im wohlversorgten Fahrzeuge so sicher ist, daß der größte Theil der
Damen, welche gleich uns auf der Pannonia sich einschiffen wollten (es
waren meist Engländerinnen) ihn vorzogen. Denn obgleich auf der Fahrt
durch den eigentlichen Engpaß des eisernen Thores das Schifflein fast
wie auf stürmischem Meere bewegt wird, obgleich die Brandung an den
Felsenmassen, die aus dem Strom hervorstehen und das laute Tosen des
abstürzenden Wassers, so wie die vielen Wirbel bei der Insel Balmi, in
der Nähe des serbischen Dorfes Sip (man zählte sonst ihrer 23) einen
gewaltigen Eindruck auf die Sinnen machen, darf man dennoch, besonders
seit den Sprengarbeiten des Jahres 1834, ohne alle Furcht sich der
Betrachtung der hehren Felsenpforte hingeben, durch welche der mächtige
deutsche Strom hinaustritt in das Land des Ostens. Die Länge des
Engpasses beträgt 7200 Fuß, die Breite der Strombahn gegen 600, der
Fall des Wassers auf der ganzen Strecke 16 Fuß, die Geschwindigkeit
seines Fortbewegens fast 12 Fuß in einer Secunde. Bei dem Dorfe
~Sip~ werden, auf der rechten Seite der Donau, noch die Ueberreste
eines von den Römern angelegten, gemauerten Kanales bemerkt, durch
welchen es möglich wurde, die bedenklichsten Stellen des Engpasses
ganz zu umschiffen und auf diese Weise selbst die Aufwärtsfahrt an den
Catarakten zu erzwingen.
Das schöne, große Dampfschiff Pannonia, welches nahe bei ~Skela
Kladova~ vor Anker lag, mußte eigentlich einen größern anziehenden
Reiz für uns haben, als das armselige, wallachische Oertlein mit seinen
Lehmhütten. Da wir aber wußten, daß von dem Augenblicke an, in welchem
wir das in beständigem Verkehr mit dem rechten (türkischen) Ufer
stehende Fahrzeug beträten, der fernere Verkehr mit dem linken Ufer uns
versagt seyn werde, genoßen wir noch eine Zeit lang der Freiheit am
sandigen Ufer, unter dem langhaarigen Volk der Wallachen herumzugehen
und in ihre Hütten hineinzutreten, in denen man Kaffee und allerhand
andre Lebensmittel feil bot. Wir wurden jedoch dieser Unterhaltung
ziemlich bald müde und begaben uns freiwillig, indem wir die Pannonia
bestiegen, hinüber in den Fremdlingskreis des rechten Ufers, aus
welchem von nun an eine Rückkehr zur Heimath nur durch die Sühnanstalt
einer langen Quarantäne möglich war. Unser Dampfschiff ließ es übrigens
gleich vom ersten Augenblicke an den Reisenden sehr heimathlich in
seinem Innern werden. Das gemeinsame Aufenthalts- und Speisezimmer, wie
die Nebenkammern mit den reinlichen Betten waren hell und geräumig;
ein italienischer Koch versorgte auf seine vaterländische Weise den
Tisch und ergötzte die Schiffsgesellschaft während seiner freien
Stunden mit Guitarrespiel und Gesang; unter dem dienenden Personal war
ein Landsmann: ein Kellner aus Bayern.
Erst am Nachmittag war das Geschäft des Einräumens der Waaren
vollendet; das Dampfschiff begann seinen kräftigen Lauf und führte
uns in Kurzem zu den so viel besprochenen Resten der Brücke, welche
Kaiser Trajan nach seinem Siege über die Dacier durch den kunstreichen
Architekten Apollodorus Damascenus erbauen ließ. Dieses mächtige
Bauwerk ruhete auf 20 durch Bögen unter einander verbundenen,
steinernen Pfeilern, welche auf hölzernem Rost begründet waren. Nicht
die spätere Herrschermacht der Barbaren, sondern der Nachfolger des
Trajan selber, Kaiser Hadrian, ließ diese erste und bis auf unsre
Tage letzte Brücke, welche die untere Donau jemals getragen, wieder
zerstören, angeblich um den Uebergang der Geten über den Strom zu
hindern, nach einer andern Vermuthung des Alterthums aber aus Neid
über den Ruhm des Apollodor[38]. In unsern Tagen sieht man noch, bei
niedrigem Wasserstand, die Trümmer von 11 Pfeilern im Strome stehen;
auch am rechten Ufer haben sich zwei 18 Fuß breite Pfeiler und hier wie
am linken Ufer die Mauerreste der Brückenkastelle erhalten, welche aus
großen Quadersteinen erbaut und mit Ziegelsteinen überkleidet sind.
Der Brückenkopf des rechten Ufers hieß das +Caput bovis+ und hier in
der Nähe lagen ~Egeta~, so wie das stark befestigte ~Zanes~[39],
am linken Ufer war in der Nachbarschaft der Brücke die Stätte von
~Drubetis~ und von ~Amutrium~. Da wo einst diese so wie die Menge
der andern Städte und Burgfesten ein eisernes Netz der römischen
Waffenrüstungen bildeten, welches die Freiheit der alten Bewohner des
Landes umstrickte, wirft jetzt der Bewohner von ~Werbicza~ und ~Tikya~
seine Netzfallen und Harpunen zum Fange der Hausen aus, deren Caviar
und Fleisch von hier weithin stromauf- und abwärts verführt werden.
Der spätere Nachmittag und der vom Vollmond beleuchtete Abend waren
sehr genußreich. Das äußere Auge ruhete bald im Anblick des fruchtbaren
Hügel- und Berglandes des rechten (Serbischen) Ufers, bald auf der
getraidereichen Ebene der linken Seite oder auf dem stillen Spiegel des
Stromes; das innre Auge betrachtete, im reichen Lande der Erinnerungen
den Lauf eines andern Stromes, der nicht so still und ruhig, wie hier
die Donau, sondern mit verheerender Gewalt über diese Wüste der Völker
hereinbrach; den Strom jener Tausende aus Japhets-Stamme, welche
in den Zeiten der Völkerwanderungen aus den Ländern des Aufganges
herüberdrangen in die Wohnsitze ihrer vorangegangenen Brüder, damit
auch an ihnen die Verheißung erfüllt würde, daß sie wohnen sollten in
den Hütten Sems.
Der Mond schien so hell, und die Fahrt auf dem hier still und ruhig
gehenden Wasser ist, mit Ausnahme einiger leicht vermeidlichen
Sandbänke von so wenigen Hemmungen bedroht, daß unser Dampfschiff
auch während der Nacht seinen Lauf fortsetzte. Wir hörten noch
bis zu einer späten Stunde, auf dem Verdecke sitzend, dem Gesange
der neapolitanischen Volkslieder zu, mit welchem der gefällige
Schiffskoch uns vergnügte, dann begaben wir uns zur Ruhe und bald nach
Mitternacht folgte auch das Dampfschiff diesem Beispiele, indem es bei
~Widdin~ sich vor Anker legte.
Es war eine sehr gemischte Empfindung von erhebender Freudigkeit
und zugleich von einer sich hier in der Fremde fühlenden Scheu, mit
welcher wir am Sonntag den 25sten September beim Grauen des Tages
erwachten, als auf dem ganz nahen Minare der türkische Iman sein
lautes, wohlklingendes: »Gott ist nur Einer, Gott ist groß, Gott ist
allmächtig« sang. Ja, wir werden auch in diesem Fremdlingslande unter
dem Schutz und Schirm des Allmächtigen sicher wohnen und wandeln! --
Schon in einer der frühesten Morgenstunden traten wir, jetzt durch
keine Sanitätsmasregeln des linken Ufer mehr gehemmt und gebunden,
hinaus ans Land und ergiengen uns zum ersten Male in den Gassen und
Bazars einer türkischen Stadt. Ein wohlschmeckendes Frühstück war hier
schon für uns aufgestellt: die Menge der süßesten, wohlschmeckendsten
Trauben, und der in diesen Ländern gewöhnliche, aus Blätterteig
und dem Fleisch der Lämmerschwänze bereitete Kuchen. Widdin ist
eine ansehnliche Stadt, welcher ihre 25 Minares schon von fern ein
stattliches Aeußeres geben; die Zahl der Bewohner wird auf 25,000
geschätzt; unter ihnen sind einige tausend griechische Christen,
welche hier unter der Leitung eines Erzbischofes stehen und eine viel
besuchte Schule haben. So hat das alte +Viminacium+ als das
jetzige Widdin noch immer einen abendlichen Schatten jenes vormaligen
Glanzes erhalten den ~Procopius~[40] an ihr rühmt, so oft auch im
Verlauf der Jahrhunderte die Fluthen des verheerenden Krieges über sie
zusammenschlugen. Denn schon unter Bajasid +I.+ ward sie zweimal
(1394 und 1396) von den Türken eingenommen, und selbst die Heldenmühe
des Prinzen Ludwig von Baden, der sie am 6ten October 1689 der Hand
des Feindes entriß, trug für die christliche Herrschaft keine lang
dauernden Früchte des Besitzes. Die Insel, welche nahe vor der Stadt im
Strome liegt, beherrscht durch ihre Anhöhe die Stadt, und von dort aus
gelang es auch den österreichischen Geschützen im Jahr 1689 jene zur
Uebergabe zu zwingen.
Von Widdin aus, wo wir ziemlich lang anhielten, pflegt sich das
Dampfschiff allmählig mit türkischen Passagieren zu bevölkern, was
auch auf unsrer diesmaligen Fahrt, besonders im Verlaufe einiger der
späteren Tage geschahe. Diese, sobald sie das Schiff betreten und einen
Raum für sich und ihre Geräthschaften aufgefunden hatten, setzten sich
mit übergeschlagenen Beinen auf die am Boden hingebreitete Decke,
und schienen auf nichts zu achten als auf den aus der langen Pfeife
hervorgeathmeten Dampf. Man hätte diese neuen Bewohner unsres Vapore
selber für seelenlose Dampfmaschinen halten mögen, wäre an ihnen nicht,
wenigstens in den Stunden des Gebetes, das Walten einer Menschenseele
sichtbar geworden, deren innerstes Wesen in der Hoffnung eines Ewigen
bestehet. Denn wenn diese Stunden kamen, da verrichteten unsre
Moslimeer, ohne sich im Mindesten durch die Gegenwart der neugierigen
Fremden stören zu lassen, das Angesicht nach der Gegend von Mekka
hinwendend, die frommen Gebräuche ihrer Gebete und Waschungen,
und bezeugten hierdurch, vielleicht auf eine für manche Christen
beschämende Weise, daß Gott ihnen beachtenswerther und größer erscheine
als das Urtheil und Ansehen der Menschen.
Aber diese äußere, sich immer gleich bleibende Ruhe unsrer türkischen
Begleiter scheint auch ein bleibender Charakterzug jenes Landes zu
seyn, in das wir von hier an mehr und mehr hineintraten. Der Hochrücken
des nordistrischen Gebirges hat sich weit von dem linken Ufer des
Stromes zurückgezogen; dieser ist so breit und dabei so ruhig geworden
wie einer unsrer Landseen in der windstillen Zeit eines Sommertages,
nur die emporspringenden, mächtig großen Hausen rühren von Zeit zu Zeit
den stillen Wasserspiegel auf. Das rechte (südliche) Ufer des Flusses,
in dessen Nähe unser Fahrzeug großentheils blieb, ist bei weitem das
schönere; es ist ein fruchtbares Hügelland, geziert mit dem Gewand
des Südens. Denn in der Nähe der vielen Ortschaften, aus denen die
schlanken, weißen Minares hervorglänzen, zeigen sich hin und wieder
kleine Haine von Zypressen; den Bach im Thale beschattet die hohe
Platane; die Anhöhen bekleiden sich mit den Waldungen der immergrünen
Eiche; in den Gärten stehet, mit reifenden Früchten bedeckt, der
edle Lorbeer- neben dem Feigenbaum; die Gehänge der Hügel sind mit
Weinreben bedeckt, aus deren Laubdach allenthalben die großen, reifen
Trauben hervorblicken. Nur ein leiser, kühlender Hauch aus Osten regt
sich in den Zweigen der alten Terebinthe und im Schilfe der großen
Donauinseln; das tiefe Blau des Himmels wird nirgends von einem Gewölk
getrübt; es ist, als habe dort bei den Feldern des zum Theil noch
blühenden Mohns und des eben aufblühenden Safrans neben dem geräuschlos
hineinströmenden Bächlein die Ruhe selber ihr Bette aufgeschlagen,
welches so weich und so bequem ist, daß sie nicht von ihm aufstehen
mag.
Wir kamen an diesem Tage vorüber an dem Einfluß des Lom, bei welchem,
an der Stätte des jetzigen ~Lom-Palanka~ das alte ~Almum~
lag, dann an jenem des Dsibritz, da die Gränzstadt gegen Nieder-Mösien,
~Cibrus~, ihre Stelle hatte. Das alte Gemäuer einer zerstörten
Veste, das bei dem Flecken ~Oreava~, am Einfluß des Schitul
gesehen wird, mag wohl noch zu den Ueberresten des römischen
~Variana~ gehören; nahe gegenüber, am linken Ufer, mündet hier
der Schyll in die Donau, der bei den Alten Rhabon, auch Sargetia, von
den späteren Geographen Gilpit genannt war. Die Sonne stund schon
ziemlich tief, da wir am reich grünenden Strande den Ort der Begegnung
des Eskers (Oescus) mit der Donau und die Stätte des vormaligen,
ansehnlichen, mit dem Flusse gleichnamigen Oescus erreichten, da in
späterer Zeit das Heerlager der Hunnen seinen Sitz aufschlug. Wir
fuhren von hier noch etwa eine Stunde, dann legte sich unser Fahrzeug,
nahe vor dem Einfluß des Utus oder Vid, bei einer kleinen, buschreichen
Insel, aus welcher die Rohrdommel ihr rauhes Abendlied vernehmen ließ,
vor Anker.
