Donnerstags den 27ten October, an einem Vormittage der mit allen

Lieblichkeiten eines mittelasiatischen Herbsttages geziert war, traten

wir die Reise von Smyrna aus zu Pferde an. Unsre Gesellschaft war

diesmal kleiner als auf dem Wege nach Ephesus; sie bestand nur aus

mir und meinen drei jungen Reisegefährten; als freundliche Führer

und Dolmetscher hatten sich der werthe Gastfreund ~Jetter~ und

sein damaliger Hausgenoß, der vielgewanderte, vielerfahrene ~Jusuff

Effendi~ uns beigesellt; für das Geschäft aber der Besorgung der

Pferde hatte uns der Postmeister in Smyrna zwei berittene Postknechte

(Surutschuis) statt einem aufgedrungen. Der Anfang des Weges nach

Magnesia führt durch Gärten und an dem westlichen Abhange der Berge

hin. Ein vornehm gekleideter, seinem Aussehen nach todtkranker Grieche,

begegnete uns, zu beiden Seiten von Bedienten gestützt und gehalten,

auf einem Esel reitend, neben und hinter ihm, ebenfalls reitend, seine

trauernde Familie. Dieser Anblick, wie so vieles Andre von ähnlicher

Art, erinnerte uns an jene, scheinbar selbst unbedeutenderen Vorzüge

und Vortheile, welche unser liebes Vaterland in Bezug auf das Reisen,

der Kranken wie der Gesunden, vor dem ihm sonst an äußerer Cultur

näherstehenden Kleinasien hat.

* * * * *

Die fruchtbare Ebene von Smyrna wird auch gegen Magnesia hin, nach

etwa zwei Stunden Weges von einem Berge (dem Mimnolus?) begränzt, an

dessen Abhange jener Stein in ganzen Blöcken und einzelnen Geschieben

zerstreut liegt, der von diesem Lande seinen Namen führt: der Probier-

oder lydische Stein[112]. Mit ihm zugleich sieht man seinen öfteren

Begleiter, den Feuerstein; an manchen Punkten stehet der Kalkfels

dieser Höhen frei zu Tage aus. Schon von der Ebene, noch mehr aber

von dem Bergabhange genießt das Auge einer reichen Aussicht auf die

Meeresbucht bei Burnabat hin und in die herrlichen Baumgruppen von

Hajilar, so wie weiterhin in die grünenden Thäler und Schluchten der

östlichen Höhen, namentlich in das Thal des Meles. Der erste Berg, über

welchen die vielbesuchte Straße nach Magnesia hinansteigt, ist nur eine

niedere Stufe der bedeutenderen Anhöhe, die sich vom ersten Gipfel aus

jenseits eines fruchtbaren Hochthales dem Auge zeigt. Nur kurze Zeit

verweilten wir bei dem ziemlich ansehnlich erscheinenden Dorfe, das

jenseits des Thales am Fuße der höheren, aus Kalkstein bestehenden

Bergwand liegt, denn der nördliche Abhang, gegen die Ebene von

Magnesia hinab, will wegen seiner Steilheit und wegen der einzelnen,

gefahrdrohenden Stellen am Tage bereist seyn. Jenseits des Ortes zieht

sich der Weg zur Rechten einer grünenden Bergschlucht hinan, in welcher

selbst die unersättliche türkische Lust am Niederbrennen der Bäume

und Gesträuche es nicht vermocht hat die Kraft der Wiedererzeugung zu

lähmen, welche hier noch immer aus den Wurzeln der oft verstümmelten

Eichen junge Stämme hervortreibt; in besondrer Höhe gedeihen da die

Platane und Pappel. Die Anhöhe war nun erstiegen und in seiner ganzen

Majestät zeigte sich uns, jenseit eines engen Seitenthales, der hehre

Sipylos. Bald nachher lag auch die reiche Ebene vor uns, die der

Hermos durchströmt, weithin nach Norden, an die Höhen des Caicus und

von Pergamos sich ausbreitend. Das Auge konnte sich hier, was auf einem

unsrer vaterländischen Postpferde wohl schwerlich möglich gewesen

wäre, ruhig dem Genuß des herrlichen Anblickes hingeben, denn die

Thiere, die uns trugen, hatten zum Theil schon seit etlichen Jahren

wöchentlich mehrere Male diesen steilen Gebirgsweg gemacht, der sich

bald über zertrümmertes Gestein, bald in den engen, durch den Fußtritt

der Lastthiere und der Menschen in den Thonschiefer hineingegrabenen

Rinnen hinabzieht, an deren Wänden die weißen Gänge des Quarzes (und

Schwerspathes?) halberhabene Zierrathen bilden. Die Hand der jetzigen

Herrscher des Landes thut hier nichts zur Erleichterung des Reisens,

denn das fast auf der Hälfte des jähen Hinabweges gelegene, einzelne

Haus ist keineswegs, wie Einige von uns dies glaubten, eine Art von

Chausseehaus, sondern nur eine der zahllosen Kaffeeschenken dieser

vieldurchreisten Gegend, und die starke, steinerne Brücke, die beim

Beginn der Ebene über das jetzt nur wenig befeuchtete Bette des

Winterstromes führt, ist, wenigstens ihrer Grundlage nach, ein Werk

der früheren Zeiten, welche das Bauen zu gemeinsamen Zweck und Nutzen

kannten und übten.

Die buschreiche Ebene, zuerst im Thale am breiten Bette des

Winterstromes sich hinziehend, war nun glücklich erreicht und

jenseits einer niederen Anhöhe, die sich von den Vorbergen des

Sipylos herkommend hier in das Flachland verläuft, zeigte sich uns

zwischen Baumgärten und Zypressenhainen ~Magnesia~, mit seinen

vielen, hohen, prächtigen Minare's. Das war die erste asiatische

Stadt, die schon von fern gesehen, den Eindruck einer eigentlichen,

in sich selber einigen Bauart des älteren Morgenlandes machte, und

nächst Brussa soll sie auch in dieser Hinsicht die schönste und

stattlichste unter allen Städten Kleinasiens seyn. Unsre Thiere,

die Nachtherberge erkennend, eilten, wie im Wettlaufe der Stadt zu,

die wir nahe vor Sonnenuntergang erreichten. Der Weg zog sich noch

lang durch die ansehnliche Stadt hin, bis wir den Ort des Ausruhens

erreichten. Ein Empfehlungsbrief von dem wohlwollenden, freundlichen

Kaiserlich-Russischen Generalkonsul in Smyrna hatte uns den Zutritt zu

dem Pallast des griechischen Erzbischofes eröffnet. Wir ritten in den

Hof hinein, gaben unsern Brief ab, wurden sogleich ersucht abzusteigen

und hinaufgeführt in das gemeinsame Besuchszimmer, wo man uns mit

unsern Gepäck wie einen Besuch für längere Zeit aufnahm und behandelte.

Es war das erste Mal, daß uns auf dieser Reise die Sitten des Empfanges

der Gäste, die sich fast durch den ganzen Orient gleich bleiben, vor

Augen traten: die Spende, zuerst der in Zucker eingemachten Früchte

oder andrer Süßigkeiten mit dem Glase des frischen, klaren Wassers,

dann der Racky oder Traubenbranntwein, hierauf die angezündete, lange

Pfeife und die mit schwarzem Kaffee gefüllte Tasse. Dazu sitzt man, wer

es vermag, mit herangezogenen Beinen auf den niederen, an den Wänden

umherliegenden Kissen.

Der Erzbischof selber war in Constantinopel; sein hiesiger

Stellvertreter, der Bischof von Hierapolis, ein heitrer, freundlicher

Mann, empfieng uns und gesellte sich, beim gemeinsamen Rauchen der

Pfeife und beim Trinken des Kaffees zu uns. Das Gespräch, zuerst von

den hiesigen Schulen, wendete sich bald zu Gegenständen aus dem Gebiet

der Heilkunde, denn jeder Gelehrte aus europäischen Landen, muß, nach

der Meinung des Orientalen hierin bewandert seyn. Da nun wirklich

Mehrere von uns darin einige Kenntnisse besassen, so kamen bald auch

andre geistliche Bewohner oder Gäste des Hauses, die sich unsern

ärztlichen Rath erbaten. Bei dem Abendessen erprobten wir es selbst,

daß der Ruhm, den die Melonen dieser Gegend schon bei den Alten erlangt

hatten, ein wohlbegründeter sey; ihres Gleichen an Süßigkeit und

aromatischem Geschmack hatten wir noch nie genossen. Auch für die Ruhe

der Nacht war aufs beste gesorgt, man hatte uns dazu die gastlichsten

Zimmer des Hauses eingeräumt.

* * * * *

Schon in der frühesten Morgendämmerung weckten mich die Töne der

Menschenstimmen, welche aus der jenseits der engen Gasse gelegnen

Juden-Synagoge kamen. Zwar lauteten diese Töne nicht wie ein »Lob

in der Stille zu Zion«, nicht wie ein Loblied in »höherem Chor,«

sie erinnerten aber dennoch an die bei diesem Volke so wunderbar

ausdauernde Verehrung jenes Heiligthumes, das »hoch gebaut ist, wie

ein Land, das ewiglich fest stehen soll«[113]; sie erinnerten an jenen

Bund der Verheissung, welcher noch immer eine innre Lebenskraft dieses

Volkes ist, aus der das äußere Fortbestehen desselben hervorgehet. Auch

wir mit unsern jungen Reisegefährten freuten uns, in unsrem einsamen

Zimmer der Erfüllung jenes Trostes, dessen Israël so ausdauernd wartet,

und genossen der geistigen Stärkung.

* * * * *

Dem Leibe ließen die freundlichen, geistlichen Bewohner des Hauses

nichts abgehen von dem, was er zu seiner Stärkung und Nahrung brauchte.

Kaum hatten wir uns sehen lassen, da erschien auch der Kaffee, mit den

Tellern voll des wohlschmeckenden Kaimaks, welcher aus dem eingedickten

Rahm der Büffelmilch bereitet und mit Zucker versüßt ist. Dabei durften

denn auch die andern, zum Kreise des morgenländischen Frühstückes

gehörigen Dinge nicht fehlen, namentlich der Racky mit den Süßigkeiten

der Früchte und den Gläsern des frischen Wassers, so wie vor und nach

dem Genuße des Frühbrodes die angezündete Pfeife. Die Lachtaube, die

hier, als einheimischer Vogel in den Bäumen des Hofes nistete, ließ

dabei, wie zum harmlosen Genusse einladend, ihre fröhlichen Töne hören.

Der Vormittag wurde zum Besehen der Stadt angewendet, welche sich vor

Smyrna und vielen andern Städten des Morgenlandes durch ihre breiteren,

reinlicheren Gassen und ihre schöneren Gebäude sehr vortheilhaft

auszeichnet. Die Zahl der Häuser von Magnesia wird auf 9000 angegeben,

wovon fast sechs Siebentheile von Türken bewohnt sind, 800 sind im

Besitz der Griechen, 350 haben die Armenier, 100 die Juden inne; die

Summe der gesammten Einwohner soll sich auf nahe 80,000 belaufen. Wir

beobachteten auch hier unsre gewohnte Weise um zu einer Uebersicht

über die schöne Stadt und ihre noch schönere Umgegend zu gelangen:

wir stiegen vor allem auf eine Anhöhe, welche den freien Blick über

beide gewährt. Dieses ist hier ganz besonders leicht, denn Magnesia

liegt am Fuße des hohen Sipylos, der sich da, nach der Ebene hin, mit

mehreren gähen Vorbergen umgürtet hat. Einer dieser Vorberge ist jener,

worauf die vormalige Akropolis der Stadt liegt und an dessen Abhange

die bedeutendsten Ueberreste aus der alten christlichen Zeit dieser

Gegend gefunden werden. Wir stiegen zuerst da hinan, und verweilten

mit hohem Interesse bei der ehemaligen nun schon längst zur Moschee

gewordenen Kirche. In ihrer Bauart erinnert sie an die, freilich

ungleich größere Domkirche von Modena, auch an der vorhin erwähnten

Kirche zu Thyatira zeigt sich dieselbe Form der Säulen und der Bögen

wie der äußern Zierrathen. Die Moslimen hegen gegen dieses Gebäude eine

ganz besondere Verehrung. Zwar hat der Bilderhaß derselben das Innre

der gewesenen Kirche nicht verschont, das Aeußere aber, mit all seinen

christlichen Emblemen ist so unangetastet geblieben, daß selbst der

alte Glockenthurm, statt zum Minare umgestaltet zu werden, seine Glocke

behalten hat, die noch fortwährend zum Anzeigen der Zeitabschnitte

benutzt wird. Unser fleißiger Maler, Hr. ~Bernatz~, war bei dem

merkwürdigen Gebäude allein zurückgeblieben, um dasselbe zu zeichnen.

Eine türkische Frau bemerkte dieß, und, über die vermeintliche

Entweihung der heiligen Moschee durch die Nachbildung von der Hand

eines Ungläubigen entrüstet, erhub sie mit lautem Geschrei gegen das

Bild wie gegen das gute, ehrliche Angesicht des Künstlers ihre mit

scharfen Nägeln bewaffneten Hände, und beide, wenigstens das Bild

würde, da jetzt auch noch andre schreiende Frauen hinzukamen, hart

angetastet worden seyn, wenn der Maler sich nicht entfernt hätte.

Uebrigens bemerkten wir auch noch bei andrer Gelegenheit, daß der

Anblick eines europäisch gekleideten Mannes für einen Theil des

hiesigen Volkes ein Widerwillen erregender seyn müsse. Einer der jungen

Freunde (+Dr.+ Roth) klopfte mit seinem geognostischen Hammer an

eine Felsenwand des Kastellberges, an welchem wir mit einer besondern,

heimathlichen Zuneigung die Felsarten unsers Tyroler Fassathales

erkannten, da trat mit zornigem Geschrei ein türkisches Weib aus der

Hütte hervor, die auf diesem Felsenvorsprunge stand und äußerte ihre

Besorgniß: daß der Ungläubige ihr Haus umstürzen wolle.

Nahe bei der vormaligen christlichen Kirche steht eine Platane,

welche ihrer Stärke und Größe nach wohl eben so alt oder noch älter

seyn mag als das Gebäude; aus ihren Zweigen ertönt noch unverändert

derselbe Gesang der Vögel, der aus ihr vielleicht schon vor einem

Jahrtausend vernommen wurde, während in dem benachbarten Gemäuer

schon die Zungen der verschiedensten Völker laut wurden. Wir hörten

jetzt andere Stimmen, die uns lieblicher waren als die der Vögel: die

Stimmen der kleinen Kinder einer nicht weit von der Platane abgelegnen

Kinderschule, deren Lehrer Freund Jetter kannte und wegen seiner

Redlichkeit und Geschicklichkeit liebte. Mit Bedauern vernahm aber

unser Freund, daß ein großer Theil der Kinder, die noch im vorigen

Jahre diese Schule besuchten und unter ihnen mehrere der fleißigsten

und talentvollesten, an der verheerenden Pest des vergangenen

Frühlinges gestorben seyen. Unter den jetzt anwesenden Kindern

zeichnete sich ein Mägdlein von etwa acht Jahren durch seine Fertigkeit

im Lesen, so wie in den Anfangsgründen des Rechnens aus. Sie hatte

es bei ihrem geschickten Schullehrer, der sich selber die auf gute,

europäische Weise eingerichteten Schulen zum Muster nimmt, ohnfehlbar

weiter gebracht als der schon mehr als zwanzigjährige Student, den

wir bald nachher in dem unteren Theil der Stadt bei der prächtigen

Moschee Sultan Murads +III.+ kennen lernten, wo er an der dortigen

Hochschule die verborgenen Tiefen der türkischen Weisheit ergründen

wollte. Die Gelehrsamkeit dieses guten Jünglinges war auch in der That

eine sehr verborgene, denn er konnte nicht einmal lesen. Er sagte uns,

in der Türkei brauche man bloß zu singen, um ein gelehrter Muesin

(Gebetsausrufer) zu seyn; wozu solle man das erst lesen, was man schon

auswendig wüßte.

