Wir gehen von hinnen; denn diese ~Begräbnißstätte Murads~

+III.+ und seiner Söhne ist eine Denksäule des Brudermordes.

Hundert und zwei Kinder waren dem Sultan Murad geboren, von diesen

überlebten ihn 20 Söhne und 29 Töchter. Außer Mohammed +III.+, dem

Thronerben waren bei dem Tode des Vaters vier Söhne, schon erwachsen;

durch ihren Lehrer Newi aufs Sorgfältigste erzogen und gebildet,

unter ihnen der vielversprechende Prinz Mustapha. Sie alle, zugleich

mit den 15 noch unmündigen Brüdern, ließ Mohammed am Tage seiner

Thronbesteigung erwürgen; sieben Sclavinnen, noch vom verstorbenen

Sultan schwanger, wurden auf seinen Befehl im Meere ertränkt; bald

folgten den sämmtlich, einen Tag nach dem Begräbniß des Vaters hier

bestatteten 19 Brüdern noch andre, dem Sultan verdächtig gewordne

Verwandte, selbst seine eigene Mutter, gewaltsam hingerichtet, in die

Gruft; nach einer nicht ganz neunjährigen Regierung wurden auch die

Gebeine des Mörders zu denen der durch ihn Gemordeten gesammlet[60].

Die Würmer, welche sterben, möchten immer nagen; die Verwesung, die ein

langsames Verbrennen ist, möchte das arme Todtengebein verzehren, gäbe

es nicht einen andern Wurm, der niemals stirbt; ein Feuer, das niemals

verlöscht.

Der Tag fängt an heiß zu werden, der reinliche schöngeschmückte Laden

des ~Sorbetbereiters~ zieht das Auge wie den Geruch an; wir treten

hinein uns zu erquicken. Wie groß ist da die Mannichfaltigkeit der

lieblich kühlenden Getränke, der eingemachten Früchte und der Gelees.

Sorbet und Gelee aus Rosen von Brussa, aus Aprikosen von Damascus, aus

den Datteln Aegyptens, den Pandanusblüthen Arabiens, den Amomumwurzeln

Indiens; wohlriechende Wasser und Spezereien aus Yemen und Persien.

Dazu genießt man das treffliche Wasser des gegenüber liegenden

Brunnenhauses, von welchem ein fühlender Aushauch über die ganze

Nachbarschaft ausgehet.

Es bedarf hier keiner langen Ruhe; der Anblick des Neuen wirkt selber

wie Speise und Trank. Wir sind ja da auch ganz nahe ~am neuen

Serai~ und in wenig Minuten stehen wir vor seinem Hauptthore. Ehe

wir hineintreten, betrachten wir erst den von Achmed +III.+

erbauten ~Wasserthurm~, dessen oberer Theil an den Bau einer

chinesischen Pagode erinnert. Er ist im Ganzen von viereckigem Umriß;

statt der Ecken stellen sich aber zwischen den beiden Seitenflächen

noch vier schmälere ein, und diese Flächen enthalten auf lasurblauem

Grunde poëtische Lobschriften der Güte dieses Wassers. Einer

unserer Begleiter erzählte uns mit halblauter Stimme von jenen

Schreckensstunden, da hier, nach der Besiegung der aufrührerischen

Janitscharen, Haufen von abgehauenen Menschenköpfen zur Schau lagen.

Wir treten hinein in dieses Thor, dessen Halle vormals, in der Zeit

der byzantinischen Herrscher mit den auserlesensten Statüen, die

Decke und Wände mit den Mosaikbildern geziert waren, welche Belisars

Siege darstellten. Jetzt hat hier, statt der Götter und Helden die

türkische Thorwache der Kapidschi's ihren Sitz. Ein junger angehender

Offizier und ein Unteroffizier oder wohl auch Gemeiner ließen sich

bereitwillig finden, uns zuerst in den Garten, dann in die Höfe des

Serais zu begleiten. Wir traten durch das Gartenthor hinaus in das

Haus der Rosen oder Gülchane, wo die Pagen des Hofes alljährlich,

am dritten Tage des Bairams vor den Augen des Sultans in den Waffen

sich üben. Wir gehen hinab, neben dem Lusthaine der alten Zypressen

und jenseits desselben bis an die Mauern am Meere; bis zu dem

~neuen Köschk am Sommerharem~. Was kümmern uns die geschmacklos

eingerichteten, jetzt leer stehenden Käfiche der Frauen da neben uns;

oder das Theater für die Ballettänze, wo der Sultan auf der Bühne

sitzt, während die Schauspieler im Parterre ihre Kunststücke machen;

wir mögen das nicht sehen; wir weilen bei der Aussicht am Meere und

setzen uns dann in der Nähe des neuen Köschk bei einem gar wirthlich

für die besuchenden Fremden eingerichteten Hause, wo man uns Kaffee

und jene blasenden Instrumente reicht, welche, statt zu tönen nur

dampfen. Wie groß erscheint von hier aus das Serai mit seinen hohen

Mauern und Thurmzinnen. Ich glaube gerne, daß es mit den Gärten eine

Stunde im Umfange hat, und daß Raum für Tausende der Bewohner in ihm

ist. Hier nordwärts von uns ist das ~Kanonenthor~ des Serai's.

Steht da vielleicht jene Kanone, die bei nächtlicher Weile durch ihren

Donner den Bewohnern der Stadt es ankündigt, daß jetzt die gleich

weiterhin ans Kanonenthor angränzende, sonst immer verschlossene Pforte

~Odun Kapussi~ einmal wieder sich aufthue, nicht für Einen der

die liebliche Kühlung der Nacht in sich aufnehmen will, sondern für

Einen den jetzt die Nacht für immer in ihre Schatten aufnimmt: für

den Leichnam eines hingerichteten, durch die Anklage der Eunuchen

verdächtig gewordenen Weibes, oder eines gefallenen Günstlinges.

Wir kehren zurück zum ersten Hofe des Serais. Da links vom Haupteingang

durch den wir vorhin kamen, das jetzige Zeughaus, war einst, man

erkennt es noch am Baue, die ~Kirche der heiligen Irene~,

vor welcher, gegen die Sophienkirche hin jene silberne Statue der

Kaiserin Eudoxia stund, von welcher nicht in jene beiden nachbarlich

angränzende Kirchen allein, sondern durch alle Kirchen der Stadt eine

mächtige Bewegung ausgieng. Denn als ~Chrysostomus~ mit heiligem

Ernste gegen die heidnische Verehrung des Bildnisses predigte, da zog

ihm sein lautes Sprechen das Urtheil der Verbannung zu; der Kirche

des Landes aber innre Zerrüttung und Kämpfe. -- Hier der Brunnen am

Rasenplatze ist ein ~Ajasma~ oder ein Weihbrunnen, dessen Wasser

die Griechen an ihren Festen um ziemlich hohen Preis von der Thorwache

des Serais erkaufen. Dort weiterhin an der linken Seite des Hofes

ist die ~türkische Münze~ mit den Wohnungen des Münzdirectors,

des Stadthauptmannes, und des Cabinetssecretärs. Wir stunden da im

Schatten einer uralten, herrlichen Platane, während unser Dragoman im

Münzhause für uns neue türkische Piaster, Paras und etliche kleine

Goldmünzen einwechselte. Auf der rechten Seite des Hofes sind die

Kanzleien, die Bäckerei und die Wohnungen der niederen Dienerschaft.

Wir nähern uns nun der Seite die zum zweiten Hofe führt und ihrem

Thore, in dessen Halle so Mancher hineintrat, der nicht mehr aus ihr

herausgieng. Da rechts neben dem Thore ist der Eingang zum Marstall des

Serais (der eigentliche, größere Stall liegt am Meere); die Fontäne

vor dem Marstall des Serais ist nach ~Abla~, dem Beduinenmädchen

genannt, das der ritterliche Sarazene Antar liebte und besang; nicht

weit davon steht der große Mörser, welcher, so geht die Sage, sonst zum

Zerstampfen nicht von allerhand Wurzeln, sondern von allerhand Menschen

diente. Da, unmittelbar am Eingang zum Thore des zweiten Hofes ist der

Stein ~Binek-taschi~ d. h. Vortheil der Reitschule, an welchem die

fremden Gesandten und andre Standespersonen, Einheimische wie Fremde,

die sich des Sultans Majestät nähern wollen, absteigen müssen. Wir

treten jetzt hinein unter die Halle des Thores, die sich nach beiden

Seiten hin durch Thüren schließen läßt. Hier ist oder war wenigstens

sonst die Wohnung des Scharfrichters; hier geschahen auch meist die

Hinrichtungen der zu solchem Zweck hieher Geladenen, und hier mußten,

wenigstens sonst, nach der barbarischen Etikette des osmanischen

Hofes, die Gesandten der fremden Mächte so lange stehen, bis man sie

beim Sultan gemeldet. Doch war dies nur die vorläufige Meldung, die

eigentliche, wenn drinnen Alles bereit war, brachte der Großwessir in

dem blumenreichen Style des Orients unmittelbar vor dem Thore der

Glückseligkeit, d. h. vor dem Eingang zum dritten Hofe an. Die Herrn

Gesandten konnten es jetzt selber mit anhören, denn obgleich die

Ceremonienmeister, die vor ihnen Schritt vor Schritt vorausgiengen, den

Stock mit dem vergoldeten Knopfe immer laut auf das Pflaster aufstießen

und hierdurch ihr »bis hieher und nicht weiter« aussprachen konnte

man doch der Hauptmeldung ganz nahe beiwohnen. Diese lautete wörtlich

übersetzt dahin, daß der Großvessir bei dem Throne der Glückseligkeit

die Gnade nachsuchte, »daß der fremde Gesandte, nachdem er gespeist und

gekleidet worden, seine Stirne in dem Staube der Füße der sultanischen

Majestät abreiben dürfe«[61].

Wir bedurften dieser Anmeldung nicht; unsre beiden Kapidschi's, zu

denen sich noch, ohne unser Begehren ein Dritter und Vierter, damit

der Weg nicht ohne Leute sey, gesellt hatte, führten uns wohlbehalten

durch das unheimliche Mittelthor in den zweiten Hof hinein. Hier zeigen

sich drei gepflasterte Wege; der zur Rechten führt zu den neun Küchen

des Serai's; der zur Linken zum Diwan, in dessen beiden, mit Kuppeln

bedeckten Sälen der Reichsrath sich versammlet, welchem der Sultan,

so oft er will, in seiner vergitterten Loge ungesehen beiwohnen kann,

und neben dem Diwan sind die Sorbetbäckereien. Der zwischen beiden

die Mitte haltende, gerade, geht nach dem Thore der Glückseligkeit,

nach dem Eingang zum dritten Hofe hin. Hier halten gewöhnlich die

weißen und schwarzen Eunuchen Wache; uns ließ man, nach dem der junge,

türkische Offizier für uns gesprochen, hineintreten und hindurchgehen.

Die alte Porphyrsäule, außen, vor dem Thore der Glückseligkeit[62], so

wie die alten, vergoldeten Schilde, die in der Halle des Thores hängen,

erregten keine großen Erwartungen, und auch im Innren des dritten Hofes

ist nicht viel Besondres zu schauen; die alte sultanische Herrlichkeit

sieht ziemlich baufällig aus; die Gebäude des ~Harems~ und

des ~Schimschirlück~, oder des Prinzenkäfiches, worinnen seit

jenen Bruderkriegen die sich durch Roxelanes Ränke entspannen, alle

Prinzen bis zur Thronbesteigung wie gefangen gehalten wurden, so wie

alle die andren hier anstoßenden Theile des Kaiserpallastes lassen,

wenigstens von außen, nichts von dem Prunk ahnden, der in ihrem Innren

sich zeigen soll. Wir hielten uns auch mit ihrer Betrachtung nicht

auf, sondern wendeten uns sogleich nach dem reich vergoldeten und

bemahlten, marmornen, porzellanenen, buntsteinigen Audienzsaale, wo den

auswärtigen Gesandten nach der alten Sitte des Hofes vormals die Gnade

wiederfuhr, daß ihnen die beiden hierzu verordneten Ceremonienmeister,

die neben ihnen hergiengen, die Hände auf das Haupt legten, und dieses,

so tief sie wollten, zu einer Verbeugung gegen des Sultans Majestät

niederdrückten. Wir schauten neugierig durch die hellen Fenster des

Saales hinein, dessen Wände von allerhand glänzenden Dingen flimmerten.

Da man uns dieses so hingehen ließ, wollten wir auch in ein andres

schönes, buntes Lusthäuslein oder Gemach hineinblicken, da kam ein

alter, bartloser, vornehm gekleideter Türke, von der Seite, wo der

Eingang zum ~Harem~ ist, heraus und schalt auf Türkisch über uns

und unsre Kapidschis. Etliche von diesen, sammt dem Dragoman, traten

ganz erschrocken zurück, als wollten sie sich hinter uns verstecken,

nur der junge Offizier blieb bei uns in Reihe und Glied stehen, brummte

etwas in den Bart hinein, machte aber, sobald der alte Herr den ersten,

ziemlich langen Satz seiner Strafrede geendigt hatte, rechts umkehrt

euch mit uns und wir beeilten uns Alle, glücklich wieder aus dem Thor

der Glückseligkeit hinaus zu kommen.

Die neun Küchen, worinnen für den Sultan, für die Sultanin Kasseki und

Walide so wie für ihre Damen und Dienerinnen, für den Präfekten des

Serais, den Schatzmeister und andre Hofdiener, der tägliche Bedarf der

Tafeln zubereitet wird, schienen namentlich unsren Reisegefährtinnen

einer nähern Betrachtung werth, und da man uns den Eintritt anbot,

besuchten wir zunächst die Küche der Sultaninnen. Man setzte uns

hier eine große Schüssel vor, mit einem süßen Gebackenen, das noch

überdieß in Zucker geschmalzen war, wir mußten jedoch diese Gabe der

Gastfreundschaft stehend vor dem Küchentische verzehren und Messer,

Gabeln und Löffeln gab man uns auch nicht. Sobald wir Andren zulangten,

griffen unsre Kapidschi's auch sehr eilig mit uns in die Schüssel.

Vielleicht sollte uns dieses an jene alte türkische Hofsitte erinnern,

nach welcher, wenn fremde Gesandten und Herrschaften kamen, den

Janitscharen Schüsseln mit Pilau vor die Küche hingesetzt wurden, und

wenn dann die Soldaten recht munter auf die Schüsseln zusprangen und

Hand an die Speisen legten, so war das ein gutes Zeichen; ein Zeichen,

daß dieses so leicht aufzureizende Volk zufrieden und Alles ruhig und

sicher sey[63]. Da nun unsre Kapidschis so eilig mit ihren Händen in

die Schüsseln fuhren, konnte man dieß allerdings als ein Zeichen ihrer

Zufriedenheit und der öffentlichen Sicherheit betrachten; nur wäre

zu wünschen gewesen, daß diese fleißigen Hände sich mit Löffeln oder

Gabeln versehen hätten. Nach diesem türkischen Mahle der Süßigkeiten

zeigte man uns noch Alles was zu den Räumen und Geschäften der Küche

gehörte und wenigstens bei dem Türken, welcher, wie es schien, das

Geschäft eines Unteraufsehers der Küche begleitete, geschah dieß ohne

Eigennutz, denn unser Geschenk, das der Dragoman ihm anbot, wurde von

ihm ab- an die Dienerschaft der Küche gewiesen.

Mit einem Gefühl des Unheimlichen verweilten wir noch im Hinausgehen

einige Augenblicke beim Anblick des mittleren Hofes und der zu ihm

gehörigen Gebäude. Während den Zeiten des alten christlichen Byzanz

haben sich allerdings über diese Stätte vielfache Gräuel ergossen,

aber immer ward doch der im Innern der entarteten Herrscher wüthenden

Seuche durch die Furcht vor der Kraft oder vor dem äußern Ansehen

eines göttlichen Gesetzes noch Ziel und Damm gesteckt. Welche

Furcht konnte aber die einst hier hausenden Wütheriche unter den

mohammedanischen Herrschern bändigen, welche vom neuen Serai aus über

Stadt und Land Furcht und Entsetzen verbreiteten? Wer wollte es, unter

Murads +IV.+ Herrschaft nur wagen den Mauern dieser prunkvollen

Mordgrube sich zu nahen. Schoß doch der Tirann mit eigner Hand den

Sohn eines Pascha nieder, ließ er doch ein Boot, das von Weibern

erfüllt war, im offnen Meere versenken, weil sie unversehens den

Mauern des Serais zu nahe gekommenen waren; eine andre Gesellschaft

von Frauen, die auf einer Wiese mit Tanz und Gesang sich vergnügte,

wurde ertränkt, weil den Sultan der Ausdruck der Frölichkeit in Grimm

setzte; Hunderte der Mächtigen und zum Theil auch der Edlern des

Landes, welche des Sultans Befehl ins Serai zum Handkuße rief, endeten,

ehe sie das Thor der Glückseligkeit erreichten, unter der Hand des

Henkers. Nur in den letzten sieben Jahren seiner siebenzehnjährigen

Regierung, welche mit dem Mord der Brüder begann, wurden 50,000

Menschen auf Murads Befehl hingerichtet; als er selber schon mit den

Vorboten des Todes rang, befahl er die Hinrichtung des einzigen noch

lebenden Bruders und Thronerben der osmanischen Dynastie, Ibrahim, und

als man die (erdichtete) Nachricht von der Vollziehung des Urtheils

ihm brachte, erheiterte ein schadenfrohes Lächeln noch einmal sein

Gesicht, auf welchem man gleich vorher nur den Ausdruck der Schrecken

des Todes gesehen. Doch wie bald mögen, in vielfach vergrößertem Maaße

diese Schrecken zurückgekehrt seyn, dem Manne, welcher, so lange er

lebte, Allen, die um ihn seyn mußten, so zum Schrecken war, daß sie

kaum es wagten, in seiner Gegenwart anders als durch Zeichen der

Taubstummensprache zu reden und zu antworten. Und was hatte das arme

Land gewonnen als nun an die Stelle der Grausamkeiten des mordlustigen

Murad +IV.+ die Gräuel der Wollüste seines Bruders und Nachfolgers

Ibrahim traten und Verheerungen andrer Art über das Reich der Osmanen

ergoßen, welche nur als Mordthaten in andrer Form erschienen, bis mit

Ibrahims Hinrichtung (im Jahr 1648) die schmachvolle Herrscherzeit der

drei Söhne Achmeds und ihres blödsinnigen Oheims Mustapha endigte.