Das alte ~Nikopolis~ mit seinem vormals festen Schloße lag
zwischen seinen grünenden Hügelabhängen in so ganz besonders günstiger
Beleuchtung von der Morgensonne da, daß es uns, als wir am 26ten
September aufs Verdeck traten, war, als wollte diese bedeutungsvolle
Gegend zu uns sagen: siehe mich recht an. Und wir thaten dieses mit
jener ernsten Aufmerksamkeit, mit welcher der Wandrer in der Fremde
irgend einen sinnvollen Spruch betrachtet und erwägt, der in einem
bemoosten Denkstein am Wege eingegraben stehet. Der Spruch welchen
der Griffel der Geschichte hier dieser Stätte mit unvergänglichen
Zügen eingeschrieben hat, heißet: »der den Harnisch anleget, soll
sich nicht rühmen als der ihn hat abgelegt«[41]. Dort vor Samaria gab
diese Lehre in zweimaligem Siege ein Tyrann von Israël dem syrischen
Könige Ben Hadad, der auf die Macht seines Heeres, seiner Rosse und
Wägen trotzend, dem Hort und Helfer Israëls Hohn sprach; hier nahe bei
Nicopolis gab sie einmal ein Herrscher des westlichen Reiches: Trajan,
dem durch sein Waffenglück trunken gewordenen Dacierkönige Decebalus,
ein andres Mal aber ein waffengeübter Tyrann des Ostens: Bajasid
+I.+ dem vor Uebermuth rasenden Heere der Christen. Sind es doch
gerade jetzt, 1836, in diesen Tagen des Septembers, 440 Jahre, daß hier
bei Nicopolis die Blüthe der damaligen europäischen Ritterschaft zum
Kampfe gegen den gemeinsamen Feind der christlichen Reiche versammlet
stund; ein Heer, so wohlgerüstet, so waffenkundig und muthig, als bis
dahin der Westen noch keines den Türken entgegen gestellt hatte. Denn
eine Schaar von 1000 französischen Rittern, unter ihnen mehrere Prinzen
von Geblüt, Herzöge und Fürsten, befehligt von dem kühnen Grafen von
Nevers und dem Connetable Grafen von Eu; geleitet, wenn sie das hätten
seyn mögen, durch den Rath des alten, wohlerfahrnen Feldherrn Coucy, so
wie des edlen Admirals Jean de Vienne; verstärkt durch die Begleitung
von 1000 Knappen und 6000 Söldnern waren dem König Sigmund von Ungarn
zu Hülfe gezogen; mit ihnen ein Heerhaufe der bayrischen Ritter unter
dem Churfürsten von der Pfalz und dem Burggrafen von Nürnberg, sammt
den Schaaren des deutschen Ritterordens, geführt von ihrem Großprior,
dem Grafen Friedrich von Hohenzollern, so wie der Johanniterritter aus
Rhodus unter dem Ordensmeister Philibert von Naillac. Wenn auch diese
Macht des Westens, welche zusammen mit dem durch steyermärkische und
wallachische Truppen verstärkten Heere der Ungarn nach der gemäßigtsten
Angabe 60,000, nach andern 100,000 Mann stark war, an Zahl der Streiter
dem Heere des Bajasid nicht ganz gleich kam, so übertraf sie dasselbe
dennoch an innrer auf Kriegskunst gegründeten Stärke, und der Sieg wäre
dem christlichen Heere nicht entgangen, hätte dieses nicht in das Lager
bei Nicopolis zugleich mit jenem tollen Hochmuth, welcher beständig
dem nahen Falle vorausgeht, die vermessene Sicherheit mitgenommen, die
den Feind, ohne ihn zu kennen, verachtet. Denn wie jene 32 Könige,
die vormals als Verbündete den König der Syrer Ben-Hadad vor Samaria
begleiteten, im Zelte saßen beim Schmauße und trunken waren vom Wein,
als schon das Racheschwert über ihrem Haupte geschwungen ward, so
thaten auch jene Verbündeten des Ungarnköniges Sigismund, vor Allem
die französischen Ritter. Diese, welche in ihrem Uebermuth sprachen:
»Wenn auch der Himmel einstürzte, wollten sie mit ihren Speeren ihn
aufhalten,« hielten sich vor aller Gefahr so sicher, daß sie sorglos
und schrankenlos dem Taumel der Sinnen und der Schwelgereien sich
hingaben. Und als heute vor 440 Jahren, am 26ten September 1396,
die Kunde von der Annäherung des türkischen Heeres, welche die
hartgekränkten Bewohner des Landes verheimlicht hatten, durch seine
eigenen Soldaten zu dem Marschall Baucicault kam, da drohte dieser den
Ueberbringern derselben als falschen Lärmmachern die Ohren abschneiden
zu lassen. Doch jene Kunde erwieß sich nur zu wahr; Bajasids Heer stund
kaum noch 6 Stunden weit entfernt. Am 27ten September wurde hierauf
großer Kriegsrath gehalten, in welchem der Marschall Baucicault und
der Connetable den besonnenen Schlachtplan, den der sachkundige König
Sigmund und mit ihm der greise Couzy sammt dem Admiral vorschlugen,
mit toller Geringschätzung verwarfen. Namentlich stellten sie es als
Ehrensache hin, daß nicht die hiezu am besten geeigneten, leichten
Truppen der Wallachen, sondern die ganze französische Macht der
Seifenblase des türkischen Vortrabes entgegen ziehen und diese
zersprengen sollte. War doch die wilde Hitze und Anstrengung bei diesen
Verblendeten so hoch gestiegen, daß sie, nach gepflogenem Kriegsrath,
gegen das gegebene Wort der Verschonung, die im Lager befindlichen
türkischen Gefangenen mordeten. Als aber nun am Tage der Schlacht,
am 28ten September, das kühn vorandringende Heer der französischen
Ritter durch das Zersprengen der leichten Asiaten und selbst des
verschanzten Vortreffens der Janitscharen, so wie eines Theiles der
Spahi's sich entkräftet und ermüdet hatte, als es auch jetzt, wo die
Wagschale des Sieges noch immer auf die Seite der Christen geneigt
war, Couzy's Rath, das nachrückende ungarische Heer zu erwarten, nicht
beachtete, sondern im blinden Selbstvertrauen den Hügel, welchen der
Kern des feindlichen Heeres besetzt hielt, hinansprengte, da ward,
beim Anblick der 40,000 Lanzen, in dessen Mitte Bajasid stund, der
nicht männliche, sondern knabenhaft tolle Muth in weibische Feigheit
verkehrt[42]; jene vorgeblichen »Himmelserhalter« flohen in wilder Eile
und rissen in ihre Flucht den nachfolgenden Troß, so wie den rechten,
von Lascovitsch geführten und den linken, aus Wallachen bestehenden
Flügel des ungarischen Heeres mit hinweg. Nicht aber den edlen Admiral
Jean de Vienne, der den zwölf Rittern die ihn umgaben es zurief: »hier
gilt es ehrenvoll zu sterben« und mit ihnen zugleich den Tod unter den
Lanzen der Feinde suchte und fand; auch König Sigmund hielt mit dem
Kern der ihm treu gebliebenen Ungarn und mit den steyermärkischen, so
wie bayerischen Schaaren festen Stand und diese tapfern Haufen hatten
schon die Janitscharen geworfen, selbst die Spahi's fingen an ihren
geschloßenen Reihen zu weichen, da kam der Despot von Serbien mit 5000
frischen, tapfern Streitern Bajasid's Heere zu Hülfe und Sigmunds
Heer erlag der Uebermacht. Ihn selbst, den König, hatten der Burggraf
von Nürnberg und der Anführer der Steyermärker Hermann von Cilly dem
Gedränge der Schlacht und der Todesgefahr entrissen und ihn auf ein
Donauschiff gebracht, während viele der Seinen noch mit dem Muthe
verwundeter Löwen kämpften. Alle bayerischen Ritter, so wie die meisten
der Steyermärkischen waren zuletzt in diesem Heldenkampf gefallen[43],
zugleich aber deckten auch das Schlachtfeld 60,000 Leichname der
Erschlagenen aus dem türkischen Heere. Ungleich bedauernswerther als
das Loos derer, welche den Tod in der Hitze der Schlacht, ohne ihn
fast zu bemerken, gefunden hatten, war das Loos jener Streiter des
christlichen Heeres, welche lebend von den Türken gefangen wurden, oder
durch die Flucht sich zu retten gedachten. Von den Letzteren ertranken
Viele, als sie in den von Menschen überfüllten Fahrzeugen über die
Donau setzen wollten; von den Gefangenen ließ Bajasid am Tage nach der
Schlacht, zur Rache für die gefallenen Moslimen 10,000 niedermetzeln,
unter denen vielleicht Manche waren, welche 3 Tage vorher dasselbe an
den ihnen auf Treu und Glauben ergebenen Türken gethan. Zwar der Graf
von Nevers hatte, gegen Versprechen eines hohen Lösegeldes, für sich
und 24 der vornehmsten Gefangenen Schonung des Lebens erhalten, aber
auch von diesen starben Mehrere, unter ihnen der alte Feldherr Coucy,
noch ehe die Auslösung geschahe, in den Gefängnissen von Kallipolis und
Brussa; nur König Sigmund und einige ihn begleitende Herren waren so
glücklich gewesen, an der Mündung der Donau die Flotte der Rhodiser und
auf dieser, schon nach 3 Monaten, die Küste von Dalmatien zu erreichen.
So endigte hier bei Nicopolis, der »Siegesstadt,« welche Trajan zum
Andenken an seinen entschiedenen Sieg über die Dacier begründet und
so benannt hatte, die Heerfahrt einer christlichen Macht, die sich
vermessen hatte, nicht bloß die Türken zu besiegen und Jerusalem wieder
zu erobern, sondern selbst den bewegten Kräften des Himmels die Macht
ihrer Arme entgegen zu stellen. Statt der Lustfeuer und der lärmenden,
nur allzu frühe triumphirenden Freude, womit das fremde Bundesheer
noch kurz vorher das Land erfüllt hatte, brannte jetzt das Feuer der
angezündeten Städte, hörte man das Aechzen der Sterbenden, das Jammern
der hinweggeschleppten Gefangenen; Steyermark und Sirmien wurden
verheert, die ganze Halbinsel zwischen der Save, Drave und Donau mit
dem Schutte der zerstörten Städte und dem Graus der Verwüstung erfüllt.
Von Nicopolis, dessen deutsche Benennung ~Schiltau~ ist, selber,
sahen wir nur wenig. Die Masse seiner alten Häuser dehnt sich über
einen weiten Raum aus; es ist der Sitz eines griechischen Erzbischofes,
so wie eines katholischen Bischofes und zählt 20,000 Einwohner. Ihm
gegenüber, am linken Ufer, nahe an der Mündung des Aluta- (Araros-)
Flußes, liegt an der Stätte des alten Pelendova der wallachische Ort
~Turnul~.
Vorüber an dem grünenden Hügelland und den Auen des rechten Ufers
kamen wir nach einigen Stunden zu der wohlhabenden Handelsstadt
~Sistov~, welche durch den Friedensschluß zwischen Oesterreich
und der Türkei im Jahre 1791 eine politische Wichtigkeit erhielt.
Während die 21,000 Einwohner dieser freundlich aussehenden Stadt
ein lebhafter Verkehr mit den Bewohnern des eignen Landes, wie der
fremden Länder ernährt, beschäftiget die Bewohner der nahe gegenüber
gelegenen, wallachischen Oertlein ~Simnitza~ und ~Tuteschty~
ein ziemlich ergiebiger Hausenfang. -- Auf der weiteren Fahrt, am
Nachmittag, glich die Donau, deren Breite zuletzt bis auf eine
Stunde Weges anwächst, einem kleinen, stillen See; wir landeten bei
~Rusczuk~, wo unser Dampfschiff eine Menge der in ihm enthaltenen
Waaren ausschiffte, und neue aufnahm: denn diese Stadt, welche 30,000
Einwohner umfasset, ist eine der bedeutendsten Handelsplätze des
unteren Donaulaufes. Zwar, wie dies schon die vielen, ansehnlichen
Moscheen mit ihren Minares dem Auge bezeugen, herrschet die Macht des
Islamismus hier vor, doch leben unter den Türken mehrere Tausende
von Christen (Armenier und Griechen), denen ein Erzbischof vorstehet
und eine bedeutende Anzahl von Juden. Die Stadt, von Festungswerken
umgeben, liegt auf einem Berge; wir besahen uns einige ihrer Gassen und
Plätze, genoßen in einem türkischen Kaffeehaus des warmen Getränkes,
giengen dann aber wieder herab an den Abhang des Hügels, von wo die
Aussicht nach der Insel Slobodsee und dem festen Schlosse, weiter
hinab aber nach dem von Mahommed +I.+ begründeten Giurgevo einen
neuen Genuß gewährte. Während wir hier die uns neue Gegend beschauten,
waren wir selber für Andre ein Schauspiel geworden, denn neugierig
betrachteten uns, durch die Zwischenräume der pallisadenartigen
Umzäumung, die verschleierten Bewohnerinnen eines benachbarten Harems.
Unsre europäisch gekleideten, so frei sich bewegenden Begleiterinnen
schienen der Hauptgegenstand ihrer Betrachtungen zu seyn. Wer sollte
nicht, bei einem vergleichenden Blick auf jene Gefangenen und auf diese
Freien die Segnungen des Christenthumes dankbar empfinden, welches den
Völkern zuerst die wahre Beachtung des weiblichen Wesens lehrte.
* * * * *
Von hier aus brauchten wir noch anderthalb Tage zur Fahrt nach Gallacz.
Das von der Morgensonne beleuchtete ~Giurgevo~, bei welchem
wir frühe am andern Tage vorbeikamen, imponirte dem Auge mehr durch
seine Größe, denn es hat gegen 3 Stunden im Umfange, als durch seine
Schönheit. Die große Wüste der Geten[44], am rechten (bulgarischen)
Ufer des Stromes, ist ein grünendes Hügel- und Flachland, welches
wenig Abwechslung zeigt. ~Turtukai~ liegt an der Stätte des alten
Transmariska: nahe gegenüber, auf der linken (wallachischen) Seite
mündet die Dombrovicza (Argis) in die Donau, an welcher nur eine kleine
Tagreise aufwärts Bukarest liegt. ~Silistria~ hat sich unter dem
kräftig gestaltenden Einfluße, der in den letzten Jahren auf diese
Stadt wirkte, zu einer Herrscherin des Stromes und des angränzenden
Landes erhoben; mit dem immer blühender werdenden äußeren Verkehr war
sie in dieser Zeit zugleich ein Mittelpunkt des geistigen Verkehres
der Völker des Nordens und Ostens geworden. In dieser Hinsicht ist
sie an die Stelle des alten ~Axiopolis~ getreten, dessen Stätte
da war, wo jetzt weiter stromabwärts ~Rassova~ stehet. Nahe bei
Silistria werden die Ueberreste jener Gränzmauer gesehen, welche die
Griechen zur Abwehr gegen die Einfälle der Barbaren erbaut hatten.
Jenseits Rassova wird die Strombahn des Flusses, der von hier an
nach Ptolemäus Aussage den Namen ~Ister~ empfieng, nach Norden
gekehrt; denn die Ausläufer des Balkangebirges, die sich an das rechte
Ufer herandrängen, verhindern den geraden Fortgang nach Osten. Dieser
Damm der Gebirge, welcher stellenweise mit sumpfigen Niederungen und
Haideland abwechslet, ist, besonders seit dem letzten Kriege, zu einer
Einöde geworden, in welcher, gleich den Ameisen, die an den Resten
einer längst abgefallenen, dürren Frucht zehren, die Schaaren der
Zigeuner ihr Wesen treiben. -- Am 28ten September kamen wir zuerst
an ~Hirsova~ oder Kersova vorüber, das an die Stätte des alten
~Corsus~ oder Karson getreten ist. Die Stadt, welche nur 4000
Einwohner zählt, wird von einer Citadelle beherrscht. Der Strom theilt
sich jenseits Hirsova in viele Arme, welche manche buschreiche oder
mit Schilfrohr bewachsne Inseln umschließen. Das Chor der gefederten
Sänger, das im Frühling und angehenden Sommer hier, wie man uns sagte,
ohne Aufhören seine Stimmen vernehmen lässet, war jetzt verstummt; nur
noch die Trompetentöne der vorüberfliegenden Kraniche wurden gehört.
Wir naheten uns nun wieder dem linken Ufer der Strombahn, welche da, wo
die zertheilten Arme des Flußes von neuem sich einander nähern, mächtig
breit erscheint. Hier liegt, von Wällen umgeben, die ansehnliche
Stadt ~Brailov~, der Ausgangspunkt namentlich eines wichtigen
Getraidehandels nach Konstantinopel. Brailov (von den Türken Ibrahil
genannt) zählt gegen 25,000 Einwohner; in seinem großen Hafen sieht man
die Flaggen der verschiedensten, Seehandel treibenden Nationen wehen;
zu den Zeiten des »Pfalwütherichs« Wlad, des Woiwoden der Wallachey,
als im Jahr 1401 Mahommed +II.+ sie niederbrannte, war diese Stadt
der berühmteste Handelsplatz des Landes[45]. Die beiden Ufer haben ihre
bisherige Rolle gegen einander ausgetauscht; das rechte zeigt nur noch
einzelne, kleine Befestigungspunkte, auf welche in früheren Zeiten der
Krieg zuweilen seinen Fuß setzte, während er mit dem andern Fuße das
Land umher zertrat, dann waldiges Hügel- und Flachland, auf welchem
einzelne unbedeutende Ortschaften zerstreut stehen; dagegen bietet
das linke dem Verkehr der Völker reiche Sammel- und Ruhepunkte dar,
vor allem jenseit der Einmündung des Szereth an der Fürstin unter den
Handelsstädten des ganzen, unteren Donaulaufes: an ~Gallacz~. Es
war in einer der früheren Stunden des Nachmittags als wir die weithin
über das hügliche Ufer sich ausdehnende Stadt mit ihrem ansehnlichen,
von Schiffen erfüllten Hafen vor uns sahen. Unter den Schiffen zeigten
sich schon einzelne Dreimaster; im Vorüberfahren hörten wir uns von
englischen, italienischen und russischen Zungen begrüßt; Oesterreicher,
Franzosen und Türken sind hier mit den andern Schifffahrt treibenden
Nationen zu friedlichem Verkehr vereint. Die Strenge der Quarantäne
bewachte und hemmte unsre Schritte; wir durften eben so wenig als
die Mannschaft der türkischen, bulgarischen und serbischen, so wie
der aus Constantinopel kommenden europäischen Schiffe die Stadt
betreten, oder mit ihren Bewohnern und mit den vom linken Ufer und aus
Oesterreich angelangten Fahrzeugen unmittelbar verkehren, doch war die
von Pallisaden umzäumte Skella groß genug, um sich auf ihr zu ergehen
und dem muntern Austausch der Waaren des Südens und Ostens mit den
Erzeugnissen des reichen Landes zuzusehen.
Da uns, als den Genossen der Türken, der Eintritt in Gallacz und in
dem ganzen Fürstenthum Moldau versagt war, fuhren Einige von uns am
andern Morgen auf einem kleinen türkischen Fahrzeuge den breiten Strom
hinüber, an eine große baum- und buschreiche Insel, wo wir den größeren
Theil des Tages unter den noch spärlich blühenden Gewächsen und dem
kleineren wie größeren Geflügel des Waldes zubrachten. Den schönen,
gelben Blüthen der punktirten Lysimachia (+Lysimachia punctata+)
mußte hier unter den Spätlingen der übrigen Blumenwelt der Preis
der Schönheit zugestanden werden; die hohlsägenblättrige Nachtviole
(+Hesperis runcinata+) war schon mit Schoten bekleidet; zugleich mit
den andern Schilfarten zeigte sich das Prunkrohr (+Arundo speciosa+).
Unter den einzeln noch herumschweifenden Schmetterlingen schien uns die
Roxelana (+Hipparchia Roxellana+) an die Familiengeschichte des großen
Suleiman erinnern zu wollen, dessen vormaligen Wohn- und Herrschersitze
wir uns jetzt naheten. Am Ufer des Stromes lagen die (fossilen?)
Schaalen von Cerithien, Trunkatellen und Rissoën angeschwemmt, am Lande
fand sich noch lebend und von besonderer Schönheit die österreichische
Schnirkelschnecke (+Helix austriaca+) im Gebüsch der drüsenblättrigen
Brombeeren (+Rubus glandulosus+).
