Der Capitän des Schiffes war am Abend unsrer Ankunft auf demselben noch
in der Stadt beschäftigt gewesen; der Unterkapitän, ein Türke hatte,
bei unsrer Aufnahme in die neue Behausung seine Stelle vertreten.
Wir hatten (wenigstens ich) in dem festen, guten Schlafe nichts von
der Ankunft des Capitäns um Mitternacht, nichts von der Ankunft der
vielen, mit türkischen Pilgrimen beladnen Bote, schon in den späteren
Abendstunden vernommen. Da hörte man, zuerst noch halb im Traume,
dann beim Erwachen das Rasseln der Ketten, an denen der Anker hieng
und emporgewunden wurde, das taktmäßig die Arbeit begleitende »Kyrie
eleison« der griechischen Matrosen und bald nachher einen wahrhaft
harmonisch lautenden Gesang der türkischen Hadschis, dessen Inhalt
ein Gebet um guten Wind und glückliche Fahrt war. In Smyrna hatte man
uns gesagt, es würden etwa dreißig oder etliche und dreißig Hadschi's
im Schiffe »zur Sonne« mit uns fahren, die Stimmen aber, die da
sangen, tönten nicht wie die Stimmen von dreißig, sondern wie die von
hundert Männern und nur zu bald überzeugten wir uns, daß es mit der
uns angekündigten Zahl der türkischen Reisegefährten nur dann seine
Richtigkeit habe, wenn man die hundert nicht beachtete, welche über
die dreißig waren, denn ihre Summe belief sich auf 134. Es war nun
kein rechter Schlaf mehr möglich, doch gesellte sich zu dem Rauschen
der Wellen, welche das schnellseglende Schiff durchschnitt noch eine
Art von Schlummer, mit seinen Träumen von hochwüchsigen Fruchtbäumen,
in deren Wipfeln der Wind rauscht. Schon vor Sonnenaufgang waren wir
auf dem Verdeck; dieses aber war in ein türkisches Lager verwandelt,
denn jeder Fußbreit, mit Ausnahme eines schmalen Stegleins für das
arbeitende Schiffsvolk, war von den Hadschi's, so wie von ihren
Vorrathskörben und Küchengeschirren eingenommen; überall dampften schon
die kleinen, thönernen Oefchen, auf deren Kohlen ein mit Knoblauch
und Zwiebeln gewürzter Pilau, oder das brünette Getränk des Kaffees
bereitet ward. Der Wind indeß und das Wetter waren gut und so wurden
auch wir bald wieder guten Muthes. Und warum sollten wir dieses nicht
seyn; hatten wir doch Das bei uns, was der weise ~Bias~, welcher dort
jenseits der Berge der nachbarlichen Halbinsel, in ~Priene~ wohnte, für
das höchste Gut des Menschen hielt; das ruhige Selbstbewußtseyn eines
Wandrers, der sich auf dem geraden Wege nach dem Ziele seiner Reise
weiß. Dazu war ja heute Sonntag, und nicht bloß der Leib, sondern auch
die Seele hatte als Festtagsgewand jenes Gefühl des innren Still- und
Ruhigseyns und jenen Drang zum Auffliegen über die grünlichen Wellen
angezogen, welcher die Lerche über das grünende Feld und die Wiesen
emporhebt.
Die Sonne stieg jetzt empor; wir sahen uns um nach dem guten Smyrna,
aber dieses lag schon weit hinter uns, von einer vorspringenden
Landzunge verdeckt; doch zeigten sich der hohe Sipylos wie der
Mimnolus, den wir neulich auf der Reise nach Magnesia bestiegen
hatten, und fern in Südwest die Stätte des alten ~Klazomenä~, der
Vaterstadt des ~Anaxagoras~, welche früher eine Insel war, später aber
durch Dämme und neuen Ansatz des Landes mit dem Festland sich vereinte.
Der Wind war in hohem Grade günstig; die Fahrt nahm einen glücklichen
Anfang. Wir hatten jetzt Zeit und guten Muthes genug um uns mit unsrer
neuen Umgebung bekannt und vertraut zu machen. Fürwahr, über Einsamkeit
konnte man in unsrem Schifflein nicht klagen. Außer uns sechs Inhabern
der Kajüte, als des vornehmsten Räumleins, und den 134 türkischen
Hadschi's, so wie den Matrosen, Küchenjungen und beiden Capitänen,
gab es da noch eine Griechin mit ihren drei Kindern, welche ihrem
Manne nach Alexandria nachzog, zwei deutsche Schneidergesellen, einen
entlaufenen russischen Bedienten und einen jungen Griechen, welcher der
Vetter eines Bischofs war. Die türkischen Hadschi's, das geht aus ihrer
Zahl hervor, bildeten den Hauptkörper der Schiffsmannschaft; ihretwegen
setzte sich das Schiff von Smyrna aus nach Aegypten in Bewegung, denn,
obgleich jeder einzelne nur wenige Gulden für die weite Fahrt bezahlte,
war dennoch dieser Fahrlohn der Hadschi's die Haupteinnahme des
Capitäns, wie des Inhabers des Schiffes. Hätten diese guten Leute einen
ähnlichen, unruhigen Drang nach Bewegung gehabt, wie in der Regel wir
Franken ihn fühlen, dann wäre freilich diese Fahrt in viel andrem Maaße
beschwerlich geworden, als sie dieß wirklich war; so aber saß das Volk
der Pilgrime fast den ganzen Tag so still auf einem Fleck, daß es uns
öfters wie ein gemaltes Jahrmarktsgedränge oder wie eine Gallerie von
Wachsfiguren vorkam. Nur wenn die Stunde der Waschungen oder Gebete
kam, noch öfter aber, wenn das Geschäft und der Vorgang der Ernährung
und der Verdauung sie dazu nöthigte, erhuben sie sich von ihren Sitzen,
sonst war ihr gewöhnliches Tagesgeschäft jene harmlose Lust an der
Jagd, welche ihre Befriedigung nicht im düstren Walde oder auf steilem
Gebirge, sondern schon in den Falten des Turbans und der Gewänder
fand, und welche niemals den Tod des erbeuteten Thieres bezweckte,
sondern dieses lebendig hinfallen ließ aufs Verdeck, damit es ein
andres Unterkommen sich suche. Wie dieses große Volk der Hadschi's
vornämlich bei Nacht, wo der ausgestreckt liegende Mensch doch einen
größeren Strich des Bodens einnimmt als der auf untergeschlagnen
Beinen sitzende, in unsrem engen Schiffe und seinem untern Raume Platz
gefunden habe, das ist uns später, da wir den ganzen Gelaß des leer
gewordnen Fahrzeuges betrachteten, noch öfters ein Räthsel gewesen,
um so mehr da auch Frauen in diese untern Räume eingestallt saßen,
für welche ein eigner Verschlag von Brettern angebracht war. Freilich
sahen wir an dem Beispiel Derer, welche oben auf dem Verdeck auf oder
neben ihren Körben schliefen, daß diese armen Leute in Beziehung auf
die Schlafstätten so verträglich seyen wie die wandernden Schneegänse,
denn öfters diente der eine dem andren, dieser wieder dem dritten zum
Kopfkissen.
Wir lernten übrigens gar bald es unterscheiden, daß da unter dem Troß
der ärmeren Hadschi's auch solche wären, die sich vornehmer zu seyn
dünkten denn die Andren. Von den kleinen Bretterhütten, welche auf dem
Verdeck, ober unsrer Kajüte erbaut waren, bewohnte die eine, vorderste,
ein wohlhabender türkischer Kaufmann aus Smyrna, Namens ~Hassan~,
ein Mann, der uns durch seine gutmüthige Zutraulichkeit und sein
Anschließen an unsre Gesellschaft manche Unterhaltung gewährte; die
hierauf folgende Bretterhütte bewohnte die Griechin mit ihren Kindern
und dieser gehörten auch die sehr alt aussehenden Mobilien (Tische
und Stühle), welche wegen des Mangels an Raum über den Bord hinaus
gebunden waren. Die beiden hintersten Bretterhütten waren abermals von
zwei türkischen, unter sich nahe verwandten Familien bewohnt, davon
die eine aus dem ältlichen Vater, seiner Frau und Tochter, die andre
aus einem Mann mit seiner Frau bestund. Der erstere hatte durch die
Pest alle seine Kinder, außer der ihn begleitenden, etwa 10jährigen
Tochter verloren und schien hierdurch zur Pilgerfahrt bewogen. Was den
andren zu dieser angetrieben hatte, weiß ich nicht, so viel aber schien
gewiß, daß für seine arme Frau diese Reise eine furchtbare Pein seyn
mußte, denn diese war in einen so engen Raum eingesperrt, daß sie nur
liegen und sitzen, nicht aber aufrecht stehen konnte; durch ein Loch
der bretternen Thür des Kastens reichte der Mann ihr Speise und Trank
und nur selten verließ derselbe seinen Sitz oder sein Lager vor dieser
Thüre. Nicht mehr zwar durch das Bewohnen eines eignen Bretterkastens,
wohl aber durch andre Merkmale als vornehm ausgezeichnet, erschien
ein alter Kaufmann aus Magnesia, mit seinen beiden Söhnen, davon der
eine, ältere, ein Iman, der andre, viel jüngere der Liebling des Vaters
war, der am Tage an seiner Seite, bei Nacht an seiner Brust ruhte.
Alles Neue und Seltsame, was der Vater bei meinen jungen Freunden
sahe: Repetiruhren, Compaß, Messer, Farben, das wollte er für seinen
Liebling kaufen. Etwas entfernter von uns, im Vordertheil des Schiffes
hatte eine Familie von Mohren (mit weißen wie schwarzen Frauen) ihre
Bleibstätte, die ebenfalls reicher denn die andren schien, vornehm
genug that und unruhiger so wie anspruchsvoller war denn alle andren
Hadschis. Auch ein Derwisch, von schöner Gestalt und Aussehen, wurde
von seinen Genossen mit besondrer Achtung und Auszeichnung behandelt.
Er hatte gar bald mit +Dr.+ Roth und Erdl Bekanntschaft geschlossen;
wenn er diesen, den einen Finger emporhebend, durch den Ausruf des
Wortes »Huh« (Jehovah) sein Glaubensbekenntniß ablegte, da war sein
Blick so bedeutend und ernst, daß ich mit innrem Vergnügen ihn
betrachtete.
Daß sich der Derwisch schon heute mit so besondrer Achtung an unsre
beiden jungen Aerzte anschloß, daß diese beiden gleich vom ersten
Tage an ein Gegenstand des Aufmerkens für die ganze Schaar der
Schiffsgesellschaft wurden, das hatte einen guten Grund. Unter den
Matrosen befand sich ein altes, kleines, sonst aber kräftig gebautes
Männlein, welches die andren den Engländer (+il Inglese+) nannten.
Er war als Knabe in diese Gegenden gekommen, hatte sein Unterkommen
als Seemann bei den Türken gesucht und gefunden, und, ob er hierbei
Christ geblieben oder Türk geworden, das blieb uns ein Räthsel. Dieser
»Inglese« nun lag am ersten Tage unsrer Seereise sehr krank, an einer
Brustfellentzündung darnieder, hatte am Morgen schon eine Art von
mündlichem Testament gemacht, worin er seine wenigen Habseligkeiten,
in Gegenwart des Capitäns, an einen seiner Kameraden vererbte, und nun
wartete das Volk, das ganz ruhig um den ächzenden Mann herumsaß oder
stund, auf den Augenblick, da dieser »abfahren« würde. Der Capitän
indeß dachte nicht so. Er mochte schon in Smyrna gehört haben, daß
Aerzte unter uns seyen, er kam zu meinen jungen Freunden, bat diese
um ihren Rath und um Hülfe, und Doctor ~Erdl~ wendete sogleich
einen tüchtigen Aderlaß so wie kühlende Mittel mit so günstigem
Erfolg an, daß der Kranke bald sich erleichtert fühlte und nach wenig
Tagen wieder arbeiten konnte. Diese glückliche Cur machte auf unsre
türkischen Hadschi's einen solchen Eindruck, daß viele von ihnen zu
+Dr.+ ~Erdl~ kamen, sich den Puls fühlen ließen und Arznei oder einen
Aderlaß begehrten und obgleich in den letzteren Wunsch ohne Noth
nicht eingewilligt wurde, gewährte man dennoch desto reichlicher den
ersteren, denn +Dr.+ ~Roth~ war mit einer guten Reiseapotheke versehen
und bei solchen meist eingebildeten Krankheiten war die Hauptsache der
Zucker oder irgend ein andrer Beisatz der Art, wodurch die Masse der
Arznei vermehrt wurde. Man konnte wirklich bei mehreren Gelegenheiten
dieser Art sehen, was das Vertrauen that; die Leute sagten gewöhnlich
die Arznei habe ihnen alsbald geholfen. Während die Hadschis von den
beiden jungen Doctoren allerhand Heilmittel begehrten, ersuchten sie
mich, seitdem ich einigen von ihnen freiwillig eine Prise angeboten
hatte, ziemlich allgemein um Schnupftabak und da ich in Smyrna einen
großen Vorrath dieses unschuldigen Zeitvertreibs mit mir genommen
hatte, konnte ich solche Bittgesuche gern gewähren, dem einen ein wenig
in seine kleine Dose, dem andren in ein Schächtelchen, dem dritten auf
die Hand reichen.