Oben auf dem Kastellberg genossen wir denn der ungehemmtesten Aussicht

über Stadt und Land. In ziemlicher Nähe von Magnesia windet sich der

Hermos durch das grünende, trefflich angebaute Thal; die Stadt, mit

ihren 32 Moscheen und andern ansehnlichen Gebäuden liegt selber wie in

einem großen, schönen Garten; man begreift die große Anhänglichkeit

Murads +II.+ an sein geliebtes Magnesia wohl, dessen Tulpengärten

und Zypressenhaine er zweimal mit dem Thron und seiner Herrscherwürde

vertauschte, bis beide Male ihn die Noth des Augenblickes einmal

zum Kampfe gegen den andringenden äußren Feind (bei Varna), das

andre Mal zur Beschwichtigung einer innern Empörung von dem Ruhesitz

hinwegrief. Dort, am Fuße des Hügels bezeichnet noch ein altes Gemäuer,

im Schatten der hohen Zypressen den Ort, wo Murads Pallast stund,

nahe dabei erheben sich die Kuppeln der Grabmäler von 22 Kindern und

Frauen Murads +II.+ so wie Murads +III.+, der ebenfalls die

Melonenfelder und Fruchtgärten von Magnesia den Herrlichkeiten der

unruhigen Kaiserstadt vorzog. Von dem letztern, von Murad +III.+

(nicht von Murad +II.+[114]) sind auch jene öffentlichen Gebäude

begründet, welche unter den sehenswürdigsten der Stadt genannt werden:

die Moschee des Sultans mit schönem Portal und hohem Kuppelgewölbe

(vollendet im Jahr 1591) mit den Gebäuden der Akademie; die Moschee

der Günstlingin (Chasseki) und der Frau (Chatunije); ein Bad und

Speisehaus für Arme, eine Karawanserai, ein Kloster für Derwische

und ein Narrenhaus. Wenn schon diese beiden Osmanischen Herrscher,

mehr freilich der edlere, thatenkräftigere Murad +II.+ als der

weichliche, dem Sinnentaumel ergebene Murad +III.+ durch das

Hineinflechten ihrer Geschichte in die der Stadt, dem schönen Magnesia

einigen Glanz verleihen, so thun dieses in noch viel höherem Grade jene

beiden Helden des Alterthumes, an deren Andenken dieser Ort erinnert.

Hier in Magnesia, welches der Perserkönig Artaxerxes mit noch zwei

andern Städten sammt allen ihren Einkünften[115] ihm zum Ruhesitz

der letzten Tage verliehen hatte, starb der Sieger bei Salamis, der

große Leitstern der geistigen Kräfte Athens zum ferneren Ziele der

Vollendung: ~Themistokles~; und wenn auch von den Statüen, womit

der kunstliebende Mann den Markt seiner Stadt schmücken ließ, wenn auch

von dem Grabmal des berühmten Atheniensers keine Spur mehr geblieben

ist, so hat sich doch noch immer in der Seele der jetzt da lebenden

Griechen das Andenken an Themistokles erhalten, dessen Geist hier

einstmals gewaltet[116]. Auch ein thatenreicher Römer hat neben dem

Athenienser, mehr denn acht Menschenalter später als dieser (im J.

190 v. Chr.) der Umgegend von Magnesia sein Andenken eingeschrieben:

Cornelius Scipio, der sich hier durch den Sieg über das buntgemischte

Heer des Antiochus den Beinamen des Asiaten, wie sein Bruder durch

Carthago's Besiegung jenen des Africaners erwarb.

Der Fels der Akropolis, auf dem wir jetzt der herrlichen Aussicht über

Länder und Zeiten genossen, enthält nach ~Chishulls~ Beobachtung

Spuren von Magneteisenstein und wirkt auf die Bewegung der Magnetnadel,

was jedoch noch mehr an einem andren Punkte des nachbarlichen Sipylus

statt finden soll. Bei der Akropolis selber konnten wir jene Spuren

nicht auffinden; die vorherrschende Felsart derselben ist Wacke

(Flötzgrünstein) von porphyr- und mandelsteinartiger Struktur, doch

fanden wir in dem Bette eines Gießbaches im Thale serpentinartiges

Gestein und Chlorit, die gewöhnlichen Muttergesteine des Magneteisens.

Wir stiegen jetzt wieder hinab in die schöne Stadt und brachten mehrere

Stunden mit dem Beschauen ihrer Merkwürdigkeiten zu, unter denen die

schon vorhin erwähnte Moschee Sultan Murad +III.+ den größten,

die Gärten beim alten Pallast Murad +II.+ den angenehmsten

Eindruck auf das Auge machten. Wie sehr beklagten wir, daß jetzt

nicht die Zeit des Tulpenflor sey, deren Pracht in der Umgegend von

Magnesia so groß seyn soll. Es enthält indeß das jetzige Magnesia noch

andre Blumenbeete, deren Pracht dem Wechsel der Jahreszeiten nicht

unterliegt, das sind die in neuester Zeit hier trefflich gedeihenden

Schulen, vor allen jene der armenischen Christen. Hiedurch ist auch

ein Theil der türkischen Volksschullehrer, wie wir davon schon oben

ein Beispiel sahen, zum rühmlichen Wetteifer erweckt worden und unter

ihren Händen werden die Schulen zu einem viele Früchte versprechenden

Blüthengarten, während uns die alten, Kaffee (vielleicht auch Opium)

schlürfenden und Tabakrauchenden Muderris oder Professoren an der

Academie bei der Muradsmoschee, in ihren buntfarbigen Hörsälen wie

abgestorbene, vom Wetter getroffne Zypressen vorkamen, von denen keine

Frucht mehr zu erwarten ist.

Wir mußten, bei unsrem gastfreien Bischof noch das Mittagsmahl

einnehmen, wobei, wegen des Fasttages, keiner der höheren

Geistlichkeit, sondern statt ihrer der Arzt des Hauses, ~Giovanni

Velastis~, ein geborner Italiener den anordnenden und nöthigenden

Wirth machte. Die Diener des Tisches (einige Geistliche von geringerem

Range) neckten, wegen der ihm verbotenen Speisen unseren ~Jusuff

Effendi~, der sich, obgleich Armenier, wie ein Türke hält und

beträgt; dieser, mit seiner gewöhnlichen Ueberlegenheit des Geistes,

machte das Tischgespräch lebhaft und unterhaltend. Und wie sollte er

nicht bei jeder Gelegenheit sich uns als lehrreicher und angenehmer

Reisegefährte erwiesen haben, er, der weltkundige, vielgereiste Mann,

der nicht bloß einige der wichtigsten und schönsten Gegenden von

Europa, namentlich Italien gesehen, sondern Asien von seiner Westküste

an bis zur Gränze von China zu Lande durchreist hat und auch in

Afrika, von Aegypten aus so tief eingedrungen ist wie vor ihm kaum ein

europäischer Reisender, und, was das Meiste ist, der diese Reisen mit

solchem klaren Sinn und Verstand gemacht hat.

Gleich nach Tische bestiegen wir unsre Pferde und ritten gegen

Kassabah (Durguthli) hin, welches gegen 6 Stunden Weges von Magnesia

abliegt und das wir zu unsrem Nachtlager bestimmt hatten. Der Anfang

des Weges läuft an dem nordöstlichen Fuße des Sipylos hin, dessen

Felsenwände schon in den Nachmittagsstunden dem Wandrer Schatten

gewähren. Ein klares, frisches Wasser entspringt aus der Sohle des (zum

Theil dolomitartigen) Kalkgebirges, dessen zackige Form und Umrisse

an jene der Julischen Alpen erinnern; an einer weiterhin gegen den

Kryosfluß gelegnen Stelle der gähen Bergwand zeigt sich eine große aus

dem Felsengestein ausgehauene menschliche Figur: ein altes Bild der

Cybele. Aus noch älterer Zeit als dieses Götzenbild der vormaligen

Lydischen Beherrscher des Landes, sind jene tiefen Klüfte, durch welche

sich, jetzt, seitdem mit den Waldungen zugleich der Reichthum des

Quellwassers sich vermindert hat, nur noch zur Zeit des Winterregens,

Wasserfälle herabstürzen, die an erhabener Schönheit ihrer Umgebung den

schönsten Wasserfällen unsrer vaterländischen Alpen nichts nachgeben

mögen.

Da, wo die Straße von den Wänden des Sipylos hinweg gegen Südosten

sich kehrt, nahe an der alten, steinernen Brücke, die über den eben

jetzt ziemlich reich strömenden ~Kryos~ hinüberführt, begegnete

uns ein Zug der schönsten türkischen Rosse, welcher dem reichen Aga

~Oglu Bey~ zu Magnesia angehörte, dessen Frauen auf diesen Thieren

eine Reise zu einem Familienfeste, wahrscheinlich nach dem schön

gelegnen ~Nymphi~ gemacht hatten[117]. Unser Auge wurde indeß bald

von einem Gegenstand angezogen, der einen mächtigeren Eindruck auf

dasselbe machte, als alle Pracht der Rosse und Mäuler. Vor uns lag, in

seiner ganzen Erhabenheit, der hohe ~Tmolus~, seine Gipfel mit

Schnee bedeckt, der Abhang von reichen Waldungen überkleidet; näher

gegen uns hin zog sich der Sandstein oder vielmehr der Hügelzug des

Fluthlandes, welcher in seinen grotesken Formen jetzt die Gestalt von

Burgruinen, dann von lang fortlaufenden Wällen und Mauern nachbildete;

die jetzt trocknen Rinnsäle der Winterbäche, durch welche wir ritten,

führten zum Theil Geschiebe und Bruchstücke, welche dem Schiefergebirge

der Urzeit entstammt waren, mit ihnen zugleich den nicht selten

dolomitartigen Kalk.

Noch jetzt ist die Thalgegend, die am Sipylus und weiterhin am Tmolus

sich hinziehet, eine reich gesegnete. In der Nähe von Magnesia zeigte

sich uns überall neben und an den Baumwollenfeldern, deren Ernte

jetzt begonnen hatte, unter vielen andern südlichen Feldfrüchten die

Fülle der süßesten Melonen (auf Türkisch Karpuz genannt) und der

Honigkürbisse (+C. Melopepo+, auf Türkisch Bal-Kahaghi), von

denen beiden unsre Surutschuis öfters sich welche aus der Hand der

Feldarbeiter erbaten und das Erbetene in Fülle erhielten. Am Gewässer

des Kryos und gegen den Hermos hin wie am Abhange der Hügel bemerkt

man allenthalben das üppig grünende Weideland; das hiesige Vieh ist

groß und stark, auch die Bewohner des Landes, die uns mit ihren von

Baumwollenkapseln erfüllten Wägen, oder mit der Last ihrer Ernte auf

den Schultern begegneten, erschienen uns so kräftig und schön als ihr

Land. Doch hatte die Pest des vorhergehenden Frühlinges unter diesen

»Starken,« wie man uns erzählte, eine mächtige Verheerung angerichtet.

Die Minare's von Kassabah, mit denen die Bäume, welche den Ort umgeben,

an Höhe wetteifern, lagen jetzt nahe vor uns; bald ritten wir in den

ansehnlichen, 2000 Häuser umfassenden, wohlhabenden Flecken ein. Wir

nahmen unsren Weg, gleich nach dem Eintritt in den Ort, rechts, zu der

Wohnung des Pächters, welcher die hiesigen Güter des Erzbischofs von

Magnesia verwaltet und seine Einkünfte aus der Umgegend eintreibt. Hier

hatte uns der empfehlende Brief, welchen uns der Bischof von Hierapolis

von Magnesia aus mitgab, Bewirthung und Nachtlager bereitet. Das Haus

des Pächters liegt neben einem türkischen Gottesacker, im Schatten

des Baumes, welcher, so oft man ihn auch in diesem Lande sieht, dem

Auge immer von neuem lieb und angenehm erscheint: im Schatten einer

hohen, alten Platane. Nicht fern davon findet sich das griechische

Kloster und jener Theil der Stadt, in welchem mehrere griechische

Familien beisammen zu wohnen scheinen. Außer den griechischen wohnen

auch armenische Christen in Kassabah, die schon seit dem Ende des 17ten

Jahrhunderts eine eigne Kirche hier besitzen und zu den wohlhabendsten

Grundbesitzern so wie Baumwollenfabrikanten des Ortes gehören.

Die Familie des Pächters war erst seit wenig Tagen vom Gebirge

zurückgekehrt, in dessen gesündere Luft sie sich vor den Schrecknissen

und Gefahren der Pest geflüchtet hatte. Das gastliche Zimmer des

Hauses, in welchem, während der Abwesenheit der Bewohner ein Theil

des Hausgeräthes aufgestellt worden, mußte erst geräumt werden, was

indeß der Hand unsrer rüstigen Wirthin und ihrer beiden Söhne sehr

schnell gelang. Bald hielten wir unsren Einzug in das Ehrengemach des

bischöflichen Landsitzes und ruheten auf den reinlich aussehenden,

niederen Polstern. Die Aussicht aus den Fenstern des Zimmers über die

weite, abendliche Flur und nach dem Purpurdache der eben untergehenden

Sonne war schön; die Gastfreundlichst unsrer Wirthsleute zeigte sich

von unsrem Eintritt ins Zimmer bis zu dem Augenblick des Schlafengehens

beschäftigt uns alle Süßigkeiten und eben aufzutreibende Speisen der

Gegend kosten zu lassen.

Noch vor Sonnenaufgang verließen wir das gastliche Kassabah. Zwar die

Morgenröthe, welche über das Thal des Hermos heraufstieg, war kein ganz

gutes Vorzeichen für das heutige Wetter, aber sie trug nicht wenig

zur Erhöhung der eigenthümlichen Reize dieses unvergleichbar schönen

Morgens bei. Die aufgehende Sonne beleuchtete uns die nun näheren,

wunderlichen Gruppen des jüngeren Sandsteines, der sich hier zu

mächtigem Pfeilern, höher noch als bei Adersbach, und zu ruinenartigen

Gewänden erhebt. Rechts an unsrem Wege, unter alten Zypressen, lag ein

türkischer Todtenacker, welcher, nach der Menge der Grabessteine zu

urtheilen, vielen Geschlechtern einer vormals hier bestandnen Gemeinde

zur Ruhestätte der Gebeine gedient haben muß. Die Denkmäler der Todten

sind fester und ausdauernder gewesen als die Wohnungen der Lebenden;

denn diese sind, bis auf wenige Spuren verschwunden; der Ackersmann,

welcher über und neben den Trümmern der vormaligen Häuser sein Feld

pflüget, der Hirte, der hier seine Heerde weidet, wissen nicht einmal

mehr den Namen der einst da bestandenen Orte zu nennen. Und die gleiche

Bemerkung von einer augenfälligen Abnahme der Zahl der türkischen

Einwohner in diesen Ländern, drängt sich dem Reisenden sehr oft und

vielfach auf.

Mit dem Dorfe ~Teriköi~ (Dorf des Thales) das rechts von der

Straße nach Sardis in einer Schlucht des grotesken Sandsteines liegt,

möchten sich wohl wenig Dörfer der Erde an majestätischer Schönheit

der Lage vergleichen lassen. Die Häuser so wie die von der Morgensonne

bestrahlten Minare's machten, wenigstens aus dieser Ferne gesehen,

den Eindruck von Reinlichkeit und Wohlstand der Einwohner; dort am

Quell, im Schatten der uralten Platane feiert der vormals reicher

blühende Liebreiz dieses Landes mit der durch manchen Sturm der Zeiten

gebrochenen Kraft des Landes seine goldene Hochzeit und wenn alle diese

Bäume und Gesträuche des Oleanders, die den Bach beschatten, durch

welchen weiterhin der Weg uns führte, in voller Blüthe stehen, dann muß

jene Landschaft einem Rosenteppiche gleichen.

Ganze Züge von hohen, schwerbeladenen Kameelen, angeführt von einem

Eselein, das mit dem Ton der an seinem Halse hängenden Glocke die

lastbaren, hinter ihm drein gehenden Thiere im Takt der Schritte

erhielt, begegneten uns jetzt. Die Männer, die jene Züge begleiteten,

waren Landsleute von Mohammeds Koch und von unserm Jusuff Effendi:

Armenier, in ihren dichtgewebten, oben nur mit den Löchern für den

Kopf und die Arme versehenen härenen Kutten, die so wasserdicht sind,

daß sie ihren Träger, wie der Schildkröte das Gewölbe ihrer Schaalen,

gleich einer Hütte zum Obdach dienen können. -- Neben den türkischen

Todtenäckern und ihren veralteten Zypressen zeigten sich jetzt auch

an unsrem Wege hin und wieder die Todtenmähler eines früheren

Jahrtausends: die kegelförmigen Grabeshügel der alten, heidnischen

Bewohner von Lydien. Als wollte der Mensch überall, in die Felsen wie

in die Hügel des Erdreiches, in das Holz der Zypresse wie in jenes

der Ceder nur seinen ursprünglichen Namen einschreiben: den Namen des

Staubes aus dem er gemacht ist, und in welchen er -- dieß ist das

gewisseste der natürlichen Ereignisse -- auch wieder zurückkehren und

versinken soll.