Bei einigen Türken, welche etwas aufwärts am Strome ihr Fahrzeug
ausbesserten, konnten wir doch unsre auswendig gelernten türkischen
Grüße anbringen, als wir aber in dem kleinen Kaffeehause, das
stromabwärts, am Ende der Insel, jenseits einem kleinen Arm des
Flußes lag, außer dem schwarzen, ungezuckerten Getränk noch andre
Lebensmittel verlangten, da war unser Türkisch nur durch die Sprache
der Zeichen verständlich. Die letzten Stunden des Tages brachten wir
wieder auf und bei unserm Dampfschiff in der Skella zu, wo man so
eben mit dem Einladen der mit Butter gefüllten Ochsenhäute in die
Fahrzeuge beschäftigt war. Noch am Abend bezogen wir das große, schöne
Dampfschiff Ferdinand, das uns von hier zum schwarzen Meere und nach
Constantinopel bringen sollte.
Unsre Abfahrt von Gallacz war eigentlich auf den 1ten Oktober
bestimmt gewesen, da aber einer der Vorsteher der österreichischen
Donauschifffahrt, an welchem wir seit Cladova einen sehr
kenntnißreichen, zuvorkommend freundlichen Reisegefährten gefunden
hatten, in dringenden Geschäften seiner Gesellschaft nach
Konstantinopel und Smyrna eilte, wurde der Aufenthalt um einen Tag
verkürzt und schon am 30ten September, gegen 2 Uhr des Morgens, zogen
wir wieder auf die vom Mond beleuchtete, breite Strombahn hinaus.
Von Gallacz bis zur Donaumündung bei Sulina durchmisset der oft
gekrümmte Lauf des Stromes eine Strecke von 50 Stunden, diese sollte am
heutigen Tage zurückgelegt werden, und dem Eilschritt des Ferdinand,
der in jeder Stunde, auch bei ungünstigem Winde, 13 englische Meilen
durchläuft, wurde dieses auch möglich, obgleich bei Sonnenaufgang ein
starker Nebel die Fahrt etliche Stunden lang hemmte. Da der Nebel sich
verzogen hatte, sahen wir zur Linken das fruchtbare Hügelland von
Bessarabien, zur Rechten begegneten dem Auge die äußersten Höhenzüge
des Balkangebirges. Schon war ~Isaczi~ (das alte Aegysus) hinter
uns; der Strom belebte sich mit einer Menge der aufwärts seglenden
Fahrzeuge, während andre, welche gleich uns hinaus zum Meere wollten,
am Ufer still lagen. Wir bogen jetzt, zwischen den immer häufiger
werdenden Landseen, deren Spiegel, von der Sonne beleuchtet, von Zeit
zu Zeit hinter den Hügeln des Ufers hervorblickten, in den Donauarm von
Suline ein; noch vor Mittag kamen wir an dem ansehnlich aussehenden
~Tulcza~ (dem vormaligen Salsovia) und bald nachher an der Stätte
des alten Halmyris (bei Kisilbasch) vorüber. Ein frischer Wind wehete
vom Meere her. Schaaren von Möven flogen lautschreiend über uns
hin, am Ufer zeigten sich immer häufiger die Gewächse der Seeküste,
es deutete Alles die Nähe des Meeres an. Aber nur wir, in unserm
Dampfschiffe, das in ungehemmter Eile über die ruhende Wasserfläche
hinabglitt, durften uns dem freudigen Gefühl überlassen, daß wir
jetzt mit jedem Augenblick dem Thor zu dem Gewässer des Ostens näher
rückten; der nämliche Wind, der uns mit seinem erfrischenden Hauche so
wohlthuend entgegen kam, hielt seit mehreren Wochen, in den einzelnen
Buchten des Stromes, eine Menge von Segelschiffen, deren Mastbäume wie
ein dichter Wald über die Ebene hervorragten, vom Auslaufen zurück. In
übermüthigem Scherz riefen unsre Schiffer ihren Landsleuten auf einigen
dalmatinischen Fahrzeugen, an denen sie jetzt, seit 14 Tagen, zum
3ten Male vorbeikamen, die Aufforderung zu »sie möchten doch vorwärts
machen.« Jene schwiegen verdrießlich. Die Fahrt im neuen Dampfschiffe
ist eine Uebung der selbstthätigen menschlichen Kraft; die Fahrt in
einem Segelschiffe ist eine vielleicht noch wohlthätigere Uebung der
menschlichen Geduld.
Die Sonne neigte sich zum Untergang; ihre letzten Strahlen beleuchteten
uns die blaue, dunkle Tiefe des schwarzen Meeres. Das Auge hatte
einige Augenblicke den Glanz der eben scheidenden Königin des Tages
betrachtet; beim Zurückschauen auf das Verdeck schwebten farbige
Schattenbilder vor dem geblendeten; sie glichen den Gestalten von
theuren, fern in der Heimath weilenden Freunden, welche im Geist auf
dieser Reise uns begleiteten. Die treue Hausfrau, die voll Furcht vor
dem Meere, vor allem aber vor diesem war, von dessen Gefahren sie so
Vieles gelesen und gehört hatte, drängte sich ängstlich an mich hinan;
aber das Rauschen der hohen Wellen wollte uns ja nur einen Spruch
in die Erinnerung zurückführen, der uns heute, am Morgen des 30ten
Septembers, als Loosungswort (Parole) des Tages gegeben worden war:
»die Wasserwogen im Meere sind groß und brausen gräulich; der Herr aber
ist noch größer in der Höhe« (Ps. 93. V. 4.).
Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus.
Die Macht der Fluthen der Donau, bei ihrem Einströmen in das schwarze
Meer, ist so groß, daß, wie man sagt, noch in einem Abstand von der
Küste gegen Osten hin, welche drei und eine halbe Meile beträgt, das
Süßwasser des Flußes fast unvermischt über dem schwereren Seewasser
seinen Lauf fortsetzet, und durch seinen Geschmack sich verräth.
Wir, gegen Süden gewendet, verloren sehr bald dieses Geleite, das
der heimathliche Strom den gegen Osten steuernden Schiffen noch auf
ein Stück Weges hin, auf das unwirthbare, fremde Gewässer giebt; wir
traten in das unbeschränkte Herrschergebiet des Pontus Euxinus ein.
Wie ganz anders war hier das Bewegen des wogenden Wassers; wie ganz
anders das Bewegen des Dampfschiffes, als auf der stillen Donau. Das
schwarze Meer, auch bei ruhiger Zeit, gehet fast immer in hohen Wogen;
sein Wasserspiegel ist ein Punkt des Begegnens des im Osten an ihn
angränzenden caucasischen Hochgebirges, des im Süden ihn umgürtenden
Hämus und Olympus, so wie der von Westen und Norden her verlaufenden
Ebene des unteren Donaugebietes und der nördlichen Stromtiefen. Durch
diesen kräftigen Gegensatz der nahe zusammengränzenden Bergketten und
der von ihnen umschlossenen Ebenen, wird ein fast beständiges Bewegen
der Atmosphäre erregt; das schwarze Meer ist im Großen das, was etwa
mitten in einer unsrer Städte der Vorplatz vor einer hohen Domkirche im
Kleinen ist: der Treibheerd eines beständigen Wind- und Wetterzuges.
Bewegt, wie das Gewässer, wird hier das Gemüth des Wanderers, der
zum ersten Male hinaustritt in die Nähe des Schauplatzes der hehren
Jugendthaten unsres Geschlechts. Da, im Osten, erhub sich die Sonne des
zweiten Weltentages der Geschichte; dort, im fernen Süden erstieg sie
die Höhe ihres Mittages.
Der Mond gieng endlich auf und beleuchtete mit unsichrem Scheine
die immer weiter zurücktretende, westliche Küste, die Nacht ward so
windstill und ruhig, wie sie in solcher Jahreszeit auf diesem Meere nur
selten gefunden wird.
Am andern Morgen versuchten die Meisten von uns vergeblich sich vom
Lager zu erheben, um wenigstens nach der Stätte der westlichen Küste
hinüber zu blicken, an welcher ~Tomi~, die vormalige Hauptstadt der
Scythiaminor lag, wo der dorthin verbannte römische Dichter Ovid die
Schmerzen seines Heimwehes besang. Uns hatte jetzt jener Zustand
ergriffen, der einem Sterben gleicht, an welchem niemand stirbt;
jene Krankheit, da man sich übersatt fühlt, ohne gegessen, zum Tode
müde, ohne gearbeitet zu haben, weil selbst die Ruhe kein Aufhören
der Bewegung bringt. Es ist als fühlte man nicht mehr sich selber,
sondern nur das schwankende Schiff; die Gedanken sind aus dem Gehirn
entwichen; sie sitzen, wie festgebunden, am Mastbaume, an ihrer Statt
ist ein umkreisendes Bewegen der rasselnden Räder und ein Auf- und
Niederschnappen der Dampfmaschinen hinein in den Kopf getreten, was
diesem alle Kraft nimmt, sich aufrecht zu halten. So vergieng uns
der schöne Tag des ersten Octobers; nur am Nachmittag gewährte der
kurze Aufenthalt vor dem ansehnlichen ~Varna~, dem ~Odessus~ der
Alten[46] einige Augenblicke des Ausruhens, dann begann in und außer
uns von neuem das Rasseln der Räder, das Auf- und Niederschnappen des
Pumpengestänges.
Aber auf die Unruhe des Sonnabends folgte am 2ten October eine
liebliche Stille des Sonntages. Freilich schien es uns anfangs, als
wir noch vor Mittag den Kyaneen oder Symplegaden an der äußern Mündung
des Bosporus uns näherten, als sey dieses Fünfgespann der Felseninseln
mit sammt dem Fußgestell vom Altar des Apoll, welches auf der einen
von ihnen stehet, von neuem von jenen Ruhesitzen aufgestanden und
losgeworden, die ihnen die Orpheische Lyra angewiesen; sie schienen
uns, denn noch schwindelte das Haupt, wieder eben so bewegt, wie
damals, als Jason seiner Argo die Taube voraus sendete und als zwei
der Symplegaden, durch welche der Vogel noch so eben hindurchflog,
diesem, durch ihr Zusammenschlagen die Federn des Schwanzes entrissen.
Als aber jetzt, bei Fanaraki, das Dampfschiff in das ruhigere Gewässer
des Bosporus eintrat und zugleich die schaukelnden Bewegungen desselben
sich milderten, da kehrten mit einem Male Gesundheit und der sichre
Blick des Auges wieder.
Wir sind nun bei dem Boden einiger bedeutungsvollen Sagen des
Alterthums. Hier zur Rechten, am europäischen Ufer, auf dem
zerklüfteten Felsen stund einst ~Phineus~, des Erblindeten, Königsburg,
der dem Jason und den andren Helden der Argo freundliche Bewirthung
bot. Statt der Harpyen, welche damals, bis Jasons Begleiter sie
besiegten, die Freuden der Gastung störten; statt der Geier, die
noch jetzt hier nisten, kam ein Vogel der Minerva: die thrazische
Nachteule an unser Schiff geflogen und ruhete, nachdem sie mehrmalen
ihn umkreiset, einige Minuten auf dem Mastbaume aus. Phineus Burg ist
längst verschwunden; an ihrer Stätte stehet das türkische Kastell
~Karibdsche~; diesem gegenüber, am asiatischen Ufer, ein andres,
~Poiras~ genannt, beide von Batterieen umpflanzt. Hierauf steigen, an
der rechten oder europäischen Seite die Felsenwände von ~Mauros-molos~,
wo vormals ein griechisches Kloster stund[47], so gäh aus dem Meere
hervor, daß zu ihren Füßen kein Raum für den Wandrer und sein
Lastthier bleibet; oben auf der Höhe stehet die +Turris Timaea+: jener
alte, rundliche Leuchtthurm, dessen Licht den Schiffern ein sichrer
Leitstern durch die Klippen der Kyaneen zum Eingang des Bosporus
gewesen wäre, hätten nicht die Barbaren der äußeren Küste durch
andre, von ihnen angezündete Feuer die Fahrzeuge zwischen die Klippen
verlockt, um die gestrandeten zu berauben. Das eigentliche Thor zu den
Schönheiten des Bosporus thut sich erst jenseits der beiden einander
gegenüberstehenden Vorgebirge von ~Rumili Kawack~ und ~Anatoli Kawack~
auf. Diese Vorgebirge sind einer der Hauptpunkte des Ueberganges der
asiatischen, vom Antitaurus herstammenden Gebirgskette nach Westen;
denn die letzten, bei Rumili Kawack hervortretenden Ausläufer des
europäischen Hämus begegnen hier unmittelbar gegenüber denen des
asiatischen Olympos. Auf diese Gränzhöhen der beiden Welttheile hatte
das Alterthum die Mächte aller seiner Götter versammlet; denn der
Hinausblick auf die nahen Todesgefahren des Pontus Euxinus mußte auch
in der trägesten Seele die Gedanken der Ewigkeit wecken. Dort zur
Linken, am asiatischen Ufer, stund der Tempel der zwölf großen Götter,
mit dem kostbaren Dache der vergoldeten, metallenen Ziegel. Jason, als
er hier anbetend der Herrschergewalt des Unsichtbaren sich gebeugt,
erbaute am nahe gegenüberliegenden europäischen Ufer die Altäre der
Cybele und des Serapis. Während der byzantinischen Herrschaft stunden
hier zwei Schlösser, davon das eine in seiner byzantinisch-genuesischen
Bauart noch ziemlich wohl erhalten stehet; in Zeiten der Noth wurden
von einem Schloß zum andren eiserne Ketten gezogen, um die Durchfahrt
der feindlichen Schiffe zu hemmen. Von der Felsenwand des Berges, da
der Tempel der Zwölf erbaut war, wagte, so erzählte die alte Sage, ein
jugendliches Paar von Liebenden eine nur in den Augen des Heidenthumes
bewundernswert erscheinende That: es sprang, als das Opfer einer Liebe,
deren Flamme mit dem Tode stirbt, vom festen Grunde hinab ins Meer; aus
dem Leben des Diesseits, dessen Kräfte es verkannte, hinüber, in die
richterliche, ernste Stille des Jenseits. -- Anjetzt wohnet hier ein
Volk, gleich jenem zu Mönkgut auf der Insel Rügen, kräftig, sittsam und
friedlich, die Vermischung mit den Nachbarn vermeidend; von den Türken
des Unglaubens beschuldigt; hierinnen gleiches Loos theilend mit den
Drusen des Libanon.
Wir treten nun hinein in das Innre dieses Zaubergartens: in das
Innre des eigentlichen Bosporus. Welche Erinnerungen an irgend
etwas schon Gesehenes soll ich aber in den Seelen meiner Leser
hervorrufen, welche jenes Paradies des Meeres und des Landes noch
nicht besuchten, um an das schon Geschaute und Erfahrene das Bild des
noch nicht Geschaueten anzuknüpfen. Ich hatte, ehe ich hieher kam
die schönsten Küstengegenden von Italien, Südfrankreich und Piemont
gesehen, aber unter den Erinnerungen an diese früheren Genüsse
meiner Wanderschaften war keine, die mir, wie ein passender Reim zu
jenen Empfindungen erschienen wäre, welche der Anblick des Bosporus
weckte. -- Wir haben etwa in unsrer Kindheit die Mährchen des Orients
gelesen; wir haben im Spiegel jener Gedichte der Morgenländer, welche
~Rückerts~ Meisterhand auf vaterländischen Boden verpflanzte, das
Bild einer irdischen Natur gesehen, durch deren vergänglichen Schleier
allenthalben die Schönheiten einer unvergänglicheren, überirdischen
Natur hindurchblicken; das was jene Dichtungen uns ahnden ließen,
das glaubt hier das Auge verwirklicht vor sich zu sehen. Bei dem
Feigendorfe ~Indschirkoi~, an dem wir weiterhin vorüberkamen,
bewundert der Einheimische wie der Fremde eine Baumgruppe von seltsamer
Art: zwei Zypressen und zwei Feigenbäume sind hier so in und durch
einander gewachsen, daß die fruchttragenden Arme des Feigenbaumes aus
dem Körper der Zypresse, der hohe Scheitel von dieser aus dem Stamme
von jenem hervorzukommen scheint; der Feigenbaum hat der Zypresse
die Fülle seiner Süßigkeiten, diese aber hat jenem die Kräfte ihres
erhabenen Aufschwunges mitgetheilt. So, wie in dieser Baumgruppe
sind im Bosporus die Elemente des innigsten Liebreizes der Natur mit
der hochstrebenden Herrschermacht derselben verschlungen. Wie das
Brennbare, wenn der entzündende Funke es getroffen sich als Flamme
emporschwingt, und, je stärker die Gluth wird, immer höher sich erhebt;
so erhebt sich bei dem Anblick des Bosporus die Empfindung; es ist wie
ein Jauchzen der Lust, das gleich der singenden Lerche emporsteigt
vom Boden, in das unbegränzte, unermessene, tiefe Blau des Himmels.
