III. Reise von Constantinopel nach Smyrna.

Die Gegend, durch welche uns die heutige Erzählung einer Schifffahrt

über das Marmora-Meer führet, giebt in ihrer Geschichte einen ganz

besonders kräftigen, herrlichen Beweis für die Wahrheit jenes guten,

alten Sprichwortes: »wo die Noth am größesten ist Gottes Hülfe am

nächsten.« Ja, wer als ein guter Haushalter der Güter seines geistigen

Erkennens die Belege für eine solche hohe, tröstliche Wahrheit gern

zusammenhält und vermehrt, der steige mit uns, Montags den 10ten

October am Nachmittag auf das für Smyrna bestimmte Dampfschiff, und

theile mit mir alten Wandersmann das Gefühl der Errettung aus großem

Uebel, mit uns Allen aber jene Gefühle, die beim Anblick von Chalcedon

und der lieblichen Bucht von Ismid oder Nicomedia das Andenken an die

großen Thaten Gottes erweckte, welche einst, als die Noth am größesten

gewesen, vor 1500 Jahren, an dieser Stätte geschahen.

Die letzten Tage des Aufenthaltes in Pera waren für Mehrere von uns

Tage des Schreckens und der Noth gewesen. Noch hallte in unsrem

Ohre der dumpfe Ton der Trommel und der Ruf der Wächter auf dem

Galata-Thurme »Janghin-war,« Feuer ists, so wie das angstvolle

Getümmel nach, das sich bei der ganz in unsrer Nähe entstandenen

Feuersbrunst, Sonnabends den 8ten October, am Saume der türkischen

Begräbnißstätten erhub, da wurden wir in der darauf folgenden Nacht

durch ein noch viel entsetzlicher lautendes Geheul und Geschrei

erweckt. In dem Hause, welches nur durch eine enge Gasse von demselben

geschieden, unsrem Schlafzimmer gegenüber lag, war die Frau des Hauses,

eine junge Griechin, plötzlich an der Pest gestorben; das Geheul und

Geschrei, das wir in der Nacht hörten, kam aus der Brust ihrer Kinder

und ihrer Dienstboten. Am darauf folgenden Tage wurden in dem Hofe

jenes Nachbarhauses die Betten und Gewänder der Verstorbenen mit Feuer

verbrannt; der übelriechende Dampf drang in die leicht verwahrten

Fenster unsrer Wohnung herein und verpestete die Luft derselben auf

unerträgliche Weise. Hierbei litt ich, dessen Uebelbefinden durch

Alles, was die unwillkührlichen Aeußerungen des innren, heftigen Eckels

erweckte, sehr vermehrt wurde, am meisten, meine Krankheit hatte

sich am Montage, am Tage der Abreise in solchem Grade gesteigert,

daß ich mich kaum aufrecht zu erhalten vermochte und daß nur das

sehnliche Verlangen hinauszukommen vom Krankenlager an die frische

Luft des Meeres, mir die Kraft gab hinab zum Hafen zu schleichen. Kaum

aber wehete mich auf dem Verdeck des Dampfschiffes der erfrischende

Ostwind an, da fühlte ich mich unbeschreiblich gestärkt und da ich auf

dem spiegelglatten, sanften Marmorameere noch einmal das prächtige

Constantinopel, dann aber vor allem Chalcedon und weiterhin, vorüber an

den Prinzeninseln, den Eingang zu der herrlichen Bucht von Ismid vor

mir sahe, da wirkte auch noch die Erinnerung an Das, was einst sich

hier zugetragen mit so wunderbar stärkender Kraft auf die Seele, daß

ihre Empfindungen sich zu einem Liede des Lobes und Dankens

gestalteten.

* * * * *

Meine Leser werden es mir zu gute halten, wenn ich auch sie an eine

zwar altbekannte, in ihrer Wirkung aber auf das Gemüth noch immer

jugendlich neue und kraftvolle Geschichte erinnere.

* * * * *

Seit Kaiser Gallienus für längere Zeit den blutigen Verfolgungen des

Christenthumes Ruhe und Stillstand geboten, war der gotteskräftige

Glaube an den Gekreuzigten, gleich dem lebendigen Keime, welcher

aus dem Senfkörnlein kam, zu einem Gewächs erstarket, das über alle

Provinzen des großen, römischen Reiches, bis heran an die Ens und

den Lech, bis an den Rhein und an die Seine seinen erquickenden,

friedengebenden Schatten verbreitete. Da geschahe es, im Winter des

Jahres 303 nach Christi Geburt, daß der Kaiser ~Diocletian~, der

eben damals hier ostwärts in ~Nicomedia~ oder Ismid sich aufhielt,

durch den Ausspruch eines zusammenberufenen Rathes, an dessen Spitze

der Mitregent, der grimmige Feind der Christen: Galerius stund, zu dem

Entschluß bewogen wurde, den überall aufkeimenden Christenglauben durch

Feuer und Schwert von der Erde zu vertilgen. Furchtbarer und grimmiger

hat keine Verfolgung gegen das arme Häuflein der »Nazarener« gewüthet,

als die damalige; sie war zu einem wirklichen Vertilgungskriege

geworden. In der Provinz allein, deren Hauptstadt Nicomedia war:

in Bithynien wurden 150,000 Christen um ihres Bekenntnisses willen

gemordet; die Hunderttausende der Andren, welche in den meisten

übrigen Provinzen des Römerreiches als Schlachtopfer fielen, vermochte

die spätere Kirche kaum mehr zu zählen. Wenn man, so berichten die

Reisenden[81] in die Bucht hineinfährt, da sieht man, jenseits Libyssa

an der fast unersteiglich gähen Felsenwand des Ufers noch Spuren von

armseeligen Menschenwohnungen; hieher hatte sich eine kleine Schaar

der noch übriggelassenen Christen in die Klüfte und Felsenlöcher

gerettet, und vielleicht später, da sie dem Auge der andern Menschen

sich wieder zeigen durfte, die Hütten, mit der kleinen Kirche, deren

Trümmer noch bestehen, an den Bergabhang geklebt. Die andren Kirchlein

des Landes waren zerstört; der große Name, in dessen Kräften das Heil

der Menschen ruhet, wurde nirgends mehr laut genannt, denn die Lippen,

denen er ein Vorschmack des Himmels gewesen, waren im Grabe verstummt;

die wenigen Herzen, in denen er noch lebte, von Furcht und von dem

Schrecken des Todes wie erstarrt. In der That es war so stumm auf dem

großen Blutacker geworden, daß der Wahn der Herrscher, als sey der

Aberglaube der »Christen« jetzt vom Erdreiche vertilgt, einen Anschein

der Wahrheit gewann, und daß Säulen errichtet, Münzen geschlagen

wurden, deren prahlende Inschriften das Gelingen der Ausrottung des

Christenthumes und der Wiederherstellung des alten Götzendienstes

verkündeten. Mußte es doch selbst Vielen unter dem noch überlebenden

Häuflein der Gläubigen so erscheinen als sey es jetzt aus -- Alles

aus. Aber, wir wiederholen unser Sprichwort: wann und wo die Noth am

größesten, da ist Gottes erbarmende, allmächtige Hülfe am nächsten.

-- Blicken wir noch einmal hinüber auf diese vor uns liegende, östliche

Küste des Propontis. Hier, gerade bei Chalcedon, schlug Constantin der

Große am 18ten September des Jahres 323 seinen Gegner und Nebenkaiser

Licinius, den Verteidiger und Schützer des Heidenthumes, und setzte

hierdurch, wie durch ein von den Feinden selber herbeigerufenes

Gottesurtheil, den Herrscherthron des Christenglaubens auch äußerlich

fest. Aber, was noch vielmehr und bedeutungsvoller ist: in Nicomedien,

in der nämlichen Stadt, welche der Ausgangs- und Mittelpunkt des

Vertilgungs- und Ausrottungskrieges gegen die Christen gewesen war,

empfieng -- da eben seit jener Zeit nur ein einziges Mannesleben von 33

Jahren vergangen war, im Jahre 337, Constantin die Taufe der Christen.

-- Du hoher Olymp im Süden schauest noch in unverwandelter Gestalt auf

das vormalige Blutfeld herunter; der Kaiser aber, der sich auf den

Münzen, die seinen Sieg über die Christen feiern sollten, als Herrscher

des Olymp, als Jupiter, mit dem Donnerkeil in seiner Rechten, und zu

seinen Füßen die niedergeschmetterte Macht der Christen darstellen

ließ, wie hätte er schon nach einem einzigen Mannesleben Alles so ganz

anders gestaltet gefunden, als er es erwartet. ~Hannibals Grab~,

dort bei Libyssa, zwischen Chalcedon und Nicomedia, du erinnerst an

das Vorspiel oder die Ouvertüre, welche die Geschichte hier dem großen

Schauspiele, das sie bald zu geben bereit war, voraussendete. Hier

versank der Strom, der einst so mächtig gewesen, daß er die Grundsteine

der stolzen Roma zu erschüttern drohete, gleich einem Siechbache der

Wüste, welcher mit starker Fluth aus dem Gebirge hervorbrach, im Sande.

Fürwahr, die Geschichte beobachtet, wenigstens was die Einheit des

Ortes betrifft, bei ihren Vorstellungen öfters die Regeln der alten

Tragödie. Wie hat sich doch hier, in einem engbegränzten Raume, auf

einer kleinen Bühne der Erdoberfläche, deren Scenerie unverändert

dieselbe blieb, ein Cyklus von Tragödien entwickelt, welche, wie

jene, in denen Sophokles die Geschichte des Oedipus und seines Hauses

besang, ein großes Ganzes bildet, das, durch Gleichheit des Inhaltes

der einzelnen Stücke sich als ein zusammengehöriges zeigt. An der

südlichen Gränze des Propontis erhub sich die Flamme, von welcher Troja

verzehrt wurde, dessen Lebenskeim, wie der Phönix der alten Sage, in

der neuen Form des römischen Weltenreiches wieder aufwachte. Hier

bei Libyssa feierte die Macht des weströmischen Reiches an Hannibals

Grabeshügel einen Triumph, dessen Gegenspiel der Sieg des Constantin

über den Licinius war; denn damit erhub sich ein Gegengewicht, das für

lange Zeiten den Scepter aus der Hand des Westens zu sich herüberriß.

Hier auch, in Nicomedia, rühmte sich das Heidenthum über das, wie es

schien, vertilgte Christenthum eines Sieges, dessen das Christenthum

bald nachher sich nicht rühmte, sondern seiner in der That und Wahrheit

genoß.

Es war ein unbeschreiblich schöner Abend, als wir mit unserem

Dampfschiff über den Propontis hinschwebten. Die Schaaren der Delphine

spielten in unsrer Nähe; dieses Thier, das einer wirklichen Regung

der Neugier fähig ist, schien durch das Rauschen und Rauchen des

Dampfschiffes mehr angelockt denn abgeschreckt zu werden. Wir hatten

uns wieder der westlichen, der europäischen Küste genähert, die sich

hier zur weiten Ebene ausdehnt; fern hinter uns lag schon das alte

~Athyras~ (jetzt Bujuk Tschekmedsche), wo der Feldherr Belisarius,

nachdem er noch einmal das greise Haupt mit dem Kriegshelme bedeckt,

die Hunnen schlug; weiterhin erheben sich über die vormals so reiche

Fläche nur hohe Grabeshügel, welche die Gebeine wie den Namen der

Helden, deren Ehrendenkmal sie einst waren, verdecken und verschweigen.

So lange die Dämmerung es erlaubte genossen wir des Anblickes des

Meeres und Landes; den von ~Rodosto~, dem Wohnorte vieler

deutschredenden Ungarn und Siebenbürgen, die aus Buda hieher kamen,

entzog uns die Nacht.

Die Empfindung, mit welcher ich am 11ten October beim ersten Grauen des

Tages erwachte, glich fast jener, die mich in meinen Jünglingsjahren

ergriff, als nun endlich der Morgen des längst ersehnten Tages gekommen

war, an dem ich den theuren Mann und Lehrer, der mir der erste,

freundliche Führer auf das Meer des eigenen, selbständigen Denkens

und Forschens gewesen war[82], nach zweijähriger Trennung wiedersehen

sollte. Ich sollte heute ein Land sehen und begrüßen, das mir in der

Blüthenzeit des Lebens ein Lustgarten gewesen war, darinnen meine Seele

sich Hütten, wie zum beständigen Wohnen aufgeschlagen, meine Phantasie

täglich sich ergangen hatte; ich sollte die Küste von ~Ilion~

sehen: Achilles wie des Patroklos Grabmal und des Skamandros blühende

Gefilde. Schon vor Sonnenaufgang stunden wir auf dem Verdeck; ein

Geruch, wie nach Narden, den der Wind vom Lande her brachte, kam uns

entgegen; die breitere Bahn des Propontis lag hinter uns, wir näherten

uns schon dem Eingang zum Hellespont. Dort auf den Alpenhöhen des

Rhodopegebirges, die sich uns durch eine der Thalschluchten zeigten,

erwachte jetzt, im Strahle der aufgehenden Sonne der Morgen; es war

als ob einzelne Töne der Orpheischen Lyra, wie ein Säuseln aus dem

Wipfel der Eiche, an unser Ohr kämen; dort an dem beschneiten Gipfel

von Rhodopes Gebirge, klagte Orpheus seine Euridice. Das Herz des

alten Barden, der, ein Seher des Künftigen, in vielen seiner Lieder

die Herrlichkeit eines fernkommenden Reiches des Geistigen besang,

schlug noch jugendlich treu und warm, als das Haupt schon vom Schnee

des Alters bedeckt war; die Liebe seiner Jugend war ihm Vorbild

und Führerin zu einer Liebe gewesen, die nicht vom Geschlecht des

Vergänglichen, sondern von einer niemals alternden, unvergänglichen Art

ist.

~Gallipoli~, auf welches nun auch die Strahlen der Morgensonne

fielen, erscheint noch immer, wie sein alter Name Kallipolis es

nennet, als eine schöne Stadt; malerisch schön durch den Gürtel

der streifenweise geschichteten, von Gärten und Zypressenwäldern

durchzogenen Felsen, an die es sich anlehnt; schön durch das farbige

Gemisch seiner Moscheen und Häuser. Denn wenn auch der (deutlich

geschichtete) Felsen seit Jahrtausenden derselbe blieb, so hat doch

dieses Heer der Gebäude, gleich der Haut einer Schlange, im Verlauf

der Jahrhunderte sich oft erneut; es erhub sich aus den Haufen des

Schuttes und der Asche, in welche es durch die Barbarei der Lateiner

versunken war, und als in der Mitte des 14ten Jahrhunderts ein

furchtbares Erdbeben Mauern und Häuser der Stadt zu Boden gestreckt,

da hob dieselben die Hand der Türken, welche hiermit zuerst festen

Fuß an der europäischen Küste faßten, zu neuer Herrlichkeit empor.

Das vormalige ~Lampsacus~ (jetzt Lepsek oder Lamsaki), das

an der entgegengesetzten asiatischen Küste etwas südlicher denn

Gallipoli liegt, hat sich nicht so wie dieses erneuert und gehäutet;

es hat dieses Geschäft der peloponnesischen Riesenschlange (+Boa

turcica+) überlassen, welche unter der üppigen Fülle der Landschaft

(der alten Abarnis) herumschleicht, da wo nach der Sage der häßlich

entstellte Halbbruder des Amor geboren ward, den, von Schaam ergriffen

die eigne Mutter verläugnete. Noch jetzt vermöchte diese Gegend, deren

köstlicher, feuriger Wein vom Alterthume so hoch gepriesen ward, eine

Pflegerin jener silenischen Begeistrung zu werden, welche den von ihr

Bewältigten sich selber und seine geistige Bestimmung vergessen und

verläugnen machet, denn noch immer glühet hier, unter dem Grün der

Rebe das Feuer der edelsten, gehaltreichsten Trauben; Feigenbäume von

bräunlichen Früchten behangen, bedecken die Hügel. Das Oertlein selber

aber, das an der Stätte von Lampsacus, dem Geburtsorte des mitten in

solcher Naturfülle nüchtern gebliebenen Redners und Geschichtsforschers

Anaximenes stehet, ist ein unregelmäßiges Gehäufe armseliger Hütten.