Ueber die Ebene, am Fuße der Vorberge des Tmolus hin, dessen Gipfel

die näheren Höhen uns noch verdeckten, gelangten wir jetzt zu dem

Dorfe ~Achmedli~, vor dessen türkischem Kaffeehause wir ein

wenig ausruhten. Ein junger Türke und ein wandernder Jude vergnügten

sich hier an dem Spiele einer viersaitigen, türkischen Zither, und

der Israëlit sang zum Ton der Saiten ein nicht unlieblich lautendes

Lied. Noch während wir am Kaffeehaus ruheten, kam eine Familie der

wandernden Turkomanen mit den Heerden ihrer schönen Ziegen vorüber; die

Schaaren dieser Wandrer wurden immer ansehnlicher und zahlreicher, je

näher wir von Achmedli aus dem eigentlichen Abhange des Tmolus kamen.

Wir glaubten uns in die patriarchalische Zeit zurückversetzt, als

wir diese Züge der einzelnen Familien und ganzer Horden der mit dem

Trosse der Jurucken vermischten Turkomanen sahen; ein Greis, vielleicht

der älteste der kleinen Gemeinde, zu Pferde oder zu Kameel an ihrer

Spitze; die jüngeren Männer und unverschleierten Frauen zu Fuße neben

den Kameelen, welche außer den gesammten Geräthschaften des einfachen

Haushaltes und dem Baumaterial der Nomadenwohnung auch die kleineren

Kinder trugen, die auf dem Bauche liegend an die Stroh- und Filzdecken

fest gebunden waren. Hinter den Kameelen folgten dann die Schaaren der

langhaarigen, wie Seide glänzenden Ziegen.

Jährlich zweimal, mit den Sangvögeln der Hochwälder zugleich, ziehet

das rüstige Volk dieser Gebirgsnomaden durch das Thal des Hermos.

Einmal, wie eben jetzt, im Herbste, wenn der fallende Schnee die

Heerden und ihre Hirten von den Alpenwiesen verscheucht, dann wieder im

Frühling, wenn der neubelebte Teppich der Gewürzkräuter des Gebirges

von neuem zu der Rückkehr nach den heimathlichen Höhen einladet.

Während der Wintermonate weiden diese Hirtenstämme ihre Heerden in der

vom Regen erfrischten Ebene und in der wärmern Küstengegend, deren

fruchtbarer Boden, reich genug um eine zehnfache ja zwanzigfache

Zahl der Bewohner mit Brod und andern Erzeugnissen zu nähren und zu

bekleiden, jetzt nur noch zum Weideland dienet. Der Reichthum dieses

Volkes bestehet vornämlich in den Heerden ihrer fein- und langhaarigen

Ziegen, durch deren Zucht einst die Umgegend von Laodicea so reich war.

An Güte des Haares stehen diese Ziegen zwar allerdings noch hinter den

berühmten von Angora zurück, doch würde die Zucht, mit leichter Mühe,

sich aufs einträglichste verbessern lassen. Indeß sehen diese Nomaden

gerade nicht so aus als wenn sie ihr Nachdenken sonderlich anstrengten,

um ihr Einkommen zu vermehren. Das fröhliche, zum Theil wahrhaft

schöne Angesicht der graubärtigen Alten wie der Jüngeren; der Fleiß

der Frauen, die selbst im Gehen ihren Flachs am Handrocken spannen,

sprach uns sehr eindringlich an. So mancher Winter ist über diese

Gebirge gekommen, der die Schaaren der geflügelten Sänger von dort

verscheuchte; so mancher ist vergangen und hat dem wärmenden Frühling

Raum gemacht, in welchem die Stimmen des Gesanges in Fels und Wald von

neuem erwachten, möchten doch auch einmal zu diesen Hirten des Gebirges

jene Boten wiederkehren, die ihnen im Schatten des äußern Friedens

ihrer Hütten auch jenen höheren, inneren Frieden verkündeten, den die

Welt nicht zu geben vermag.

Links von diesem Wege zeigten sich uns jetzt die nördlichen

Gebirgsdämme des Hermosthales immer näher; an ihrem Saume, herabwärts

gegen den Fluß, doch jenseits desselben erhebt sich der merkwürdige,

berühmte ~Grabeshügel des Alyattes~, der wie ein Riese neben den

vielen kleineren Grabhügeln dasteht. Der hier schnell vorüberziehende

Nomade kann von dem bedeutungsvollen See von Gygäa: dem Coloesee und

von dem Grabmal des Alyattes nur das erzählen, was Andre, länger

verweilende Reisende schon berichteten, denn er selber sahe dieses

Nachbild des ägyptischen Mörissees und der Pyramiden nur wie im Fluge.

Dem Jünglinge, in seinem beengten Sehnen nach dem Hause des Vaters und

der Mutter ward (nach S. 8.) die erste Regung zum Hinausgehen nach

einer Heimath der höheren Art an einem See. Ist doch das Wasser überall

im Gebiet der Sichtbarkeit die Stätte des Ausziehens, in welches das

hinauswärts von dem Anfangspunkte des Werdens gewendete Gestalten

zurückkehrt und aus welcher es von neuem seinen Ausgang, zur höheren

Stufe des Seyns und des sichtbaren Wesens nimmt. Nicht ohne Bedeutung

erscheint es, was die Ueberläufer aus dem Leben des Diesseits in das

des Jenseits, die Scheintodtgewesenen, wenn sie der noch ungesättigte

Drang nach sichtbarer Verleiblichung zu diesem zurückführte, mit

so wörtlicher Uebereinstimmung von jenen »Wassern« berichteten, die

zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schweben. Es sind Wasser, noch

im anderen Sinne als das Auge sie kennt, doch sind die sichtbaren der

unsichtbaren Abbild.

In Aegypten gab der See Möris den noch Lebenden und Sehenden ein

Erinnerungszeichen an das Wasser der Auflösung des alten, und der

Ausgeburt des neuen, beginnenden Lebens. Die Tonweise dieses »Liedes

der Völker« ist fernhin, über viele Berge und Thäler der Erde gezogen,

auch der Gygäasee, umgeben von Grabmälern der Lydischen Herrscher und

Helden, hatte die gleiche hieroglyphische Bedeutung wie der Mörissee;

das Grabmal des Alyattes, das von unten auf steinern, oben mit Erde

überschüttet, an seiner Basis sechs Stadien im Umfange hatte, war

wenigstens eine weitläufigere, wenn auch nicht eine gleichkräftige

Nachahmung der um mehr denn ein Jahrtausend früher erwachsnen großen

Pyramiden von Ghizeh. Alyattes, dessen Grabeshügel dort vor Augen

liegt, war der Besieger der Cimmerier, der Vater des ~Crösus~;

wie sein Tumulus die andren alle überragt, so hatte die äußere Macht

der Lydischen Herrscher mit ihm und seinem Sohne ihren Gipfelpunkt

erstiegen. Glücklicher Vater, der du das Unglück deines Sohnes nicht

mehr kommen sahest, und noch glücklicherer Sohn, der du das Elend, das

auf dich einstürmte, zu deiner Besserung benutztest.

Der Bergabhang zu unsrer Rechten wurde immer reicher und schöner.

Solche dichte Waldungen wie sie hier stehen, hatte ich kaum in einem

Lande zu sehen vermuthet, wo jeder der Bewohner, so wie der Fremdling,

nach Belieben sein Bau- oder Brennholz hauen darf, und wo nicht selten

die barbarische Sitte des Niederbrennens den Segen der Natur zu nichte

machet. Noch eine vorspringende Anhöhe war jetzt umritten, da lag, von

keinem seiner niedrigeren Nachbarn mehr verdeckt, in seiner hehren

Majestät der Tmolus vor uns; auf seinem Gipfel mit Schnee bedeckt,

weiter abwärts aber noch jugendlich, wie im Frühlinge grünend. Dieser

Berg, der mich seinem Umrisse nach an einige der schönsten Urgebirge

der europäischen Hochländer erinnerte, erhebt sich stufenweise,

zuerst als gähes, pfeilerartig zerklüftetes Sandsteingebilde, dann

über grünende, wellenartig gerundete Alpenwiesen und Hochwälder zu

dem Felsenhaupt des prächtigen Gipfels. Noch jetzt heißt er bei den

Eingebornen der Freudenberg (Bozdag), obgleich die Fülle der Wein-

und Obstgärten, die nach dem Zeugniß des Alterthums[118] vormals über

ihn, von seinem Scheitel an bis herab zum Fuß sich ergoß, großentheils

verschwunden ist, und das Gold, aus dessen Ueberfluß einst der Paktolus

und Hermos sich bereicherten, tief in seine Felsen sich verschließt.

An den Fuß dieses schönen Berges lagert sich die fruchtbare Ebene von

Sardis.

Schon aus der Ferne fällt auf einem schroffen Sandsteinfelsen

die ~Akropolis~ dieser Herrscherstadt des alten Lydiens als

unbeschreiblich imposante Ruine ins Auge. Sie wäre jetzt, seitdem

nicht allein Timurs wüthendes Heer, sondern die noch mächtigeren

Erdbeben einen großen Theil des Gemäuers sammt den Felsenmassen, worauf

es gegründet war, hinabgestürzt haben, noch schwerer zu besteigen

als damals, wo ein Soldat aus Cyrus Heere einem der Belagerten,

dem der Helm über einen Theil des Felsens herabgerollt war, die

Möglichkeit absahe, selbst an diesem scheinbar unzugänglichsten und

deshalb nur wenig bewachten Punkte herab und hinan zu klimmen. In

ziemlicher Entfernung von der Burg zeigt sich, unten in der Ebene,

das mächtige Bauwerk der vermuthlichen ~Gerusia~, des vormaligen

Herrscherhauses des Crösus.

Bei der Mühle, am Ufer des Paktolus, deren Oberknecht einer von den

beiden Christen ist, die jetzt noch den einzigen Ueberrest der alten

Christengemeinde von Sardis bilden, machten wir Halt. Auf den im Bette

des kleinen Flüßlein liegenden größeren Steinen schritten wir trocknen

Fußes über den Paktolus hinüber nach den Ruinen des von Tiberius so

prachtvoll wieder erneuerten, römischen und byzantinischen Sardis. Zu

unsrer Rechten lagen die jetzt verlassenen, aus Mauersteinen und Lehm

erbauten Hütten der Turkomanen; weiterhin auf unsrem Wege nach den

Mauern des alten Stadiums, kamen wir an den schwarzen Zelten einer

Juruckenhorde vorüber, deren Frauen außen vor der Hütte an einem

kunstlosen Weberstuhle mit dem Fertigen von bunten Teppichen und

Gewändern beschäftigt waren. Mehrere von diesen Frauen, da sie uns

kommen sahen, liefen nach ihren Zelten und holten aus diesen alte,

kupferne Münzen hervor, alle in sehr verrostetem Zustand und keine

darunter, deren Alter über die Zeit der römischen Kaiser hinaufgieng.

Auch hier wurde unser ärztlicher Rath und unsre Hülfe sogleich in

Anspruch genommen, von einem armen Juruckenweibe, das am Brustkrebs

litt. Ihr Uebel hatte leider schon einen so hohen Grad erstiegen, daß

nur noch das schneidende Messer, nach menschlicher Ansicht, Rettung

versprechen konnte. Nicht weit jenseits der Juruckenzelte betraten wir

die Stätte des römischen Theaters und des mit ihm verbundenen Stadiums.

Das noch von beiden stehende Gemäuer ist vom Erdbeben zerrissen; auf

den mit wucherndem Unkraut bedeckten Hügeln des Schuttes und Grauses

lag eine Rudel verwilderter Hunde, häßlich von Farbe und Aussehen,

manche von ihnen von Wunden bedeckt, die vielleicht den Kampf mit

Hyänen und Schakals bezeugten. Diese sind es, welche anjetzt das

vormals herrlich gewesene Theater besuchen, dessen äußrer Durchmesser

396, der innre 162 Fuß betrug; statt der Gesänge der Chöre, die

einst hier ertönten, hört man am Tage das Chor der Krähen, bei Nacht

antwortet der kreischenden Stimme des Käuzleins im Innern, von außen

das Geheul des Schakals und der grunzende Ton der Hyäne. -- Hier in der

Gegend des Theaters war es, wo die Soldaten Antiochus des Großen die

Mauern überstiegen und der Stadt sich bemächtigten.

Von den Trümmern der römischen Herrlichkeit hinweg giengen wir nach

den Ruinen der beiden Kirchen des alten, christlichen Sardis. Sie

liegen gegen den östlichen, hier langsam schleichenden Nebenfluß des

Paktolus hin. Die größere dieser Ruinen gehörte einer Marienkirche

an. Ihre vom Erdbeben zerrissenen, nicht unansehnlichen Mauern sind

zum Theil aus den Marmorblöcken und Fragmenten von Säulen und Tafeln

zusammengeflickt, welche den zerstörten Heidentempeln und den Pallästen

einer früheren Zeit entnommen scheinen; dazwischen auch Stücke von

zerschlagenen Statüen. Weiter hinab in der Ebene stehen die minder

ansehnlichen Mauern der Johanniskirche. Dazwischen liegen, bewachsen

mit Gras und Gesträuch, an welchen die Ziege wiederkäuend ruhet, die

Hügel der Trümmer, die das Erdbeben und die Verheerungen des Krieges

aus den zusammengestürzten Gebäuden bildeten. Einsam, denn meine

Begleiter waren einen andern Weg gegangen, schritt ich über den oft

mit Blute benetzten Schutt hin. Gegen die überschwellenden Wasser des

Hermos und des Cogamus hatte die große Kunst des Menschen dort jenseits

des Flußes, am Saume der Hügel den Gygäa- oder Cola-See gegraben;

den Strom der Verheerung aber, welcher, vor allem mit Tamerlans

wüthenden Rotten, plötzlich über Sardis hereinbrach, den vermochte

keine menschliche Kraft noch Kunst abzuleiten und jenes arme Werk der

Häuser und Hütten, welches später über der großen Stätte des Gerichts

von neuem sich anbaute, das ward vom Erdbeben niedergestürzt[119]. Ja,

hier, wo nun der Weg der wandernden Kameele wie der weidenden Ziegen

über einen mächtig großen Grabeshügel führt, welcher Gebeine der Todten

bedeckt, die zum Theil lebendig und noch athmend den andern Todten

beigesellt wurden, stund einst das alte, christliche Sardis, von

dessen Engel (dem Vor- und Abbild der ganzen Gemeinde) Jener, der die

Geister Gottes hat und die sieben Sterne, sagt: »Ich weiß deine Werke;

denn du hast den Namen, daß du lebest und bist todt,« und zugleich

die Drohung hinzufügt: »so du nicht wirst wachen, werde ich über dich

kommen wie ein Dieb und wirst nicht wissen, welche Stunde ich über dich

kommen werde.« -- Das Auge darf nur einen einzigen Blick auf Sart und

seine zerborstenen alten, so wie dahin geschütteten späteren Mauern

richten, um selber Zeugniß nehmen und zu geben, für die Wahrheit jener

Worte.