Wir traten jetzt wieder hinaus vor das Serai in die Straßen der Stadt.

Hier betrachteten wir die vormals sogenannte ~hohe Pforte~: den

~Pallast des Großwessirs~, worinnen dieser Audienzen ertheilt

und in welchem die wichtigsten Angelegenheiten des Reiches berathen

und besorgt werden. Allerdings konnte man das alte, vormalige Wohn-

und Geschäftshaus der osmanischen Großwessire, das in dem letzten,

großen Aufstand der Janitscharen großentheils in Trümmer fiel, als

die hohe, von den Seufzern des Elendes nur selten erreichbare Pforte

betrachten, durch deren geöffnete Thüren Schrecken und Kriegsgeschrei

weithin über Land und Meer ihren Auslauf nahmen, in welchem auch

mancher nicht bloß kräftige, sondern zugleich weise Wessir, wie der

Sokolli Mohammed Pascha, dann der greise Köprili und mehrere Andre das

wahre Wohl des Landes beachteten, aber diese allvermögenden türkischen

Minister selber, so sehr ihnen mit dem Thor der Glückseligkeit zugleich

der Weg zu allen irdischen Ehren und zu allem Glück der Sinnenwelt

eröffnet schien, waren dennoch deshalb keineswegs hierüber zu beneiden.

Unter dem Tyrannen Selim +I.+, dem Vater Suleimans des Großen,

der selbst diesen, seinen einzigen Sohn hätte hinrichten lassen, wenn

der kluge Bostandschi Pascha (nach S. 138.) die Gräuelthat nicht

verhindert hätte, war es eine seitdem lange in Gebrauch gebliebene

Verwünschungsformel der Türken geworden, zu dem Feinde oder Beleidiger

zu sagen: mögest du Sultan Selims Wessir seyn. Denn, wie dies der

osmanische Geschichtsschreiber Aali erzählt[64], die Wessire Sultan

Selims blieben oft kaum einen Monat im Amte, ohne der Hand des Henkers

überliefert zu werden, daher dieselben ihr Testament beständig bei sich

im Busen trugen, und, so oft sie wieder lebend von der Audienz des

Tyrannen herauskamen, das Leben als ein neugeschenktes betrachteten.

Da einmal der kräftige, kluge und in allen Geschäften gewandte, dabei

auch unbescholtene Großwessir Piribascha diesen »strengen« Herrn bei

besonders guter Laune traf, sprach er, halb im Scherze zu ihm: mein

Padischah, ich weiß, daß du mich zuletzt doch unter irgend einem

Vorwand umbringen wirst; könntest du mir nicht wenigstens einen freien

Tag zuvor schenken, an welchem ich meine Rechnungen mit dieser und

jener Welt in Ordnung bringen könnte? Der Großherr lachte über diese

freimüthige Bitte und antwortete: seit langem gehe ich wirklich mit

dem Gedanken um, dich hinrichten zu lassen, aber ich habe noch keinen

Andern, den ich an deine Stelle setzen könnte, sonst wäre es mir ein

Leichtes, dir deine Bitte zu erfüllen. -- Unter solchen Umständen,

die sich unter vielen der türkischen Sultane wiederholten, erschien

allerdings der Zugwind der vom Serai durch die hohe Pforte wehte als

eine schlimmere Ursache des Halswehes, denn der Zugwind unter den

Thüren der armen Bürgerhäuser.

Auf dem weitern Wege wurde uns an der Mauer des Serais der ~Köschk~

oder das Lusthaus gezeigt, hinter dessen Gitter-Jalousieen der

Großsultan den öffentlichen Aufzügen zusieht, ohne selber gesehen zu

werden. Durch manche der langen, krummen Gassen kamen wir zu der

modernen, fensterreichen ~Moschee Osmans~ +III.+ (vollendet im Jahr

1755), in deren Nähe das 14 eckige Bibliothekgebäude dem Auge auffällt.

Hier finden sich unter den 1693, meist geschriebenen Büchern selbst die

astronomischen Tafeln von Cassini in einer türkischen, die heiligen

Schriften der Christen in arabischer Uebersetzung[65]. Mehr jedoch als

die Betrachtung der Bücher zog unsre Begleiterinnen, und für diesmal

auch uns der ~Besestan~ oder große Markt zu seinen unter den bedeckten

Hallen hinlaufenden Kaufmannsläden hin. Hier ist Alles zu haben, was

an Kleidung, Zierrathen und Kostbarkeiten ein türkisches Herz sich

etwa wünschen mag. Wie prunkten da, in ganzen Reihen der Buden, die

kostbaren Kaschemir-Schawls; die gold- und perlengestickten Tücher,

Tabaksbeutel, Schleier, Kopfputzsachen, Schuhe und Pantoffeln. -- Mit

den eigentlichen Türken ist es gut handeln; sie sind im Ganzen ehrlich

und offen, legen kein zu hohes Aufgebot auf ihre Waaren, lassen sich

aber von der gebotenen Summe nur wenig abhandeln. Bei einer spätern

Gelegenheit sagte ein türkischer Fabrikant aus Magnesia zu jemand aus

unsrer Begleitung, der an einem seiner Teppiche Gefallen zu finden

schien: mich kostet er 60 Piaster, dir will ich ihn um 70 lassen, statt

daß unsre Fabrikanten öfters in solchen Fällen das Umgekehrte sagen.

Mit Freund Mühr gieng ich jetzt noch durch den ägyptischen Marktplatz

(+Missr-tschar schussi+), dessen Gewürze schon aus ziemlicher

Entfernung durch ihren starken Duft sich verriethen, hinab nach

dem Hafen, um in der Nähe desselben den einfach schönen, im Jahr

1775 erbauten ~Begräbnißplatz des Sultan Abdulhamidschan~ zu

betrachten. Er selbst der Großsultan, so wie seine beiden in den

Soldatenempörungen umgekommenen Söhne Selim +III.+ und Mustapha

+VI.+ sind hier beerdigt; wie bei vielen andern Begräbnißstätten

der verstorbenen osmanischen Herrscher, finden sich auch bei dieser

mehrere wohleingerichtete, fromme Stiftungen. Dem Grabmale gegenüber

zeigt sich eine reinliche und geräumige Armenküche, mit ihren großen,

glänzenden, metallenen Kesseln und Pfannen. Hier werden täglich, außer

den vielen Fleischspeisen und Pilau, 1200 Brode an die Dürftigen

vertheilt. Neben dem Hauptgebäude selber verdient noch das Gebäude

einer andern, wohlthätigen Stiftung die Aufmerksamkeit des Fremden:

das der Bibliothek des Abdulhamidschan, zu welcher auch Ausländer und

Nichttürken ungehinderten Zutritt haben. Hier, wie bei allen Grabmälern

der Großen sind einige Hymnensänger und Leser des Korans zur Erbauung

des Volkes angestellt.

Die Sonne stund noch hoch; der Abend war schön; wir nahmen beim

Gartenthor eine Barke und fuhren im Hafen hinab, nach der Seeseite

des Serai hin. Vor allem fällt an dieser der ~Indschuli Köschk~

oder das Perlenlusthaus, in seiner morgenländisch prächtigen Bauart

und mit seinen grünen, wie es scheint aus »lacedämonischem Marmor«

gehauenen Säulen ins Auge; weniger das Uferlusthaus oder der ~Jalli

Köschk~, von welchem der Sultan dem Aus- und Einfahren der Flotten,

sitzend auf silbernem Throne zusiehet. Heimkehrend nach Pera, nehmen

wir unsren Weg über die stattlich aussehende Vorstadt Tophana, welche

unter Pera am Ufer, neben Galata liegt. Doch von den Gebäuden und

andren Sehenswürdigkeiten dieser, wie der übrigen Vorstädte, wird

nachher noch besonders die Rede seyn, vor der Hand erwähne ich nur

noch einiger sonderbaren Ueberschriften der öffentlichen Bäder, auf

welche mein Freund und mehr noch Joseph von Hammer in seinem Werk über

die Hauptstadt und ihre Umgebungen mich aufmerksam machte[66]. Schon

durch diese Ueberschriften bestimmt sich fast jedes Bad für einen

besondern Stand, dessen Zugehörige sich auch wirklich an diesen Orten,

die zugleich der geselligen Unterhaltung dienen, zusammenfinden. So

giebt es, wenigstens besagen dieß die einladenden Inschriften, ein

eignes Bad für Gesetzgelehrte, eines für fromme und andächtige Männer,

ein andres für unschuldige und sittsame Leute, andre, besondre Bäder

sind für Sternkundige, für Dichter, für Maler, für Tonkünstler, für

Derwische, für Pferdeliebhaber bestimmt; in Akhaba sogar eines für

Mystiker und nicht weit davon eines für Vogelfänger. Aber außer diesen

wohl- oder doch nicht geradezu übellautenden Inschriften giebt es auch

andre, welche den, der ihre Züge zu enträthseln versteht, nicht sehr

zum Besuch des Bades einladen können. Denn man findet unter andrem

ein Bad für Solche, welche das Gebet nicht lieben, eines für +bons

vivans+, eines für Possenreisser, eines für Banditen, in Tophana

eines für Lügner. Freilich könnte da jeder Badende beim Eintritt in das

Haus voraus wissen, welche Gespräche hier unter den Gästen vorherrschen

werden; der Rechtsgelehrte wird sich dahin gesellen, wo von den

Rechtshändeln, der Pferdeliebhaber dahin, wo von den schönsten Pferden

der Stadt die Rede ist.

Wir gehen nun zu der kurzen Beschreibung einer zweiten Tagwanderung

durch Constantinopel über.

Donnerstags den 6ten October hatte sich ein erfrischender Herbstwind

aufgemacht, der uns hinüber über den Hafen nach der Stadt und einiger

ihrer nächsten Angränzungen begleitete. Wir waren diesmal zu Pferde;

unser Weg gieng an der Nordostseite von Constantinopel, zwischen

dem Hafen und den alten hohen Mauern der Stadt hinan. Er zog sich

großentheils durch enge, schlecht gepflasterte Gassen, in deren einer

die langen Reihen von Werkstätten der Steinmetzen Staub in Menge

verbreiteten. Von Zeit zu Zeit wird der von einem ortskundigen Führer

geleitete Reisende, auf diesem Landwege nach Ejub, dem sonst der Weg

zu Wasser vorzuziehen wäre, bald zur Rechten nach dem Hafen, bald

zur Linken gegen die Stadt zum Beschauen abgerufen. Ein Punkt, der

Beachtung werth, ist da am ~Petrion~ innerhalb dem Fanalthore oder

~Fener-Kapussi~ das Kirchen- und Wohngebäude des ~griechischen

Patriarchats~, zum heiligen Georg genannt. Die alte Kirche hat

vielleicht weniger wirklichen als historischen Kunstwerth. Unter

den Vorhallen zeigen sich bildliche Darstellungen der verschiedenen

Bleibstätten der Seligen, deren größere Menge in geistlichem Gewand der

Patriarchen, Bischöfe und Mönche erscheint; so wie die buntfarbigen

Schilderungen der verschieden Stufen der Höllenstrafen. Der Künstler,

verzichtend auf die Kenntlichkeit der Figuren, die der Pinsel gab,

hat sich hie und da durch Zusetzen der Namen geholfen, unter denen,

auf der feuerrothen Seite der Linken, oder der Verdammten, Julians,

des Abtrünnigen, so wie Maximinians Name zu lesen ist. Im Innren der

Kirche wird unter andrem der mit Perlenmutter ausgetäfelte Stuhl

des h. Joannes Chrysostomus gezeigt, worauf der Patriarch, an hohen

Festen seinen Sitz einnimmt. Diesem gegenüber stehen die mit Scharlach

aufgeschlagenen, durch ein weißes Kreuz und seit neuerer Zeit mit dem

russischen Adler verzierten Sitze der Fürsten der Moldau und Wallachey.

Nicht fern von dem Patriarchat des heiligen Georg, außerhalb dem

Fanalthor ist die Residenz und Kirche des Patriarchen von Jerusalem

so wie des Bischofs von Bethlehem. Immerhin macht das Hineinblicken

in diese alten, christlichen Kirchen, hier in dem mohammedanischen

Constantinopel auf den innren Sinn des christlichen Pilgrims einen

ähnlichen Eindruck als der ist, welchen der Anblick des frischen

Schnees der Alpen auf den äußren Sinn eines Wandrers macht, der sich

fern von jenen Höhen, mitten im dürren, heißen Sand der Wüste befindet.

Der Schnee ist wohl kalt und todt, aber es quillt aus seinem Schooße

doch lebendiges Wasser, hier aber in der brennend heißen Wüste erstirbt

die Seele den schmerzhaften Tod des Durstes.

Vor dem Hinaustreten aus dem Thore von ~Haiwan Hissari~ gegen

die ~Vorstadt der Töpfer~ hin, wenden wir uns zuerst noch zur

Betrachtung jenes Weihbrunnens (Ajasma), der wenigstens die Stätte

bezeichnet, bei welcher die während den Zeiten der byzantinischen

Herrschaft so hoch in Ehren gehaltene, zuerst von der Kaiserin

Pulcheria (457) erbaute, dann von vielen spätern Kaisern erweiterte und

verschönerte Kirche der Blachernen stund. Diese ist den Freunden der

altdeutschen Dichtkunst wegen einer Anspielung im Titurel merkwürdig,

denn in dieser Kirche war außer dem heiligen Schranke mit dem Gewand

der Mutter Gottes auch jenes Gnadenbild, dessen Schleier jeden Freitag

Abend wie durch unsichtbare Hände erhoben wurde und das Angesicht

des Bildes einen Tag lang unverhüllt sehen ließ, bis er am Sonnabend

bei der Vesper sich wieder herniederließ und die Gestalt 6 Tage lang

verhüllte. Nach der Kirche der Blachernen fanden jährlich mehrere Male

sehr feierliche Prozessionen statt, an denen der Kaiser mit seinem

ganzen Hofstaate theilnahm.

Weiterhin führt der Weg nach Ejub durch die Vorstadt der Töpfer.

Hier verweilt man gern bei der schönen, von Sinan dem Architekten

erbauten ~Moschee Sal Pascha~, um welche, wie Zellen der Bienen,

die Wohnstätten der Studirenden, die hier durch wohlthätige Stiftung

erhalten werden, herumgelagert sind. Vormals war da, wo diese Moschee

steht, ein Tempel des Jupiter; später die Kirche des heiligen Mamas;

nahe von hier zog sich die prachtvolle, von Leo dem Großen im Jahr

469 erbaute Brücke über den Meeresarm des Hafens hinüber. Eine der

beiden Fontänen, die sich in der Nähe dieser Moschee zeigen, wird

bedeutungsvoll durch ihren Erbauer, denn sie erinnert an den Großwessir

~Sokolli Mohammed Pascha~, der die Würde eines Großwessirs

40 Jahre lang unter der Regierung von drei Sultanen: Suleiman dem

Großen, Selim +II.+ und Murad +III.+ mit Verstand und Glück

bekleidete, bis er im Jahr 1599 durch Meuchelmord erlag und die so

ungewöhnlich lang getragene Ehrenstelle seinem Nachfolger einräumte.

Ejub, die lieblich zwischen den hochwüchsigen Zypressen, Platanen

und Ahornbäumen gelegne Vorstadt, hat für den Christen wie für den

Mohammedaner ein besonderes historisches Interesse. Hier, wo jetzt

die Sultanin Mutter (Walide) ihren Sommerpallast, nahe am Ufer des

Meeres bewohnt, stund das ~Kosmidion~ der Byzantiner, jenes Schloß

das nach den Namen der beiden heiligen Nothhelfer und sich selber

verläugnenden Krankenwärter Kosmas und Damianus benannt war. Es wurden

den Schutzheiligen dieser Kirche heilsame Wunderkräfte zugeschrieben,

welche selbst im Traum des Nachts, wie dieß einst im Tempel des

Aeskulap geschehen, der Seele sich kund thaten und durch sie über den

kranken Leib sich ergossen. Auf diese Weise ward Justinian der Große

von einer tödtlich scheinenden Krankheit, in welcher die Aerzte ihn

schon aufgaben, wieder geheilt und zur dankbaren Erinnerung daran

hatte dieser prachtliebende Kaiser die Kirche der heiligen Nothhelfer

nach größerem Maßstabe neu erbauen lassen. Vielleicht daß noch manches

der alten Grundgemäuer des vormaligen Kosmidion das sehenswerthe,

anmuthig gelegene Gebäu des ~Pallastes der Walide~ stützt; wäre

aber auch dieses nicht, so wird dieses Kosmidion in der Erinnerung des

abendländischen Reisenden, durch das Andenken eines Glaubenshelden:

des Gottfried von Bouillon gestützt, welcher auf seinem Kreuzzuge nach

Jerusalem mit seinen 70,000 Streitern zu Fuße und 10,000 Reutern hier

eine Zeit lang gelagert war. Damals erhielt das Kosmidion, weil Graf

Raimund in ihm wohnte, den Beinamen der Raimundsburg.