Aber der Vogel der Empfindung, wenn er auch jetzt sich hinaufschwang,
läßt sich doch bald da bald dort wieder nieder auf das Thal und das
grünende Ufer, wenn sich hier, neben der hohen Platane die Wildniß des
blühenden Rosengesträuches entfaltet; wenn unter dem Wald der Zypressen
die duftende Wiese des Crocus und der Anemonen sich hinbettet, oder die
grünende Fülle der Orangengärten, gleich einem überschwellenden Strome
über die Mauern der Lustgärten heraustritt und ihre Wände mit den
blühenden Ranken der Ipomöen und persischen Winden bedeckt. Hier, neben
der festlich geschmückten Natur hat auch die Baukunst des Morgenlandes
ihr Prachtgewand angelegt; die hochgewölbten Moscheen, die Palläste
der Großen, im Glanze des weißen Marmors ihrer Säulen und Mauern
erscheinen wie durchsichtig; es ist als hätte die Gluth des Schönen,
welches allhier in unbesiegbarer Jugendkraft waltet, das starre Gemäuer
durchdrungen und dasselbe für ihre Strahlen durchleuchtig gemacht. --
Doch es ist Zeit, daß ich einige der lieblichsten Ruhepunkte des Auges,
die sich hier unter dem tiefen Blau des südlichen Himmels und neben dem
noch tieferen Lazur des Meeres auf dem immer grünenden Boden auferbauet
haben, wenigstens nenne und im Umriß bezeichne.
Der Hain der Zypressen und Platanen der hier zur Rechten, sobald
jenseit der Landspitze von Mesar-Burnu das Schiff in das eigentliche
Innre des Bosporus tritt, bei ~Sarijari~ ins Auge fällt, ist nur
eines jener bunten Gewänder, welches die Sitte der Moslimen über
die Schatten und Schrecknisse der Gräber breitet, denn unter den
weissen Steinen ruhen Gebeine der Todten, denen die türkische
Inschrift einer der Springbrunnen, Wiederbelebung, durch die Kräfte
eines Wassers verheißet, welches auch das Erstorbene neu erfrischt.
Nahe hierbei fließet das gepriesene Wasser von ~Kastanessu~, oder
des Kastanienquelles; weiterhin zeigt sich das breite Thal von
~Bujuckdereh~: ein Lustgarten des Landes, in dessen grünendem Gebüsch
und Bäumen, als wir an ihm vorüberzogen, ein erfrischender Wind seine
Wogen schlug. Hier erquickte sich, so erzählte die Sage, nach der
Mühe der langen Pilgerfahrt Gottfried von Bouillon mit der vertrauten
Schaar seiner Helden, und noch jetzt ist Bujuckdereh ein Ort der
Erquickung für den hier, während des Sommers verweilenden fränkischen
Adel. Dort zur Linken, den Hainen des wasserreichen, thrazischen
~Belgrad~[48] gegenüber, erhebt sich der ~Riesenberg~, mit dem
steinernen, sogenannten Bette des Hercules, das die Sage der Moslemen
zu Josua's Grabe machet; weiterhin stehet, am asiatischen Ufer, an der
Stätte des vormals herrlichen Sommerpalastes zu ~Chunkar Inkalessi~
die schönste Papiermühle in der Welt: ein Gebäu aus Marmor errichtet,
mit prachtvollen Sälen, am Saume des reichen Flußthales; als wollte es
alle Die, welche auf Papier schreiben an die Tröstungen und Freuden des
Paradieses erinnern, wo das gar viele Schreiben aufhören wird. Wenn
auch der Blick des schnell Vorüberfahrenden von da sich wieder hinüber
wendete zur europäischen (linken) Seite, auf ~Tharapias~ Gärten, bei
denen Medea dem väterlichen Zorn entfliehend, ihre bezaubernden Gifte
ans Land geworfen; oder auf die schattige, fischreiche Bucht von
~Kalender~ und die wilde Brandung an den Felsen von ~Jenikoi-Burni~;
so kehrt es doch bald wieder zurück zu der im Ganzen schöneren und
reicheren asiatischen Küste. Hier, bei ~Begkos~ und seiner unter hoher
Kuppel spielenden Fontäne waren die Ochsenställe des Amykos, der im
Kampfe dem Kastor unterlag; hier stund die +Daphne insan+, jener
Lorbeerbaum dessen Blätter -- möge doch kein treuloser Krämer in unserm
Vaterlande sie verbreiten -- in Jedem, der sie genoß, Streitsucht und
gehässigen Unmuth erregten. Statt des Lustschlosses in persischer
Bauart und mit persischer Pracht innerlich geziert, das Murad +III.+
(um 1585) in ~Sultania~ erbaute, stehet jetzt der Pallast eines
türkischen Großbeamten am Bache der Platanen. Die Hügel des Dorfes
der Feigen: ~Indschirkoi~, von dessen merkwürdiger Baumgruppe vorhin
Erwähnung geschahe, sind ein Fruchtgarten, so reich und anmuthig, wie
das Auge des Wanderers durch die Nachbarländer der Heimath noch kaum
einen gesehen.
An der europäischen Seite hat sich jetzt der schönste Hafen des
Bosporus: ~Stenia~ eingestellt; die Masten der europäischen
Kriegsschiffe wetteifern an Höhe mit den Zypressen des nahen
~Emirgum~, wo sonst ein Tempel der Hekate stund, jetzt aber die
türkische Mauth ihren Sitz aufschlug. Asiatischer Seits öffnet sich
den Blicken die Bucht der Ruthe: ~Tschübükli~, so genannt, weil Sultan
Bajasid +II.+ seinem Sohne Selim hier 8 Ruthenstreiche ertheilte.
Vormals stund da ein Kloster jener »Schlaflosen«, deren einzelne Chöre
ohne Aufhören, Tag und Nacht Loblieder tönten und Gebete.
Prachtvoll wölbt sich bei ~Karibdsche~ die Kuppel der hohen
Moschee; ihr gegenüber, bei ~Balkalimani~ zeigen sich Grabmäler
der türkischen Heiligen. Die verdüsternde Wolke, welche etwa der
»schwarze Thurm« bei ~Anatoli Hissari~, einst ein grausamer Kerker
der Kriegsgefangenen, in der Seele des Betrachtenden aufsteigen ließ,
zerstreut sich beim Anblick der »himmlischen Wasser« von ~Göcksu~,
aus deren Rosenhainen und duftenden Orangengärten ein Sommerpallast
des Großherrn hervorschimmert. Ein türkischer Dichter besingt diese
liebliche Gegend am Bosporus in Versen, deren ohngefährer Sinn
folgender ist:
Wie Damaskus und Yemen und Sogd auf Erden berühmt sind,
So wird im Paradies Göcksu's Gestade gerühmt.
Der abentheuerliche Bau der alten, gegenüber liegenden Veste von
~Rumili Hissari~, welche ~Mohammed~ +II.+ zwei Jahre vor der Eroberung
von Constantinopel nach einem Grundriß erbauen ließ, der die Züge der
arabischen Buchstaben in dem Worte »Mohammed« nachahmte, bildet mit
den Prachtgebäuden des benachbarten ~Bebeck~, so wie mit denen des
nahe gegenüber liegenden ~Kandilli~ einen sonderbaren Contrast. Dort
im Thurme von ~Kule Bagdschessi~ ward Suleiman der Große, Selims +I.+
einziger Sohn, dessen Hinrichtung der mit dem Blut vieler seiner Freunde
befleckte Vater im Zorn befahl, drei Jahre lang von dem wohlgesinnten
Bostandschi Bey verborgen, bis der Grimm des Herrschers der bittren
Reue über den vermeintlich vollbrachten Mord des Sohnes Raum gegeben.
Jene hochstämmige, alte Zypresse, die dort neben dem Quell stehet, soll
der gefangene Prinz mit eigner Hand gepflanzt haben.
Bei ~Arnaudkoi~, an der europäischen Seite, wird die vorherrschend
nach Nord und Süd gehende Strömung der Meerenge so heftig, daß die
Schiffer der kleineren Fahrzeuge, wenn sie aufwärts fahren, durch die
hier wohnenden Piloten am ausgeworfenen Seile sich ziehen lassen.
Unser Dampfschiff steuerte so ruhig wie ein auf der Woge scherzender
Delphin auf dem schäumenden Meeresstrom hinab, gegen die Lustgärten
und Palläste von ~Beglerbegkoi~ und gegen Kurutsche hin, wo die
berühmten Einsiedler des 5ten Jahrhunderts: Simon und Daniel Stylites
in jahrelanger Entsagung, auf einer Säule stehend gelebt und Buße
gepredigt haben. Kaum hat das Auge noch so viel Zeit, daß es sich an
dem Anblick des wogenden Blumenmeeres, durch dessen Farben das von der
Sonne beleuchtete Wasser der Springbrunnen hindurchschimmert und an den
Prunkgebäuden und Moscheen von ~Baschiktasch~ und ~Istawros~ ergößen
kann; denn dort bei ~Fündüklü~, der Stätte des vormaligen Altars des
Ajas, Skutari gegenüber beut sich, in der ganzen Macht des ersten
Eindruckes der Anblick der nahen Hauptstadt des osmanischen Reiches und
der ihrer Vorstädte dar. Die Stunden, welche wir, bis zur Ausschiffung
unsrer Personen und unsrer Gerätschaften noch auf dem Verdeck des
Schiffes zubrachten, vergiengen uns wie der Traum eines Schläfers im
Schatten des Rosengebüsches. Das Boot das uns von dem Dampfschiff
wegführte, hatte bei ~Galata~ gelandet, von hier, im Geleite der
Lastträger, die unser Gepäck auf ihre starken Schultern nahmen, stiegen
wir den Berg hinauf nach ~Pera~, wo uns das Haus einer trefflichen
Landsmännin, der Madame ~Balbiani~ Ruhe und reichliche Pflege gab. Von
den Fenstern unsres Zimmers aus gesehen, lag die Herrscherstadt des
Ostens, auf ihren sieben Hügel gebettet, in ihrer ganzen Herrlichkeit
vor uns; die Abendsonne bestrahlte die hohen, vergoldeten Kuppeln der
Moscheen, die Palläste und Thürme; zu ihren Füßen das blaue Meer;
der Himmel war klar und rein. Aber wie ein Schatten, den eine im
Trauerkleide vorüberwandelnde Wittwe auf ein Beet der blühenden Tulpen
wirft, zogen mitten durch den Glanz des Neuen die düstern Streifen der
alten Ruinen und der erst neulich, an einem der Hügel entstandenen
Brandstätten hindurch. Die Hauptstadt der Moslemen mag ihr gold- und
perlengesticktes Gewand ausbreiten, so viel sie will, dennoch reicht
es nicht hin, um die Flecken des Blutes und die Gebeine einer vor ihr
gemordeten Vorwelt zu verdecken, welche, so tief sie auch zuletzt
gesunken, ohnläugbar einst höher geragt und Bessres erstrebt hat als
sie.
Constantinopel.
An den türkischen Fahrzeugen finden sich öfters die Namen der
Siebenschläfer, aus der bekannten anmuthig-kindlichen Legende. Denn
diese sieben Langschläfer sind auf eine sonderbare Weise zu der Ehre
gekommen, Schutzpatrone der türkischen Schiffer zu werden; deshalb
nämlich, weil ihre Geschichte, die der Koran ziemlich ausführlich
erzählt, mit den Worten endet: »und sie stiegen in ein Schiff.« Auch
uns kam, am ersten Tage unsres Aufenthaltes in Constantinopel jene
im Munde der Christen wie der Moslemen lebende Sage lebhaft in die
Erinnerung; nicht deshalb, weil sie im Koran stehet; nicht deshalb,
weil die türkischen Inschriften an der Pupa der vor unsren Augen im
Hafen liegenden Schiffe von ihr redeten, sondern weil das, was wir an
und in uns selbst an diesem ersten Tage erfuhren, Aehnlichkeit mit
Dem hatte, was den Siebenschläfern bei dem Erwachen aus ihrem tiefen
Schlafe begegnete. Diese, nachdem sie in dem Schlummer der vielen Jahre
die Zeiten der blutigen Verfolgungen und alle Gräuel der seitdem zu
Ende gegangnen, heidnischen Herrschaft verträumt hatten, erwachten
erst in den Tagen einer neuen Weltherrschaft. Die lange Ruhezeit hatte
ihnen nur wie eine einzige Nacht gedäuchtet; von alle Dem, was seitdem
geschehen und geworden, wissen sie nichts, so kommen sie hinab in die
nachbarliche, sonst so wohlbekannte Stadt, welche sie noch so zu finden
wähnen, als sie dieselbe »gestern« verließen. Aber wie ist da Alles so
verändert; kaum daß sie noch eine der alten Gassen wieder erkennen; sie
wollen Speise kaufen, aber die Verkäufer verstehen ihre Sprache, kennen
ihr Geld nicht; staunen sie nur an in der alterthümlichen, ungewohnten
Tracht, und sie ihrerseits verstehen jene nicht, staunen das Gewand und
die Weise der ihnen neuen, spätern Welt an.
So ergieng es, abgesehen von Dem was diesmal die Stellung vom Alten
zum Neuen in eine umgekehrte verwandelte, uns, und so ergehet es
vielleicht Jedem, der den schnellen Flug des Dampfschiffes auf
der Donau hinabmachte, bei dem Eintreten in die große türkische
Kaiserstadt. Wir hatten zwar eine Morgenstunde lang in den Gassen
von Widdin, dann des einen Abends zwischen den Häusern und Hütten
von Rusczuk uns herumgetrieben, Varna, vom Hafen aus, wie ein Bild
im Guckkasten beschaut; dieß Alles war aber nur eben so viel, als
wenn ein Zugvogel, der eilig, ohne Ruhe und Rast über das Meer in
ein fremdes Land ziehet, zuletzt etwa noch einige Augenblicke lang
auf den Dächern eines Wohnortes der Fischer ausruhet und in die
Höfe oder Gassen hinunterschauet, kaum aber, so groß ist die Eile,
nur Muße hat, das unter ihm Liegende und Stehende genau zu bemerken.
Jetzt war der Flug zu Ende und wir saßen, giengen und stunden in
der mächtigen Herrscherstadt und in der Mitte eines Volkes, das an
Religion, Sitte und Sprache uns fremd -- wie den Siebenschläfern die
neue, spätere Welt war. Wie lärmte, wie schallte, wie drängte sich
all das bunte Gewimmel in den engen Gassen des gewerbthätigen Galata,
dem Tummelplatze aller hieher Schifffahrt treibenden Nationen; zur
Rechten, etwa in einem griechischen Kaffeehause, Musik und Tanz; zur
Linken, in einer von türkischen Officieren besetzten Garküche, der
gellende Gesang eines Zigeunerknabens, begleitet von dem Geklimper
einer übeltönenden Zither; dort weintrinkende, lärmende Matrosen der
fremden Schiffe, nicht weit davon einheimische Türken, die beim Dampfe
der langen Pfeifen den schwarzen Kaffee tranken; außen auf der Gasse
Mäkler und Lastträger; beschäftigte wie unbeschäftigte Franken und
Türken; gravitätisch einherschreitende Derwische und gespensterartig
vermummte Frauen.
Doch wir wollen hier nicht zuerst bei der Beschreibung und Geschichte
einer Vorstadt von Konstantinopel verweilen, sondern uns sogleich über
den Hafen hinüber nach der Hauptstadt selber begeben; wir berichten,
ehe wir von Pera und von der Umgegend reden, das, was wir auf mehreren
unsrer Tagwanderungen in der alten und neuen Kaiserstadt des Ostens
gesehen und empfunden.
Diese zeigte sich uns freilich, so laut auch die Geigen und der
gellende Gesang der Zigeuner in Galata tönten, damals, als wir bei ihr
verweilten, nicht in der fröhlichen Gestalt einer Herrscherin, welche
durch solche Musik zum Tanzen sich locken ließe; eine langanhaltende
Dürre, welche das Land, diesseits und jenseits des quellenreichen
Bosporus seit Monaten aussog, hatte Asche auf das Haupt der Fürstin
der türkischen Städte gestreut; die Pest war in ihrem Innren mit
einer Heftigkeit ausgebrochen, in der sie seit vielen Jahren nicht
mehr erschienen; eine heftige Feuersbrunst hatte vor Kurzem einige
der ansehnlichsten Gassen der Stadt, mit ihren reichen Kaufmannsläden
vernichtet, und während wir in Pera wohnten, brach nahe bei uns
ein Feuer, in den armseligen türkischen Hütten, am südöstlichen
Bergabhange, gegen das Arsenal hin aus, dessen drohende Gefahr nur
durch die Windstille und die Entschlossenheit der zu Hülfe eilenden
Franken von der Vorstadt abgewendet schien. Wenn wir, im Haine der
Zypressen, bei den türkischen Grabstätten, deren lange, meist durch
säulenartig aufrecht stehende Steine bezeichnete Reihen fast bis unter
die Fenster unsrer Wohnung sich heranzogen, hinabgiengen zum Meere,
da begegneten uns Lastträger, welche einen Todten, in härene Decke
gehüllt, hinausschleppten; im Hafen kleine Fahrzeuge, mit belasteten
Särgen oder Todtenbahren. Jenseits der Stadt, auf der Landseite, etwa
gegen Daud-Pascha hin waren die Gräber der moslemitischen Heiligen
nach einem eben so gefährlichen als eckelhaften Gebrauche des hiesigen
Volkes mit Kleiderstücken und Lappen vom Körper oder Lager der tödtlich
Kranken behangen, welche hierdurch Linderung ihrer Krankheit und
selbst Heilung zu erlangen hofften; in den Gassen und Bazars der Stadt
begegnete man allenthalben den in schwarzen Wachstaffet gekleideten
Franken, die sich durch diese Verhüllung, so wie durch die langen
Stöcke der Gefahr der Berührung von den Türken zu entziehen strebten;
wenn man in das Haus eines Franken trat, oder nach einem Ausgange
in die Stadt und ins Freie in die eigne Wohnung zurückkehrte, da
ward man in einen schrankähnlichen, nur oben an der Thüre mit einer
kleinen Oeffnung zum Athmen versehenen Kasten gesperrt, und von dem
übelriechenden Rauchwerk eines zu den Füßen gestellten Kohlenbeckens
fast bis zum Ersticken durchräuchert.