Immer genußreicher und reizender wird jetzt die Fahrt. -- Da in der

Meerenge des Hellespontes stehen sich die Kräfte zweier nachbarlicher

Welttheile, wie die Vorposten zweier Heere nahe gegenüber; sie rufen

sich wechselseitig Worte der Herausforderung zu. Das asiatische

Ufer, in der unvergleichlich schönen Fülle seiner Lorbeer- und

Terebinthenhaine, in dem Schmucke der Wein- und Kirschengärten, über

deren niedre Hügel von Süden her der hohe Ida hervorblickt, ruft mit

lauter Stimme zu der Nachbarin hinüber: »Siehst du mein Haupt mit

Kränzen des Ruhmes umwunden?« -- »Wunden« antwortet drüben das Echo aus

den gähen Felsen des Chersonesus. Darauf fraget der noch jetzt von den

Trümmern der ~Mauer des Miltiades~ umzäumte Chersonesus: »Siehst

du die hehren Werke meiner Hände?« und das Echo der asiatischen Küste

antwortet »Ende.« Von neuem rufet das Blumengefilde Mysiens zu der

Nachbarin hinüber: »Was hast du, mit Asiens Blüthen zu vergleichen?« --

»Eichen« antwortet darauf der Wiederhall von Thraziens Halbinsel. --

Wiederum erhebt Europas Küste die mächtige Stimme und rufet: »Welcher

Ausgang bleibt dir, du Sklavin der Sklaven offen?« -- Die Gegnerin

antwortet: »Hoffen.«

Indem wir so, das Auge bald auf die grünenden Anhöhen und die von

immerblühenden Rosengehängen gerötheten Schluchten der asiatischen

Küste, bald auf die von Seelilien[83] umsäumten Felsengestade des

Chersonesus gerichtet, dem Zweigespräch der beiden Nachbarinnen

lauschten, sind wir schon, ~Sestos~ gegenüber, bis an das

~Vorgebirge von Abydos~ gekommen. Da, an den Klippen, deren Reihen

weit hinein ins Meer sich fortsetzen, sahe man noch vor wenig Jahren

einzelne Trümmer jener fünf türkischen Kriegsschiffe herumgestreut

liegen, welche der kühne, englische Admiral ~Duckworth~ (im

J. 1807) hier, hinter der für unannahbar gehaltenen Schutzwehr der

Dardanellen aufgesucht und zerstört hatte, ein Wagstück, welches

übrigens schon unter Andren der Capitän des Meerbusens von Venedig:

~Jacob Veniero~ im Jahr 1464, und Admiral ~Elphinston~, nach

der für die Türken so unglücklichen Seeschlacht bei Tschesme im Jahr

1770 bestanden hatten, der Letztere so glücklich, daß er, nachdem er

jenseits der Dardanellen ruhig Anker geworfen, und während seine

Trompeter bließen, eine Tasse Thee getrunken hatte, ohne Verlust mit

der Fluth zurückkehrte. Hier, wo die Sage der Dichter ~Hero's~

und ~Leanders~ Ort der Begegnung und letzten Trennung hinsetzet,

treten sich beide Ufer am nächsten, darum hatte da bei der Landspitze

~Nagara Burnu~, auf welcher der alte Leuchtthurm stund, etwas

nördlich von Abydos Xerxes seine Schiffsbrücke gebaut; hier bei

Abydos war es auch, wo Alexander der Große mit seinem Heere nach

Asien übersetzte, und wo auch die kriegerische Macht der Galater

hinüberdrang, während umgekehrt da in derselben Gegend ~Soliman~,

Orchans Sohn, am Saume des Strandes hinreitend, hundert Jahre vor

der Einnahme von Constantinopel den Entschluß faßte und auszuführen

begann, als Eroberer nach Europa überzusetzen. Uns, wie einst die

alten Gallier, wandelte, bei dem Anblicke der ganz nahe an unsrer

Seite liegenden, asiatischen Küste der entgegengesetzte Trieb an,

hinüber zu ziehen nach Asien, welches hier, am Ufer der Bäche, die aus

den waldigen Höhen herabstürzen, eine unbeschreibliche Lieblichkeit

entfaltet. Wir hatten indeß nicht lange Zeit das Auge mit den Heerden

der Lämmer zugleich, die am Abhange der Hügel giengen, auf die Weide

dieser grünenden Auen zu senden; schon lagen vor uns, drohend in roher

Kraft, die beiden Bergschlösser der Dardanellen: das ~Kellidil

Bahar~ oder Auge des Meeres und die ~Sultanie Kalessi~ oder

große Sultansstadt. Unser Dampfschiff hatte hier auf kurze Zeit

anzuhalten; wir kamen der Kellidil Bahar so nahe, daß wir in den

ungeheuren Schlund ihrer Geschütze so deutlich hineinschauen konnten

als Odysseus in das grimmig blickende Auge des Kyklopen. Seitdem,

wie schon erwähnt, jener gefangene Ungar für Mohammed +II.+

die Riesenkanone gegossen, welche steinerne Kugeln von 6 Zentnern

Gewicht, wie man sagt, auf eine Meile weit schoß, und welche wirklich

bei dem Bestürmen der Mauern von Constantinopel furchtbare Wirkung

that, haben die Türken mehrere ihrer befestigten Orte, vor allen aber

die Dardanellen mit solchen, Feuer und Gestein speienden Ungeheuern

besetzt, die sich an Größe zu andern Kanonen fast so verhalten, wie die

Riesenschlange zur Ringelnatter. Träge jedoch zugleich und unbeweglich

wie die Riesenschlange, wenn sie ihren Leib mit Nahrung gefüllt hat,

liegen diese Feuerschlünde an ihrem Orte; sie gleichen Gewalten der

Natur, welchen der Mensch nichts zu gebieten vermag, das sie nicht

selber zu thun geneigt sind; sie schleudern ihre verderblichen

Steinmassen immer nur nach einem Punkte hin, eine Richtung von andrer

Art kann ihnen, so wie sie da fest liegen, der Türke nicht geben.

Dennoch vermögen sie auch so noch Ungeheures zu leisten; dieses erfuhr

der kühne Duckworth als er nach der Zerstörung der türkischen Flotille

mehrere Tage in vergeblichen Unterhandlungen vor Constantinopel

verloren und als nun die türkische Artillerie, geleitet durch

französische Offiziere, an den Dardanellen und manchen andern Punkten

der Küste seiner mit feindselig gespannter Aufmerksamkeit wartete. Denn

obgleich er, begünstigt von Wind und Strömung ziemlich schnell zwischen

den künstlichen Vulkanen der Dardanellen hindurchfuhr, ward dennoch

ein Theil seiner Schiffe so nachdrücklich von dem Geschütze getroffen,

daß der Royal George fast zu Grunde gegangen wäre; dem Windsor Castle

wurde der Mastbaum, einer andern Fregatte das Steuerruder sammt einem

Theil der Pupa zerschmettert; an der Aktive, auf welche eine mehr als

zwei Fuß im Durchmesser haltende, gegen 8 Zentner schwere Granitkugel

auftraf, wurde das mächtig starke Zimmerwerk in der Gegend des

Backbordbuges so durchbohrt, als sey es von Papier; die Kugel rollte

jedoch dann auf dem Mittelverdeck nach hinten, ohne weiteren Schaden

zu thun. Auch Jacob Veniero, als er des groben Geschützes dieser

furchtbar drohenden Felsenschlösser spottend zwischen den Dardanellen

hin und herfuhr, verlohr auf der Einfahrt 7, auf der Hinausfahrt 5

Ruderer, nicht sowohl durch die großen Kanonen als durch die kleinen

Schießgewehre der Besatzung.

Doch wir haben in diesen Gegenden andre, bedeutungsvollere Dinge zu

bedenken und zu betrachten als die Thaten einiger neueren Seehelden;

wir stehen hier am Ufer eines Meeres der bewegten Lebenskräfte,

welches, dem Auge unübersehbar von einem Jahrtausend zum anderen woget.

Der Geist, welcher durch seine Kraft das sichtbare und vergängliche

Wesen zum Leben der Ewigkeit weihet, hat verschiedne Weisen dieser

Weihungen; denn Er ist es, welcher der Seele die Weihe eines Lebens

in Gott und aus Gott ertheilet, Er auch ist es, der ihr, mitten in

dem dumpfen Gedränge des Sinnenlebens ein Sehnen nach Gott und dem

Göttlichen einhauchet. Noch ehe das zarte Kind den süßen Namen, der

noch nicht gekannten Mutter zu nennen vermag, ist sein Rufen nach ihr

ein Weinen; dieses Weinen ist es, durch welches im leiblichen Menschen

zuerst die Kraft der Stimme und der Sprache aufkeimet; der Schmerz ist

das erste nährende Element der Seele, deren Wesen und Leben ein Sehnen

ist, hinaus und hinauf aus dem armen, beengten Kreise des selbstsüchtig

sinnlichen Seyns in den Zustand eines Mitgenießens der Freude, welche

niemals aufhört; des Lebens das niemals endet. Wie das Kind zuerst

an der Hand der Wärterin sich festhält und so zum eignen Gehen sich

bekräftiget: so erstarket das geistige Leben der Völker, das Leben

der frühe verwaisten, in die Fremde gerathenen Kinder zuerst durch

das Erfassen des Mitgefühles mit vielen Andren, welche das Gleiche

fühlen; eines Mitgenießens der Freude, welche viele Andre erfreut.

Dieses Mitgefühl, das in Tausenden zugleich die Thräne des Schmerzens

wie das Aufwallen der Freude und der Begeisterung zur That der Helden

weckte; dieses Mitgefühl das um viele der äusserlich unter sich

getrennten und uneinigen Städte, Inseln und Völkerschaften ein Band der

geistigen Einheit schlang, reichte die Muse dar, welche Ilions Fall

und ein Sehnen nach der Heimath besang, das erst nach langem Kampfe

und mühseligen Irrfahrten das theure Heim gefunden. Denn wie einst der

Atreiden Schlachtruf Hella's Stämme vor Ilion versammlet, so rufte

Homers Lied der Helden sie alle von neuem zum gemeinsamen, geistigen

Werk des Lebens; Athens wie Sparta's Gesetzgeber und Begründer des

Bauwerkes der Staatenverfassung, sie erfuhren von neuem die Kräfte

jener Orpheischen Lyra, die das ungeordnete Gestein zur Anordnung

der Tempelgemäuer herbeizog, als sie durch Homers Gesang die Seelen

der Menschen zum Aufmerken auf die große That der Geschichte geweckt

hatten, welche überall, sie erscheine in welcher Form sie wolle, ein

Hineilen nach einem Ausgang und nach einer Lösung des Räthsels ist, die

nicht in des vergänglichen Lebens Zeit, sondern in des Lebens Ewigkeit

fällt, und deren sichtbares Gewebe aus Fäden sich entspinnt, die in

einer unsichtbaren Welt des Göttlichen ihren Anfang nehmen. Was hierbei

so Großes wirkte, das war vor allem das Erfassen dieser unsichtbaren

Anfänge und Ausgänge alles in das sichtbare Wesen kräftig wirkenden

Thuns; ein Erfassen das durch Kraft, hier des Geistes als Muse, gewirkt

ward, als in Argos Auen wie an Asiens Küsten und auf Creta's Gebirgen

der Gesang widertönte, vom Zorne der Atreiden und des Peleiaden

Achilles, oder die Thräne des Mitleides bei Hektors und Andromache's

Abschied, wie, zu Achills Füßen, um Hektors Leichnam, mit dem ergrauten

Priamus, das Auge des dorischen wie des jonischen Jünglinges und des

Bewohners der Inseln benetzte. Ja, »aus Troja's leiblichem Untergang

ist ein geistiges Ilion erstanden und wenn auch nicht mit dem

beglückteren Achill auf Leuke, lebet doch der frühe verblühete Hektor,

lebet mit ihm Andromache ein nie verwelkendes Leben im Liede; Ilions

Fall und geistige Verklärung wird hierdurch ein Bild voll Bedeutung wie

das Samenkorn das im Boden verwest, während der Keim des Neuen fröhlich

aus ihm hervorwächset«[84].

Doch nicht mit dem geistigen Auge allein, auch mit dem leiblichen

treten wir jetzt dem Schauplatz der Homerischen Heldenkämpfe etwas

näher. Unser Dampfschiff hielt hier, weil mehrere Reisende ausstiegen,

gerade so lange als nöthig war, um wenigstens die Hauptpunkte der

Scenerie, die sich aus ~Le Chevalier's~ und ~Clarke's~ Beschreibungen

dem Gedächtniß tief eingeprägt hatten, freilich nur wie ein Gemälde,

zu überblicken. Da, wo der Saum der Küste ein wenig anwärts steigt,

erhebt sich noch jetzt, neben dem des ~Patroklus~ jener ~Grabeshügel

des Achill~, den schon vor 22 Jahrhunderten Alexander der Macedonier

durch gymnischen Kreistanz ehrte; hier war das Lager der Griechen; dort

auf der Anhöhe, die nun das Dorf ~Burnabaschi~ einnimmt, stund Ilions

Veste und noch jetzt quillt am Fuße des Hügels der warme Quell, noch

jetzt zeigt sich da, von altem Gemäuer umfaßt, ein Wasserbehältniß,

vielleicht dasselbe, an welchem Troja's Frauen, ehe das Annahen der

feindlichen Heeresmacht die Sitte des Friedens störte, die Gewänder

wuschen. Noch jetzt wächst auf dem ~Feigenhügel~ das Gebüsch der

wilden Feigen; die Höhe von ~Kali Kolone~ dort jenseits, auf welcher

die mit Troja befreundeten Götter, jene ihr gegenüber gelegne, auf

welcher die mit den Griechen verbündeten stunden, selbst der kleine

Hügel (das ~Grabmal des Aësites~), von wo Polites die Bewegungen des

Griechenheeres erspähte, lassen, aus ~Homers~ Beschreibungen, sich

noch errathen. Der ~Simois~ wälzet noch jetzt sein trübes, schlammiges

Wasser zuletzt in eine sumpfige, mit Schilf bewachsne Brake, aus deren

stehendem Wasser die Strahlen der Sonne Seuchen ausbrüten wie damals,

da Griechenlands Heere vom tödtlichen Geschoß derselben erlagen.

Zwar der klare, fischreiche ~Skamandros~ strömet jetzt durch ein

andres, später gegrabenes Bett ins Meer, doch zeigen sich noch in den

Vertiefungen des Bodens die Spuren seiner alten Zusammenmündung mit

dem Simois. So tritt die Natur, wie die Aussage eines unschuldigen,

unbefangenen Kindes auf die Seite des Dichters und bezeuget, daß Homers

Muse Wahres gesehen und gesprochen.

Jenseits ~Tenedos~, das noch immer, wie zu Themistokles Zeiten durch

seinen köstlichen Wein[85] berühmt ist, begegnete uns, gerade in

den heißen Stunden des Tages, ein erfrischender Wind; das Meer, auf

welches ein vorüberziehendes Gewölk das dunkle Lasur seines Schattens

warf, gieng in etwas kräftigeren Wogen; fern im Norden, hinter und

neben ~Imbros~ zeigte sich der ~Saoke~, der Berg von ~Samothrace~.

Es erscheinet nicht ohne tieferen Sinn, daß dieser Sitz der alten

Orpheischen Geheimlehren so nahe an Ilions Küste gestellt war; wie in

Dante's und Shakespear's Geiste gesellet die ewige Weisheit auch in der

Geschichte der Länder und Völker zu dem mildernden Vordergrunde des

Diesseits den ernsten Hintergrund der Kunde des Jenseits. Eben ertönte

noch in unserem Ohre der liebliche Gesang zur Zither und der Laut

der Flöte, welche von der Lust und dem Leid des vergänglichen Lebens

sprachen; da erhebt das ernste Geläute der Glocke, vom benachbarten

Thurme seine Stimme und erinnert an Das, was jenseits der Gräber

ist. Die Gesänge der Homerischen Muse auf Troja's Ebene stärkten

und begeisterten Die, welche sie vernahmen, zu den Heldentaten des

Schlachtfeldes und des Kampfes der Männer; die Töne der Orpheischen

Lyra, in den Geheimlehren Samothrakes gaben Denen, die sie vernahmen

und erfaßten, Kraft und Muth zu dem Bestehen der siebenten Trübsal, zu

dem Kampf mit den Schrecken des Todes.