Der Wind blieb heute fortwährend günstig und frisch, so daß wir schon
mehrere Stunden vor Sonnenuntergang die Spitze der erythräischen
Halbinsel umschifften, welche gegen Westen die hermäische Bucht: die
Bucht von Smyrna umgränzt; gegen Norden sahen wir die Gebirge von
Lesbos, im Süden erschien bereits die Pelinäische Höhe von Chios,
neben uns die Bergkette des Mimas, deren nördliche Ausläufer das
Vorgebirge von Meläna (jetzt Karaburnu) bilden. Seitdem wir uns gegen
Süden gewendet hatten, lag das Schiff, das den Wind von der Seite nahm,
etwas schief; ich fühlte von neuem eine leichte Anwandlung von jenem
Uebel, das ich oben (S. 129.) bei der Fahrt über das schwarze Meer
beschrieb und begab mich hinab auf meine Pritsche. Das was ich noch
vor dem Hinabsteigen in die Kajüte gehört hatte und noch bis gegen
Abend von meinen Freunden vernahm, lautete sehr gut. Morgen früh, so
sagte selbst der Unterkapitän, könnten wir an Patmos ankern; in fünf
Tagen, so versicherten Andre, könnten wir, bei solchem Winde, im Hafen
von Alexandria einlaufen und obgleich der sehr erfahrene Capitän zu
allen diesen wohllautenden Aeußerungen schwieg, ließen wir uns dadurch
dennoch nicht irre machen, sondern träumten schon vor dem Einschlafen
von dem Genuß des morgenden Tages auf den Felsen des herrlichen Patmos.
Einige Stunden nach Mitternacht hörten wir über unsrem Haupte die große
Kette raßlen und den Anker ins Meer lassen. »Da sind wir ja schon in
Patmos, rief ich den zugleich mit mir erwachten Freunden zu, das ist
über Erwarten schnell gegangen.« Wir ruhten dann noch etliche Stunden,
beim Anbruch des Morgens aber stunden wir auf dem Verdeck und sahen uns
in einer engen Meeresbucht zwischen felsigen Inseln. Ist dies Patmos?
fragte ich den Capitän. Dieser schüttelte den Kopf und zuckte die
Achseln; von Patmos, sagte er, sind wir noch weit.
Mit der Sonne zugleich gieng nun auch uns ein Licht auf über unsre
jetzige geographische Stellung. Wir waren noch gar nicht weit von
dem Punkt hinweggerückt, an dem sich unser Schiff am gestrigen Abend
befand; das Vaterland der erythräischen Sibylla, dessen Gebirge wir
schon gestern sahen, war noch immer ganz in unsrer Nachbarschaft. Der
Wind, der am gestrigen Morgen zuerst Nordost, dann Nordwind war, hatte
schon am Abend sich etwas gegen Westen umgesetzt, und in der Nacht,
nach kurzer Windstille, war er uns ganz ungünstig geworden: statt des
erfrischenden für unsre Fahrt günstigen Nordwindes stürmte uns heute
der warme Sirocco aus Südwesten entgegen. Unser wohlunterrichteter
und vorsichtiger Oberkapitän, welcher die Gefahren dieses Windes
hier, in der klippenreichen Gegend des Meeres kannte, war, Chios
gegenüber, zwischen zwei kleinen Felseninseln eingelaufen, welche zu
den südlichsten der Gruppe der oenussischen oder hippidischen Inseln
der Alten gehören; zu jener Gruppe, deren nördliche und größere Inseln
auf unsren Charten unter dem Namen der Spalmadoren (Spermatoren)
verzeichnet stehen. Unser Capitän nannte sie Agonusi (Egonuses), wie
noch jetzt die Griechen diese Oenussä heißen. Hier, wo unser Schiff
lag, war das Meer so ruhig und spiegelglatt, daß wir Unerfahrenen
in dieser Art des Welt- und Windlaufes gar nicht begreifen konnten,
wie die Schiffsleute von einer Gefahr reden konnten, welche unsrer
Weiterfahrt, wenn diese anders noch möglich, gedroht hätte; doch sahen
wir nach einigen Stunden auch das griechische Packetboot, welches
damals noch die gewöhnliche Communication zwischen Smyrna und Athen
unterhielt, und das fast einen halben Tag vor uns Smyrna verlassen
hatte, von Süden her zurückkehren und in einiger Entfernung von uns
Anker werfen.
Die eine der beiden kleinen Inseln, deren Felsenwände uns hier in
unsren Schutz genommen hatten; die welche uns auf der Westseite lag,
ist ganz unbewohnt, und wird nur von Zeit zu Zeit von Fischern oder
von Hirten besucht, welche, von benachbarten Inseln kommend, hier
ihre Netze auswerfen oder ihr Vieh auf die spärliche Weide führen. Sie
hat eine Quelle mit gutem Wasser; unsre Matrosen ruderten hinüber, um
einige Fässer zu füllen und da wir sahen, daß bei jeder solcher Fahrt
eine gute Anzahl der türkischen Hadschis sich ans Land setzen ließ,
auch zugleich erfuhren, daß heute den ganzen Tag an eine Weiterreise
nicht zu denken sey, gaben auch wir dem Hange nach das Eiland zu
besuchen und fuhren mit den Matrosen hinüber. Die Frauen blieben bei
der Griechin und ihren Kindern, in der Nähe des Quelles, wir Männer
zerstreuten uns zwischen die Felsenklippen; denn jeder Schritt bot uns
da etwas beachtenswertes Neues dar.
Der ganze Umfang des kleinen Eilandes beträgt kaum eine Stunde; es
besteht nur aus einem rundlich sich erhebenden Berge, der nach dem
Meere hin, besonders an der Westseite, Chios gegenüber, hohe, gähe
Felsenwände bildet. Die herrschende Felsart auf dieser, wie auf der
gegenüber liegenden Insel ist außer dem Trapp, welcher die Höhe
einnimmt, nach unten ein Thonschiefer von sehr eigenthümlicher Art und
Gestaltung. Er gleicht an manchen Stellen einer riesenhaften Schlacke
mit Höhlungen und Blasenräumen von einem Umfang und Rauminhalt wie
ich noch niemals dergleichen gesehen; öfters stehen nur die Reste der
zerstörten Gewölbe als sichelförmige Zacken hervor. Sehr häufig zeigten
sich in diesem Schiefer Lager und Nester von einem bröcklich weichen,
stark abfärbenden, viele Kohle enthaltenden Zeichenschiefer und auch
die Höhlungen und jetzt leeren Blasenräume mögen mit dieser Masse
ausgefüllt gewesen seyn. Die schon vorhin erwähnten gähen Felsenwände
an der Westseite der Insel tragen die Spuren eines gewaltsamen
Zusammensturzes an sich; mächtige Bruchstücke liegen zu ihren Füßen im
Meere und bilden, senkrecht in der Richtung ihrer Schichten stehend
eine oder mehrere Reihen von hohen, natürlichen Mauern um die Insel
her, zwischen welche das Meer hereintritt und in deren Schutz und
Schatten die Schaaren mancher der zarteren Seethiere sich versammlen.
Einige Abhänge und Schluchten der Insel waren eben jetzt mit den
kleinen, weißen Blumen der spätblühenden Narzisse (+Narcissus
serotinus+) bedeckt, an manchen Stellen entfaltete das Calocasien-Arum
(+Arum Calocasia+) seine schönen Blüthen. An dem Saamen der reifen
Gräser ergötzte sich eine kleine Schaar des Zaunammers (+Emberiza
Cirlus+, von den Türken »Kirlak« genannt) mit olivenfarbener Brust so
wie gelb und schwarz gefärbter Kehle; auch das rothe Rebhuhn (+Perdix
rufa+, auf Türkisch »Cil«) und eine Art von wilden Tauben kommen auf
der Insel vor, selbst ein weißschwänziger Steinschmätzer (+Saxicola
Oenanthe+) wollte mit seinem kurzem Liede zeigen, daß auch diese Wüste
ihre Gesänge habe. Unten im Meer erfreute uns der Anblick der Aktinien
und Seeanemonen, so wie der kleinen buntfarbigen Fische aus der Familie
der Meerjunker (+Labrus Julis+) der Anthias und Lutjane; an den Felsen
lebte +Helix naticoides+.
Mich hatte das Aufsuchen des blühenden Arums an die nördliche Seite
der kleinen Insel hingezogen, da wo das Wrack eines vielleicht erst
unlängst an diesen Klippen gescheiterten Fahrzeuges und weiterhin
das Gemäuer eines zerstörten Hauses an die Kämpfe des Menschen
mit dem übermächtigen Element wie an die noch furchtbareren mit
seinem eignen Geschlecht erinnerten. Je weiter ich mich gegen Westen
wendete, desto bedeutungsvoller und origineller wurden die Formen der
Thonschieferfelsen. Nach Norden hin zeigten sich die schwärzlichen
Berge der andern Inseln dieser Gruppe; die Bucht von Erythrä wie jene
von Tschesme waren durch die östliche Nachbarinsel verdeckt. Ich war
jetzt an die schönste Stelle des Eilandes gekommen: an die mächtigen
Felsenhallen seiner Westseite; dort, Chios gegenüber, suchte ich mir,
in der schattigen Felsenschlucht eine Ruhestätte. Wie ganz anders
zeigte sich hier das freie Meer als in der verschlossenen Bucht da
unser Schiff lag. Seine Wogen oben von weissem Schaum bedeckt schlugen
mit Ungestüm an die Wände des Schiefers; die Brandung, aus einem
benachbarten Felsengewölbe, das die Fluth sich ausgewaschen hatte,
tönte wie ein ferner Donner; das Gefühl der Sicherheit aber, mit
welchem ich von meinem festen Sitze aus das nachbarliche Saki oder
Skio, die Hauptstadt von Chios betrachtete, ließ mir das wogende Meer
wie eine Gewitterwolke erscheinen, die ein Alpenhirte vom Gipfel des
Rigi oder des Watzmanns aus tief unter seinen Füßen sich entladen
siehet, während er selber im heitren Glanze der Morgensonne dastehet.
Dort an einem der grünenden Abhänge von Chios war die sogenannte
»Schule des Homer«; wie ist doch die geistige Gestaltung, die von
Homers eigentlicher, nicht sogenannter Schule ausgieng, so frisch und
fest, gleich den Felsen dieser Inseln geblieben, während so manches
Bewegen der Völkergeschichte gleich den bald zerstäubenden Wogen
des jetzt heftig aufbrausenden, dann wieder ruhenden Meeres daran
vorüberzog.
Ich suchte jetzt auch meine Reisegesellschaft wieder auf. Die Hausfrau
mit den beiden größeren Kindern der Griechin kam mir schon entgegen;
die Türken lagen und schliefen an der Ostseite der Insel oder wuschen
an einer Pfütze, die vom Quell ihren Zufluß nahm, Tücher und Gewänder;
+Dr.+ Roth und Erdl vergnügten sich mit dem Heraushämmern von schönen
Schwefelkieskrystallen, die sich an mehreren Stellen in großer Menge
im Thonschiefer eingewachsen fanden, Hr. Bernatz zeichnete eine Gruppe
der Felsen. Wir bedurften gegen Abend keines Glöckleins und keines
Trompeters, die uns zur Tafel riefen, uns zog von selber der Hunger zum
Schiff, denn wir hatten gestern, weil in dem Getümmel des ersten Tages
noch keine Einrichtung mit der Küche des Schiffes zu treffen war, fast
nichts gegessen. Auf unserem Fahrzeug herrschte noch eine angenehme
Stille und Einsamkeit, denn die türkische Besatzung war großentheils
auf die Insel gefahren; der Küchenjunge hatte sich in der Bereitung der
trockenen Bohnenkerne und des geräucherten Fleisches als ein Meister
der Kochkunst gezeigt. Auch unsre Hadschis kehrten, nachdem sie ihr
Abendgebet noch auf der Insel verrichtet hatten, wieder zum Schiff
zurück; bald dampften die Oefchen von neuem vom Rauchwerk des stark
gezwiebelten Pilaus und gleich nach gehaltner Mahlzeit wurde der enge
Raum der Ruhestätte gesucht.
~Arundel~[133] erzählt, daß er öfters in Smyrna jene von mehrern
Reisenden gemachte Erfahrung aus eigner Wahrnehmung bestätigt gefunden
habe, nach welcher die Hähne im Morgenlande fast mit der Pünktlichkeit
einer Uhr gewisse Stunden der Nacht durch ihr Krähen anzeigen. Das
gesammte Chor der Hähne, so berichtet jener ehrenwerthe Beobachter,
kräht in Smyrna zum ersten Male in der Nacht zwischen 11 und 12,
das zweite Mal zwischen 1 und 2 Uhr, und wenn etwa das eine dieser
Thiere seinen Wächterruf ein wenig früher oder später denn die andern
ertönen läßt, so beträgt der Zeitunterschied nicht mehr denn eine
Minute. An unsern türkischen Reisegefährten bewunderte ich öfters auch
eine ähnliche Eigenschaft des Aufwachens zur bestimmten Stunde der
Nacht. Der große, untre Schiffsraum, in welchem der größte Theil der
Hadschis bei Nacht zusammengeschichtet lag, war von jenem Theil unsrer
Kajüte, an welchem bei Nacht mein Kopf lag, nur durch eine Bretterwand
geschieden, welche so dünn war, daß man jedes Wort vernehmen, und den
Geruch der geliebten Knoblauch- und Zwiebelgerichte, welche jenes immer
eßlustige Volk auch bei Nacht sich bereitete, deutlich wahrnehmen
konnte. Bald nach Mitternacht war der erste Schlaf meiner schon um 7
Uhr zur Ruhe gehenden Kammernachbarn beendigt; da fiengen alle zumal an
laut zu sprechen, einige auch zu essen, nach 1 Uhr wurden sie wieder
still, zwischen 4 und 5 Uhr war auch der zweite Schlaf beendigt und
nur wenige entschlossen sich zu einem dritten, denn die Lust zum Essen
überwog jetzt alle Lust zum Schlafen. Heute, am Dienstag den 8ten
November mußte dieß in vorzüglichem Maaße der Fall seyn, denn das laute
Sprechen und der Geruch der Eßwaaren jener Mekka-Pilgrime ließ uns fast
von vier Uhr an keine Ruhe mehr; mit Freuden bemerkten wir das Grauen
des Morgens und traten aufs Verdeck.