* * * * *

Ich mußte, nach der Gerusia hin einen weiten Bogen machen, um nicht,

ganz unbewaffnet wie ich war, in unnütze Händel mit den verwilderten

Hunden zu gerathen, die sich auf einigen der bewachsenen Schutthügel

sonnten. Jene ließen mich schweigend ziehen und sonst war hier Alles so

einsam und still, daß ich in das Gemäuer des angeblichen Schatz- und

Wohnhauses oder der Gerusia hineintretend, den Wiederhall meiner eignen

Schritte hörte. Dieses mächtige Gebäude, dessen doppelte Mauern aus

riesenhaften Werkstücken zusammengefügt sind und welches, eben vermöge

seiner massiven Anlage verhältnismäßig am wenigsten vom Erdbeben

gelitten hat, könnte, eben durch diese seine Bauart wohl Ansprüche

machen auf den Rang eines Werkes aus dem heroischen Zeitalter der

Baukunst; ich meines Theils möchte es für eine Arbeit, nicht der Römer,

sondern der alten Lydier halten. Der erste der Säle, in welchen man

hineintritt, ist an seinen beiden Enden halbrund, seine Länge misset

165, die Breite 43 (englische) Fuß, die Dicke der Wände beträgt 10

Fuß. Nach Vitruvs[120] Zeugniß hatten die Bewohner des späteren, seit

Alexanders des Großen Zeiten wieder sehr reich und mächtig gewordnen

Sardis das Haus des Crösus zur Gerusia bestimmt: zu einem öffentlichen

Gebäude, worinnen, wie im Prytaneum, alle, um den Staat verdiente

Männer lebenslänglich Wohnung und Verpflegung fanden. Wie seltsam ist

der Eindruck den diese dicken, riesenhaften, jetzt so leeren Wände des

alten Schatzhauses eines der reichsten Herrscher der alten Welt auf das

Auge machen. Er gleichet jenem Eindruck, den ein Wandrer empfindet, der

am Morgen über das Gebirge der Räuberhöhlen ziehet, und der da am Boden

den leeren, zerrissenen Beutel, befleckt mit dem Blute des Ermordeten

liegen siehet, welchen das Gesindel des Waldes in der vergangenen Nacht

einem Reisenden geraubt hat. Möchte sie dahin seyn die unermeßliche

Menge des geprägten und gehämmerten, des ungeprägten und durchbrochenen

Goldes und Silbers, die Fülle der Arm- und Fußbänder, der Halsbänder

und Diademe, der Ringe und Gürtel vielleicht mit Golkondas Diamanten,

Bedachschans Rubinen, mit Zeylons Sapphiren und Omans Perlen besetzt,

hätte nur Sardis jenen Schmuck sich erhalten, den es eben so wie das

treugebliebene, nachbarliche Philadelphia empfangen, aber nur zu bald

befleckt und verloren hatte.

Es war als wollte die Natur dennoch hier bei manchem unsrer Schritte

uns daran erinnern, daß der alte Quell des Reichthumes dieses Landes

noch nicht ganz versiegt sey. In ungemeiner Menge und Pracht der

goldgelben Farbe wuchs und blühete neben dem Gemäuer der Gerusia und

noch mehr weiter südwärts, in der Nähe des Paktolus die ephesinische

Sternbergia. Im Hinaufgehen nach der Mühle begegnete mir ein

Kameeltreiber; ich athmete fröhlich auf, wieder einen lebenden Menschen

zu sehen. Noch wohler ward mir, da ich meinen jungen Freund, den

+Dr.+ ~Roth~ in dem jetzt großentheils trocken liegenden

Bette des Flüßleins eifrig suchend fand. Er suchte da, und auch ich

begleitete ihn später bei diesem Geschäft, nach jenem Steine, der von

Sardis seinen alten Namen hatte: nach dem +Lapis Sardius+ (Sarder)

oder Carneol. Wir fanden gerade da, wo wir am längsten suchten, nur

unbedeutende, aber dennoch sichre Spuren seines hiesigen Vorkommens;

reichere Ausbeute verspricht dem Mineralogen, den vielleicht ein

antiquarisches Interesse zu seinen Nachforschungen antreibt, jene,

diesseits Sardis, gegen Kassabah gelegne Gegend der Ebene, über welche,

vom Abhange der Sandsteinhügel herab, die Rinnsäle einiger Gießbäche

verlaufen. Die Hauptmasse der Geschiebe des Paktolus bildet ein öfters

röthlich oder gelblich gefärbter Quarz.

Während der Mittagsstunde ruheten wir im Schatten der Bäume, bei der

Mühle, am westlichen Arm des Paktolus. Das Hochgebirge hatte sich

mehr und mehr mit dicken Regenwolken bedeckt, die uns einen Theil der

erhabenen Bergansicht nach dem andern verhüllten. Unten in der Ebene

behielt indeß die heiß strahlende Sonne noch die Herrschaft, welche

uns Hoffnung gab zum guten Gelingen, auch noch des übrigen Theiles

unsres heutigen im Sehen und Beschauen bestehenden Tagwerkes. Denn

der schönste Sinnengenuß des heutigen, reichen Tages stund uns noch

bevor. Nach der kurzen Ruhe des Mittags machten wir uns deshalb auf

zum Besuch des Tempels der Cybele, der am Fuße des alten Burgberges

liegt. Mit Recht, so scheint es mir, haben viele neuere Reisende,

welche diesen Tempel sahen, seine Säulen, was die Form der Kapitäler

betrifft, als die schönsten gepriesen, die man von jonischer Bauart

kennt. Sie sind aus gleicher Zeit mit dem älteren, von Herostratus

verheerten Dianentempel von Ephesus; das einzige Denkmal, das noch

in ursprünglicher Schönheit von der Herrlichkeit und Herrschermacht

des Crösus zeuget. Anjetzt stehen noch zwei Säulen dieses herrlichen

Tempels, die andren sind durch das Erdbeben und durch die Habsucht

der Türken niedergestürzt, welche Letztere mit kräftiger Faust

das Blei heraushämmern, das den einzelnen Theilen der 6½ Fuß

dicken Säulenschäfte und ihrer Kapitäler zur Verbindung diente. Das

Baumaterial ist der schönste, reinste weiße Marmor.

Ich erinnre mich nur weniger Stunden meines Lebens, in denen mich

die erhabene Stille einer großartigen, menschenleeren Natur so tief

ergriffen hatte, als in jenen Sonnabend-Nachmittagsstunden, die ich

hier, sitzend auf den Marmorstufen des alten Cybeletempels zubrachte.

Da in der verfallenen Akropolis wohnte der Herrscher, der sich für den

Glücklichsten aller Sterblichen hielt, weil er mehr denn Alle Silber

und Gold sich gesammlet, weil er Alles, was seine Augen wünschten ihnen

ließ; weil er groß und stark war, durch die Macht seiner Heere. Und

siehe, dort in der Ebene erlag alle diese Macht und Stärke dem Heere

eines Volkes, das unter Cyrus plötzlich, wie der Waldstrom den ein

Gewitterregen im Gebirge gebar, hereinbrach. Dort unten stund auch

die reiche, durch Handel und Gewerbe blühende Stadt Sardis, welche

da sie schon einmal das Erdbeben gestürzt hatte, Tiberius prächtiger

wieder aufbaute. Und siehe auch über diese große, schöne neue Stadt

kam das Verderben durch Krieg und Erdbeben plötzlich, wie ein Dieb in

der Nacht. Vielleicht war es hier, bei diesem Tempel der Cybele, in

einem der längst von der Erde verschwundenen Lusthäuser des großen

Königes, wo Solon der Weise, Crösus, den irdisch Glücklichen ermahnte,

vor allem das Ende zu bedenken. In der That, wenn irgend ein Punkt der

Erde geeignet ist, das Andenken an das Ende zu wecken, so ist es dieser

da, am einsamen Tempel der Cybele bei Sardis. Die zerrissenen Wände

der alten Akropolis dort auf dem Sandsteinfelsen reden zu dem Auge des

Wandrers von der Eitelkeit der Eitelkeiten; von der vergeblichen Mühe,

die der Mensch unter der Sonne hat. Es ist alles eitel, sagen hier die

niedergestürzten Säulen des Tempels, wie dort unten die Mauern des

alten Schatzhauses des Crösus.

Nach unsrer Rückkehr zur Mühle hatte sich das Regengewölk vom Gebirge

immer näher und tiefer herabgezogen zum Thale. Der morgende Tag, so

erkannten die Bewohner der Gegend, und wahrscheinlich auch schon der

heutige Abend ließ einen heftigen Erguß des Regens erwarten. Freund

~Jetter~, mit der Natur des Landes und mit den Folgen, die

das plötzliche, starke Durchnäßtwerden auf den Körper der Fremden

habe, schon seit Jahren bekannt, fürchtete vor allem für meine,

seit Constantinopel noch immer leidende Gesundheit; er bewog uns

noch an diesem Abend zurückzukehren nach dem gastlichen, bequem

eingerichteten Hause des Pächters in Kassabah. Wir drei, Jetter, Jusuff

Effendi und ich, in Begleitung eines der Surutschuis ritten voraus,

während unsere jungen Freunde, beschäftigt noch mit der Zeichnung

des imposanten Cybeletempels und seiner gewaltigen hehren Umgegend,

zurückblieben[121]. Wir zogen so schnell über die Ebene dahin, als

unsre zur Eile gewöhnten Postpferde dieß vermochten. Dennoch fand

uns die nächtliche Dämmerung schon jenseits Achmedli. Aus dem Dunkel

der eingebrochenen Nacht ertönte von den Zelten der hier gelagerten

Turkomanen und Juruckenhorden her die Pfeife der Cameelhirten, und

als diese, vom herabstürzenden Regen verscheucht, verstummte, da

antworteten sich mit lauterer Stimme die Donner des Gebirges. Wir kamen

dennoch, nur wenig durchnäßt, vor dem Thore der Pächterwohnung an,

das wir schon geschlossen fanden. Die guten Leute hatten heute unsre

Ankunft nicht mehr vermuthet, aber auch die unvermutheten Gäste wurden

von ihnen gern willkommen geheißen, und das Abendessen, zu welchem

auch noch, nicht lang nach uns unsre wohlberittenen jungen Freunde, im

Geleite des andern Postknechtes eintrafen, ward uns ein Beisammenseyn

zu lieblichen Gesprächen.

Schon am späteren Abend und noch mehr während der Nacht fiel der

Regen in so starken Strömen herab, wie man dergleichen nur in den

wärmeren Ländern als gewöhnliche Erscheinungen der Herbst- und

Winterentladungen kennen lernt. Auch in unser Schlafzimmer drang das

Wasser in reichlicher Menge herein. Am nächsten Tage (30. October)

ließen wir uns, während der noch immer von Zeit zu Zeit heftig

strömenden Regengüsse die liebliche Ruhe und Stille des Sonntages sehr

gern gefallen; außer andrem, was diesem Tag gebührte, benutzte ich die

Stunden des ungestörten Beisammensitzens mit Freund ~Jetter~, um

mir von diesem, der erst wenige Monate vorher wieder einen Besuch bei

den »sieben Gemeinden« gemacht hatte, den jetzigen Zustand der von uns

leider nicht selbst gesehenen beschreiben zu lassen. Was er mir von

dem jetzigen Pergamum und Thyatira (Akhissar) mittheilte, das habe ich

bereits oben erwähnt; ich füge nur noch eine kurze Beschreibung der

siebenten jener alten Christengemeinden: ~Philadelphia's~ bei.

Wer von uns möchte nicht gern von dieser frühen Wohnstätte der treuen

Bekenner etwas erfahren, welcher der Mund der Wahrheit, nächst

der Gemeinde von Smyrna das ungetheilteste Lob, und nur Worte der

Verheißungen und Tröstungen ertheilt. Denn weil dieselbe, bei ihrer

nur kleinen Kraft Sein Wort behalten und Seinen Namen nicht verläugnet

hatte, sollte auch sie behalten werden vor der Stunde der Versuchung,

die über den Erdkreis kommen würde und auch die Ermahnung, womit das

hehre Sendschreiben schließt, trägt zugleich Kräfte der Verheißung und

Erfüllung in sich; das Wort: »halte was du hast, daß niemand deine

Krone nehme«[122]. Und ja alle diese Worte der Segnungen haben sich

bis zu unseren Tagen in ihrer ganzen Lebenskräftigkeit bewährt und

erwiesen; jene Gemeinde »von kleiner Kraft« ist unter tausendfältigen

Versuchungen und Gefahren treu geblieben am Wort der Gedult; hält noch

jetzt am Bekenntniß fest.

Der ältere Name von ~Philadelphia~ ist wahrscheinlich ~Kallabytos~

gewesen, sein jetziger heißt ~Allah-Scheher~; Philadelphia ward sie

von Attalus von Pergamos genannt. Der erste Bischof oder Engel der

Christengemeinde dieser Stadt, ~Lucius~[123] war von Paulus, der

zweite, Demetrios von Johannes dem Apostel zu diesem Dienst geweiht und

bestellt worden[124]. Vergeblich hatte im ersten Jahrzehend des 14ten

Jahrhunderts (um 1307) der türkische Fürst von Kermian, Alischir das

fest auf seinem Felsen gegründete Philadelphia belagert, welches damals

durch Rogger den gewesnen Templer entsetzt wurde; vergeblich hatten

Orchan und Murad +I.+ den Versuch wiederholt, bis endlich Bajesid +I.+,

der Blitzstrahl, auch in diese guten Mauern einschlug und einbrach. Als

hierauf Timur alle Namen und Wohnstätten der Gemeinden und Menschen mit

Blutströmen hinwegwusch und vertilgte, da wurde, wie durch ein Wunder

das ringsumher von Tod und Verderben bedrohete Philadelphia vor dem

Untergang bewahrt; es diente sogar zur Zufluchts- und Bergungsstätte

der wenigen, dem Schwerte Timurs und seiner Rotten entflohenen Christen

von Sardis so wie ihres Bischofes. Bis zum 16ten Jahrhundert wohnte der

Bischof von Philadelphia fortwährend bei seiner Gemeinde; damals schlug

er seinen Sitz in Venedig, später in Constantinopel auf.

Philadelphia (Allahscheher) liegt südostwärts von Sardis in einem

Seitenthale des Hermos, am Ufer eines seiner Nebenflüsse, auf einem

Hügel, welcher die Aussicht über die reiche, fruchtbare Ebene

beherrscht. Nach allen Seiten von Ortschaften der Muhammedaner umgeben,

bildet hier diese kleine Stadt die letzte, einsam stehende Warte

des Christenbekenntnisses, mitten im Lande der Feinde. Denn welche

Stürme, besonders seit den Zeiten der türkischen Besitznahme und

Oberherrschaft im Aeußerlichen auch über seine kleine, fortwährend

jedoch von der Vertilgung verschont gebliebene Gemeinde ergangen sind,

das bezeugen die niedergestürzten Mauern der Vestungswerke so wie die

Ruinen des gewaltsam zerstörten Kastelles, dessen entzückend schöne

Lage und Aussicht den christlichen Reisenden mit Wehmuth erfüllt, weil

er, so weit sein Auge über den kleinen Kreis der Stadt hinausreicht,

nur ein Land sieht, aus welchem die einst so reichen Segnungen des

Christenglaubens gewichen sind. Aber von dem Häuflein der Christen in

Philadelphia sind sie noch nicht gewichen. Dieses besteht aus etwa

fünfzig Familien griechischer Christen, welche jedoch fast durchgängig

nur noch die türkische Sprache reden und verstehen. Mit großer Liebe

empfangen sie den christlichen Reisenden in ihrer Mitte, und dieser

fühlt sich hier wie unter Verwandten. Die Schulen unterliegen zwar

jenen Unvollkommenheiten, an denen auch die meisten türkischen Schulen

leiden, doch wird den jungen Seelen der Name des Herrn in Einfalt

verkündet. Sehr hart lastet auf der armen Gemeinde die Hand des

jetzigen Bischofes P...s, der gewöhnlich in Constantinopel lebt, von

dort aus jedoch, so wie noch mehr bei seiner etwa gelegentlichen,

persönlichen Anwesenheit solche gewaltthätige Erpressungen und

Grausamkeiten übt, daß er nicht wie ein Wolf in Schafskleidern,

sondern als ein Tiger in unverhüllter Gestalt erscheint. Aus der

alten, christlichen Stadt finden sich außer einigen kleineren, noch im

Gebrauch bestehenden Kirchlein, die ansehnlichen Reste einer größeren

(ehemaligen Johannis-) Kirche. Ein Iman, welcher in der Nähe dieser

alten Mauern wohnt, erzählte mit ehrfurchtsvoller Scheu, daß er nicht

selten, besonders bei Nacht, hier Stimmen höre und auch zuweilen

Erscheinung sehe, von majestätischer, Schrecken erregender Art. So

spricht sich selbst noch in dieser Sage jene natürliche Achtung aus,

welche die Moslimen an vielen Orten dem biblischen und christlichen

Alterthume bezeugen.

