke ihrer
goldfarbenen Früchte. Dazwischen zeigten sich auch hochwüchsige Palmen,
zum Theil mit halbreifen Datteln, deren volle Reife freilich hier auf
Rhodus, dessen Wintertage nicht selten Flocken selbst des Schnees
erzeugen, kaum zu Stande kommt.
* * * * *
An der vormaligen Allerheiligenkirche konnten wir freilich nur die
prächtigen Marmorsäulen und die schönen, halberhabenen Arbeiten
ihres Haupteinganges und Vorhofes betrachten[150]; ihr Innres, das
als eine der Hauptmoscheen der Stadt im Dienste des Islams steht,
durften wir nicht betreten. Hier in der Nähe sind auch die Gebäude
und Zellen einer türkischen Hochschule. Dieser arme, gespenstische
Schatten, dieses Zerrbild einer Schule der Weisheit an solchem Orte,
macht einen schmerzlichen Eindruck. Ja, Rhodos ist freilich vormals
in andrem Maaße, eine Schule der Kunst und der Weisheit gewesen: in
den Zeiten des Chares und Laches aus Lindos, der Bildner des großen
Sonnencolosses, so wie des Bryares, des Meisters der andern kolossalen
Statuen, eine Schule der Sculptur; zu Protogenes Zeiten der Malerei;
in den Tagen der römischen Republik eine Schule der Redekunst und
Staatsweisheit, deren Lehren Cato, Cicero, Cäsar und Pompejus hier
vernahmen, nachmals eine Schule der ritterlich christlichen Tapferkeit
und Kunst der Waffen, jetzt aber ist diese ruhmgekrönte Stadt des
Alterthums für jeden, der ihre Geschichte bedenkt, eine Schule nur
jener verborgenen, auf Glauben gegründeten Weisheit, welche in der zu
Boden gefallenen, zerborstenen Frucht jene Saamenkörnlein erblickt, aus
denen einst die Gewächse einer neuen Zeit hervorkeimen werden.
Statt der Herrlichkeit der in der Geschichte der Kunst so
hochgepriesnen Hallen des alten Rhodus, in denen der Auläos und
Mänander des Apelles, der Meleager, Herkules und Perseus des Zeuxis
bewundert wurden, sahen wir jetzt noch die Waaren und bewunderten
namentlich die riesenhaften Kürbisse in einem der Hauptbazars der
Stadt. Auch wir durften an dem Handel und Verkehr Theil nehmen, dabei
aber weder in die unmittelbare Nähe der Menschen noch der Waaren
kommen, bis unser Quarantäneaufseher die letzteren vor uns hin auf
den Boden gelegt hatte. An den Schranken der Quarantäne, zu welcher
wir in einer späteren Stunde des Nachmittags wieder zurückgekehrt
waren, fanden sich jedoch bald andre Handelsleute ein, die uns den
Einkauf leichter machten als er im Bazar gewesen: eine Menge von Juden,
beladen mit Früchten und allerhand andern eßbaren Gegenständen. Noch
vor Sonnenuntergang kehrten wir zum Schiff zurück, dessen schwankender
Mastbaum schon von fern das noch immer fortwährende Schaukeln verrieth,
das uns hier, nach kurzer, wohlthätiger Ruhe auf dem festen Boden
erwartete. Doch hatte schon diese kleine Ausruhezeit und noch mehr
der Genuß der frischen Orangen den Magen so kräftig gestärkt, daß
der Schwindel der Seekrankheit nicht wieder kehrte, denn wenn auch
das Schiff schwankte, so stunden doch der nachbarliche alte St.
Niklasthurm, so wie der Thurm der Engel, an der andern Seite des
Hafeneinganges desto fester und in ihrem Anblick fand das Auge jene
sichern Anhalts- und Ausruhepunkte, welche das widerwärtige Gefühl
der Unstättigkeit und Bodenlosigkeit, das den Schwindel erzeugt,
vertreiben. Es war heute ein griechisches Schiff neben uns im Hafen
eingelaufen, welches, von demselben Wind begünstigt, der uns entgegen
war, den Weg von Alexandrien hieher in wenig Tagen gemacht hatte.
Montags den 21ten November war noch immer bei anhaltendem Südwind an
kein Weiterfahren zu denken und auch unsre türkischen Reisegefährten
wünschten diesmal, mit uns zugleich, ein längeres Verweilen an der
Insel, die ihnen so viele frische Lebensmittel, wohlfeilen Kaufes
darbot und wo viele von ihnen alte Bekannte und Freunde wiedersahen.
Der Himmel war klar und schön, wir beschloßen den Tag so gut als
möglich zum weitern Besehen der Stadt und ihrer Umgegend zu benutzen.
Wir fuhren denn mit unserm wackern Capitän Angeli wieder hinüber nach
der Gegend der Quarantäne, stiegen aber heute sogleich an dem Molo des
Galeerenhafens aus, wo uns alsbald unsre gestrigen Kaufleute: mehrere
Juden mit kleinen Schüsseln voll wohlschmeckendem Kaimak (S. 326.)
entgegen kamen. Bald waren auch unsre freundlichen Begleiter: die Herrn
Consuln Giulianich und Wilkinson wieder bei uns: erbötig uns auf unserm
Wege zu begleiten und uns die Merkwürdigkeiten der Gegend zu zeigen.
Ein kleines Mißverständniß, das zwischen unsrem griechischen Capitän
und einem der Mitglieder der Quarantäne-Commission ausbrach, umwölkte
auf einige Augenblicke die heitre Stimmung des Tages, bald aber trat
diese wieder in ihre Rechte und wir bestiegen einen der Hügel an der
Nordseite der Stadt, wo sich diese mit allen Erinnerungszeichen an
ihre bedeutungsvolle Geschichte dem Auge auf eine höchst imposante
Weise darstellt. Wie diese fest und schön begründete Stadt all den
Mauerbrechern und Belagerungsmaschinen des »Städtebezwingers« Demetrios
so kräftig widerstehen konnte, begreift man wohl, obgleich, da schon
die erste und auch die zweite aus den Quadern der eingerissenen Theater
und andrer Gebäude errichtete Mauer gesunken war, auch wohl die dritte
unter den Stößen der von dreißigtausend Menschen errichteten und
bedienten Maschine Helepolis (Städtegewinnerin) würde erlegen seyn,
wenn nicht die Gesandten der andern griechischen Staaten für Rhodus
den Frieden erbeten hätten. Schwerer begreiflich ist es aber, wie
Rhodos, als seine Bewohnerzahl und Seemacht kaum noch ein Fünftel
der früheren war, die überlegene Gewalt der Türken so lange von sich
abwehren konnte. Die Geschichte dieser tapfern Abwehr gehört zu jenen
Ereignissen, welche nach ihrem Maaße die Macht und Oberherrschaft
eines ernsten Willens und des Menschengeistes überhaupt über das
gegenüberstehende, leibliche Element beweisen, es möge daher erlaubt
seyn, ehe wir von hinnen segeln in ein Land, da der Geist noch andre,
mächtigere Spuren seines Waltens hinterlassen hat, bei der Betrachtung
der Heldenthaten zu verweilen, durch welche hier ein kleines Häuflein
christgläubiger Männer im Kampfe mit der riesenhaft großen Uebermacht
eines allgemeinen Feindes sich kräftig erwiesen.
Der Wahnsinn einer fanatischen Wuth, welcher seiner Natur nach dem
gesunden, ruhigen Leben des Menschengeistes feindlich entgegenstehet,
hatte seine Ketten zerrissen, und wie es bekannt ist, daß die Raserei
das Maaß der leiblichen Kräfte auf mehr denn das Vierfache steigert,
so hatte die Fiebertrunkenheit des Islamismus gleich Anfangs den Armen
ihrer Kämpfer eine Macht gegeben, welche auch durch die Anstrengung
vieler Arme nicht zu hemmen, noch zu bändigen war. Immerhin liegt auch
darinnen ein Beweis der alten Herrschermacht der Seele über den Leib,
daß selbst dann, wenn sie in kranker Gestalt aus der Verborgenheit
der leiblichen Hülle hervortritt, die leibliche Natur des Menschen
sammt der ruhig in diese versenkten Seele vor ihr erschrickt und daß
Rolands, des Rasenden, furchtbarer Anblick und übernatürlich kräftiger
Arm ein ganzes Heer der nur mit leiblichen Waffen Versehenen schlägt.
Die Völker und Reiche des christlichen, wie des heidnischen Ostens
waren der Heldenwuth des neuen Glaubens unterlegen, wie vom lähmenden
Hauche des Siroccowindes oder des Odems der Schlange war der sonst
kräftige Norden von dem Schrecken Gottes getroffen, das den Schritten
der Heere der Moslimen vorangieng, da führte noch immer das Panier des
Kreuzes eine Schaar der Ritter dem Feind entgegen, denen diese Löwen
nur dadurch noch Widerstand zu leisten vermochten, daß sie zugleich
Lämmer waren, die sich schweigend und duldend, wenn der Glaube es
gebot, zur Schlachtbank stellten. Aus Akre zuletzt durch die Uebermacht
des Feindes vertrieben, hatten die Johanniter, geführt von ihrem
Großmeister Foulques von ~Villaret~, im Jahr 1411, ihrerseits
wieder die Räuberschaar der Türken aus Rhodus verscheucht und die
Stadt im Sturm erobert; der Nachfolger des Eroberers, der Großmeister
Helion ~de Villeneuve~ war hierauf bemüht gewesen, die Mauern
zu erneuern und durch neuangelegte Bollwerke sie zu befestigen; ihm
folgte in diesem Werke der im Liede des Dichters lebende Kämpfer mit
dem Drachen: ~Dieudonné de Gozon~, denn dieser war es, der den
festen Damm des Galeerenhafens begründete; etwas später der Großmeister
~Johann Lastik~, welcher die Zahl der neuen Festungswerke noch
vermehrte, so daß das Heer des ägyptischen Sultans, welches im Jahr
1444 die Stadt belagerte, nach 42tägigen vergeblichen Anstrengungen
wieder abziehen mußte. Es war dieß nur das erste, schwache Donnern
jenes furchtbaren Ungewitters gewesen, welches bald nachher dem
Ruhesitz der Ritter sich nahen sollte, denn schon am 4ten December
1479 zeigte sich das drohende Gewölk, als der türkische Admiral
~Mesih Pascha~ eine Schaar seiner Krieger ans Land setzte. Der
Sieg des Großpriors von Brandenburg: ~Rudolph von Walenberg~
über diese Haufen bewirkte nur einen kurzen Aufschub des Kampfes; am
23ten Mai 1480 erschien 100 Segel stark die Flotte des Eroberers von
Constantinopel, des Besiegers der Städte, Inseln und Völkerheere:
Mohammeds +II.+ vor Rhodus, und jene mordlustigen Schaaren, die
sie ans Land setzte, schlugen bald nachher dort am Fuß des Berges von
St. Stephan, im Westen der Stadt, ihr Lager auf. Wäre innerhalb diesen
Mauern nicht ein andrer Muth und Sinn wach gewesen als der, welcher das
türkische Heer belebte, so würde die Stadt bald von den meisten ihrer
Bewohner und Vertheidiger verlassen gewesen seyn, welche die Furcht
vor dem nahenden Tode hinaus getrieben hätte ins Gebirge oder auf die
unsichern Schiffe. Denn dies war ja dasselbe Volk der Feinde, das schon
ein Jahr vorher (am 11. August 1479) Otranto, die feste Schutzwehr
Apuliens eingenommen, die Heiligthümer entweiht, die unschuldigen
Kinder an der Wand zerschmettert, den Befehlshaber und Bischof zersägt,
mehr denn die Hälfte der Einwohner ermordet, die andern zu längeren
Martern und allerhand Gräueln aufgespart hatte. Und mit sich führten
sie mehrere jener Tod und Verwüstung bringenden künstlichen Vulkane,
mehrere jener riesenhaften Geschütze, welche die Mauern des mächtigen
Byzanz darniedergestürzt hatten. Bald mußte der feste Thurm von St.