Nach dem Besehen des Pallastes der Walide, erquickten wir uns an der

in dieser Vorstadt ganz besonders guten, den Bewohnern der Hauptstadt

rühmlich bekannten geronnenen Milch (Kaimak). Ejub hat keine bedeckten

Hallen, sondern eine Reihe offner Kaufmannsläden. In einem von diesen

betrachtete ich die türkischen Spielsachen für Kinder. Wie arm erschien

mir da der Kreis der kindlichen Vorstellungen und Bedürfnisse gegen

jenen Kreis den in unsrem Vaterland eine Spielwaaren-Niederlage

überblicken lässet und umfasset. Nichts als hölzerne Pferde, Trommeln

und andre Lärm machende Dinge, Säbelchen, Flinten und Peitschen; für

die Mädchen falsche Schmucksachen und Dinge, die an die Kaffeevisiten

und die halb blödsinnigen Spiele des Harem erinnern. Wie verirrte

Zugvögel des Auslandes erschienen übrigens auch unter den neuen,

türkischen Spielsachen einige ziemlich altmodisch aussehende Nürnberger

Waaren, vor allem solche, bei denen da und dort ein kleiner Spiegel

angebracht war, auch kleine Messingwaaren, an denen die wohlbekannten

Zeichen unsrer vaterländischen Fabriken zu erkennen waren. Selbst die

(wohlfeileren) Arten des Porzellans sind hier häufig von deutschem

Ursprung.

Wir wandelten nun weiter nach dem Orte hin, der dem jetzigen Ejub seine

Hauptbedeutung in den Augen der osmanischen Bewohner der Hauptstadt

und des ganzen Landes giebt. Hier stehet, im Schatten der uralten,

hohen Platanen die Moschee des Ejub, die schon der Eroberer von

Constantinopel, Mohammed +II.+ begründete, und in welcher jeder

neue Herrscher der Osmanen gleich nach der Besteigung des Thrones,

durch die Umgürtung mit Mohammeds Schwert die höhere Weihe für seine

Regentenwürde empfängt. Sie gilt den Moslimen für eine der heiligsten

Gedenkstätten ihres Glaubens. Sie darf nie von einem Christen

oder Juden betreten werden; schon das bloße Hineinblicken auf den

ummauerten, mit Bäumen bepflanzten Platz, der den Vorhof umgiebt, wurde

uns von den Thorhütern verwiesen. Im Koran findet sich eine Stelle,

welche die Moslimen von Anfang an als eine untrügliche Weissagung ihres

Propheten betrachteten, und welche auch wirklich Jahrhunderte lang,

bis sie endlich in Erfüllung gieng, sich von wunderbar aufregender

Kraft an den Schaaren der eroberungssüchtigen, kriegslustigen Völker

des mohammedanischen Ostens erwies. Die Stelle, welche von der Zukunft

des Reiches des Islams und seiner Ausbreitung durch die Gewalt des

Schwertes handelt, schließt mit den politisch-prophetischen Worten:

»sie« (die Gläubigen des Islams) »werden Constantinopel erobern; wohl

dem Fürsten, dem jenesmaligen Fürsten, wohl dem Heere, dem jenesmaligen

Heere.« Im Vertrauen auf die unverbrüchliche Wahrheit dieser Weissagung

machte sich schon Moawia, der Feldherr Ali's, des Schwiegersohns des

Propheten, im 34. Jahre der Hedschira, dem 684ten nach Christi Geburt,

zum Kampfe gegen die Kaiserstadt des Ostens auf und wiederholte zum

zweiten Male, da er selber Khalif geworden war im Jahr 667, dann zum

dritten Male durch seinen Feldherrn Sosian Ben Auf im Jahre 672 die

Belagerung. Die Söhne der Wüste umlagerten damals, wie eine Wolke, die

von der Morgensonne geröthet, am künftigen Abend mit Ungewitter drohet,

die Stadt, deren Stunde noch nicht gekommen war. Für Mahoammeds Jünger

war dieses eine Zeit der ersten Begeisterung; mächtige, ritterliche

Waffenthaten wurden von ihnen geübt; dennoch wurde Constantinopel

noch gegen den furchtbar andrängenden Sturm gehalten. Bei dem Heere

der Moslimen fand sich auch ein für heilig geachteter, greiser Held:

~Ejub~ Chalad, ben Said Anssari, der den Propheten noch selber

gekannt und in den Kämpfen desselben seine Fahne getragen hatte.

Dieser älteste Streiter für den Islam fiel, im kühnen Kampfe mit den

Heeren der Stadt und wurde an der Stätte, wo nun seine Moschee stehet,

begraben. Das Grab war längst vergessen, da fand es, vielleicht

geleitet durch die Namenszüge des alten längstbemoosten Denksteines,

oder durch andre andeutende Zeichen ~Ak-Schem-Seddin~, einer

jener heiligen Scheikhs, welche fast 800 Jahre nach Ejubs Tode das

Heer des Eroberers der Stadt, Mahommeds +II.+ begleiteten, wieder

auf und diese (wenigstens angebliche) Entdeckung entflammte den schon

gesunkenen Muth der Belagerer von neuem zu so gewaltigen Waffenthaten,

daß bald hernach die bedrängte Stadt ihnen unterlag. Jene Weissagung.

»sie werden Constantinopel erobern; wohl dem Fürsten, dem jenesmaligen

Fürsten; wohl dem Heere, dem jenesmaligen Heere«, ließ dann der

Eroberer, durch den sie wirklich in Erfüllung gegangen war, mit

goldenen Buchstaben in die von ihm erbaute, schon oben erwähnte Moschee

schreiben.

* * * * *

Die Moschee von Ejub enthält außer dem Grabmal des alten Fahnenträgers

und Waffengefährten des Propheten auch noch ein Erinnerungszeichen

an diesen selber; nämlich einen Fußtapfen, welchen er, da er am Bau

der Kaaba mithalf, dem Felsenboden, auf welchem er stund, einprägte.

Von Mekka war dieser angebliche Fußtapfen nach Aegypten, von da,

bei Eroberung dieses Landes nach Constantinopel in den osmanischen

Herrscherschatz gekommen, bis ihn im Jahr 1705 der damalige

Schatzmeister Redschel-Pascha unter den andren alterthümlichen

Kostbarkeiten auffand, und der Sultan die kostbare Fußspur mit Silber

umfaßt in die Wand der Ejubs-Moschee einmauern ließ.

* * * * *

Diese Vorstadt ist seit den Zeiten der türkischen Eroberung zu einer

kleinen, für den Kenner der osmanischen Geschichte merkwürdigen

Gräberstadt geworden. Es gehörte zu den frommen Wünschen Aller durch

ihren Stand oder durch eine Art von geistliches und wissenschaftliches

Verdienst hierzu berechtigten Moslimen der Hauptstadt, da, bei den

Gebeinen des Freundes ihres Propheten begraben zu werden. Darum sieht

man hier, als ein Prachtwerk des großen Baukünstlers Sinan, das

Grabmal des oben (S. 196) erwähnten glücklichen Großwessirs Suleimans

und seiner beiden Nachfolger: des ~Sokolli Mohammed Pascha~,

des Eroberers von Szigeth, so wie das von demselben Meister erbaute,

kleinere, des Wessirs ~Pertew Pascha~, welcher in derselben

Stunde, in welcher Suleiman vor Szigeth starb, die ungarische

Gränzfestung Giula einnahm. Auch das Grabmal des Wessirs ~Ferhad

Pascha~, nahe am Landungsplatze des Meeresarmes ist Sinans Werk.

Wenn diese Grabstätten schon durch den werkereichsten und berühmtesten

Architekten, den Michel Angelo der Osmanen, beachtenswerth erscheinen,

so sind dieß Andre wenigstens durch das Andenken an die ausgezeichneten

Männer, deren Gebeine sie beschatten. Denn unter den Hunderten der

andern berühmten Männer ruhen hier bei Ejub der große Gesetzgelehrte

und Rathgeber Suleimans ~Ebn-Suud~; der gelehrte Koranforscher

und Prinzenlehrer ~Achmed Effendi~; dann ~Seadeddin~ oder

~Chodscha Effendi~, der vornehmste unter den Geschichtsschreibern

der Osmanen, so wie die Dichter ~Ghanaji~ und ~Baba Mahmud~.

Zu den meisten dieser Grabstätten und in das Innre der sie umringenden

Gärten, gestattete man uns ohne Schwierigkeit den Zutritt; von

andern, namentlich jenen der Stifter oder gewesener Vorstände mancher

Derwischorden, wieß man uns zurück.

Die Umgegend von Ejub gehört zu den reizendsten, welche die

Nachbarschaft von Constantinopel dem Reisenden darbietet. Die Menge

der Zypressenhaine, die Quellen in den kleinen schattigen Thälern,

vor allem aber die paradiesisch-schönen Ufergegenden am Einfluß des

Barbyses in den Cydaris, bei dem durch Achmed +III.+ durch viele

neue Anlagen gezierten Dorfe ~Alibeg-köi~ und noch mehr der

Lustort ~der süßen Wasser~ (von den Türken Kiagdschane genannt),

welcher weiter hineinwärts gegen das Ende des Hafens liegt, in welches

der Barbyses und Cydaris münden, wären eines Verweilens, nicht nur von

etlichen Stunden, sondern von ganzen Tagen werth. Die Pflanzenwelt

dieses reichen Landes wird hier in einer Fülle und Farbenpracht

gesehen, zu welcher sie in unsern Treibhäusern und Lustgärten sich

niemals erhebt. Doch wir hatten an diesem Tage noch Vieles zu sehen;

wir kehrten deshalb wieder zurück zu der Vorstadt der Töpfer, und

zogen, an der Gegend der türkischen Grabstätten vorüber, den Hügel

hinan, zu dem nicht weit vom Kanonen-Thore (~Egri Kapu~) der

Hauptstadt gelegenem ~Pallast des Hebdomon~, dessen alte Gemäuer

noch jetzt mit ihren drei Stockwerken ziemlich wohlerhalten dastehen.

Schon Constantin der Große hatte diesen Pallast erbaut; hier lebte

später jene der himmlischen Weisheit vertraute kaiserliche Jungfrau

Pulcheria, die unter allen Perlen, welche in der reichen Schatzkammer

des Pallastes aufgehäuft lagen, selber die kostbarste Perle des Landes

war; hier hatte der Philosoph Leo seine Schule; hier wohnte selbst

der prachtliebende Justinian. Noch unter der Regierung des Kaiser

Theophilus (im J. 830) fanden sich unter den vielen, werthvollen

Schätzen dieses Pallastes die weltberühmten fünf goldnen Thürme, bei

ihnen jener goldne Baum, auf dessen Zweigen künstliche, goldne Vögel

tönten; die beiden goldnen, reich mit Edelsteinen verzierten Orgeln;

dann unter andern Reliquien das Haupt Johannis des Täufers. -- Durch

die Hütten der armen Leute (es waren Juden), die sich anjetzt wie

Dohlen in und an das Gemäuer des vormaligen Kaiserpallastes angebaut

haben, stiegen wir hinan zum zweiten Stockwerk, das sieben Fenster und

eben so viele Bogengewölbe hat. An der Rückseite dieses Stockwerkes

sieht man noch den Erker, mit der weiten, herrlichen Aussicht, zunächst

freilich über die armenischen und türkischen Gräberstätten, dann

aber weit über das Land und zur Rechten über die Zypressenhaine und

grünenden Ufer bei Ejub. Hier stund der Thron der vormals hier Hof

haltenden byzantinischen Kaiser. -- Hier unten, auf dem angränzenden,

jetzt mit dem Schutt der niedergestürzten Mauern bedeckten und mit Gras

wie Gesträuch bewachsnen, äußeren Vorplatz des gewesenen Pallastes

fand unter Mohammeds +II.+ Regierung ein spielendes Kind den

schönsten und größesten Demant des osmanischen Schatzes. Vermuthlich

war dieß derselbe Demant, der im 22sten Jahre der Regierung des Kaisers

Justinian, bei einem öffentlichen Aufzuge aus dem Throngeschmeide

dieses reichen Fürsten verloren gegangen war. -- Die byzantinischen

Herrscher hatten noch andre, kostbarere Gaben, die ihnen anvertraut

gewesen, verloren; möge eine künftige, glücklichere Zeit dieses Landes

sie wieder auffinden und sie besser benutzen als Jene dieß gethan.

Von dem alten Pallast des Hebdomon oder Tekir-Serai ritten wir weiter

am Innren der Stadtmauer hin, bis zum ~Adrianopelthore~ oder

~Edrene Kapussi~. Dieses Thor führte in der Zeit der Byzantiner

den Namen des vielmännrigen (polyandros). Diesen Namen: Thor

des Männergedränges empfieng es unter der Regierung des jüngeren

Theodosius. Denn als ein furchtbares Erdbeben im 31sten Regierungsjahre

dieses Kaisers die Mauern der Stadt, sowohl die alten, welche 100 Jahre

vorher Constantin der Große, als auch die neuen, welche Anthemius

während der Minderjährigkeit des jüngeren Theodosius errichtete,

niedergestürzt hatte, und der Kaiser den damaligen Präfekten der Stadt,

Cyrus-Constantinus genannt, Befehl gab, die zertrümmerten Werke neu

zu erbauen, da wollte dieser, wie vor ihm Anthemius in zwei Monaten

die riesenhafte Aufgabe vollenden, obgleich ihm nicht wie diesem

die Einrichtung nur einzelner, großer Stücke, sondern der gesammten

Stadtmauern oblag. Hierzu setzte er als den wirksamsten Hebel den

Wetteifer, der beständig unter einander ehrsüchtig sich aufreizenden

Rennpartheien in Bewegung, denn während die Grünen oder die Prasiner

am Hafen bei dem hölzernen Thore (Xyloporta), in der Gegend, durch

welche heutigen Tages der Weg von der Stadt nach Ejub führet, bis

hieher ans Adrianopelthor die Mauern baueten, hatten die Blauen oder

Veneter die Aufgabe, die Strecke vom goldnen Thore, gegen den Propontis

hin, bis zum Adrianopelthor zu erneuern. Bei diesem, in der Mitte der

beiden Strecken gelegnen Thore, begegneten sich dann beim Hinein- und

Herausgehen die Arbeiter der beiden Partheien und machten hierdurch

dasselbe wirklich zu einem Punkte des lebhaftesten Volksgedränges.

Wir wendeten uns vom Thore einwärts, um einige in der Nachbarschaft

desselben gelegne Merkwürdigkeiten zu betrachten. Die zunächst liegende

ist jene große, schöne Moschee, ganz nahe beim Thore, welche die

Sultanin Mihrmah oder Sonnenmond, die Tochter Suleimans des Großen

und der Roxelane zugleich mit einer andren nach ihrem Namen genannten

in Skutari, wie man erzählt, von dem Werthe eines einzigen ihrer

Pantoffeln erbauen ließ. Ein Bad und ein Markt, so wie die von hohen

Platanen beschatteten Wohnungen der Studirenden, im Vorhof der Moschee,

sind die wichtigsten Nebengebäude von dieser. Von hier an, wie an

mehreren Punkten des nach der Landseite hingekehrten Theiles der Stadt,

den wir heute besuchten, kamen wir durch so vereinsamte, menschenleere

Gassen und vorüber an so armseligen Hütten, daß es schien als hätten

die Bewohner ihren alten Grund und Boden den verwilderten Hunden, die

hier in ganzen Schaaren hausten, das verfallene Dach aber der vormals

bedeckten Hallen den Fledermäusen und Spatzen zur Wohnung überlassen.

Ich habe in keiner andren auf dieser Reise gesehenen Stadt des

türkischen Reiches so menschenleere Plätze gesehen, als stellenweise

die Hauptstadt in sich fasset, welche hierin mit der lebendig bewegten,

überall reich bewohnten, wohlgebauten Hauptstadt Aegyptens, mit Cairo,

einen auffallenden Contrast bildet. Unser Abweg führte uns unter andrem

zu der Moschee ~Kahrije Dschamissi~, vormals eine von Justinian

erbaute Kirche, in welcher das, wie man glaubte, vom h. Apostel Lucas

gemalte Bildniß der Mutter Gottes Hodegedria (Wegweiserin) genannt,

aufbewahrt wurde, welches die Türken, bei der Eroberung der Stadt in

4 Stücken zerhieben. Wir sahen dann einige jener osmanischen Gebäude,

welche die Ohnmacht der letzten byzantinischen Herrscher noch vor der

Eroberung der Stadt von ihren Drängern sich aufzwingen ließen. An einer

Stelle, welche wieder besser gebaut und besser bevölkert erschien,

begegnete uns ein armenischer Hochzeitzug; anderwärts eine Reihe

beladener Lastthiere der Holzverkäufer.

Wir hatten uns auf die Höhe des fünften Hügels der Stadt, zur

~Moschee des Sultan Selims~ +I.+, des gestrengen Vaters des

großen Suleiman hingelenkt, welche in den Jahren 1520 bis 26 erbaut

ist. In den Hallen des mit Marmor gepflasterten Vorhofes prangen 20

Säulen aus kostbarem Granit und vielfarbigem Marmor, zwischen hohen

Zypressen spielt das Wasser einer Fontäne und auch außerhalb dem

Vorhofe geben zwei unterirdische Springbrunnen, zu denen 52 Stufen

hinabführen, eine größere Menge von Wasser als die hier nachbarlich

angränzenden Bewohner des Stadttheiles bedürfen. Die Kuppel dieser,

nicht sonderlich hoch erscheinenden Moschee soll im Durchmesser noch um

eine Spanne größer seyn als die Kuppel der Aja Sophia. -- Nicht fern

von der Selimsmoschee sieht man auch eine jener alten Cisternen, an

denen das alte Byzanz so überreich war, bis Kaiser Heraklius, nachdem

sein Hofastrolog Stephanus ihm geweissagt hatte, er werde im Wasser

umkommen, die meisten derselben austrocknen und zu Gärten machen ließ.