~Lemnos~ hatten wir wenig beachtet; desto mehr zog uns der Anblick

des bergigen, schön bewachsnen ~Lesbos~ (~Metelyn~) an, an dessen

östlichen Ufern wir in den späteren Nachmittagsstunden ganz nahe

hinfuhren, und in dessen einer Bucht unser Dampfschiff für kurze Zeit

anhielt, weil hier mehrere Reisende ausstiegen. Noch jetzt, wie zu

Tourneforts Zeiten, gewährt diese Insel mehr als 100 größeren und

kleineren Ortschaften Nahrung und fröhlichen Verkehr, und dieser

reiche Boden war nicht bloß fruchtbar an leiblichen Gewächsen, er war

dies auch an geistigen Kräften, denn Lesbos ist die Geburtsstätte

von ~Alcäus~ und ~Sappho~, wie von dem Zeichner der Charaktere, dem

Dolmetscher der stummen Zeichensprache der Pflanzen, der Steine und

Meteore: ~Theophrast~ dem Eresier. Wie durchsichtig und klar der

Himmel dieser Länder sey, das lehrte uns am Abend der Anblick der

Mondsichel, die wie ein zarter Silberfaden schon heute, gegen Ende des

2ten Tages nach dem Neumond, tief am Horizont sich zeigte. Die Feuer

der brennenden Gebüsche, welche die Hirten entzündet hatten, ergoßen

sich wie Gluthströme über die Schluchten des Gebirges; erst spät

verließen wir das Verdeck, um die Ruhestätte zu suchen.

Beim Erwachen, in der Dämmerung des nächsten Morgens, war das Erste

das wir vernahmen ein Laut, den wir lange nicht mehr gehört hatten:

der Ton der christlichen Gebetglocken. Unser Schiff lag schon seit

mehreren Stunden in der Bucht von ~Smyrna~. Sey uns gegrüßt du altes,

schwärzlich graues Felsenschloß auf der Höhe des Mastusiaberges, aus

dessen Pallästen und Tempeln einst die Fülle und Herrlichkeit Joniens

in solcher siegreichen Anmuth hervorblickten, daß der länderkundige

Strabo bei dem Anblick das Lob der »schönen Stadt« ausrief. Noch mehr

aber sey du uns gegrüßt du immergrünendes Gefilde des Meles, aus dem

einer jener Engel hervorgieng, der wie jene, durch deren Geschäft das

Gesetz gegeben ward, die Bestimmung hatte, den Völkern und Menschen

ein geistiges Bewegen, hinweg von dem thierischen Sinnengenuß in

ein Gebiet des innern Schauens und Genießens zu bringen, welches

wenigstens die Vorhalle oder der Garten jenes Tempels der Innenwelt

ist, deren Pforten der Glaube eröffnet. Hier oder nahe von hier war

die Geburtsstätte des Homeros, des einen, ganzen Sängers der Ilias

und der Odyssee, nicht jenes vielköpfigen, vielarmigen, den sich die

Gelehrsamkeit unsrer Tage ersonnen hat.

Es lag, in der dämmernden Frühe, über den Hainen der Zypressen und

den Gärten der Orangen eine Stille, wie jene die eine liebende

Mutter sich und den Ihrigen auferlegt, damit der schlafende Säugling

nicht geweckt werde; endlich nahete, von den Höhen des Sipylos der

Morgen und goß seine Strahlen herab in das Thal; der dunkelgrüne

Vorhang der Zypressenhaine that sich auf und verstattete dem Auge den

Zutritt hinein in die Lustgänge der Lebenden wie auf die Ruhestätte

der in den langen, letzten Schlummer versenkten Schläfer. Wenn auch

die jetzige Geschichte des Landes gleich dem Tithon die Züge des

kraftlosen Alters an sich trägt, so fällt dennoch auf sie noch immer,

lieblich verklärend, der Strahl der niemals alternden, ewig kräftigen

Morgenröthe, und es ist nicht die irdische Aurora allein, die im

Liede des Sängers hier mit Homers Geburtsstätte sich vermählte; es

ist ein Morgenglanz der Ewigkeit der seine Strahlen auf diese alte

Stadt wirft, die nicht nur im Liede der Dichter, sondern in dem hehren

Worte der Offenbarung eine hochgepriesene ist. Vergessen wir nicht,

daß wir hier bei der besten, untadelichsten unter jenen sieben alten

Christengemeinden sind, an welche die Sendschreiben des versiegelten

Buches gerichtet waren, das den Schlußstein der Schriften des neuen

Bundes bildet[86].

Smyrna.

Wir verweilten fast vier Wochen in Smyrna und seiner Umgegend; hier,

oder in dem Zypressenhaine von ~Budscha~ war der Mittelpunkt, von

welchem unsre Reisen nach dem Thale des Kaystros wie des Hermos und

des Paktolus ausgiengen, und wenn uns der Anblick der Marmorruinen

von Metropolis, die wie ein zerrissenes Leichentuch über die Stätte

der Gräber gestreut liegen, wenn uns die grauenvolle Verödung auf den

Gassen und in den Säulenhallen von Ephesus, wenn uns der erschütternde

Anblick von Sardis, aus dessen von Erdbeben und Barbarenhänden

zerrissenen Gemäuern Furcht und Entsetzen, wie aus dem Haupt der

Gorgone hervorblicken, niedergebeugt und traurig gestimmt hatten,

da erholten wir uns von neuem in dem lebensfrohen Smyrna; darum

beschreiben wir auch dieses zuerst.

Wir steigen jetzt aus, an dem reinlich gepflasterten Hafenplatz bei

dem Frankenquartier, der von ansehnlichen, europäisch eingerichteten

Häusern umgeben ist. Man glaubt sich hier in einer einheimischen

Stadt zu finden, denn neben den Waaren und Kaufleuten aus England und

Frankreich findet man auch mannichfache Handelsartikel aus Nürnberg und

einzelne deutsch-redende Kaufleute und Handwerker. Man hatte uns schon

vor unsrer Ankunft Wohnung in dem Gasthaus einer Griechin (der Madame

Maraccini) bestellt und bereitet, das in einer der ansehnlichsten,

luftigsten Nebenstraßen des Frankenquartieres liegt; hier fanden wir in

fast zu großem Ueberfluß die Bequemlichkeiten eines gut eingerichteten

europäischen Gasthauses und eine Gesellschaft von Gästen, welche in

vier Welttheilen zu Hause war; denn außer den einheimischen Asiaten

und den Europäern waren besuchende Fremde aus Aegypten und Amerika

da. Doch wir halten uns hier nicht auf, schon nach dem Genuß des

Frühstückes in dem zur Rosenlaube eingerichteten Hofraume begeben wir

uns hinaus vor die Stadt, ans Meer und in die Gärten. Ich beschreibe

mit dem Eindruck der ersten Stunde zugleich das, was wir im Verlaufe

auch der übrigen Tage unsres hiesigen Aufenthaltes gesehen.

Man hat die weite, von Bergen umgürtete Bucht von Smyrna mit der von

Neapel verglichen. Die Natur ist allerdings eben so großartig und

gewaltig in ihren Umrissen, ja vielleicht selbst noch großartiger als

die von Neapel; der Gedanke, daß man hier in Homers, in Hesiods, in

Anakreons, in Anaxagoras Vaterlande, und was noch mehr ist, daß man

sich an der Stätte jener alten Christengemeinde befinde, welche vor

allen andern Gemeinden der Erde den Namen »~der treuen~« sich

erworben, erhebt vielleicht die Seele noch mächtiger, als der Anblick

von Virgils Grabe am Posilippo; eines aber geht dennoch der Gegend

von Smyrna im Vergleich mit der von Neapel ab: das ist die grüne

Bekleidung der Berge und Hügel mit Gebüsch und Bäumen, welche Italiens

Landschaften ihren ganz besondren Reiz giebt. Der Muselmann, wie er

sein eignes Haupt, das er unter dem Turban verbirgt, ganz kahl zu

scheeren, ja glatt zu rasiren pflegt, rasirt auch, so weit er es nur

vermag, die Höhen seiner Berge und Hügel und entzieht hierdurch den

Quellen und Flüssen seines Landes die natürliche Nahrung. Die Ebenen

und Schluchten um Smyrna sind allerdings lachend schön, die Höhen aber

daneben lachen nicht; sondern in ihrer jetzigen Entstellung grinsen

sie das Auge des Europäers an, wie ein kahl geschorner Türkenkopf,

dem der Turban entfiel; während das Haupt der neapolitanischen Höhen

mit der Jugendfülle der Locken umgeben ist. Dennoch, wenn wir in der

grünenden Ebene, gegen Burnabat hin uns ergiengen oder zwischen den

duftenden Orangengärten uns so verirrt hatten, daß wir keinen Ausweg

mehr fanden, oder, jenseits der Gärten der Feigen und der Oelbäume auf

einem der Hügel, bei den Heerden der hier weidenden großen, schönen

Kameele stunden, neben uns das Engthal des ~Meles~, das noch jetzt

den Namen Paradeisos führt und in welchem, wie man sagt, der Dichter

der Iliade seine Grotte oder sein Hüttlein hatte, vergaßen wir gerne

das was etwa fehlte, und erquickten uns inniglich an dem das in reicher

Fülle gegenwärtig und vorhanden war.

In Smyrna haben Christen und Mohammedaner Jahrhunderte lang feindlich

sich gegenübergestanden und manche blutige Kämpfe mit einander

gekämpft. Oben die alte Burg auf dem Mastusiaberge[87], die seit

Antigonus, des Feldherrn Alexanders des Macedoniers und seit der

römischen Kaiser Zeiten[88] von so vielerlei Händen gebaut und wieder

zerrissen und wieder gebaut ward, hatten meist die Türken, den untern

Theil der eigentlichen Stadt vorherrschend die Christen im Besitz, bis

zuletzt unter der fester begründeten türkischen Herrschaft die Osmanen

auch in der Stadt selber die Oberhand gewannen. Dennoch, seitdem die

blutigen Kämpfe der griechischen Revolution beendigt wurden, wohnen

jetzt in dieser hierin merkwürdigen Stadt Mohammedaner und Juden mit

den Christen der verschiedensten Glaubensbekenntnisse so einträchtig

beisammen, daß man sich, nur freilich nach ungleich größerem Maßstabe,

in ein Gasthaus von Marseille, oder selbst von Leipzig, zur Zeit der

Messe, versetzt glaubt, wo sich auch die Abkömmlinge und Bewohner der

verschiedensten Länder und Städte zu friedlichem Verkehr vereint,

durcheinander bewegen. Der Stadttheil, welchen die Armenier und Türken

bewohnen, ziehet das Auge des Europäers durch seine reich, mit den

Erzeugnissen des Orients besetzten Bazars an. Die Gassen sind hier

zum Theil sehr schlecht gepflastert und schmutzig, dabei so eng, daß

wenn der lange Zug der Kameele mit Holz, Baumwolle oder getrockneten

Feigen beladen da hereinkommt, man in eine der angränzenden Werkstätten

sich retten muß; wenn sich, wie dieß nicht selten geschieht, in einer

solchen langen, engen Gasse zwei Züge von Kameelen begegnen, zwingt man

die des einen Zuges, welche entweder gar nicht, oder mit minder der

Gefahr ausgesetzten Dingen beladen sind, sich niederzulegen und die

Thiere des andern Zuges steigen dann ganz vorsichtig auftretend über

ihre am Boden liegenden Gefährten hinweg.

Um eine Uebersicht über das alte und neue Smyrna zu gewinnen, besteigt

man den Berg der alten, weitläufigen Burg, in deren innren Räumen

noch eine verlassene Moschee gesehen wird. Ein riesenhaft großer,

weiblicher Kopf, in halberhabener Arbeit, den die Türken öfters zur

Zielscheibe ihrer Pistolen gemacht und hierdurch sehr beschädigt haben,

soll an jene Amazone, oder nach Andern an jene Gemahlin des aeolischen

Begründers des alten Smyrna erinnern, von welcher diese Stadt, die alte

wie die spätere neue, ihren Namen empfieng. Wie diesem Bildniß ist es

dann freilich auch den vormals so viel und hochgepriesenen Bauwerken

des klassischen Smyrna selber ergangen. Das prachtvolle Theater, es war

das größeste in Asien, ist von den Osmanen bis auf wenige Reste, die

etwa schon bei der türkischen Besitznahme einen Theil der benachbarten

Wohnhäuser ausmachten, aus einander gerissen und seine marmornen

Mauerstücke zum Erbauen der Kaufmannshallen und andrer öffentlicher

Gebäude verwendet worden. Dennoch läßt sich noch die Stätte, nicht

nur des alten ~Theaters~ und des ~Stadiums~, sondern auch

die des ~Tempels~ des ~Jupiter Acräus~, in der vormaligen

~Akropolis~ bestimmen und auch die Wasserleitung, deren Bögen sich

durch das sogenannte Thal des Paradieses hinüberziehen, stammt, ihrer

Grundlage nach, aus den Zeiten wenigstens der römischen Baukunst her.

Von der Höhe des alten Burgberges überblickt man auch am besten den

bedeutenden Umfang der jetzigen Stadt, welche, wie man sagt, 12,500

Häuser, darunter freilich sehr viele Hütten, umfasset und über 120,000

Einwohner hat.

Herabwärts gehend von den verödeten Baustätten des zweiten, für uns

aber immerhin alt klassischen Smyrna[89] kommen wir da an einem

Felsenvorsprung vorüber, auf welchem, im Schatten der alten Zypresse,

ein einfaches Grabmal in türkischer Bauart stehet. Hier, in der Nähe

des Gemäuers eines längst zerstörten christlichen Kirchleins, das

nach seinem Namen genannt war, fand sich der noch jetzt lebenden

Sage nach, das Grab des heiligen ~Polykarpos~, eines Schülers

des Lieblingsjüngers des Herrn, des Apostels Johannes. Auf eine

beachtenswerthe Weise halten selbst die Türken diese Grabstätte, und

das Andenken des Mannes, an den sie erinnert in Ehren. Sie sagen von

ihm, daß er ein wahrer Freund Gottes gewesen sey; öfters schlachten sie

da Lämmer, deren Fleisch sie an die Armen vertheilen. Polykarpos litt

hier, in der Nähe seiner Grabstätte im Jahr 177 nach Christi Geburt,

mithin ein Jahr vorher, ehe das furchtbare Erdbeben (von 178) die

Stadt verheerte, den Zeugentod, der mit den Martern der Flamme begann

und durch das Schwert vollendet wurde. Da der heidnische Richter den

fast hundertjährigen, im Glauben seligen Greis fragte, ob er nicht

seines hohen Alters schonen und durch das Darbringen des Rauchwerkes

vor dem vergötterten Bilde des Kaisers Christo entsagen wolle,

antwortete der Alte: und wie könnte gerade ich, der so viele, lange

Jahre hindurch die Liebe und Wohltaten dieses guten Herrn erfahren,

mich von ihm lossagen? -- Ja, der Alte hatte jene Worte des göttlichen

Sendschreibens, das durch St. Johannis Hand an ihn ergangen war[90],

wohl beherzigt und behalten: er war getreu geblieben bis an den Tod,

und als ein fortwährender Segen des alten Hirten und seiner Heerde mag

es erscheinen, daß Smyrna seine Christengemeinden von den Zeiten der

Apostel bis auf unsre Tage sich noch immer bestehend erhielt, während

der Leuchter von Ephesus längst hinweggestoßen ward, Laodicea in die

Vergessenheit einer zerstörten Gerichtsstätte gerieth und über Sardis

die Vernichtung kam wie ein Dieb in der Nacht.