Niklas die Macht der türkischen Kanonen erfahren, derselbe war mit
dreihundert Schüssen von der Landseite her in Bresche gelegt, dennoch
konnte der Feind selbst bei dem gewaltigen Sturm am 19ten Juny das
halb zerbrochene Werk nicht nehmen, weil der Muth seiner Vertheidiger
noch ungebrochen war. Auch auf die Mauern der Stadt, in der Gegend
des Judenquartiers donnerten die großen Kanonen mit so entsetzlicher
Kraft, daß man das Getös hundert Miglien weit nordwestlich, bis nach
Cos, und eben so weit östlich bis nach Castelrosso vernahm. Endlich
war die feste Mauer der Gewalt erlegen und obgleich die Belagerten
jenseits der äußern Mauer eine zweite, innere aufgeführt hatten, an
deren Bau Greise wie Kinder, Wittwen wie Jungfrauen Hand anlegten, so
schien dennoch die Einnahme der Stadt fast unvermeidlich, als am 28ten
Juny dritthalbtausend Feinde in die Bresche eindrangen und hinter ihnen
das ganze türkische Heer nachdringend sich bewegte. Die Stürmenden
hatten schon die Stricke bei sich, womit sie die Knaben und Mädchen
der Stadt zu binden, Säcke, worein sie den Raub zu fassen, achttausend
Pfähle, woran sie die Ritter und andern Bewaffneten der Stadt lebendig
zu spießen gedachten, denn im Rathe ihres Heerführers wie des Sultans
war das Loos der Stadt in derselben Art beschlossen, wie jenes der
andern, von Mahommed eroberten Städte gewesen. Aber sie hatten ihren
Rath beschlossen und es ward nichts daraus; der Arm der Helden im
Innern der Mauer war, so gering auch ihre Zahl, dennoch den Feinden
zu schwer und selbst der Geiz des Heerführers, der die schon gegebene
Erlaubniß des Plünderns noch jetzt, wo er die Stadt schon für gewonnen
hielt, zurücknahm, ward für ihn und die Seinen ein Strick, der besser
band als die Stricke, welche die Türken für ihre vermeintlich künftigen
Gefangnen bei sich trugen. Vierthalbtausend Erschlagene lagen in der
Bresche, da stund der Feind von seinem Stürmen ab und sein Muth war von
nun an mehr denn die Mauer, die er beschossen, darniedergeschlagen,
denn hiermit war die Bedrängniß der Stadt geendigt; die Feinde
ließen ab von der Belagerung, welche neuntausend der Ihrigen das
Leben gekostet, funfzehntausend aber durch mehr oder minder schwere
Verwundung zum weitern Kampfe unfähig gemacht hatte. Statt der Schätze
und Güter der Stadt, nach denen dieses Räubervolk so lüstern gewesen,
schleppte es nun den Reichthum des armen Landmannes, seine Heerden und
Kinder mit sich fort zur Schlachtbank und Sklaverei und noch lange Zeit
nach dem Abzug der Türken, nachdem schon alle Leichname der von ihnen
Gemordeten begraben waren, bezeugten die zerstörten Dörfer und Hütten
die schwere Schuld des Mörders, welcher seinen ungerechten Grimm an den
Armen und Wehrlosen ausgelassen hatte.
Noch etwas länger als ein Menschenalter ward jetzt dem Orden zu seinem
Haushalt auf Rhodus Frist gegeben. Hätte er nur diese letzte Zeit vor
Abschluß der Rechnung nicht durch solche Handlungen entehrt, wie
die des gebrochenen Wortes und der Verletzung des Gastrechtes an dem
Bruder Bajasids +II.+: dem unglücklichen Prinzen ~Dschem~,
oder träfe wenigstens diese Schuld so wie das ganze Gewicht der
letzten Seufzer des zuletzt in Italien durch Gift getödteten Prinzen
nicht gerade jenen Großmeister d'Aubüsson, welcher als Kämpfer für
die Mauern der Stadt bei der Belagerung des Jahres 1480 so große
Errettung erfahren[151]. Doch über Rhodus kamen bald die Zeiten noch
schwererer Kämpfe, zugleich aber auch der besseren Thaten als die
zuletzt erwähnten es waren, als im Jahr 1522 die letzte Stunde der
Herrschaft der Ritter auf dieser Insel schlug. Damals war Großmeister
des Ordens der greise ~Villiers de l'Isle Adams~; als Führer eines
Heeres von 100,000 Mann, das sich zu Lande der gegenüberliegenden Küste
nahte, war ~Suleiman der Große~ selber zum Kampf herbei gezogen,
während sich zugleich die türkische, mit andren Heerhaufen bemannte
Flotte, dreihundert Segel stark der Insel nahete. Zwei Festtage
waren es, die den christlichen Bewohnern der Insel sonst die Tage
der größesten Freude und Verherrlichung gewesen, welche diesmal zu
Tagen des größesten Jammers und Elendes wurden: der Tag Johannis des
Täufers, des Schutzpatrons des Ordens der Johanniterritter und der Tag
des heiligen Weihnachtsfestes; denn am 24ten Juny hatte der Schwarm
der Feinde zuerst gelandet und seine verheerende Wuth an der Umgegend
von Favez ausgelassen; am 25ten December ward das moslimitische Gebet
von dem Thurm der St. Johanniskirche ausgerufen und von den Zinnen
des eroberten St. Niklasthurmes ertönte die türkische Musik. Die
Ereignisse jener sechs Monate, welche zwischen den beiden Festtagen
innen lagen, werfen gleich einer Gluthsäule, die bei Nacht von einer
verbrennenden Stadt aufsteigt, einen blutrothen Schimmer auf die Bücher
der Geschichte der vor Alters so »seelig« (in ihrem Beinamen Makaria)
gepriesenen Insel. Dort auf dem Hügel St. Cosmas und Damians schlug
Suleiman, als er am 28ten July unter dem Donner von mehr denn hundert
türkischen Canonen gelandet, sein Zelt auf; hier an der Nordseite
der Stadt, bei dem nahe am damals sogenannten Siegerthor gelegenen
Bollwerk der Deutschen, an deren Spitze ~Christoph von Waldner~
aus Pludenz kämpfte, geschahe am 1ten August der erste, wüthende
Angriff der Türken. Wie mächtig die Geschütze des Feindes auf die
Mauern trafen, das bezeugen noch jetzt einige Reste der riesenhaften,
steinernen Kugeln, welche jene schleuderten, denn diese Kugeln maßen 6
bis 10, etliche sogar 11 Spannen im Umfange[152]. Dennoch widerstund
die alte, feste Mauer bis zum Ende des August dem furchtbaren Anlauf
der feindlichen Kräfte; erst am 4ten September öffnete eine Mine, dort
an der Ostseite der Stadt, dem Sturme den Zugang, da wo das Bollwerk
der Engländer war. An dieser Stelle sind die größten Heldenthaten
jener Tage geschehen, denn hier ward dreimal der schon eingedrungene,
übermächtige Feind durch das Schwert der Ritter zurückgeworfen, und
Tausende der Seinigen erschlagen, die Fahnen, welche derselbe schon auf
den Wällen aufgepflanzt hatte, von den christlichen Kämpfern (eine von
dem deutschen Waldner) erobert. Hier war es auch, wo jene heldenmüthige
Griechin, die Geliebte eines Feldobersten, den blutigen Mantel ihres
vom Feind erschlagenen Freundes um sich legend, und sein Schwert
erfassend, sich kämpfend unter die dichtesten Schaaren der Türken warf
und den Heldentod errang, als am 24ten September das ganze Heer der
Feinde von der Nord- und Ost- und Südseite zugleich die hart bedrängte
Stadt bestürmte. Noch trug »die Rose« (Rhodos), die der Räuber brechen
wollte, ihre Stacheln und verwundete die Hand, die nach ihr sich
ausstreckte, so hart, daß fünfzehntausend Türken dem damaligen Kampf
mit den Schwertern und Geschützen der christlichen Helden unterlagen.
Doch so wenig Erfolg auch die oft wiederholten Stürme des Feindes,
durch welche dieser im October und November die Stadt bedrohete, für
den Fortgang seiner Waffen hatten, so mußte dennoch der hohe Sinn der
Vertheidiger zuletzt in das unvermeidliche und unabwendbare Loos der
Unterwerfung sich ergeben. Denn obgleich der Feind bei den Stürmen
und Angriffen der Stadt während der ganzen Zeit der Belagerung 64,000
Mann und gegen 40,000 durch Krankheiten verloren hatte, waren dennoch
seine Streitkräfte jenen der Belagerten noch immer ungeheuer überlegen,
weil diese gleich anfangs nur aus einem Häuflein von 600 Rittern und
5000 Reisigen bestunden, denen freilich die Bewohner der Stadt von
jedem Alter und Geschlecht nach Kräften beistunden. Die Uebergabe, von
welcher noch immer mehrere der Ritter nichts wissen wollten, wurde
zuletzt durch den Mangel an Pulver beschleunigt und am 20ten December
1480 auf die Zusicherung eines freien Abzuges der Belagerten nach zwölf
Tagen festgesetzt; zugleich hatte Suleiman den Bürgern versprochen,
daß sein Heer bis auf die Entfernung einer Meile von der Stadt sich
zurückziehen sollte. Aber dieses Versprechen blieb unerfüllt, denn
schon nach fünf Tagen (am 25ten December), als Ferhad Pascha 15,000
Janitscharen von der persischen Gränze herbeigeführt hatte, welche
allerdings nicht zu jenem Heere der bisherigen Belagerer gehört
hatten, deren Zurückziehen von der Stadt verheißen war, rückten die
Janitscharen, blos mit Stöcken und Bündeln in der Hand heran, erbrachen
das cosquinische Thor und erfüllten alle Gassen und Häuser der Stadt
mit dem Jammer ihrer Gräuelthaten; die Kirchen mit den Ausbrüchen ihrer
feindseligen Wuth. Daß es bei dieser Einnahme von Rhodus nicht ganz zum
Aeußersten kam, daß der alles verheerende und vernichtende Strom seine
Dämme nicht durchriß und über die Stadt und alle ihre Bewohner sich
ausgoß, das hinderte Suleimans Menschlichkeit, die sich auch hierbei
in mehreren denkwürdigen Zügen bezeugte. Denn als am 26ten December
der Großmeister, mit einem Kaftan bekleidet, ihm vorgestellt wurde,
tröstete ihn der Sultan mit der Erinnerung, daß es das öftere Loos der
Hochgestellten sey, von dieser Höhe herabzufallen; besuchte nochmals,
freundlich zusprechend, in Gesellschaft nur eines Sklaven und des
Achmed-Pascha, den Greis, im Speisesaal der Ritter und da am ersten
Tage des Jahres 1523 der Großmeister, vor seiner Abfahrt von der Insel,
noch einmal seinen Besieger begrüßte, sagte Suleiman zu einem seiner
Vertrauten: »mir thut es leid, daß ich diesen Greis von Haus und Hof
vertrieben«[153].
Wir hatten über dem Rückblick in die Vergangenheit der schönen, alten
Stadt, fast die Beachtung ihrer Gegenwart vergessen. Doch diese ist so
eindringend lieblich, daß sie bald das Aufmerken wieder auf sich lenkt;
wie ein schönes Kind, das einem nachsinnenden Alten so lange am Gewand
zieht und anregt, bis er endlich sein Auge zu ihm hinabwendet, stund
der Frühling von Rhodos neben uns auf dem aus der Fülle des neulich
geflossenen Regens wieder belebten, grünenden Hügel und legte, spielend
mit Farben und mannigfachen Gestalten, seine lieblichen Blumen zu
unsern Füßen. Es blühten da die frühen Ranunkeln und Muskari-Hyazinthen
des Südens; von den Schaaren der seit Kurzem angekommenen Wandervögel
des Nordens schienen Manche, des Weiterziehens vergessend, auf den
Hügeln wie an der Küste die Stätte ihres Winteraufenthaltes zu suchen;
das vaterländische Rothkehlchen und die Bachstelze zwitscherten im
Gebüsch und am Felsen.