Dieses ist der jetzige Zustand, der noch immer fortlebenden

apokalyptischen Gemeinde zu Philadelphia, die, ganz nach jener

Verheißung die ihr geschahe, eine von den vieren aus den sieben ist,

welche stehen blieben, während drei, abermals wie das Wort es verkündet

hatte, von ihrer Stätte hinweggerissen und vertilgt sind.

Es war nun, in den Stunden des Nachmittags, endlich Zeit an die

Weiterreise zu denken; der Regen schien sich mehr von der Ebene

hinweg nach dem Gebirge ziehen zu wollen. Mehrmalen hatten wir unsre

Surutschuis, welche in einem der besten Chans des Ortes, genannt »zum

Sohn des Malers« ihrer Ruhe pflegten, ermahnen lassen, daß sie doch

mit den Pferden kommen möchten; diesen guten Leuten wie ihren Rossen

that die seltne Ruhe so wohl, daß sie mit dem Abbrechen derselben

so lang als möglich zögerten. Endlich sahen wir uns wieder auf dem

Rückwege nach Magnesia. Die Gebirge, in abwechslender Verhüllung der

Wolken, troffen noch immer vom Regen; unser Weg durch das Thal war

von der Sonne beschienen und keiner der vorüberziehenden Regengüsse,

die wir vor und hinter uns bemerkten, berührte uns. So genossen wir

ruhig den Anblick dieses Landes in jenem Zustand seiner Berge und

Thäler, worinnen es getränket wird und gesättigt, mit der Ueberfülle

des nährenden Wassers. Denn als wir uns den Wänden des Sipylos wieder

genähert hatten und in seinem erquicklichen Schatten dahinritten, da

glaubten wir eines der Alpengebirge unsres an lebendigen Wasser so

reich gesegneten Vaterlandes vor uns zu sehen; die Felsenwände waren

da und dort mit den silbernen Fäden der herabrinnenden Regenbächlein

übersponnen, aus den Klüften hörte man das Rauschen des Gewässers,

das von seinem Wolkenfluge nach der Höhe zur heimatlichen Tiefe

zurückeilte. Ja, so wie es uns heute sich zeigte, erschien uns das

alte Lydien wirklich, wie sein eigner und seiner Einwohner Namen Mäon

und Mäones bei Herodot und Homer[125] es zu bezeichnen scheint, als

ein Wasserland, aber auch in der trockenen Jahreszeit verdient es vor

vielen andren Ländern des wärmeren Asiens diesen Namen, denn fast in

jeder Stunde Weges kommt man auf der Reise durch seine Haupthäler an

ein laufendes Wasser, das durch wohlthätige Stiftung zum Brunnen gefaßt

ist, oder als natürlicher Quell und selbst als Bächlein aus dem Boden

hervordringt; bei jedem Kaffeehaus -- und wo im Orient gäbe es mehrere

und bessere als hier -- giebt es ein reines, erfrischendes Wasser.

Nahe vor Magnesia begegnete uns reitend auf wohlgebauten Rossen ein

Paar von Turkomanen; das jugendliche Weib mit zurückgeschlagnem

Schleier, in seinem Arm ein kleines Kind haltend. Auf dem Angesicht

dieses Volkes, so wie der in Kleinasien wohnenden Griechen, spiegelt

sich noch sehr oft die Schönheit und Klarheit des Jonischen Himmels;

sollten da nicht auch die Kräfte des Geistes innwohnen, durch welche

Jonien einst so groß und herrlich war und müßte es nicht leicht seyn,

den anjetzt nur gebundnen Drang nach geistiger Bewegung und Gestaltung

wieder zu entbinden und zu wecken?

* * * * *

Da waren wir schon wieder bei dem ersten, am Anfange der Gärten

gelegnen Brunnen von Magnesia, erbaut vielleicht aus manchem der übrig

gelassenen Trümmer vom Grabmal des Themistokles, und noch am Tage

ritten wir durch die Gassen der schönen Stadt. Hier nahmen wir abermals

unsre Wohnung in dem gastlichen Hause des Erzbischofes. Wir fanden

dieses voll besuchender Gäste, unter welchen der in Smyrna wohnende

(Titular-) Bischof von Ephesus der vornehmste schien. Dennoch ward uns,

unserer Gegenvorstellungen ungeachtet, das große Gastzimmer wieder

eingeräumt, das wir auf der Hinreise innen hatten. Beim Abendessen

vertrat der freundliche Doctor Velastis die Stelle des Wirthes und bot

Alles auf, was er vermochte, um uns gut zu unterhalten. Vor wie nachher

sahen wir noch manchen der eben zu Besuche anwesenden Bischöfe, welche

durch ihre glänzenden Namen, die von längst untergegangenen Gemeinden

herstammen, an jenes Gefühl erinnerten das ein alter Kriegsheld noch

fortwährend von einem Gliede und allen einzelnen Theilen desselben zu

haben glaubt, welches das Schwert oder Geschoß der Feinde ihm schon

vor vielen Jahren hinwegriß und das schon längst verwest und verstäubt

ist.

Wir verweilten am andern Tage abermals bis nach Mittag in Magnesia. Ich

ward heute schon ziemlich früh dem ~Oglu-Bey~, einem der reichsten

Fürsten im jetzigen Anatolien vorgestellt. In seinem Pallaste zeigten

sich, wenn auch nicht in der Form der europäischen Pracht, doch der

Bedeutenheit nach die Spuren einer herzoglichen Macht und Vermögenheit.

Dieser Herr hat sich an vielen Orten seiner weitläufigen Besitzungen

gar manches prunkende Gebäude aus den Trümmern der alten jonischen

Herrlichkeit erbaut. Auch an dem Ruin des herrlichen Cybeletempels bei

Sardis arbeitet er auf diese Weise, leider gar rüstig mit, denn von

dort hat er schon viele Stücke der unvergleichlich schönen, weißen

Marmorsäulen sammt den kostbaren Architraven hinwegholen und nach

seinem Geschmack zuhauen lassen. Wir schritten hindurch, durch die

Leibwachen und die mit Bedienten erfüllten Vorzimmer; ein Offizier

in modern türkischer Militäruniform führte uns ein; wir fanden einen

vornehmen griechischen Kaufmann bei dem Fürsten sitzend; auch uns

nöthigte man Platz zu nehmen auf dem Sitze der Polster; ein Page

brachte Kaffee und langrohrige Pfeifen mit dem großen Mundstück von

Bernstein. ~Oglu-Bey~ ist ein Mann von mittleren Jahren, stark von

Körper, gefälligen Aussehens; gegen uns wie gegen die meisten Europäer

sehr freundlich; dennoch machte diese Freundlichkeit wie die der

meisten orientalisch-türkischen Hoheiten, welche ich auf dieser Reise

sahe, auf meine Seele einen ähnlichen, gemischten Eindruck wie der

Geschmack des wilden Honiges der Fichtenwaldungen auf die Zunge; mitten

aus dem Süßen schmeckt man etwas gar Strenges, unter dem übrigen

Gewürz die Myrrhe heraus.

Einer der vornehmen Hofdiener des Fürsten nahm meine ärztlichen

Kenntnisse in Anspruch; Kenntnisse, welche mir in Europa, schon wegen

Mangel an Uebung, so unbrauchbar geworden waren wie ein eingerostetes

Schwert, und die mir dennoch auf dieser orientalischen Reise öfters

nützlich und meinem Nächsten zum Trost gewesen sind. Auch zu dem

kränklichen ~Kadi~ der Stadt nöthigte mich +Dr.+ Velastis

mitzugehen, um meine Meinung und meinen Rath über den Zustand des

Mannes zu vernehmen. Der Kadi ist ein feingebildeter Mann, der sich

in den Schulen seiner Vaterstadt, Constantinopel, gebildet hat; seine

Rechtlichkeit und Theilnahme an allem, was die Bildung des Volkes

fördern kann, wie seine Geschicklichkeit im Amte wurden mir gerühmt.

Einen Rechtsfall sahe ich hier entscheiden, ganz in orientalischer Art

und Form. Ein armer Landmann, der noch einen andern als Sprecher bei

sich hatte, und mit diesen beiden zugleich ein vornehmer gekleideter

Türke traten herein. Der Landmann näherte sich barfüßig, bis auf einige

Schritte dem Kadi, warf sich dann demüthig, mit der Stirn den Boden

berührend, vor ihm nieder, und trat hierauf wieder zurück bis zu der

Stelle an der Wand des Zimmers, wo hinter einer Art von Schranke die

Kläger und Beklagten stehen. Der Kadi winkte ihm mit der Hand, zu

reden, da nahm der Sprecher des armen Mannes das Wort und erzählte

ausführlich, wie ein Aga in der Nachbarschaft, der vor Kurzem wegen

der vielen von ihm verübten Ungerechtigkeiten seiner Würde entsetzt

und nach Constantinopel abgerufen worden war, dem Bauersmann sein

kleines Landstück, darinnen der größte Theil seines Vermögens bestand,

mit Gewalt abgedrungen habe; dieses nämliche, dem armen Landmann

geraubte Feld, hatte der reiche, neben dem Kläger stehende Türke von

dem Aga gekauft. -- Der Türke sagte darauf bloß, das Feld sey sein,

denn er habe es dem Aga theuer genug bezahlt. Der Kadi verlangte die

Papiere zu sehen, wodurch der Bauer als ursprünglicher Eigenthümer des

Grundstückes sich legitimiren könne. Dieser erwiederte: die Papiere

habe der Aga bei sich behalten, der sie auch, vorgeblich um sich

von dem Besitzrecht des Landmannes zu überzeugen, zu sehen begehrt

hatte. Der Kadi forderte jetzt den Kläger auf ihm Zeugen zu stellen,

welche sein Eigenthumsrecht bestätigen könnten und der Arme wie

sein Sprecher traten ab mit fröhlichen Mienen, aus denen ihr gutes

Gewissen sprach. Der vornehmere Käufer des Feldes zögerte noch, als

hätte er etwas mit dem Kadi zu reden, dieser aber, mit ernstem Blicke

winkte ihm gleichfalls abzutreten. Zwar wurde das Gespräch mit dem

verständigen Kadi durch dieses wie durch manche andre Geschäfte sehr

unterbrochen, dennoch diente es um unsre gute vorgefaßte Meinung von

dem Manne zu bekräftigen. Seine Fragen an Jetter über die bestmögliche,

dem örtlichen Bedürfniß am meisten angemessene Weise die türkischen

Schulen zu verbessern, wie seine Aeußerungen zu Jetters Antworten,

erschienen verständig und treffend. Durch den Besuch des »heiligen«

Derwisches, der sich schweigend und ohne zu grüßen auf den Diwan uns

gegenübersetzte, die ihm von dem Bedienten des Hauses dargereichte

Tasse Kasse schlürfte und dann schweigend sich wieder entfernte, ließ

sich der Kadi in seinem Gespräche nicht stören, vielmehr scheint es,

daß er, wie viele der jetzigen, von dem Geist der europäischen Cultur

angeweheten, vornehmeren Türken weder seinerseits den Imans und

Derwischen sonderliche Achtung bezeuge, noch daß auch ihrerseits diese

den Kadi besonders günstig sind, ein Umstand, der ihm, bei dem immerhin

noch sehr großen Einfluß dieser Leute für die Sicherheit seiner äußern

Stellung nachtheilig werden kann.

Nach einem kleinen Umweg durch die Stadt kamen wir endlich, gegen

Mittag, wieder zurück zur erzbischöflichen Behausung. Von hier durften

wir nicht ungegessen hinweg; nach eingenommener Mahlzeit entließ uns

der Bischof von Hierapolis mit gewohnter Freundlichkeit; ein junger

Grieche, der nahe Verwandte eines der hohen Geistlichen des Hauses und

+Dr.+ Velastis gaben uns noch das Geleite zum Thore der Stadt

hinaus.

Wie steil und mit anderen, der Gegend ungewohnten Rossen, wie

gefahrvoll der Weg über den Berg jenseits Magnesia sey, das lernten wir

heute noch einmal beim Hinansteigen erkennen. Die Aussicht jedoch hinab

nach dem Engthal und hinauf nach dem jenseit desselben emporsteigenden

Sipylos, so wie bald nachher über das Thal des Meles und nach dem

Meerbusen von Smyrna ist jedoch auch desto lohnender. Der reichliche

Erguß des Regens hatte während unsrer Abwesenheit die Schluchten noch

häufiger mit Wasser versorgt und die Ebene so getränkt, daß die Felder

des Klees und die Saaten in üppiger Fülle grünten. An dem Kaffeehaus

vor Hadjilar, an dem wir hielten, wurden alle Lastthiere der eben hier

verweilenden Reisenden mit frischem Klee erquickt, nur unsern armen

Postpferden, welche überhaupt während des Tagmarsches niemals gefüttert

wurden, versagten die Surutschuis das grüne Futter.

Einige von uns wählten in Begleitung des einen Postknechtes, angeführt

durch H. Jetter und Jusuff Effendi den Nebenweg über das Gebirge nach

Budscha, während die Andern gerade in der Ebene fort nach Smyrna

ritten. Wir auf unserm Wege kamen jenseits Hadschila durch einen Wald

von Granatbäumen, in dessen Zweigen noch eine Fülle der spätgereiften

Früchte hieng. Das Dickig der Baumzweige und der wild durch einander

wachsenden Gebüsche wurde zuletzt so undurchdringlich, daß wir unsern

Weg durch das breite Bette eines Baches nehmen mußten, welches eben

jetzt reichlich mit Wasser gefüllt war. Die Anhöhe über dem Granatwald,

die anfangs sanft, dann aber immer steiler und steiler emporstieg mit

den jetzt neu aufgrünenden Thälern und Schluchten an ihrer Seite war

so reich an Reiz der Sinnen, daß man sie gern mit weniger ermüdeten

Pferden und nicht bei Einbruch der Nacht hätte durchreisen mögen. Ein

dunkles Gewölk hatte sich mit der Nacht zugleich vom Sipylos aufgemacht

und schattete über die Hügel, unten aus Westen vom Meere her leuchtete

noch an dem klaren Himmel die späte Dämmerung, in den Zweigen der

Zypressen spielte der Wind ein Abendlied, leise, wie die Stimme der

Gräber, in uns aber tönte jetzt fröhlich, dann ernst ein Nachhall

dessen, was wir auf dem reichen Wege der letzten Tage gesehen und

empfunden hatten.

Das Haus unsres theuren Gastfreundes Jetter fanden wir einsamer,

als wir erwartet hatten. Ich hoffte meine liebe Hausfrau noch hier

zu finden, sie aber hatte mir auf dem gewöhnlichen Wege über Smyrna

entgegenkommen wollen und wartete meiner in Gesellschaft der lieben

Reisegefährtin und Freundin, begleitet von Herrn Fielstedt, dort in der

Stadt. Dahin machten denn auch wir, Freund Bernatz und ich, Dienstags

den 1ten November uns frühe auf, um noch einmal die reiche Gegend

zu Fuß zu durchwandern und in Smyrna den Abgang unsers Schiffes zu

erwarten.

Rückkehr nach Smyrna.

Die dankbaren Gefühle, mit denen ich hier noch einmal auf meinen

Aufenthalt in Budscha und Smyrna zurückblicke, gleichen den Gefühlen

eines Wanderers, der am Abend ermüdet und krank bei der Ruhestätte

ankam, hier bald dem heilkräftigen Schlummer sich überließ und der

nun neugestärkt erwacht, wenn die Morgensonne das gastliche Haus

bescheint, vor diesem auf und nieder gehend seiner schönen Lage und

Bauart sich erfreut. Die Sonne, welche mir jetzt ihre Strahlen auf

das freundliche Budscha und das gute Smyrna fallen lässet, das ist

die Kraft der Erinnerung: jener lebendigen und geistigen, welche mit

dem Leibe nicht leidet noch krank ist, mit ihm nicht stirbt, sondern

welche, immer sich selber treu und gleich auch jenseit des Grabes noch

fortlebt. Das niedre Thal des leiblichen Befindens war damals, wo ich

in Budscha und Smyrna der Güte des Landes und seiner Bewohner genoß,

von Wolken der Kränklichkeit bedeckt, daneben brausten öfters die Wogen

des Kleinmuthes, hoch über den Wolken stund die Sonne, und nun, da der

Wind das Gewölk vertrieben, scheint diese hell und klar auf den vorhin

verdunkelten Boden herab.

Ehe ich von dem Abschiede aus dem alten Vaterlande der Meister der

Menschenweisheit wie des Gesanges und der Kunst noch einige Worte

von der Güte des Landes sage, sey es mir erlaubt, etwas von der hier

erfahrenen Güte der Menschen zu erzählen.