Die bei der Selimsmoschee gelegne ~Cisterne des h. Petrus~ hatte

der Kaiser Manuel Comnenus begründet; sie ist im Viereck gebaut und

jede der Seiten misset 460 Fuß, die Dicke der Mauern beträgt sechszehn

Fuß; sie ragen heutiges Tages etwa nur noch sechs Fuß über den Schutt

und die Ausfüllungsmasse des Innren hervor, welches einst, da es noch

unverschüttet war, über 6 Millionen Cubikfuß Wasser fassen konnte.

Wir kehrten wieder nach der Gegend des Adrianopelthores zurück. Von

diesem gen Süden, da wo der Lykus, der sich uns nur als armseliges

Bächlein zeigte, herein in die Stadt fließt, kommt man durch das

Quartier der Zigeuner, deren weit verbreitete Schaaren, hier, in der

Hauptstadt der Türkei, einen ihrer wichtigsten Halt- und Mittelpunkte

haben. Wie ein Schwarm von krächzenden Krähen und Todtenvögeln, hat

sich dieses, in seinem ganzen Wesen räthselhafte Volk hier um einen

Punkt der Stadt versammlet, der vor allen andren die tiefergreifendsten

Erinnerungen an Tod und Vernichtung erweckt. Da, auf dem jetzigen

~Top Kapu~ oder ~Kanonenthore~, dem St. Romanusthor der Byzantiner,

fiel der letzte der Paläologen, der letzte Herrscher des griechischen

Kaiserthrones, Constantin der Blutzeuge, als christlicher Held; im

Kampfe für den Glauben der Väter und für sein Volk. Das Abendroth

pfleget, wenn es recht hochfarbig ist und weit sich verbreitet, ein

gutes Vorzeichen für den künftigen Tag zu seyn. Als dieses Blut des

edelsten der Paläologen aus dem Herzen floß, welches der Liebe zu

Gott und den Brüdern geweiht war, da war auch die Abendstunde des

oströmischen Reiches gekommen, und wie ein Abendroth färbte dasselbe

hochansteigend und weithin die letzten Blätter der byzantinischen

Geschichtsbücher. Die Nacht kam seitdem über das Land und sie hat lang

gewährt. Aber schon dämmert in der Ferne vielleicht der Morgen und der

neue Tag wird, dieß verkündete das Abendroth, schön seyn.

Nach dem mehrstündigen Herumwandeln in den engen, schmutzigen Gassen

der Stadt und nach dem Verweilen bei manchen trüben Erinnerungen

gewährte es eine Erquickung für Auge und Herz als wir jenseits des

verschlossenen Thores aus dem ~Neuthor~ (~Jeni-Kapussi~)

hinaustraten vor die Mauern der Stadt ins Freie. Von hier rechts

(gegen N. O.) gelangt man in die weite Ebene von ~Daudpascha~,

die sich bis nahe an die Mauern der Stadt hinanzieht, und die zum

Versammlungs- wie zum Musterungsort der türkischen Armeen dient,

welche von Constantinopel aus gegen die Länder des Westens ziehen.

Unser diesmaliger Weg führte aber zuerst südwärts eine zeitlang neben

den Denksteinen und Zypressen der türkischen Grabstätten vorbei, die

sich hier nahe an der Stadt hinziehen; auf der andern Seite ragten

die alten, von Epheu umsponnenen Mauern. Bei dem Thore von Silivri

wendeten wir uns hinauswärts nach dem lieblich, im Schatten der hohen

Bäume gelegnen armenischen Wallfahrtsorte von ~Balikli~. Die

dortige griechische Kirche, am heiligen Quell, hatte zuerst Justinian

aus dem vom Bau der Sophienkirche übrig gebliebenen Material erbauen

lassen, und auch nach ihrer Verheerung durch die Bulgaren, im Jahr

929, wurde sie durch den Kaiser Romanus stattlich wieder aufgerichtet.

Es wurden hier vormals in der tief gelegnen Cisterne, welche aus dem

Quell ihr Wasser empfängt, die für wunderbar gehaltnen goldenen, heut

zu Tage die »gebratenen« Fische gezeigt, welche wenigstens durch

die bräunliche Farbe den Anschein tragen als wären sie, dem Rost

entgangen, hier im Quell wieder lebend geworden. Auch wir giengen,

durch die Menge der Almosen begehrenden Krüppel und Bettler hinein ins

Gebäude und stiegen hinab ins Gewölbe an der Cisterne, in deren nur

von einem dämmernden Lichte beleuchteten Wasser die gebratenen Fische

herumschwimmen sollen. Wir bekamen aber wenig von ihnen zu sehen und

der hier Aufsicht haltende griechische Geistliche schien keine Lust zu

haben, uns europäisch gekleideten Fremdlingen seine wunderbaren Thiere

näher zu zeigen. Interessanter als das Wasser des Quells fanden wir

die herrliche Aussicht auf dem Hügel von Balikli, weithin über Meer und

Land. Die Armenier haben in dieser Gegend eine Begräbnißstätte; der

Hauptgegenstand ihrer häufigen Besuche und Wallfahrten ist jedoch das

Grab eines ihrer Märtyrer, des Comidas, der im Jahr 1707 auf Befehl

des damaligen Großwessirs hingerichtet wurde. Es machte einen ganz

eigenthümlichen, beruhigenden Eindruck auf uns in der Unruhe und Sorge

des Reisens Begriffene, als wir uns da unter den schattigen Baumgruppen

die ruhig bei ihrem einfachen Mittagsbrod sitzenden Familien der

Wallfahrer oder Lustwandler betrachteten. Ja freilich ists eine schöne

Sache um das ruhige, stille Daheimseyn mit und bei den Seinen, doch hat

die große Gotteswelt auch da außen in der Fremde und Ferne ihre Altäre,

bei denen der flüchtige Vogel des Sehnen's nach dem stillen Heim einen

Ruheort finden kann. Das arme Morgenland, dessen äußerer Friede so oft

und viel durch Kampf und Krieg der Natur wie der Menschenhand gestört

wird, begrüßt wenigstens mit dem Munde sich und jeden Wandrer, der ihm

begegnet, mit dem Gruß und Wunsch des Friedens und spricht dadurch sein

unauslöschliches Heimweh nach der Segensfülle jenes Friedens aus, der

einst in seiner Mitte seinen Quell und Wohnsitz hatte. Ist doch noch

jetzt, wenigstens äußerlich, eine Stille und Ruhe hier zu Hause, wie

ich sie in und bei volkreichen Städten von Europa niemals gefunden.

Der Gesang der Muesin von den Minare's verkündigte eben, daß der Mittag

vorüber sey, als wir uns wieder in der Nähe der alten Stadtmauern

befanden. Wir ritten lange schweigend an dem Gemäuer hin; sein Anblick

weckt Gedanken, wie dieß nur selten und an wenig Punkten das todte

Gestein es vermag. Dieser Thron der Herrscher, gegründet an den

Gränzen zweier Welttheile und zweier Weltenzeiten, hat seine Fuße zu

vertrauensvoll auf dem schnell vorübereilenden Strom der Lust der Augen

und der andern Sinne gesetzt; ein Boden, welcher, eben weil er ein

immer rinnender Strom ist, seinem Besitzer niemals lange Treue hält.

Wie Helena's leicht anlockender Reiz ward dieses »goldne Horn« des

Bosporus und Propontis ein nach Ambra duftender Köder, der die Räuber,

wie scharfzähnige Hayen, aus allen Gegenden hieher lockte; die Stadt

Constantins glich einer Wohnung an vielbesuchter Straße, durch welche

mit lautem Getös der Heerpauken und Waffen die kämpfenden Schaaren

vieler Völker zogen, und deren Aussicht zwar dem Besitzer Unterhaltung

genug, zugleich aber Unruhe und Unsicherheit des Besitzes bringt. Vier

und zwanzig Mal ward diese Stadt von Feinden bestürmt und belagert[67],

nur wenige Male aber ward sie von ihnen eingenommen. Denn abgesehen

von den 3 frühern noch in die Zeiten der heidnischen Herrschaft

fallenden Eroberungen des alten Byzanz durch Alcibiades, Severus und

Constantin, schlug das christliche Constantinopel von 616 an vierzehn

schwere Belagerungen zurück, ward erst in der fünfzehnten (1204)

durch die Lateiner genommen und furchtbar verheert, dann 1261 durch

Michaël den Paläologen wieder eingenommen erhielt es noch, freilich

bereits im Zustand eines Sterbenden 192 Jahre Frist zur Bestellung

seines morschen Hauses, bis dieses vielfach verschuldete Haus den

Osmanen anheim fiel. Wie fest und gewaltig erscheint der Bau dieser von

Mahoammed +II.+, dem Eroberer, von Grund auf neu errichteten, dann von

dem Wütherich Murad +IV.+ im J. 1635 und zuletzt von Achmed +III.+ im

Jahr 1721 ausgebesserten und verstärkten Mauern, und doch zeigt er sich

schon wieder an vielen Stellen von den Zinnen herab bis an den Boden

zerrissen und zerspalten; das todte Gestein, eben weil es ein Todtes

war, hat den Angriffen des Erdbebens erliegen müssen, nur das Lebende:

der Epheu, der es umschlingt, hat sich unverletzt erhalten. Die

weitklaffenden Risse aber jener Todtgebornen, gegenüber den Tausenden

der Grabsteine und der neu, für die Schaaren, welche der Pest erlagen,

erst heute geöffneten Gräber reden zu dem Auge des Wanderers aus Westen

eine beredte Sprache. »Nicht deine Macht«, so sagen sie, »du Volk des

Westens und Nordens hat mich so gebeugt und zerrissen, sondern die Hand

des Allmächtigen hat mir diese Wunden geschlagen; der Schrecken von

Gott hat meine Mauern gerührt und erschüttert.«

Wir zogen jetzt hinein zu dem Nachbarthore der ~sieben Thürme~, zu

dem ~Jedi Kulleler Kapussi~ und naheten uns den eisernen Pforten

dieser, seit den Zeiten der Osmanen zu einer Behausung des Jammers

und der Todesnoth gewordnen Veste. Das Schloß der sieben Thürme,

welches Mahommed +II.+ nach seinem jetzigen Umriß und in seiner

jetzigen Gestalt neu erbauen ließ, war das ~Cyklobion~ der alten

Byzantiner; der festeste Punkt an der Stadtmauer der Landseite. Hier,

zwischen den beiden massiv, aus mächtigen Quadern zusammengefügten,

viereckigen Thürmen, an denen noch jetzt die Spuren der römischen Adler

an ihren Byzantinischen Erbauer Kantakuzenus (im Jahr 1345) erinnern,

öffnete sich gegen den jetzigen Stadtgraben hin das vormals mit den

herrlichsten Kunstwerken ausgezierte goldene Thor, durch welches die

Byzantinischen Herrscher ihre Triumpheinzüge in die Stadt hielten.

Das Ganze des Schloßes bildet ein Fünfeck; außer den beiden alten,

eben erwähnten Thürmen, welche in der Mitte der einen der fünf Seiten

stehen, erhub sich an jeder der fünf Ecken ein Thurm, von denen der

eine der nachbarlichen Eckthürme des ehemaligen goldnen Thores durch

Erdbeben, im vorigen Jahrhundert zerschmettert ward, so daß anjetzt

eigentlich nur 6 Thürme vorhanden sind, unter denen jener, welcher

links vom Eingang stehet, mit seinem obern Stockwerk am höchsten (bis

über 180 Fuß) sich erhebt. Auch die viereckten Thürme, zu beiden Seiten

des goldnen Thores, mit der noch immer architektonisch imposanten, sie

beide verbindenden Mauer, ragen 100 Fuß hoch empor. In dem einen dieser

beiden alten Thürme ist das furchtbare Gefängniß mit dem Blutbrunnen;

so genannt, weil in ihn die Köpfe der Hingerichteten geworfen wurden.

Waren es doch nicht allein die nicht zum Throne geborenen Einheimischen

und Fremden, welche in dieser Todesburg als Opfer der Osmanischen

Tirannei fielen, sondern hier, in dem Schloß der sieben Thürme erlag

auch ein Herrscher dieses Hauses selber, Osman +II.+ der Hand

seiner Mörder. Der Eingang in das Schloß war uns, durch Freund Mührs

Verwendung leicht gebahnt; auf dem Hofraum zeigen sich riesenhaft

große, eiserne Kugeln aufgehäuft; an der einen Seite stehet das Haus

des Aga, sonst die gewöhnliche Wohnung der hier gefangen gehaltnen

vornehmeren Unterthanen der europäischen christlichen Mächte, welche

das Unglück des Krieges in diese Banden führte. Zu unsrer Zeit ward

eine lebendige Löwin in einem Käfig des Schloßhofes gefangen gehalten.

Die schöne Aussicht auf einer der Plattformen läßt es dem Wandrer, bei

ihrem Genusse, hier in der Nähe des Blutbrunnens nicht recht wohl und

heimathlich werden.

Durch manche verödet aussehende, öfters von hohen Bäumen beschattete

oder mit Gras bewachsne Gassen und Plätze, zogen wir, von dem Schloß

der sieben Thürme aus, immer in der Nähe des Meeres hin, nach der

Gegend des Sandthores oder ~Psammatia Kapussi~. Ziemlich nahe bei

einander finden sich hier die alte, griechische ~Kirche des heiligen

Polykarpos~, mit Spuren von unterirdischen Anlagen und die neue, erst

seit wenig Jahrzehenden erbaute ~Patriarchatkirche der Armenier~.

Für Reisende, welche vielleicht weniger anderweitige Gelegenheit

finden große armenische Kirchen zu sehen, wird das Hineintreten

in diese nicht ohne besondres Interesse seyn. Man siehet in ihrem

Innren keine Bänke, wie in andren Kirchen; der Fußboden ist, wie in

den Moscheen, mit Binsenmatten und Teppichen bedeckt; eben so wie in

den Moscheen zeigen sich zwischen den Hängeleuchtern, die an langen

Schnüren schwebenden, mit Goldflittern verzierten Straußeneier. Das

Allerheiligste stehet auf einer Art von niedriger Emporkirche, welche

den hintren Theil des Kirchenschiffes seiner Breite nach einnimmt und

auf welcher drei Altäre stehen, deren mittelster der Hochaltar ist.

Der Weg von diesem zu den Seitenaltären ist durch eine vorstehende

Wand verdeckt; beim Gottesdienst, welcher in den frühesten Stunden

des Tages, selbst im Sommer vor Sonnenaufgang gehalten wird, wandelt

der Priester, in Begleitung der Diakonen, mit feierlichem Chorgesang

bald vor den Altären, bald hinter den Mauern jener Gänge und hinter

dem Hochaltar[68]. Die Kirche selber hat drei Abtheilungen, eine

für die Frauen, zwei andre für die Männer; die buntfarbigen Gläser

der Kronleuchter wie die blaue Fayence, welche, mit mannichfachen

Zeichnungen verziert, die Wände des Allerheiligsten bedeckt, macht

einen angenehmen Eindruck aufs Auge, Werke jedoch einer höheren Kunst

darf man weder hier noch wohl auch in andren armenischen Kirchen

des Morgenlandes suchen, wenigstens fanden wir auf den Wegen unsrer

weiteren Reise nichts dergleichen; die Kunst der Armenier weiß nur in

der Art und Sprache der Kinder zum Auge zu reden; bloß der Festigkeit

des Baues gedenkend gilt ihr selbst das marmorne Kunstwerk einer

früheren Zeit nur als Baustein, wie denn bei der Errichtung dieser

armenischen Kirche wirklich in dem alten, zum Bau benutzten Gemäuer

eine vielleicht beachtenswerte Statue gefunden, alsbald aber wieder in

den Bau der neuen Mauern hineingefügt wurde[69]. Ein Reisegefährte,

der uns später durch Kleinasien begleitete, Jusuf Effendi, selber

ein Armenier von Geburt, pflegte seine Landsleute, wenn ihm welche

begegneten, scherzhaft zu fragen, was der Koch Mohammeds mache, denn

dieser war nach der Sage der Moslimen ein Armenier von Geburt. Das Amt

und Geschäft der Bereitung der Speise ist ein ehrenwerthes, möge es nur

immer auch in geistiger Hinsicht in der Kirche der Armenier auf recht

kräftige, gute Weise geübt werden, dann vergißt man an dem reinlichen

Gewand des Koches gern den Mangel der Zierrathen.