Quarantänepflichtig wie wir auch waren, führte uns dennoch Herr
Wilkinson in sein Haus und bei seiner Familie ein. Die Gemahlin,
eine schöne Griechin, bewirthete uns mit Kaffee, den wir, an der
entgegengesetzten Seite des Saales sitzend, genoßen, während die
andern nicht in der Quarantäne begriffenen Gäste und Bewohner des
Hauses in der Nähe der Wirthin ihren Sitz nahmen. Von hier gingen wir
in Begleitung des Herrn Giulianich in die +Locanda della Luna+,
deren Inhaber, Pietro Petrowisch, einer der gefälligsten Gastwirthe
die ich auf dieser Reise gefunden, uns sogleich einen kleinen Salon
einräumte, zu welchem man auf einer Treppe hinansteigt. Diese für jeden
Reisenden, der nicht zu hohe Ansprüche macht, sehr empfehlenswerte
Locanda, liegt, eben so wie die Wohnungen der sämmtlichen Consuln
auswärtiger Nationen, in jener Vorstadt, in welcher die meisten
christlichen Ein- und Anwohner von Rhodus sich aufhalten; denn in der
Stadt selber darf, seit der Eroberung derselben durch die Türken, kein
Christ wohnen; nur den Juden ist es verstattet innerhalb der Mauern
ihr Obdach zu haben. Es that uns ganz besonders wohl, einmal wieder an
einem still und feststehenden Tische und zwar aufrecht auf Stühlen zu
sitzen, und wenn auch die Küche unsres Wirthes nicht an sich selber
sehr gut bedient, der Wein vortrefflich gewesen wäre, so würde schon
die von der Seekrankheit sehr geschärfte Eßlust und der herrliche,
frühlingsartige Tag der zu den geöffneten Fenstern hereinblickte, über
diesen Mittagstisch einen ungewöhnlichen Reiz ergossen haben. Auch der
Nachmittag vergieng uns in der Familie des griechischen Herrn Consuls,
bei welchem wir abermals mit Kaffee bewirthet wurden, sehr angenehm.
Der Sohn des Hauses spricht mehrere Sprachen, unter andern auch mit
ziemlicher Geläufigkeit das Deutsche. Sehr erquickt und gestärkt an
Seele und Leib kehrten wir am Abend auf unser Schiff zurück, das nun
schon mit allen Bequemlichkeiten und Genüssen versorgt war, die uns die
Nähe des Landes darbot; selbst wieder mit Milch zum Thee.
Dienstags den 22ten November hatten wir kaum das Land betreten und
unter den Bäumen, jenseits des Galeerenhafens, uns ein wenig ergangen,
als wir erfuhren, daß die Angelegenheit unsres Capitäns wegen baldiger
Aufhebung der Quarantäne so günstig und glücklich beendigt sey, daß wir
schon heute, und nun nicht mehr bloß wir, sondern mit uns zugleich alle
unsre türkischen Reisegefährten derselben entlassen werden sollten.
Wir waren, in Begleitung der Herrn Consuln, zu der Gasse hingegangen,
die an den alten Hafen gränzt, da brachte ein Janitschar des Aga,
begleitet von einem Oberaufseher der Quarantäne, den Befreiungs-
und Erlösungsbrief aus dem Gewahrsam der Sanitätswache. Uns war
diese Gefangenschaft freilich durch die Güte der Herrn Consuln sehr
erleichtert worden, dennoch gewährte es uns eine Art von Festfreude,
als uns jetzt die Freunde, die sich bisher so fern von uns gehalten,
unsre Berührung so sorgfältig vermieden hatten, die Hand reichten, uns
umarmten und zur Beendigung der Quarantäne Glück wünschten. Alsbald
ward das Zeichen hinüber nach dem Schiffe gegeben; die Quarantäneflagge
ward abgenommen; das große Boot füllte sich mit Türken und von der
Stadt aus stießen mehrere türkische Boote ab, um die Ueberfahrt der
Landsleute zu beschleunigen. Ehe eine halbe Stunde vergieng, waren alle
Kaffeehäuser und Hallen am Hafen mit unsern Tabak rauchenden und Kaffee
schlürfenden Hadschi's erfüllt, welche die Ruhe auf dem Schiffe nun mit
der Ruhe am Festlande vertauschten, denn sie saßen hier den größten
Theil des Tages eben so unbeweglich still auf ihren unterschlagenen
Beinen, als sie dieß am Bord gethan hatten.
Wir Andern, fern im Lande des Abends geboren, des Abends, dessen
wachsende Schatten ohne Aufhören an das Nahen der Nacht erinnern
und zur Beschleunigung der Schritte treiben, mochten nichts vom
Stillsitzen wissen, sondern beschloßen sogleich von der empfangenen
Freiheit Gebrauch zu machen und nun erst recht ungehemmt das schöne
Rhodus zu beschauen. Hatten doch ohnehin unsre beiden Begleiterinnen
noch nicht einmal die Ritterstraße und die andren Denkwürdigkeiten der
Stadt gesehen, welche wir gleich am ersten Nachmittag betrachteten.
Wir giengen heute nicht mehr durch die Nebenpforte der St. Elmoburg,
sondern, denn nun war das Alles erlaubt, durch das volkreiche Hauptthor
am Hafen. Wahrscheinlich hier sahe noch ~Thevenot~ im Jahr 1653
den riesenhaften Kopf jenes sogenannten Drachen aufgehängt, welchen
der schon oben genannte provenzalische Ritter ~Deodat de Gozon~
mit tapfrer Hand erlegte. Er beschreibt jenen Kopf, als von platter
Form, größer und dicker als den eines Pferdes, der Rachen war bis an
die Gegend der Ohren geöffnet, mit furchtbar starken Zähnen bewaffnet;
die Augen größer als die eines Rosses, die Nasenlöcher rund; die Haut
von graulich weißer Farbe[154]. Dieses alte, augenfällige Denkzeichen
an die That des Ritters ist nun freilich schon längst, bis auf jede
Spur von dem Thore verschwunden, doch lebt die Erinnerung an »den Kampf
mit dem Drachen« auf schönere Weise im wohlbekannten Liede fort, als
in einer abgebleichten, thierischen Haut, und nun ist es ein andres,
schöneres Thor als das des zinnenreichen Rhodos, es ist Walhallas Thor,
an welchem der deutsche Jüngling, in Schillers Ballade das Bild der
herrlichen Heldenthat erblickt.
Wir zogen jetzt wieder hinauf durch die stille, menschenleere Straße
der Ritter, und betrachteten die vielen, in Stein gehauenen Wappen.
Wenn auch dort, die verödeten Hallen des Pallastes und des Rittersaales
auf schmerzliche Weise von Krieg und Zwietracht der Völker zeugen,
so redet dagegen diese Straße in der stummen Zeichensprache ihrer
Wappen, in denen die Edlen aller christlichen Reiche und Länder Europas
zusammengestellt erscheinen, von einer Eintracht und einem Frieden,
welchen der Glaube und die Kraft des Geistes geben, und welche einmal
künftig, wenn der Keim der im Senfkörnlein lag, nach seinem ganzen Maaß
sich entfaltet hat, nicht über eine, sondern über viele Inseln und
Länder und Meere ihren Schatten breiten werden.
Bei der vormaligen Allerheiligen Kirche und jetzigen Moschee schrie
mich ein kleines, muthiges Türkenknäblein zornig blickend und
schimpfend an, zog zugleich seinen hölzernen Säbel drohend, als wollte
es auf mich einhauen; ich streichelte ihm lächlend seine rothen Backen
und es steckte, wie erschrocken, die kleine, harmlose Waffe in ihre
Scheide. Desto unversöhnlicher schien der Grimm zu seyn, mit welchem
uns ein Imam, aus der verschlossenen Thüre hervortretend, anblickte,
als einer unsrer Begleiter, ohne seinen Willen, an den metallenen
Zierrathen des Thürschlosses ein etwas lautes Geräusch verursacht
hatte. Zwar, als er die begleitenden Consuln und Janitscharen sahe,
sprach er seinen fanatischen Unmuth nur in halblauten Scheltworten aus,
seine Augen und Mienen ließen aber gar wohl errathen, wie gern er zum
Worte die Thaten des Zornes gesellt hätte. Friedlicher dagegen gieng
heute der Handel und Verkehr im großen Bazar von statten. Wir durften
nun selber an die Buden und ins Innre der Kaufmannsläden hineintreten;
die Waaren mit der Hand berühren und auswählen. Als Unterhändler und
Dolmetscher drang sich uns hierbei ein in rothen Kaftan gekleideter
Jude auf, der auch für Herrn Giulianich die auswärtigen Geschäfte des
Hauses besorgt und dieser Freund Rothmantel begleitete uns von heute
an, wo wir der Quarantäne entlassen bald da bald dorthin zogen, auf
jedem unsrer Schritte, mischte sich in alle unsre Händel und Geschäfte.
Doctor Roth fand in einem der Kaufmannsläden zu seiner großen Freude
mehrere Waaren aus seiner Geburtsstadt Nürnberg, mit den Namenszeichen
der Verfertiger und Fabriken versehen: der Merkwürdigkeit wegen
wurden einige dieser weit gewanderten Sachen gekauft. Auch etliche
unsrer türkischen Hadschi's hatte die Eßlust von ihren Ruhesitzen in
den Hallen und Kaffeehäusern am Hafen hinweg, hieher nach dem Bazar
gezogen, wo sie reichlich mit frischem Brod und Zwiebeln sich versahen.
Erst heute lernten wir die noch immer ansehnliche Stadt recht
kennen. In einer der Hauptstraßen sahen wir außer dem vormaligen,
erzbischöflichen Pallast noch viele, nun in Schmuz und Verödung
liegende, ansehnliche Gebäude; hie und da ein alterthümlich
prachtvolles Gesimse, von Tauben bewohnt; Marmortafeln, mit Spuren
der ehemaligen, halberhabenen Zierrathen, zur Thürschwelle gebraucht.
Dennoch aber, ohngeachtet dieser kleinen, einzelnen Züge der allmälig
vorschreitenden Auflösung, erscheint das ritterliche Rhodus wie ein auf
der Todtenbahre liegender Held, der in der Blüthe seiner Jahre, ohne
vorangegangene Krankheit plötzlich den Tod des Schlachtfeldes starb und
dessen Leichnam noch unentstellt den Ausdruck der männlichen Stärke
und Schönheit sich erhielt. Einen besonders imposanten Eindruck aufs
Auge macht der Anblick der hohen Mauern und Gräben der Stadt von der
Westseite derselben, und zugleich ist auch hier die Aussicht nach den
benachbarten Anhöhen von St. Stephan und hinabwärts nach der Küste
ungemein reich und ergötzlich. Dort, in einer der Felsenhöhlen soll der
»Drache« seinen Aufenthalt gehabt haben; an dem Thore der Landseite,
zu welchem wir da herauskamen, war auch, nach Thevenots Bericht,
zuerst der Kopf des Ungeheuers aufgehängt gewesen, ehe die Türken ihn
zu dem Thor am Hafen hinbrachten. Aber durch eben dieses Thor, das
den Sieg der ritterlichen Tapferkeit bezeugte, drang dann später ein
furchtbareres Ungeheuer hinein in die Stadt, als jenes gewesen, das der
edle Provenzale erschlug; hier zog zuerst das wüthende Heer der Türken
ein, und verwandelte den Wohnsitz der Ritter selber in eine Höhle des
Lindwurms.