So gehet hier in Smyrna, wie in seiner ganzen Umgegend, die Erinnerung

an die Heroën der Dichtkunst und der tiefer gründenden Weltweisheit mit

der an die Helden des Christenglaubens Hand in Hand. Die Geschichte

Joniens wie die eines jeden einzelnen, wahrhaft geistig durchgebildeten

Menschen bezeugt es, daß die höchste Stufe dessen, was wir mit Achtung

und Recht »klassische Bildung« nennen, dem einfältigen Kinderglauben

des Christen keineswegs entgegenstehe und mit ihm unvereinbar sey;

sondern daß gerade die hohe Kunst und die Weisheit der sichtbaren

Welt, wenn sie nur redlich nach Wahrheit suchet, eine Führerin zu

jener verborgenen Weisheit werden kann, deren Reich zwar über und auf,

aber nicht ~von~ der Welt ist. Damit uns dieses deutlicher werde,

erbauen wir uns, ehe wir etwas Weitres von dem Aufenthalte in Smyrna

erzählen, da auf einem der Berge ein geistiges Homerion, zwar nicht aus

Säulen des Marmors oder des Granit, wohl aber aus einem Material das

bleibender ist denn diese: aus Erinnerungen an die große Geschichte

dieses Landes.

Man braucht nur einen Blick auf die Charte von Kleinasien und auf

die ganz nahe an seinen Küsten liegenden Inseln zu richten, um

mit einem Male an die ganze Urgeschichte der Wissenschaft wie der

hellenischen Kunst erinnert zu werden. Dieses Land gleichet dem

Granatbaum am Bache des Elisa bei Jericho, an welchem keine Blüthe

fehl schlägt, an welchem jedes einzelne Zweiglein mit der Fülle der

Früchte pranget: denn es ist hier keine Stadt, keine Insel, die nicht

Mutter und Pflegerin irgend eines Heroën gewesen wäre, dessen Name

in der Bildungsgeschichte unsers Geschlechts glänzt. Fassen wir da

einen Erdstrich an der Küste von Kleinasien ins Auge, dessen längste

Ausdehnung nur gegen 30 geographische Meilen beträgt und wir finden auf

ihm die Heimath aller der gepriesensten Väter und Anfänger der Kunst

wie der Wissenschaft beisammen. Dort, in der nachbarlichen, nördlich

von Smyrna gelegnen Meeresbucht von Sandarli sieht man noch die Ruinen

von ~Cyme~, dem Geburtsort des Dichters der Werke, des ~Hesiod~; hier

in der Gegend von Smyrna selber, oder wenn man dieß lieber will, auf

dem nahe gelegnen Chios war ~Homer~, der Vater der epischen, nur wenige

Meilen südwärts von Smyrna, an der andern Seite der kleinen Landzunge,

in ~Teos~, jener der lyrisch-erotischen Dichtkunst: ~Anakreon~

geboren. ~Miletos~ war die Vaterstadt des ersten der sieben Weisen,

des Begründers der ältesten Schule der Philosophie: des ~Thales~ und

mit ihm des ~Anaximander~ und des ~Anaximenes~; in ~Priene~, zwischen

Miletos und Ephesus, lebte der weise ~Bias~; ~Ephesus~ selber war

der Geburtsort des tiefsinnigen ~Heraklit~; dort in dem nachbarlich

gegenüber (von Ephesus) gelegnen ~Samos~ war der Erforscher einer

mächtiger und tiefer ins Leben eingreifenden Weisheit: ~Pythagoras~

geboren; hier südwärts von Miletos, in ~Halikarnassos~, der Vater

der Geschichte, ~Herodot~; auf der Nachbarinsel ~Cos~ (Stanchio) der

Vater der Arzneikunde, ~Hippokrates~; ~Klazomenä~ (jetzt Vourla) ganz

nahe bei Smyrna war die Vaterstadt von ~Anaxagoras~, des Perikles

Lehrer. Blicken wir auf die Geschichte der Kunst, dann darf sich Samos

die Mutter der gepriesensten Altmeister der griechischen Baukunst

nennen; denn hier wurden ~Rhökos~ und sein Sohn ~Theodoros~, so wie

der gleichnamige Enkel geboren, welche mit Ktesiphon dem Cretenser

den älteren Dianentempel zu Ephesus aus Crösus reichen, freiwilligen

Gaben erbauten. Ephesus selber war die Mutterstadt eines der ältesten

Meister der Malerkunst: des ~Parrhasius~, die Pflegerin des großen

Bildhauers ~Praxiteles~; ~Zeuxis~ war bei Milet in ~Heraklea~ am

Latmusgebirge, ~Apelles~ in ~Cos~ geboren. Und da späterhin auf

dieses an geistigen Erscheinungen so reiche Land noch ein anderer

Thau von oben fiel und auf seinem Boden neben den Myrten und Granaten

auch Heilgewächse zur Gesundheit der Heiden und Völker aufgehen und

gedeihen ließ; da hierdurch Kleinasien nicht nur ein Lustgarten der

Wissenschaft und Kunst, sondern ein Garten Gottes wurde, in welchem die

Neues schaffenden Kräfte der Ewigkeit sich ergiengen, in welchem Glanze

stunden damals Patmos und Ephesus, Colossä und Laodicea, Smyrna und

Sardis, Pergamum, Thyatira und Philadelphia da!

Ein Besuch bei einigen der sieben Gemeinden in Kleinasien, an welche

die Sendschreiben der Apokalypse gerichtet sind, gehörte von Anfang

an zu den Lieblingsplänen unsrer Pilgerreise, es war deshalb unsre

Absicht gewesen, schon von Constantinopel aus das unvergleichlich

schöne Brussa zu besuchen und von dort den Weg vielleicht zu Lande

über Pergamos und Thyatira nach Smyrna zu machen. Leider hatte die

Pest, welche gerade damals sehr heftig in Brussa und seiner Umgegend

wüthete, die Ausführung unsres Vorhabens verhindert und uns den Besuch

der hehren Gegend am Olymp und des prächtigen Brussa's verwehrt, wir

hatten jedoch auch von Smyrna aus günstige Gelegenheit, wenigstens die

alten Wohnstätten der kleinasiatischen Christengemeinden im Thale des

Kaystros und des Hermos zu besuchen. Ehe wir von diesen Besuchen etwas

Näheres erzählen, sey es erlaubt, jene in der Geschichte der ersten

christlichen Jahrhunderte so bedeutungsvolle Landschaft im Allgemeinen

zu überblicken.

Es waren vorzüglich die fruchtbaren Flußthäler der Nachbarschaft von

Smyrna, namentlich jenes des ~Hermos~ (jetzt Sarabat) und das

des ~Mäander~ (jetzt Meinder), das erstere nördlich, das andere

südlich der Halbinsel von Smyrna, in denen die Wohnstätten jener

Gemeinden sich fanden, deren Namen uns aus den Schriften der Apostel

ein so lieber, wohlbekannter Klang sind. Freilich haben in diesem

Lande nicht nur die Hände der Menschen sondern auch die Kräfte der

Natur die alte Gestalt der Dinge sehr verändert; der vormals flötende

Quell des Marsyas, inmitten des alten ~Celänä~, bei der Burg

und dem Park des Cyrus, hat, vielleicht schon seit dem Erdbeben in

den Zeiten des Mithridates, einen andern Ausgang durch den Felsen

genommen, auch das spätere ~Apamea~ (jetzt ~Dinare~), das

Antiochus Soter neben Celänä begründete, ist durch Erdbeben und die

Einbrüche der Türken ganz zerstört, dennoch finden sich auf dem Berge,

den eine spätere Sage, die sich auf Sybillinische Verse berief, zu

dem Ararat der Noachischen Fluth machen wollte[91], noch die Trümmer

einer Kirche und viele Grabstätten der Christen. Folgen wir weiter

hinab dem Laufe des Mäander, dann wecken die Schutthaufen der Städte,

an einem seiner Nebenflüsse: dem ~Lykus~ (jetzt Görduk) noch

näher liegende, ernste Erinnerungen. Nahe dem Quell des Lykus, bei

dem heutigen ~Khonas~, lag das einst so blühende ~Colossä~,

dessen Andenken der Brief des Apostels an die Colosser eine Dauer

der Ewigkeit verlieh, während die Gemäuer der Kirchen, Palläste und

Häuser, welche einstmals den Namen dieser Stadt trugen, niedergestürzt

sind in den Staub. Noch im 12ten Jahrhundert war Colossä oder wie es

damals hieß Colassä eine Wohnstätte vieler Christen; es stund hier

eine dem Erzengel Michael geweihete, prächtige Kirche; allen diesen

Herrlichkeiten aber machte die Zerstörung durch die Türken ein Ende

und selbst der unterirdische Felsenweg des Lykus, den das Alterthum

beschreibt, ist vom Erdbeben zerstört oder verändert. Ungleich reicher

noch und mächtiger denn Colossä war ~Laodicea~ am Lykus, das

seinen Namen so oft wie ein reicher Mann die Gewänder gewechselt hat.

Denn während diese Stadt in den Zeiten des Crösus Cydrara[92] und nach

Plinius Angabe[93] Diospolis, dann Phoas geheißen, erhielt sie den

späteren Namen von Laodike, der Gemahlin Antiochus +II.+, Theos.

Die noch immerhin prächtigen Trümmer der niedergestürzten Marmorgebäude

von Laodicea finden sich nun unter dem Namen ~Eski Hissar~ unweit

dem türkischen ~Denizli~. Nur noch der arme Ziegenhirte weidet

bei den Mauern der alten Theater und Palläste, in denen der Scorpion

und die Schlange wohnen, seine Heerde, keine einzige Hütte beut dem

bedürftigen Wandrer hier Obdach und Bewirthung dar. Dieß ist das Ende

der einst auch von Christen bewohnten[94] Stadt gewesen, welche mitten

in der Fülle des äußern Wohlstandes sprach: »ich bin reich und habe

gar satt, und bedarf nichts«[95]; der Stadt, deren Namen in dem Munde

der ernsteren Geschichte kein Fortleben fand[96], weil sie, gleich

dem verdorrten Grase und Gesträuche, das ihre Trümmer bedeckt, weder

nährende Frucht noch Schatten gab und deshalb nur noch zum Empfang der

verzehrenden Flamme geschickt war. Wie Colossä und Laodicea liegt auch

~Hierapolis~ (jetzt ~Pambuck Kalessi~), im Schutt und Staube,

die heißen Quellen, noch jetzt reich an heilenden Kräften wie vormals,

beurkunden seine ehemalige Stätte, westwärts und nahe bei Laodicea.

Auch hier blühte, bis zum Beginn der alles verheerenden türkischen

Herrschaft eine ansehnliche Christengemeinde, über deren Hütte freilich

ein andres, geistig kräftigeres Geheimniß waltete als über jener des

Cybeledienstes, dessen Mysterien ein früheres Jahrtausend hier feierte.

Doch wir gehen an diesen Städtetrümmern, wie an denen von ~Carura~

und seinen heißen Quellen, gehen selbst an jenen der einst so großen,

in den Zeiten des Heidenthumes geistig mächtigen ~Cabyra~ oder

Kibyre (am Carischen Flüßlein Indus) vorüber und beschreiben aus

eigner Anschauung die Reise nach der Wohnstätte einer der wichtigsten

Christengemeinden in Asien: nach ~Ephesus~, im Thal des Caystros.

Reise nach Ephesus.

Die Tage, auch die späteren des Octobers, sind in Kleinasien

keineswegs, so wie bei uns, Herbsttage; sie sind noch angethan mit

allen Kräften des heißen Sommers; dieß erfuhren wir, als wir am 19.

October uns aufmachten von dem paradiesisch schönen Budscha, wo

wir seit mehreren Tagen bei den theuren Freunden ~Jetter~ und

~Fielstädt~ wohnten, um in ihrer, so wie in des landeskundigen

Herrn ~Browns~ Gesellschaft das Thal des Caystros zu besuchen.

Wie bei uns im Sommer, gieng die Schaar der Honig sammelnden

Bienen aus und ein in den großen, schönfarbigen Blumen der wilden

Artischoke, die Myrte entfaltete noch, neben der schon reifenden

Beere einzelne ihrer spätgebornen Blüthen; auch das Gesträuch des

Lygon oder des Keuschlammstrauches war zugleich mit den traubenförmig

beisammenstehenden Früchten und mit dem lieblich farbigen Schmuck der

Blüthen geziert; in den Zweigen der Zypresse, wie der immergrünen

Eiche besangen noch Vögel den hier nie ganz verwelkenden Jugendreiz

des Landes. Neben diesem Grün der Schluchten und der Wälder zeigte

sich jedoch auch über weite Strecken hin der von der langen Dürre des

Sommers verbrannte Boden, die Ebene weißfarbig wie ein zur Ernte reifes

Getraidefeld, der nackte Boden der Hügel zerborsten und zerstäubt.

Ein Theil unsrer Reisegesellschaft (denn nur ich und die Hausfrau

wohnten in Budscha) hatte fast gleichzeitig mit uns die Reise von

Smyrna aus angetreten; wir begegneten uns noch vor ~Sediköi~,

dem Landaufenthalt mehrerer wohlhabenden Franken, welchem man die

Verheerungen durch die Revolution nicht mehr anmerkt. In unsrer

Gesellschaft befand sich auch der merkwürdige, vielgereiste Armenier,

~Jusuff Effendi~, von welchem wir später noch reden werden; ein

Mann, welcher der Sprache und Sitte der Türken mächtig, unter diesen

als einer ihres Gleichen gilt; mit ihm zwei türkische Postknechte oder

Surutschuis.

Als wir jetzt aus einem der immergrünenden Eichenwälder und dem dichten

Gebüsch der Myrte hinaustraten auf die freiere Höhe, da stiegen

jenseits der Ebene, in einer Klarheit, wie sie nur der Himmel von

Smyrna gewährt, gleich dunkellasurblauen Gewölken, die Felsenhöhen

von Teos und in Südost die Gebirge des Kaystros und des Mäandros am

Horizont herauf. Wie eine emporgehobene Hand, die dem besuchenden

Fremdlinge Willkommen zuwinkt, stunden vor uns die malerisch schönen

Höhengruppen des Mesogischen Bergzuges und gleich den Melodieen eines

Liedes, das uns die liebende Mutter bei der Wiege sang, lebten die

Erinnerungen an die Träume und Wünsche der Jünglingsjahre auf; die

Träume, die nun, einer nach dem andern, zum wirklichen Genuß, die

Wünsche, die zur Erfüllung wurden. War ja hier in der Nachbarschaft des

Meles, wie bei Teos, Ephesus und Milet, ja allerwärts wohin nun das

Auge sahe, die Seele schon oftmals wandeln gegangen, ehe dieß endlich

auch der Leib konnte.

Bei einem türkischen Kaffeehause, das neben etlichen Häusern am Fuße

des Hügels stehet, ruheten wir einige Augenblicke. Weiter hin deutet

ein meist ausgetrocknetes Flußbett, an dessen letzten Säften das

gemeinste Strauchwerk dieser südlichen Länder, die Keuschlammstaude

(+Vitex agnus castus+) sich groß saugt, den Lauf des alten

Mastusiaflußes an. Eine ansehnliche, steinerne Brücke aus älterer

Zeit, welche wie ein Spott auf den jetzigen, wasserleeren Zustand des

Bächleins aussiehet, führt über das Gestrüpp hinüber und bald hernach

zieht sich der Weg über eine kleine, mit dürftigem Myrtengebüsch und

vereinzelten immergrünen Eichen bewachsene Anhöhe. Die Strahlen der

Sonne fiengen jetzt an heftig zu brennen, denn ein Wind aus Südwest,

so heiß als käme er aus einem Gluthofen, verstärkte ihre Strahlen. Ein

Schwarm von größeren wie kleineren blutsaugenden Insekten warf sich auf

unsre armen Thiere, mein altes, aus Budscha gebürtiges Pferd, eben so

ungeschickt zum Lauf als der, welcher auf ihm saß zum Reiten, stürzte

im Kampfe mit jenen feindlichen Thierlein; zum Schrecken der guten

Hausfrau kam ich an Gesicht und Hand ein wenig verwundet, in Trianda

an.

Hier bei ~Trianda~, im Schatten einer mächtig großen, uralten

Platane, am Ufer des noch immer reichlich und munter fließenden Tartalu

oder Halesus, hielten wir Mittag. Wir hatten kaum auf den kühlen

Steinen am Fluße unsern Sitz genommen, da gesellte sich zu uns eine

Schaar von andren Wanderern, die es uns deutlich inne werden ließ, daß

wir in Asien seyen. Ein Zug von Kameelen und bei ihnen eine Heerde

von Kindern und Frauen, deren fast olivenbraunes Gesicht von keinem

Schleier bedeckt war, kam neben uns vorbei und während die Kameele

tranken oder mit hoch emporgehobenen Hälsen ausruheten, erquickten

sich diese, wie wilde Gänse lärmenden Schaaren im frischen Wasser und

lagerten sich im Gebüsche. Es waren ~Jurucken~, ein Völklein,

das in diesen Gegenden allenthalben unter die kräftigen Turkomannen

zerstreut lebt und welches manches Verwandte mit unsern Zigeunern hat.