Nordwärts von hier erhebt sich der Saum des siebenten Hügels der Stadt,

auf welchem, in der Gegend des jetzigen Weibermarktes, oder ~Avret

Bazar~, einst das +Forum Arcadii+ mit seinen vielfachen Bildwerken

und mit der Säule des Arkadius sich befand, von deren Fußgestell nur

wenige Spuren geblieben sind. Die Richtung unsres diesmaligen Weges

blieb jedoch näher dem Meere; sie zog sich neben dem ~Vlanga-bostan~,

wo zur Zeit des großen Constantin ein künstlicher Hafen bestund (der

eleutherische genannt), durch einen Theil des Stadtviertels der

Armenier nach dem Bezirk ~Condoscale~, der meist von den Griechen

und Juden bewohnt ist. Während der Sumpf und Moorboden des alten,

eleutherischen Hafens, an welchem wir kurz vorher vorüber kamen, mit

grünenden Gemüsefeldern bedeckt und bekleidet ist, findet sich in

diesem Stadtviertel ein Sumpf von andrer, sittlicher Art, dessen losen,

bösen Grund keine menschliche Kraft noch Kunst mit erfrischendem

Grün zu bekleiden vermag; es sind hier die verrufensten Stätten der

niedrigsten Laster und Bübereien. Weniger Furcht und Ekel erregte der

Anblick der Pestleichen, welche weiterhin in den von Türken bewohnten

Gassen neben uns vorübergetragen wurden, so wie der Anblick eines

Sterbenden, den die Verwandten herausgetragen hatten vor die Thüre, an

die Wärme der Sonne. Lieber möchte man mit diesem Sterbenden sterben,

als mit dem bübischen Gesindel leben, das in dem armen Condoscale seine

Schlupfwinkel hat.

Am Nachmittag ruheten wir, auf die Mühe der langen Wanderungen, unter

den luftigen Hallen am großen Hafen, bei einem berühmten Kaffeehaus,

in welchem der geübteste und beliebteste unter allen jetzigen

Mährchenerzählern der Hauptstadt die Schaaren der um ihn Versammleten

mit seinen morgenländischen Sprüchen und Dichtungen zu unterhalten

pflegt. Den Erzähler selber fanden wir heute nicht, aber das Andenken

an alles Das, was wir an diesem Tage gesehen, gestaltete sich in unsrer

Seele auch ohne ihn wie eine seiner Sagen aus dem Zypressenhaine von

Ejub, wie die Sage von jenem alten Fahnenträger, dessen Geist, nachdem

der Leib schon vor achthundert Jahren sich zur Ruhe gelegt, Thaten des

Helden wirkte. Denn so liegt auch das sichtbare Wesen des alten Byzanz

unter dem prachtvollen Grabgewölbe, welches das Osmanische Stambul

über seiner Asche bildet; das unsichtbare Wesen aber des Geistes, der

einst hier lebte, wirket doch im Verborgnen noch fort und wird das

Werk, welches er begonnen, in der künftigen Zeiten Lauf vollenden.

-- Statt des Mährchenerzählers ergözte ein Zitterspieler das Ohr der

Gäste; die Melodie klang fröhlich, der Inhalt des Liedes war eine Art

von Todtenklage. So wirket auch der Anblick von Constantinopel auf den

Betrachtenden wie ein Lied, dessen Melodie eine fröhlich scheinende,

dessen Text aber ein sehr ernster ist.

Auf unsrer Heimfahrt, über den Hafen hinüber nach Galata hatten wir

das Glück den Großsultan zu sehen, der in seiner prächtigen, offnen

Barke ganz nahe an uns vorüberfuhr. Nicht ohne besondres Interesse

betrachteten wir diesen Mann, dessen Bestimmung es scheint seinem Volk

das allmälige Hinüberwachsen in eine neue, höhere Stufe der geistigen

Gestaltung und Ausbildung zu erleichtern.

Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel.

Einer jener armen Fischer aus Bethsaida am See Tiberias, welche der

Herr zu Menschenfischern geweiht hatte, Andreas der Apostel, der

Bruder des heiligen Petrus, war auf seiner Reise, die er im Dienst

seines Herrn hinaus durch den Bosporus nach dem schwarzen Meere

machte, hieher in die Gegend des jetzigen ~Galata~ gekommen, wo er, so

erzählt die fromme Sage, mit eigner Hand dem todten Felsenstein das

Erinnerungszeichen an Den, welchen seine Seele liebte: die Form eines

Kreuzes aufprägte. Und bald nachher gelang es ihm den Namen Dessen,

an den das Kreuz erinnert, nicht bloß dem starren Felsen, sondern den

lebenden Herzen der Bewohner dieser Gegend einzuschreiben; das arme

Volk am Gestade bei Hieron, dem jetzigen Skutari, wie in Byzanz selber,

vor allem die Einwohner jenes Stadttheiles, der am jetzigen Fanal

lag, nahmen willig die große Botschaft der Freude und des Friedens

auf, welche der Apostel ihnen verkündete. Zwei Jahre lang bewohnte

dieser, als die Tyrannei des damaligen Herrschers von Byzanz, des

Zeuxippos, aus der Stadt selber ihn vertrieben, die Landschaft, welche

nordwestwärts von Galata, diesseits ~Piri Pascha~, auf der Thrazischen

Seite des Hafens liegt, und säete von hier aus die ersten Samen

einer byzantinischen Christengemeide, die nachmals unter Sonnenhitze

und Sturm so manche gute Garbe trug. So war dieses so oft verheerte

und zur Wüste gewordene, und dennoch stets, aus tief inwohnender,

unzerstörbarer Kraft immer wieder neu aufgrünende Paradies, hier um

Galata und bei dem gegenüber gelegnen Skutari einst mit den gesegneten

Fußtapfen eines Apostels des Herrn bezeichnet; die Christenkirche der

östlichen Roma nennt als den ersten ihrer Engel Andreas, den Bruder

jenes Apostels den die westliche Roma als ihren Engel verehrt.

Freilich sind jene Spuren eines Wandelns der geistigen Kräfte über den

leicht verwehenden, veränderlichen Staub in dem jetzigen Galata und

Byzanz kaum noch erkennbar; Disteln und Dornen bedecken das Ackerfeld;

Trümmer und Schutthaufen verhüllen den Weg, auf welchem vormals die

Boten des Friedens einhergiengen, aber noch immer ist ein Nachhall

jener lebenskräftigen Erinnerungen, welche diese Gegend da im Herzen

der Christen wecken sollte, bei einem Volke zurückgeblieben, das dem

der Christen, wie der Fels, der das Echo giebt, der tönenden Stimme

gerade gegenübersteht: bei den Türken. Merkwürdiges Volk, das gleich

der Grasmücke im Dornengebüsch durch einen unwiderstehlichen Naturtrieb

sich gedrungen fühlt das verlassene Ei des Kukuks auszubrüten und

des verwaisten Keimes eines künftigen Lebens zu pflegen, bist du

etwa selber der todte, starre Felsenstein, dem die Kraft des Geistes

die Form eines Erinnerungszeichens an den Geliebten einprägte; der

Felsenstein, welcher ohne dies zu wollen und zu wissen von einem Leben

zeugen muß, das ihm noch fremd ist? Man erzählt, daß in jener Zeit als

durch Napoleons Macht ein großer Theil der vollendetsten Kunstwerke

des Alterthumes in Paris zusammengedrängt war, ein Gärtnermädchen

fast täglich zu diesen Bildwerken kam und vor allem die Statue des

Belvederischen Apolls mit Bewunderung und mit einer Art von Ehrfurcht

betrachtete. Sie, welche niemals von Opfern und Gaben, die man einst

in der Zeit der Heiden jenem Bilde darbrachte, etwas vernommen,

fühlt sich zuletzt innerlich gedrungen, jeden Morgen, an welchem sie

den Besuch wiederholt, der Götterstatue eine Spende der Blumen und

Gartenerzeugnisse zu bringen. So hatte der Geist des Künstlers dem

Marmorgestein eine Ehrfurcht gebietende Gewalt aufgeprägt, die nach

Jahrhunderten noch fortwirkte, und es war als haftete an dem Bilde

eine besondre, magische Kraft, welche die irregeleitete Vergötterung

der anbetenden Menschenseelen in dasselbe gelegt hatte. Wenn aber

der Menschengeist schon in diesem minderkräftigen Kreise ein Werk

der Uebertragung seines innren Bewegens an ein fremdes, späteres

Geschlecht, durch das an sich todte Erinnerungszeichen vermochte, wie

sollte er dieses Werkes nicht fähig gewesen seyn, wo jener Glaube ihn

erfüllte, welcher Leben schaffet und Leben wirket allerwärts, wohin

sein Odem wehet. Gewiß ist, daß die Moslimen allenthalben, wo sie

den dunklen Schatten ihrer Herrschaft über Stätten der christlichen

Verehrung warfen, alsbald diese Stätten selber zum Gegenstand der

lebhaftesten und eifersüchtigsten Verehrung machten, wie dies die Aja

Sophia in Constantinopel, der Tempel Morija's zu Jerusalem, die Kirche

über der zwiefachen Höhle zu Hebron, und eine Menge der andren vormals

christlichen Heiligthümer bezeugen.

Der Grund, weshalb hier an der Thrazischen Küste bei Galata und

Piri-Pascha und hinanwärts am Meeresarm des Hafens bis zu den süßen

Wassern die Andacht der Türken ihre Tritte so ganz in die Fußtapfen

einer früheren christlichen Verehrung dieser Oertlichkeit setzte,

ist übrigens noch ein andrer, unmittelbar geschichtlicher. Während

der sieben Belagerungen von Constantinopel durch die Araber,

vorzüglich aber während der dritten, welche sieben Jahre dauerte und

bei der sich mehrere alte Waffengefährten des Propheten befanden,

wurde das gegenübergelegne Ejub, so wie hier diese Ufergegenden,

nord-westwärts von Galata eine Stätte der Kämpfe und der Gräber

vieler, von den Moslimen für heilig gehaltner Verehrer des Islams.

Wie deshalb der griechische Patriarch ~Nicolaus~ der Exeget bei

~Südlidsche~ dem Milchdorf, das schon zu den Zeiten der Byzantiner

~Galakrene~ (Milchquell) hieß, ein Kloster erbaute, in welchem

er in stiller Zurückgezogenheit den Betrachtungen und Forschungen der

h. Schrift lebte, so wohnten auch hier die Zeitgenossen und Freunde

Suleimans des Großen, der weise Ausleger des Korans Ebus-suud und

der mächtige Feldherr Sokolli Mohammed Pascha. Weiter am Hafen her

gegen Galata, vorüber an der großen Ankergießerei, in der Vorstadt

~Piri-Pascha~, welche meist von Griechen, Armeniern und Juden

bewohnt ist, finden sich nachbarlich beisammen die Moscheen der Türken

und die Kirchen der Christen; Weihbrunnen, davon der eine jenen, der

andre diesen werthvoll erscheint. Hier beginnt dann die Reihe der den

Christen wie den Israëliten und Mohammedanern heiligen Grabstätten,

welche in der älteren Zeit Piri-Pascha zu einem Wallfahrtsort der

Byzantiner machten, während bei der nachbarlich angränzenden Vorstadt

~Chasskoi~, welche ganz von Juden bewohnt ist, die Menge der

Israëlitischen Leichensteine schon von ferne ins Auge fällt, und die

Grabstätten der großen, mit den ansehnlichsten Gebäuden verzierten

Vorstadt ~Kassim Pascha~, noch fortwährend, eben so wie Ejub,

ein Wallfahrtsort der Moslimen sind. Denn hier, hinter dem mächtigen

Gebäude des Arsenals waren vormals und sind zum Theil noch die

Denkmäler der in den sieben Belagerungen Constantinopels durch

die Araber gefallenen Kämpfer, so wie die Gräber mehrerer Stifter

jener geistlichen Orden zu sehen, deren Klöster in Kassim Pascha

zusammengedrängt stehen. Unter den alten Grabmälern wird auch das des

~Meitsade~, des Grabgebornen genannt, der wie die alte Sage gehet

von seiner Mutter, die am Ende der Schwangerschaft starb, erst nach dem

Tode geboren und lebend dem Grabe entnommen ward[70].

Die Vorstadt ~Kassim Pascha~[71] mit ihrem großen Arsenal, ihren

Brücken, von denen die eine, ansehnlichste, zu unsrer Zeit eben im

Bau war, fällt von Pera, wo wir wohnten, so nahe und so deutlich ins

Auge, daß ich noch einige Worte über dieselbe hinzufüge. Sie ist einer

der wichtigsten Punkte des Osmanischen Reiches, ein Grundstein seiner

Herrschermacht, denn hier werden die meisten Türkischen Kriegsschiffe

erbaut und ausgerüstet. Alle die Gebäude, welche der Zimmerung und der

Zurüstung jener Schiffe dienen, nehmen einen weiten Raum am Ufer ein;

bei dem eigentlichen Arsenal findet sich das Admiralitätsgebäude und

etwas höher gelegen der Pallast des Kapudan-Pascha. Nicht gar fern

von diesem Wohnsitz der Sinnenlust türkischer Pascha's findet sich

eine Behausung vielfältigen Jammers der Christen, das ~Bagno~

oder Sklavengefängniß, in welchem sonst Tausende der christlichen

Kriegsgefangenen als Galeerensclaven eingesperrt waren und die

unmenschlichste Behandlung der Türken erduldeten. Die Geschichte der

Brüder des Trinitarierordens, welche eine Menge dieser Unglücklichen

loskauften, so wie die des edlen Britten, des Admirals ~Sir Sidney

Smith~, dessen vielvermögende Fürsprache den Franzosen, die bei

dem ägyptischen Feldzug in türkische Gefangenschaft gerathen waren,

die Befreiung aus dem Bagno bewirkte, lässet auf diesen Sitz des

Jammers einen erheiternden Strahl fallen. Das Arsenal verdankt seine

spätere Erweiterung und zweckmäßigere Einrichtung vornämlich zwei

unglücklichen Seeschlachten der Türken: jener von Lepanto, im Jahr

1571 (am 8ten October) und der von Tschesme im Jahr 1770. Denn als

bei Lepanto der ritterlich kühne Don Juan von Oesterreich mit einer

Flotte der verbündeten christlichen Mächte Spaniens und Italiens die

um ein Drittel der Streitkräfte mächtigere Flotte der Türken fast ganz

vernichtet und genommen hatte, da war Uladsch, oder wie er nachmals

hieß, Kilidsch Pascha, ein Renegat, durch kluge Tapferkeit mit dem

Rest der Flotte dem allgemeinen Untergang entronnen und in den Hafen

von Constantinopel zurückgekehrt. Während die christlichen Mächte,

durch ihre innre Uneinigkeit diesen günstigen Augenblick, die Macht

des gemeinsamen Feindes auf immer zu brechen oder zu demüthigen

vorübergehen ließen und nur die damalige Kunst dem Andenken an diesen

herrlichen Sieg die Dauer der Jahrhunderte verlieh[72], wendete der

sachkundige und unermüdet thätige Renegat alle Zeit und Kräfte auf den

Bau einer neuen Flotte, welche besser und mächtiger ausgerüstet als

die verlorne, schon nach 8 Monaten zum Auslaufen bereit war. So hatte

sich für jenesmal die Großsprecherei des Sultan Selims +II.+, des

Trunkenboldes, bewährt, als dieser zu dem Venetianischen Botschafter,

der nach der Schlacht von Lepanto ihm aufwartete, sagte: »wir haben

euch, da wir euch ein Reich (Cypern im Jahr 1570) entrissen, einen Arm

abgehauen, ihr, indem ihr unsre Flotte schlugt, uns den Bart geschoren;

der abgehauene Arm wächst nicht wieder nach, der abgeschorne Bart nur

um so dichter.« Die Macht der Osmanen jener der Christen gegenüber

erhielt nur dadurch ihr furchtbares Uebergewicht, daß jene einmüthig

und unzertheilt, nur die Waffen mit sich in den Krieg brachten,

während die Macht der Christen, vielköpfig und vielgetheilt, mit

dem belastenden Gepäck ihrer kleinlichen politischen Interessen ins

Feld zog. Wie einig und ernst der Sinn der beiden damaligen, noch

von Suleiman dem Großen an seinen ihm so ungleichen Sohn vererbten

Minister Ebus-suud und Mohammed Sokolli nur auf Abwehr der Gefahr,

mit Aufopferung aller kleinlichen Bedenklichkeiten gerichtet war,

das bewies die Aeußerung des letzteren gegen den Kilidsch Pascha, als

dieser um Herbeischaffung der Anker für die 250 neuen Kriegsschiffe

verlegen war: »und wenn es befohlen würde die Anker von Silber, das

Tauwerk von Seide, die Segel aus Atlas herbeizuschaffen, so sollte

dies möglich werden.« Damals, wo dem Admiral der Flotte jedes Ansuchen

gewährt und alles erlaubt wurde, geschahe die erste große Erweiterung

des Arsenals, sogar auf Kosten der großherrlichen Gärten und der

angränzenden türkischen Grabstätten; das zweite Mal geschahe dieselbe,

nach der Vernichtung der türkischen Flotte durch die Russen und

Engländer im Hafen von Tschesme, denn auch dieses Mal wurden dem Baron

von Tott, einem geborenen Ungarn, welchen Frankreich dem Großsultan

empfohlen hatte, alle seine Vorschläge zur Verbesserung des Arsenals

bewilligt, so wie in unsern Tagen unter der Leitung einsichtsvoller

Seeleute des westlichen Europa's diese mächtigen Anlagen noch immer

weitre Vollendung erhielten.