Ganz besonders schön und reich bewachsen zeigt sich die Umgegend
der Stadt nach der nördlichen Seite hin. Hier erhebt sich der Hügel
»~Sünbülli~« das heißt der hyazinthenreiche, beschattet von hohen
Zypressen, deren röthliches, duftendes Holz mit unter dem Namen des
Rhodusholzes begriffen und geachtet ist. Vormals stund da im Schirm
der hohen Bäume eine Kirche der Christen »Liebeinsam« genannt, in
welcher ein Gnadenbild verehrt ward. In den letzt verflossenen
Zeiten bewohnte hier der englische Seeheld ~Sir Sidney Smith~ ein
Landhaus, welches, wenn auch nicht durch die Pracht seiner Bauart
oder Bequemlichkeit der Einrichtung, doch durch den Liebreiz seiner
Umgebung mit den hochgepriesensten Landhäusern der Erde wetteifern
konnte. -- Der jüngere Herr Giulianich erzählte uns von einer Pflanze,
welche hier und an vielen andern Stellen der Insel wachsen soll und
welcher die Eingebornen ganz besondre Heilkräfte gegen die Folgen des
Schlangenbisses zuschreiben. Jetzt im November konnte unser Freund
weder das längst verblühte Gewächs auffinden, noch bekamen wir eine
jener Schlangen zu sehen, die sich im Sommer noch immer in Menge
auf dieser Insel zeigen sollen, welche eben deshalb schon bei den
Alten den Beinamen der schlangenreichen (Ophiussa) erhielt, ja deren
Namen Rhodus eben so im Phönizischen die Bedeutung der Schlange,
denn im Griechischen der Rose hat. Uebrigens fanden wir an diesem
Tage als einen freilich nur sehr kleinen Bruchtheil der in andren
Jahreszeiten so überreichen Flora von Rhodus noch oder von neuem
blühend den ächten Jasmin (+Jasminum officinale+), das jonische
Cyclamen (+Cyclamen Coum+); in einem Garten das wohlriechende Veilchen
(auf türkisch Menekschieh), die buchtig blättrige Statice (+Statice
sinuata+), die italienische Anchuse (+Anchusa italica+). Mit der
römischen Hyazinthe (+Hyacinthus romanus+) zugleich blühete die
lieblich duftende Tazette (+Narcissus Tacetta+); mit einem unserem
vaterländischen wurzelknolligen (+Ranunculus bulbosus+) wenigstens
sehr nahe verwandten auch der röthlich blüthige carische Ranunkel
(+Ranunculus asiaticus+) und die balearische Waldrebe (+Clematis
balearica+). Von den zahlreichen aromatischen Gewächsen der 14ten
Linnéischen Klasse, deren Blätter und Stengel an vielen Stellen
gesehen wurden, fanden wir nur noch blühend die kopfständige Saturei
(+Satureja capitata+, auf türkisch Jaban Zibarik) und in Gärten das
Basilienkraut so wie den Majoran (+Ocymum basilicum+ und +Origanum
officinale+); aus einer andern Familie jener Klasse das Löwenmaul
(+Antirrhinum cymbalaria+). Von mehreren hiesigen Levcojen-Arten
blühete noch der +Cheiranthus tricuspidatus+, von Bohnenarten der
+Phaseolus Caracalla+, von zusammengesetzt blüthigen die +Centaurea
moschata+, die +Artemisia crithmifolia+ und das +Gnaphalium stoechas+.
Von der kleinen Thierwelt, die sonst an diesen Gewächsen oder in ihrem
Schatten lebt, fanden wir außer mehreren noch unbestimmten Arten der
Schnecken den zierlichen braunstreifigen +Bulimus fasciatus+ so wie den
+Bulimus decollatus+, +Helix pellita+ und +carascalensis+; von Käfern
fast nur den +Ateuchus variolosus+. Wenn aber auch in diesem Gebiet
für den Naturfreund und Sammler nur wenig zu forschen und zu gewinnen
war, so gab für ihn gerade diese Jahreszeit der Insel ein besondres
Interesse jene Menge der wandernden Vögel, die nun alltäglich aus
Norden ankam. Freilich findet unter diesen gerade der Nordländer wenig
oder keine neue Bekannten; die Schnepfen, welche in den letzten Tagen
des Novembers und Anfang Decembers Rhodus so häufig besuchen, daß dann
jeder Hauswirth seinen Tisch oft und reichlich damit versorgen kann,
haben mehr für den Jagdliebhaber als für den Naturforscher Interesse;
dennoch freut sich dieser der Gelegenheit, die Zeiten und die Richtung
jener Wanderungen zu beachten, deren Geschichte zu den höheren,
bedeutungsvolleren Geheimlehren der Natur gehören. Ueberdieß bleibt
dem Vorüberwandernden auch in solcher Zeit des Jahres der Reichthum
der Meeresküste: jene Mannichfaltigkeit der Geschiebe der Felsarten,
die selbst für das unkundige Auge der Türken durch ihre Buntfarbigkeit
etwas so Anziehendes hat, daß man die Steine von Rhodus bis nach Smyrna
und Constantinopel führt um sie in Häusern, Höfen und Gärten der Harems
zur Fertigung eines farbigen Mosaikgrundes zu benutzen. Die rothe
Farbe der Steine kommt von Jaspis wie von Feldspath; neben der rothen
erscheint die grüne Farbe des Serpentins und der grünsteinartigen
Geschiebe, in jenen nicht selten der bronzefarbige Schillerstein,
anderwärts zeigt sich das silberfarbige Weiß des Glimmers, das
Rabenschwarz der Hornblende. Im Ganzen wird, auf eine beachtenswerthe
Weise zwischen den Geschieben, die wir hier an der Küste von Rhodos
und jenen, die wir etwas später an einigen Stellen des ägyptischen
Ufers, noch mehr aber an der Küste von Cypern fanden, eine sehr große
Aehnlichkeit und innre Uebereinstimmung bemerkt.
Wir brachten einen sehr vergnügten Mittag im Hause und an dem
gastlichen Familientische des Herrn Giulianich zu. Hier waren wir
ja ganz unter Landsleuten, denn Herr Giulianich selber stammt aus
Triest, seine Gemahlin aus Gräz in Steiermark; unter den Kindern
spricht vornämlich der Sohn sehr fertig deutsch. Heute so wie schon
am gestrigen Tage ward in Ueberlegung gezogen, ob wir auch für die
weitere Reise nach Alexandria in unsrem voll Türken gepfropften Schiffe
bleiben, oder mit einem andren fahren sollten, dessen Hauptladung
Holz war, mit welchem aber zugleich auch ein hiesiger Arzt und seine
Familie die Reise machen wollte. Die Wagschale der Ueberlegung neigte
sich dennoch zu Gunsten unsres Türkenschiffes, denn dieses war uns mit
all seinen Vorzügen und Mängeln bekannt und war überdieß sogleich,
sobald der Wind sich günstig machte, zur Abfahrt bereit; das andre
hätte uns durch sein längeres Verzögern gar leicht der Gefahr jener
größeren Stürme und widrigen Winde aussetzen können, welche im Winter
nicht selten die Schiffe Wochen, ja Monate lang in Rhodos und seiner
Umgegend zurückhalten. Am Nachmittag besahen wir noch die Kirche der
Franziskaner, in welcher ein Madonnenbild auf Marmor gemalt gezeigt
wird, das ein Werk des letzten Großmeisters der Rhodiser Ritter: des
Villiers de l'Isle Adam ist, welcher, wie der Augenschein lehrt, es
nicht verschmähte, auch mit dem Pinsel den kindlich frommen Sinn zu
bezeugen, der sich in derselben Hand so oft durch das Schwert als ein
männlich starker kund gab.
Wir kehrten fröhlich nach dem Hafen und nach unsrem Schiffe zurück.
Die Gebirge der gegenübergelegenen Küste hatten sich mit dichten
Wolken umhüllt, der Horizont in Westen war getrübt, in den Wipfeln der
Zypressen und Platanen rauschte ein starker Wind; das Innre aber der
Pilgrime und Fremdlinge, da sie jetzt wieder hinabstiegen zur kleinen
bretternen Kammer, war durch nichts getrübt und durch keine Stürme
bewegt. Einige Stunden lang mochte der ruhige Schlaf in dem freilich
schon heftig schwankenden Schiffe gedauert haben, da weckte uns das
laute Heulen des Sturmes, das Rauschen und Anschlagen der Wellen an
das Fahrzeug, das Tosen der Brandung am Felsen. Der äußere Hafen von
Rhodus gewährt freilich den hier vor Anker liegenden Schiffen Rettung
und Sicherheit vor dem Untergang, das heftige Schwanken derselben aber
durch die Gewalt der Stürme kann er mit seiner meist niederen Umgebung
nicht verhindern. Wir stunden schon beim Grauen des Morgens auf dem
Verdeck, um bald möglichst ans Land zu gehen. Das große Boot ward
zur Ueberfahrt bereitet, aber die Wellen warfen es bald hoch hinauf
in die Nähe des Schiffsbordes, bald glitt es wieder hinab in die neu
sich öffnende Tiefe, näherte sich jetzt dem Schiffe so weit, daß nur
mit Mühe das Zusammenstoßen vermieden werden konnte und fuhr dann
weit von ihm hinweg. So schwer war den beiden Reisegefährtinnen das
Aussteigen aus unsrem Haus der Gewässer noch nie geworden und dennoch
begehrten sie so sehnlich aus dem unter ihren Füßen schwankenden in ein
still und fest stehendes Haus zu kommen. Als ein besonders günstiger
Umstand erschien es uns, daß der Sturm nicht gestern, sondern erst
heute kam, denn gestern, wo wir der Sanitätsobhut noch nicht entlassen
waren, hätten wir, wenn dies anders bei solchem Sturme möglich, den
weiten Umweg um den St. Niklasthurm hinum nach dem Quarantänebezirk
nehmen müssen; heute durften wir gerade über den Hafen hinüber nach
dem nahen Damm unmittelbar beim Stadtthor fahren. So nahe aber auch
dieser Weg der Ueberfahrt war, reichte er dennoch hin, um uns sattsam
in das Spritzbad des Meeresschaumes einzutauchen, denn die Wogen
zerstäubten sich dort am Felsen weit hin vom Boote und der Sturm warf
den flüssigen Staub wie Regengüsse über uns her; wir kamen gründlich
durchnäßt am Lande an. Das angenehme Gefühl jedoch, dem wir uns hier,
auf sicherem Boden stehend überließen, während wir unser gutes Schiff
drüben im Wasser so taumeln und schwanken sahen, das läßt sich für
Einen, der es noch nicht selbst erfahren, kaum beschreiben. Dazu kam
noch, am einsamen Felsenufer bei und jenseits der St. Elmoburg der
wahrhaft erhebende Hinausblick auf das vom Sturm bewegte Meer; ein
Schauspiel der Elemente, das ich bis dahin in solcher Großartigkeit
noch nie gesehen hatte. Der Himmel war fast ganz mit schweren dichten
Wetterwolken bedeckt, nur aus Osten fuhr, wie ein drohend gezucktes
Schwert ein Streifen des dunkelroth glühenden Morgenrothes empor,
der bald wieder verschwand; ein oder etliche Male blickte die
Sonne, blickte Apollo der Hirt, mit gelblich falbem Scheine auf die
Wogen herunter, welche wie eine Heerde, die von Furcht und Entsetzen
ergriffen nicht mehr auf die Stimme des Hirtens achtet, in wilder Eile
dahin fuhren; die Blätter der hohen Platanen wurden vom Sturme weithin
über Land und Meer gestreut. Die Stimme der Schrecken, welche die Natur
in solchen Augenblicken vernehmen lässet, tönet zwar lauter als die
ihrer Lieblichkeiten, es wird aber in jenen wie in diesen dasselbe
harmonisch lautende Lied der Schöpfung vernommen.