Ein theurer Freund, den ich schon in Deutschland liebgewonnen, dann in

Constantinopel auf einige Augenblicke wiedergefunden hatte, der edle

Schwede ~Fielstedt~, war uns schon in der Nacht vom 12ten October,

gleich nach der Ankunft unsers Dampfschiffes im Hafen von Smyrna mit

einem Boote entgegengekommen; da man aber, aus einem Misverstehen

der Namen, ihn vom Dampfschiffe, als sey da niemand unsers Namens,

hinweg gewiesen hatte, war er am Morgen nach Budscha zurückgekehrt.

Wir machten aber noch an diesem nämlichen Morgen die persönliche

Bekanntschaft eines anderen Mannes, dessen Namen mir schon im deutschen

Vaterlande seit vielen Jahren ein wohllautender Klang gewesen war:

die Bekanntschaft des holländischen Generalconsuls ~van Lennep~. Es

giebt in der Geschichte der einzelnen Städte wie ganzer Reiche, in

der Geschichte der Wissenschaften wie der Kunst einzelne Familien und

Häuser, welche wie ein Strömlein frischen Wassers, das beständig aus

dem Quell sich erneut und ergänzt, durch viele Menschenalter hindurch

ihren wohlthätigen Lauf nehmen und welche noch den Urenkeln ein

wohlthätiger Punkt des Anhaltens sind, wie sie den Vätern es gewesen.

Ein solches Haus ist für die fränkischen Bewohner von Smyrna so wie für

den dorthin kommenden Europäer das van Lennepische, in welchem zugleich

auch der edle Stamm der Hochepiedschen Familie sich fortsetzt. Seit

länger als einem Jahrhundert wissen alle Fremde, welche aus Europa nach

den Morgenländern kamen, von der Freundlichkeit und Güte der Hochepieds

und van Lenneps zu erzählen; die Familie von jenem wurde in der ersten

Hälfte des vorigen Jahrhunderts wegen ihrer edlen Mildthätigkeit, die

sie in der Auslösung vieler Christensclaven, namentlich aus Ungarn

und Oesterreich, bewiesen, in den Grafenstand erhoben, weit mehr aber

noch als jemals Menschen erfuhren, ist von jenen guten Holländern für

Freie wie für Knechte, Einheimische wie Fremde, Gutes geschehen, wie

dieß namentlich die Geschichte der Schreckenstage der griechischen

Revolution und der türkischen, bei dieser Gelegenheit bewiesenen

Barbarei bezeugt. Auch uns gäbe die viele Freundlichkeit und Güte,

die wir von Herrn van Lennep von den ersten Stunden unsrer Ankunft in

Smyrna an bis zu den letzten erfuhren, Stoff genug, »ein Liedlein«

zu singen. In seinem gastfreien Hause lernten wir besuchende Fremde

aus vielen Ländern von Europa, wie aus Amerika und aus Aegypten

kennen, denen allen der treffliche Mann durch Rath und That das

Reisen und den Aufenthalt im Morgenlande nach Kräften zu erleichtern

und angenehm zu machen sucht. An den Grafen Hochepied erinnerte

uns gar oft der von ihm angelegte große Garten in Budscha mit den

vielen hohen Zypressen, in dessen Nähe wir wohnten, obgleich derselbe

jetzt keineswegs mehr in dem Zustande sich befindet, in welchem ihn

im Jahr 1752 Stephan Schultz sahe, weil der Landaufenthalt der van

Lennep'schen Familie jetzt nicht mehr in Budscha ist. Es hat indeß

nicht bloß Holland hier in Smyrna einen Repräsentanten seines innren

Wohlstandes und der freundlichen Gesinnung, wodurch seine besseren

Bewohner sich auszeichnen, sondern auch die andern europäischen Länder

reichen hier dem Fremdling durch ihre Bevollmächtigten freundlich

und hülfreich ihre Hand. In der That, die europäische Christenheit

bildet da, mitten in den türkischen Landen eine auf wechselseitiges

Zusammenwirken und Liebe zum gemeinsamen Vaterland begründete,

ansehnliche Macht. Die Gasse am Meere hin, wo auf hohen Segelstangen

die Flaggen der verschieden Nationen wehen und die Wohnungen der

Gesandten bezeichnen, wird mir immer in dankbarem Andenken bleiben,

weil ich in ihr so viel Gutes empfangen und genossen. An dem K. K.

Oesterreichischen Herrn General-Consul, Ritter ~von Chabert~, lernte

ich nicht bloß die unermüdliche Gefälligkeit und kräftige Verwendung

zu Gunsten aller unsrer Reisezwecke dankbar verehren, sondern

zugleich auch jene trefflichen naturwissenschaftlichen Kenntnisse

schätzen, durch welche er uns Fremdlingen ein zurechtweisender

Führer in die Betrachtung der physikalischen Beschaffenheit dieses

Landes wurde. Von der Freundlichkeit des Kaiserlich Russischen Herrn

General-Consuls, des Baron W. de Lelly welcher uns die gastfreie

Aufnahme im erzbischöflichen Hause zu Magnesia und Kassabah bereitete,

habe ich schon oben (S. 324.) gesprochen. Bei diesem einen Beweis

von zuvorkommender Güte ließ es aber jener edle Mann nicht bewenden,

sondern die Zeichen seiner warmen Theilnahme und Vorsorge begleiteten

uns auch auf die ganze weitre Reise. Durch den Kais. Russischen

Herrn Generalkonsul fand ich hier in Smyrna auch einen interessanten

Reisenden und vieljährigen Bekannten ~Baron von Yxkül~ auf, welcher,

eben von einer Reise durch Griechenland und auf den griechischen Inseln

zurückgekehrt, meine Sehnsucht, das herrliche Patmos zu sehen, welche

erst so spät befriedigt wurde, in hohem Grade steigerte. Diese und

manche andre interessante Bekanntschaft, namentlich jene der Herren

~Gliddon~, der Söhne des Americanischen General-Consuls von Alexandria,

hatten wir gleich in den ersten Tagen unsers Hierseyns gemacht; da that

sich uns durch die theuren Freunde ~Fielstedt~ und ~Jetter~ eine Thüre

noch zu neuen Bekanntschaften auf, aus denen das Herz große Stärkungen

für die Pilgerfahrt und eine Fülle der lieblichsten Erinnerungen

mitnahm. Der Anblick der reifen Frucht eines guten Baumes, wie der

einer edlen Perle, welche unter vielen Stürmen und Wellenschlägen groß

gewachsen ist, hat für das Auge etwas Erquickliches; noch mehr aber hat

dieses für das Herz das Anschauen einer solchen geistig reifen milden

Frucht und sanft glänzenden Perle wie Vater ~Lee~ dieß ist[126]. Der

lebenskräftige Geist des ~Eli Smith~ hat sich zwar in seinen öffentlich

bekannten Werken, namentlich in seinen +Researches in Armenia+ (+2 Vol.

Boston 1833+) deutlich genug kund gegeben; noch etwas ganz Andres als

die mittelbare giebt jedoch bei Menschen dieser Art die unmittelbare,

persönliche Annäherung. Der liebe Smith war eben in tiefer Trauer;

seine treue Lebensgefährtin war vor Kurzem ihm vorausgegangen in die

Heimath, aus welcher kein Wiederkehren ist, aber wie die Lilie im

Schatten der Nacht ihren stärksten Wohlgeruch giebt, so strahlte aus

seinem stillen Wesen eine Kraft hervor, welche wohlthuend über alle

verwandten Seelen sich ergoß. Den Verfasser so vieler gesegneten

Schriften für die Jugend, Herrn ~Brewer~ habe ich schon oben unter den

Reisegefährten nach Ephesus genannt. Einen Gefährten von so kindlich

heitrem Gemüth möchte man sich aber nicht bloß für die Tage einer Reise

nach Ephesus, sondern für die des ganzen Lebens wünschen. Zu der schon

älteren Bekanntschaft der Herrn ~Leeves~ und ~Renger~, welche bald nach

uns auch hier eintrafen, kam die neue des trefflichen Herrn ~Barker~

und noch mehrerer hier anwesenden Engländer hinzu. Durch Freund

Jetter lernte ich auch den Bischof der armenischen Christengemeinde

kennen; einen hochbetagten Greis, dessen ganzes Wesen Ehrfurcht und

Liebe weckt, weil er selber von Ehrfurcht und kindlicher Liebe zu Gott

seinem Herrn durchdrungen ist. Und wenn ich nun vollends im Geiste

von Smyrna hinauswärts über die immer belebte Caravanenbrücke, dann

an der türkischen Begräbnißstätte und dem Melesflüßlein vorüber, den

steilen Berg, links neben der Akropolis hinangehe und weiterhin den

Weg nach dem heimathlichen Budscha nehme, wohin mein Geist so oft

wandeln geht; wenn ich im Geiste hineinblicke in das gute Nachbarhaus

der hohen Zypressen, was kann ich von dort dem Leser mitbringen als

ein Gefühl des Heimwehes nach einer, dem Raume nach jetzt so fernen,

innerlich aber immer nahen Wohnstätte des Friedens und der innigen, im

Werke thätigen Liebe zu Gott und den Brüdern. Die Familie ~Jetter~,

Eltern wie Kinder, der theure, brüderliche Freund ~Fielstedt~,

wollen ihren Lohn nicht gern vorhin nehmen; was ich über meinen

Aufenthalt bei ihnen, dankbar liebend zu sagen hätte, das sey wie ein

Familiengeheimniß bewahrt. Mit Fielstedt vereinte mich auch noch ein

andrer Zug der gemeinsamen Neigung. Dieser Friedensbote, der schon in

Ostindien am Werk der neuen, geistigen Gestaltung der Menschenseelen

arbeitete, ist durch unmittelbare Erfahrung zu denselben Ansichten

gelangt, welche ~Schweigger~ in Halle mehrmalen so eindringend

aussprach: daß in diesen Ländern und unter diesen Völkern die Heilkunde

der Seelen jene des Leibes in ihren Bund ziehen, die Erkenntniß des

Wortes jene der sichtbaren Werke sich zur Freundin und Gesellin

wählen solle. Er beschäftigt sich deshalb fortwährend, so viel seine

Berufsgeschäfte ihm dieß erlauben, mit dem Studium der Natur- und

Heilkunde. An der Hand dieses theuern Freundes ergieng ich mich oft in

der reichen Natur der Umgegend von Smyrna und versuche es jetzt dieß

auch, auf wenige Augenblicke an der Hand des Lesers zu thun.

Die Natur des alten Lydiens erscheint durch die Fülle und

Mannichfaltigkeit ihrer Erzeugungen als ein Abbild der Geschichte

ihrer vormaligen Bewohner. Wenig Länderstriche der Erde haben auf so

geringem Raume eine solche bunte Verschiedenheit der sichtbaren Dinge

aufzuweisen als dieses Vaterland der mannichfachsten, hochstrebendsten

Männer des Alterthumes. Wenn man nur das Thal des Hermos und in ihm die

vielartigen Geschiebe betrachtet, welche die Gießbäche vom Sipylos und

Tmolus herabführten, dann kann man nicht mehr fragen, welche Felsarten

hier zu Hause seyen, sondern besser, welche bekannte Hauptform der

Felsarten dieser Gegend abgehe? Die Familie der granitartigen Gebirge,

namentlich der Gneus bildet den Kern des Hochrückens; an den niedren

Höhen zeigt sich der Thonschiefer mit den Lagern des lydischen Steines;

bei Ephesus und an vielen andern Orten der körnige Kalkstein; nordwärts

von Smyrna der Kalk mit Feuersteinen; am Fuße des Tmolus der Sandstein;

bei Magnesia wie um Smyrna die grünstein- und mandelsteinartige

Wacke, mit Chalzedon; bei den Trümmern von Laodicea wie diesseits

Thyatira gegen den Hermos hin die Mannichfaltigkeit der vulkanischen

Erzeugnisse. Der Reichthum des magnetischen Eisens verräth sich bei

Magnesia, selbst an der Boussole; im Thale des Kryos finden sich Spuren

eines älteren Bergbaues; der hehre Tmolus scheint noch jetzt den

Geognosten aufzufordern jene Schatzkammern des edlen Metalles in seinem

Innren aufzuschließen, aus denen vormals die Menge des Goldes und des

Crösus Reichthum gekommen und wodurch das Volk der alten Lydier so

frühe zu einem metallschmelzenden und Metall verarbeitenden geworden.

Wie das Mineralreich so ist auch die Pflanzenwelt von Anatolien

ungemein reich an Arten und kräftig an Wuchs wie an Ertrag der Früchte.

Lydien genießt zugleich den lebenstärkenden Einfluß der Wärme und den

nährenden des Wassers; nahe an die Niederung der Küste und der Thäler

gränzt das Hochgebirge, dessen Rücken alljährlich vom nordischen Winter

besucht wird, darum gedeihen hier in einem Abstand von wenig Meilen die

freilich sehr vereinsamte Palme des Südens mit der Pappel und Weide

des Nordens; Baumwolle und Flachs; unsre wohlbekannte Kirsche mit

der Orange und Feige; Indiens Reis wie Deutschlands Gerste. Es kann

hier meine Absicht nicht seyn, auch nur eine vollständige Aufzählung

der Namen, der uns hier zu Gesicht und zu Hand gekommenen Arten der

Gewächse zu geben, um so mehr da ich bei einer andern Gelegenheit und

an andrem Orte von der Naturgeschichte Kleinasiens zu reden hoffe,

einige Grundzüge des Bildes will ich jedoch vorläufig entwerfen.

Wenn ich irgend ein wärmeres Land unsrer Halbkugel für das alte,

ursprüngliche Vaterland oder für den Lieblingssitz des Feigenbaumes

halten möchte, so wäre dieß Kleinasien, vor allem die Umgegend von

Smyrna. Die Feigen dieser Gegend, wegen ihres Wohlgeschmackes berühmt,

haben auf eine beachtenswerte Weise in neuerer Zeit die ersten Fäden

einer Handelsverbindung zwischen den christlich europäischen Ländern

und dem osmanischen Orient angeknüpft. Die Türken bezeugten früher

eine so eifersüchtige Vorliebe für die Feigen von Smyrna, daß die

Ausfuhr derselben in andre Länder ganz verboten war, da schloß König

Karl +II.+, durch seinen Gesandten den Sir Finch im Jahr 1676

unter Mohammeds +IV.+ Regierung mit der hohen Pforte einen Vertrag

ab, vermöge welchem alljährlich zwei Schiffsladungen Smyrnaer Feigen

zum Bedarf der Küche Sr. Maj. des Königs nach England ausgeführt werden

durften. An die zwei »Ladungen« von nicht sehr genau bestimmtem Werthe,

schloßen sich bald zwei andre; an die vier in einem der nächsten

Jahre vier neue und so entfaltete sich im Schatten des Vertrages über

zwei Schiffsladungen Feigen ein lebhafter Handelsverkehr zwischen

der Levante und dem europäischen Westen, welcher noch viele andre

Gegenstände in seinen Kreis hineinzog, deren Ausfuhr sonst verboten

oder sehr erschwert war.