Unser griechischer Capitän hatte recht gehabt; der ungünstige Wind der
selbst für schnell seglende Fregatten den Durchgang durch die Meerenge
zwischen Icaria und Samos unmöglich macht, hielt auch heute noch an,
und würde, so versicherte unser alter Seemann, wohl auch morgen noch
andauern. Wir wünschten nun, da ja die Umstände es erlaubten, auch die
andre, östlich gelegne Nachbarinsel zu besehen; zu ihr ließen wir uns
hinüberfahren. Diese Insel ist bedeutend größer als die westliche;
ihr Gebirge erhebt sich höher, an ihrer südöstlichen und östlichen
Seite findet sich ein von Fischern und Ziegenhirten bewohntes Dorf. Es
war heute kein so heitres Wetter denn gestern, der Sturm war stärker
geworden; selbst in unsrer stillen Bucht bemerkte man eine Aufregung
des Gewässers; oben auf dem Berge fühlte man ein heftiges Wehen des
Windes. Wir (die Hausfrau und ich) suchten zuerst den höchsten Gipfel
des mehrköpfigen Berges zu ersteigen, an welchen das übrige hügliche
Land der Insel sich anlehnt. An dem steilen, steinigen Abhang so
weit hinanzuklimmen, war nicht ganz leicht; mehrmalen glaubten wir
uns dem höchsten Punkt schon nahe, jenseit des vermeintlich obersten
stieg aber dann noch ein höherer an. Die Aussicht oben von der Höhe,
hinüber nach dem Festlande der Halbinsel, so wie im Westen nach Chios,
lohnte indeß die Mühe des Ansteigens reichlich. Dort, jenseits des
schwärzlichen Felsengebirges, das sich in Südosten zeigt, öffnet sich
die Bucht von ~Tschesme~; die Bucht der Schreckensnacht des 5ten
July des 1770sten Jahres, aus welcher mit den Feuerflammen und dem
Rauche der verbrennenden türkischen Flotte zugleich eine Feuer- und
Rauchsäule aufging, die wie einst Israëls Heer vor Pharao, so das Volk
der griechischen Christen vor dem Henkerschwert der Osmanen schützte.
Denn die siegreichen Fortschritte der russischen Waffen am Pruth
und Kagul, zusammen mit dem so unglücklich endigenden Aufstand der
Griechen in Morea hatten bei der unbändig stolzen, hohen Pforte nur
Wuth und Erbittrung erregt, nicht Furcht vor der Macht der Christen;
noch war die griechische Halbinsel ein großer Blutacker, auf welchem
die Leichname der seit Orloffs Abzug von den Albanesen und Türken
gemordeten Griechen, vermischt mit den Trümmern der niedergebrannten
Städte und Dörfer herumgestreut lagen, da ward im türkischen Diwan
gefragt, ob es nicht das Rathsamste sey, alle griechische Christen
im großen Reiche der Osmanen zu vertilgen. Doch auch dieser Rath der
Feinde jenes großen Paniers, welchem der endliche Sieg über die Völker
der Erde verheißen ist, wurde, wie vormals bei Galerius und Diocletian
zu Schanden. Zwar die Seeschlacht in den heißen Mittagsstunden des
5ten July, hier im nachbarlichen Meere diesseits Chios hatte den
christlichen Waffen noch keine großen Vortheile gebracht; von dem
türkischen Admiralschiff hatte sich die verheerende Flamme auch auf
das russische verbreitet und dieses mit sich in die Luft gerissen,
doch war außer dem russischen Admiral Orloff auch der leitende Geist,
die Seele dieses ganzen Unternehmens, Lord ~Elphinston~ aus den
Flammen gerettet worden und da die türkische Flotte, wie von einem
Gorgonenhaupte aus den Wolken geschreckt, in die enge und schlammige
Bucht, Schiff an Schiff gedrängt sich flüchtete, da besetzte der
brittische Seeheld mit mehreren Schiffen den Eingang der Bay. Hierauf
wagte es der heldenmüthig kühne Engländer ~Dugdale~, unterstützt
von seinem Landsmann dem Contreadmiral ~Greigh~, während der Nacht
mit Brandern der türkischen Flotte sich zu nahen; es gelang ihm, mitten
unter dem Regen der türkischen Geschützeskugeln einen dieser Brander
an ein feindliches Schiff zu befestigen und mit verbrannten Händen,
Gesicht und Haaren durch Schwimmen zu den Seinen sich zu retten. Unser
berühmter ~Hackert~ hat, von Alexius Orloff hierzu beauftragt,
in vier Gemälden die vier Hauptmomente dieser mächtigen Seeschlacht
dargestellt, bei welcher das nur zum Verderben der Christen bestimmte
eigne, innre Feuer die türkische Kriegsmacht vernichtete, mithin »ein
Feind den andren fraß«[134]. Diese Gemälde, auch in ihrer stummen
Zeichensprache erregen Schauder; ein ungleich andrer jedoch war jener
den die Donner des Gerichts in jener Nacht im Ohre aller Schläfer des
benachbarten Festlandes und der Inseln, so wie das Gluthfeuer der
gerötheten Berge im Auge der wirklichen Zuschauer weckten. Das Krachen
der vom eignen Pulver zersprengten Schiffe hörte man, wie fernen Donner
bis nach Athen; in Chios wurden die Häuser erschüttert, in Smyrna und
Lesbos erbebte die Erde; die russische Flotte, welche ziemlich fern
von der Bucht sich gehalten, wurde wie vom heftigsten Sturme auf und
nieder bewegt, und mehrere Schiffe, wie schwimmende Nußschaalen vor
dem Hauch eines starken Mannes hinausgestoßen ins Meer. Zwar jene
Türken, die sich ans nahe Ufer bei Tschesme retteten, ließen ungehemmt
ihre bis zum Wahnsinn gesteigerte Wuth an dem armen griechischen Volk
aus, das sie ohne Erbarmen schlachteten und seine Städte und Flecken
in Brand setzten; der Anschlag aber der hohen Pforte, die Christen in
ihrem ganzen großen Reiche zu vertilgen, war über Nacht vergangen;
seine Ausführung schien jetzt nicht mehr rathsam. Man mußte sich denn
doch im Divan gestehen, daß nicht bloß das Panier des Islams, sondern
auch jenes der Christen zuweilen Furcht und Bedenken erregen könne;
denn wäre damals ~Elphinstons~ Muth (m. v. oben S. 405.) auch
bei andren Führern der Flotte gewesen, Constantinopel hätte diese vor
seinen Mauern und in seinem Hafen gesehen. Wie einst Odins Stab die
Stimme der alten ~Whole~ (dieser nordischen Sibylla) aus ihrem
Grabe weckte, das schon so lange von Thau und Schnee benetzt war, so
hatte Tschesmes Feuersäule hier an der nachbarlich angränzenden Stätte
von Erythrä die Stimme der ~Herophile~, der erythräischen Sibylla
aus ihrem Grabesschlummer geweckt, welche mehr noch als das weissagende
Wort der Whole dem Hause des Odin und der Freya, dem Throne Osmans
das nahende Weh verkündete. Und es war noch etwas Andres, Höheres,
was die Stimme der Gräber am Fuße der zerrissenen Felsenhäupter von
Erythrä aussprach; in jenem natürlichen Wohnsitz der Kassandrischen
Begeisterung, wo das Auge gern von den furchtbar verödeten Klippen
nach dem tiefblauen, fast nie getrübten Himmel und seinen Mächten
aufblicket, hat einst Herophile, welche das Alterthum unter seinen
tiefblickendsten, berühmtesten Sibyllen nennt, in prophetischem Geiste
von einer Zukunft gesprochen, da die Reiche und Völker der Erde unter
dem Schatten eines Friedens wohnen werden, der niemals endet[135].
Wir hatten uns lange an der Beschauung der großen Felsenwüste des Mimas
ergötzt; der Sturm brauste laut über die Bergeshöhe und erregte da,
statt der Hitze die wir gestern unten am Meere empfunden, ein Gefühl
von Kälte; wir stiegen in der Schlucht, welche zwischen den beiden
Hauptgipfeln des Berges verläuft, wieder hinab nach dem Meere. Auf
unsrem, wegen des losen Gesteines sehr beschwerlichem Wege kamen wir
an einzelnen Feldern und dürftigen Baumpflanzungen vorüber, um deren
Gezweig sich ohne Aufsicht und Pflege die Rebe schlingt; dazwischen
Trümmer von zerstörten Häusern und Hütten des noch jetzt hier lebenden
Hirtenvolkes, roh aus Steinen zusammengehäuft, tiefer hinabwärts auch
etliche Bruchstücke von weißem Marmor, vormals vielleicht Bestandtheile
eines Tempels oder eines Landsitzes, welcher diese liebliche Bucht zu
seiner Stätte erwählte. Denn lieblich, in der That, muß einst diese
Bucht, in die wir jetzt hinabkamen, gewesen seyn, als ihr noch jetzt
fruchtbarer, grünender Boden von dem Fleiß der Menschenhand mit Gaben
des ordnenden, die Schönheit erkennenden Geistes geziert war.
Wie fern oder wie nahe uns hier unser Schiff sey, wußten wir nicht,
denn die Schlucht, in der wir hinabgestiegen waren, hatte uns die
Aussicht nach der südwestlicheren Seite der Insel verdeckt; ich war
ohne Compaß und auch die Sonne, nach deren Stellung man sich hätte
orientiren können, war von Wolken bedeckt. Wir sahen jetzt an dem
entgegengesetzten Rande der Schlucht einige Männer, der eine mit einer
Flinte bewaffnet, übrigens aber armselig genug aussehend herabsteigen,
welche ihre Richtung gegen uns hin zu nehmen schienen, und obgleich die
erythräische Sibylla uns kein Leid, sondern Frieden geweissagt hatte,
hielt es die Hausfrau dennoch für sicherer, daß wir »des Friedens
halber« mit jenen Leuten uns nichts zu schaffen machten, sondern die
Nähe des Schiffes aufsuchten. Schnellfüßig eilte sie über den steinigen
Hügel hinan, da begegneten uns, ehe wir noch das Schiff sahen, einige
unsrer Reisegefährten, bewaffnet mit Jagdflinten, in ihrer Begleitung
auch die Freundin Elisabeth sammt der Griechin und ihren Kindern. Der
Knabe der Griechin, ein Männlein von eben so lebhafter Einbildung als
großer Furcht, wollte dort am Steinhaufen eine große Schlange gesehen
haben, welche er, noch jetzt blaß vor Schrecken, als ganz entsetzlich
beschrieb; wir forschten nach, es war aber nur eine Eidechse gewesen,
die durch das dürre Gras rauschte.
Ich ruhete ermüdet von der fast schlaflosen Nacht und dem Besteigen
des Gebirges, in dem dichten Gebüsch der Myrten und der Terebinthen,
in dessen Obdach ich mich, zum Schutz gegen den Wind hineingedrängt
hatte, während nicht fern von mir mein Freund Bernatz zeichnete. Der
kurze Schlummer hatte meine Augen zur neuen Lust des Sehens gestärkt;
es war als seyen die alten Felsen wie das Meer ganz etwas Andres,
Neues geworden, auch hatte jetzt der blaue Himmel gegen Nord und West
hin das Nebelgewölk durchbrochen. Verloren in dem Anschauen der Höhen
wie der vom Gewässer bedeckten Tiefe hatte ich selbst den Weg (der ja
eigentlich kein Weg war) verloren, ich konnte weder den Freund Bernatz
noch die andren Reisegefährten finden, endlich ward mir der Ton der
geognostischen Hämmer ein Führer, hinab nach der schönen Bucht, in
der wir vorher verweilten, und hier fand ich die Begleiter, sammt der
Hausfrau und der Freundin.
Da unten auf den Stufen des zerklüfteten Thonschiefers, neben der
blauen tiefen, von keinem Lüftchen bewegten Fluth, in welcher die
Schaar der buntfarbigen Fischlein spielte und die Seeanemone neben
der rothen Aktinie ihren Kelch aufthat, um ihn mit den Strömen des
Wohlgefallens, welche durch die ganze Sichtbarkeit gehen, zu sättigen,
möchte ich wohl jetzt sitzen und meine Reise beschreiben; die Arbeit
würde vielleicht noch einen andren, höheren Ton gewinnen, als hier, wo
der Lufthauch die Aeolsharfe der athmenden Brust nur durch das halb
geöffnete Fenster berührt. Doch auch hier blüht neben mir, vom Wasser
genährt die Rose, wie sie, weißlich gefärbt und nach Bisam duftend an
einem der Felsenabhänge der Insel blühete.