Die Gewitterwolken zogen sich immer dichter und drohender zusammen,
wir wußten aus mehrmaliger Erfahrung, mit welcher überströmenden Kraft
sie in dieser Gegend und in dieser Jahreszeit sich entladen, daher
eilten wir an der Grabstätte des türkischen Marabus vorüber nach unsrer
+Locanda della Luna+, wo uns bald das kleine, abgesondert stehende
Häuslein, das sich über die Mauer des Hofes erhebt und welches mich
oft durch seine Bauart an die Nachthütte im Kürbisgarten erinnerte,
unter sein Dach aufnahm. Fenster gab es da nicht, sondern bloß hölzerne
Läden, welche heute, beim herannahenden Gewitter verschlossen bleiben
mußten, das nöthige Licht fiel durch die geöffnete Thüre herein
und beleuchtete da die einfache Geräthschaft des Häusleins: einen
alten, hölzernen Tisch, zwei hölzerne Bänke und einen Stuhl. Wir
hatten hinlängliches Licht, um uns einmal am lieben, festen Lande auf
Pilgrimsweise durch Wort und Schrift zu erquicken, unter andern lasen
wir heute ein tröstliches Wort von Einem, der uns leitet nach Seinem
Rath, und hatten auch ein Gefühl von jener Freude, deren Die genießen,
welche zu Ihm sich halten (Ps. 72. V. 24, 28.). Und dieses Gefühl,
mit seiner stärkenden Kraft, kam uns heute gerade zur rechten Zeit,
denn bald nach unsrem Einzug unter das stille Dach der »Nachthütte«
brach nicht nur das Ungewitter mit furchtbaren Donnerschlägen und
Blitzen und mit Hagelschauer aus, sondern, da das Gewitter ein wenig
stiller geworden, kam der Sohn unsres wohlwollenden Herrn Consuls
Giulianich, der uns die Nachricht brachte, daß im Quarantänehaus zu
Alexandria die Pest ausgebrochen sey. So hatten sich zwei Sorgen
statt einer, und beide waren, wie sich nachher zeigte, vergebliche,
in unsre Gesellschaft eingedrängt: die eine, ob uns nicht vielleicht
die jetzt mit Macht einbrechenden Winterstürme Wochen, ja Monate lang
auf Rhodus zurückhalten und hierdurch unsern Reiseplan sehr verändern
und verkürzen würden, die andre, daß wir abermals, auch wenn wir
nach Alexandria gelangten, als Hausgenossen einziehen müßten bei der
»Pestilenz die im Finstern schleichet, bei der Seuche die im Mittage
verderbet.« Das dumpfe Toben des Meeres, welches das Liedlein der
ersteren Sorge sang, hörte man, bis herein in unsre kleine Hütte,
dazwischen aber vernahm die Seele auch ein andres Lied in höherem Tone,
dessen Anfang lautete: »gieb dich zufrieden und sey stille.«
Gegen Mittag hatte der Regen aufgehört, die lauten Donner schwiegen,
nur die furchtsamen Lämmer und wilden Stiere des Meeres, die
Wasserwogen, konnten noch nicht von dem Entsetzen sich los machen,
das sie ergriffen, obgleich, wenn sie vor Furcht auch noch so hoch
sprangen, nur hier eine Tiefe und dort eine andre Tiefe sich aufthat.
Hassan, unser türkischer Freund aus Smyrna besuchte uns, und auch
heute, wo wir mit ihm allein waren, vernahmen wir Aeußerungen von ihm,
welche uns schließen ließen, daß in dem geistigen Reiche der Osmanen
zwar noch die Wogen, jetzt einmal in Bewegung gesetzt, laut, gegen den
Felsen brausen, der fest stehet, daß aber die Wetterwolken, aus denen
der aufregende und bewegende Sturm kam, bereits anfiengen sich zu
zertheilen und zu verziehen. Hassan äußerte auf seine Weise mehrmalen
gegen uns, als Hoffnung seines Herzens, daß vielleicht schon in wenig
Jahrzehenden die Moslimen in Sinn und Sitte den Franken (Christen)
gar ähnlich und sehr nahe befreundet seyn würden; der Großherr selber
mache zu der Annäherung einen guten Anfang. Namentlich schien ihm auch
der Anblick unsrer christlichen Familienverhältnisse und das Benehmen
unsrer Reisegefährtinnen das Vorurteil der Türken (wenn es anders
wirklich noch in ihm war) benommen zu haben, daß in den Frauen keine
solche, zum Wirken kräftige, verständige Seele sey, wie in den Männern.
Hassan war heute unser Gast und nach einiger Zeit fand sich auch unser
guter Capitän Angeli bei uns ein, den der sorgsame, wohlwollende Herr
Giulianich hieher beschieden hatte, um ihn, in unsrer Gegenwart, das
Versprechen abzunehmen, daß wir im Hafen zu Alexandria auf seinem
Schiffe, nicht in dem jetzt verpesteten Siechhause die Quarantäne
halten dürften.
Rhodus war, nach der Sage des Alterthums, dem Sonnengott als einer
seiner Lieblingssitze geheiligt, denn dort auf dem hohen Atabyriosberge
sahe Phoebus die lieblich blühende »Rhodos,« die Tochter der Aphrodite
und wählte sich die Jungfrau zur Braut und Gemalin[155]. Darum vergehet
schon nach dem Ausspruch der Alten kaum ein Tag, an welchem nicht,
wenn auch Wolken ihn verhüllten, die Sonne, aus dem Gewölk hervor,
ihr Lieblingseiland wenigstens auf eine Stunde beleuchtete[156], der
Himmel ist über diesem Gefilde der Rosen (und Schlangen) von einer
so vorherrschenden Neigung zur Heiterkeit und zum Lachen, wie die
Laune des ~Aristophanes~, welcher dieser Insel entstammt war.
Auch die jetzigen Bewohner sagen, daß ein Tag, an welchem die Sonne
nicht wenigstens eine oder etliche Stunden schiene, zu den großen
Seltenheiten auf ihrer Insel gehöre. Eine dieser Seltenheiten glaubten
wir heute erlebt zu haben, denn ein so geschwärzter Himmel, wie der
des heutigen Vormittags war, schien so bald keine Aufheiterung zu
versprechen. Und dennoch war der ganze Nachmittag so schön und heiter,
die Sonne schien wieder so lieblich warm, wie in unsrem Vaterlande
etwa an einem der letzten Tage des Aprils. Diese günstige Stimmung des
Himmels zog uns bald wieder hinaus auf die Höhe des Hügels und ans
Meer. Hatten doch selbst unsre Hadschi's den Ruhesitz der Kaffeehäuser
verlassen und waren in Schaaren her zu der Grabstätte und Moschee
ihres Heiligen gezogen, dem dieses Volk auch nach seinem Tode, wie
vormals das heidnische Alterthum den auf Rhodos wohnenden Telchinen,
eine magische Gewalt und Macht über Wind und Wetter zuschreibt,
deren Verwendung zu Gunsten unsrer Schifffahrt, diese türkischen
Reisegefährten durch Gebet und reichliche Gaben zu gewinnen suchten.
Obgleich der eigentliche Sturm sich ganz gelegt hatte, war dennoch
das Meer, selbst innerhalb des Hafens noch so unruhig, unser Schiff
schwankte so gewaltig, daß wir uns entschlossen, heute dem Beispiel
jener türkischen Hadschi's zu folgen und am Lande zu übernachten.
Unsre jungen Reisegefährten fanden gastliche Aufnahme im Kloster
der Franziskaner, wir, sammt unsrer Gefährtin, bei einem Freunde
des Herrn Giulianich, und die Ruhe in einem unbewegt feststehenden,
bequem eingerichteten Bette erschien uns so neu und unvergleichlich
wohlthuend, daß wir ruhig schliefen bis an den hellen Morgen.
Als wir am Donnerstag, den 24ten November, die Läden öffneten und
bald nachher auch hinaustraten ins Freie, da zeigten sich uns die
Hochgebirge der benachbarten kleinasiatischen Küste am Cap Balbi
(Phönix) und an der Bucht von Marmaris (Loryma) mit dem Leichentuche
des frisch gefallenen Schnees bedeckt. Das aber, was uns auf den
Höhen als Trauergewand erschien, das war und ward für uns ein Anlaß
und Anzeichen der Freude, denn siehe, eine der gestrigen Sorgen war
über Nacht gehoben und vergangen, der Wind war uns endlich wieder
einmal günstig geworden und ließ, durch sein kräftiges Wehen, einige
Ausdauer erwarten. So bestättigt es, auch bei solchen minder bedeutend
scheinenden Ereignissen, selbst die unmündige Natur, daß in ihr, wie
in der Geschichte unsres Geschlechts, eine Mutterliebe walte, welche
gern sich zu dem Schweigen und Erstarren des Todes herablässet, damit
in ihren Kindern die Stimme und Lust des Lobes wie des Dankens erwachen
könne.
Unsre hiesigen landes- und meereskundigen Freunde, vor allen Herr
Giulianich, der in seinen jüngeren Jahren selbst Seekapitän war, hatten
uns gesagt, daß jener günstige Wind, den wir schon seit mehreren
Tagen erwarteten und der nun endlich heute gekommen war, in dieser
Jahreszeit und auf diesem Meere selten länger als drei Tage anhalte.
Wenn man ihn jedoch gleich bei seinem Anheben benutze, dann sey diese
Zeit gerade ausreichend, um mit ihm von Rhodus nach Alexandria zu
seglen; wo nicht, so dürfe man oft lange warten, bis ein eben so
kräftiger, günstiger Wind käme. Wir hatten dieses wohl zu Herzen
gefaßt, und da uns keine Zeit zu verlieren war, suchten wir gleich
am Morgen unsern Schiffskapitän auf, um ihn zur baldigen Abreise zu
bestimmen. Wir fanden ihn, den wohlerfahrnen Mann, schon von selber
unserm Wunsche entgegenkommend, denn er war eben im Begriff gewesen,
uns bis gegen Mittag aufs Schiff zu bescheiden. Aber unsrer und des
Capitäns Entschluß fand diesmal nicht den Beifall der Hadschi's.
Diese, an deren Spitze der Unterkapitän stund, hätten gerne noch ihren
morgenden Wochenfesttag (Freitag) auf dem Lande zugebracht und der
Unterkapitän suchte auch mich mit in das Einverständniß zu ziehen. Wir
aber blieben mit dem Capitän für die Beschleunigung der Abreise, und
die Anwesenheit unsrer fränkischen Freunde legte ein solches Gewicht in
die Wagschaale, daß der Unterkapitän keinen weitern Widerspruch wagte
und auch die Hadschi's sich ruhig in den baldigen Abschied von den
glückseligen Hallen der Kaffeehäuser fügten. Noch einmal kehrten wir
dann zu unsrer Vorstadt zurück, genossen zum letzten Male die Aussicht
bei den Zypressen des Hügels von »Liebeinsam« und da uns von da ein
schnell vorüberziehender Regenguß verscheucht hatte, erquickten wir
uns noch einmal an den Gütern unsrer Locanda. Der Abschied von unseren
hiesigen wohlwollenden Freunden war ein dankbarer und herzlicher;
mehrere von ihnen begleiteten uns zum Hafen, der Freund Rothmantel
sogar aufs Schiff. Bald nach Mittag ward der Anker gelichtet und gegen
2 Uhr, war, mit einiger Anstrengung, weil gerade der heutige, unsrer
Weiterfahrt im Ganzen so günstige Wind das Auslaufen hinderte, der
Ausgang aus dem Hafen gewonnen.
Die Seereise von Rhodus nach Alexandria.
Das Geschrei unsrer Matrosen, ihr lautes »Kyrie eleison,« womit
sie jede anstrengende Bewegung beim Aufwinden der Anker, beim Auf-
und Niederziehen der Segel, beim Fortbugsiren des Schiffes aus dem
Hafen hinaus zu begleiten pflegten, war verstummt, man hörte nur
noch das Rauschen der Wogen, durch welche unser Schiff mit kräftig
aufgeblähten Segeln hindurchschritt. Der Wind war Maëstral Tramontana
(Nord-Nordwest) und wehte so frisch, daß man den Mantel vertragen
konnte; der Himmel war klar und rein, nur am Gipfel des hohen
Atabyrisberges, im Süden der Insel, hiengen einzelne Wolken. Doch
dieser war ja schon den Alten, wie sein Name sagt, als ein Verhüllter
bekannt; auf seinen Höhen stund ein Tempel des umhüllten Zeus des
Gottes der über den Wolken thronet, auf uns aber schien die Sonne
ungetrübt hernieder und das Gewölk der Sorgen hatte sich zerstreut,
obgleich unsre Freunde in Rhodus uns darauf gefaßt gemacht hatten,
daß, bei leicht möglicher Veränderung des Windes wir vielleicht nach
Castelrosso und von da zurück nach Rhodus verschlagen werden könnten.