Sie bilden hier, in Kleinasien, unter dem unmittelbaren Schutze des

Großsultans einen ziemlich ansehnlichen, unabhängigen Stamm, der, nach

seinem eigenen Gesetz, von einem eingebornen Fürsten regiert wird.

Dieser Landesfürst, der bei Trianda ein großes Haus besitzt und meist

bewohnt, ist sehr reich an Grundeigentum wie an Heerden der Kameele

und des andern Viehes; seine Unterthanen, Turkomanen und Jurucken,

großenteils ohne festen Sitz, durchziehen mit ihren Kameelen und

Ziegenheerden das Land nach allen Richtungen, suchen im Frühling und

Sommer schaarenweise die Weideplätze des Hochgebirges, im Winter die

der milder gelegnen Ebenen und Küstengegenden auf. Sobald jedoch, im

Kriege, der Großherr ihres Beistandes bedarf, dann eilen die flüchtigen

Haufen derselben, dem Ruf ihres Fürsten gehorsam, von allen Seiten

herbei, furchtbar dem Feinde nicht bloß durch rasche Beweglichkeit und

persönliche Tapferkeit, sondern mehr noch durch ihre Raubsucht und

durch ihre Lust an allen Gräueln des Krieges. In ganz andrer Weise

jedoch als im Kriege erscheint der Jurucke in der Zeit des Friedens.

Die Gastfreundschaft, die Pflege der Armen und Hülfsbedürftigen,

ist ihm eben so heilig wie seinem Nachbarn, dem Turkomanen; der

Wandersmann, wenn er so glücklich war den zerfleischenden Bissen ihrer

grausamen halbverwilderten Hunde zu entgehn, was bei Nacht für den

Unbewaffneten schwer seyn möchte, darf sich getrost dem Zelte der

Jurucken nahen; diese reichen ihm willig von der gesäuerten Milch ihrer

Ziegen und dem schwärzlich grauen, kuchenartigen Brode ihres Heerdes so

viel dar, als ihre Hand findet und als er zu seiner Sättigung bedarf.

Auch der wohlhabendere Reisende, der sich im Hochgebirge des Tmolus

mit Zutrauen den Horden der Jurucken nahet, hat weder für sein Leben

noch für sein Eigenthum etwas zu fürchten; er empfängt, auch bei einem

längeren Aufenthalte von seinen Nachbarn Alles, dessen er zum täglichen

Leben nöthig hat, und selbst an dem freiwilligen Geschenke, das er etwa

bei seinem Abschiede giebt, scheint die Freundlichkeit des Gebers höher

angeschlagen zu werden als der innre Werth. Doch nehmen Manche, welche

in öfterem Verkehr mit der Stadt stehen, auch gern eine Bezahlung in

Gelde an.

Die Jurucken, welche wir sahen, schienen sich durch ihre schlankere

Gestalt, durch ihr glänzend schwarzes, gerade herabhängendes Haar und

die dunklere Hautfarbe von den gedrungener gebauten, minder brunetten

Turkomannen auszuzeichnen; auch ihre einfache Körperverhüllung nähert

sich mehr jener der Beduinen; doch gehen die Frauen gewöhnlich

unverschleiert. Die Wohnung ist ein Zelt, ähnlich jenem der Beduinen,

bestehend aus schwarzen, wasserdicht gewebten, härenen Decken, die auf

Pfähle gespannt sind. Im Verkehr mit Andren reden die Jurucken die

gewöhnliche Sprache des Landes, unter sich selber bedienen sie sich

öfters einer Sprache, oder wenigstens gewisser Worte und Ausdrücke,

welche auf eine größere Verschiedenheit als die des bloßen Dialektes

hinzudeuten scheinen. Was ihre seyn sollende Religion betrifft, so

haben sie zwar in manchen äußerlichen Ceremonien und Geberden die Farbe

der hier herrschenden Lehre des Islam angenommen, doch ist dieses mehr

nur äußerer Schein; dem Wesen nach halten sie in großer Unwissenheit

über alle die wichtigsten Angelegenheiten der Menschenseele, wie

unsre Zigeuner, an einzelnen von ihren Vätern ererbten, heidnischen

Gewohnheiten und abergläubigen Verrichtungen fest, durch welche sie das

Unglück von ihren Heerden und Zelten abzuwenden meinen. Bei diesem

allem ist jenes Volk sehr lernbegierig und bildsam; namentlich scheint

den halbnackten, muntren Kindern der Jurucken aus ihrem lebhaften Auge

und orientalisch wohlgebildetem Angesicht die Fähigkeit des leichten

Auffassens und der gute Wille dazu hervorzublicken, möge daher das

Bemühen einiger edlen Menschenfreunde durch Errichtung von Schulen für

diese Kinder einst unter dem ganzen Volke höhere geistige Bildung und

Umgestaltung zu bewirken, reich gesegnet seyn.

Wir fahren fort in der Erzählung von unsrer Reise selber. -- Ein

altes Juruckenweib, aus der nachbarlich neben uns im Myrtengebüsch

versteckten Schaar trat jetzt zu uns, und betrachtete neugierig vor

allem die Kleidung der beiden europäischen Frauen. Sie fragte unsren

Jusuff Effendi gar Vieles, aß, als sie von ihren Landsleuten sich

nicht beobachtet glaubte, von Allem das wir von unsrem Mittagsmahl ihr

anboten, selbst Schinken, und nahm mancherlei übriggebliebene Brocken

für die Ihrigen mit.

Reichlich erquickt und gestärkt von der noch aus Smyrna mitgebrachten

Speise und von dem wohlschmeckenden Wasser des Halesus ritten wir

jetzt weiter durch eine Ebene, welche so aussahe als hätten Tamerlans

wilde Horden, die einst Smyrna und seine Landschaft verheerten, von

neuem hier das Werk der Mordbrenner geübt. Die Turkomanen hatten,

wie es schien, erst vor wenig Tagen die Gebüsche der Myrten und des

Lygos angezündet; über die verkohlten Reste des niedren Gestrüppes

ragte hie und da eine Cerreiche oder Pinie mit versengten Zweigen und

geschwärztem Stamme hervor, nur der scharfstachliche Judendorn oder

Paliurusstrauch, dem man das Verbranntwerden am liebsten hätte gönnen

mögen, war noch häufig genug den Flammen entgangen und zerschnitt

uns, beim Hindurchreiten unsre Kleider. Mitten aus diesen weiten,

öfter wiederkehrenden Brandstätten der Natur blickte die Verheerung

der vormals hier bestandenen menschlichen Werke heraus: dort die

zerrissenen Bögen einer alten Wasserleitung, hier die Trümmer einer

Marmorsäule oder die verstreuten Reste eines ehemaligen Landhauses.

Es war schon in einer späteren Nachmittagsstunde, als wir, neben

den Hüttenzelten einer Turkomanenhorde, die eine Schaar der großen

verwilderten Hunde umschwärmte, nach dem Hügel hinritten, auf welchem

das Gemäuer der Akropolis und des Theaters unter dem übrigen Schutt

hervorragen, der die Stätte des alten lydischen Metropolis[97]

bezeichnet. Das erste was wir von dieser vormaligen Mutterstadt der

nachbarlichen Colonieen zu Gesicht bekamen, das war das Todtenfeld

unten am Fuße des Hügels, über das wir hinritten. Auf den marmornen

Grabessteinen, die in Menge herumliegen und stehen, hat sich noch

manche der griechischen Inschriften deutlich erhalten, welche vom Wehe

der Trennung und Schmerz der Menschen reden und Namen der vormals

Lebenden nennen, welche nur Gott kennt; die uralte Platane aber und die

Wallnußbäume, die ihren Schatten auf die Gräber werfen, die sagen: wir

Namenlosen wissen nichts von euren Schmerzen.

Der Weg über den von Trümmern bestreuten Hügel wurde so schlecht, daß

wir abstiegen und zu Fuße giengen. Die Sonne war hinter die Anhöhe der

Akropolis getreten; die wilde Taube, mit rosenroth schillerndem Halse,

girrte im Gebüsch der Myrte und auf den Zweigen der Terebinthe; die

Heerden der Ziegen, gesättigt von der reichen Weide, sprangen munter

über die Felsen und Mauertrümmer herab, daneben, mit ruhigem Anstande,

erhub das Kameel, das Sinnbild der immer sich gleich bleibenden Ruhe

des Orientalen seinen langen Hals und athmete, gleichwie der Türke den

Dampf seiner langen Pfeife, so den erfrischenden Abendwind ein. Ganz

nahe bei den Ruinen von Metropolis und aus ihnen großentheils erbaut

liegt zwischen den Bäumen der Feigen und Granaten so wie der hohen

Platanen ~Jeniköi~ (Neudorf). Hier wollten wir, so war unsre

anfängliche Absicht, nur etwas Milch und Wasser genießen und dann in

der Kühle des Abends, begünstigt vom Mondschein, noch etwas weiter

reisen; da sich aber ein Theil unsrer Gesellschaft von dem noch sehr

ungewohnten Reiten gar ermüdet fühlte, wurde der Plan geändert und der

Mühe des heißen Tages schon hier ein Ende gesetzt. Einladender zur

Ruhe des Abends konnte auch kaum ein Ort seyn, als das vom Schatten

des Hügels gekühlte ~Jeniköi~, mit seiner herrlichen Aussicht,

hier auf die dunklen Ruinen von Metropolis und auf die weite Ebene,

dort aber auf das majestätisch gebildete Gebirge, dessen fernste Höhen

wie dunkles Gewölk am Abendhimmel erschienen. Der türkische Ferman,

den wir aus Smyrna mit uns führten, räumte uns, durch Jusuff Effendi

geltend gemacht, das Haus des Dorfrichters ein, welches übrigens, wie

die meisten Häuser des Ortes, nur aus einem einzigen Zimmer besteht,

das für gewöhnlich von dem männlichen Personal der Familie bewohnt und

von männlichen Gästen besucht wird, während für das weibliche und

seine Besucherinnen ein eigenes, nicht weit davon stehendes Wohnhaus

eingerichtet ist. Während man für uns in der Nachtherberge Raum machte,

hatten wir bei einem Nachbarhause auf einem der alten, marmornen

Leichensteine Sitz genommen, der hier mit andern Trümmern griechischer

Bauwerke zur Errichtung des niedren Gemäuers, um den Hof her, verwendet

war. Der Mond, wie ein unbemittelter, aber fröhlicher Wandrer, der am

Abend die Gaben, welche er aus der Hand der Reichen empfieng, unter die

Seinigen austheilt, ergoß seine, von der Sonne empfangenen Strahlen

über die Landschaft; noch einmal ließ sich das Krächzen oder Jauchzen

einer Schaar von Dohlen vernehmen, welche durch den Ueberfall der Eulen

in ihrer Ruhe gestört waren, dann wurde Alles still; denn die Schaar

der Fledermäuse und Nachteulen, die sich aus der zerstörten Burg der

alten Herrscher hervormachte, flog lautlos, wie ein Gespräch im Traume,

über die Trümmer und Hütten hin.

Auch wir nahmen nun unsren Sitz auf den Binsenmatten ein, welche unser

turkomanischer Wirth am Boden seines Zimmers für uns hingebreitet

hatte, genossen, während dem fröhlichen Gespräch mit den Freunden,

die abendliche Erquickung des Thee's und der Milch und versuchten

dann zu schlafen. Jedoch die Hütte, in welcher wir unser Nachtlager

genommen, war zwar von ihren menschlichen Bewohnern geräumt, nicht

aber von jenen Bewohnern, deren Wohnsitz die Bewohner selber sind. Von

wie bewundernswürdig mannichfacher Art und Menge sind im Morgenlande

jene kleinen, langsam kriechenden oder schnell hüpfenden Hausgenossen

der Hausbewohner. Mehrere von uns wachten die ganze Nacht hindurch

mit diesen unermüdet wachsamen Wesen; noch lange vor dem Grauen des

Tages saßen wir, selber von Grauen ergriffen, wieder zu Pferde. Der

Mond war untergegangen; ein tiefes Dunkel bedeckte die Ebene, dennoch

bemerkten wir, als wir zu ihr hinabkamen, daß wir nicht die einzigen

Reisenden seyen, welche sich so frühe vom Nachtlager erhuben; dem

türkischen Gesange unsrer Surutschuis antwortete das trillernde Lied

der Kameeltreiber, die uns, mit ihren schwer beladenen Thieren, einen

langen Zug bildend, unten im Thale des ~Phyrites~ begegneten.

Auch wir ließen uns von den singenden Türken und von der frühen Lerche

nicht beschämen; neben den türkischen hörte man auch gute deutsche

Morgenlieder ertönen.

Der anbrechende Tag beleuchtete uns jenseits des damals kaum einer

Lache gleichenden ~pegaseischen Sees~, durch welchen der kleine

Phyrites seinen Lauf nimmt, eine Gegend von seltner Schönheit. Neben

uns zeigten sich die Kalkgebirge des Mimas, welche das rechte Ufer des

schwänereichen Kaystros begränzen; weiterhin, gegen Süden und Osten,

erhuben die Gebirge des Mäandros ihre blauen, rundlichen Häupter. Wir

umritten den Fuß des rechts an unsrem Wege gelegenen Berges und es

öffnete sich uns nun das herrliche Thal des schilfreichen, langsam

fließenden Kaystros. Ganze Schwärme von Dohlen zogen mit lautem

Freudengeschrei der aufgehenden Sonne entgegen; sie bewohnen nicht nur

das verödete Gemäuer des rechts, am Eingange ins Thal auf dem Berge

gelegenen Kastelles von ~Kezel-Hissar~, sondern häufiger noch

die Höhlen des Kalkgebirges, deren größere und kleinere Oeffnungen

vielleicht von Menschenhand erweitert, man überall, auch aus weiter

Ferne, bemerkt. Jene Steinbrüche, aus denen der Marmor dieser Gegend

gewonnen wurde, den man öfters unter den Bausteinen von Ephesus findet,

mögen freilich zum Theil sehr alt seyn; einige von ihnen fielen auf

unsrem Wege, weißfarbig und hellglänzend wie die in Gneus gelagerten

Marmorbrüche des Penthelikon bei Athen, deutlich ins Auge.

Mehr und mehr belebte sich jetzt die Gegend vor und neben uns. Ueber

dem grünenden Wiesengrunde, auf dem wir hinritten, schwirrte die

Lerche des Südens empor; an dem Samen des hohen Cardobenedictenkrautes

(+Centaurea benedicta+) weidete sich zwitschernd ein vorüberziehendes

Heer der kleineren Vögel; zwischen dem Schilf des Kaystros erhub

schweigend der edle Schwan sein Haupt, während um ihn die kleineren

Wasservögel, lautschreiend nach der Beute haschten. Einige Züge von

wohlgestalteten, hohen Kameelen, dann eine Gesellschaft von meist

europäisch gekleideten Reisenden (wahrscheinlich Griechen) auf

Maulthieren und Pferden, kam uns, vielleicht von Guzel Hissar oder auch

von Scalanuova herauf, am Ufer des Kaystros entgegen.

An der alten, steinernen Brücke, die sich auch noch in ihrem halb

zertrümmerten Zustande als ein Gebäu der kräftig tragenden Bögen über

den Fluß hinüberspannt, stiegen wir, die gute Hausfrau sammt mir und

einem der jungen Freunde, von unsren Thieren herunter, nahmen an dem

jenseits des Wassers gelegenen türkischen Kaffeehause einige kleine

Oelkuchen und etwas Kaffee zu uns, und giengen dann auf der grünenden,

zum Theil buschreichen Ebene, dem vor uns liegenden, pyramidalen Hügel

entgegen, dessen Gipfel von dem Gemäuer des Kastelles des ältesten

wie des jüngsten Ephesus gekrönt ist. Denn auf diesem Felsenhügel,

an dessen Abhang die jetzige, türkische Ortschaft ~Ajasaluk~

sich anlehnt, lag schon die Akropolis des alten, von den Kariern und

Lelegern begründeten, von den Joniern nur erweiterten Ephesos; stark

genug befestigt, um selbst eine ernstliche Belagerung durch Crösus

auszuhalten[98]. Erst Lysimachos stellte die Mitte der wohlverwahrten

Grundfesten der Stadt auf jene südlicheren Höhen, wo noch jetzt die

bedeutendsten Werke des »klassischen« Alterthums gefunden werden.