In den späteren Stunden des Nachmittags hatte der Himmel sich ganz
aufgeheitert; das Meer aber, jenseits der stillen Buchten, schlug noch
immer seine weißbeschäumten Wogen. Wir suchten jetzt die Nähe unsres
Schiffes auf und dort verstund man unsren Wink; das Boot setzte sich
in Bewegung und bald waren wir wieder in der kleinen Heimath unsrer
Kajüte, wo wir abermals an einem wohlgelungnen Meisterstück des
Schiffskoches: an dem Gericht der ganz weich gekochten und hinlänglich
gesalznen Linsen uns ungemein erquickten. Hassan hatte, mit der Angel,
die einer unsrer jungen Freunde ihm lieh, sein Glück zur See versucht,
nichts aber erbeutet als einige kleine, bunte Fischlein, die wir unsrer
Sammlung zufügten. Desto glücklicher waren die türkischen Hadschi's
gewesen, welche jetzt, nach verrichtetem Abendgebet von der kleineren
Insel auf der wir gestern gewesen, zurückkehrten, geschmückt und
beladen mit den Blumen der spät blühenden, lieblich duftenden Narzisse,
welche sie, weil sie gestern uns solche Blumen sammlen sahen, freigebig
uns schenkten.
Auch am dritten Tage (den 9ten November) hielt der ungünstige
Wind noch an, obgleich dabei der Himmel ganz wolkenlos und klar
erschien. Auf der kleineren, westlichen Insel, zwischen dem Wrack des
gescheiterten Fahrzeuges und dem Gemäuer des zerstörten Hauses hatten
griechische Fischer, von einer der benachbarten Inseln, ihr langes Netz
ausgeworfen, das sie jetzt eben herauszogen. Auch wir ließen uns zu
ihnen hinüberschiffen, sahen aber bald daß die nächtliche Arbeit der
guten Leute für diesmal vergebens gewesen war; außer einigen Sepien war
nichts im gezogenen Netze, das der Beachtung werth erschien.
Mit Freund Bernatz, welcher heute das allerdings »malerisch schön« vor
unsern Augen liegende Saki (Chios) aufnehmen wollte, hatte ich mich auf
ein Amphitheater der Felsen an der Südwestspitze des kleinen Eilandes
begeben. Der Sirocco ergoß seinen erschlaffend warmen Hauch über das
Meer, auf dem schwarzen Felsen weckte der glühende Strahl der Sonne
eine Hitze, wie sie bei uns nur noch der August oder der angehende
September kennt; auch über das ja fortwährend bald trotzige bald wieder
verzagte Herz ergoßen die Ungedult und der Unglaube ihren lähmenden
Einfluß. Wir waren zu sehr durch den sich immer gleich bleibenden
Fortgang der Dampfschiffahrt verwöhnt, welche uns so schnell nach
Constantinopel und so schleunig von da nach Smyrna gefördert hatte;
wer kann wissen, so murrte das ungedultige, undankbare Herz, wie
lange der ungünstige Wind noch anhält und wie weit indeß, während wir
hier gehemmt sind, die stürmische Jahreszeit des Decembers heranrückt,
welche den weiten Weg über die breite Wasserbahn zwischen Rhodos und
Alexandria, zu einem Weg der Gefahren und der Schrecknisse macht. Doch
so wie unten, zwischen den Klippen, die feste Felsenwand durch ihren
Schatten dem Leibe Kühlung und Erquickung gab, so empfieng die Seele
Schatten und Stärkung, nach ihrem Maaße und in ihrer Art, durch den
Gesang eines guten alten Liedes und durch manches andre kräftige Wort.
Eine besondere beruhigende Kraft liegt auch in der Ausübung des
Handwerkes; in dem Thun und Schaffen des Berufes, den Gott dem Menschen
gab, besonders wenn er ein solcher ist, der überall, auf Felsen wie auf
grünenden Auen, am Meere wie auf Bergeshöhen betrieben werden kann. Ein
vorlängst vorstorbener Rathsherr in N..., aus dessen nachgelassener
Bibliothek ich selber mittelbar einige schöne Bücher gekauft habe,
lernte noch in seinen späteren Jahren Hebräisch, weil er meinte,
dieses sey die allgemeine Sprache der Welt des seeligen Jenseits.
So hoch mir nun auch die hebräische Sprache ihrer innern Kraft und
Bedeutung nach stehet, meine ich doch, daß man sie gerade nicht zu
erlernen brauche, um etwa einmal künftig die Bürger des Jenseits zu
verstehen, denn das, was diese reden, das wird Jeder, der Parther, wie
der Elamiter, gleich wie in seiner Sprache gesprochen vernehmen. Eine
Rede aber kenne ich, welche ausgehet in alle Lande; eine allgemeine
Sprache, welche die ewige Weisheit überall mit ihren Menschenkindern
redet: das ist die Sprache der Werke, die Hieroglyphik der sichtbaren
Gestaltungen in der Natur. Einem Wandrer, dessen Auge und Ohr für
dieses Zwiegespräch der Weisheit mit ihren Kindern geöffnet ist, dem
wird niemals, auch wenn ihn der ungünstige Wind auf eine der öden
Felsenklippen der Hippiden verbannen sollte, die Zeit lang. Auch heute,
nachdem der Nebel der unnöthigen Sorgen verschwunden war, erfuhren wir
dieses. Wir, ich und meine jungen Freunde, hatten uns förmlich, mit
stillschweigendem Vertrag, in die kleine Insel, die ja ohnehin keinen
Herrn hatte, getheilt. Der Maler Bernatz und ich, wir bewohnten ein
großes Amphitheater, das die Natur dort in dem stufenweis absetzenden
Thonschiefer gebildet hatte, unsre Herrschaft war die weite Aussicht
über das Meer und das nachbarliche Chios, kleine Fische in Menge, wie
Unterthanen des Besitzthumes, sonnten sich zu unsern Füßen im Meere;
einer der andern jungen Freunde wohnte und saß wie Thoms, in Zelters
wohlklingendem Liede, »am hallenden See«, wo er purpurfarbne Aktinien
und allerhand Seeschnecken in sein Felsenschloß aufhäufte; der dritte
Herr der Insel, der seine Besitzungen ostwärts hatte, wäre unermeßlich
reich geworden, wenn der Erzgang, den er heute im Thonschiefer entdeckt
hatte, und an welchem er den ganzen Tag von frühe an bis zum Abend
herumhämmerte, statt des goldfarbenen Schwefelkieses auch wirkliches
Gold enthalten hätte. Freilich, mit dem eigentlichen Hausbestand, sahe
es, bei all diesen Schätzen, auf unsrer Insel bedenklich aus; die
schönen Fische mochten mit unsern schönen, neuen Fangwerkzeugen nichts
zu schaffen haben, die Rothhühner wollten sich weder schießen noch
fangen lassen und so kamen wir auch heute sehr hungrig auf unser Schiff
zurück, wo uns, ich schäme mich fast unserer damals noch an beständige
Abwechslung denkenden Leckerei zu erwähnen, ein unvergleichlich
wohlschmeckendes Gericht von gekochten, trocknen Erbsen, aus der Hand
des Küchenjungen erwartete.
Donnerstags, den 10ten November, noch vor Tagesanbruch, lichtete unser
Schiff, zugleich mit dem griechischen Packetboot die Anker und als
wir bei Sonnenaufgang das Verdeck betraten, da waren wir so nahe an
~Chios~ (Saki), daß wir jedes Haus der weithin laufenden Hauptstadt
der Insel mit seinen Fensteröffnungen und den zum Theil zinnenartigen
Mauern unterscheiden konnten, ja daß es uns fast möglich gewesen
wäre, mit den am Ufer wandelnden Menschen ein Zweigespräch zu halten.
Chios wird nicht bloß von den Türken, es wird auch von den Franken,
die sich längere oder kürzere Zeit da aufhielten als das Paradies der
griechisch-asiatischen Inseln geschildert. Hier vermählt sich nicht,
wie in Italien der Weinstock mit der Ulme oder mit der Pappel, sondern
mit dem edleren Bürger des Ostens: dem ~Mastixbaume~, dessen balsamisch
kräftiges Harz nirgends in solcher Güte gewonnen wird denn auf Chios;
das Dickig der Granatbäume, das sich bald mit dem Scharlachroth der
Blüthen bald mit dem Purpur der Früchte schmücket, wechslet mit
dem zarten Weiß und dem glänzenden Golde der Blüthen oder Früchte
tragenden Orangenbäume; am Saume der Oelgärten duftet die Fülle der
Gewürzkräuter. Der kränkliche Engländer Bainbridge, als er in seinem
74sten Jahre einen schmerzhaften Armbruch erlitt, von dessen Folgen
er nirgends in Europa sich erholen konnte, zog hieher nach Chios, in
dessen balsamischer Luft er ein heitres Alter von 93 Jahren erreichte.
Am Nachmittag näherten wir uns dem herrlichen ~Samos~. Ich
bin zweimal an dieser Geburtsinsel des Pythagoras ganz nahe
vorübergekommen, und verweilte auf dem Rückwege, von ungünstigem
Winde gehalten, fast einen ganzen Tag in ihrer Nähe, und beide Male
war es mir, wenn sich mein Auge in der erhaben schönen Gebirgsnatur
dieser Insel ergieng, als vernähme ich, mit dem Ohr des Geistes,
jene Hymnen, mit denen die Schaar der Pythagoräer, dort in dem
fernen Lande des Westens die aufgehende Sonne begrüßte so wie die
niedergehende besang. Die schöne, gewaltige Natur um uns her ist eine
Schrift der musikalischen Noten, zu denen der ernstlich betrachtende
Geist beständig die entsprechenden Töne findet. Heute, da wir dem
hehren ~Cercetiusberge~ von Samos zum ersten Male uns naheten,
sahen wir ihn auch, wie Clarke[136], mit mehreren Kreisen von Wolken
umringt; sein Abhang steiget überaus steil vom Meere aufwärts; etwa
bei zwei Drittel seiner Höhe hat er eine Stelle, an der sich des
Nachts, wie dies schon Clarke berichtet, und wie alle ortskundige
Schiffer es bestättigen, bei stürmischem Wetter eine weithin leuchtende
Feuererscheinung zeiget. Oefters schon sind Eingeborne wie Fremde an
der gähen Bergwand hinan gestiegen, um den Quell dieses phosphorischen
Lichtes zu erforschen, ohne jedoch ihren Zweck zu erreichen. Es
verhielt sich damit, wie, im geistigen Gebiet, mit dem Feuer der
Andacht, welches, je stärker die Stürme von außen toben, desto
lebendiger emporflammet, welches jedoch, wenn ein fremdes, neugierig
forschendes Auge sich ihm nahet, tief ins Innre sich verbirgt, weil
sein eigentlicher Heerd nicht das sichtbare, augenfällige Wesen,
sondern die unsichtbare Region des Geistes ist. -- Das was jene
Phosphorescenz bewirkt, sind wahrscheinlich Schwaden der leuchtenden
Dünste, etwa einer Naphthaquelle, welche nur dann dem Auge sichtbar
werden, wenn sich der weit ausgedehnte und deshalb verdünnte Schimmer,
von fern gesehen, auf engerem Raume zusammendrängt.
Das Gebirge von Samos durchsetzt, in der gleichen Höhe seiner Häupter
die Insel von Ost nach West, dort gegen das Vorgebirge Mykale des
Festlandes, hier gegen das westlich gelegne Ikaria hin gerichtet.
Der alte Name ~Ampelos~, den die niedere, gegen Westen verlaufende
Fortsetzung des samischen Gebirges trug und der sie als einen Weinberg
bezeichnete, ist in unsern Tagen vielleicht wahrer und richtiger denn
vormals; denn der lieblich süße Wein des jetzigen Samos wird selbst
nach Europa geführt und ist hier hochgeachtet, während das alte Samos
sich nicht durch Weinbau auszeichnete. Die jetzigen Bewohner der Insel
haben freilich die Armuth zum Sporn für ihre landwirtschaftliche
Thätigkeit, ein Sporn, welcher den vormaligen Einwohnern abgieng.
Denn wie die Herrscherin Juno auf diesem blumenreichen[137] Eilande
die Tage der ersten Kindheit und blühenden Jugend verlebte, so hat
auch hier Joniens Macht und Reichthum einen Lieblingssitz seiner
aufblühenden Jugend gehabt. So mächtig und reich denn Samos war damals,
als ~Polycrates~ sie beherrschte, keine der griechischen Städte und
Inseln; die Geschwader der reich beladenen Handelsschiffe, beschirmet
von hundert Kriegsschiffen zogen von ihrem Hafen aus und ein, und
hinaus bis über die Säulen des Herkules, aber so wie das Loos des
allzuglücklichen Polykrates selber, war auch jenes der reichen Stadt:
jener starb durch Hinterlist eines äußern Feindes den Tod des Sklaven;
diese fand zuerst durch innre, dann durch äußre Feinde ihren Untergang.
Das mächtige Samos, das unter Polykrates 100, das noch in den Zeiten
des Peloponnesischen Krieges 60 Kriegsschiffe ausrüstete, hat jetzt nur
noch einzelne Fischerboote; sein Hauptort, das Städtlein Kora, gleicht
einem armen Marktflecken.