Wir steuerten mehrere Stunden lang nahe an der Insel hin, deren Berge
und Thäler wie Blätter der Rose, die das Sinnbild des lieblichen
Eilandes war, vor unserm Auge sich ausbreiteten. In besondrer
Schönheit zeigte sich uns die bergumsäumte Bucht und Felsenstätte des
alten Lindos, der Geburtsstadt des Chares und manches andern großen
Meisters in Erz und Stein. Das Werk des Erzes und Steines schien zwar
dauernd und fest genug, wo wäre es aber, verwandelt vielleicht in die
häßliche Schlauchform der Kanonen, oder in die Kochgeschirre der Türken
und Beduinen, geblieben, hätte nicht das Wort, das beschreibende,
welches unvergänglicher ist denn alles Erz und Felsengestein der Erde,
seinen Nachhall erhalten. Denn von allem sichtbaren Werk und Wesen
bleibet zuletzt doch nur das, und geht in die Ewigkeit hinüber, was mit
den ewigen Kräften ~des Wortes~ sich überkleidet.
Der Atabyris warf seinen Schatten weithin über die schöne Landschaft,
wir waren bei dem südlichen Ende der großen Insel; nur noch ein
kleines, niedriges Eiland, mit Bäumen bewachsen, zeigte sich neben uns,
im Westen; die Sonne gieng uns schon im weiten, freien Meere unter.
Das Auge, noch einmal auf die dunkelnden Höhen von Rhodus gerichtet,
nahm Abschied vom Lande und vom Anblick der Berge, der uns, auf unsrer
bisherigen Fahrt von Constantinopel nach Smyrna und von da durch das
inselnreiche, aegeische Meer noch keinen Tag ganz verlassen hatte; denn
auf der großen, breiten Fläche des Gewässers, die sich zwischen Rhodus
und Alexandria ausdehnt, ist nun kein weiterer Punkt des Anhaltens und
der Bergung vor Stürmen; kein Eiland, das dem Schiffer auch nur einen
Trunk des frischen Wassers darbieten könnte.
Der Mond, welcher fast voll war, beleuchtete jetzt die schaumbedeckten
Wogen, deren Andrang hier, auf dem freieren Meere, mächtiger erschien,
als in der Nachbarschaft der Insel; der Wind hatte sich etwas mehr
nach Westen gewendet und legte das Schiff, das ihn noch immer mit
vollen Segeln erfaßte, so stark auf die Seite, daß Mehreren von uns
das Feststehen auf dem Verdeck unbequem ward; wir giengen freiwillig
wieder hinab in das kleine Gefängniß der Kajüte und streckten uns,
um den Anfall der Seekrankheit zu verhüten, aufs Lager der Pritsche.
In der Nacht hatte sich der Wind fast wieder zur Sturmesgewalt
verstärkt, der Himmel mit Wolken bedeckt, die sich von Zeit zu Zeit in
Regenströmen ergossen. Die armen Hadschi's oben auf dem ungeschützten
Verdeck, so wie unten im engen Schiffsraume hatten heute (am Freitag)
ein trübseliges Wochenfest; sie alle waren seekrank und auch mir
schwindelte, so oft ich mich vom Lager erheben wollte, der Kopf so
sehr, daß ich gar bald mich wieder niederlegen mußte. Auch am Sonnabend
hielt das stürmische Wetter an; die Wellen giengen so hoch, daß sie
öfters über das Verdeck schlugen und ihr Gewässer über die Treppe
hinab in die Kajüte ergoßen, der obere Eingang zu dieser wurde deshalb
mit Decken verschloßen und auch das Deckenfenster der Kajüte, um das
Eindringen des Regens zu verhüten, öfters mit Brettern und härenen
Teppichen verhüllt. Hiedurch ward die Luft in dem engen, dunklen
Kämmerlein so drückend und dumpf, dabei durch die Nachbarschaft der
seekranken Hadschi's im Schiffsraume so verpestet, daß der Eckel und
Schwindel im Haupte fast keinen Gedanken, im Herzen keine Freudigkeit
aufkommen ließen. Meine lieben Reisegefährten waren indeß weniger von
der Seekrankheit erfaßt worden denn ich, auch die Hausfrau stieg von
Zeit zu Zeit hinan aufs Verdeck, von wo sie, freilich immer sehr bald,
mit Mienen der Furcht und des Schreckens zurückkehrte, wenn sie hier
und wenn sie dort in die geöffneten Tiefen des Wassers hineinblickte,
oder wenn eine große Woge über den Saum des Schiffes hereinsprang.
Seitdem der Oberkapitän gegen den Wunsch des türkischen Unterkapitäns
und seiner Glaubensgenossen die Abfahrt von Rhodus beschleunigt hatte,
war ein Zwiespalt zwischen beiden entstanden, der sich auch darin
äußerte, daß der Unterkapitän die seit Rhodus eingeschlagene Richtung
der Fahrt beständig tadelte, und behauptete, auf diese Weise würden
wir nicht nach Alexandria, sondern nach einem westlicheren Punkt der
Küste kommen, der, wenn wir bei Nacht anführen, wegen der Sandbänke
gefährlich werden könne. Der Oberkapitän, seiner Sache gewiß, hatte auf
das Geschwätz wenig geachtet, und sein Triumph ward vollkommen, da am
27ten November des Morgens um 9 Uhr auf einmal einer unsrer Matrosen
vom Mastkorbe aus das Land, und zwar das der Umgegend von Alexandria
erkannte und dieses mit lautem Freudengeschrei verkündete. Die Hoffnung
gab jetzt den Gliedern neue Kraft, Alle drängten sich aufs Verdeck und
sahen unverwandten Blickes nach Süden hin und bald erkannten auch wir
Andern ganz niedrig am Horizont die Wipfel der Palmen und den hohen
Scheitel der sogenannten Säule des Pompejus; die Burg des Vizekönigs
und den Wald der Mastbäume der vielen, im innern Hafen liegenden
Schiffe.
Es war heute die dritte Woche seit unsrer Abfahrt aus Smyrna vergangen,
dazu war heute der erste Adventssonntag: ein Tag der Freude für
viele Volker und Länder. Die beschwerliche Seereise, mit all ihren
vergeblichen Sorgen, lag hinter uns und wir mußten jetzt mit freudigem
Dank es erkennen, wie sehr sie uns durch die öfteren Ausruhezeiten am
Lande und durch die Beschleunigung der letzten Fahrt von Rhodus bis
hieher erleichtert worden war. Der frische Wind, gleich als hätte er
nun seine Botschaft vollendet, fieng an uns zu verlassen, wir näherten
uns, mit seinem letzten Hauche, langsam dem Lande und zwischen 1 und
2 Uhr des Nachmittags liefen wir im äußern Hafen von Alexandria ein
und warfen neben vielen Schiffen, auf denen die schwarz und gelbe
Quarantäneflagge wehte, Anker.
Alexandria.
Wir waren nun, wenn auch nicht auf dem Boden, doch auf dem Gewässer
von Aegypten; nahe bei uns die Stätte der hohen Obelisken (Nadeln
der Cleopatra) und an vielen Stellen der Küste die dichtgedrängten
Waldungen der Palmen; vor uns die ansehnlichen Gebäude der
neuen Straße, bei denen, auf hohen Mastbäumen, die Zeichen der
verschiedensten Nationen des Westens wehen, deren General-Consuln
hier wohnen; weiterhin die Moscheen, so wie die Palläste und Gärten
der Großen. Ueber uns schwirrten und zwitscherten die Schwalben und
verkündeten uns, daß wir nun im Lande des beständigen Grünens und
Blühens, im Lande des anhaltenden Sommers seyen. Wir stunden an dem
Anfang jenes Weges der großen Thaten der Geschichte, welcher ein
Hauptweg auch unsrer Reise werden sollte; stunden vor dem Thore der
alten Heimathstätte einer Weisheit der Tempel, deren Licht weithin
über die Zeiten und Völker leuchtete. Ehe sich uns aber dieses Thor
selber aufthat, ehe wir unsern Fuß auf jenen Weg der bedeutungsvollen
Weiterreise setzen durften, da sollte noch mancher Tag vergehen;
denn gleich einem tiefen, von Wasser gefüllten, durch Pallisaden
verwahrten Graben, den das Auge von weitem nicht bemerkte, der aber
desto größeren Schrecken bei der Annäherung erregt, lag zwischen uns
und dem freien Austritt ans Land die langweilige Absperrung einer vier
und zwanzigtägigen Quarantäne. Diese wäre allerdings vermieden worden,
wenn wir den Weg von einem der europäischen Häfen unmittelbar hieher
genommen hätten; jetzt aber, da wir noch dazu in Gesellschaft dieser
großen, verdächtigen Schaar der Türken aus Gegenden gekommen waren, in
denen die Pest herrschte, konnten wir den Stricken der Sanitätsobhut
nicht entgehen.
Wir hatten gleich in den ersten Stunden nach unsrer Ankunft im Hafen
unsre Empfehlungsbriefe abgegeben und schon am darauf folgenden Tage
erfreuten uns die Herren, an welche jene Briefe lauteten, mit ihrem
tröstlichen, angenehmen Besuche bei dem Schiffe[157]. So machte ich
schon an diesem Tage die später für mich so wichtigen und genußreichen
Bekanntschaften der Herrn General-Consuln von Oesterreich, Rußland,
Preußen, Dänemark und Amerika; des Herrn Regierungsrath Ritters ~v.
Laurin~, des Herrn Obersten ~Duhamel~, der Herrn v. ~Dumreicher~,
~Roquerbe~ und ~Gliddon~, und später am Nachmittag die des Herrn
Bergwerksdirectors ~Russegger~, dessen bedeutungsvolle Forschungen
mit Recht in ganz Europa Teilnahme erregt haben. Am meisten und
unmittelbarsten nahm sich unsrer und aller unsrer Angelegenheiten unser
wohlwollender, gütiger Landsmann, der k. dänische Herr Generalconsul
~v. Dumreicher~ an, der aus Bayern (Kempten) gebürtig, die Liebe zu
seinem Vaterlande an uns bei jeder Gelegenheit bewieß. Durch ihn, so
wie durch seinen jungen Freund und Landsmann, Herrn ~Pfäffinger~, wurde
uns die Gefangenschaft der Quarantäne sehr erleichtert, denn außer dem
Verlangen nach Freiheit wurde uns jedes andre aufs Zuvorkommendste
erfüllt.
Die schon früher vernommene Nachricht von dem Ausbruch der Pest in
den Gebäuden des Quarantänehauses bestättigte sich hier im vollen
Maße; unser Entschluß im Schiffe zu bleiben, wurde dadurch von neuem
bestärkt. Ein Hauptanliegen mußte es jetzt für uns seyn, daß die
Hadschi's bald möglichst ausgeschifft würden. Denn erst wenn dieses
geschehen und die andre der ansteckenden Kraft verdächtige Waare, die
unser Capitän an Bord führte, ausgeladen war, konnten wir aus dem
äußern (sogenannten neuem) in den innern (alten) Hafen einlaufen und
den eigentlichen Anfang der Quarantäne machen; alle die Tage, die wir
im neuen Hafen verweilten, zählten hierbei nicht mit, sondern waren
wie verloren. Aber der Erfüllung unsres Wunsches, der auch zugleich
der Wunsch der türkischen Hadschi's war, die sich selber aus dem
engen Schiff hinaus ans Land sehnten, stund entgegen, daß alle Räume
des Quarantänehauses bereits besetzt waren. Endlich, am Dienstag,
sollte die Ausschiffung geschehen. Unsre Türken hatten den Augenblick
kaum erwarten können; schon am frühen Morgen setzten sie sich, mit
all' ihren Geräthschaften in die beiden großen, zu ihrem Transport
bestimmten Böte. Zu dieser Eile mochte wohl auch die Mishelligkeit
beigetragen haben, in welche die Hadschi's seit gestern mit dem
Capitän gerathen waren, weil sie für das Wasser, das er hier im äußern
Hafen doch selber kaufen mußte, und das sie bei ihren Waschungen so
übermäßig verschwendeten, nichts bezahlen wollten, sondern dasselbe
noch immer umsonst, wie bisher auf der Ueberfahrt verlangten. Die guten
Leute mußten indeß auch diesmal erfahren, daß zum Eilen das Schnellseyn
nicht immer helfe, denn bei dem Ausräumen des Quarantänehauses hatten
sich Schwierigkeiten ergeben; nachdem die Türken den ganzen Tag, der
Sonnenhitze ausgesetzt und eng zusammengepreßt in ihren schwankenden
Böten, gesessen waren, unvermögend ihren Pilau zu kochen, mithin auch
meist ohne zu essen, ohne Kaffee zu trinken, ja selbst ohne Tabak
zu rauchen, mußten sie am Abend wieder hinaufsteigen ins Schiff.