Bei all diesen Bedenklichkeiten und Gefahren blieben jedoch die
eigentlichen Bewohner der Hauptstadt: die Moslemen so unerschüttert
ruhig, als wäre die Pest nur als eine beiläufige Zeitungsnachricht aus
fernem Lande, nicht sie selber, als verwirklichtes Ereigniß unter ihnen
verbreitet; in den Gassen wie in den Bazars drängten sich, eben so wie
sonst, die Haufen der gleichgültigen, Handel- und Wandel-treibenden
Menschen; kaum daß sie den Trägern auswichen, die etwa wieder einen
Todten aus den Häusern forttrugen; verächtlich blickte der im
Kaffeehause sitzende, ruhig rauchende Türke heraus, auf das ängstliche
Bemühen der Franken jedes Anstreifen an einen Vorbeigehenden zu
vermeiden. Uebrigens gehörten wir, besonders in den ersten Tagen unsres
Hierseyns nicht zu diesen ängstlichen Franken; wir drängten uns, gleich
den Moslemen, ziemlich furchtlos durch die Haufen des Volkes; sey es,
daß wir die Größe der Gefahr allzuwenig erkannten oder daß uns etwa
die Worte jenes heiligen Hochgesanges, den wir am ersten Morgen mit
einander lasen, bei gutem Muth erhielten: »ob Tausende fallen zu deiner
Rechten und Zehntausende zu deiner Linken, so wird es doch Dich nicht
treffen«[49].
Wir blieben in Allem neun Tage in Constantinopel und sahen in dieser
Zeit außer dem Innren der hehren Sophia, zu welchem den nicht allzu
schwierigen Eingang uns zu bahnen wir versäumt hatten, Alles, was
für uns und wohl für die meisten Reisenden aus dem Westen als das
Sehenswürdigste und Schönste in der großen Stadt und ihrer nächsten
Umgegend erscheint. Ich beschreibe hier in einigen Hauptumrissen
vornämlich die Geschichte zweier Tage, die mir als die genußreichsten
und denkwürdigsten unsres Aufenthaltes erschienen.
Dienstags am 4ten October hatten wir uns frühe, als der Tag noch kühl
war, aufgemacht. Hier, in der Nähe des Weges, der uns hinab zum Hafen
führte, fand sich vormals, auf einem der nun verwitterten Grabessteine,
welche die Gebeine der in den früheren Kämpfen des Islams mit Byzanz
gefallenen Krieger deckte, eine Inschrift des folgenden, ohngefähren
Inhaltes.
Sie sind es, die gekommen und gegangen,
Was haben sie auf dieser Welt erlangt?
Gekommen und gegangen, was erlangt?
Das Eine, daß ins ewge Heim sie drangen.
Als wir über den Meeresarm des Hafens hinüberfuhren, da glänzten
die Moscheen auf den Höhen der Stadt; da leuchteten die Minares mit
ihren farbigen oder vergoldeten Dächern und Halbmonden, von der
Morgensonne beschienen, so mächtig auf uns herab, daß wir, von diesem
Glanze geblendet, das kleinliche Gewirr der andren Häusermasse nicht
bemerkten. Es ist jedoch dieses nur die Ouvertüre, aus einem alten
Meisterstück der Tonkunst entnommen, die zu dem Stücke des heutigen
Tages, das so eben gegeben werden soll, nicht ganz paßt; denn
Constantinopel verspricht, von fern gesehen, mehr, als es in der Nähe,
in seinem Innren gewährt. Man hat, wegen der nach oben kolbigen Gestalt
des meist bunten Dachwerkes die Minares mit Tulpen verglichen; wohl mag
denn die türkische Kaiserstadt wegen der Menge der hellfarbigen Minares
die nach allen Richtungen über sie verbreitet sind, ein prunkendes
Tulpenbeet genannt werden, man thut jedoch wohl, wenn man den Boden,
aus dem diese Tulpen sich erheben, nicht zu genau beachtet; denn dieser
bestehet aus einem Stoffe, der zwar den Gewächsen eine gute Nahrung
gewährt, für die Sinnen aber des Vorübergehenden nur ein Gegenstand des
Eckels, nicht des Wohlgefallens seyn kann.
Wir näherten uns, bei unsrer ersten Ueberfahrt von Pera, der
Hafenseite der Stadt in der Gegend des Mehl- und Holzthores. Wir
hatten uns in mehrere der kleinen, beständig bereit liegenden
türkischen Fahrzeuge vertheilt, denn außer uns Sechsen, die wir die
eigentliche Hauptgesellschaft dieser Reise bildeten, war mit uns
ein junger (israëlitischer) Dragoman aus Varna, der sich uns schon
auf dem Dampfschiffe zu diesem Geschäft angeboten hatte, im Ganzen
ein günstiger Fund, denn obgleich dieser Dragoman bei jedem Handel
oder sonstigen Auftrag, wobei Geld im Spiele war, seines Vortheils
wahrnahm, so geschahe doch dieses in keinem zu übertriebenen Maße,
dabei war er im hohen Grade unternehmend und zum Führer selbst an
schwerer zugängliche Orte geschickt; in Ungarn erzogen, sprach er
so fertig Deutsch als Türkisch und Ungarisch. Außer diesem freilich
unentbehrlichen Begleiter der mit der jetzigen Stadt und ihren
Bewohnern gleich einem Eingebornen bekannt war, fand sich in unsrer
Gesellschaft noch ein freundlicher, wackrer Landsmann, Herr Mühr, der
schon seit längerer Zeit in Constantinopel gelebt und mit Sprache so
wie mit Sitte des Volkes sich bekannt gemacht hatte, vor Allem aber,
was dem Dragoman abgieng, einen Ueberblick über die alte und neue
Geschichte der Stadt, eine Kenntniß der alten Bauwerke und Denkmale
besaß, welche uns die Bekanntschaft mit dem alten wie neuen Byzanz sehr
erleichterte und das Interesse unsrer Wanderungen ungemein erhöhte.
So eben haftete der Blick noch an der prächtigen Moschee Suleimans des
Großen, dem Meisterwerke des großen Baukünstlers ~Sinan~, da mußte er
sich, denn wir waren am Aussteigen, auf den Boden niederlassen. Unsre
türkischen Schiffer hatten nicht gerade den günstigsten Punkt zu diesem
Aussteigen gewählt. Wir mußten gezogen am Arme von unsren Türken an der
morschen Bretterwand, welche hier den Hafen einfaßte, emporklimmen,
und wo wir ans Land traten, hatte dieses kein erfreuliches Aussehen.
Dort lagen, am Strahle der Morgensonne sich wärmend die Schaaren und
Familien der verwilderten Hunde auf den erhöhten Haufen des Unrathes,
neben diesen, schon besetzten Höhen, breitet sich der Stoff, auf dem
jene liegen, in reichlicher Menge aus. Hier sollte wohl der Wandrer
immer seine Wasserstiefeln anhaben, diese könnten ihn noch gegen andre
Dinge schützen als gegen Wasser. Doch schon sind wir über den fatalen
Landungsplatz hinüber; wir steigen zuerst von der Gegend des Mehlthores
(~Unkapu~) an dem Abhang des einen der sieben Hügel (~Sirek~), durch
die Mühlengasse hinan. Tagwerker gehen da eben an ihr Geschäft,
dazwischen beladene Esel, kleine Truppen von Schlachtvieh; einzelne,
vermummte Frauen. Auch hier erinnerte das schlechte, vereinzelt über
den Schmutz gelegte Pflaster, wie die Rotten der Hunde, nur zu sehr
daran, daß man fern von den Wohnungen des Heimathlandes: in der Türkei
sey.
Während wir so am Hügel hinansteigen, zeigt sich zur Rechten über uns,
auf der Höhe desselben, die Moschee des Eroberers von Constantinopel,
Mohammeds +II.+, und, mit der lang fortlaufenden Reihe ihrer Bögen, die
alte Wasserleitung des Valens. Vor diesen beiden beschäftigt uns jedoch
der Anblick einer an unsrem Wege liegenden Ruine, an deren Schutt und
Gemäuer kaum noch der Umriß jener ~Pantocrators-Kirche~, mit ihren
vormaligen vierzig Kuppeln zu erkennen ist, welche Johannes der Comnene
mit seiner Gemahlin Irene erbauen ließ. Diese alte, von Mohammed +II.+
in eine Schusterwerkstätte, später in die Moschee ~Kilissi dschamissi~
verwandelte Kirche umfaßte einst die Familiengruft der byzantinischen
Herrscher aus dem Geschlecht der Comnenen; hier begrub man auch (im
Jahr 1158) die deutsche ~Bertha~, Kaiser Conrads Schwester, Kaiser
Manuels +I.+ geliebte Gemahlin. Ein alter Sarkophag von Verde antico,
aus jener Fürstengruft entnommen, dienet jetzt, außen vor dem Gemäuer,
zum Wassertrog. -- Die ~Wasserleitung~, nach ~Valens~ genannt, sollte
eigentlich die des Constantin heißen, weil dieser ihr erster Begründer
und Erbauer, Valens nur ihr Wiedererneuerer war. Doch, so wie sie
jetzt vor Augen steht, ist sie ein zusammengesetztes Werk der Hände
manches späteren Jahrhunderts; denn das Erdbeben hatte öfters ihre
Bögen zerrissen und niedergestürzt; Barbarenhände den Bau zerstört,
dessen einzelne Steine selber an Krieg und Zerstörung erinnerten, da
Valens sie den geschleiften Stadtmauern Chalcedons hatte entnehmen
lassen. Hier ist ja überall, wohin das Auge siehet, ein Feld der
wilden Bewegungen der Natur und der Gräuelthaten der Menschen; denn die
ersteren unter Justinian, unter Michael der Paphlagonier und manchem
andren der späteren Herrscher wecken nur jene Empfindungen die ein
Orkan oder ein tobendes Gewitter erregt, und auch die Wuth der Avaren,
welche einen Theil der Wasserleitung verheerten, erregt keine solchen
Gefühle des Abscheus als die Erinnerung an das gräuelvolle Leben und
den noch gräuelvolleren gewaltsamen Tod des einen Bauherrn an diesem
Aquädukt, Andronikus des Comnenen (im Jahr 1184), so wie an die
Ermordung eines der späteren Bauherrn, des 18jährigen Sultans Osmans
+II.+ im Aufstande der Janitscharen (1622)[50].
Da, wo nun die Moschee des Eroberers von Constantinopel, Mohammed
+II.+ auf dem vierten der sieben Hügel stehet, prangte vormals einer
der schönsten Tempel des christlichen Byzanz: ~die Kirche der heiligen
Apostel~. Sie war, in jener Form und innren Pracht, welche Theodora,
Justinians Gemahlin ihr verliehen, an Rang wie an Schönheit die zweite
der Kirchen, nach der Aja Sophia; in ihren Todtengrüften ruheten,
von Constantin an, die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser,
umschlossen von den reich verzierten Särgen aus Porphyr, ägyptischem
Granit und lacedämonischem Marmor, bis die Lateiner, nach Einnahme
der Stadt unter Balduin und Dandolo im Jahr 1204, die Särge sammt den
Gebeinen ihren alten Lagerstätten entrissen und diese stummen Zeugen
einer längst vergangenen Herrlichkeit vernichteten. Nach Mohammeds, des
osmanischen Eroberers Absicht, sollte der Tempel, den er hier zu seines
Namens Gedächtniß erhöhete, nicht der zweite: er sollte der erste der
Stadt an Höhe und äußrer Gestalt werden; hierzu fehlten jedoch der
damaligen Baukunst die Mittel und Kräfte. Der erzürnte Tyrann ließ --
so erzählt man -- dem Baumeister Christodulos, als er erfahren, daß
dieser zwei der höchsten, zum Bau bestimmten, antiken Granitsäulen
etwas kürzer sägen lassen, beide Hände abhauen, stellte sich jedoch
auch, da der Verstümmelte ihn verklagte, wie ein andrer (gemeiner)
Bürger der Stadt vor den Richter, der ihn vorladen lassen, ein, und
fügte sich willig dem strafenden Urtheil, das ihm die lebenslängliche,
reichliche Versorgung des Baumeisters und seiner Familie auferlegte.
Die Moschee, auf einer 8 Fuß hohen Terrasse stehend, ragt vom
Boden bis zur Höhe der Kuppel gegen 170 Fuß; die Säulengänge des
Vorhofes, mit den bleigedeckten Kuppeln; die Fontäne, welche mitten
im Vorhofe zwischen den hohen Zypressen spielt; die 8 zu Hochschulen
bestimmten Hallen, mit den hinten an sie anstoßenden 360 zellenartigen
Wohnplätzen für Studirende; das Krankenhaus und die Küche, aus welcher
täglich eine große Zahl der Armen gespeist wird; das Becken mit dem
hervorsprudelnden Wasser, zu welchem man neben den Moscheegebäuden tief
in den Boden hinabsteigt, sind Gegenstände, welche der jetzige Reisende
ganz ungehindert betrachten darf.
Unser diesmaliger Weg führte uns vor Allem, denn wir suchten einen
Ueberblick über das Ganze der Stadt zu gewinnen, auf den Thurm
der Feuerwache: den ~Thurm des Seraskiers~ in der Nähe des alten
Serais. Ich habe nichts dagegen, wenn der Reichshistoriograph Isi,
der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb, den Scheitel des
Feuerwächterthurmes sammt dem fensterreichen, obersten Rundgemach,
mit einem in den Lüften schwebenden Neste des Paradiesvogels
vergleicht[51], denn die Aussicht, die man von da über Land und Meer
genießt, ließe sich wohl eine paradiesische nennen, doch scheint
es mir fast ein wenig übertrieben, wenn derselbe Schriftsteller in
seinem türkischen Hofstyl hinzufügt: »es ist eine, für erleuchtete
Sinnen ausgemachte Wahrheit, daß man von diesem Thurme aus nicht nur
die Feuersbrünste des ganzen Erdkreises, sondern auch den Brand der
Sterne am Himmel mit den Augen der Beobachtung ermessen könne.« --
Armes Byzanz! du selber hast im Verlaufe deiner Geschichte mehrmalen
das Beispiel eines innren Brandes gegeben, dessen Flamme den ganzen
Erdkreis erschreckte, dessen Trauer verkündende Asche über die Reiche
der Christenheit hinstäubte; dessen entzündende Fackeln aus den
bewegten Gewalten der Höhe wie der Tiefe hervorbrachen!
Wir stehen hier oben als Zuschauer vor einer Bühne, auf welcher eines
der ernstesten, tief bedeutendsten Trauerspiele der Geschichte gegeben
ward. Das Stück ist noch nicht zu Ende; es spielet im fünften Akt;
möge, ehe der Vorhang fällt, in die vom abnehmenden Mond nur düster
beleuchtete Scene ein Morgenstrahl hereindämmern, der die annahende
Zukunft eines neuen, besseren Tages, eines Tages des Friedens von oben
verkündet.