Zwischen dem hochgebirgigen Samos und dem niedrigeren, vormals so
weidereichen ~Ikaria~ (jetzt Nikarie), das uns in den Abendstunden
zur Rechten (im Westen) lag, bewegt sich das durchströmende Meer fast
immer in höheren Wogen denn außerhalb der Meerenge; heute jedoch
erschien diese Bewegung von ganz besondrer Stärke. Die Wolkenringe um
den Cercetius hatten uns nichts Gutes bedeutet; der frische Wind, der
am Tage wehete, hatte sich zum Sturmwind verstärkt. In dem Contrakt,
den wir in Smyrna mit unsrem Capitän abgeschlossen hatten, war als
eine der Hauptbedingungen festgesetzt worden, daß er an Patmos landen
und dort einen Tag mit uns verweilen solle; er selber, der Capitän,
wünschte aus persönlichem Interesse diese Bedingung einhalten zu
können, denn er hatte auf jener Insel einen Sohn, dem er, von Smyrna
aus, mancherlei zu bringen im Begriff war. Doch die Fahrt vorüber
an den Corassischen Felseninseln und zwischen den südwärts, gegen
Patmos hin gelegnen Klippen und Riffen hätte uns diesmal gar leicht
ähnliche Gefahren bringen können, als dem Ikaros der alten Fabel,
dessen Grab das benachbarte Ikaria geworden, sein Flug über das Meer,
denn in der Nacht wurde der Sturm so heftig, daß die Wellen über
das Verdeck des Schiffes schlugen und einen Theil ihres Gewässers
herunter in die Kajüte strömten. Es war der erste Sturm, den wir auf
dem Meer erlebten; das Aufrechtstehen war uns unmöglich; vom Lager
aus, an dessen Brettersaum man sich festhalten mußte, um nicht jetzt
heruntergerollt, dann wieder gegen die Wand geworfen zu werden,
sahen wir mit Schrecken und Bedauern, wie nicht bloß die Kiste, in
der Mitte der Kajüte, hin- und hergerissen wurde und die Reisekoffer
an diesem stoßweisen Bewegen Antheil nahmen, sondern wie auch unsre
wissenschaftlichen Geräthschaften, vor allem aber die scheinbar so
gut und sicher gestellten Barometer der Gewalt unterlagen, von denen
das eine in dieser Nacht den Todesstoß erhielt und auch ein andres,
in Wien gekauftes, wenigstens für diese Reise unbrauchbar wurde. Der
Capitän Angeli, der sich uns auf dieser ganzen Reise als ein Ehrenmann
gezeigt hat, welcher gern sein gegebenes Versprechen erfüllte, sendete
mehrmalen den Unterkapitän zu uns hinab in die Kajüte und ließ uns
fragen, ob wir nicht lieber wollten, daß die Beschwerlichkeiten dieser
Fahrt vermindert würden, indem wir das freie Meer suchten; wir hätten
aber gern alle jene vorübergehenden Uebel erduldet, wenn nur Patmos
wäre erreicht worden. Als er uns aber, etwa gegen 2 Uhr des Morgens,
sagen ließ, er sey zwar noch immer bereit, sein gegebenes Wort zu
halten, wenn wir darauf bestünden, aber er halte jetzt die Weiterfahrt
zwischen die Felsenklippen und selbst nach dem Hafen von Patmos, dessen
Eingang schwierig sey, für gefährlich, -- da entließen wir ihn seines
Versprechens und gaben für diesmal den Besuch der guten Insel auf.
Freilich schmerzte es uns sehr, als wir beim Aufgang der Sonne das
herrliche Patmos so nahe hinter uns sehen mußten, ohne seinen durch
vielfache, hehre Erinnerungen geweiheten Boden betreten zu können.
Da lag es, von der Morgensonne beleuchtet, vor uns, wie die Gestalt
eines brütenden Adlers; das Haupt mit dem kastellartigen, griechischen
Kloster gekrönt; an der einen der beiden Schwingen, jedoch jenseits
unsres damaligen Gesichtsfeldes, liegt die Schule und Grotte des h.
Johannes, wo dieser im Geiste die Zukunft und den Ausgang der Kämpfe
des Geistes mit der Macht des Scheines erblickte; die Abhänge des
Berges wie der Saum der Küste mit einer großen Zahl der Kirchlein und
einzelnen Kapellen bedeckt.
Der Wind hatte schon vor Aufgang der Sonne seine Sturmesgewalt
abgelegt, war aber noch immer kräftig und der Richtung unsrer Fahrt
günstig. Schon am Vormittag sahen wir zu unsrer Linken (westwärts) die
Insel ~Leros~ (Lirios); am Nachmittag fuhren wir an dem honigreichen
~Kalymna~ (Kolmone) vorüber, gegen Abend ergözte uns der nahe Anblick
von ~Cos~ (Stanchio). Hier war ~Apelles~, der altberühmte Meister der
Malerkunst geboren; wie sein hochgepriesenes Bild der Venus Anadyomene,
das hier in dem Tempel des Aeskulap stund, später aber Cäsars Tempel
in Rom zierte, war auch hier die Arzneikunde, als ein festgestaltetes
Wissen aus dem Meere der vielfältigen Erfahrungen und Wahrnehmungen
hervorgestiegen, denn aus Cos entstammte ~Hippokrates~, der Vater der
Arzneikunde, dessen forschender Geist an der wachen (nicht träumenden)
Beachtung jener Gedenktafeln am Tempel des Aeskulap erwacht war, welche
in einfachen Worten die Geschichte einzelner Krankheiten und ihrer
Heilung erzählten. Noch jetzt ist Cos eine schöne, von der Natur reich
begabte Insel, wenn auch jener hohe Wohlstand, welchen ihr vormals
die Webereien der Purpurgewande und der farbigen Tücher gaben, schon
längst von ihr gewichen ist.
Es war heute der zweite Tag nach dem Neumonde und zugleich der Sonntag
der Türken: unser Freitag. Sie hatten bei Sonnenuntergang knieend
ihre Gebete verrichtet und dabei auf eine lieblich lautende Weise
gesungen. Daß wir Männer ihre Andacht beobachteten, schien ihnen nicht
zuwider, wohl aber, daß auch die Frauen dieß thaten, weshalb diese
auf die Kajütentreppe sich zurückzogen. Indeß trugen sie uns jenes
Versehen nicht nach, und als nach Sonnenuntergang am heitren Blau des
Himmels die zarte Sichel des Mondes sich zeigte, da wurden sie sehr
fröhlich darüber, zeigten uns dieselbe und weissagten aus der Klarheit
des Mondlichtes einen ferneren günstigen Fortgang unsrer Fahrt. Doch
wie trügerisch sind alle solche Schattenspiele, die der Mensch sich
selber schaffet und welche er Voraussicht des Künftigen nennt, mag
nun in seiner +laterna magica+ als Lampe die Mondsichel oder ein
phosphorisch entzündeter Dunst leuchten. Der günstige Wind hatte uns
während der darauf folgenden Nacht ganz verlassen; wir schwebten am
andern Morgen (Sonnabends den 12ten November) noch südostwärts von
Cos; hinter uns im Norden zeigten sich die Gebirge der Umgegend von
~Halikarnassos~, welche das Andenken an den hier geborenen Vater
der Geschichte, an ~Herodot~, verherrlicht, und wo der Reisende
noch jetzt das von dem deutschen Johanniterritter ~Schlegelhold~
aus den Ruinen des als Weltwunder gepriesenen Mausoleums erbaute Schloß
~Petreon~ bewundert; nahe bei uns erhuben sich die schroffen
Felsenhäupter von ~Cnidos~, im Westen ~Nicyros~. Wenigstens
mit dem Fernrohr blickten wir (an Zeit hinzu fehlte es uns bei der
heutigen, langsamen Fahrt nicht) hinüber nach den Ruinen des einst so
schöngebauten Cnidos, der Vaterstadt des ~Praxiteles~ und jenes
~Sostrates~, der als Erbauer des Pharos in Alexandria so großen
Ruhm erlangte. Ob das, was wir, in etwas ungünstiger Beleuchtung als
Ruinen zu sehen glaubten, wirklich die noch vorhandenen Reste des alten
Theaters seyen, oder ein andres Gemäuer, konnten wir nicht entscheiden.
Gegen Abend näherten wir uns der Insel ~Symi~ und beschlossen im
Anblick dieser gewaltig schönen Felsenberge die erste Woche unsres
Seelebens mit frohen, dankbaren Herzen.
In der Nacht hatte sich ein schwacher Wind aus Norden, vom Lande her
erhoben; mittelst desselben war es unsrem Schiffe gelungen, bis in die
Meeresstraße von Rhodus vorzudringen, und als am Sonntag den 13ten
November die Sonne aufgieng, da beleuchtete sie uns ~Rhodus~ in
solcher Nähe, daß wir jede einzelne Windmühle an der Nordseite der
Stadt deutlich unterscheiden und das (schwache) Bewegen ihrer Flügel
bemerken konnten. In einer Stunde, so sagte uns selbst der in seinen
Voraussagungen sehr vorsichtige Obercapitän, könnten wir im Hafen
einlaufen. Aber diese Stunde währte lange. Eine plötzlich eintretende
Windstille hielt unser Schiff dort, im Anblick der nun auch stille
stehenden Windmühlen, wie festgebannt, die Segel mochten gezogen und
gespannt werden wie sie wollten, immer hiengen sie schlaff und leblos
herab. Wem es etwa im Traume so vorkam, als ob er gehen wollte, und die
Füße waren ihm wie gelähmt, er wollte mit der Hand zugreifen oder die
Zunge zum Sprechen bewegen, und beide waren so starr, als wären sie in
Stein verkehrt, der hat eine ohngefähre Vorstellung von dem Zustand
eines Schiffenden, der ganz nahe bei dem Ziele und neben diesem
hin und her schwebt, ohne dasselbe erreichen zu können. Der Morgen
vergieng noch leicht; wir hatten ihn meist stille lesend in der Kajüte
zugebracht; der Nachmittag aber, als wir auch da, so oft wir aufs
Verdeck traten, immer auf demselben Fleck uns sahen, wurde schon etwas
schwerer. Man bot jetzt dem einen, dann dem andern Hadschi eine Prise
Tabak, diese guten Leute dagegen nöthigten den Geber des Schnupftabaks
etwas von ihren Süßigkeiten: den getrockneten Jujubenbeeren oder
Aprikosen anzunehmen, und solches durfte man nicht verschmähen, so wie
auch die Türken, selbst ohne daß man sie dazu einlud, wenn für uns etwa
in der Küche ein ihnen neues oder sonst anständiges Gericht bereitet
wurde, mit ihren Fingern in die Schüssel langten und kosteten. Man
gieng wieder hinab in die Kajüte und las, aber leider nicht auf solche
Weise, daß das Lesen dem Herzen Ruhe und Stärkung gebracht hätte, denn
der Unmuth des verzagten Herzens schaute mit in das Buch hinein; die
Ungedult wendete das Blatt um. Abermals traten wir in einer späteren
Nachmittagsstunde hinauf aufs Verdeck und sahen da noch immer die
gleichen stillstehenden Windmühlen von Rhodus; Vögel vom Lande wie
vom Meere her vorbeiziehend vor unserm Schiffe, giengen und kamen;
ein Wind aber, der auch uns von der Stelle bewegt hätte, wollte nicht
kommen. Endlich, am Abend, beim Untergang der Sonne erhub sich einer;
die Windmühlen, die so lang und oft betrachteten, regten ihre Flügel,
unsre Segel schwellten sich auf, aber leider es war nicht der Wind, den
wir zur Förderung unsrer Reise brauchten, sondern der conträrste von
allen, welcher uns in diesem Augenblick hätte kommen können: der Wind
aus Südost, welcher alsbald unser Schifflein auf seine Schwingen nahm
und es wieder dahin zurückführte von wo es gestern hergekommen war.
Ich schäme mich, es zu gestehen; aber es gehört mit zu den Zügen der
innern Geschichte dieser Reise, darum sey es bekannt: mein ganzer
Muth war mir jetzt durch diesen so wenig bedeutenden Vorfall wie
gebrochen und gelähmt; ich hätte gleich jenem Manne, dem ein Wurm seine
Kürbisstaude stach, unter deren Ranken und Blättern er Schatten fand,
so daß sie am Hauch des Südwindes verwelkte, vor Verzagtheit und Unmuth
sterben mögen. Ich war mit der Hausfrau hinabgegangen in die Kajüte,
der Kleinmuth äußerte bei uns gegenseitig seine so leicht ansteckende
Gewalt; es war mir an diesem Abend, als würde die Frage »wohin willst
du?« von welcher ich am Eingang dieses Werkes gesprochen, in ganz
andrer Weise als vormals an mich gerichtet: in jener, in welcher man
einen Entflohenen fragt, der entwichen ist aus dem Hause, dahin er
gehörte, zu dem »Brunnen in der Wüste am Wege zu Sur«[138]. Zweifel,
ob dieser Weg wohl recht sey, ob man nicht wieder umkehren solle,
stiegen wie düstre Wolken über die erschrockene Seele auf; die Arme,
sie hatte vergessen, daß sie, ihrer Natur nach, dazu gemacht ist, auf
einem Felsen zu stehen, der überall ihr nahe ist, und hatte sich in
ein wogendes Meer geworfen, in welchem des unstäten Bewegens weder
Anfang noch Ende ist. Sehr wohlthätig war uns an diesem Abend, welcher
unter dem Panier der Zweifel dahin fahren wollte, die Nähe unsrer
sich gleich und ruhig bleibenden Freundin Elisabeth, die uns daran
erinnerte, daß es ja wohl im Leben nichts Neues und Ungewöhnliches sey,
daß am Abend das Weinen währe, am Morgen aber die Freude komme, und daß
bei einer solchen Pilgerreise nach der Stätte des Aufganges mit dem
äußern Fortbewegen durch den Raum der Meere und Länder auch ein innres
Fortbewegen gut und nützlich sey, durch die Bahn der Selbstverläugnung
und der Gedult.