Dieses alles geschahe mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Ruhe; mit
derselben Gleichmüthigkeit, mit welcher sie am Tage fast regungslos
zusammengepreßt gesessen, rauchten sie jetzt am Bord des Schiffes
ihre Pfeife und bereiteten sich den zwiebeldurchwürzten Reis oder
Kaffee. Erst am Mittwoch wurde es Ernst mit dem Ausladen der Türken,
deren etliche, an ihrer Spitze der streitsüchtige Mohr, zuletzt noch
widerwärtige Streitigkeiten mit dem Capitän wegen der Bezahlung der
Ueberfahrt hatten. Das Schiff war nun auf einmal für uns ein sehr
geräumiger, bequemer Wohnsitz geworden, denn alle Hadschi's waren
heraus; von den Türken blieben überhaupt nur noch der gute Kaufmann
Hassan und der Unterkapitän so wie der Halbtürke Inglese; der ganze
Raum des Verdeckes war jetzt, abgesehen von dem Schiffsvolk, für uns
und die Griechin mit ihren drei Kindern, einen jungen Griechen und die
beiden deutschen Handwerkspurschen, denen ich die Erlaubniß ausgewirkt
hatte, im Schiff zu bleiben. Wir hatten an diesem Tage außer dem
Gefühl der Befreiung von einer Reisegesellschaft, die uns leicht,
wenn Krankheiten unter ihr ausgebrochen wären, sehr gefährlich hätte
werden können, noch einen andern großen Genuß gehabt: ein mehrstündiges
Verweilen auf dem festen Boden des Landes, in dem freilich eng
begränzten Bezirk des Quarantäne-Mauthhofes. Als wir, reichlich
versehen mit Vorräthen der eben reifenden Datteln und mancher andern
Güter des Landes zum Schiff zurückkamen, fanden wir dieses gereinigt
und gesäubert, so gut dieß nur durch die Hände der Matrosen geschehen
kann; auch das Ausladen der »suspekten« Waaren des untren Schiffsraumes,
zu denen man erst jetzt, da die Hadschi's fort waren, gelangen konnte,
hatte schon begonnen und am Donnerstag den 1ten December war Alles so
weit im Reinen, daß wir nun endlich den äußern Hafen verlassen und in
den innern (alten) einlaufen durften. Hier hatten wir freilich einen
ungleich sichrerern und angenehmern Bergungsort gefunden als der äußre
Hafen ihn darbot. Denn außerdem daß hier unser Schiff viel geschützter
vor dem Angriff der Stürme lag, denen es dort, besonders wenn sie
aus Nordost weheten, nicht viel weniger als auf dem offnen Meere
ausgesetzt lag, genossen wir auch da den unmittelbaren, nahen Anblick
der schönen Flotte des Viceköniges und der vielen vor Anker liegenden
europäischen Schiffe; hatten ganz nahe bei uns auf dem Lande ein bequem
eingerichtetes Sprachgitter, an welchem wir öfter mit freundlichen
Landsleuten zusammentrafen, konnten vom Verdeck aus die Arbeiten der
Schiffswerfte betrachten, das Auge an dem Grün der vielen Palmengärten
und dem Beschauen der Pompejussäule erquicken.
Die Geschichte eines Quarantäneaufenthaltes hat so viel Einförmiges,
daß sie sich kurz zusammenfassen läßt. Man ließt da, man schreibt
Briefe, man empfängt Besuche, unter andern schon am ersten Tage
den des griechischen Herrn Generalconsuls ~Tosizza~ und jenen eines
freundlichen, gefälligen Landsmannes, des Herrn Flottenarztes +Dr.+
~Koch~; man fährt zum Quarantänesprachgitter oder ergeht sich in
der kühleren Zeit des Tages auf dem Verdeck des Schiffes. Gleich am
zweiten Tage nach unserer Einfahrt in den innern Hafen gewährte uns
eine große Illumination der Kriegsschiffe und mehrerer öffentlicher,
in der Nähe des Hafens stehenden Gebäude, so wie der Minare's der
Stadt, eine große Augenbelustigung. Es hatte heute (Freitag den 2ten
December) bei Sonnenuntergang die Fastenzeit: der Ramadan der Moslimen
begonnen und dieser Abend von hoher moslimitischer Bedeutung, wurde von
Kanonenschüssen angekündigt und dann als ein Fest der Lampen gefeiert.
Nächst der Beleuchtung der Peterskirche in Rom, am Vorabend und am
eigentlichen Festabend von Peter und Paul habe ich noch keine große
Lampenbeleuchtung gesehen, die einen so mächtigen Eindruck auf mein
Auge machte, als die der ägyptischen Kriegsschiffe, deren Licht seine
widerspieglenden, beweglichen Funken weithin über den Wasserspiegel des
Hafens ergoß. Wir hatten heute am Tage eine Wärme unsrer Sommertage
gehabt, die Kühle des Abends that wohl; wir blieben lange, wie Kinder
an den vielen Lichtlein uns freuend, auf dem Verdeck.
Es war nur ein Traumbild gewesen, das in mir wie ein Funke der
großen, gesehenen Lampen, wenn er in Baumwolle oder Werg gefallen
wäre, den Brand der innren Unruhe entzündet hatte und doch fühlte ich
den ganzen Tag seine Schmerzen. Ich war auf einmal im Traum wieder
zurückgekehrt in die liebe Heimath. Theilnehmend drängten sich mehrere
meiner Freunde um mich; ich sollte ihnen von meiner Reise erzählen.
Ich that dieß mit einer Lebendigkeit und Wärme, deren ich im Wachen
selten fähig bin und mit großer Ausführlichkeit; ich beschrieb die
Donaufahrt, Constantinopel, Kleinasien, die Fahrt nach Alexandria und
kam mit meinem Reiseberichte bis zu der Beschreibung der gestrigen
Illumination, da auf einmal stockte die Erzählung. Meine Freunde
ersuchten mich, ich solle ihnen doch noch mehr sagen über Aegypten,
über die Wüste des Sinai und über das gelobte Land, da mußte ich mit
einem unbeschreiblichen Schmerz gestehen: ich bin so lange und weit
weggewesen und bin nun zurückgekehrt, ohne den eigentlichen Zweck
meiner Reise erlangt, ohne die Pyramiden, ohne das rothe Meer und den
Sinai, ohne Palästina, ja selbst ohne nur den Nil gesehen zu haben.
Wer die Unruhe eines Wandervogels mit theilnehmendem Sinne betrachtet
hat, der, wenn die Wanderzeit kam, im Käfich versperrt und festgehalten
war, der kann sich in die Lage eines aus allen Kräften vorwärts, zum
Ziele der Pilgrimschaft strebenden Menschen denken, wenn derselbe
auf einmal da im Angesicht der Palmenhayne wochenlang auf den Wellen
schweben muß und nutzlos die Zeit verstreichen siehet, die er zwischen
den Ruinen von Theben und Luxor oder bei dem Rauschen der Nilkatarakten
hätte zubringen können. Das unruhige Sehnen, einzugehen wenigstens
in das schon so nahe vor uns liegende Thor des Nilthales wurde noch
gesteigert, da heute Herr Bergwerksdirector ~Russegger~ mit +Dr.+
~Veit~ und einigen andern seiner Begleiter zu uns ans Schiff kam und
uns nach vielen interessanten Mittheilungen über seine bisherigen
gründlichen und gehaltreichen Forschungen seine nahe Abreise in das
obere Nilthal ankündigte. Wie gerne hätten wir uns ihm angeschlossen,
und, obgleich dieses nicht zunächst in unserem Reiseplan lag, auch
die später denn die Pyramiden gebornen Herrlichkeiten von Theben
gesehen[158].
Das innre, unruhige Bewegen war durch Nachrichten aus dem Vaterlande
von dem Ausbruch der Cholera bei dem heimatlichen Heerde noch vermehrt
worden, wiewohl die guten, schon am 29ten November empfangenen Briefe
zugleich auch vielen heilenden und lindernden Balsam gegen die
Schmerzen der Unruhe enthielten; einen Balsam, der nur gerade heute
nicht recht gebraucht und angewendet wurde. Freilich war es, als
wollte selbst die äußere Natur in den Takt des gellenden Singetanzes
einstimmen, der eben im Innern ertönte, denn wir hatten seit der
vergangenen Nacht statt des gestrigen Sommerwetters Sturm bekommen,
am Morgen war nur 14° R. Wärme; wir durften froh seyn, daß wir nicht
mehr im äußern, sondern im innern Hafen vor Anker lagen, denn selbst
hier empfanden wir das Schwanken des Schiffes auf dem stark bewegten
Wasser; im äußern Hafen wäre uns dasselbe wieder zu einem Siechbette
der Seekrankheit geworden. Auch am Sonntag dauerte das stürmische
Wetter in solcher Heftigkeit an, daß uns dasselbe von unsern Freunden
in der Stadt abtrennte, doch sahen wir wenigstens den freundlichen
Landsmann, Herrn Pfäffinger. Endlich am Montag den 5ten December
hatten wir uns in das unvermeidliche Loos der Sanitätsgefangenschaft
gefunden und von hier an begann für uns ein arbeitsames, häusliches
Leben, das neben den Entbehrungen auch seine vielfachen Freuden hatte.
Wenn wir am Morgen aus der stillen, dem gemeinsamen Lesen bestimmten
Kajüte, gestärkt an Seele und Leib hinaustraten aufs Verdeck, da
dauerte es nicht lang, da kam unsre »Silberflotte« an; das kleine
Boot das uns frische Lebensmittel aus der Stadt, zuweilen auch
Briefe und die »allgemeine Zeitung« brachte. Jeder gieng nun an sein
Tagesgeschäft: Einige schrieben oder lasen, Andre zergliederten und
zeichneten Seethiere, der Maler Bernatz porträtirte. Denn seitdem unser
Schiffsvolk an ihm und +Dr.+ Erdl diese Geschicklichkeit bemerkt hatte
mußten beide, vornämlich aber Bernatz, nach und nach sie Alle, und zwar
Manche von ihnen mehrere Male abbilden. Hierbei wurde ganz vorzüglich
auf ein getreues Nachbilden der schönen Kleidung gesehen; selbst der
Capitän war darüber empfindlich, daß +Dr.+ Erdl ihn in seiner ziemlich
alten und farblos gewordenen Schiffskleidung gemahlt hatte; er zog
für die zweite Abkonterfeiung durch Bernatz, eben so wie Jeder der
sich später malen ließ, sein schönstes Gewand an und der Unterkapitän
borgte sich zu gleichem Zwecke von dem reicheren Hassan noch allerhand
buntfarbigen Zierrath, nur damit das Bild recht schön werde. Mitten in
diese Tagesgeschäfte, welche jetzt großenteils, wenn die Sonne nicht
zu heiß schien, auf dem freien Verdeck verrichtet wurden, kam dann
ein angenehmer Augenblick des Ausruhens, wenn jetzt ein Schiff von
der Barbareskenküste, erfüllt mit mauritanischen Hadschi's, ankam,
die viel unsaubrer und wildfremder aussahen als unsre Türken, oder
wenn ein europäisches Schiff ungehindert, mit vollen Segeln neben uns
vorbeifuhr und bald hernach seine, durch keine Quarantäne gehemmten
Passagiere und Waaren -- vielleicht auch neue Briefe für uns --
ausschiffte. Nicht selten ward auch ein Besuch am Sprachgitter und auf
seinem Vorplatz gemacht und das Gedräng der verschleierten Frauen, die
hier mit ihren von einer Seereise heimkehrenden Männern oder Söhnen
sprachen, oder die Beduinen betrachtet, die allerhand Eßwaaren feil
boten. Der Mittagstisch war außer den gewöhnlichen Speisen täglich mit
der lieblich schmeckenden, frischen Frucht der Datteln und mit Orangen,
zuweilen auch mit ägyptischen Kuchen besetzt. Dabei mußten unsre beiden
arabischen Quarantäneaufseher, so wie Hassan und der Unterkapitän
müssig zusehen, denn diesen erlaubte das Gebot des Islams jetzt,
während der langen Fastenzeit oder des Ramadans von Sonnenaufgang bis
zum Sonnenuntergang nicht einmal einen Trunk Wassers oder eine Pfeife
Tabak, geschweige die Erquickung der Speisen. Doch kam der aufgeklärte
Hassan gar oft zu uns herunter in die Kajüte, um sich während des Tages
mit einem Glas Wein zu laben, denn, sagte er, von Weintrinken sey in
den Vorschriften die den Ramadan beträfen keine Rede, der sey nur
überhaupt und im Allgemeinen verboten, es sey also einerlei, ob man ihn
während oder außer der Zeit der Fasten tränke. Am Nachmittag erhielten
wir nicht selten Besuche am Schiffe, besonders von unserm gefälligen
Landsmann, dem Herrn Flottenarzte +Dr.+ Koch; gegen Abend vergnügte
uns unser griechisches Schiffsvolk mit Gesang oder der freundliche
Capitän stellte zu unserer Belustigung gymnastische Spiele im Springen
und Tanzen an, wobei einige seiner Leute sich durch ungewöhnliche
Kraft und Gewandtheit auszeichneten. So wie dann die Sonne jenseits
der Palmengärten hinabsank und zum Untergang sich neigte, da stopften
unsre arabischen Quarantänehüter ihre Pfeifen, legten dann die glühende
Kohle vor sich hin und in dem Augenblick, wo die Kanonenschüsse den
eigentlichen Untergang der Sonne verkündeten, da begannen sie das
behägliche Rauchen und das Trinken des Wassers, bis ihnen die Matrosen
die große, volle Schüssel mit gekochten Bohnen oder Erbsen hinsetzten.