Unter den vielen Moscheen der Arsenal-Vorstadt, von denen einige ein

Werk des berühmten Sinan sind, zeichnet sich die in der Schlucht

gegen den Pfeilplatz (Okmeidan) gelegene Moschee des Piale Pascha

(des Eroberers von Chios unter Suleiman) durch ihre prachtvolle

Bauart aus. Sie enthält 12 von rothen Granitsäulen getragene Kuppeln;

das Metall der Fenstergitter kam, wie man sagt, von dem Metall der

eingeschmolzenen christlichen Glocken. Eine herrliche Aussicht genießt

man auf der Höhe hinter dem Arsenal. Bei der Moschee Sinans, nicht des

Architekten dieses Namens, auch nicht jenes Pascha's Sinan, der 5 mal

die Würde des Großwessirs erlangt, 4 mal dieselbe durch Ungnade der

Sultane, zum fünften Mal durch den Tod verloren hatte; jenes rohen

Feindes aller Christen, aller Dichter, aller tieferen Gelehrsamkeit

und höheren Bildung, Freundes dagegen nur des irdischen Mammons[73],

sondern des Sinanpaschas, des Bruders Rustems, der bis 1554 die Würde

eines Admirals der Flotte, oder Kapudan-Paschas bekleidete. Wer sich

einmal recht in die Menge und ins Gedränge der Türken und ihrer

Derwische, untermischt von einzelnen französischen und englischen

Seeleuten, begeben will, der braucht nur den Marktplatz bei dem

~Kloster der Mewlewis~ in Kassim-Pascha zu besuchen, jenes

Klosters, das unter Murad +IV.+ der fromme Derwisch Abdidede von

dem Ertrage seiner Handarbeit erbauen ließ.

Dort jenseits Kassim-Pascha, gegen Chasskoi hin ist auch der Punkt,

von welchem auf einmal an einem für das christliche Constantinopel

verhängnißvollen Morgen, im April 1453 zum Schrecken der Belagerten

eine türkische Flotille von mehr denn siebenzig Segeln unter dem

Schall der Trompeten und Pauken mitten in dem von eisernen Ketten

versperrten und bisher so wohl verteidigten Hafen einlief. Mohammed

+II.+, den Gott zum Vollstrecker seiner schweren Gerichte

über die vielverschuldete Hauptstadt der morgenländischen Christen

bestimmt hatte, zeigte auch damals, welche ungeheure und ungewöhnliche

Kräfte der Natur dem Wahnsinne, zu dessen Geschlechte die unbändige

Zornwuth gehört, zu Gebote stehen, denn er hatte in einer Nacht

dieses Geschwader der Kriegsfahrzeuge, von Beschiktasch im Bosporus,

über den hüglichen und unebenen Grund hinter Galata und Pera, auf

einer Dielenbahn, die mit Ochsenschmalz geglättet war, nahe gegen

zwei Stunden Weges heranschleifen, und mit den vom günstigen Winde

geschwellten Segeln ins Gewässer des Hafens laufen lassen. So kommt,

wenn die Frucht ohnehin zum Abfallen reif und mürbe ist, auch noch

der Wind dazu, der die locker sitzende mit einer Gewalt, vom Himmel

gesandt, zu Boden wirft.

Wir kommen nun allmählig von Piri-Pascha und den jenseits demselben,

bis hinan zu den süßen Wassern gelegnen, für Christen wie für Moslimen

bedeutungsvollen Gegenden der Küste, unsrer Pilgerherberge während des

Aufenthaltes in Constantinopel, in Pera, wieder näher, und verweilen

vorerst in der größesten der Vorstädte des europäischen Ufers: in

~Galata~. Wenn nach ~Walsh~[74] die Gesammtzahl der Einwohner von

Constantinopel auf 700,000 geschätzt wird und hiervon 200,000 der

Halbinsel von Pera zugerechnet werden, so dürfte wohl die Bevölkerung

von Galata allein, nach dem was man uns hierüber berichtete, ein

Fünftel dieser Bewohnerzahl und darüber umfassen. Der Umfang dieser

alten, nach einem gewissen Galatius genannten Vorstadt, zu welcher

ursprünglich auch Pera, die »jenseitige« gehörte[75], kommt für sich

allein, ohne Pera und das nachbarlich an der Hafenseite angränzende

Topchana, nach ~v. Hammers~ Schätzung dem Umfange der Altstadt von

Wien, ohne ihre Vorstädte, nahe gleich. Die Häuser liegen theils

am Abhange des steilen Felsenhügels gegen Pera hinan, theils in

der Ebene am Ufer zwischen den äußersten Schiffsbauwerften von

Kassim-Pascha und dem durch seine Stückgießerei berühmten Topchana

ausgebreitet. So wie Galata noch jetzt, abgesehen von seinen Moscheen

und anderen osmanischen Bauwerken, dem zur See oder zu Lande sich ihm

nähernden Fremdling mit seinen alten Mauern und Festungsthürmen ins

Auge fällt, ist es großentheils ein Werk der Genueser, welche als

mächtige Nachbaren und öfters als Feinde der byzantinischen Hauptstadt

vornämlich seit dem Ende des 13ten Jahrhunderts hier festen Fuß

faßten. Denn jenes große Vertrauen das die Venetianer, von den Zeiten

Justinians in der Mitte des 6ten Jahrhunderts an, bei den Byzantinern

gefunden hatten, war durch öftere Handlungen des Uebermuthes jener

Republikaner und durch ihre stolze Verachtung der Griechen vielfältig

geschwächt, zuletzt aber mit der Eroberung und Verheerung der Stadt

durch die Lateiner (1204), woran die Venetianer unter ihrem 90jährigen

blinden Dogen Dandolo einen vorzüglichen Antheil genommen, ganz

zerstört worden, so daß seit der Wiedereroberung der Hauptstadt

durch die byzantinischen Herrscher die Nebenbuhler und Gegner des

Freistaats von Venedig, die Genueser, in Constantinopel vorherrschend

begünstigt wurden. Von da an war Galata und der Vortheil des Verkehrs

der oströmischen Hauptstadt mit den Ländern des Westens in den

Händen dieser Kaufleute, welche nur zu oft das äußre Wohl der ganzen

Europäischen Christenheit und das Blut von Tausenden der christlichen

Kämpfer (wie vor der Schlacht bei Varna und wie bei dem Untergang des

christlichen Herrscherthrones von Constantinopel selber) um Geld und

Geldeswerth an die Feinde verkauften.

Auch Galata bietet dem besuchenden Fremdling einen unvergleichlichen

Punkt der weiten Aussicht über sein Innres und über die ganze Umgegend

dar, dies ist der große Thurm der oben auf dem Hügel, vor Pera

liegt. Da von hier aus die Vorstadt von feindlichen Wurfgeschützen

beherrscht und verheert werden konnte, benutzten die Genueser eine

Zeit der innren Zerrüttung des Byzantinischen Reiches, während der

Bürgerkriege zwischen der Mutter Johannes des Paläologen und seinem

Vormunde dem Kaiser Kantakuzenus, um ihren Wohnsitz auch nach dieser

Richtung hin zu sichern; sie erbauten während der Abwesenheit des

Kaisers den großen Thurm und dehnten den Umfang der Mauern von Galata

über einen Theil des Hügels aus (im J. 1348). Bei diesem Baue legten

selbst die Weiber mit Hand an und der Kaiser konnte, nach seiner

Rückkehr, obgleich mannichfach erbittert durch Feindseligkeiten, die

sich seine übermüthigen Nachbarn zu gleicher Zeit gegen die Hauptstadt

selber erlaubt hatten, jenes Austreten der fremden Macht aus den

ihnen angewiesenen Dämmen nicht mehr verhindern, um so weniger

da bald nachher die Genueser mit dem Herrscher der Osmanen, mit

Orchan, gegen ihre Erbfeinde, die Venetianer und gegen die Byzantiner

sich verbündeten. So ward dieser Thurm, der seine Stirn mit so

herausfodernder Kühnheit der Veste der Hauptstadt entgegensetzet, ein

Wahrzeichen das schon hundert Jahre vor der türkischen Besitznahme die

herannahende Gefahr des Unterganges verkündete, wie noch jetzt der

Thurm von Galata ein Erwecker der Angst und Schrecknisse ist, wenn die

Trommel der Feuerwächter den Ausbruch der Flammen verkündet, durch

welche so oft ganze große Strecken dieser Vorstädte in Schutt und Asche

aufgelöst wurden.

Man steigt zu der Höhe dieses festen Thurmes auf 146 Stufen hinan. Der

Herunterblick auf die engen, vielfach durch einanderlaufenden Gassen,

auf die zum Theil nach alten, in genuesischem Geschmack gebauten, oben

mit Zinnen bekränzten Häuser, auf die hohen mit 12 Thoren versehenen

Mauern von Galata ist weniger anziehend, als der über den Meeresarm

des Hafens bis hinan zu den süßen Wassern, über einen Theil des

Bosporus und Propontis und über die reiche, das Wasser umsäumende

Landschaft; jetzt darf man auch ungescheut, selbst in Gegenwart der

durch ein kleines Trinkgeld befreundeten Feuerwache durchs Fernrohr

hinüberblicken nach der Hauptstadt und wohin man sonst will, während

in frühern Zeiten der türkischen Tyrannei das arglose und vielleicht

zufällige Hinüberblicken eines europäischen Fremdlinges durch ein

Fernrohr, nach der Gegend des Serai's mit dem Tode bestraft wurde.

Die Genueser behielten auch nach der Eroberung von Constantinopel

ihren Wohnsitz in Galata bei, der ihnen, nebst vielen Freiheiten,

gegen eine Kopfsteuer von Mohammed +II.+ zugesichert wurde. Denn

obgleich während der Belagerung ihr tapfrer Landsmann Giustiniani und

mehrere Edle ihres Freistaates die Mauern ritterlich vertheidigen

halfen, verharrten dennoch die Bewohner von Galata in solcher

zweideutigen Stellung zu den Türken, daß sie mehr als Verbündete der

Feinde, denn ihrer hartbedrängten, christlichen Brüder erschienen

waren. Späterhin haben sich dann inmitten dieses, gerade nicht auf

die ehrlichste Weise erworbenen Asyls der fränkischen Freiheiten die

Handelsleute, Handwerker und Künstler aus den verschiedensten Ländern

des westlichen Europa's niedergelassen; in Galata wie in Pera wohnen

Franzosen, Holländer, Engländer, Italiäner, Russen und Deutsche, mit

Griechen, Armeniern und Türken beisammen. Auch Amerika hat daselbst

seine Handelshäuser, wie seinen friedlichen Verkehr; Aegypten wird

durch mehrere fränkische Speditionshandlungen repäsentirt, so daß sich

hier das materielle Interesse der Völker von vier Welttheilen zu einem

bunten Gewebe verflicht, dessen groteske Grundlage die anjetzt sehr

dultsam gewordene Türkische Macht bildet. In Galata wie in Pera haben

auch die Katholiken mehrere Kirchen; die Protestanten ihre eignen

Kapellen, in deren einer wir einem deutschen Gottesdienst beiwohnten.

Am meisten und nächsten wurden wir, unter allen andern Vorstädten

mit ~Pera~ bekannt. Wir hatten hier bei Madame ~Balbiani~,

eine Wohnung gefunden, die sich durch ihre herrliche, die schönste

Aussicht gewährende Lage eben so vorteilhaft auszeichnete, wie durch

Reinlichkeit, Trefflichkeit und Billigkeit der Bewirthung. Madame

Balbiani stammt aus dem südlichen Deutschland; sie war mit ihrem ersten

Gemahl (einem Deutschen) nach Odessa gezogen, dann mit dem zweiten,

der bald nachher starb, hiehergekommen, wo sie durch ihr gastliches

Haus vornämlich dem deutschen Reisenden eine heimathliche Oase mitten

in der Wüste des Fremdlingslandes darbietet. Denn die treffliche

Familie des französischen Consuls Fabriquet aus Candia und ein junger

Reisender aus der französischen Schweiz, die wir als Hausgenossen

schon vorfanden, trugen nur noch mehr dazu bei, es in der stillen,

freundlichen Wohnung uns recht wohl werden zu lassen.

Die Vorstadt Pera zieht sich in ziemlich bedeutender Ausdehnung über

den sattelförmigen Rücken des Hügels von Galata hin. Noch lag, seit den

Verheerungen, welche die große Feuersbrunst einer der letzten Jahre

hier anrichtete, ein großer Theil der verödeten Baustätten mit Schutt

und Asche bestreut; an vielen Stellen erhuben sich jedoch auch wieder

neue Gebäude und der langen Hauptstraße so wie einigen Nebenstraßen

merkte man von dem Einbruch, den das Feuer auch in ihre Häuserreihen

gemacht hatte, nur noch wenig an. Am meisten ließ auch noch die jetzige

Gestalt der Ruinen des englischen Gesandtschaftspallastes, der auf der

Krone des Hügels lag, den Untergang dieses schönen Gebäudes beklagen,

welches Lord Elgin, unterstützt von der orientalischen Compagnie und

von dem brittischen Gouvernement mit so vielem Geschmack erbaut hatte.

Der große Platz, auf welchem dieser prächtige Pallast sich erhub, war

ehedem mit Hütten und kleinen hölzernen Häuschen bedeckt, in denen

meist Türken wohnten. Als die Engländer durch Vertreibung der Franzosen

aus Aegypten sich ein so großes Verdienst um den osmanischen Thron

erworben hatten, ließ die hohe Pforte den Platz räumen, mit hohen

Mauern umfassen und machte ihn, als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit

der englischen Gesandtschaft zum Geschenk. Auch am Tage, wo der Bau

und die innre Einrichtung des Pallastes vollendet war und wo derselbe

nun zum ersten Male dem Besuch der andern Gesandten eröffnet wurde,

überraschte der Großsultan die brittische Gesandtschaft mit einem ganz

besondern Beweis seiner dankbaren Anerkennung, denn mitten unter dem

Gedränge der hohen Gäste und ihrer Begleitung stellte sich ein Haufe

von Christensklaven ein, denen das türkische Gouvernement an diesem

Tage ihre Freiheit geschenkt hatte, unter ihnen einige, welche seit

dreißig Jahren in der harten Gefangenschaft geschmachtet hatten. Diese

Alle, neu gekleidet, dankten in den verschiedensten Sprachen der

christlichen Nationen dem edlen Lord, der ihnen als der Urheber ihres

Glückes war genannt worden, und kehrten meist bald nachher, von den

Engländern reichlich beschenkt, in ihre Heimath zurück. Obgleich jetzt

nur ein zerborstenes Gemäuer an das Prachtgebäude erinnerte, das noch

vor wenig Jahren die schönste Zierde von Pera war, vergnügten wir uns

dennoch sehr an dem Anblick des Gartens, der fortwährend in gutem Stand

erhalten wird. Der Judäabaum (+Cercis Siliquastrum+) zeigte sich

an manchen Stellen noch mit den Spätlingen seiner purpurrothen Blüthen

bedeckt, neben dem Gebüsch der schönfarbigen Passionsblumen erhub sich,

mit kräftigem Stamme die Lebbek Mimose (+Mimosa Lebbek Forsk.+),

welche wegen ihrer langen, feinen Staubfäden von den Türken Seidenrose

(Gul-Ibrasim) genannt wird; Bäume, vom Geschlecht der Pistazien und des

Lorbeers, Orangen und Zitronen gaben ihren Schatten. Nur schade, daß

die lang anhaltende Dürre und die weit vorgerückte Jahreszeit so wenig

von den Reizen übrig gelassen hatten, welche im Frühling diesen Garten

schmücken, der sich mit dem ganzen zu ihm gehörigen angebauten und

freien Platze über einen Raum von vier Morgen Landes ausdehnt.

Am Abhange des Hügels, auf welchem der Pallast der brittischen

Gesandtschaft stund, ziehen sich die Reihen der türkischen Grabstätten,

bepflanzt mit hohen Zypressen hin, deren ernstere Form nach unten, im

Thale der Kürbisgärten (Dolma-Backtsche) in die freundlichere der hier

immer reichlich grünenden Gartengewächse übergehet. Namentlich gewährt

ein Kaffeehaus, das am westlichen Saume der Vorstadt liegt und welches,

wie so viele andre in Pera befindliche, ganz in französischer oder

italienischer Art eingerichtet und bedient ist, eine liebliche Aussicht

über die angränzende Landschaft. An der andren, östlichen Seite des

Hügelsattels, auf dessen Länge die Vorstadt sich hinzieht, in der Nähe

der dortigen Gesandtenwohnungen ist die Aussicht hinüber nach der

Hauptstadt und zunächst nach den Gebäuden des neuen Serai's am besten

zu gewinnen. In jedem Falle müßte man, wenn man anders der schönen

Aussicht begehrt, dahin trachten, während des Verweilens in Pera nicht

in der Mitte der engen Gassen, wo dennoch einige der besuchtesten

Gasthäuser stehen, sondern an einer der freieren Seiten zu wohnen.

Der Zypressenhain der Grabstätten, der an unsre Wohnung angränzte, zog

uns oft hinab zu Spaziergängen in seinem Schatten. Mehr jedoch als

diese Nachbarschaft zog eine andre unsre Neugierde an, das war die

der ~Tanzhalle der Mewlewis~, in welcher die Derwische dieses

Ordens wöchentlich zweimal, am Dienstag und am Freitag jene mystischen

Sphärentänze beginnen, die als ein uraltes Erbgut der Geheimlehren

der Väter zu den jetzigen Verehrern des Islam gekommen sind. In der

Mitte der Halle sitzt der Scheich, der den Tanz mit dem Spiele der

Flöte begleitet, um ihn tanzen einzeln, um sich selber sich drehend und

so den Umkreis beschreibend die Derwische, langsam, mit feierlicher

Geberde. Oder auch es beginnt der in der Mitte stehende Führer des

Reigens, den ein Andrer seitwärts, außer dem Kreise Sitzender mit dem

Spiele der Töne belebt, die langsamen Umdrehungen, und die Uebrigen,

Einer und wieder Einer, dann Alle erbeben sich zum Wirbel des Tanzes,

der so gleichmäßig und kräftig ist, daß der Saum des Gewandes, wie

der einer Glocke oder fast radförmig ausgespannt, die Füße umkreiset.