Rückwärts gieng die Fahrt recht schnell; wir kamen in einer Stunde so
weit von Rhodos hinweg, daß wir nur noch die Umrisse der Gebirge im
Licht der Dämmerung unterschieden. Der Wind wurde während der Nacht
stärker, wir hörten in unsren Halbschlummer hinein das Rauschen und
Anschlagen der Wellen und die Stimmen der arbeitenden Schiffer beim
Hin- und Wiederspannen, Aufziehen und Niederlassen der einzelnen Segel,
so wie die Commandoworte des Capitäns, welche auf ein nahes Einlaufen
in einen Hafen hindeuteten. In den Frühstunden wurde das Meer stille,
das Schiff schien wie in einer stillen Bucht zu ruhen oder kaum
merklich sich zu bewegen, auch der Leib fieng an in die stille Bucht
eines erquickenden Schlafes einzulaufen.
Da wir am Morgen, ~Montags den 14ten November~, auf das Verdeck
traten, beleuchtete uns die aufgehende Sonne eine Felsengegend, deren
erhabene Wildheit ein Gefühl des Schreckens und der Ehrfurcht zugleich
weckte. Man erzählt von einem berühmten Reisenden, daß er in der
Audienz, die er bei dem geistig größesten Monarchen seiner Zeit hatte,
sich mit etwas ungeschickter, naiver Dreistigkeit benommen habe. Der
Monarch fragte ihn lächelnd: er habe wohl schon die Bekanntschaft
mehrerer Könige gemacht? »O ja«, erwiederte der Reisende, »ich habe
die Ehre gehabt, schon fünf wilde und zwei zahme (europäische) Könige
kennen zu lernen und Eure Majestät sind von diesen der dritte.« Zu
jenen wilden Hoheiten und Herrlichkeiten, auf deren Bekanntschaft sich
der Naturfreund eben so viel zu gute thun kann, als unser Reisender
auf die Bekanntschaft seiner fünf wilden Könige, gehört auch die
Gegend von ~Symi~, in deren enger Bucht wir uns jetzt befanden.
Die Felsenmassen dieser Insel gleichen nach ihrem Maaße und in ihrem
Geschlecht den hohen Mimosenbäumen der Wüste, die sich neben den
Ehrfurcht gebietenden Denkmalen des alten Aegyptens erheben, und von
deren Rinde der genügsame Araber sein eßbares Gummi sammlet; wie diese
in ihrer Art prachtvollen Bäume mit Stacheln, so ist hier das schroffe,
wilde Kalkgebirge mit unzähligen Zacken und vorragenden Felsenspitzen
bedeckt; das wenige Grüne, das man in den einzelnen Vertiefungen
gewahr wird, scheinet kaum zur Ernährung etlicher Ziegen hinzureichen,
und dennoch finden da ganze Gemeinden eines kühnen Küstenvolkes
hinlängliche Mittel des Unterhaltes und des Erwerbes.
Wir fuhren langsam in den engen Meeresarm hinein: in dem kleinen, vom
Kesselrand der hohen Felsen umgürteten Hafen von ~Sembecki~ warfen
wir Anker. Hier erfuhren wir, daß uns nur nach dreitägiger Quarantäne
das Anlanden und der unmittelbare Verkehr mit den Eingebornen könne
verstattet werden, weil das Schiff mit türkischen Reisenden gefüllt
sey, die aus verpesteten oder doch der Pest verdächtigen Gegenden
kamen. Unser Capitän wollte wenigstens für uns Franken (denn die
hiesige, noch in ihrer Kindheit begriffene Quarantäne war gar leicht
zur kindlichen Nachgiebigkeit zu bewegen) eine kleine Vergünstigung
erlangen; er fuhr mit mir und meinen beiden jungen Aerzten in einem
Boot hinüber nach dem Landungsplatze. Einer der Vorstände der neuen
Quarantäneanstalt, ein Grieche, mit noch mehrern andern ansehnlichen
Bürgern der Stadt trat zu uns an den Rand des Hafendammes, der Capitän
sprach gar Manches zu unsern Gunsten, und nach kurzem Hin- und Herreden
wurde uns Franken, weil wir unsrer so wenige seyen, erlaubt, bei dem
Felsenufer diesseits der Stadt, ans Land zu steigen, doch dürften wir
nicht in die Stadt selber kommen und sollten uns jeder Annäherung
an ihre Bewohner enthalten. Für diese Vergünstigung waren wir sehr
dankbar, und beschlossen sie sogleich zur Beschauung des merkwürdigen
Felseneilandes zu benutzen.
Zuerst geben wir einige Züge aus der Geschichte der Bewohner dieser
Insel, welche von jetzt an drei Tage lang uns Sicherheit und Ausruhen
in ihrem Hafen gewährte. Den Namen ~Symi~, so erzählt uns
das Alterthum, erhielt dieses felsige Eiland von der entführten
Gemahlin eines Fürsten jener Ansiedler, welche schon vor den Zeiten
des trojanischen Krieges hier ihren Sitz aufschlugen. Später maßten
sich die Karier die Herrschaft der Insel an, die jedoch freiwillig
den Besitz des Felsennestes aufgaben, in welchem dann gelegentlich
Archiver, Lacedämonier und zuletzt Rhodier ihre Bleibstätte
aufschlugen. Während der Herrschaft des Johanniterordens auf Rhodus
gehörte Symi zu jenen acht Inseln, welche im Besitz des Ordens
waren[139]. Noch jetzt erinnert das alte, hoch auf dem Berg begründete
Schloß, so wie das ansehnliche, auf einer andern Seite der Insel
gelegne griechische Kloster an jene Ritterzeit, welche durch Suleimans
des Großen Eroberung von Rhodos im Jahr 1522 endigte. Damals hatten,
bei der Belagerung der Stadt, die Griechinnen von Symi, als geschickte
Taucherinnen, dem Osmanischen Herrscher so gute Dienste geleistet, daß
er ihnen das Vorrecht ertheilte, einen weißen (türkischen) Kopfbund
zu tragen; ein Vorrecht, von welchem die Nachkomminnen bis auf unsre
Tage Gebrauch machen, wenn sie in Rhodos bei den dortigen Türken ihrem
Geschäft als Wäscherinnen oder andern Taglohngeschäften nachgehen, um
sich den sonst spärlich zugemessenen Unterhalt zu erwerben.
* * * * *
Noch jetzt ist Symi vorherrschend und fast ausschließend von
griechischen Christen bewohnt; noch jetzt zeichnen sich, wenigstens die
hiesigen Männer, durch dieselbe Geschicklichkeit aus, welche Suleiman
der Große an den damaligen Frauen anerkannte und belohnte; in Symi
wie in dem benachbarten Nisyros leben die berühmtesten Schwammfischer
und Taucher des Mittelmeeres. Da, unter ~Hamiltons~ Leitung, die
Engländer jene reiche Beute an Kunstschätzen, welche nun eine Zierde
ihrer Museen sind, aus Athen hinwegführten und eines der Schiffe, das
mit diesen Kostbarkeiten beladen war, außer ihnen aber auch wichtige
Papiere enthielt, in der Bay von Cerigo unterging, ließ man einige
von jenen Tauchern kommen, welche in die Tiefe von sechszig Fuß bis
zu dem untergesunkenen Schiffe hinabtauchten, eiserne Stangen durch
die mit Marmorwerken erfüllten Kisten stießen und so das Heraufziehen
derselben möglich machten[140]. Den Haupterwerb dieser Inselbewohner,
die an Kühnheit und Geschicklichkeit des Untertauchens mit den
Seevögeln wetteifern, lernten wir auf jeder unsrer Wanderungen kennen,
die uns etwa in die Nähe eines außer der Stadt gelegnen Hauses führte;
denn auf dem breiten Steinpflaster vor den Hausthüren lag die Menge der
erst neulich aus der Tiefe heraufgebrachten Badeschwämme zum Trocknen
aufgehäuft. Schon ~van Egmont~ und ~Heyman~ erwähnen einer
Sitte der Taucher zu Symi, die noch jetzt herrschen soll, und welche
an Schillers Ballade vom Taucher erinnert. Wenn ein bemittelter Vater
für seine Tochter einen Mann wählen will, kündigt er den Tag der Wahl
den unverheuratheten Burschen an, welche sich dann bei der Meeresbucht
versammlen und vor den Augen der künftigen Braut so wie ihres Vaters
ins Meer hinabtauchen. Der, welcher am tiefsten hinabzutauchen und am
längsten im Wasser zu verweilen im Stande ist, empfängt die Hand des
Mädchens[141].
* * * * *
Das Ufer, an welchem wir mit unsrem Boote anfuhren, war nur etliche
hundert Schritte vom Schiffe abgelegen; einige Fischerhäuser stunden
ganz in der Nähe des Landungsplatzes. Das Hinansteigen auf die Anhöhe,
überhaupt aber das Herumwandern an diesen Felsenufern war keine leichte
und angenehme Sache. Ich habe selten so viele, so eng zusammengedrängte
Gräten und Zacken und Spitzen der Felsenmassen gesehen als gerade an
jenem Theile der Bucht, bei welchem wir ausstiegen. Wenn man über eine
der Gräten oder größern Felsenspitzen hinübergestiegen war, da hemmte,
schon in einer Entfernung von einigen Fuß eine andre das Weitergehen,
oder es erschwerten die kleineren Zacken das Fortkommen. Bei all der
Regellosigkeit und anscheinenden Verworrenheit, in welcher diese,
nicht aus herumgestreuten Felsenblöcken, sondern aus festanstehenden
Massen bestehenden Spitzen emporstarrten, blickte dennoch wie eine
Art von Bildungsgesetz aus dem Dunkel hervor; der Gesammtumriß glich
jenem der Mäandrinen unter den Steincorallen, deren Vertiefungen und
Erhöhungen bogig sich um die thierisch belebte Gallertmasse der Polypen
herumwinden.
Wir nahmen uns heute noch keine Zeit, diese Gesteine genauer zu
betrachten, sondern mehr als sie zog uns der Anblick der lebenden
Natur an. Es war jetzt gerade die Zeit der Safranernte; jeder Fußbreit
Landes zwischen den Felsen, ja jede Handbreite des Erdreichs, die
sich in den kleinen Höhlungen und Blasenräumen angelegt hatte, ist
von den fleißigen Bewohnern der Bucht zum Anpflanzen jenes nützlichen
Gewächses benutzt worden; die meist goldfarbigen, zum Theil stark
ins Röthliche spielenden Blüthen gewährten im Großen einen ähnlichen
Anblick als eine in Felsenstein gehauene, mit Gold ausgelegte Schrift.
Wir kamen jetzt zu schmalen Fußsteigen, die, etwas bequemer zum Gehen,
bald auf-, bald niederwärts gebogen an dem steilen Abhang hinliefen.
Aus den Felsenritzen ragte die große, feste Knolle des persischen
Cyclamen (+Cyclamen persicum+) hervor, zum Theil mit duftenden
röthlich-weißen Blüthen geziert; weiterhin nach einer Schlucht,
durch welche in der Regenzeit ein Gießbach herabstürzt, fanden wir
die buntfarbige Herbstzeitlose (+Colchicum variegatum+) und
die schon öfter erwähnte goldfarbige Sternbergia, so wie im Schatten
des Gesteines die Calocasien-Aronwurzel. Die Zwiebeln und verdorrten
Stengel der Asphodi-Lilien, Scillen und Hyazinthen ließen uns ahnden,
wie reich und schön die Vegetation dieser Felseninsel im Frühling
seyn müsse. Unten am Meere zeigte sich eine große Mannichfaltigkeit
der Seeschwämme, wiewohl keiner von denen, welche an der Küste sich
fanden, noch fest saß oder mit der frischen Gallert erfüllt war,
sondern nur abgerissene, von den Fluthen ausgeworfene Stücke in unsre
Hände fielen. Desto frischer waren die Tangarten, die an den Klippen im
Meere wuchsen, vor allen zog der Pfauentang, durch seine schöne Form
und Färbung die Blicke auf sich. Wir stiegen neben dem Gießbachbette
der Schlucht hinanwärts; oben auf der Höhe zeigten sich Oelbäume und
einzelne Gärten, deren spärliche Anpflanzungen von Weinreben und
Obstbäumen durch mauernartige Anhäufungen von Steinen und noch mehr
durch die scharfstachlichen Hecken der Opuntienfeigen (+Cactus
Opuntia+) vor dem Eindringen der Ziegen nothdürftig geschützt
werden. Zwischen den Felsenklippen neben und über uns zeigten sich
hie und da die Bewohnerinnen der Insel mit dem Einsammlen des Safrans
und andern Feldarbeiten beschäftigt, deren Ertrag hier keinesweges im
Verhältnis zu der angewendeten Mühe steht. Von der Anhöhe herab konnten
wir etwas weiter in die Bucht hinabschauen und sahen da, wie hoch schon
dort die weiß beschäumten Wellen giengen und mit welcher Anstrengung
ein Schifferboot, das einer andern Stelle der Küste zusteuerte, mit
der Bewegung des Wassers und der Luft kämpfen mußte, während unser
Schifflein so ruhig und gesichert lag.