Hier, in der Umgegend von Smyrna, hat man die beste und häufigste

Gelegenheit, die Anwendung der Caprification zu beobachten. Auf den

Felsen, namentlich in der Nähe der Küste, wächst in Kleinasien wie auf

den Inseln des griechischen Archipelagus in Menge der wilde Feigenbaum

(von den Griechen Ornos oder Orinia genannt), der Stammvater unsres

durch Cultur veredelten zahmen. Wie die Thiere der Wildniß, namentlich

der Löwe, wo die Auswahl ihnen frei steht, lieber das Lastthier,

das den Reiter trägt als den Menschen, lieber den Neger oder den

Indianer, als den cultivirten Europäer anfallen[127], so geht auch

ein merkwürdiges Thierlein, das noch einen viel größeren Geschmack

an der Feige findet als die Osmanen und als Karl +II.+ von

England, lieber die wilde, als die zahme Feige an. Dieses Thierlein:

die Feigenfruchtwespe (+Cynips Psenes+) genannt, gehört jedoch

keinesweges zu den vertilgenden Feinden der Feige sondern vielmehr zu

ihren Erhaltern und Gönnern. Die Feige, wie dies hier vielleicht für

einen Theil der Leser der Erinnerung bedarf, ist nämlich keinesweges,

wie der Augenschein dies vorzuspielen scheint, eine Frucht, welche

ohne vorhergehende Blüthen entstund, sondern, wie das zergliedernde

Messer lehrt, in dem Innren ihres fleischigen Gehänges sitzen die

kleinen, sehr deutlichen Blüthchen, aus denen die Saamen des süßen

Fruchtbodens (Kuchens) sich erzeugen. In den verschiedenen Früchten

ist die Beschaffenheit und Kraft dieser Blüthen sehr verschieden, es

finden sich nämlich in einigen derselben solche Blüthen, bei denen

die beiden Gegensätze des Pflanzengeschlechtes: die Pollen tragenden

Antheren und die jene annehmenden Pistille neben und mit einander

vollkommen entwickelt sind und bei solchen Blüthchen gedeiht und

wächst die Frucht von selber, ohne Beihülfe der äußren Natur. Bei dem

größeren Theil der Früchte des Feigenbaumes ist jedoch das Verhältniß

ein andres, und zwar ein solches, welches eine höhere Stufe der innren

Entwicklung andeutet[128]. In ihnen sind nämlich, bei den einen nur

Blüthchen vorhanden, welche Pollen tragende Antheren umfassen, oder

nur Pistille denen die zur Erzeugung der süßen Frucht nothwendigen

Antheren mangeln, beide also, jene ohne diese, wie diese ohne jene,

würden keine reife Frucht tragen, sondern die grüne Kammer, welche

das Geheimniß der Befruchtung umschließet, würde noch ganz klein und

unausgebildet abfallen, wenn nicht das vorsorgende Band, welches allen

Mangel des einen Einzelwesens mit der Fülle des andern ergänzend

durch die Wesen der Sichtbarkeit gehet; wenn nicht die mütterliche,

in der Natur waltende Weisheit, auch hier ein Andres bedacht hätte.

Jene kleine Feigenfruchtwespe, gesättigt jetzt mit dem Lieblingstrank

den die Antherenblüthen tragende Kammer umschließet, bohrt sich, von

jenem Triebe geleitet, welcher auf die Ernährung und Erhaltung der

noch ungeborenen Brut gerichtet ist, in solche Kammern (Früchte)

ein, bei denen vorwaltend nur das aufnehmende Pistill zur Vollendung

gekommen ist. So empfängt nun auch dieses den keimbelebenden Einfluß

und eine Menge der sonst unreif abfallenden Kammern wird somit zu den

besten, größesten, lieblichsten Früchten gezeitigt. Damit nun dieses

erreicht werde, pflegt der Landmann der Umgegend von Smyrna den wilden

Feigenbaum, der die Lieblingswohnung des geflügelten Gastfreundes und

Schutzherrn der Feige ist, oder noch öfter die Früchte desselben,

in denen die Larve des Insekts den Beruf ihrer Verwandlung eben zu

beendigen bereit ist, in die Nähe und um die Früchte des zahmen

Feigenbaumes zu pflanzen oder aufzuhängen. Man sagt, daß auf diese

Weise ein Baum, der ohne solche Fürsorge nur 25 bis 30 Pfund Früchte

tragen würde, eine Ergiebigkeit von mehrern Zentnern empfangen könne.

So vortrefflich die Rosinen sind, welche man aus den Trauben von Smyrna

bereitet, so schlecht und übelschmeckend, wenigstens für den Gaumen

des Europäers, ist der hiesige Wein. Ich habe, außer manchen Arzneien,

noch niemals eine widerwärtigere Flüßigkeit gekostet als die war,

welche man im Gasthofe der Madame M**** unter dem Namen des Weines zur

Tafel brachte, so daß ich ganz unbefangen die Wirthin fragte, woraus

dieses Getränk gemacht werde? und daß auch, nachdem sie uns gesagt

hatte, daß man es aus Trauben fertige, keiner von allen Tischgästen,

selbst nicht der Sohn des Hauses davon trinken mochte. Der Geschmack

eines solchen Smyrnaer Weines gleicht einer Auflösung von unreinem

Geigenharz in schlechtem Branntwein, worunter der Uebelkeit erregende

Saft von der Zaunrübenbeere (+Bryonia alba+) gemischt ist; die

Farbe ist ein schmutziges Dunkelbraun. Man soll hier ziemlich allgemein

Gyps und andre sonderbare, in unserm Vaterlande unerhörte Dinge unter

den Most werfen, angeblich damit der Wein sich halte. Wie gut ist

es, daß der Meles reines, klares Wasser in Menge zur Stadt führt und

daß auch, namentlich wie man uns sagte, in der hiesigen, sehr gut

eingerichteten Schweizerpension so wie in den englischen Gasthäusern

andre Weine als der Smyrnaer zu haben sind.

In den Gärten von Smyrna, welche einen weiten Raum um die Stadt her

einnehmen, gedeiht eine solche Menge von Orangen- und Zitronenbäumen,

daß, in guten Jahren, mit der Fülle ihrer Früchte ganze Schiffe

befrachtet werden können. Jene zarten Gewächse hatten jedoch, als wir

sie sahen, durch die Kälte des unmittelbar vorhergegangen Winters (in

den ersten Monaten von 1836) so sehr gelitten, daß viele von ihnen

nur von neuem Zweige aus dem Stamm hervortrieben und auch die übrigen

wenig Hoffnung zu einer guten Fruchternte gaben. Diese Verheerungen

durch den Frost kommen nicht selten über das niedre Land, weil das

nachbarliche Hochgebirge im Sommer zwar den wohlthätigen Niederschlägen

des Wassers, im Winter aber dem Schnee zum Versammlungspunkte dient.

Außer den Orangen und andern Südfrüchten tragen die hiesigen Gärten

alle Arten unsres feinen Obstes, vor allem Aprikosen und Pfirsichen,

Kirschen und Weichseln, auch Aepfel von ziemlicher Güte, wiewohl mir

schien, daß in der Zucht dieser letztern Frucht so wie der Birnen und

am meisten der Pflaumen unser Vaterland vor der Smyrnaër Landschaft

voraus sey. Die Gemüse sind theils die unsrigen, theils die bei der

Beschreibung von Constantinopel (S. 248.) erwähnten. Die Wässerung der

Gärten wird meist durch Schöpfräder und Pumpen besorgt, welche Esel

oder alte Maulthiere in Bewegung setzen.

Unter den wichtigeren Erzeugnissen der Felder stehet die Baumwolle

(von +Gossypium herbaceum+) oben an. Auch der Taback, besonders

aus der Umgegend von Magnesia, ist in großem Ruf der Güte. Noch

mehr das Opium von Anatolien, von welchem freilich die beste Sorte

nicht innerhalb den Gränzen des alten Lydiens gebaut wird, sondern

aus dem nachbarlichen Phrygien und dem Gebiet des Mäandros, aus

~Karahissar~ kommt, das an der Stätte des oben (S. 281.) erwähnten

Celänä, zwei Tagreisen ostwärts von Sardis liegt[129]. Dieses Opium

aus der Gegend des »schwarzen Schlosses« (Karahissar) wird dem

Aegyptischen so wie jeder andern bekannten Sorte vorgezogen, und weil

es viel theurer als das ägyptische an die großen Kenner und Liebhaber

der falschen prophetischen Begeisterung, an die Chinesen, verkauft

werden kann, kommt es nur selten in die Läden der Droguisten und in die

Officinen des westlichen Europas. Wir fanden in dem reichen Waarenlager

des freundlichen van Lennep ganze große Massen jenes silenisch

begeisternden Giftes aufgehäuft, welche an die Hauptniederlagen der

holländisch-ostindischen Handelscompagnie versendet werden sollten,

von denen es dann in ganzen Schiffsladungen nach China ausgeführt

wird. Auch die reicheren Opiophagen, vornämlich die der osmanischen

Kaiserstadt, kennen die besondern Kräfte des Opiums von Karahissar und

erkaufen es um höheren Preis als jedes andre.

Unter den Bäumen des Waldes erscheint häufig die schöne ~Valonia-Eiche~

(+Quercus Aegilops+) mit Blättern, ähnlich jenen des ächten

Kastanienbaumes. Ihre großen, zackig-schuppigen Kelchschüsseln

enthalten so stark adstringirende Bestandtheile, daß sie, gleich den

Galläpfeln zur Färberei angewendet und deshalb häufig nach Europa

ausgeführt werden. Dasselbe gilt von der ~Färbereiche~ (+Quercus

infectoria+). An den Abhängen des Tmolus wie des Sipylus gedeihen

die Kastanie mit der Pinie und höher hinan selbst die hochwüchsige

Edeltanne; allenthalben an wasserreichen Stellen die edle Platane,

am Seestrand die Seefichte. Ein Baum, den man in so wie um Smyrna

überaus oft in den Gärten, wie in den Höfen vor den Häusern sieht, ist

der ~Azedarachbaum~ (+Melia Azedarach+), welcher durch seinen hohen

Wuchs und durch seine (freilich doppelt) gefiederten Blätter von ferne

gesehen an unsre Edelesche (+Fraxinus excelsior+) erinnert. Jetzt

im Spätherbst, hieng dieser Baum voller Früchte, die von gelblich

grüner Farbe, von der Größe unsrer Kirschen, etwas länglich geformt

sind und in Büscheln beisammen stehen, im darauf folgenden Frühling

sahen wir ihn zuerst in St. Saba, dann in Jerusalem und Sichem, am

häufigsten aber um Beirut in dem Schmucke seiner kleinen, blaulichen

(lilafarbenen) Blüthlein. Obgleich das bittersüßliche Fleisch der

Früchte des Azedarachbaumes schädlich und für viele Säugthiere (selbst

Hunde) sogar tödtlich ist, auch von den Vögeln nicht angerührt wird,

hat diese Frucht dennoch für die Türken einen Werth, weil sie aus ihrem

rundlichen, fünfgefurchten Kerne (Stein) ihre Paternoster bereiten,

wie dies der türkische Name +Tespih+ und der fränkische +Arbore degli

padre nostro+ und +arbre saint+ andeutet. Was aber hauptsächlich wohl

jenem Baume sein Hausgenossenrecht in diesem und andren Ländern des

Ostens verschafft hat, das ist die Meinung, daß seinen Blättern eine

heilsame Kraft gegen pestartige Uebel und selbst gegen die Folgen

des Schlangenbisses innen wohne. -- An den Feldrändern der Umgegend

von Smyrna sieht man häufig den gemeinen Terpenthinbaum (+Pistacia

Terebinthus+); in feuchten Schluchten hin und wieder neben unsrer

vaterländischen weißen und schwarzen Pappel auch die seltnere,

ägyptische Weide (+Salix aegyptiaca+); unter den Holzarten, welche in

ganzen Kameellasten von den gebirgigen Gegenden zur Stadt gebracht

wurden, war öfters das schöne, feste Holz des Cedernwachholders

(+Juniperus Oxycedrus+), zuweilen auch das des Storaxbaumes (+Styrax

officinale+) den wir auf dem Weg nach Ephesus sahen. Bis zum Uebermaß

häufig ist unter dem niedren Strauchwerk der Keuschlammstrauch (+Vitex

agnus castus+); unter den herbstlichen Distelarten fiel die wilde

Artischoke am schönsten ins Auge. Die am Sipylus schon gedeihende

~Jacea-Stäheline~ (+Stähelina arborescens+) gewährte uns den neuen

Anblick eines im Freien wachsenden Baumes aus der 19ten Linnëischen

Klasse. Die hohe ~Opopanaxpflanze~ (+Pastinaca Opopanax+) fiel uns

zwischen den Trümmern von Ephesus; mehrere Arten des ~Majorans~

(+Origanum smyrnaeum+, +sipyleum+, +creticum+) auf den dürren Hügeln

in die Augen; obgleich der wohlriechende Jasmin (+Jasminum fruticans+)

und die Phillyreen (+Phillyrea media+ und +latifolia+) schon verblüht

waren, blieben sie dennoch leicht erkennbar; das gelbe Bilsenkraut

(+Hyoscyamus aureus+) schmückte mit seinen goldfarbenen Blumen noch die

Mauern; in ihrer Saftfülle brüstete sich noch die blühende Kermesbeere

(+Phytolacca decandra+) an schattigen Orten. Doch es konnte hier unsre

Absicht nicht seyn, auch nur einen unvollkommnen Abriß der Flora von

Jonien zu geben, denn selbst die Ausführung dieser wenigen Grundzüge

unsrer Wahrnehmungen in diesem Gebiet, gehören an einen andren Ort. Ich

sage daher nur noch Einiges über die Thierwelt von Smyrna.

Unter allen Thieren des schönen Landes gewährte mir das Kameel die

meiste Unterhaltung. Ich hatte dieses Schiff der Wüste noch niemals

in so großen Heerden, noch nie so groß und schön gesehen und auch

auf der weiteren Reise mußte ich den Kameelen von Smyrna den Preis

der Schönheit, wenn auch nicht der Schnelligkeit vor den ägyptischen

und arabischen zugestehen. Wenn ich diese Thiere mit abgemessenem

Anstand einherschreiten oder mit gerade gen Himmel gestreckter Nase

den kühlenden Hauch der Luft oder irgend einen andren für ihren

Instinkt angenehmen Duft einathmen sahe; wenn ich ihren Gehorsam

gegen die Pfeife des Treibers, die nachgebende Unterwürfigkeit, mit

welcher sie hinter dem Glöcklein läutenden Eselein drein giengen,

beachtete, erschienen sie mir immer als das innerlich ruhigste,

brauchbarste, ordnungsliebendste Bürgervolk des Tierreiches. Wenn von

ihrer seltsamen, freundschaftlichen Zusammengesellung mit den Eselein

die Rede ist, darf man sich freilich die letzteren nicht wie unsre

vaterländischen Esel vorstellen. Die hiesigen sind ungleich kräftiger

als die unsrigen; eines Morgens begegneten wir, auf dem Wege nach

Budscha einem Manne, der auf seinem, noch überdieß schwer beladenen

Esel aus Angora (im alten Galatien) hergeritten kam und der auf dieser

ganzen, langen Reise keinen Rasttag gemacht hatte. Ein andres Thier,

welches in der Umgegend von Smyrna, vorzüglich aber während unsrer

Reise nach Sardis meine Aufmerksamkeit beschäftigte, war die schöne,

große Ziege mit dem seidenartig glänzenden, feinen (meist schwarzen)

Haare. Es ist noch immer dieselbe, welche einst dem alten Loadicea

seinen Reichthum gab; dieselbe durch welche Angora seinen Ruf hat,

denn die Umgegend des Tmolus liefert zu vielen jener feinen Gewebe

den Stoff, die wir, als aus Angora kommend betrachten. Das hiesige

Pferd gehört zur tartarischen Rasse; die Zucht des gemeinen Rindes

wird durch jene des stärkeren Büffels fast verdrängt. Häßlich, aber

von großer Stärke ist der hiesige Hund; ein Thier dieser Art war

uns aus der Gegend von Ephesus gefolgt und hatte sich vorzüglich an

+Dr.+ Roth, der es einige Male fütterte, angeschlossen. Das Gefühl

der Dankbarkeit und Anhänglichkeit schien übrigens auf diesem wilden

Grund keine tiefe Wurzeln fassen zu können und auch andre schlimme

Eigenschaften des Thieres nöthigten uns die Freundschaft mit ihm

wieder abzubrechen. Nicht selten ist um Smyrna der Schakal; die größte

hiesige Katzenart ist der Leopard; auf den Feldern und Wiesen lebt die

Blindmaus (+Spalax typhlus+).