Es war heute für mich ein besonderer Festtag; die treue Lebensgefährtin

und Mitpilgerin hatte eben am 20ten October ihren Geburtstag, der

wollte gerne auch ein wenig in der Stille gefeiert seyn, darum that das

langsame Hingehen durch das schöne Thal (mit unsern Thieren waren die

Surutschuis schon vorausgezogen) so ganz besonders wohl.

Der ansehnliche Aquädukt, welcher links vom Hügel der Ruinen des

ältesten und neueren Kastelles über die Ebene, nach dem Abhange des

Paktolus, sich hinzieht, ist von der Hand der späteren Herrscher und

Eroberer aus den Trümmern des alten Ephesus erbaut oder wenigstens

wieder erneuert; denn der Geist, wie die Hand des Menschen bezeugen

dadurch jenes Recht der Erstgeburt, welche das Leben vor dem Tode,

der Geist vor dem Leiblichen hat, daß sie den todten Trümmern einer

dahin geschwundnen Herrlichkeit das Gepräge ihres noch fortwährenden,

frischen Lebens aufdrücken. Wir stiegen jetzt auf einem Fußsteige, der

unter den von Epheu übersponnenen Trümmern bald sich verlor, bald von

neuem sich zeigte, an dem Hügel der ältesten ephesinischen Akropolis

hinan. Da stunden wir, an dem einst, namentlich zu den Zeiten der

byzantinischen Herrscher so prächtigen »Thore der Verfolgungen« das

zum Kastell hinanführte; betrachteten vor demselben eine kleine,

aus Marmorblöcken und älteren Gebäudetrümmern erbaute, nun auch

verödet stehende Moschee, mit ihrem Brunnenhause und ihren türkischen

Inschriften und ruheten ein wenig im Schatten des Gemäuers. Unter uns

rauchten die armseeligen Hütten des seit der griechischen Revolution

wieder neu aufgebauten, von Turkomanen bewohnten Ajasaluks, jenseit

des Schlosses erheben sich die majestätischen Trümmer der vormaligen

Kirche des heiligen Johannes, die später zur Moschee und dann abermals

zur Ruine geworden, daran erinnert, daß Der, welcher angebetet seyn

will im Geist und in der Wahrheit, nicht seine bleibende Wohnstätte

habe in Tempeln, von Menschenhänden gemacht. Weiterhin stehen über

der sumpfigen, durch die Anschwemmungen des Kaystros gebildeten Ebene

die Höhen der vormals herrlich gewesenen Fürstin unter den Städten

Kleinasiens[99]: die trümmerreichen Hügel des griechisch-römischen und

apostolisch-christlichen Ephesus, und in noch weiterer Ferne zeigen

sich, wie ein stahlblaues Schild, die Gebirge von Samos. Die Freunde

warteten unser; wir giengen hinab zum Dörflein, das die Südostseite des

Felsenhügels halbmondförmig umschlingt[100].

Der Vorplatz des türkischen Kaffeehauses, wo wir unsre Reisegefährten

fanden, war nothdürftig gegen die Strahlen der Sonne geschützt;

ganz in der Nähe lud ein Brunnen, mit frischem laufenden Wasser den

Wandrer wie sein Thier zur Erquickung ein; dort am Wege steht ein

alter Sarkophag, daneben das Gemäuer des türkischen Todtenackers

mit einer kleinen Moschee, auf welche eine hohe, alte Platane ihre

Schatten wirft. Neben und aus dem Staube der Verwesung erhub eine

schöne Herbstamaryllis ihre goldfarbenen Blüthen. Ich ruhete da auf

den Steinen, welche unter den Sprüchen des Korans Namen der Todten

nannten und beschaute im Geiste das Bild der herrlichen Vergangenheit,

die sich einst da, eine Herrlichkeit des Herrn, über den Hügel und

sein Thal gelagert hatte, als noch das »Geheimniß Gottes« über den

Hütten der jugendlichen Gemeinde war. Hier bei dem jetzigen Ajasaluk,

das nur eine Vorstadt des griechisch-römischen Ephesus war, hatte

wahrscheinlich, wie einst in einer Vorstadt der alten Roma, das arme

Häuflein der Christusbekenner seine Wohnungen, wenigstens will die Sage

der griechischen Kirche, daß dort, an der westlichen Seite des Hügels

von Ajasaluk das Grab des heiligen Timotheus, in der St. Johanniskirche

jenes des Apostels Johannes gewesen sey, während die Grabstätten

der Maria Magdalena, so wie die der sieben Schläfer der Legende am

Abhange eines nachbarlichen Hügels, wahrscheinlich des Prion gezeigt

wurden[101]. So mag denn wohl auch da bei dem jetzigen Ajasaluk, in

der Stille der abgelegenen Hütte, Timotheus der »rechtschaffene« und

»liebe«[102] gewohnt haben, welcher der ersten Christengemeinde zu

Ephesus als Bischof vorstand und hier, als Blutzeuge seinen Lauf mit

Freuden endete; hier wohnte wahrscheinlich auch der Lieblingsjünger des

Herrn, welcher vor und nach seiner Verbannung auf Patmos längere Zeit

in Ephesus verweilt hat. Wandelte nicht vielleicht auch hier einstmal

mit ihm die Auserwählte der Frauen, welche der Mund des Herrn seinem

Jünger zur Mutter gab und welche dieser von Stund an zu sich nahm? In

der That jener Eifer der Ehrfurcht, mit welcher Justinian die Stelle

des ältesten, ehrwürdigen Christenkirchleins durch sein prächtiges

Marmorgebäude zierte, ist dem mitfühlenden Herzen sehr begreiflich. Der

arme, schnell vorüberziehende Pilgrim kann freilich über dieser Stätte,

auf welcher einst die Füße der Engel und Boten Gottes wandelten, keine

marmornen Denkmale errichten, er hat sich aber in den Stunden seines

Hierseyns ein Denkmal im Herzen erbaut, welches wohl auch länger

bestehen wird als das so bald vergehende Fleisch.

Am Nachmittag machten wir uns auf, die Ueberreste des alten Ephesus zu

besehen. Wir wendeten uns zuerst noch einmal seitwärts zu dem verödeten

Gebäude der großen Moschee, am Abhange des Hügels von Ajasaluk. Das

Zeichen des Kreuzes, welches ältere Reisende auf Grabsteinen in

oder bei dieser Moschee sahen und das noch jetzt an den Capitälern

einiger corinthischen Säulen im Vorsale bemerkt wird, so wie viele

andre Umstände machen es wahrscheinlich, daß hier die prachtvolle,

von Justinian erbaute Kirche des h. Johannes stund[103]. Der glänzend

weisse Marmor, aus welchem die Fronte der Moschee erbaut ist, so wie

manche der herrlichen Säulen und andre Baumaterialien in ihrem Innern,

erinnern an die vormalige Nachbarschaft des hochgepriesnen Tempels

der Diana, mit dessen Bestandtheilen Justinian so manches seiner

Prachtgebäude schmückte. Aus dem zerrissenen Getäfel des Marmorbodens

wächst nun Gras und Gesträuch hervor; die halberhabenen Arbeiten in

sarazenischem Stile an der Kiblaseite, dienen den Vögeln zum Ort der

Bergung.

Die Stätte des eigentlichen, von Lysimachus erbauten Ephesus ist von

Ajasaluk durch eine fruchtbare, von Wassergräben durchschnittene Flur

geschieden. Einst war die nun längst versandete und verschlämmte Bucht,

in welcher der Caystros mündete, dieß bezeugen die mit Steinpflaster

belegten und vormals zum Anlanden der Schiffe eingerichteten Molo's,

bis heran an die alte Stadt schiffbar; jetzt ist das Ufer des Meeres

durch das Anwachsen des von der Menschenhand vernachläßigten Landes

mehr als eine Stunde weit von der Stätte des ehemaligen Ephesus

zurückgedrängt und die Gemäuer seines Hafens liegen meist tief im Boden

verborgen. Die alte Städtefürstin hatte sich an den Bergen begründet,

welche die Ebene der Caystrosmündung gegen Süden begränzen; ein Theil

seiner Gebäude zog sich an dem rundlichen, fruchtbaren Berge Prion,

ein andrer am Corissus hinan. Bei den Ruinen eines mächtigen alten

Gebäudes, in dessen Bogenhallen, aus deren einer Wasser hervorquillt,

mehrere Hirten ihre Mittagsruhe hielten, stiegen wir den mit Trümmern

bedeckten Hügel hinan. Wir waren da bei den Ueberresten eines alten

Stadiums und bei den gewölbten Substruktionen ihrer einen, nach

der Ebene hingekehrten Seite, während die andre, entgegengesetzte

Seite sich an den Hügelabhang hinanlegt. Die Länge der eigentlichen

Rennbahn misset 625 Fuß, mithin ein gewöhnliches römisches Stadium;

die vormaligen Marmorsitze, die sich in vielen Reihen übereinander

erhuben, sind längst herausgebrochen, nur an der Fronte hat sich noch

ein Theil der Marmorstücke nebst einem Thorbogen erhalten. Wir giengen

weiterhin über die nun von Disteln und Dornen erfüllten Gassen der

alten Städtefürstin, besahen, dem Stadium gegenüber, auf der andern

Seite eine der alten Hauptstraßen; das Marmorbassin, in welches, wie

man vermuthet, die Quelle Calippia sich ergoß, dann den Marktplatz, vor

allem aber das Theater, welches nicht fern vom Stadium, an derselben

Seite des Berges Prion seine Stätte hatte und an welches ein Säulengang

angränzte. Zwar ist das Proscenium großentheils zerstört und seine

Marmorquader sind längst zu andern Bauwerken hinweggeholt worden; von

den Sitzen der Zuschauer ist jedoch ein Theil der Grundlage und an

beiden Seiten noch ein Rest der architektonischen Zierrathen geblieben.

In den Vorhallen dieses Gebäudes das einst selber der Augen Lust war

und immer neue Lust der Augen in seinem Innren versammlete, ruheten wir

eine Zeit lang. Wir gedachten jenes Augenblickes, da diese Räume von

dem tausendstimmigen Geschrei wiederhallten: »groß ist die Diana der

Epheser.« Hier gegenüber oder dort unten am Saume des alten Hafens war

der Tempel der großen Göttin erbaut, welcher einst ganz Asien und der

Weltkreis Gottesdienst erzeigte; der Tempel, der als eines der Wunder

der Welt geachtet war. Nun ist selbst die Stätte dieses Weltwunders

schwer zu bestimmen, und vor der Majestät der Göttin beuget sich längst

kein Kniee mehr; der einst verachtete Name aber, den in den Tagen

seines Fleisches Paulus bekannte, der ist zu einem Heil und Trost der

Völker geworden. Und, so sprach eine Stimme der Zuversicht in unsrem

Herzen, die bald auch auf die Lippen trat, er wird dies bleiben. -- Der

Wind aus dem vorüberziehenden Gewölk wehete in die zerrissenen Mauern

des zerstörten Schauplatzes herein; es war als vernähme man von den

Marmorstufen her ein leises, aber dennoch tausendstimmiges »Amen.«

Jenseit des Theaters kommt man in ein Thal, welches sich zwischen dem

Prion und dem Corissus hinziehet. Am Prion sieht man stellenweise jene

Felsart anstehen, durch welche dieser Berg für Ephesus ein so reiches

Geschenk wurde: den schönen, weißen Marmor. Nicht fern vom Theater,

auch am Abhange des Prion, finden sich in jenem Thale die Ueberreste

des Odeons; da wo das Thal allmählig sich erweitert und zur Ebene

hinabsenkt die Reste des gewesenen Gymnasiums, mit einigen Bruchstücken

von großen Statuen. An einer andern Seite der alten Stadt sieht man das

ziemlich wohlerhaltne Bauwerk eines römischen Tempels.

Was nun die Reste des gewesenen Wunderwerkes der Welt: des Dianatempels

betrifft, an dessen Vollendung zwei Jahrhunderte gearbeitet hatten,

so möchte ich nicht mit voller Gewißheit entscheiden, ob das seine

wirkliche Stätte war, die unser kenntnißreicher Führer, Herr

~Brown~ mit mehreren der frühern Forscher, dafür hielt und als

solche uns zeigte. Allerdings war diese Stätte, auf einem nur wenig

erhöhten Grunde, ganz nahe an dem alten, jetzt mit Moorerde und Kies

erfüllten Hafen, so daß die Fronte von weißem Marmor, wie die Alten es

uns beschreiben, dem Schiffer schon aus weiter Ferne ins Auge leuchten

konnte, auch lassen die zerbrochenen Säulen von Porphyr, die Trümmer

von Serpentin und mancherlei Bruchstücke architektonischer Prachtwerke,

zusammen mit dem mächtigen Umfang, den das hier stehende Gebäude

eingenommen haben muß, und seinen riesenhaften Substruktionen, auf die

ehemalige Herrlichkeit desselben schließen. Ein Bedenken gegen die

Annahme, daß hier der Tempel der großen Göttin stund, erregt nur jener

eine Umstand, daß die Stätte, gegen die noch vorhandne Aussage des

Alterthums, zu nahe bei dem Theater und der Mitte der von Lysimachus

erbauten Stadt gewesen wäre. Vielleicht dann, daß die eigentliche

Baustelle des vom Angesicht der Welt entschwundenen »Weltwunders«

weiter hinab nach dem Meer war und daß seine Reste, mit manchen andren

Herrlichkeiten der alten Kunst, tief unter dem angeschwemmten Lande

vergraben liegen. War doch ohnehin schon der Tempel, auch da er noch

frei vor den Augen der noch lebenden Geschlechter dastund, seiner

schönsten Zierden beraubt worden, denn an wie viele Orte, in die

Kirchen und Palläste der Christen wie in die Moscheen der Moslimen,

sind seine herrlichen Säulen und architektonischen Prachtwerke

gewandert. Mehrere der Säulen, in frühester Zeit, kamen in die

Kirche des heiligen Grabes zu Jerusalem, acht der schönsten in die

Sophienkirche nach Constantinopel, zwei Säulen, wie man sagt, aus dem

Ephesinischen Wundergebäude, zieren selbst die Domkirche zu Pisa.

Was dann zurückblieb auf dem alten, jetzt mit Cardobenediktendisteln

und Dornen bewachsnen Boden, der einst so auserlesene Blüthen und

Früchte der Kunst getragen, das sind etwa solche Trümmer von Säulen,

welche die Hand der späteren Zerstörer als unbrauchbar liegen lassen.

Wir aber stehen vergeblich sinnend über den Namen, womit die Stimme

der Vergangenheit das Bauwerk, welches diese Säulen trugen, benannt

hat, denn zwischen ihr und uns hat sich ein Strom der barbarischen

Verheerungen ergossen, dessen lautes Brausen Denen, welche diesseits

stehen, die Stimme jener, die am andern Ufer sind, unvernehmbar machet.

Der Strom, der hier vorüberrauschte, war oft von Schlamm, öfter aber

noch und furchtbarer durch Blut getrübt; seine Wogen untergruben den

Grund, nicht nur des äußren Bestehens, sondern des innren, geistigen

Lebens der einst so herrlichen, reichbegabten Stadt. Denn der Grund der

»ersten Liebe,« welchen die ältesten Bischöfe und Engel der Gemeinde

zu Ephesus: Timotheus und Johannes der Evangelist[104] gelegt hatten,

mußte schon sehr untergraben und wankend seyn, als bei der hiesigen

Kirchenversammlung im Jahr 431 Nestorius und Cyrillus über die geeinte

oder gezweite Natur Dessen im heftigen Kampfe sich entzweiten, dessen

Wesen nicht von der Natur jener Vernunft ist, welche nur zu theilen

vermag, sondern näher verwandt dem Glauben, der in ungetheilter Kraft

das aufnimmt und genießt, was ihm aus dem Quell des Lebens kommt.