Da wir von unsrer Wanderung ziemlich ermüdet und hungrig zum Schiff
zurückkehrten, fanden wir die bisherige gesellige Stimmung der
Reisegefährten gegen uns sehr verändert. Die Türken so wie die Griechin
mit ihren Kindern hatten auch gleich uns ans Land steigen wollen, die
Quarantänehüter jedoch es ihnen nicht erlaubt. Da war unter ihnen, und
zwar mit einigem Recht, ein unmuthiges Murren entstanden: warum denn
gerade uns nur, den Fremden, das Aussteigen zugelassen, ihnen aber,
den Unterthanen des Landes, hier auf einer türkischen Insel verwehrt
sey. Allerdings hätte sich darauf erwiedern lassen, daß ein Mann aus
der Quarantäne, der von dem Städtlein her über den Felsensteig bis
zu unserm Landungsplatz gegangen war, unsre Bewegungen zu bewachen
schien und die Bewohner der benachbarten Fischerhütten, die sich uns,
Schwämme und Safran zum Verkauf anbietend, nähern wollten, vor dieser
Annäherung warnte, eine Vorsichtsmaßregel, die nur bei so wenigen
Personen, als wir waren, wirksam seyn konnte, nicht aber dann, wenn
mehr als hundert solche Leute ans Land gestiegen wären, welche nicht
gewohnt sind, von den Griechen sich etwas sagen zu lassen. Alle solche
Entschuldigungsgründe fanden aber bei unsern Türken keinen Eingang;
den Meisten von ihnen war ohnehin eine Quarantäne im türkischen Reiche
noch etwas ganz Neues und Unerhörtes, mit den Grundsätzen des Islams
im Widerspruch Stehendes. Am deutlichsten zeigte sich die neidische
Erbitterung bei dem Iman, dem ältesten Sohne des Fabrikanten aus
Magnesia, so wie bei jenem Trupp der Türken, der das Vordertheil des
Schiffes einnahm, wohin wir nur selten kamen. Bald jedoch gab sich
bei den Meisten diese Verstimmung. Die Nachbaren an der Kajütentreppe
nahmen wieder freundlich lächlend die dargebotenen Prisen des
Schnupftabaks; der lange Türke, der mit seiner verschleierten Frau und
seinem Töchterlein die größere Bretterhütte am Hintertheil des Schiffes
bewohnte, langte wieder wie sonst mit seinen Fingern in unsre Schüssel
mit Nudeln, als diese von der Küche aus an ihm vorübergetragen wurde;
der gute Hassan aus Smyrna, der sich am wenigsten hatte von der Sache
afficiren lassen, kam wieder mit dem Capitän hinab in unsre Kajüte und
unterhielt uns mit der Beschreibung seiner häuslichen Einrichtung; der
Capitän erzählte von seinen Kämpfen und Gefahren im Befreiungskriege
von Griechenland. Freilich war es keine leichte Sache, das gebrochne
Italienisch dieser guten Leute zu verstehen. Hassan zwar, der als
Kaufmann öftere Uebung hatte, konnte noch ziemlich deutlich es uns
begreiflich machen, wie sehr er über die vielerlei Geschicklichkeiten
der fränkischen Frauen verwundert sey, da die seinige den ganzen Tag
kein andres Geschäft übe als essen und trinken und den Besuch des
Bades der Weiber; wenn aber der Capitän jene Lieblingsgeschichte
seines Feldzuges erzählte, wo er einen von den Türken hart verwundeten
Franken, der neben ihm kämpfte, auf seinem Rücken von dem Orte der
Gefahr hinwegtrug, da konnte man nicht daraus klug werden, ob dieser
Getragene lebendig oder todt gewesen sey, denn bald schien die Rede
andeuten zu wollen, daß die Türken demselben den Kopf abgeschnitten
hätten, bald aber berichtete sie wieder, daß der hart Verwundete
gesprochen habe.
Schon gegen Abend, noch mehr aber bei Nacht erhub sich ein heftiger
Sturm, dessen Sausen so wie das ferne Rauschen des von ihm bewegten
Meeres man hinein hörte in unsre stille Bucht. Einige kleine Schiffe,
die dem Ungewitter entflohen waren, legten sich neben dem unsrigen vor
Anker; ein mächtiger Regen ergoß sich in Strömen auf das Verdeck; die
armen Türken, die im untern Schiffsraume kein Unterkommen fanden und
selbst die Griechin mit ihren Kindern, in der leichten Bretterhütte,
wurden sehr durchnäßt, während man den Eingang zu unsrer Kajüte mit
einer dicken Decke verwahrt und auch das Fenster mit Brettern bedeckt
hatte, so daß es uns mehrere Male in der Nacht war als sollten wir
ersticken. Auch am Morgen den 15ten November regnete es noch etwas,
doch erlangten wir wenigstens eine baldige Befreiung von den Decken
und Brettern, so daß ein nothdürftig erhellender Schein des Tages uns
erlaubte auf der über die Kniee gelegten Mappe einen Brief und die
Fortsetzung unsrer Tagebücher zu schreiben. Wie dankbar lernte man bei
solcher Witterung jene große Wohlthat erkennen, welche uns durch das
bisher so beständig anhaltende gute Wetter widerfahren war, das uns
doch täglich erlaubt hatte, aufs Verdeck zu gehen und hier die längste
Zeit zu verweilen. Denn in unsrer Kajüte vermochten die Meisten von
uns nur dann aufrecht zu stehen, wenn sie unter das Fenster der Decke
traten; an allen übrigen Punkten mußte man sitzen oder gebückt stehen.
Heute konnten wir doch auch an jenem Handelsverkehr mit den Insulanern
Theil nehmen, welchen gestern, während unsrer Abwesenheit, die Türken
allein genossen hatten. Man brachte vortrefflichen Honig, Feigen und
etwas Wein zum Verkauf, welcher, wie man uns sagte, der einzige noch
übrige Vorrath im Hause des Weinverkäufers sey; denn man pflegt hier
den wenigen, selbst gebauten Wein großentheils als Most zu trinken und
den Schwammfischern und Schiffern sagt der Racki (Traubenbrantwein)
besser zu denn der schwächer wirkende Wein. Auch etwas frisches
Lammfleisch hatten wir erhalten, das jedoch, da man es an den Mastbaum
gehangen, irgend einen andern Liebhaber und früheren Esser unter der
Schiffsgesellschaft gefunden hatte, als uns.
Mittwochs den 16ten November war zwar der Himmel wieder vollkommen
heiter, aber es wehte der Wind noch aus Südwest, welcher, so warm
er auch erschien, dennoch, wie ein falscher Freund uns ungünstig
und entgegen war. So ließen wir uns denn abermals bei demselben
nachbarlichen Punkte, wo wir neulich es gethan, ans Land setzen,
stiegen über die scharfen Gräten der Felsen hinüber und giengen
dann in der Schlucht am Gießbachbette hinan, wendeten uns jedoch
weiterhin links auf die Anhöhe, welche der Stadt unmittelbar gegenüber
liegt. Wir schauten von da hinunter auf die kleine Schiffswerfte des
Städtleins und folgten wenigstens mit unsern Blicken den Schaaren
der Beschäftigten oder der Käufer und Verkäufer, welche von dem
untern Theil der Stadt den steilen Berg hinanstiegen auf den oberen,
oder von da hinab zum Meere. Unten im Thale, das nicht fern von der
Schiffswerfte an der Meeresbucht endet, sahen wir manchen grünenden
Baum und Strauch, wie es uns schien, selbst einige Palmen; aber so
wenig auch die Fernansicht uns genügte, hinabzusteigen zur Stadt, und
in das grünende Thal erlaubte die Quarantäne uns nicht. So nahmen wir
denn wenigstens ein Bild des seltsamen Felsennestes mit uns und zwar
in doppelten Exemplaren: das eine, welches sich der Seele einprägte,
das andre von der treuen Hand unsers guten Bernatz aufs Papier
gezeichnet. Du alte, verfallene Ritterburg auf dem Berge, hast zur Zeit
der Herrschaft der Johanniter wohl manchen guten Deutschen, tapfer
wie ~Rudolph von Walenberg~ und ~Christoph von Waldner~ es
waren[142], in deinen Mauern gepflegt und gewartet, wir durften nur,
wie vorüberziehende Wanderfalken aus der Ferne dich beschauen.
Unten in der Bucht gab es heute noch Vieles zu besehen und zu
bedenken. Lebende Lernäen fielen in unsre Hände, Bruchstücke aber
von ziemlich großen Porzellanschnecken so wie die Schließdeckel der
Mondschnecken ließen uns nur errathen, daß solche Thiere hier leben,
finden konnten wir in dieser Jahreszeit keine; wir mußten uns mit
den Gehäusen der Landschnecken und mit den Tangarten begnügen[143].
Bedeutungsvoller jedoch und Nachdenken erweckender als die hiesige
Thier- und Pflanzenwelt erschien uns jenes in Symi aufgeschlagene Buch
der Zeiten und Werke, dessen Blätter und Buchstaben die Felsen und
ihre Gestaltungen sind. Tief unten am Ufer nach der äußeren Seite der
engen Bucht bei unserm Landungsplatz hin zeigten sich wieder, wie auf
Agonusi, die Felsenmassen des Thonschiefers mit ihren Schwefelkiesen
und Brauneisensteinen, der Kalk aber, auf ihnen gelagert, ward uns
je länger je mehr ein Gegenstand des neuen Bedenkens und der neuen
Beachtung. Das was die Schwämme im benachbarten Meere, noch jetzt
fortlebend und fortgedeihend, oder noch mehr das was die Mäandrinen
unter den Steinkorallen der wärmeren Meere im Kleinen sind, das
ist diese zackige Felsart von Symi im Großen. Da ist kein einziges
Stück, welches nicht von mäandrinischen Furchen durchzogen wäre, an
deren großen und tiefen die schmäleren und kleinern rippenartig sich
anschließen; kein Stück, in welchem nicht die Anlage oder der Durchgang
der rundlichen Poren und schwammartigen Zellen sich zeigte. Auf diese
Weise konnten weder das Feuer noch eine andre Kraft der unorganischen
Natur die Steinmasse gestalten, viel eher erinnert eine solche Form
an ein Walten organischer Kräfte. Zwar, der Muschelversteinerungen,
die wir hier fanden, waren nur wenige[144], aber sollte nicht bei dem
Entstehen dieser mäandrinischen Felsengebilde eben so wie bei dem
Entstehen der Seeschwämme und mancher Steinkorallen ein organisches
oder organisirbares Element mitgewirkt haben, gleich der noch immer
räthselhaften Gallert, welche in den Poren und auf der Oberfläche der
Seeschwämme lebt und aus deren im Polypenkörper ausgehenden Masse
das Kalkgerippe der Lithophyten sich ausscheidet? ~Ehrenbergs~
sinnvolle Entdeckungen der Myriaden von Infusionsthier-Ueberresten,
welche einen nicht unbedeutenden Theil unsrer Erdrinde bilden, bezeugen
nur dasselbe, was nach seinem Maaße jeder Frühling, was jeder Moment
der neuen Erzeugungen uns lehret, wenn vor dem Ansetzen der bleibenden
Früchte unzählbare, bald wieder verschwindende Blüthen, wenn Millionen
der Keime, wenn eine Ueberfülle des Elementes, das als Träger der
erzeugenden Kraft auftritt, wie ein anschwellender Strom über seine
Dämme hervorbricht und nur zum geringsten Theil zur Befruchtung des
Landes dient, zum meisten aber, scheinbar nutzlos ins Meer verrinnet.
Es ist dieß nur eines jener vielen Ereignisse, aus denen hervorgeht,
wie unermeßbar viel höher, mächtiger und größer der Schöpfer sey als
das Geschöpf, das Leben als der Tod. Denn überall, wo Jenes diesem
sich nahet, da zeigt es sich in seiner Alles durchdringenden, lebendig
gestaltenden und bewegenden Kraft; wenn aber der Blitz, der wie ein
Feuermeer herabfuhr und über Wald und Feld, über Berg und Thal sich
ergoß, vorüber ist, dann brennt nur hie und da, in schwächerem Lichte
ein einzelner, entzündeter Baum oder es raucht der Boden, den der
Strahl getroffen; doch zündet auch der zurückgelassene Funke weiter und
wird in der fortlebenden Natur wie in der Hütte des Landmannes zu einem
beständigeren Quell des Lichtes und des Feuers.
Am Nachmittag kehrten wir aufs Schiff und in den engen Raum unsrer
Kajüte zurück. Die Türken, namentlich der Iman, hatten abermals an
dem Capitän ihren Unmuth ausgelassen, darüber, daß ihnen verwehrt
sey, ans Land zu gehen. Morgen, so erwiederte ihnen der Capitän, sey
die dreitägige Quarantäne, welche ja er nicht anzuordnen habe, zu
Ende, dann könnten sie Alle in der Stadt und wo sie sonst möchten,
sich ergehen; sie aber mochten hiervon nichts wissen, sondern drangen
darauf, daß noch heute die Anker gelichtet würden und der (türkische)
Unterkapitän schien auf ihrer Seite, obgleich unser griechisches
Schiffsvolk allgemein versicherte, das Auslaufen werde uns, bei
noch immer widrigem Winde, nicht viel weiter fördern. Auch unser
Verlangen, endlich einmal einen Schritt weiter zu kommen, war im
geheimen Einverständniß mit den Türken und als beim lieblich tönenden
Abendgeläute der christlichen Betglöcklein aus den Kirchen der Stadt
die Anstalten zur Fortreise gemacht, die Schiffstaue, die uns mit
der Felsenküste verbanden, gelöst wurden, da regten sich in uns die
Schwingen der Hoffnung und fröhlichen Zuversicht auf ein endliches
gutes Gelingen der Fahrt.