Auf dem Gefilde von Sardis zeigte sich der ägyptische Percnopterusgeyer

(+Cathartes Percnopterus+), welcher bei den Türken unter dem Namen

»Humai« als ein Sinnbild königlicher Großmuth und Milde gepriesen

wird[130]. Auf einigen der Ruinen jener vormaligen Stadt nistet der

Storch; in der Ebene zeigt sich in ziemlicher Menge das griechische

Rebhuhn; in den Gärten um Smyrna vernahm man öfters die Stimme

mehrerer bekannter Finken und Sylvienarten, unter den letzteren auch

die des Feigensängers (+Sylvia Ficedula+). Von den Amphibien des

Landes erwähnen wir nur die auch anderwärts im Morgenland gemeine

Dorneidechse (+Stellio cordylea+) dann den +Pseudopus+ und die braun

und weißgefleckte Walzenschlange (+Amphisbaena fuliginosa+) die sich

namentlich in der Gegend des alten Ephesus unter Steinen findet, so

wie eine schwarze Flußschildkröte im Meles. Wenn man die Fische

der Bucht von Smyrna nennen wollte, da dürfte man fast alle Arten

des Mittelmeeres anführen, denn eine größere Mannichfaltigkeit der

Arten sahen wir auf keinem der andren Fischmärkte der asiatischen

Küstengegend. Eine der gemeinsten Speisen des hiesigen Volkes sind

die ~Meeräschen~ (+Mugil Cephalus+ und +M. Labeo+). Von der schönen

rothen Seebarbe (+Mullus barbatus+) sahen und genossen wir hier

mehrmalen für sehr geringen Kaufpreis so große Stücke, daß, wenn sie

uns nur um die Hälfte jener Summen wären angerechnet worden, die man

zur Zeit des Tiberius in Rom für einen Fisch dieser Art und solcher

Größe bezahlte, unser ganzes Reisegeld für solchen Genuß aufgegangen

seyn würde[131]. Von Sepien finden sich hier die meisten im Mittelmeer

vorkommenden Arten, am öftersten der Feind und Vertilger der Krebse:

der gemeine Achtfuß (+Octopus vulgaris+). Wenn aber auch dieser

Verfolger der Krustenthiere viele ihres Geschlechtes erhaschet, so weiß

sich doch eine merkwürdige Art seinen Nachstellungen zu entziehen:

der merkwürdige Pinnenwächter, der durch seine fast beständige

Zusammengesellung mit der großen Steckmuschel, die Aufmerksamkeit schon

des früheren Alterthumes erregte. Ein sehendes, schwaches Zwerglein

ist da mit einem starken, zugleich aber blinden Riesen in Verbindung

getreten und einer ergänzt den Mangel des andren. Die große schöne

Steckmuschel mit seidenartigem Byssus, welche in ansehnlicher Menge

(wie dies schon die am Ufer herumgestreut liegenden Schaalentrümmer

bezeugen) in der Bucht von Smyrna wohnt, hegt und bewirthet in ihrer

Schaale fast beständig einen jener kleinen, muntren Krebse, die sich in

den Muschelgehäusen finden (den +Pinnotheres antiquorum+). Und warum

sollte es nicht so seyn können, wie die Fischer noch jetzt erzählen,

daß jener kleine Wächter, wenn er die nahende Gefahr erblickt,

aus Furchtsamkeit tiefer in die Schaale und unter den Mantel des

Muschelthieres hineinkriecht und auf diese Weise das augenlose Thier

zum Schließen seiner Schaale reize. Der Meles ist reich an mehreren

sehr schönen Arten von Neritinen; in den Gebüschen an seinem Ufer

und am Meere fanden sich noch etliche Käfer[132]. Auf den Wogen des

Meeres schwebten viele große Scheibenquallen (Aequoreen, Geryonien,

Rhizostomen und Oceaniten) und sonst noch andre Heere der Lebendigen

belebten das immer Neues gebährende Gewässer.

Doch es ist Zeit, daß wir uns von dem Fischmarkt und der Seeküste nach

Hause begeben, um die Vorbereitungen zur nahen Weiterreise zu treffen.

Schon im Hafen von Constantinopel hatten wir ein Dampfschiff aus

Aegypten getroffen, welches die Wittwe eines der verstorbenen Söhne

des Mehemed Ali dorthin geführt hatte und von da wieder nach Aegypten

zurückbringen sollte. Es wäre uns leicht gewesen, in diesem Schiffe

ein Räumlein und Gelegenheit zur schnellen Ueberfahrt über das Meer zu

finden, denn der Arzt desselben war ein Grieche, der in Deutschland

(auch in München) studirt hatte. Eines Theiles hatte mich jedoch der

Wunsch, Kleinasien zu sehen, dann auch mein körperliches Uebelbefinden

gehindert, von dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen, was uns auf

der späteren, so vielfach gehemmten Seereise oft reute, wiewohl mit

Unrecht, denn auf diesem nämlichen, schnellen Dampfschiffe war auf

der Reise die Pest ausgebrochen; obgleich mehrere Wochen vor uns in

Alexandria angelangt, hatte dasselbe noch die Pein der Quarantäne zu

dulten, da wir schon längst aus derselben erlöst waren. Auch in Smyrna

selber waren uns mehrere Gelegenheiten während der ersten Woche unsers

dortigen Aufenthaltes entgangen, Zufälle und Versäumnisse, die wir

ebenfalls auf der Weiterreise oft beklagten, aber eben so mit Unrecht

als das Abgehen des Aegyptischen Dampfschiffes, denn auch auf diesen

Schiffen war die Pest ausgebrochen; ein americanisches Fahrzeug war,

wie man uns noch in Smyrna erzählte, während der stürmischen Tage

des Herbstregens, den wir so ruhig unter dem Dach des Pächters zu

Kassabah verlebten, an den Klippen des Meers bei Patmos gescheitert.

Dennoch fieng es, bei der schon vorgerückten Jahreszeit an uns bang

zu werden um eine Reisegelegenheit, das österreichische Kriegsschiff,

das man aus den westlicheren Küstengegenden erwartete, wollte nicht

kommen, mit Freuden vernahmen wir daher durch ein Brieflein am 24ten

Oktober in Budscha die Nachricht, daß der sorgsame Hr. ~von Lennep~

ein Schiff für uns aufgefunden habe, das zwar einem Türken gehöre,

welches aber durch einen griechischen Capitän geführt werde, den Hr.

van Lennep persönlich kannte und achtete. Und in der That, wir hatten

späterhin oft Gelegenheit, die Wahrheit eines alten Sprüchleins zu

erkennen, das uns am Morgen des 24ten Octobers 1830 als ein besondres

Tagesgeschenk gegeben wurde: »der Herr machet im Meere Weg und in

starken Wassern Bahn«, denn außer den vielfachen Bewahrungen und

Rettungen in und aus der Gefahr der Stürme, war das die größeste, daß

unser Schiff, ohngeachtet es mehr als alle andre, vor ihm ausgelaufene,

mit türkischen Pilgrimen beladen war, von der Pest verschont blieb.

Ich habe schon oben erwähnt, daß unser Capitän seine Abreise länger

verschob als er es anfangs Willens gewesen. Wir brachten die letzte

Woche in Smyrna, nicht unbeschäftigt zu, bald unter den Ruinen

der alten Stadt, bald am Meere oder in Betrachtung der andern

Sehenswürdigkeiten, namentlich einer reichen Sammlung von alten Münzen,

welche ein hier wohnender, kenntnißreicher Engländer besitzt. Unser

Capitän hatte uns gerathen, uns für eine Zeit von drei Wochen mit

Lebensmitteln zu versehen, denn »obgleich er hoffe, daß wir die Fahrt

nach Alexandria in viel kürzerer Zeit beendigen würden, sey es doch

nicht unmöglich, daß sie gegen 20 Tage daure.« Das Einkaufen dieser

Vorräthe so wie einer schönen, großen, mit Baumwolle gefüllten Decke,

welche wir hier sehr wohlfeilen Preises fanden, führte uns noch einmal

in das bunte Gewirr des türkischen Bazars so wie in die Läden der

Frankenstraße, durch die man jetzt noch unbesorgt sich ergehen konnte,

obgleich sich während der letzten Tage unsres Aufenthaltes in Smyrna in

einer der Vorstädte die ersten Vorboten und Regungen der Pest gezeigt

hatten, welche kurz nachher auch in der Stadt mit Heftigkeit ausbrach,

und hierdurch die Strenge unsrer nachmaligen Quarantäne in Alexandria

vermehrte.

Sonnabends den 5ten November wurden wir denn endlich auf unser Schiff

bestellt, denn, so ließ der Capitän uns sagen, es war nun Alles zur

Abfahrt bereit. Wir hätten nicht so zu eilen gebraucht, denn der

Landwind, welcher die Ausfahrt aus der Bucht von Smyrna möglich

macht und begünstigt, erhebt sich gewöhnlich erst in der Nacht,

während in den späteren Nachmittagsstunden ein kräftiger Seewind in

entgegengesetzter Richtung weht, der das Einlaufen beschleunigt, die

Ausfahrt dagegen hemmt. Dennoch wünschten wir noch den Nachmittag

zur Einrichtung unsers kleinen Hauswesens in der Kajüte des Capitäns

zu benutzen, welche wir für uns gemiethet hatten, wir fuhren daher

schon um 2 Uhr nach Mittag aufs Schiff hinüber, welches das Panier der

Sonne führte. Wir fanden da freilich viele Veränderungen, welche auf

dem Verdeck seit dem erstmaligen Besehen unsrer künftigen Wohnung des

Gewässers statt gefunden hatten. Namentlich war der freie Raum auf dem

Verdeck der Pupa, über und neben unsrer Kajüte, der uns zur alleinigen

Benutzung versprochen war, mit kleinen, neuerbauten Bretterhüttchen

besetzt und außer diesen stunden da Körbe und Kisten, die nur wenig

Raum zur Bewegung ließen. Es war indeß hier nichts zu ändern, denn in

dem schriftlichen Kontrakt mit dem Capitän war nur von der Einräumung

der Kajüte die Rede, der freie Platz auf dem Verdeck war uns bloß

mündlich verheißen worden. So stiegen wir denn ruhig die enge Treppe in

unsre neue kleine Wohnung hinunter, die wir mit Besemen sauber gekehrt,

rein gewaschen und geschmückt fanden und trafen da unsre häusliche

Einrichtung. Ein Fenster, oben an der Decke gab uns so viel Licht, daß

man, wenn man sich unter dasselbe setzte, sogar lesen und schreiben

konnte, das war schon guter Trost; statt des Tisches diente eine alte,

in Smyrna gekaufte Kiste, in welcher unsre Vorräthe von Schiffszwieback

und andern Lebensmitteln lagen, statt der Stühle bediente man sich

der Reisekoffers und zum Ueberfluß eines kleinen, ebenfalls in Smyrna

gekauften Rohrschemels; als Lagerstellen fanden sich zwei Pritschen (an

jedem Ende der Kajüte eine), davon die, welche nächst der Thür war,

der Freundin Elisabeth, die andre mir und der Hausfrau zur Ruhestätte

angewiesen wurde, während +Dr.+ Roth und Erdl den Fußboden, der

Maler Bernatz eine Art von Holzkasten bei der Treppe zum Schlafgemach

wählten. So war denn für die Bewohner des Zimmerleins schon aufs Beste

gesorgt und auch unsre Barometer und Flinten fanden an den Wänden Orte

der Befestigung; unsre blechernen Teller und Becher stunden trefflich

verwahrt in einer Eintiefung der hölzernen Wand, die mir zugleich

öfters während der Freuden der Tafel statt eines Tisches diente, da das

Halten des Tellers auf dem Schooße nicht immer bequem fiel.

Der theure, brüderliche Freund ~Fielstedt~, der sich in seiner Liebe

niemals selber genug that, hatte uns zum Schiff begleitet und hier

eingeführt, war dann noch einmal nach der Stadt gefahren und mit

allerhand kleinen Gegenständen beladen, die uns, wie er bemerkt hatte,

zur Bequemmachung der Reise noch abgiengen, wieder zurückgekehrt.

Zum letzten Male saßen wir da beisammen, dankbar des Aufenthaltes in

Smyrna, voll Vertrauen und guter Hoffnung der weitern Reise gedenkend,

aber der Freund wollte heut noch nach Budscha, es war Zeit ihn zu

entlassen. Ihm nachschauend stund ich auf dem Verdeck, das schon

mehr und mehr mit türkischen Reisegefährten sich gefüllt hatte und

vertiefte mich in mancherlei Nachsinnen, und in manche, wie sich

später zeigte, vergebliche Sorge. Es waren heute gerade acht Tage

nach den meiner Seele tief eingeprägten Nachmittagsstunden, in denen

mir am Fuße des hehren, mit Wetterwolken bedeckten Tmolus die Säulen

des Cybeletempels und das zerrissene Gemäuer der Akropolis, die über

das verödete, vereinsamte Trümmerfeld von Sardis herabschauen, Solons

Lehre predigten: »an das Ende zu denken.« Hier auf unsrem türkischen

Schiffe gab es freilich keine Säulen des Cybeletempels, welche mir

und meinen Reisegefährten jene Lehre des atheniensischen Weisen

wiederholen konnten, wohl aber sonst Dinge genug, die an das Ende

erinnerten. Namentlich konnte man als solche Erinnrungszeichen alle

die Körbe und Kisten, wollenen Teppiche und Kotzen der türkischen

Schiffsgesellschaft, so wie diese selber betrachten. Es war nämlich

gerade jetzt die Zeit, in welcher sich aus allen Gegenden, am schwarzen

Meere, am Bosporus und Propontis, wie aus Kleinasien die türkischen

Pilgrime oder Hadschi's zur Fahrt nach Aegypten aufmachten, um sich

dort dem Zuge der großen Karawane anzuschließen, welche im Januar von

Cairo nach Mekka abgehen sollte. Dieses meist arme Volk von Pilgrimen,

welches auch die Hauptladung unsres Schiffes und die Veranlassung zu

seiner jetzigen Fahrt nach Alexandria war, kam zum Theil aus Gegenden,

in denen eben damals die Pest in größester Heftigkeit wüthete. Brachte

nur einer aus dieser Schaar die Seuche mit sich und brach diese erst

unter der eng zusammengedrängten Menschenmasse aus, dann war die Gefahr

für Alle eben so groß als wenn Feuer das Schiff ergriffen hätte. Denn

wohin sollte man sich retten! Aus einem solchen verpesteten Schiffe

darf Keiner an das bewohnte und bewachte Land steigen und zuweilen

(so erzählte uns der Capitän auf einem unserer österreichischen

Dampfschiffe) ist es, ehe man an der Küste von Aegypten und Syrien die

Quarantänespitäler zur Aufnahme der Ankommenden erbaute, in Zeiten

der heftigen Pest geschehen, daß zuletzt Keiner mehr da war, der von

dem Mastbaum des unglücklichen, von der Pest ergriffenen Fahrzeuges

die gelb und schwarze Pestflagge wieder abnehmen konnte, Keiner, der

das Ende der Quarantäne erlebte; das Schiff war ein großer Sarg aller

seiner gewesnen Bewohner geworden, den man, seine Seiten durchbohrend,

mit den Leichnamen zugleich ins Meer senkte. Ich habe schon vorhin

erwähnt, daß auf mehreren der vor und ziemlich gleichzeitig mit uns

von Constantinopel und Smyrna ausgelaufenen Schiffe die Pest wirklich

ausgebrochen war und daß namentlich das schöne ägyptische Dampfschiff,

welches versäumt zu haben wir auf der Reise so oft beklagten, noch

lange nach unsrer Befreiung aus der Quarantäne in Alexandria durch

seine gelb und schwarze Trauerflagge uns daran erinnerte, daß zum

Eilen das Schnellseyn nicht immer helfe. Wie leicht hätte dieses Loos

auch unser Schiff treffen können! -- Dies und noch manches Aehnliche

war damals am 5ten November des Abends auf dem türkischen Schiffe

zum Panier der Sonne, mein Sorgen, als die Sonne untergieng über den

Felsengipfeln des Mimas. Doch eben diese Felsenhöhen, zusammen mit

der Klarheit des Himmels und der Stille des Meeres erinnerten mich

daran, daß noch ein anderer festerer Fels, ein andres, beständigeres

Klar, abgespiegelt in einem noch tieferen Meere, da seyen; ein Fels,

auf welchem man diese Last der vorbeieilenden Sorgen sichrer noch und

zur längern Ruhe ablegen könne als der scheidende Tag seine vor sich

selber erröthenden Abschiedsgedanken auf dem Gestein des Mimas. Und

da jetzt im Blau des Nordens auch ein Stern aufgieng, war es als würde

mir mit seinem Schimmer zugleich ein Strahl der sonnenartig-selber

leuchtenden, nicht verlöschenden Zuversicht ins Herz gegeben; ich

stieg fröhlich hinab zum stillen Raume der Kajüte und bald war der

Schlaf auf der schon in Semlin gekauften Matrazze und im Schirm der in

Smyrna hinzugekommenen wollenen Decke so fest und süß wie in der lieben

Heimath.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Erster Band · 第 9 / 12 题