Wir treten als Freunde und geistige Genossen deiner vormals herrlichen
Jugendzeit in deine Mitte, du altes und neues Byzanz. Aber wo sind wir
hier, und wo ist der Eingang zu deiner Gruft, aus der dein Schatten,
wenn unser theilnehmendes Sehnen ihn beschwört, gleich Samuels Gestalt
heraustreten wird vor unser Auge? Zwar das Meer, das deinen Fuß
umspülte, ist noch dasselbe geblieben; hier im Süden spiegelt sich,
wie sonst, der blaue Himmel in den weiten Fluthen des Propontis ab; in
Osten rauscht an deiner Seite noch die Strömung des Bosporus vorüber,
in Nord und Nordosten umgürtet dich noch wie vormals der Meeresarm des
Hafens. Auch der vormalige Umriß der Herrscherstadt der Konstantine
ist an dem jetzigen, osmanischen Stambul noch zu erkennen, ein etwas
unregelmäßiges Dreieck, dessen eine Seite die von den ~Blachernen~ bis
zu der Spitze des ~neuen Serai's~ reicht gegen das Gewässer des Hafens,
die andre vom Serai bis zu den ~sieben Thürmen~ nach dem Bosporus
und dem Propontis, die dritte dem flachen Lande, gegen Adrianopel
zugewendet ist und davon jede einzelne etwa auf die Länge einer Stunde
sich ausdehnt. Noch sind die sieben Hügel, daraus auch die östliche
Roma begründet war, eben so abgegränzt, noch fließt der ~Lykus~, der
zum armseligen Bächlein geworden, an derselben Stelle von Westen zur
Stadt herein, noch wird in der asiatischen Vorstadt ~Skutari~ das
alte ~Chrysopolis~, in ~Kadikoi~ der Ort der Kirchenversammlung:
~Chalcedon~ erkannt, dort vor ~Skutari~, auf dem Meeresfelsen ~Damalis~
stehet noch der von Manuel dem Comnenen befestigte ~Leanderthurm~, von
welchem, in Zeiten der Gefahr, eiserne Ketten hinüber nach dem Thurme
an der Spitze des Serai's gezogen, den Paß zwischen dem Bospor und
Propontis sperrten, und hier gegenüber liegt noch ~Galata~, dessen
einer Thurm einen andern Befestigungspunkt der Ketten, vom jetzigen
Serai her, zum Versperren des Hafens darbot. Wo aber finden wir
die eigentlichen Wohnstätten der von dem tausendstimmigen Lobe der
Dichter wie der Redner, hoch, bis zum Himmel erhobnen und gepriesnen
Herrlichkeiten der alten, byzantinischen Herrscherstadt? -- Wie?
sollte jenes bräunlich graue Trumm, dessen Gipfel da südostwärts, wie
ein verbrannter Schornstein, über das ihm nahe Gedräng der Häuser
hervorragt, wirklich ein Ueberrest der fast 100 Fuß hohen, von goldenen
Kränzen umwundenen Porphyrsäule seyn, die nach der Beschreibung der
Zeitgenossen auf Erden nicht ihres Gleichen hatte; jener Porphyrsäule,
welche zuerst das colossale Bildniß des Constantin, dann das des
Julian, hierauf jenes des Theodosius, zuletzt, nachdem das Erdbeben
dieses gestürzt ein hochragendes, vergoldetes Kreuz trug? War denn da,
bei dieser Säule nicht das Forum des ~Constantin~? Wohin sind denn
die bedeckten Hallen, welche dieses umgaben; wo die 12 Porphyrsäulen
mit den goldenen Sirenen; die eherne Uhr, das riesige, eherne Gebilde
des Elephanten, die künstlich aus Metall gegossenen Rosse, Seewölfe
und Schildkröten? Zwar, die Herrlichkeit jener mit den Blüthen der
altgriechischen Baukunst und Architektur geschmückten Bogenhallen,
die sich vom Forum der Porphyrsäule bis zu dem andern Forum des
Constantin: dem ~Augusteon~, an der Seite der Sophienkirche und vor
dem alten Kunstpallast ausdehnten, sie, sammt dem goldnen Meilenzeiger
und allen Kunstwerken, welche diesen umgaben, sind schon bei dem
verheerenden Einbruche der Lateiner von den Flammen verzehrt worden;
wo aber stehet, auf hoher Säule, die Reiterstatue des prachtliebenden
Justinian? Lagen nicht zu den Füßen des Pferdes dieses metallenen
Reiters noch in den Tagen der osmanischen Eroberung der Stadt das Haupt
und der Leichnam des Letzten der christlichen Kaiser hin zur Schau
gestellt, und nun ist mit der hohen Säule und ihrer Statue selbst jener
freie Platz verschwunden, in dessen Mitte die Säule stund? Sollte nicht
hier, in der Nähe des Thurmes des Seraskiers, da wo nun das sogenannte
alte Serai zur Wohnung der veralteten Schönheiten aus den Sultanischen
Frauenkästchen dient, die Stätte des ~Theodosischen~ +Forum Tauri+, mit
jener Triumphsäule gewesen seyn, welche im Schmucke der künstlichen,
halberhabenen Arbeit der Triumphsäule des Trajan in Rom nacheiferte?
Und der kleine Raum des jetzigen, sogenannten Hünermarktes ist dann
der einzige Rest jenes hochgepriesenen Forums? Wo stehet denn die
120 Fuß hohe, prächtige ~Säule des Arcadius~? War nicht dort, wo nun
der Weibermarkt des türkischen Stambuls ist, ihre Stätte? Und jene
Schaar der Kunstwerke, welche die byzantinischen Herrscher aus allen
Gegenden ihres Reiches im ~Hippodrom~ versammelten, ist sie denn, bis
auf den Obelisken, dort vor ~Achmets Moschee~, ganz vernichtet und
zerstäubt? -- War dort, an der nordwestlichsten Ecke der Stadt, der
hohe Pallast der ~Blachernen~, war da, in seiner Nähe, jenes Thor,
durch welches Justinian als Sieger, begrüßt von dem Päan der Sänger:
+Jo Triumphe+ hereinzog; voran der Zug der betenden, Hymnen singenden
Priester, mit den Heiligtümern der Kirchen, nachfolgend die Reihen der
lieblich blühenden, mit Rosen geschmückten Jungfrauen. -- Du schöne
Jungfrau des Ostens, wie sind deine Rosen entblättert und in den Staub
getreten; wie ist der Nacken, der sich siegreich emporhob, unter der
Last der Sklavinnenkette zum Boden gebeugt. Gehe nicht hin dein Leid
im Haine der Zypressen zu klagen; die Zypresse darf, so will es dein
Dränger, nur an den Gräbern der Seinen von Leid und Schmerz reden;
dort wo an der Meeresbucht des Propontis die jugendliche Platane
schattet, da sprich von deiner Vergangenheit und von der Hoffnung des
Künftigen. Denn unter den Zweigen dieses langlebenden Baumes wird
sich, wir hoffen es mit dir, ein Geschlecht deiner Kinder oder Enkel
jener wiedererwachten, gerade nach oben strebenden Kraft des Geistes,
aus welcher mit der innern zugleich auch die äußere Freiheit kommt,
erfreuen, von welcher die Zypresse nur wie ein Abbild des Traumes zu
deinen Feinden redet.
Die gastfreundliche Sitte des Morgenlandes ruft uns aus den Gedanken
an das, was vormals gewesen, zurück in die Gegenwart, deren Luft wir
athmen. Die Thurmwächter haben am Kohlenfeuer des Kamins den Kaffee
bereitet; man bringt uns die mit dem schwarzen, bittern Getränk
gefüllten, kleinen Tassen, dabei Gläser voll trefflich schmeckenden
Wassers. Der freundliche Mann, der uns das Getränk herumreicht,
versichert uns: es sey dieß von dem besten Wasser, das sich in Stambul
finde. Und er hat recht, denn es ist aus der ~Simeons Fontäne~ am
östlichen Thore des alten Serai's geschöpft; aus jener Fontäne,
deren Wasser, da unter Mahommed +II.+ alle Brunnen der Stadt durch
Sachverständige geprüft wurden, vor ihnen allen das höchste Lob
empfieng, so daß seitdem selbst der Bedarf des Trinkwassers für die
Tafeln des Großsultans und des neuen Serai's hier, in silbernen
Flaschen geschöpft, und drei Pferdeladungen täglich, weggeführt wird.
Der türkische, schwarze Kaffee hat die Kräfte eines Nepenthes: er setzt
das Blut, welches noch so eben durch die ernsteren Gedanken der Seele
nach ernsterem Takte bewegt war, in eine leichte, zur Fröhlichkeit
stimmende Wallung; der Takt ist ein andrer geworden; unwillkührlich
passet sich der veränderten Tonweise ein neuer Text der Gedanken an.
Wir kehren wieder zu der weiten Aussicht an den Fenstern des Thurmes
zurück; wir gehören jetzt der Gegenwart an. Wie deutlich sieht man
dort, gegen Süd in Ost den Gipfel des hohen Olymp; wie schmückt sich
die ganze Küste von Asien, vom fernen Süden herauf bis zum nahe
gegenüber liegenden Osten (bei Skutari) mit Bergen und grünenden
Hügeln. Die goldenen, von porphyrnen Säulen getragenen Sirenen im
vormaligen Forum des Constantin sind verschwunden; der Ton ihrer
Stimmen aber, zur Sehnsucht lockend, wird noch immer auf diesen mit
Gärten und Rebenpflanzungen bedeckten Hügeln vernommen. Die Nachtigall,
da sie noch jung war, hat hier den Sirenen die Melodie des Gesanges
abgelauscht; sie besingt im Gebüsch des Lorbers den Reiz jener Daphne,
die selbst in Apollos Brust das Lied eines Sehnens erweckte, welches in
vergänglichen Thautropfen der Rose das Bild der unvergänglichen Sonne
erkennt. Das mitfühlende Herz schlägt lauter; ist es doch als wollte
selbst das arme Gebüsch, welches einst menschlich fühlende Daphne war,
aus dem Schlafe der Starrsucht erwachen; da breitet der ernste Hain der
Zypressen seinen abkühlenden, düstern Schatten über den Hügel aus und
bald ist der letzte Wiederhall der Töne verstummt.
In der That, der »Beinbrecher« (dies ist die Bedeutung des Namens des
Osmanen)[52] hat sein Nest allenthalben in den Hain der Zypressen
gesetzt. Wohin man sieht, in Ost und Nord und Westen, da blickt der
grüne Teppich der Zypressenwälder hervor, auf dem die Herrscherin der
Städte des Halbmondes sitzet. Jede Grabstätte der Türken hat, wo noch
Raum für einen jugendlichen Stamm war, jenen Baum der Trauer wie der
nach oben sich richtenden Hoffnung neben sich hingepflanzt; er erhebt
seine hohen Wipfel in der Nähe der Moscheen und der Springbrunnen der
Stadt, wie auf allen Hügeln und Flächen des Landes; seine Tausende
sprechen ohne Aufhören von der Ruhe der Gräber, welcher sich die
Lebendigen auf den Tausenden der Wege ihrer Mühen und Freuden nähern.
Mag immerhin, wie nach Edrisi's Erzählung von Osmans prophetischem
Traume[53], Constantinopel mit seinen glänzenden Moscheen hier am
Zusammenfluß zweier Meere und zweier Erdtheile, als ein Diamant
zwischen zwei Sapphiren und zwei Smaragden gefaßt erscheinen, dennoch
blicken die weißen Steine der Todtenmäler, wie Flecken aus der
smaragdnen Einfassung hervor; das Blau der beiden Sapphire war nur zu
oft durch Blut geröthet; der Demant in ihrer Mitte ist voll Risse und
Mackel.
* * * * *
Gefällt es uns: der Aufseher des Thurmes zeigt und nennt uns wenigstens
die Gegend aller der acht und zwanzig Thore, welche (nur sieben
jedoch von ihnen an der Landseite) die jetzige Stadt besitzt; nennt
uns die Namen der festen Thürme der Hafenseite, deren viele noch
die Namenszüge ihrer alten byzantinischen Erbauer, und, wie die in
und bei ihnen liegenden Kanonen, griechische Inschriften an sich
tragen. Er zeigt uns, dort in Osten, neben der hehren Sophia, das
neue Serai: den Pallast der jetzigen Herrscher, mit festen Mauern
umschlossen, eine Stadt im Kleinen; er zeigt uns hier in der Nähe die
Gebäude des alten Serai; etwas ferner, an der südöstlichen Ecke der
Stadt, da wo die dreifache Mauer der Landseite am Propontis endigt,
die Stätte der alten, byzantinischen Burg des Cyklobion: die sieben
Thürme, mit dem altgepriesenen, goldenen Thore, zugleich aber auch
mit dem Blutbrunnen in ihrem Innren. Uns aber reizet für jetzt mehr
als das Ferne der Anblick der nahe von hier, auf der Höhe des dritten
der sieben Hügel gelegenen ~Suleimanje~, der Moschee des großen
Suleiman. An Symmetrie und äußrer Würde ist sie das schönste Gebäude
des jetzigen Konstantinopels; ~Sinan~, der Baumeister, errichtete
sie in den Jahren 1550-56. Hier, von oben hinabgesehen, wird es uns
am leichtesten die äußren Grundzüge des Bauplanes aller Moscheen,
an einem der besten Beispiele zu überblicken. Gleich den alten,
ägyptischen Tempeln bestehet jede von ihnen aus drei Haupttheilen: dem
Vorhofe, oder, nach dem türkischen Kunstausdrucke, dem Harem, dann
dem eigentlichen Kirchengebäude[54], dann dem sogenannten Garten,
mit den Begräbnißstätten der Erbauer und ihrer nächsten Angehörigen.
Am Eingange zum Vorhof oder zur Moschee selber, stehen die hohen
Minares[55], deren die Suleimanje vier hat: zwei niedere am Vorhofe,
zwei höhere am eigentlichen Tempelthore. Im Vorhofe findet sich
immer ein laufendes oder emporspringendes Wasser, bestimmt zu den
vorgeschriebenen Waschungen Derer, die in den Tempel treten wollen;
bei der Suleimanje ist es eine Fontäne, deren Wasser unter einem
thürmchenartigen Dache spielt. Säulenhallen, bei eben dieser Moschee,
von acht und zwanzig Kuppeln gedeckt, laufen um die drei Seiten des
Vorhofes herum; im Innern desselben die langen Reihen der Marmorsitze.
Das Dach des eigentlichen, prachtvollen Tempelgebäudes wölbt sich
zu einer hohen Kuppel, umgeben von zwölf kleinen Halbkuppeln. Der
Haupteingang zu allen Moscheen der Hauptstadt und ihrer Umgegend, wenn
sie nicht etwa durch bloße Umgestaltung einer christlichen Kirche
entstanden sind, liegt an der S. S. O. Seite, weil der ~Mihrab~,
oder mahommedanische Hochaltar (eine Nische zur Aufbewahrung des
Korans), welche, dem Eingange gegenüber, im hintersten Grunde des
Gebäudes stehet, seine Richtung nach der Kibla, das heißt nach jener
Weltgegend nehmen muß, in welcher Mekka liegt, und diese ist für die
Gegend von Konstantinopel in Süd-Süd-Ost. Ober dem Haupteingange,
nach welchem sich die Moslimen beim Gebete hinwenden, stehen, im
Innern der Suleimans-Moschee, mit goldenen Buchstaben auf lasurblauem
Grunde die Worte: »Ich habe mein Gesicht zu ihm gewendet, der Himmel
und Erde ernährt.« In dieser Moschee, deren Bau 760,000 Ducaten
gekostet hatte[56], ließ der Erbauer unter andern die vier schönsten
und höchsten Säulen des alten Konstantinopels bringen, welche ihm
seine baulustigen Vorfahren noch übrig gelassen; namentlich die,
welche vormals das Reiterbildniß des Justinian trug. Jene vier
Säulen aus rothem Granit, an deren marmornen Capitälern der Meißel
des Sinan mit den prachtvollsten Zierrathen der Säulen von Palmyra
und Persepolis zu wetteifern versuchte, stützen die Kuppel. Auch am
Mihrab, so wie an der zu seiner Linken stehenden Kanzel (Kursi) und
dem Gerüste des Freitagsredners (dem ~Mimber~) und an dem Sitze des
Sultans (~Makssure~), der eine Art von Emporkirche, rechts vom Mihrab
bildet, zeigt sich, in mannichfachen Zierrathen, diese künstliche
Hand; an den Wänden laufen Reihen von Marmorbänken für die Leser
und Hörer des Korans herum; oben, die Gallerieen dienen hier wie in
vielen Moscheen zu geheiligten Verwahrungsorten für das Geld und die
andern Kostbarkeiten der Privatleute, welche mit Recht in diesem
festen, steinernen, von der Andacht bewachten Gebäude ihr Eigenthum
vor Feuersbrünsten und Diebereien besser verwahrt glauben als in
ihren eigenen, leichtgebauten Wohnungen. Die prunkendfarbig ins Auge
fallenden Glasmalereien der Fenster, welche Blumen oder die Namenszüge
»Allah« darstellen, sind von der Hand eines zu seiner Zeit berühmten
Meisters in dergleichen Arbeiten, der »trunkene Ibrahim« genannt. Im
Friedhof oder sogenannten Garten der Moscheen, welcher unmittelbar an
die Seite des Mihrab (d. h. der Hochaltars-Nische) angränzt, ohne
hier durch einen Ausgang unmittelbar mit der Kirche verbunden zu seyn,
zeigen sich, von hohen Kuppeln bedeckt, das große Grabmal des Erbauers:
des Sultan Suleiman[57] und hinter ihm das etwas kleinere seiner
berüchtigten Lieblingssultanin Roxelane, jener schönen und talentvollen
Russin, an deren blutige Ränke die nicht fern von hier, südwärts
von der Suleimanje gelegene, kleine Moschee der Prinzen wenigstens
mittelbar erinnert. Denn hier wurde zwar nicht der gefürchtetste Sohn
von Roxelane's Nebenbuhlerin, der trefflich begabte, edle, künftige
Thronerbe Mustapha, als unschuldiges Opfer eines bei dem Vater erregten
Verdachtes begraben, wohl aber sein Bruder, der geistreiche Prinz
Dschihangir, dessen von Natur gebrechlicher Körper dem tiefen Schmerz
über des Vaters Härte und des Bruders Tod erlag. Roxelane selber starb
schon im zweiten Jahre nach Vollendung der Suleimans-Moschee, 1558.
Nur noch einen Blick auf die hehre Sophienkirche des alten, auf die Aja
Sophia des neuen Byzanz, und wir begeben uns wieder hinab in das muntre
Volksgedränge der Hauptstadt. Der riesenhafte, vergoldete Halbmond,
der auf dem Gipfel pranget (sein Durchmesser soll 50 türkische Ellen
betragen), weckt schon aus weiter Ferne die Aufmerksamkeit des Auges,
denn man sieht, wenn die Sonne ihn erweckt, seinen Glanz viele Meilen
weit im Meere; man bemerkt ihn von der Höhe des fernabliegenden Olymp.