Nicht der Geist der Liebe oder des Glaubens war es, der dem Dioskuros

bei der berüchtigten Ephesinischen Räubersynode vom Jahr 449 es

eingab durch bewaffnete Mönche und Soldaten die Gegner seiner Meinung

zur Einstimmung zu zwingen und den edleren Flavianus mit Schlägen

zu mißhandeln. Die prachtvollen Kirchen und Denkmale der Apostel,

welche, ein Jahrhundert hernach Justinian hier erbaute, konnten den

fliehenden Geist des Lebens in ihren Gemäuer nicht umschließen und

festhalten; Ephesus war zu einem dürren Feld der Aehren geworden, deren

Fruchtkörner die Vögel hinweggetragen hatten, als im ersten Jahrzehend

des 14ten Jahrhunderts (um 1307) die Macht der Osmanen geführt von

Saisan, verheerend wie ein Feuer der Hirten, in seine Mauern einbrach

und kaum drei Menschenalter nachher (im Winter 1402 auf 1403) riß

der grausame Orkan, den Timur-Tamerlan[105] über Asien herbeiführte,

selbst die Asche und übrigen Stoppeln dieses Todtenfeldes hinweg. Denn

hier bei Ephesus hatte jener allgewaltige Chan der Tartaren, der 36

Jahre lang die Völker des Ostens zittern machte sein Lager; hier war

der Brennpunkt, in welchem alle die Strahlen seiner Mordfackeln sich

zusammendrängten und von wo aus sie immer von neuem sich entzündeten;

hier in der Nähe war der Schauplatz aller jener Gräuel, die dem Leben

der Völker an die Wurzel griffen, da sie Wald und junges Gebüsch,

Palläste, Tempel und Hütten, Thiere wie Menschen, die Letzteren ohne

Unterschied der Geschlechter, Lebensalter und selbst des Glaubens von

der Erde vertilgten[106]. So war das arme Ephesinische Feld der dürren

Stoppeln bis auf die Wurzel hinab ausgebrannt, da zog im Jahr 1419 wie

ein gespenstiger Schatten der räthselhafte Vater der osmanischen St.

Simonisten, Böreklüdsche Mustapha an der Stätte vorüber; der fanatisch

begeisterte Verkündiger jener neuen Lehre, welche Gemeinschaft aller

Güter (mit Ausnahme des Harems) und brüderliche Beachtung der Christen

gebot. Dieser, von den Seinen nur »Vater und Herr« (Dede Sultan)

genannt, wurde hier bei den Trümmern von Ephesus ans Kreuz genagelt und

Schaaren seiner Anhänger vor seinen Augen von den Osmanen geschlachtet;

Schaaren der schwärmerisch Verzückten, welche im Sterben ausriefen:

»Dede Sultan Irisch« d. h. »Vater Sultan laß uns zukommen« (dein

Reich). Dauerte doch selbst nach dem Tode des Böreklüdsche Mustapha der

Wahn unter seinen überlebenden Anhängern noch fort, der Vater Sultan

sey nicht wirklich gestorben; sein Freund, der christliche Anachorete

auf Chios, wie er vorher schon erzählt hatte, daß Mustapha jede Nacht,

trocknen Fußes über das Meer wandelnd, zum vertrauten Gespräche ihm

genaht sey, behauptete derselbe sey, nachdem er zum Schein sich

tödten lassen, zurückgekehrt nach Samos, zu den früheren Uebungen des

beschaulichen Lebens[107].

Wir hätten beim Nachhausereiten noch gerne die Ueberreste jener

kleinen, alten christlichen Kirche besucht, die sich unter den andern

Trümmern finden sollen, aber wir hatten uns so zwischen den Disteln

und Dornen verstrickt und zwischen den Gräben am Hügel verirrt, daß

wir nicht ohne Mühe den Ausgang nach der Ebene fanden, auf deren

Feldern Türken mit Bestellen des Ackers und dem Einbringen der Früchte

beschäftigt waren. Hier stunden wir noch einmal still und blickten nach

der Stätte des vormaligen »Wunders der Welt« zurück. Siehe dieß ist nun

das alte, einst so herrliche Ephesus, zu welchem (nach Apok. C. 2.)

»der, so da hält die sieben Sterne in seiner Rechten und wandelt mitten

unter den sieben goldenen Leuchtern« einst sagte: »Ich weiß deine

Arbeit, und deine Geduld, und daß du die Bösen nicht tragen kannst

-- -- und um meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde

geworden. Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest.

Gedenke wovon du gefallen bist und thue Buße, und thue die ersten

Werke. Wo aber nicht, werde ich dir kommen bald und deinen Leuchter

wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße thust.« -- Ja die »erste

Liebe« hatte vielleicht einst, hier unter den Augen des Jüngers, den

der Herr lieb hatte, in Ephesus geblüht wie an wenig Orten; sie war

aber bald nachher von ihrem geistigen Grunde entrückt worden und

gewichen; aus einer »Hasserin« zu einer Liebhaberin der Werke der

Nicolaiten geworden. Und wie ist nun das Wort so wahr geworden: der

Leuchter der Ephesinischen Christenkirche ist hinweggestoßen von seiner

Stätte. -- Wir lernten einen einzigen griechischen Christen in dieser

Gegend kennen, einen Hirten, der zu unsrem Kaffeehaus kam und bei uns

bettelte. Wenige andre Christenfamilien leben noch in den armen Hütten

des Gebirges verstreut, etwas mehrere in dem etliche Stunden entfernten

~Kirkinge~; Ajasaluk, wie die ganze Stätte des alten und neuen

Ephesus, ist von Mohammeds Jüngern bewohnt.

War jener Hirt, welchen wir da beim Kaffeehaus trafen (seinem Aussehen

nach hätte ich ihm und seines Gleichen nicht gern im einsamen Felde

begegnen mögen) vielleicht derselbe? von welchem man in Smyrna

erzählt[108], was ich hier kurz nacherzählen will. Einige reisende

Engländer, von einem heftigen Regenguß überfallen, hatten, auf Anrathen

des Wirthes im Kaffeehaus von dem kleinen Haus eines Türken Besitz

genommen, welches eben leer stund, weil der Eigenthümer desselben

verreist war. Der Regen war so anhaltend und so stark, die Ebene so

überschwemmt, daß sie auch am andern und dritten Tage noch nicht

weiter reisen konnten; sie fiengen an Mangel zu leiden. Da werden

sie mit einem alten, griechischen Hirten Handels einig um ein Lamm

seiner Heerde, das dieser ihnen, freilich um ungewöhnlich hohen Preis,

ablassen will, statt des Lammes bringt derselbe aber eine alte, dürre

Schaafmutter, und da sie auf dem Lamm bestehen, das nun auch schon

ausgewählt worden, verlangt er noch um die Hälfte mehr als seine

anfängliche Forderung gewesen. Aus Noth geht man auch diesen erhöhten

Preis ein, da er aber die Fremden bereit sieht ihn zu bezahlen, nimmt

er das Lamm auf seine Schultern und erklärt, daß er es nicht anders

lassen wolle denn um mehr denn das Doppelte der Summe, über die man

anfangs einig geworden war. Der Mann mußte etwas von dem Verkauf

der sybillinischen Bücher gehört aber nicht recht verstanden haben.

Es gab indeß keinen Tarquinius unter diesen Franken, man ließ den

ungeschickten Nachahmer der Sybille seines Weges ziehen. Indeß, was

geschieht, während man so sitzt und überlegt, woher man etwas zu essen

bekommen könne, öffnet sich die Thüre, und der Türke, dem das Haus

gehörte, welches unsre Fremden, ohne seine Erlaubniß dazu abzuwarten,

in Besitz genommen hatten, tritt herein. Voll Verwundrung blickt er

die unerwarteten Gäste an, doch er grüßt sie mit dem Friedensgruße

»Salam« und bald spricht er auch das treuherzige Wort »Hosch gelde«

(ihr seyd mir willkommen) und nun glaubte man sich vor weitren

türkischen Anspielungen auf die Besitznahme der fremden Wohnung sicher.

Aber man hatte sich geirrt; der Türke geht hinaus aus der Hütte und

nach einiger Zeit kommt er wieder herein, mit einem großen, scharfen

Schlachtmesser in der einen, mit einem Lamme in der andern Hand. Das

Lamm wird geschlachtet, das Fleisch (mit Pillaw) zubereitet und nun

nöthigt der Türke mit jenem gutmüthigen Ungestüme, der diesem Volke,

so oft es Gastfreundschaft übt, eigen ist, seine Gäste zum Essen.

Da sie am andern Tage abreisen und dem Wirthe etwas für Wohnung und

Mahlzeit bezahlen wollen, sagt er: ihr seyd unter das Dach meines

Hauses gegangen und ich habe zu euch gesagt: »Hosch gelde« seyd mir

willkommen. Sollte ein Gläubiger von seinen Gästen Bezahlung nehmen?

-- Nur mit Mühe konnte man der wahrhaft dürftigen, in einem Nebenhause

wohnenden Familie des Mannes einige kleine Geschenke aufdringen.

Bei dem Vergleich des türkischen Landmannes mit dem christlichen

Hirten müssen wir uns in acht nehmen, daß wir über die hiesigen armen

Griechen, von denen freilich manche Züge ähnlicher Art wie der eben von

dem Hirten berichtete, erzählt werden, nicht zu hart urtheilen. Das

Elend, welches Jahrhunderte lang nagte und lastete, konnte wohl auch

den Stamm mancher edlen Gewächse zernagen. Ja, in der Finsterniß thut

der Pilgrim der Erde: der Mensch, immer unsichere, irrende Tritte, und

über der ephesinischen Christenheit, »deren Leuchter hinweg gestoßen

ward« lastet die Finsterniß schon lange. -- Der Mohammedaner ist ein

geistiger Polarländer, dem in seiner anhaltenden Nacht der wohlthätige

Mond ohne Aufhören scheint; der Christ gleichet dem Bewohner der

reichen Tropenländer, welchen, wenn die Sonne ihm entwich, die Nacht

plötzlich überfällt.

Statt eines kleinen Marmortrümmers, etwa vom vormaligen Stadium,

wollen wir auch noch zum Andenken an das alte Ephesus eine Lehre

des tiefdenkendsten unter allen seinen bekannt gewordenen Bürgern,

des Heraklit, mit uns nehmen: jene Lehre, daß das Sehnen (das innre

geistige) der Vater der Erfüllung, die Hoffnung die Mutter des Findens

sey. »Denn wer nicht verlangt wird nicht erlangen, wer nicht hoffet

wird nichts gewinnen.«

Das Nachtlager in den Hütten von Ajasaluk versprach, bei seiner

Unreinlichkeit noch weniger Nachtruhe als das von Jeniköi; das Schlafen

aber im Freien wurde bei jetziger Jahreszeit in der sumpfigen Niederung

dieser Gegend, für sehr ungesund gehalten. Nur unser fleißiger Maler,

welcher noch einige Punkte des alten Ephesus aufnehmen wollte[109],

beschloß deshalb, in Begleitung des einen Surutschuis die Nacht

hindurch bei dem Feuerheerd des Kaffeehauses zu schlafen oder auch

zu wachen; für die übrige Reisegesellschaft wurde es angemessener

befunden, noch an demselben Abend bei dem hellen Mondenschein nach

Jeniköi zurück zu reiten. Denn die prachtvollen Ruinen von Teos (jetzt

Bodrun), der Geburtsstadt des Anakreon, welche in reizend schöner

Umgebung gelegen, noch so wohlerhalten dasteht, weil sie seit den

Bedrückungen der Perser und der damaligen Auswanderung ihrer Bewohner

nach Thrazien fast ganz unbewohnt, mithin auch von den späteren

Barbarenhorden unzerstört geblieben ist, hofften wir noch bei andrer

Gelegenheit besuchen zu können.

Der Abend, im Thal des Kaystros, war noch festlich schön. Ein alter,

graubärtiger Turkomane, der uns begegnete und den ich begrüßt hatte,

wünschte mir, wie mir dieß ~Jusuff Effendi~ übersetzte, außer dem

gewöhnlichen Gruß des Friedens Gottes ewige Erbarmung. Und in der That,

es war Frieden im Herzen, so wie das Gefühl und Vertrauen daß Gottes

Gnade mit uns sey. Wir hatten lange genug Gelegenheit, die Wirkung der

hellen Mondbeleuchtung auf das Aussehen dieser schönen Nachbargegend

des Larissäischen Gefildes zu beobachten, denn unser Surutschui, der

des Weges nicht so kundig war wie sein älterer, bei unsrem Freunde

in Ephesus zurückgebliebener Gefährte, hatte sich ziemlich weithin

verirrt, so daß wir erst nahe vor Mitternacht Jeniköi erreichten.

Hier dauerte es ziemlich lange, bis das Zimmer unsers Turkomanischen

Wirthes, das schon andre Schläfer besetzt hielten, uns eingeräumt

werden konnte. Desto lieblicher war die Ruhe; denn die heutige große

Ermüdung ließ uns die Bisse der Insekten, die uns gestern gestört

hatten, nicht fühlen, obgleich dieses an Aegyptens Plagen erinnernde

Ungemach von einer Art war, daß das Sprichwort, dessen sich ~Jusuff

Effendi~ am andern Morgen, im Streit mit der zänkischen, ihn

verächtlich behandelnden Wirthin bediente, das Sprichwort: mein Bette

ist reiner als das deinige (d. h. ich bin vornehmer als du) auch in

seinem wörtlichsten Sinne als wahr erschien.

Der Tag war schon längst angebrochen, als wir aus unsrer Hütte

heraustraten. Der Himmel hatte sich getrübt; über den Gebirgen des

Mäandros und der Quellen des Kaystros stunden dichte Regenwolken,

welche wie die kühler gewordene Luft dieß vermuthen ließ, schon

angefangen hatten, einen Theil ihres Inhaltes zu ergießen. Am Abhange

des Hügels, an welchem sich hin und wieder die Platane zeigt, mit dem

breiten Dache ihrer Aeste, die nach unten von den Kameelen abgeweidet

sind und deshalb hier wie künstlich zugeschnitten aussehen, weideten

Kameelmütter mit ihren Jungen, hinter den Ruinen von Metropolis ertönte

die Rohrpfeife der Hirten, dazwischen die Töne kleiner Zugvögel,

welche vom Hochgebirge herkommend, mit dem vorüberziehenden Gewölk

nach der Ebene am Meere hinabeilten. Auch wir ungeflügelten Wandrer

und Fremdlinge machten uns zum Weiterzuge auf. Wir hatten unsren

diesmaligen Rückweg, geführt von unserm jüngeren Surutschui über eine

sehr wasserreiche Ebene gewählt, die, wenn der Regen uns auf ihr ereilt

hätte, schwerlich würde den Durchzug erlaubt haben; schon heute, wo

noch kein Regen den hier stauchenden Nebenfluß des Tartalu angeschwellt

hatte, war das Hindurchreiten durch sein tiefes, sumpfiges Bette sehr

schwierig. Wie manche Bauwerke der alten Zeit mag dieses angeschwemmte

Land verdecken, auf dessen erhöhteren Stellen jetzt nur die schwarzen

Zelte der Jurucken gesehen wurden, umschwärmt von der Schaar der

häßlichen Hunde, die an den Knochen eines gefallenen Kameeles nagten.

Bei Trianda kamen wir an dem ziemlich europäisch eingerichteten

Landhaus des Landesfürsten vorüber, und während wir abermals unter der

großen Platane am Ufer des Halesus ruheten, sahen wir ihn, den Fürsten

mit einer seiner Frauen, beide in europäisch-türkischer Kleidung

an uns vorüberreiten. Wir kamen gegen Abend, gerade noch vor dem

Regengewölk, das sich schon am Nachmittag in mächtigen Strömen auf den

Nachbarbergen, und am Abend, wie in der darauf folgenden Nacht auch in

der Ebene ergoß, wieder in dem gastfreundlichen Budscha an.

Reise nach Magnesia und Sardis.