Auch Hassan und der Unterkapitän fiengen jetzt ihre offenbarlichen
Schmausereien an, wir aber vergnügten uns noch einige Zeit an dem
Anblick des ägyptischen Sternenhimmels, an welchem unserm Auge zum
ersten Male der in dem Vaterlande niemals sichtbare ~Canopus~ in seiner
vollen Schönheit sich zeigte.
So war denn der 20te December und mit ihm das Ende unsrer
Quarantänezeit herangekommen. Unsre lieben Freunde und Landsleute, Herr
Generalconsul von Dumreicher, Hr. Pfäffinger und Hr. +Dr.+ Koch holten
uns, jetzt zum ersten Mal Hand in Hand uns begrüßend, hinüber zum
Lande; die Angelegenheiten der Mauth brachte Hr. Pfäffinger in Ordnung,
wir Andern, im Geleite der Freunde, giengen durch manche Gassen der
ältern, türkischen Stadt hinüber zu dem schönen, meist neugebauten
Quartier der Franken, wo für uns in dem ganz europäisch eingerichteten
Gasthaus zum schwarzen Adler schon Zimmer und Kost bestellt waren. Wie
neu und wie herrlich erschien uns da Alles was wir sahen und genoßen;
die schöne Aussicht von dem festen, sichern Boden des Speisezimmers
nach dem Meere und zunächst nach dem Hafen, in dem wir zuerst Anker
geworfen hatten; das Sitzen auf Stühlen und an ordentlichen Tischen,
ja selbst auf einem Sofa; das Schlafen auf den weichen Matrazzen
eines Himmelbettes; die Bequemlichkeit eines abgesonderten, sogar
verschließbaren Zimmers. Das Wohlbehagen über alle diese Dinge ließ
mehrere Stunden lang gar kein andres Gefühl noch andre Gedanken
aufkommen, erst am Nachmittag erhuben wir uns zu einigen Besuchen
und zum Besehen der Stadt. Das erste was uns da, in einer der Gassen
auffiel, waren unsre türkischen Hadschi's, die mit uns zu gleicher Zeit
der Obhut der Quarantäne entlassen waren. Sie grüßten uns freundlich
und wir erfuhren, daß keiner von ihnen, mitten unter den Pestsiechen
des Quarantänehauses erkrankt sey. Auch unsre griechischen Matrosen,
festlich geputzt, trieben sich in den Gassen umher.
In einer der spätern Stunden des Nachmittags besuchte ich in
Gesellschaft des aufopfernd gütigen Herrn Dumreicher wenigstens noch
~eine~ Gegend der Stadt, in welcher die längstvergangene Herrlichkeit
des alten, hochgepriesnen Alexandria, wie eine Stimme der Gräber zu
dem jetztlebenden Geschlecht redet. Es ist dieß eine Baustätte am Ende
jener neuen, schönen Straße, welche Ibrahim Pascha anlegen lässet; eine
Baustätte, bei welcher man, als hier der griechische Generalconsul
den Grund zu einem Pallaste legen wollte, in bedeutender Tiefe unter
dem Boden viele prächtige Säulen von ansehnlicher Größe aus rothem
ägyptischen Granit, zum Theil noch aufrecht stehend, fand. Wir stiegen
hinab bei diesen Ausgrabungen zu jener Stelle, wo dem Boden ein
brackiges Wasser entquillt, welches damals noch den Fortgang des neuen
Baues bedeutend hemmte. Es waren einst noch Quellen von ganz anderer,
höherer Art, welche da an dieser Stätte entsprangen, denn hier stund
wahrscheinlich, wie wir nachher sehen werden das Gebäude des Museums.
Auf dem Heimwege sahen wir noch jenes kleine Kirchlein und Kloster der
hiesigen abendländischen Christen, das, wie man sagt, seit den Zeiten
der Kreuzzüge wenigstens seine alte Stätte, wenn auch nicht seine
vormalige innre Vermögenheit und Bedeutung behalten hat. Noch jetzt
ist es eine Herberge der Pilgrime des Westens. Von den Fenstern unsers
Speisezimmers aus genossen wir später den Anblick auf die vom Mond
beleuchtete, kräftig bewegte Wasserfläche des äußern (neuen) Hafens
und auf die felsige Landzunge, auf welcher einst der Pharos stund und
erfreuten uns dann der so lang entbehrten Bequemlichkeit eines guten,
nach heimathlicher Weise eingerichteten Lagers.
Mittwochs den 21ten December war es, sobald wir das Haus verließen,
mein erstes Tagesgeschäft, mich auf der Stätte des vormaligen älteren
und ältesten, so wie in dem jetzt bestehenden, neuesten Alexandria
zu orientiren. In Gesellschaft der Hausfrau, denn die andere
Reisegefährten waren schon nach andrer Richtung voraus, gieng ich durch
die große neue Straße des Frankenquartiers, dann weiterhin zu den
sogenannten Nadeln der Cleopatra: jenen Obelisken, welche nebst den
felsigen Vorgebirgen Lochias und Pharos, dann der Säule des Pompejus
und den Katakomben die Hauptanhaltspunkte für die Forschungen über Lage
und innre Anordnung des alten Herrschersitzes der Ptolemäer gewähren.
Nur noch der eine jener herrlichen, mit Hieroglyphen beschriebenen
Obelisken stehet aufrecht, der andre liegt niedergestürzt am Boden,
ist aber in neuerer Zeit wenigstens so weit von dem früherhin über ihm
liegenden Sand und Schutt befreit, daß man seine Hieroglyphenschrift
ungehemmt von drei Seiten, und, wenn man sich etwas hinabbeugt, selbst
von einigen Parthieen der vierten, zum Theil untergrabenen Seite lesen
kann. Die Höhe der beiden stattlichen Spitzsäulen, deren jede aus
einem Stück rothen, ägyptischen Granit gearbeitet ist, beträgt mit dem
Piedestal und dem Dreieck des Gipfels 70, der Durchmesser der Basis
sieben Pariser Fuß; zwischen den Obelisken und der Meeresküste stehen
Gebäude, welche, wie es scheint anjetzt zum Bezirk der neuerrichteten
Quarantänehäuser gehören, zu denen die Annäherung jedem der sich nicht
selber leiblich suspekt machen will, versagt ist.
Stellen wir uns hin, auf eine der benachbarten Anhöhen, und rufen
wir uns mitten in dieses Gewirre der Palläste, der Häuser, wie der
armseligen, von den Frauen der Soldaten bewohnten Hütten und der leeren
Räume, das Bild des alten durch Alexander den Großen begründeten,
dann jenes des noch immer bedeutungsvollen sarazenischen Alexandria
hervor. Hier, bei den Obelisken war die Ostseite jenes Stadtviertels
der Königspalläste, welches ~Bruchion~ hieß und welches dem Raume nach
nicht nur den vierten, sondern fast den dritten Theil der auf drei
Stunden des Umfanges ausgedehnten Stadt umfaßte. Mitten in diesem
Bezirk der von Gartenanlagen umgebenen Palläste stund jenes Museum,
welches durch seine, mit Marmorsitzen versehene Säulenhalle, durch
seinen großen Saal und durch sein von der Freigebigkeit der Ptolemäer
zur täglichen Bewirthung der hierher zusammenberufenen Gelehrten
bestimmten Speisezimmer zu einem Mittel dienen sollte, das einmüthige
Zusammenwirken der Geister, zum gemeinsamen Zweck der höheren Bildung
herbeizuführen. Freilich hat auch die damalige Erfahrung gelehrt, daß
eine solche Einheit der Geister nicht durch wohlmeinende Gaben der
königlichen Milde, nicht durch leibliche Speise und Getränke, sondern
nur durch einen anders woher kommenden (magnetischen) Zug bewirkt
werden könne, welcher dem allbewältigenden, vereinigenden Einfluß des
Bienenweisels gleichet. Dennoch hat der wohlmeinende Sinn der edlen
Begründer dieses Museums Früchte getragen, welche auf dem Wege des
geistigen Forschens und Erkennens vielen nachkommenden Geschlechtern
der Menschen zur erquicklichen Nahrung dienten. Jener Leuchtthurm,
an welchem die große Kunst seines Erbauers, des ~Sostratus~ von
Cnidos eines der gepriesensten »Wunderwerke der Welt« erschaffen
hatte, ist schon längst von seiner Stätte verschwunden, noch aber
leuchtet, bis auf unsre Tage allen Arbeitern in den reichen Fundgruben
der ägygtischen Hieroglyphensprache und Geschichte, ~Eratosthenes~
aus Cyrene[159], welcher das feste Gebäu seines wissenschaftlichen
Forschens auf dem uralten Grund der Tempelweisheit errichtete. Jene
vierhundert Säulen aus ägyptischem Granit, welche noch zu Saladins
Zeiten die Umgegend der großen Pompejussäule zierten, hat Karadja
ins Meer gestürzt; keine Macht aber der Barbarei vermochte jene
Säulen zu zerbrechen, mit denen Euclides und Aristarch, Erasistratos
und Hipparch, auch Appian und Herodian und mit ihnen noch viele
der alexandrinischen Gelehrten das Gebäu des wissenschaftlichen
Erkennens verherrlichten. In dieser geistigen Stadt der Ptolemäischen
Herrscherzeit fällt es deshalb noch immer ungleich leichter sich
zu orientiren als auf der verwüsteten Stätte des alten, leiblichen
Alexandria. Wo hat jenes mit Recht gepriesene Museum gestanden?
Vielleicht dort, bei jener Stelle am Ende der großen, neuen
Straße, wo wir gestern und auch wieder heute die Ausgrabungen der
Granitsäulenhallen betrachteten? Immerhin ist es erfreulich, daß die
europäische Cultur und Baukunst gerade wieder in die Fußstapfen der
höchsten alexandrinischen Herrlichkeit ihre Schritte setzt, denn die
neue Straße und das Quartier der Franken nimmt einen Theil der Stätte
des alten Bruchion: des Bezirkes der Palläste und des Grabestempels
Alexanders des Großen ein.