Das Gebäude selber, mit seiner leicht sich hinüberspannenden, großen,
kunstreich flachen Kuppel, welche die Kreise der kleineren Halbkuppeln
umgürten, vermag jene erwachte Aufmerksamkeit des Auges nicht bloß fest
zu halten, sondern sie zur höchsten Theilnahme zu steigern. Doch eben
dieser Fernanblick ist es auch, der uns am unwiderstehlichsten wieder
hinunter, zu der näheren Betrachtung des gepriesensten Bauwerkes des
alten Byzanz führet.
Wir nehmen unsren Weg am Vorhof der prächtigen Suleimanje vorbei;
weiterhin zieht unsre Neugier die ~Gasse der Teriaki's~ oder
Opiumverkäufer an, in deren Hallen sich schon ein Theil der Freunde und
Gefangenen der an Wahnsinn gränzenden, silenischen Begeisterung des
Mohnsaftgenusses eingefunden haben. Wer die närrischen Taumelfreuden
dieses in seinen Folgen gefahrvollen Zustandes einmal und mehrmalen
gekostet, für den mögen sie, abgesehen von dem Bedürfniß nach
neuer Aufregung, welches aus der Abspannung hervorgeht, eine fast
unwiderstehliche Kraft der Anziehung haben. Jene Bedauernswürdigen oder
auch jene Neugierigen, die sich ihm, jene für immer, diese nur auf
ein und das andre Mal hingaben, schildern die innre Aufregung durch
den Mohnsaft fast ganz auf dieselbe Weise, auf welche Kämpfer die
Trunkenheit von den aus Hanfextrakt und anderen narkotischen Stoffen
bereiteten Fröhlichkeitspillen beschreibt, welche er einstmals, auf
seiner asiatischen Reise, aus eigner Erfahrung kennen lernte. So
leiblich überglücklich und fröhlich, sagt er, habe er sich in seinem
Leben noch niemals gefühlt als in jenem Zustande; das Tischgespräch
solcher Berauschter wird zu einem Lachen, welches zuletzt über nichts
mehr als über sich selber lacht; man ist mit der ganzen Welt in
Brüderschaft getreten; Franken und Moslimen umarmen sich wie alte
Freunde und Bekannte. Und beim Nachhausereiten am Abend fühlt man sich
so leicht und seltsam in die Höhe gehoben, daß es einem däuchtet als
gienge das Pferd nicht auf dem Boden, sondern in den Lüften und man
ritte gerade in das Gewölk der Abendröthe hinein. Man kommt nach Hause,
ißt mit gutem Appetit, schläft vortrefflich, fühlt am andern Tage keine
Beschwerde. -- Dieß ist der Viele verlockende, harmlos scheinende
Zustand der noch gesund verdauenden Anfänger im Opiumessen. Kämpfer
ließ sich indeß hierdurch nicht zum weitern Genuß auch der minder
schädlichen Fröhlichkeitspillen verleiten; er kämpfte ritterlich gegen
jede Wiederholung des Versuches.
* * * * *
Auch die berühmten Kaffeehäuser dieser Stadtgegend verdienen eine
Beachtung; ihr täglicher Besuch, vom Morgen bis zum Abend ist zu
innig mit dem Lebenskreise der Bewohner der osmanischen Hauptstadt
verschlungen. Man kann sich den jetzigen Türken fast nicht ohne Kaffee
und Tabak denken; beide Genüsse, so sollte man meinen, haben hier
ihren Ausgangs- und Mittelpunkt. Und doch wurde das erste Kaffeehaus
in Constantinopel erst im Jahr 1554 von einem Aleppiner errichtet,
der nach 3 Jahren mit einem baaren Gewinn von 5,000 Ducaten in sein
Vaterland zurückkehrte. Die Sitte des Tabaksrauchens gesellte sich im
Jahr 1605 zu der des Kaffeetrinkens.
* * * * *
Wir gehen weiter, gegen die Mauern des alten Serai's hin, welche die
Wohnungen der Gemahlinnen und der noch unverheiratheten Töchter der
verstorbenen Sultane umschließen. Hier herrschte gewöhnlich nur ein
stummes Nachsinnen über das Vergangene, doch gab namentlich die Wittwe
Achmeds +I.+, die Stiefmutter Osmans +II.+, diesem hier ein
mehrtägiges glänzendes Fest.
Weiterhin im Süden vom alten Serai verweilen wir ein wenig bei der
~Moschee Bajasids~ +II.+ (der Große genannt), des Sohnes und
Nachfolgers des Eroberers der Stadt: Mohammed +II.+ Sie ward 1505
sieben Jahre vor Bajasids Tode vollendet. Der Vorhof mit dem Brunnen,
dessen Kuppel auf acht Marmorsäulen ruhet, zog uns zu sich hin; wir
blickten von da ungehindert in das schmucklose Innre hinein, in welchem
keine Säulen, und außer der Emporkirche mit vergoldetem Gitter (dem
Sitze des Sultans) nichts Besondres bemerkt wird. Sie hat nur zwei
Minare's. Bei dieser Moschee werden die hochgeschätztesten Kiblaname
oder Gebetscompasse für die Moslimen gefertigt und verkauft; sie
sollen, so meint man, dem Betenden, wo er auch stehe, am sichersten es
erkennen lassen, wo Mekka liege und wohin er beim Gebet sein Gesicht zu
richten habe. Denn, so erzählt die Sage, als der Baumeister der Moschee
den Sultan Bajasid, der bei den Türken im Geruch großer Heiligkeit
stehet, um Bestimmung der Kiblalinie für den Grundplan des Gebäudes
bat, da ließ ihn der Herrscher auf seinen Fuß steigen, und die Augen
des Baumeisters wurden geöffnet; er sahe Mekka vor sich liegen. Bajasid
der sich während seiner dreißigjährigen Regierung als ein natürlich
wohlwollender, nach dem Maaße seiner Erkenntniß frommer Moslim zeigte,
war eben als solcher im hohen Grade für die Träumereien der Astrologie
und orientalischen Mystik eingenommen. Eine Menge von Schulen und
Bildungsanstalten, welche er stiftete, wie seine Bereitwilligkeit
jedes weiterstrebende Talent zu unterstützen, beurkunden vielleicht
das freilich unbefriedigt gebliebene Sehnen dieses Mannes für sich
selber wie für sein Volk ein höheres Erkennen zu begründen. Nicht ohne
Theilnahme erinnert sich der vorübergehende Wandrer der Schicksale
dieses osmanischen Herrschers; besonders seiner Entthronung durch
seinen ihm ungleichen Sohn, den Wütherich Selim, und der Auswanderung
des kränklichen Alten, der sich jetzt von allem, so lang gewohnten
Prunk und Glanz des Thrones so wie den Schaaren der Höflinge entkleidet
und verlassen sahe, nach seinem Geburtsort Demitoka, den er jedoch
nicht mehr erreichte, weil ihn bald nach dem Hinaustreten aus der
Herrscherstadt der Tod eine nähere Ruhestätt, hier in dem Garten der
von ihm selber erbauten Moschee anwieß.
In der Nähe der Bajasids Moschee, welche auch auf dem dritten Hügel der
Stadt stehet, blickten wir in eine sogenannte Ueberlieferungsschule,
wo von einem hierzu bestellten Lehrer eine Art von Encyclopädie der
höheren Rechtskunde und der Glaubenslehren der Moslimen vorgetragen
wird. Jenseits dem kleinen mit Marmor gepflasterten Hofe, in einem
großen, lüftigen Saale, an dessen Wänden die Reihen der gepolsterten
Kissen für die vornehmeren Zuhörer herumliefen, saß der türkische
Professor (Muderris); ein stattlicher, alter Mann, lesend in einem
Buche und Tabak rauchend. Wir begrüßten ihn nach orientalischer Sitte,
mit den über die Brust gelegten Armen; er dankte mit Gravität. Die
Thüren stunden offen, aber kein Zuhörer hatte sich noch eingefunden.
Wir naheten uns jetzt der Stätte und den Resten der gepriesensten
Kunstherrlichkeiten des alten Byzanz. Da stund denn vor uns die noch
immer fünfzig Fuß hoch über ihr Gestell hinaufragende »~verbrannte
Säule~,« der einst so weltberühmte Stylos von Porphyr, den
Constantin hatte errichten lassen. Von den acht Stücken aus
denen diese Porphyrsäule vormals bestund, bis ein Erdbeben unter
Alexius +I.+ die drei obersten, sammt der Statue des Kaisers
herunterstürzte, sind noch fünf stehen geblieben; statt der prächtigen,
goldenen Kränze, welche die Fugen zwischen den einzelnen Stücken
umgürteten und verdeckten, sieht man nur noch die schon von den
Byzantinern herumgelegten, häßlichen, eisernen Reifen. Der Schaft der
Säule, die von dorischer Ordnung ist, misset im Umfange 33 Fuß; jedes
der acht ursprünglichen Stücke hatte zehn, das Piedestal achtzehn
Fuß Höhe, so daß das ganze Werk, ohne die auf ihm stehende Statue
98 Fuß hoch ragte. Unter dem Grundgemäuer dieses von Erdbeben und
Feuersbrünsten so vielfach entstellten Säulenkolosses ließ Constantin
das Palladium des alten Romes, gebildet aus den Gebeinen des Pelops
vergraben, damit durch diesen Talisman seine Herrscherstadt, selber
unbesiegbar, eine Besiegerin der andren Städte werde, wie Rom dieß
war. Da jener Grund, seitdem man ihn legte, niemals aufgegraben,
ja nur berührt worden ist, hat dieses Palladium nun schon fünfzehn
Jahrhunderte lang Zeit gehabt seine magischen Kräfte zu bewähren;
dieses ist jedoch auf eine Weise geschehen, welche wenig Zutrauen zu
dergleichen magischen Kunststücken, an denen das alte Byzanz so reich
war, einflößen konnte. Hat sich doch die unbezwingbar und unverletzlich
machende Kraft der Gebeine des Pelops nicht einmal über die nächste
Umgebung zu erstrecken vermocht, denn die Statue des Apolls mit dem ihr
angesetzten von einem Nimbus umgebenen Kopfe, welcher Constantins Züge
trug; diese heidnisch-christliche sogenannte Bildsäule des Constantin,
die zuerst den Gipfel der Säule einnahm, fand hier kaum 30 Jahre eine
bleibende Stätte und auch die Statue des Julian, welche dieser statt
dem Bild des Erbauers auf so hohen und doch so wandelbaren Fußschemel
stellte, mußte abermals nach 30 Jahren jenem des großen Theodosius
weichen. Nachdem das Erdbeben im Jahr 1112 auch diese Herrscherstatue
sammt den obersten Stücken des Schaftes herabgestürzt und zerschmettert
hatte, stund auf der nun kürzer gewordenen Säule ein hohes, vergoldetes
Kreuz. Dieses wollte allerdings an jenes »Geheimniß«[58] erinnern,
welches, so lange es über den »Hütten« der Erdbewohner »bleibet« eine
mächtiger bewahrende und schützende Kraft hat als jedes Palladium aus
Gebeinen der Todten oder das Bild der Glücksgöttin, das am Fuß der
Porphyrsäule stund. Aber das Volk von Byzanz hatte die Erinnerung,
welche das vergoldete Zeichen gab, weder beherzigt noch verstehen
wollen, darum wurde auch das todte Denkzeichen von den Augen
hinweggenommen; statt des Goldschimmers blieb nur die Farbe des Rostes
und des Rußes.
Das gewesene ~Forum~, in dessen freiem Raume die vormalige
Porphyrsäule emporragte (m. v. oben S. 153.), ist jetzt mit einer
Menge, zum Theil sehr unansehnlicher und verfallener Häuser überbaut;
eine dieser Ruinen wird, ohne hinlänglich überzeugenden Grund als der
gewesene ~Pallast des Belisarius~ bezeichnet. In der Nähe der so
oft von den Schrecknissen Gottes getroffenen, verbrannten Säule, in
einer der hier angränzenden Latrinen fand der Urheber vieler innrer
Zerrüttungen und geistiger Verheerungen der Kirche: Arius seinen
grausenhaften Tod.
Auf diesem Platze, bei dem angeblichen Palast des Belisarius befand
sich in den früheren Zeiten der Osmanischen Herrschaft der Eltschichan
oder die Wohnung der auswärtigen Gesandten, welche hier gleich
Gefangenen bewacht und behandelt wurden. Einem von ihnen, einem Herrn
von Sinzendorf, wurden auf Großsultanischen Befehl die Fenster seiner
Wohnung zugemauert, weil er durch dieselben herausgesehen hatte
und weil (was er kaum wissen konnte) diesen Fenstern gegenüber ein
Türkischer Harem war.
Wir besahen, von hier weiter gehend, jene berühmte ~Cisterne~ in
der Nähe des Hippodrom, welche die Türken, nach ihrer Liebhaberei an
großen, runden Zahlen, ~Bin bir dinek~, d. h. die ~tausend und
eine~ Säulen nennen. Wirklich fanden und finden sich in ihr noch
jetzt 672 Säulen, denn dieses alte Wasserbehältniß, welches Philoxenos
der Senator unter Constantin dem Großen erbauen ließ, bestund aus drei
Stockwerken, davon jedes von 224 Säulen getragen wurde. Die Säulen des
obersten (Decken-) Geschosses sieht man noch in ihrer ganzen Höhe von
24 Fuß frei hervorstehen; die des zweiten sind mit zwei Drittheilen
ihrer Länge, die des untersten Geschosses ganz im Schutt und Schlamm
versenkt. Um dieses Behältniß ganz zu füllen, bedurfte es nach
~Andreossy's~ Berechnung einer Wassermenge von mehr als einer
Million Cubikfuß, mithin fast so viel als alle jetzige Wasserwerke
Constantinopels zusammengenommen in drei Tagen liefern. Gegenwärtig
findet sich in dem kühnen Bauwerk der (sogenannt) 1001säuligen Cisterne
eine Seidenspinnerei, die einem Armenier zugehört. Auf dem nun mit
Schutt und Modererde bedeckten Platze, der an das Gebäude angränzt,
fanden sich einst die Bäder und der Pallast des ~Lausus~,
ausgeziert mit vielen der berühmtesten, schönsten Kunstwerke der alten
Welt.
Doch diese alle waren nur Zierrathen einer schönen Vorhalle, denn
siehe, noch um einige Schritte weiter finden wir uns auf dem Boden des
~Hippodrom~ oder des ~At Meidan~, auf jener merkwürdigen
Tenne, da einst Früchte der Kunst aufgespeichert waren, deren Werth
die Schätze eines jetzigen Königreiches nicht aufzuwiegen, deren
Verlust die später gebornen Zeiten bis jetzt noch nicht wieder zu
erstatten vermogten. Dieser At Meidan, für die Spiele des Wettrennens
schon von Severus begründet, war unter den Kaisern des Ostens nicht
nur ein Hauptpunkt der Stadt und des ganzen Reiches, sondern der
gesammten damaligen gebildeten Welt geworden. Denn wie sich von hieraus
alljährlich aus der ehrgeizigen Streitsucht der Rennpartheien jene
Fäden der inneren Kämpfe und Zerrüttungen entspannen, welche öfters
das ganze Reich erschütterten; so feierten da, auf eine edlere,
stillere Weise die Künste der blühendesten Jahrhunderte des gesammten
Griechenlandes ohne Aufhören einen Wettkampf, der die Seelen der
Betrachtenden zur tiefsten Theilnahme bewegte, und aus welchem sich die
Fäden eines Gewebes entspannen, das nachmals der christlichen Kunst
zu einem Teppich diente, auf welchen sie zuerst ihre Füße setzte. Die
Herrscher des oströmischen Reiches hatten die gepriesensten Kunstwerke
des Griechischen und zum Theil selbst des Römischen Alterthumes hieher
auf diesen engen Raum versammlet, und, so kann man sagen, auf die
Schlachtbank der später über sie hereinbrechenden Vernichtung geführt.