Vor allen andren Sinnen des Leibes trägt der Geruch das Vermögen in

sich die Pforten zu dem fest verschlossenen Garten unsrer Erinnerungen

zu eröffnen und mit magnetischer Kraft das Andenken an das Vergangene

aus seiner Vergangenheit hervorzuziehen. Der Duft eines blühenden

Baumes oder eines Gewürzes, der Geruch einer Arznei oder andre Male

der eines im Feuer verbrennenden Stoffes weckt in uns nicht selten das

Andenken an ganze, vergessene Geschichten unsrer Kindheit auf; die

Erinnerungen selber, in ihrer unzerstörbaren Kraft der Wiedererzeugung

gleichen dem Duften des Moschus oder des Ambra, welches sich Jahre

lang fortsetzet, ohne daß der Stoff, von welchem es herkommt, dadurch

verzehrt wird; das Erinnern der Seele, in seinem höheren Maße,

erscheint verwandt dem Einhauchen der Gerüche durch den athmenden Leib.

Die Zeit meines Verweilens in Kleinasien war in solcher Beziehung für

mich der Aufenthalt in einem Garten voller Blumen und Gewürzkräuter;

das anmuthige Budscha war mir eine Laube, beschattet vom Gebüsch des

blühenden Je länger je lieber, und wo ich aus diesem Ruhesitze heraus

den Fuß hinstellte, zwischen die duftenden Beete, da weckte jeder Hauch

die innre Welt der Erinnerungen auf.

Auf einer Anhöhe, nahe bei Budscha öffnet sich die weitre Aussicht

nordwärts und ostwärts nach den Höhen des Sipylus und nach den

Gebirgen, welche das Gebiet des Hermos (Sarabat) begränzen. Wie sollte

es nicht vor allem nach dieser Gegend mich hingezogen haben, deren

Felsenwänden und Thälern die Geschichte der Natur wie der Völker das

Andenken an die Thaten Gottes und der Menschen so vielfach und so

reichlich eingeschrieben hat wie nur wenig andren Stellen der Erde.

Die Natur dieses ganzen Landes in und neben dem Thalgebiet des Hermos

erinnert eben so an die Lieblichkeiten eines Paradieses wie an die

Schrecknisse, welche den gewesenen Bewohner aus der Stätte des Friedens

verscheuchten, und an den leitenden Zug, der den Hinweggescheuchten

über Land und Meer zur neuen Heimath führte. Denn an das Land der

süßen Früchte und aller Fülle des Bodens, genährt von dem Gewässer

der goldreichen Flüsse, gränzet weiterhin das Gebiet des Lydischen

Brandfeldes (Katakekaumene) mit seinen erloschenen Vulkanen und seinem

vom Zornfeuer der Natur verschlackten Erdreich; bei Magnesia bezeuget

noch jetzt ein auffallendes Bewegen der Magnetnadel das Vorhandenseyn

jener attraktorischen Eisenmassen, welche dem beobachtenden Geiste

des Alterthumes ein Führer in das innerste Gebiet der Geheimnisse der

Natur, den späteren Zeiten ein Führer über Land und Meer wurden[110].

Wie oft hat in diesem Thale des Hermos der Mensch es erfahren, daß hier

in einem solchen Paradiesesgarten der Erde das Wohnen ein unsichres und

unstättes sey; das alte, so fest ans Land gewachsne Volk der Lydier,

sammt des Crösus Reichthum und Macht entwurzelte das Schwert des Cyrus;

die Hoheit der persischen Satrapen hauchte der Sturmwind des großen

Macedoniers vom Boden hinweg; der Herrschaft der Syrer machte das Reich

der Römer ein Ende; das was das Schwert der früheren Eroberer noch

nicht gefressen hatte, das vernichtete der große Schlächter und Würger

der Völker, Tamerlan; auf dem Felde der vielen älteren Todtenmahle

gräbt und erbaut sich jetzt das Volk der Osmanen seine Gräber. Und wenn

auch hier zuweilen die Stimme der Kriegstrommete und der tartarischen

Trommeln schwieg, wenn die Völker des Ostens sich zuriefen, es ist

Frieden, da erschütterten dieses Paradies der Erde die Schrecknisse

Gottes, die als Erdbeben kamen wie ein Dieb in der Nacht, so daß

die Ruhe der Sinnen, wenn sie, gleichwie Murad +II.+ in seinem

geliebten Magnesia that, so im Gefilde des Hermos heute ihre Hütten

aufschlug, schon morgen den flüchtigen Fuß erheben und weiter ziehen

mußte. Dieses Land hier spricht aber auch noch auf andre Weise von den

Lieblichkeiten des Innren, wie von den Schrecknissen der Pforten des

Paradieses; es ist noch in andrem Sinne die Fundgrube eines Magnetes,

der über die rauchenden Trümmer des Vergangenen hinweg zur Ruhe einer

künftigen Heimath hinleitet; über seinen Gefilden hat die Weckstimme

noch einer andern Trommete ertönt als die der Schlachten, eine Stimme

die auch noch jetzt fortwährend die Schläfer zu wecken vermag und

zu warnen vor der nahen Gefahr. Hier in dem Gebiet des Hermos und

dem benachbarten des Caicus hatten vier jener sieben asiatischen

Christengemeinden ihre Stätte, welche in der ältesten Geschichte der

Kirche als so bedeutungsvolle Denkzeichen dastehen und von denen wir

schon drei (Smyrna, Ephesus und Laodicea) vor der Erinnerung des Lesers

vorüberführten.

Jenes geheimnißvolle Buch, welches den hehren, bedeutungsvollen

Schlußstein der Bücher, die Offenbarungen Gottes bildet, jenes Buch,

dessen Kräfte des Himmels und der Ewigkeit sich jedesmal in den

Zeiten der größesten Trübsale und Verfolgungen der Kirche tröstend,

aufrichtend und neubelebend erwiesen haben: das Buch »der Offenbarung

Johannes« beginnt mit sieben Sendschreiben des Fürsten der Könige auf

Erden an die sieben Gemeinden in Asien. Diese sieben Gemeinden waren

zu ihrer Zeit und sind noch jetzt die sieben äußern Erscheinungsformen

oder Richtungen, in denen der Christenglaube, der Welt gegenüber,

sich darstellt; sie sind uns in den Sendschreiben beschrieben nach

jenen Gefahren, die im täglichen Kampf und Wechselverhältniß mit

dem feindlichen Element von außen, ihnen drohen, so wie zugleich

nach der Möglichkeit ihrer Verherrlichung durch die heilende Kraft

und den Lebensgeist von oben. Wie die sieben Grundgestalten und

Erscheinungsformen der natürlichen Dinge, können auch die sieben

Erscheinungsformen der Kirche Christi theils als gleichzeitig

~neben~ einander, theils als in der Zeit ~nach~ einander

hervortretend betrachtet werden. Es regt und bewegt sich jedoch keine

der sieben Grundkräfte, es leuchtet keiner der sieben Sterne ohne die

Mitwirkung der andern sechs; das Herz jedes Christen hat in seinem

Laufe auf Erden die Einwirkung und die eigenthümliche Natur aller der

sieben Grundrichtungen des Glaubens an sich zu erfahren, obgleich die

eine oder andre an jedem Einzelnen die vorherrschende wird und zuletzt

alle die andern in die erste: in die Grundrichtung der kindlichen

Liebe wieder zurückkehren und in ihr sich vollenden müssen. Jene

sieben Sendschreiben sind daher nicht bloß der gesammten Christenheit

auf Erden, sondern auch ihren einzelnen Gliedern zur Warnung, zur

Belehrung und innern Bekräftigung gegeben; sie sind zugleich, noch in

ihrem jetzigen Zustande ein Beweiß für die Wahrheit der Weissagungen,

welche der Geist über die Zukunft der sieben Asiatischen Gemeinden

aussprach. Darum darf der Erzähler einer Reise in Kleinasien wohl auf

eine Theilnahme seiner christlichen Leser rechnen, wenn er in einigen

schnell vorübergehenden Zügen einen Abriß der neusten, jetzigen

Geschichte jener Gemeinden entwirft.

Das dritte der Sendschreiben, deren erstes an Ephesus, das zweite

an Smyrna lautet, ist an den Engel (Bischof) der Gemeinde von

~Pergamos~ gerichtet. Das alte Pergamum, das sich noch jetzt

seinen Namen als ~Pergamo~ erhalten hat, liegt am Caicusfluße

(jetzt Mandragorai genannt) auf einem steilen, kegelförmigen Felsen,

der sich an den Pindasus anlehnt. Diese Stadt, von welcher das in

ihr erfundene oder zuerst im Großen als Schreibematerial angewendete

Pergament den Namen führt, war in alter Zeit eine berühmte Pflegerin

der Wissenschaften, denn während sie Lysimachus wegen ihrer großen

Festigkeit zum Verwahrungsort seiner Schätze gewählt hatte, machte

sie der König Eumenes zu einer Schatzkammer von andrer, höherer Art,

indem er hier jene kostbare Bibliothek anlegte, welche bis auf 200,000

Rollen anwuchs. Unter der Herrschaft der Römer ward sie die Hauptstadt

von Mysien; in ihr wurde Galenus geboren, einer der Väter der älteren

Arzneikunde, schon vor ihm der Redner Apollodorus, der Lehrer des

Kaiser Augustus. Noch jetzt haben sich in Pergamum bedeutende

Ueberreste der alten Herrlichkeit erhalten, vor allem die Gemäuer der

alten Burg der Herrscher, so wie einer meist unterirdisch verlaufenden

Wasserleitung, welche beide durch ihre riesenhaft massive und feste

Bauart allen Zerstörungen der Natur- und Menschenkräfte widerstanden

haben; in einem türkischen Badehause der Stadt findet sich eine

wunderschöne griechische Vase. Jene Kirche, in der vormals die Gebeine

des Antipas, des getreuen Zeugen, geruht haben sollen, führt jetzt den

Namen der h. Sophia; die große Kirche des Evangelisten (Theologen)

Johannes ist zu einer Schule geworden. Von dieser St. Johanneskirche

erzählen die jetzigen Bewohner der Stadt, selbst die Türken, mit einer

Art von ehrfurchtsvoller Scheu, daß man früher mehrmalen versucht habe,

ein Minare bei derselben aufzuführen, der Bau sey aber immer wieder auf

unvorherzusehende Weise zusammengestürzt. Die jetzige Christengemeinde

von Pergamo bestehet aus etwa 250 Seelen. Für den Eifer wie für die

äußere Vermögenheit dieser kleinen Gemeinde scheint der Umstand zu

zeugen, daß sie vor Kurzem (1836) den Bau einer neuen Kirche begann,

der nun wahrscheinlich vollendet ist. So ist über ihr das Wort der

Weissagung Dessen, »der das scharfe zweischneidige Schwert« zur Prüfung

der Menschenherzen hat, wahr geworden: das Wort das dieser Gemeinde

das Lob des Festhaltens an Seinen Namen giebt und welches zwar ein

besondres, göttliches Gericht über einige der Abtrünnigen unter ihren

Gliedern, nicht aber den Untergang des getreugebliebenen Häufleins

verkündet. Sie hat deshalb bis zu unsrer Zeit die Segnungen jenes guten

Zeugnisses zu genießen und die Kräfte jenes neuen Namens, den die

Treuen, die unter ihr waren, mit dem guten Zeugniß zugleich empfangen

haben.

Ostwärts von Pergamum, in dem nördlichsten Gebiet des alten

Lydiens findet sich ~Thyatira~, welches, ehe Lysimachus, der

Wiedererneuerer der Stadt ihr diesen Namen gab, Pelopia hieß, jetzt

aber den Namen ~Akhissar~, d. h. weißes Schloß, führet. Sie ist

eine Nachbarin jenes Brandfeldes (Katakekaumene), dessen Boden, wie wir

vorhin erwähnten, die deutlichen Spuren vulkanischer Schrecknisse an

sich trägt; das Alterthum rühmte die hohe Kunst ihrer Purpurwebereien

so wie die verfeinerten Sitten ihrer Bewohner. Noch jetzt bestehet in

Akhissar ein lebhafter Verkehr des Handels (besonders mit Baumwolle)

und der Gewerbe. Sie ist reichlich mit gutem Quellwasser versehen.

An die Gemeinde von Thyatira war das vierte der prophetischen

Sendschreiben gerichtet, welches bei all' seinem göttlich-richterlichen

Ernst Worte des Trostes und der Verheißung enthält. Denn, wie Der

sagt, dessen Blick durchdringend ist wie die läuternde Gluth der

Flamme, es bestund hier eine durch Werke und treuen Dienst lebendige

Liebe, Glauben, Geduld und ein Eifer, der immer mehr zu thun strebte,

darum, obgleich die falsche Duldung gegen das silenisch-somnambule

Prophetenthum der »Jesabel«[111] gerügt, und dieser Abtrünnigen wie

ihren Anhängern Strafe des Unterganges gedroht wird, schließt sich

dennoch dieser Drohung zugleich die Versichrung an, daß die Andren,

die solche Lehre nicht hatten, verschont bleiben sollten und das

aufmunternde Wort: festzuhalten, das was ihr Herz besaß. Und noch jetzt

hält Thyatira nach seinem Maße fest am Bekenntniß des großen Namens:

es lebt hier eine Christengemeinde, welche an Zahl der Seelen jene zu

Pergamus übertrifft und es bestehet eine christliche Schule, welche

in einem lobenswerthen, guten Zustand sich befindet. An die ältere,

vormals hier bestandene Gemeinde erinnert eine zur Moschee umgestaltete

Kirche, mit jener Gestalt der wie aus Seilen zusammengeschlungenen

Marmorsäulen, welche wir nachher bei einer ähnlichen alten Kirche in

Magnesia erwähnen wollen. Der selbst in seinen Trümmern noch von der

vormaligen Pracht zeigende Altar der Kirche ist verwüstet; eine uralte

Zypresse in der Nähe des entweiheten Gebäudes scheint die Stätte des

vormaligen Gottesackers der christlichen Stadt zu bezeichnen. Von

der Herrlichkeit des vorchristlichen, heidnischen Thyatira ist nur

ein kostbarer, sehr reich von der Kunst ausgestatteter Sarkophag als

Denkmal übrig geblieben.

Wir gehen nun zu der fünften der sieben Gemeinden, zu Sardis (jetzt

Sart) über, bei welcher wir etwas mehr verweilen, weil sie das Ziel

unsrer zweiten Reise in Kleinasien war.

Seit unsrer Rückkehr aus Ephesus war der Herbstregen in Strömen auf

das dürre Erdreich herabgestürzt; seine Ergüsse waren so heftig und so

reichlich, daß in der einen Nacht das Wasser selbst durch die Decken

des Hauses drang, welches wir in Budscha bewohnten, und daß am Sonntag

Morgen der Verkehr selbst des einen Nachbarhauses mit dem andern sehr

erschwert war. Während sich die Wolken in der Ebene als Regen ergossen,

hatten sie die Gipfel des Hochgebirges, namentlich die des Tmolus,

mit frischem Schnee bedeckt. Seitdem hatte die Natur des Landes eine

sehr merkliche Veränderung erfahren. Aus dem Erdreich sproßte ein

neues, junges Grün; neben dem genügsamen Kameel fand auch das längst

darnach schmachtende Hornvieh wieder die angemessene Weide; aus den

Zweigen der Zypressen wie der Gebüsche hörte man die bekannten Stimmen

auch unsrer Singvögel, vor allen die der heimathlichen Finkenarten,

welche vor der diesmal früher eingetretenen Kälte des Nordens wie der

Hochgebirge hieher, in die warme Ebene geflohen waren. Der heiße Wind

aus Südwest und Südost hatte seine Alleinherrschaft verloren; die Luft

war meist angenehm kühl geworden, obwohl sie noch immer abwechslend auf

einzelne Tage und Stunden ihre vorige Gluthhitze wieder bekam. Diese

vortheilhafte Aenderung erschien uns für die Ausführung unsres Planes

einer Reise in die nördlicheren Gegenden von Smyrna so günstig, daß

wir uns hinein in die Stadt begaben, um die nöthigen Vorbereitungen

zu treffen. Freilich steckte uns das nachmals unerfüllt gebliebene

Versprechen des Capitäns unsres zur Weiterreise erkohrenen Schiffes,

daß er schon in den ersten Tagen der nächsten Woche abreisen wolle,

für die Dauer der Reise sehr enge Gränzen, doch konnte wenigstens das

Gebiet von Magnesia und Sardis in dieser Zeit besucht werden.

* * * * *

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Erster Band · 第 8 / 12 题