Es war Abend um 9 als der Anker aufgezogen wurde und das Schifflein,
durch einen schwachen Landwind begünstigt, seine Weiterfahrt antrat.
Da wir am 17ten November des Morgens aufs Verdeck traten, sahen wir
uns noch immer in der Nähe von Symi, und, bald von Windstille bald von
ungünstigem Winde gehemmt, kreuzten wir fast diesen ganzen Tag vor der
bergigen Landspitze von ~Loryma~, auf der uns die höher steigende
Sonne die Stätte der alten Felsenburg ~Phönyx~ beleuchtete, dann
die nahe am Lande liegende Insel ~Helause~, während die Gebirge
von Rhodos noch immer nur in blauer Ferne sich zeigten. Am Abend
erhub sich wieder, vom Südwind erregt, das Getümmel und Brausen der
Wasserwogen und vereitelte die Hoffnung des Capitäns, mittelst der hier
meist von Nord nach Süd gehenden Meeresströmung etwas vorzurücken.
Der Ungestüm des Meeres und das Schwanken des Schiffes hatte sich
in der Nacht so verstärkt, daß der Tollrausch der Seekrankheit wie
ein Gewapneter mich ergriff und aufs Lager warf; die Betäubung der
Sinnen wurde jedoch gegen Mitternacht durch ein wildes Geschrei im
angränzenden untern Schiffsraum und durch ein starkes Laufen und Rennen
auf dem Verdeck verscheucht. Unsre Türken hatten sich den gefährlichen
Unfug des Hinabnehmens ihrer Oefchen in den Schiffsraum nicht verwehren
lassen, bei Nacht war eine dieser kleinen Handküchen, in der noch
Kohlen glühten, umgefallen und hatte in seiner Nähe gezündet; der Rauch
und Dampf der brennenden Binsenmatten und Teppiche drang in unsre
Kajüte hinein; das eng zusammengedrängte Volk suchte eilig, ohne ans
Löschen zu denken, die freie Luft des Verdeckes. Die Entschlossenheit
wie Geschicklichkeit unsres Capitäns und seiner griechischen Matrosen
dämpfte indeß das nicht sehr bedeutende Feuer bald. Doch sahen wir bei
dieser Gelegenheit was unser Schicksal würde gewesen seyn, wenn auf
dieser Fahrt ein ernstlicheres Unglück dieser Art sich ereignet hätte.
Die Türken, an Ueberzahl und Macht der Waffen uns weit überlegen, an
ihrer Spitze der lautschreiende Mohr und der Iman, hatten gleich bei
dem ersten Entstehen des Feuerlärmes Hand an das große, im Schiffe
hängende Boot gelegt und wollten dieses ins Wasser lassen, um sich und
ihre kostbareren Sachen darauf zu retten. In solchem Falle würde weder
uns noch dem griechischen Schiffsvolk das Hineinsteigen in den ohnehin
zum Sinken angefüllten Kahn möglich und verstattet gewesen seyn.
* * * * *
Freitags den 18ten November hielt das stürmische Wetter von außen, im
Innern die Seekrankheit noch fortwährend an. Wenn man auch mühsam sich
aufraffte vom Lager und das Verdeck erreichte, so war das, was da in
die Sinnen fiel von solcher Art und Weise, daß man gern bald wieder in
das Halbdunkel der Kajüte sich zurückzog. Denn so reizend und lieblich
auch der Fernanblick der Felsenbucht von ~Telmessus~[145], das
vormals durch seine Zeichendeuter so berühmt war, unter andern Umständen
und zu andern Zeiten gewesen wäre, so unlieblich war dagegen der
Naheblick auf unsre türkischen Hadschi's, welche fast sämmtlich von der
Seekrankheit dahingestreckt lagen oder saßen, und ihr Krankseyn auf
eine nur zu stark sich äußernde Weise kund gaben. Auch das Hinabgehen
in die Kajüte machte übrigens des Eckels kein Ende, denn die dünne,
spaltenreiche Bretterwand hinderte weder das Ohr noch die andern
Sinnen es wahrzunehmen, daß hier neben uns, im untern Schiffsraum,
viele Kranke dieser Art seyen. Die guten Leute feierten heute ihren
Freitag ohne Gesang und Klang, doch schienen sie wenigstens bei der
Bedienung ihrer kleinen Küchen des Festtages zu gedenken, denn so
elend sie waren, hörten sie doch nicht auf ihren gezwiebelten Pilau
zu bereiten und in jeder Pause der Krankheit den Magen von neuem zu
beladen, obgleich jeder Versuch solcher Art der Krankheit nur neuen
Stoff gab sich zu äußern. In dieser Weise lebten und schwebten wir auch
am Sonnabend den 19ten November auf dem bewegten Meere, doch hatten wir
uns heute, vom Sturm zurückgeworfen, Rhodus wieder mehr genähert. Unsre
Freundin, die so gern Nachrichten von tröstlicher Art vernahm und der
beängsteten Hausfrau mittheilte, hatte uns schon am Tage erzählt, was
der Steuermann als Geheimniß mittheilte, daß der Capitän, wenn der Wind
nicht heute noch günstig werde, in den Hafen von Rhodus einzulaufen
gedenke; als in der Nacht der Sturm noch drohender wurde, kam endlich
dieser gute Vorsatz zur Reife: gegen 10 Uhr näherten wir uns dem äußern
Hafen der Insel, eine Stunde vor Mitternacht warfen wir in ihm Anker.
So endigte die zweite Woche unsrer Fahrt glücklich, im sichern Hafen,
den wir seit acht Tagen so sehnlich erstrebt und nicht erlangt hatten;
der Schlaf, seit mehreren Nächten zum ersten Male wieder sorglos und
ruhig, nahm uns auf seinen Mutterschooß und ließ uns erst spät am
andern Morgen erwachen.
Rhodus.
Der Bergmann, der etliche Tage lang, Schlegel und Eisen ungebraucht
in der Hand haltend, denn die Grubenlampe war ihm erloschen, unten in
seiner Förderstrecke gefangen saß, weil er, als er nach vollendeter
Tagschicht ausfahren und heimkehren wollte zu den Seinen, den Ausgang
durch eine niedergegangene Gesteinwand gesperrt fand, kann wohl kaum
das Tageslicht und die grünenden Höhen mit innigerem Wohlbehagen
begrüßen, als ich den schönen Sonntagmorgen und die mitten im Grün der
Gärten und fruchtbaren Höhen gelegene Stadt Rhodus, da ich am 20ten
November des Vormittags aus der Kajüte hinauftrat auf das von der
wärmenden Sonne bestrahlte Verdeck. Ich kann es nicht läugnen, auch mir
war während der zwei Tage lang ununterbrochen anhaltenden Seekrankheit
das Grubenlämplein der inneren Freudigkeit zur Fortsetzung der Reise
fast erloschen; ich hatte in dem Zustand jenes beständigen Uebelseyns,
welcher die Natur des Menschen überaus kleinmüthig stimmt, oft gedacht,
ob es nicht besser und rathsamer seyn möchte, die Weiterreise über das
große, breite Meer, das uns noch zwischen Rhodus und Aegypten lag,
aufzugeben, und mit dem so beständig anhaltenden ungünstigen Winde,
der gerade für solche Absicht ein günstiger gewesen wäre, umzukehren
zur Heimath. Noch öfter war mir aber, wenn ich so festgebannt auf der
Pritsche lag, und, ohne schwindlich zu werden, nicht einmal den Kopf
erheben konnte, die Sehnsucht angekommen, nur einmal fünf Minuten
lang hinaustreten zu können ins Freie, damit ich statt der seekranken
Türkenluft, die da unten herrschte, frische Luft athmen möchte, und
nun ward mir die Erfüllung dieses Sehnens nicht bloß auf fünf Minuten
oder auf fünf Stunden, sondern auf fast fünf Tage gewährt. Zwar, da
ich jetzt hinaustrat aufs Verdeck, konnte ich nicht, ohne am Geländer
der Kajütentreppe mich zu halten, aufrecht stehen; denn das Meer gieng
auch hier in dem wenig geschützten Hafen sehr hoch, das Schiff tanzte
noch stark; ich aber, der ich niemals das Tanzen geübt, war heute um so
weniger zum Mittanzen geschickt, da ich seit zwei Tagen nichts gegessen
hatte und auch jetzt noch keine Lust zum Essen empfand. Aber nur um
so stärker, um so überwältigender war der reizende Eindruck, den die
strahlende Schönheit von Rhodus, wie das Licht auf die lange im Dunkel
gewesnen Augen, auf die nüchternen Sinnen machte.
* * * * *
Wie hätte mir nicht gleich bei den ersten Worten, die ich vorhin über
das Gefühl sprach, womit ich Rhodus begrüßte, der Bergmann einfallen
sollen; hier, beim Anblick dieser Insel, welche in ältester Zeit
die Heimath der ~Telchinen~, jener kunstreichen Meister in
der Bearbeitung der Erze war; jener Meister im Gebrauche der Hände
wie des Wortes, die dem Stein wie dem Erze nicht bloß göttliche
Gestalt, sondern durch magische Sprüche eine übersinnliche Gewalt
über die Seele des Beschauenden gaben?[146]. Zieht nicht da noch
ein Hauch jener die Sinne bezaubernden Gewalt mit dem Morgenwinde
zugleich über Berg und Thal und über die amphitheatralisch an den
Felsen gelehnte Stadt, welche bald nachdem die Bewohner der Insel,
gegen Ende des peloponnesischen Krieges, die Macht und den Reichthum
ihrer drei älteren Städte Lindos, Jalyssos und Kamiros zum Aufbau
dieser gemeinsamen Hauptstadt vereinten, mit Recht den Beinamen der
kolossalen und herrlichen empfieng, weil nicht bloß sie selber durch
den Baumeister des Piräus und der langen Mauer von Athen, welcher ihre
Anlage leitete, diese herrliche Gestalt empfieng, sondern weil mit
den weltberühmten Colossen der Sonne und dem nicht viel kleineren des
Zeus noch tausend andre Colossen sammt dreitausend Statüen ihre freien
Plätze, Gassen und Tempel schmückten. Ist es doch als ob die magische
Kraft, welche die Telchinen in das Werk ihrer Hände legten, und
welche dieses mit einer abwehrenden Gewalt umgab, von einem bauenden
Geschlecht aufs Andre sich fortgeerbt hätte. Denn als ~Artemisia~,
die Erbauerin eines andern Weltwunders: des Mausoleums in Halikarnaß,
der Stadt Rhodus durch List sich bemächtiget und zur Schmach für die
Besiegten ihr eignes Bildniß, in mishandelnder Stellung, neben die
Statue der Rhodos stellen lassen[147], wagten es, aus abergläubischer
Scheu vor einem Werke der Kunst, die Bewohner von Rhodus nicht, dieses
Denkmal ihrer Schmach zu vernichten, sondern sie umschlossen beide
Bilder nur mit Mauern, in welche Keinem der Zugang gestattet war. Auch
~Demetrius~, der Städtebezwinger, schenkte der Erhaltung von
Protogenes[148] berühmtem Bilde eine mehr als kindliche Sorgfalt[149],
und Cassius wagte es nicht das Viergespann der Sonne von Lysippos, der
alten Lieblingsinsel des Helios, zu rauben. Eben so haben selbst die
Osmanischen Eroberer diesen Wohnsitz der Rhodischen Ritter, wie aus
einer Scheu, selbst vor der Höhle des alten Löwen, fast ganz in seinem
alten Zustande gelassen und haben hierinnen schonender verfahren als
der deutsche Rhodiser Ritter Schlegelhold (m. v. S. 420.), welcher,
ohne dies vielleicht zu bedenken, für den Uebermuth, den Artemisia an
seiner Ordensinsel geübt, dadurch eine späte Rache nahm, daß er das
weltberühmte Mausoleum derselben, hier ein Stück und dort ein andres
in eine Burgveste, Petreion genannt, verbaute. Ja, wer eines der
schönsten Meisterwerke der mittelalterlichen Befestigungskunde, wer
eine ganze Stadt aus der kraftvollen, ritterlichen Zeit sehen will,
der darf nur Rhodus betrachten. Welchen mächtigen Eindruck aufs Auge
machen noch jetzt diese alten Mauern mit ihren Zinnen und Thürmen, vor
allem der feste St. Niclasthurm, welcher rechts bei der Einfahrt in den
Hafen stehet und der auf der andern Landzunge ihm gegenüberliegende
Engelsthurm, so wie dort in der Ferne die alte Burgveste St. Elmo mit
ihren tiefen Gräben, Zugbrücken und Bollwerken. Doch es ist Zeit,
daß wir aussteigen aus dem schaukelnden Schiffe in das freilich noch
stärker tanzende Boot, durch dieses aber hinaus auf den festem
Felsenboden und den kiesigen Strand der Insel.