Wenn bei solchen oder andren Aeußerungen einer Trunkenheit des innren

Sinnes der Ausruf »Huh« oder »Ja Huh« das heißt Jehovah, aus der Brust

der Tänzer sich hervorringet, dann erinnert dieser Zustand an jene

unwillkürlichen Ausbrüche einer Entzückung des sinnlichen Menschen, bei

welcher jene Kräfte von oben, die den Kreislauf des sichtbaren Seyns

und Wesens der Natur bewirken, in ihre Wogen ihn hinreißen, ohne daß

der freie Wille, der aus dem erkennenden Geist kommt, den Zügel des

Bewegens zu erfassen und dieses zu leiten vermag. Denn es giebt in der

Geschichte der menschlichen Natur eine zweifache Art der Begeisterung,

die eine ist die sinnliche, die man auch silenische, oder magnetische

und mystische nennen kann, die andre ist die prophetische. Jene, sie

möge durch silenische Berauschung oder magnetische Gewaltthätigkeit

oder mystische Ueberspannung hervorgerufen seyn, zeigt sich des

klaren Selbstbewußtseyns, der Selbstherrschaft des freien Willens,

öfters selbst der Rückerinnerung beraubt; sie stehet häufig in der

traurigen Abhängigkeit von dem Willen und Befehl andrer Menschen

oder von dem Einfluß leiblicher Elemente; auf die Bekräftigung des

wachen, selbstbewußten Willens, auf das Gedeihen und Wachsthum des

inneren Menschen hat sie nur selten entschiedene Einwirkung. Die

prophetische Begeisterung dagegen lässet dem Menschen das klare, wache

Selbstbewußtseyn und den freien Willen. Sie gebeut ihm zu reden und zu

thun, und er gehorcht, weiß es aber auch daß und warum er gehorcht und

genießet das Wohlbefinden, nicht nur der lieblich blühenden Rose oder

Lilie, die wie das Schlafende unter dem Herzen der Mutter von dem Geist

des Lebens durchwirkt wird, sondern jenes des Kindes, das die Mutter

beim Namen nennt und das ihre Worte versteht. Der Tanz der Sphären,

welcher die sich selber umkreisende und zugleich die Bahn um die

Sonne beschreibende Bewegung der Planeten unwillkührlich nachbildete;

derselbe, den wir bei den jetzigen Mewlewis-Derwischen finden, war

ein geheiligter Gebrauch bei den Indern (wo Chrishna als Scheich den

Reigen begann) und bei den alten Persern; er war ein Hinstarren mit

unverwandtem Blicke und ein unwillkührliches Nachahmen der Bewegungen

Dessen, das den Heiden der anziehende Mittelpunkt der Verehrung und

das Hochheilige war: der Sonne, der Königin des Tages, der Führerin

und strahlenumgränzten Lyra des Reigens und des harmonischen Bewegens

der Gestirne[76]. Den zuschauenden Moslimen erscheinen deshalb diese

Bewegungen, welche, nur schneller sich wiederholend, jener der

Sonnenblume gleichen, so ehrwürdig, daß ein (christlicher) Reisender

des vorigen Jahrhunderts, nach Stephan Schulze, aus der Gefahr vom

fanatischen mohammedanischen Pöbel gesteinigt zu werden, sich dadurch

rettete, daß er sich (ich mag nicht sagen, ob das recht und wohlgethan

war) gleich den Mewlewis-Derwischen um sich selber tanzend drehete.

Denn alsbald riefen die Alten, die dem Unfug der jungen Fanatiker

bisher ruhig zugesehen hatten: lasset diesen unverletzt, er ist ein

heiliger Mann. --

In der Nähe der Mewlewis-Tanzhalle war auch das Grabmal ~Bonnevals~

jenes vormals berühmten Franzosen, der noch nicht zufrieden mit dem

äußern Glücke, das ihn bis zum Range eines österreichischen Generals

unter Eugen hatte steigen lassen, durch Verläugnung des Glaubens seiner

Väter da im Reiche der Osmanen ein noch größeres Glück zu erkaufen

suchte. Er starb hier als Chef des Bombardier-Corps.

Pera war in der Zeit, da wir unter seinen Dächern verweilten, von jenen

Bewohnern verlassen, welche sonst der Mittelpunkt seines Verkehres und

innern Lebens sind: von den Gesandten der christlich europäischen Höfe.

Diese hielt, theils die noch immer fortwährende Hitze des Spätsommers,

welche in diesem Jahre noch kein Regenguß der Herbstnachtgleiche

abgekühlt hatte, theils auch jene Zerrüttung, welche der heftige

Ausbruch der Pest in den Verkehr mit der Hauptstadt gebracht hatte,

noch auf ihren Landsitzen, namentlich in Bujukdereh zurück. Dennoch

boten sich uns, auch schon aus dieser Entfernung von jenen Inhabern,

nicht nur der Macht, sondern auch der Güte der Herrscher der

christlichen Heimath wohlwollende Hände, von denen ich nachher noch

reden will. Unter den anwesenden Bewohnern der pilgerlich-heimathlichen

Vorstadt erfreuten uns die Herren Brown und Goodel, Schneider und Mühr

durch ihre Bekanntschaft, und ein Mitpilgrim durch viele Gegenden der

Erde, dem wir später noch mehrmalen begegneten, Herr Leewes, näherte

sich uns hier zum ersten Male.

Ehe ich jedoch mehr von dem reden darf, was uns hier während der

schnell vorübergehenden Pilgerschaft in der Nähe von Constantinopel

begegnete, muß ich zuerst weiter fortgehen in meiner Beschreibung der

Vorstädte und des benachbarten Landes.

~Topchana~ ist der dritte Theil jenes Dreiblattes, das die

Vorstädte der Halbinsel von Galata bilden, denn es liegt am Ufer des

Meeres, nachbarlich neben Galata, welches durch das Topchana-Thor

(Topchana-Kapussi) mit ihm verbunden ist, und zieht sich hinter

den Mauern von Galata am Bergabhange hinan gegen Pera, mit welchem

es auf der Anhöhe zusammengränzt. Schon der Name Top-Chane, d. h.

Kanonenbehaußung, deutet die Bestimmung dieser Vorstadt an: eine

Mutter- und Werkstätte der groben Geschütze zu seyn, auf deren

Macht und Menge die Herrscher des Osmanischen Reiches seit Mohammed

+II.+ sich fortwährend so viel zu gute thaten. Denn seitdem zuerst

Orban, der ungarische Stückgießer, den Hang dieses Städtebestürmers

und Eroberers zu ungeheuern Kriegsgewehren geweckt und genährt hatte,

war es eine der ersten Bauunternehmungen des Sultans, daß er gleich

nach der Eroberung von Constantinopel eine außerhalb den Mauern

von Galata gelegne christliche Kirche sammt dem zu ihr gehörigen

Kloster in eine Stückgießerei verwandeln ließ. Zwar von dieser

ältesten Anlage des Gebäudes, welches das Entstehen der Vorstadt

Topchana bewirkte, haben die Feuersbrünste, namentlich des vorigen

Jahrhunderts und die hierdurch veranlaßten neuen Aufbaue, so wie

die vielen späteren Erweiterungen nur wenig übrig gelassen; dagegen

hat sich fortwährend die rege Theilnahme der osmanischen Herrscher

für diese wichtige Anstalt erhalten, deren innre Einrichtung und

Leistungen als großartig ins Auge fallen. Der jetzige Großsultan hat

zur Verschönerung dieser Vorstadt der Stückgießer Vieles beigetragen,

namentlich durch den Aufbau seiner neuen, prachtvollen Moschee und

des überaus zierlichen Brunnenhauses. An die Stelle der vormaligen,

aus Persien nach Constantinopel und seiner Umgegend gekommenen

Fayance-Werkstätten scheinen jetzt andre von sehr untergeordnetem

Range, namentlich die Pfeifenkopffabriken getreten zu seyn. Eine

solche Menge dieser vergoldeten und unvergoldeten rothen, thönernen

Pfeifenköpfe wie in Topchana sahen wir nirgend sonst beisammen. --

Schon bei unserm erstmaligen Besuch dieser Vorstadt und bei unserem

Hinaufgehen durch ihre Gassen gegen Pera hin setzte uns der Anblick

der großen Menge der verwilderten Hunde in Verwunderung, als wir aber

später einmal am Abend, bei der Zurückkehr aus Bujuckdereh den Weg

durch Topchana nahmen, hätte sich jenes Staunen fast in Furcht und

Schrecken verwandelt, denn nur mit Mühe und großer Vorsicht entgiengen

wir den Zähnen dieser bissigen, namentlich den Fremden sehr aufsäßigen

Thiere, die schon manchem Europäer seine Kleider zerrissen und ihn

verwundeten, zuweilen auch, in abgelegenen Gegenden der Stadt wehrlose

Wanderer umbrachten. Auf der Höhe des Hügels, ober Topchana, war auch

vormals jene merkwürdige unterirdische Sternwarte des türkischen

Astronomen Ali Kuschdschi, ein 105 Ellen tiefer Brunnen, der unter

Murad +IV.+ verschüttet ward.

Größer an Umfang als Galata, obwohl nicht so wie dieses von Mauern

umgeben ist ~Skutari~, das alte Chrysopolis, das auf der auch hier

noch durch höhere Naturschönheit ausgezeichneten asiatischen Küste

des Bosporus liegt. Sein eigentlicher Name, Uskudar bedeutet auf

Persisch Postbothe und mag wohl aus derselben Zeit stammen als der

Name Chrysopolis oder Goldstadt, den der Ort erhielt, weil hier die

Perser während ihrer Herrscherzüge in Europa die erbeuteten Schätze und

Abgaben der unterworfenen Völker aufhäuften. Noch jetzt ist Skutari

die erste Poststation von der Hauptstadt des Reiches aus in Asien, der

Sitz eines Molla's oder Gerichtspräsidenten, dessen Obergerichtsbarkeit

alle Ortschaften an der asiatischen Seite des Bosporus untergeordnet

sind. Von ferne her gesehen macht Skutari einen imposanten Eindruck

aufs Auge durch die Krone des mächtigen Zypressenhaines der den

Hügelabhang oberhalb der mit ihren Moscheen und Minare's prangenden

Vorstadt bedeckt (m. v. S. 156). Dieser Zypressenhain, welcher die

größte Gräberstätte der Hauptstadt und ihrer asiatischen Nachbarküste

beschattet, erstreckt sich über einen fast 1½ Stunden langen Raum;

ober demselben erhebt sich der Berg ~Bulgurlu~, dessen entzückend

schöne Aussicht Einheimische wie Fremde zu seinem Besuche anlockt.

Der alte Name des Berges ~Damatrys~, scheint nach ~J. v. Hammers~

Vermuthung (a. a. O. +II.+ 338) freilich in sehr verwandelter Gestalt

die Benennung der beiden auf dem Gipfel liegenden Dörflein: Groß- und

Klein-»Dschamlidsche« erzeugt zu haben, an deren vortrefflichem Wasser,

Kaffee und allerhand Süßigkeiten die Besuchenden aus der Hauptstadt

sich erquicken. Denn in der günstigen Jahreszeit vergeht selten ein

Tag, wo nicht mehrere der mit Ochsen bespannten Wägen, befrachtet

vornämlich mit verschleierten Frauen und ihren Kindern, den Berg

hinanfahren und oben im Schatten der Bäume den bewegten Lebensstrom

der Luft in und mit sich walten lassen. Das Gefühl, das den Wandrer

an solchem hehren Orte, bewegt von den Kräften des waltenden und

erhaltenden Lebensgeistes, dessen Odem auch durch die Sichtbarkeit

hindurchwirket, erfasset, ist ein ähnliches als jenes, das die häufig

an den Denksteinen zwischen den Zypressen vorkommende Grabschrift

wecket: +Ena Lillahi we ileihi radschiune+, d. h. »wir sind Gottes

und zu Gott kehren wir zurück«[77]. Die Vorstadt Skutari zeichnet

sich durch ihre breite, schöne Hauptstraße und mehrere prachtvolle,

öffentliche Gebäude aus. Die hiesige, von Sultan Selim angelegte

türkische Druckerei hat Manches zur Begründung und Verbreitung

gemeinnütziger Kenntnisse unter den Osmanen beigetragen; eine ebenfalls

berühmte Druckerei von ganz andrer Art: die Kattundruckerei der

Armenier wetteiferte zu gleicher Zeit mit den ähnlichen Unternehmungen

der westeuropäischen Länder. Ein Gegenstand der Beachtung für viele

Reisende, ist besonders seit ~Clarkes~ und noch mehr durch ~J. v.

Hammers~ genauer Beschreibung das Kloster der ~Rufaji Derwische~

geworden (genannt nach dem von den Moslimen für heilig gehaltnen Said

Achmed Rufai). Die Gebete dieser Derwische sind nicht bloß Andachts-,

sondern zugleich Leibesübungen zu nennen, denn nach einem ruhigeren

Anfange derselben steigert sich die Sinnentrunkenheit allmählig zu so

raschen, wilden Bewegungen des abwechslend vorwärts geneigten, dann

gerade stehenden, dann rückwärts gebognen oder auch rechts und links

sich neigenden Körpers, daß das Auge der Zuschauer kaum ihnen zu

folgen, das Ohr die einzelnen Silben des Gebetes »La-i-lah-il-la-lah«

nicht mehr zu unterscheiden vermag, sondern nur noch ein tobendes

Il-lah hört, abwechslend mit dem Ausruf des Entzückens: »Ja-Huh.« Das

stöhnende Geschrei dieser im Eifer ihrer »Andacht« Rasenden begleitet

indeß ein lieblich tönender Choral, welchen zwei gute Sänger in

feierlichem Takte absingen; es ist meist die »Borda« das Lobgedicht

auf den Propheten oder irgend ein andres Lied zum Preis der Gläubigen

des Islams. Nebenbei unterhalten dann auch noch die Derwische die

Zuschauer mit allerhand gaukelspielerischen Versuchen, wodurch sie ihre

Unverletzlichkeit durchs Feuer zu bezeugen suchen, indem sie glühende

Kugeln und glühende Eisen anfassen und in den Händen bewegen.

Auch noch eine Erwähnung der so viel gepriesenen und besungenen

~Prinzeninseln~, welche weiterhin im Propontis, an der asiatischen

Küste liegen, glauben wir dem Leser schuldig zu seyn. Ihr alter Name

»~Daimonnisoi~« wurde, wie ~v. Hammer~ bemerkt, in den jetzigen

verwandelt, weil diese so schönen Eilande während der Zeiten der

byzantinischen Herrschaft ein Verbannungs- und Verwahrungsort so vieler

für den Purpur des Fürstenstandes Geborenen und Erzogenen, so Vieler

Herren und Großen des Reiches waren. Man zählt neun dieser Inseln, die

man beim Hinaus- oder Hereinfahren in und aus dem Propontis, so wie

schon von den erhöhten Punkten der Hauptstadt, noch besser aber vom

Bulgurluberge überblicken kann. So schön sie auch sind, so weckt doch

zugleich fast jede von ihnen Erinnerungen des Abscheus oder der Trauer.

Denn im gewesenen Klostergebäude auf ~Prote~ (jetzt Kinaliadassi), der

am nächsten herüber nach der Stadt gelegnen Insel, starben die Kaiser

Romanus der Erste und vier Menschenalter später Romanus Diogenes im

Elend, der letztere mit ausgestochnen Augen, an deren wunden Höhlen die

Würmer nagten. Auf ~Antigone~ (jetzt ~Baghatsli ada~) schmachtete der

h. Methodius, der Maler und kräftige Beschreiber der Gerichte Gottes,

sieben Jahre im Kerker, und in einem spätern Jahrhundert verzehrte hier

den entthronten Kaiser Romanus Lacapenus und seinen Prinzen Stephan das

Heimweh nach den gewohnten Freuden des Thrones, Deren sie der eigne

Sohn und Bruder, Constantin, der im Purpur Geborene beraubt und sie

hieher verbannt hatte. Die lieblichste unter allen Prinzeninseln ist,

durch ihre Naturschönheit ~Heibeli adassy~, deren alter Name Chalkitis

oder auch der nachher auf die ganze Gruppe übertragene Demonesos war.

Alleen von Zypressen, Gruppen von Terebinthen und Pinien, Gärten

voll von Feigen und andern Fruchtbäumen, hin und wieder dickstämmige

Platanen zieren dieses Eiland, das von dreieckigem Umrisse ist und

drei Hügel hat, auf deren jedem ein griechisches Kloster stehet. In

älterer Zeit wurde auf Chalkitis, das hiervon diesen Namen erhielt,

ein Kupferbergbau betrieben. Hier wie auf den andern Prinzeninseln

verübten die rachsüchtigen Schaaren der Venetianer im Jahr 1302 an den

Bewohnern wie an den armen dem Schwert der Perser hieher entflohenen

christlichen Pelopythiern große Gräuel, so daß damals auch diese schöne

Insel ein Ort der Seufzer und des Jammers war. Die flache, öde Insel

~Plate~ erinnert an Michaël Rhangabes, der mit seinen Söhnen hieher

(im J. 813) verbannt ward, wo er unter dem Namen Athanasius 32 Jahre

lang im Kloster lebte; die noch trauriger aussehende kleine Felseninsel

~Oxeia~, an den hier gebornen und hieher verbannten frommen Patriarchen

Michaël Oxyta; ~Pyti~, an den unter Zeno im J. 477 hieher verbannten

Unruhestifter Petrus Knaphäus. ~Antirobidos~ und ~Niandro~ sind bloß

nackte, von Kaninchen bewohnte Meeresklippen, welche nur etwa für

Liebhaber dieser Jagd einen anziehenden Reiz haben, dagegen ist die

Chalkitis gegenübergelegne große Prinzeninsel, die bei den Türken

~Kisil ada~, rothe Insel, bei den Griechen und Franken ~Prinkipo~

heißt, die vielbesuchteste von allen. In dem Thale, welches zwischen

zwei Reihen von Hügeln das gegen drei Meilen lange Eiland durchsetzt,

vermählt sich die vollwüchsige Rebe mit der Zypresse; Feigen und

Granaten und am Hügelabhang hinan Waldungen von Oelbäumen wechslen mit

Gärten der andern Obstbäume und der Gemüse. Der Reiz dieses fruchtbaren

Thales und der quellenreichen, grünenden Schluchten wird durch den

Anblick der Felsenwildniß im Süden der Insel nur noch mehr erhöht.

In einem Kloster dieser Insel, das sie selber erbaute, lebte Irene,

die große Kaiserin, die Zeitgenossin Carls des Großen wie Harun al

Raschid's in der Verbannung; späterhin traf hier dasselbe Loos Zoë, die

Gemahlin Michaëls +V.+, und noch später Anna, die Mutter der Comnenen,

welche mit ihren Töchtern in dieses Kloster verschlossen ward. Anjetzt

mag diese schöne Insel manchem Wandrer, welcher die edleren, reineren

Freuden aufzusuchen weiß, deren Quellen hier neben dem klaren Wasser

aus den Felsen strömen, ein Verbannungsort seiner Sorgen und mancher

trübender Erinnerungen werden.

Während sich das Auge der meisten andern Reisenden dem ruhigen Genusse

jenes Totaleindruckes hingeben darf, welchen es beim Anblick der

herrlichen Umgegend von Constantinopel empfängt, muß der Freund der

Natur an das seinige noch andre Ansprüche machen: sein Auge soll

die einzelnen Fäden beachten und bezeichnen, woraus das Gewebe des

Totaleindruckes einer Gegend zusammengefügt ist. Wie gern hätte ich

dieses Berufsgeschäft auch bei Constantinopel treulich geübt, wenn

mich nicht nur zu bald das Loos der Gefangenen auf den Prinzeninseln

getroffen hätte: eine Verbannung aus der schönen, freien Natur in

den engen Raum des Zimmers, nicht zwar durch Tirannengewalt, wohl

aber durch Krankheit. Wer sollte es meinen, daß man in solchem heißen

Lande und bei solch heißen Tagen der beständigen Gefahr der Erkältung

ausgesetzt sey, und daß gerade dieses die größeste sey, welcher die

Gesundheit des Fremdlinges in diesem Lande unterliegt. Während sich in

der lieben, jetzt so weit entfernten Heimath die Cholera zuerst regte,

mußte auch ich, wenn auch nur einige Tropfen aus dem Becher ihrer

Schmerzen und ihres Wehes kosten, den sie um diese Zeit den Bewohnern

Münchens reichte. Als Folge einer mehrmaligen Erkältung, besonders

bei Gelegenheit einer abendlichen Fahrt auf dem Bosporus, nach einer

Fußwanderung in der Hitze des Tages über Berg und Thal, hatte ich mir

Uebel zugezogen, welche leichten Anfällen der Cholera glichen. Dennoch

behielt ich der Stunden und Tage noch mehrere, an denen ich kräftig

genug war herum zu wandern und zu sehen, um so mehr, da die Stimme des

Wehes sich gewöhnlich bloß in der Nacht vernehmen ließ und während der

heißen Stunden des Tages verstummte.

Den einen der gesünderen Tage benützte ich, in Gesellschaft meiner

jungen Freunde und des Herrn Mühr zu einer naturhistorischen Wanderung

in die nördlich von Pera gelegne Landschaft, aus der wir uns dann

herabbegaben nach den Ufern des Bosporus und nach dem lieblich gelegnen

Bujukdereh. Um zuerst über das Felsengeripp der Landschaft Einiges

im Vorübergehen zu bemerken, so zeigt sich im Norden der Halbinsel

von Pera an mehrern Punkten der Thonschiefer; weiterhin gegen den

Bosporus und am Saume von diesem treten häufig die Felsarten des von

Werner sogenannten Flötztrappes: Wacke, basaltischer Mandelstein,

Porphyrschiefer und Basalt auf; bei Sarijari, jenseits Bujukdereh ein

eisenschüßiger Quarz mit eingesprengten Schwefelkies-Krystallen. Aus

den Bergen, die sich am Propontis auf der asiatischen Seite erheben,

sahen wir Bausteine von bläulichgrauem Kalk; auch die Felsart des

Riesenberges ist Kalk. Am nördlichen Verlaufe des Bosporus zeigt

sich an beiden Ufern eine Breccie mit eisenthonigem und quarzigem

Bindemittel, häufig von Chalcedongängen durchschwärmt; zu der schönen

Gruppe von Basaltsäulen bei Yum Burnu nahe bei der äußern Mündung

des Bosporus ins schwarze Meer, so wie zu den Höhlen der Bucht

von Cabacos konnten wir nicht kommen; wir verweisen hierüber auf

~Andreossy's~ und ~Walsh~ Beschreibung[78]. Noch immer liefert die

Umgegend von Constantinopel und dem Bosporus in Menge jene Steinart,

welche von Chalzedon (gegenüber dem alten Byzanz), ihren Namen hatte:

den Chalzedon, der sich am Bosporus öfters in Kugeln findet, außer

demselben Carneol, Achat und Jaspis von verschiedenen Farben.

* * * * *

Die langanhaltende Dürre hatte uns nur wenig blühende oder grünende

Pflanzen übrig gelassen; über die Hochebene hingehend hatten wir zur

Rechten wie zur Linken nur ein verödetes Erdreich, da nur wenig Pflügen

und Ernten ist, denn der Kornbau ist, besonders auf der europäischen

Seite, so unbedeutend, daß der Landbauer den ganzen armseeligen Ertrag

seiner Ernte auf dem Rücken der Lastthiere oder in wenig kleinen

Wagenladungen zur Tenne führt. Am Abhange der zur Schaafweide benützten

Hügel wie auf der unbebauten Ebene zeigte sich in Menge die ~stachliche

Bibernelle~ (+Poterium spinosum+), an einigen Stellen prangte die

baumartige Heide (+Erica arborea+) mit ihren Blüthen; die Beeren des

Machmudistrauches (+Osyris alba+) fiengen an sich zu röthen; das

Blumenrohr (+Spartium junceum+) trug, statt der lieblich duftenden

Blüthen schon dürre Hülsenfrüchte, auch die schöne strauchartige

Phlomis (+Phlomis fruticosa+) war schon verblüht. Auffallend ist

auf solchem dürren, heißen Boden die Menge der stachlichen oder

hakrig-borstigen Gewächse, denn da zeigten sich die gemeine Stechwinde

(+Smilax aspera+)[79], der Mäusedorn (+Ruscus aculeatus+), der

Judendorn (+Zizyphus Paliurus+), häufiger aber als alle diese der

gemeine Bürzeldorn (+Tribulus terrestris+) und die hakrig-borstigen

Echien (+Echium italicum+, +violaceum+ u. f.). An einer felsigen Stelle

nach dem Meeresufer hin fand sich der hakige Tragant (+Astragalus

hamosus+), in den buschreichen Schluchten der Erdbeerbaum (+Arbutus

Unedo+), die türkische Haselnuß (+Corylus colurna+ auf türkisch

+Jaban Fonduk+), die gemeine Mispel (+Mespilus germanica+) und Quitte

(+Cydonia vulgaris+ auf türkisch +Jaban Aiva+, d. h. wilde Quitte), die

Kermes- und Färbereiche (+Quercus coccifera+ und +infectoria+), so wie

der Granatapfel und (meist nur strauchartig) der Mastixbaum (+Pistacia

Lentiscus+).

* * * * *

Da wir hier einmal bei der Pflanzenwelt von Constantinopel verweilen,

richten wir auch einen Blick auf die Gewächse der Gärten und Felder.

Es war eben die Zeit der Reife der Trauben (auf Türkisch +Uzum+,

unter denen die gewöhnlichste, weiße Sorte die Traube des Landes

(+Jeri Uzum+), süß und lieblich; die röthliche +Altin Uzum+ unsrer

Muskatellertraube verwandt, die goldfarbige +Gradina+ am meisten

geachtet ist. Die Gärten sind reichlich mit Arten der Kirschen

(+Chiress+), Weichseln (+Vischene+, daraus der gleichnamige kühlende

Trank), Aprikosen (+Kaissi+), Pfirsichen (+Schiefteli+), Birnen

(+Armud+), Aepfeln (+Alma+), Mandeln (+Badem+), schwarzen Maulbeeren

(+Kara Dul+) und andern, auch bei uns vorkommenden Obstsorten versehen;

beliebt ist bei den Osmanen auch die von ihnen sogenannte Traube der

Franken (+Frenk-Uzum+) d. h. unsre saure Johannisbeere. Aber neben

all diesen Gewächsen der Heimath findet der deutsche Reisende hier

auch Bäume, mit reifen Früchten, die er in den gewöhnlichen Gärten des

Vaterlandes kaum jemals kostete: wie die Dattelpflaume (+Diospyros

Lotus+, auf Türkisch +Kurmasi+), die Frucht des schmalblättrigen

Oleaster (+Elaeagnus angustifolius+, auf Türkisch +Igidè+), die

wohlschmeckende Jujubenbeere (+Zizyphus Lotus+ und +Jujuba+), so wie

als Gartengesträuch den eßbaren Hibisch (+Hibiscus esculentus+),

dessen schleimige Frucht +Bamia+ genannt hier zu Lande gekocht und als

Gemüse verspeist wird. Ueberhaupt findet man in Constantinopel gar

manches undeutsche Gemüse, wie die Früchte mehrerer Arten von Solaneen

oder Nachtschatten (+Solanum pomiferum+, +Melongena+) mit ihnen auch

die eckelhaften Brunstäpfel oder +Pommes d'amour+: die Früchte des

auf meine Natur immer wie ein Gift wirkenden +Solanum Lycopersicum+.

Dagegen gewähren einen angenehmern Zusatz zu den Speisen, vornämlich zu

den Zucker- und Honigkuchen (+Helva+ genannt) die Saamen des Sesams.

Von Blumen liebt der Osmane vor allen die von greller Farbe wie

+Tagetes patula+ (auf Türkisch Kadisè Tschitscheghi d. h. Sammtblume),

die bunte großblumige Rosenpappel (+Alcea rosea+), welche er die Rose

Fatime's (Gul-Fatime) nennt, aber auch die sanfte, blaue Passionsblume

(auf Türkisch Rad des Himmels: »Schiark-Feleki«). Seine Geruchsnerven

können nicht so empfindlich seyn wie jene des Italieners, denn in

großer Menge wurde in dieser Jahreszeit die starkduftende Tuberose

(+Polyanthes tuberosa+ hier »Teber« genannt) in den Gärten gebaut und

in die Harems verkauft.

Auch von der einheimischen Thierwelt bekamen wir während unsers

Aufenthaltes in Constantinopel nur wenig zu sehen. Der Wolf wie

der »Tschakal« (+Canis aureus+) sollen sich, der letztere zu

allen Jahreszeiten, der erstere vorzüglich im Winter in der Umgegend

der Hauptstadt aufhalten; der Zlepez (+Spalax typhlus+), die

Zieselmaus (+Spermophilus Citillus+) und der Jerboa (+Dipus

sagitta+) bewohnen mit dem gemeinen Maulwurf die Untertiefungen

jener Auen und Felder, auf denen der Hase, der jetzt fast allgemein

von den Türken genossen wird, in Menge gesehen wird. Der Gesang der

Vögel an den Felsen und in den Gärten war verstummt; doch sahen wir

den beliebtesten Sänger dieses Landes: die Blaudrossel (+Turdus

Cyanus+ auf Türkisch Felsennachtigall oder Kaja-Bulbul) und auf

den Feldern die Spinoletta und Calandra-Lerche; von Schildkröten

giebt es die allbekannte griechische (+Testudo graeca+); unter

den Fischen des Bosporus erschien uns am interessantesten der

Schwertfisch (+Xiphias gladius+, auf Türkisch »Chilik«), dessen

Fang im July und August, wo er in ganzen Zügen den Canal passirt, von

Wichtigkeit ist; unter den Insekten interessirten uns namentlich der

auch in den ungarischen Weinbergen lebende Großkopfkäfer (+Lethrus

Cephalotes+) so wie der Fingerkäfer (+Scarites+) und die

Arten der Fangheuschrecken (+Mantis+), deren Wachsthum jetzt

eben vollendet war; unter den Süßwasser-Conchylien, die meine jungen

Freunde fanden, war die schönste die Hainschnirkelschnecke (+Helix

lucorum+) aus Skutari[80].

Doch es ist Zeit, daß wir aus diesem bacchantischen Herumschwärmen

neben den zerrissenen Gliedern der thrazischen Natur, die im Frühling

so hehr und reich, in der dürren Zeit des Spätsommers und Herbstes so

arm ist, zurückkehren und wieder zu uns selber kommen. Die Fußreise

über die Landschaft der Halbinsel von Pera, endete, wie ich schon

vorhin erwähnte, in dem lieblichen Bujukdereh. Hier war mir noch der

größte Genuß und die reichste Ausbeute dieses Tages aufbehalten:

die persönliche Bekanntschaft so wie das Wiedersehen mehrerer hier

wohnenden durch Stand wie durch geistigen Werth hochgestellten

Franken. Zwar den hochverehrten Herrn ~Grafen von Königsmark~,

Königlich Preußischen Gesandten, der mir während meines Aufenthaltes

in Constantinopel so viele Beweise seines Wohlwollens gab, fand

ich heute nicht, sondern lernte ihn erst am folgenden Tage in Pera

kennen, dagegen fand ich im Pallast der russischen Gesandtschaft

einen theuren Freund wieder, den ich schon in München kennen lernte,

den Legationsrath ~Baron von Titoff~ und an Sr. Excellenz dem

Kaiserlich-Russischen Gesandten, ~Grafen Boutenineff~ einen

neuen Gönner, dessen wirksame Empfehlungen mir von hier an auf meiner

ganzen, weitern Reise durch das Morgenland von größtem Nutzen waren.

Doch vor allem, mit der innigsten Rührung der Dankbarkeit, gedenke der

genußreichen Stunde, die mir im Pallast des k. k. österreichischen

Herrn Internuntius, ~Baron von Stürmer~ vergönnt war. Das Gefühl

des innren Wohlseyns und der Heimathlichkeit, das mich in der Nähe

dieses ausgezeichneten Staatsmannes und seiner huldvollen Gemahlin

erfüllte, ist ein Gastgeschenk das wohl Jedem zu Theil wird, der für

den Geist, welcher in dieser reichbegabten Familie herrschet, offnen

Sinn hat: denn hier wohnen die Kräfte einer hohen Bildung mit den Gaben

eines gütigen, menschenfreundlichen Herzens in Frieden beisammen.

Außer der wohlthuenden Erinnerung, die ich an jenes theure Haus mit

mir auf meinen weitern Weg nahm und welche mich nie verlassen wird,

begleiteten mich noch gar viele andre, kräftige Zeichen des Wohlwollens

des hochverehrten Herrn Internuntius. Namentlich fand ich in Folge

seiner freundlichen Empfehlungen an die k. k. Oesterreichischen

General-Consulate zu Smyrna und Alexandria, überall freundliche

Zuvorkommenheit und gebahnten Weg für meine Reisepläne. Einen großen

Genuß gewährte mir auch die persönliche Bekanntschaft der k. k.

Herrn Interpreten Freiherrn v. Testa, v. Kletzl und R. Steiner, die

ich noch öfter in Pera sahe und die mir unvergeßliche Beweise ihrer

freundschaftlichen Gesinnung gaben.

Der Tag hatte sich schon ziemlich geneigt, da wir ins Boot stiegen und

die Heimkehr, hinab auf dem Bosporus antraten. Ein frischer Nordostwind

bewegte das Wasser mächtig; unsre Ruderer ersuchten uns, daß wir von

den Bänken herab auf den Boden uns setzen möchten, dennoch schwankte

das Fahrzeug gewaltig und die hochgehenden Wogen ergossen sich so

reichlich über seinen Bord, daß unsre Kleider ganz durchnäßt wurden.

Doch diese Beschwerden minderten sich sehr, da wir aus der breiteren

Bahn des Meeresstromes jenseits Kenikoi in den Schutz der hohen Ufer

kamen. Zu dem erhabenen Schauspiel, welches unsrem Auge das hochbewegte

Meer gab, gesellte sich jetzt jenes der Liebreize und Segnungen, die

sich hier über Berg und Thal ergießen. Ehe wir indeß den Hafen von

Topchana erreichten, war das Dunkel der Nacht schon eingebrochen und

mit Mühe den Bissen der Gassenhunde entronnen, gaben wir uns in dem

gastlichen Pera ganz dem angenehmen Gefühl des Ausruhens nach einem für

uns so reichen Tage hin.

Das gute Pera war mit jedem Tage uns lieber geworden, durch die Liebe

und Güte der Freunde, die wir hier gefunden hatten. Denn außer den

schon genannten Wohlthätern und Freunden hatten wir hier den theuren

~Fielstedt~ getroffen, dem wir auf dieser Reise bald wieder begegnen

werden; durch ihn so wie durch Briefe aus der Heimath ward uns die

Bekanntschaft und Annäherung an die Herren ~Leeves~ und ~Renger~,

~Goodel~, ~Brown~ und ~Schneider~ gewährt, und die Herren ~Lafontainee~

und ~Deshayes~ bezeugten uns Fremdlingen eine theilnehmende

Freundlichkeit, welche unsrem Gemüth, das so gerne der fremden Liebe

sich freut, für immer werth bleiben wird.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Erster Band · 第 7 / 12 题