Hier stund das Meisterwerk des Lysimachos: jenes kolossale, eherne
Bildniß des ~knieenden Herkules~, dessen Daumen der Dicke, dessen
Wade, an dem niedergelehnten Fuße der Höhe eines Mannes gleich kam; ein
Werk, das sich dem Andenken der Alten so tief eingeprägt hatte, daß
sie es als Bild des Knieenden, in den Darstellungen der Sternbilder
nachahmten. Hier war, unter den Tausenden der andern Kunstwerke,
jenes Bildniß der ~Trojanischen Helena~, dessen Untergang ein
alter Freund der Kunst nicht minder beklagenswerth nannte, als Ilions
Untergang selber; hier stunden die Kunstwerke ~des Reuters~, auf
dem kampfgierigen Rosse; ~des Helden~, der mit dem Löwen rang; des
~fliegenden Adlers~; des ~Viergespannes~ der Rosse vor dem
Wagen der Siegesgöttin und etwas weiter hin auch jenes andere freie
Doppelpaar der Rosse, welches vormals, ehe Theodosius +II.+ es von
dort hinweggeholt, der Stolz von Chios war und das jetzt den Eingang
der Markuskirche in Venedig schmücket. Hier im Hippodrom fanden sich
auch die Bilder der ~Dioskuren~, der ~Wölfin Roma's~, des
~Erymantischen Ebers~ und des ~Eseltreibers aus Actium~,
eines Meisterstückes aus der Augusteischen Zeit, welches an das Glück
verheißende Wort des begegnenden Landmannes vor der entscheidenden
Schlacht bei Actium erinnern und der Stadt Constantins selber Glück
bedeuten sollte. Doch, wer sollte es versuchen wollen, eine für
sich allein nichtssagende Reihe von Namen aller Götter und Heroën,
so wie der Herrscher und Herrscherinnen, der Ungeheuer und Wunder
des Meeres wie des Landes zu wiederholen, deren Gestalten, aus der
Hand der kunstmächtigsten Meister des Asiatischen und Europäischen
Griechenlandes hier zusammengehäuft stunden. Hatten doch Ephesus
und Sardis, Smyrna und Chios, Athen, Cäsarea, Cycikus und Sebastia,
Tralles und Antiochia, Cypern, Creta und Rhodus, mit allen andern
kunstliebenden Städten und Inseln ihrer Nachbarschaft die Augenlust
ihrer Tempel und vormaligen Herrscher-Palläste hergeben müssen,
damit sie, wie die enggedrängten Stämme eines Waldes, der Arena
des byzantinischen Hippodromos Schatten gäben. Manche dieser alten
Herrlichkeiten des At Meidan hatten schon die großen Feuersbrünste der
Regierungszeiten des Arkadius und Anastasius (in den Jahren 406 und
498) beschädiget; viele, ja die meisten hatte die Barbarei der Lateiner
am Anfang des 13ten Jahrhunderts vernichtet, welche, namentlich das
Bild des knieenden Herkules zu kleinen Geldmünzen und Waffengeräthen
verschmolzen, das aber, was noch übrig war, das haben die Baulust und
die Bilderscheu der Osmanen vollends hinweggeräumt. So wurden die
Säulen des von Severus errichteten unteren Theiles des Rennplatzes
zum Bau der Moschee des großen Suleiman, die Marmorstufen zum Bau des
Pallastes eines seiner Minister verwendet. Der jetzige At Meidan,
seiner Breite nach durch den Aufbau der Achmedmoschee, der Länge nach
durch den eines Spitales verkürzt, misset noch immer 250 Schritte in
die Länge, 150 in die Breite; er empfängt seine schönste Zierde jetzt
nicht mehr durch die eignen Kunstwerke, sondern durch seine prächtige
Nachbarin: die ~Moschee des Sultan Achmed~, jenes Herrschers,
der während seiner vierzehnjährigen Regierung, welche durch Krieg und
Empörung von aussen wie im Innern des Reiches vielfach beunruhigt war,
sein liebstes Ausruhen an der Begründung und Ausschmückung dieses
prunkend schönen Gebäudes fand. Die Achmeds-Moschee, zu welcher der
Grund im Jahr 1609, am 25. December, dem alten Geburtsfest des Mithras,
in einer von den Hofastronomen bestimmten, glücklichen Stunde[59]
gelegt ward: im zwanzigsten Lebensjahre des Sultans, sechs Jahre
nach seiner Thronbesteigung, läßt sich, wegen ihrer Bestimmung bei
den Hauptfesten der Stadt als die eigentliche Cathedrale derselben
betrachten. Sie pranget mit sechs Minares; vier thurmartig nach
außen vorstehende Säulen tragen die Kuppel, in ihrem Innern finden
sich die hochgerühmten vier mit Smaragden besetzten Lampen, die
riesenhaften Leuchter aus edlem Metall und andre Kostbarkeiten. Und
doch erinnert dieses prunkende Gebäu, wenigstens bei dem Anblick
seines Todtengartens, zugleich an die Gräuel des Hippodroms, dessen
Kunstgehalt nach seinem Maßstab es nachzuahmen versuchte. Denn neben
den Gebeinen Achmeds des Erbauers, welcher, nur 28 Jahre alt, 1617
starb, ruhen hier die Gebeine seiner Söhne: Sultan Osman +II.+,
der den frühzeitigen Anfang seiner Regierung mit dem Mord des Bruders
(Mahommed) befleckte, er selber aber, schon im 18ten Lebensjahre aufs
grausamste und schmählichste von den empörten Janitscharen gemordet
ward, außer diesen die Reste auch von drei andern Söhnen Achmeds,
namentlich die des Wütherichs Murad +IV.+ und der beiden von ihm
gemordeten Brüder Bajasid und Suleiman.
Nur noch einen Blick auf jene traurigen Reste der Herrlichkeit
der Kunst, die einst, wie ein Schattenspiel an der Wand, an der
Stätte des Byzantinischen Hippodroms vorüberzog. Hier ist noch die
dreifache ~eherne Schlange des Delphischen Dreifußes~; doch sind
ihr die drei Köpfe (der eine durch Mohammed +II.+) abgehauen. Da
stehet auch noch der nach oben wie abgespitzte Obelisk, der aus der
alten Aegyptischen Heimath zuerst nach Athen, dann nach Constantins
Stadt geführt wurde, mit seinen, auf einigen Seiten noch deutlich
erkennbaren Hieroglyphen-Räthseln. Unten an seiner Basis bezeugen es
die lateinische wie die griechische Inschrift, daß Theodosius diesen
Obelisken, der vom Erdbeben gestürzt lag, wieder aufrichtete. In
der Reihe dieser beiden, armen Reste zeigt sich endlich auch noch
die Spitzsäule des Rennbahnzieles, welche jedoch ihrer metallenen
Bekleidung mit der prahlenden Inschrift aus den Zeiten des Constantinus
Porphyrogenitus schon vorlängst beraubt ward.
So ist die Lust der Augen, so ist die Pracht der Städte Kleinasiens und
Hella's wie ein Stein im Meere, im Elend der späteren Zeiten versunken;
gleich Blasen des Schaumes schweben nur noch jene armseeligen Reste
über der Fluth. Aber ein flüchtiges Doppelpaar von Rossen, das
ungefesselt stund, ist dem Kampf entronnen; es kam zu uns, an Venedigs
Gestade herüber. Wie? -- wollte es etwa gegen die sonstige Weise der
Streitrosse, welche den Kampf der Männer lieben, der Gefahr sich
entziehen, das Getöse der Waffen meiden? -- Keinesweges; das was es
zu uns über das Meer herüberführte, das war ein Zug der Treue zu dem
alten Herrn und Pfleger; denn wie es dort in der Nähe der Kirche
gestanden, da die Gebeine mehrerer der Apostel ruheten und ihr Andenken
geehrt ward; so wollte es mitten durch die Gräuel der Verwüstung
das friedliche Heiligthum des Schwestertempels der hehren Sophia:
die Markuskirche Venedigs aufsuchen, weil hier noch fortlebend das
Gedächtniß und der Name eines der Apostel wohnet. Das vielgewanderre
Doppelpaar der Rosse, das aus seiner Heimath Athen zuerst nach Chios,
dann nach Byzanz, dann nach Venedig, von hier nach Paris und abermals
nach Venedig gezogen ist, erweckt noch eben so wie vormals in der Seele
des Betrachtenden ein Andenken an das Werk der Heldenkämpfe; weniger
aber jener des Schwertes als der friedlich stilleren, dafür aber desto
kräftigeren des Geistes, welche zuletzt alle Macht der Finsterniß und
der Barbarei besiegt.
Doch wir haben lange genug bei der Betrachtung des Hippodroms und
seiner nächsten Nachbarschaft verweilt, mächtig zieht uns die hohe,
über die Masse der alten Palläste und Häuser hervorragende Kuppel
der Aja Sophia zu dem Anblick dieses dreizehnhundertjährigen Tempels
hin, welcher neunhundert Jahre lang der Gottesverehrung der Christen
geweihet war.
An solchen Greisen, die zuletzt gedächtnißschwach wurden, hat man
öfters bemerkt, daß, während die Mühen und die Noth so wie das
kleinliche Thun und Treiben der späteren Jahre ganz aus der Erinnerung
geschwunden sind, einzelne Begebenheiten aus der glücklichen Zeit der
Jugend oder einzelne, bedeutungsvollere Thaten des früheren Lebens
ihnen noch so frisch vor der Seele stehen, als wären sie erst gestern
geschehen. Gleich einer solchen deutlichen, sich vollkommen treu
gebliebenen Erinnerung an den genußreichsten, kraftvollsten Moment der
früheren Vergangenheit, stehet mitten in dem Osmanischen Stambul das
schönste, prachtvollste Gebäude des alten, von so manchem Ungewitter
des Elendes verheerten Byzanz, die ~Aja Sophia~ da. Wenn man sich die
vier unsymmetrisch gebauten Minare's und die Nebengebäude hinwegdenkt,
welche die türkische Architektur angefügt hat, und die sich hier
ausnehmen wie Aenderungen oder Zusätze, die ein moderner Dichterling
an dem Lied eines alten Meisters anbrachte; wenn man, sage ich, von
dem türkischen Schleier absiehet, der einen Theil des Angesichtes der
hehren Sophia verhüllet, so hat man da, noch vollkommen erhalten,
den Tempel der ewigen Weisheit, den Justinian im 6ten Jahrhundert
(im Jahr 538) erbaute, vor sich. Denn als der Osmanische Eroberer
Mahommed der Zweite 900 Jahre später mit seinem Barbarenheer in die
Stadt eindrang, behielt er sich, als seinen Antheil an der reichen
Beute, nur die Gebäude vor, und da er, beim Hineintreten in das Innre
der Sophienkirche einen seiner Soldaten bemerkte, der im Begriff
war, einen kostbaren Stein des Mosaikpflasters herauszubrechen,
traf sein handgreiflicher, mit dem Schwert geführter Verweis den
Frevler so empfindlich in die Schulter, daß man diesen ohnmächtig
aus der Kirche heraustragen mußte. Dieser freilich sehr wirksamen
Art der allergnädigsten Verweise danken wir denn die Rettung und so
vollkommne Erhaltung des berühmtesten christlichen Kirchengebäudes des
Morgenlandes.
Ich versuche es, das Aeußere der hehren Sophia aus eigner Anschauung
zu beschreiben; das Innre habe ich zwar leider nicht selbst gesehen,
dennoch werde ich auch von ihm aus fremden Berichten Einiges erwähnen.
-- Es war heute zum ersten Male, daß mich jene Wehmuth ergriff, die
ich nachmals öfters auf dieser Reise empfunden: die Wehmuth, die
jenen alten Nordländer erfaßte, als er seinen Sohn zu Algier in dem
Gewand und der Lebensweise des türkischen Renegaten erblickte. Du
altes Heiligthum des Christenglaubens; der Christ darf deine Hallen
nicht betreten; er darf nur im Vorübergehen hinein in deine Vorhöfe
blicken. Wie lange weilet der Minstrel, der außen vor deinem Gefängniß,
wie vor dem Thurme, in welchem Richard Löwenherz gefesselt lag, die
wohlbekannten Töne anstimmet, denen dann Du, im Innern, mit Hymnen des
Lobes und dem Posaunentone des Dankens antworten wirst? Der Minstrel,
dein Retter und Befreier; er weilet lange. Du alter Glockenthurm am
Eingange, gegen die Minare's und ihre vergoldeten Halbmonde erscheinest
du nur klein, wenn dir aber dereinst die Stimme wiederkehrt, da wird
sie weiter tönen über Meer und Land, als der Ruf des Muesin's.
Die Sophienkirche, welche in manchen Zügen der Aehnlichkeit an die
Marcuskirche in Venedig erinnert, ist so wie alle älteren christlichen
Kirchen orientirt; der Haupteingang in Westen, der Hochaltar stund in
Osten. Der Umriß ahmet die Gestalt eines griechischen Kreutzes nach.
Die Länge des innern Schiffes, von West nach Ost, misset 269, die
Breite 143 Schuhe; 180 Fuß beträgt die Höhe vom Boden bis zum Scheitel
der Kuppel. Diese, die Kuppel, machet durch die Leichtigkeit, mit
welcher sie sich, gleich einer nur wenig gehobenen Woge des Meeres,
über das Gebäude hinspannt, einen besonders mächtigen Eindruck aufs
Auge, denn bei einem Durchmesser von 115 Fuß hat diese Kuppel kaum 20
Fuß Höhe. Ueber den Eingang zum Tempel wölben sich zwei Vorhallen, die
erste gegen Westen mit drei, gegen Nord und Süd mit einer Pforte, die
andre mit 16 Thüren, davon 5 in die erste Vorhalle, 2 nach den Seiten,
9 nach dem Innern der Kirche sich öffnen. An dem Deckengewölbe dieser
Hallen zeigen sich noch Spuren der vormaligen kostbaren Mosaikbilder.
Das Haupt, das äußere Ansehen des alten Gemäuers, aus Backsteinen
bestehend, ist seiner ehemaligen christlichen Zierrathen beraubt,
dagegen enthält das Innre, das sein meistes Licht durch die 24 Fenster
der Kuppel empfängt, noch immer jenes Heer der herrlichsten Säulen,
welches mit Zuversicht des gewissen Sieges den Fremdling zu fragen
scheint, ob er wohl auf Erden seines Gleichen gesehen habe. Denn als
Justinian hier an die Stätte der von den Rennpartheien im Jahr 532
niedergebrannten Sophienkirche des Constantin und Theodosius dieses
mächtige, steinerne Bauwerk setzen ließ, da wurden acht der schönsten
Säulen des Dianentempels zu Ephesus, achte des Sonnentempels zu Balbeck
zum Bau herbeigeführt; zu ihnen gesellte man jene berühmten aus dem
Cybeletempel zu Cyzikus, deren weißer Marmor von rosenrothen Streifen
(erinnernd an das Blut des Athys), durchwirkt ist; und wo es noch
sonst in alten Tempeln und Pallästen zu Athen und Troas wie auf den
Cykladen Säulen gab, welche vor andern als die schönsten galten, die
wurden herbeigebracht, um die damalige Herrscherin aller christlichen
Kirchengebäude zu schmücken. Die große Kunst der beiden Baumeister,
des ~Anthemius von Tralles~ und des ~Isidorus von Miletos~
giebt sich noch jetzt in der sichern Anordnung des kostbaren Materials
kund, das ihnen zu Gebote gestellt war. Denn obgleich das thurmartige
Tabernakel mit der goldnen von goldnen Lilien umkränzten Kuppel, und
dem goldnen, 75 Pfund schweren Kreuze, obgleich die 12 goldnen Säulen
vor dem Altar, so wie der goldene Baldachin über dem Lesepulte, mit
seinem 100 Pfund wägenden goldnen, mit Edelsteinen und Perlen besetzten
Kreuze längst verschwunden sind; obgleich der türkische Ritus, der
den Hochaltar in die Mekkalinie oder Kibla zu stellen gebeut, mithin
nach S. S. O., die Symmetrie des alten Kirchengebäudes durchkreuzt,
stehen dennoch in ungebrochener Kraft ihrer Schönheit und Würde jene
acht Porphyrsäulen aus Balbeck da, von denen vier die große, vier die
an diese gränzenden kleineren Kuppeln tragen; die grünen Säulen des
Dianentempels, welche den Frauenchor stützen und jene andern, auf denen
die Gallerien ruhen. Vierzig zählt man in allem im innern Theile der
Kirche, sechszig in den Gallerien, sieben an den Eingängen.
Wir werfen noch im Vorübergehen einen Blick auf die mit vielen Kuppeln
gedeckten Säulengänge, welche den Vorhof von drei Seiten umgeben; auf
den Springbrunnen von Marmor in seiner Mitte, und auf die Menge des
laufenden Wassers, das unter dem alten Glockenthurme hervordringt.
Es kommt aus einem immer gefüllten unterirdischen Gewölbe der
Sophienkirche und wem sein klarer Strom noch nicht wohlschmeckend
genug erscheint, der kann an einem jener beiden Brunnenhäuser, die
zu den Stiftungen dieses Tempelgebäudes gehören, sich von den hiezu
bestellten Leuten den erfrischenden Trunk reichen lassen. War nicht
vielleicht hier in der alten byzantinischen Zeit jene Cisterne, auf
welche der große Justinian, dieser Ludwig +XIV.+ der oströmischen
Kaiser, das Bild des Königs Salomo hatte darstellen lassen, welcher mit
den Mienen der Verwunderung, ja des Schreckens nach der Sophienkirche
hinblickte? Wie denn auch Justinian, am Tage der Einweihung der Kirche
unter anderen dadurch an Salomo zu erinnern suchte, daß er 1000 Ochsen,
1000 Schafe, 600 Hirsche, 1000 Schweine, 10,000 Hühner für die Armen
schlachten, 30,000 Mezzen Kornes und mehrere Zentner Goldes unter
sie vertheilen ließ. Wenn ihm aber auch wirklich diese äußerliche
Nachahmung des weisesten der Könige gelungen seyn sollte, so gelang
ihm desto weniger jene mehr von innen kommende Nachahmung, die sich
in dem, was er bei der Einweihung sprach, kund gab. Denn nachdem der
große Kaiser hinlaufend gegen den Altar, die Worte gesagt hatte: Ich
danke dir Gott, daß du mich diesen Bau hast vollenden lassen; rief er
selbstgefällig mit lauter Stimme aus: »Ich habe dich besiegt Salomo.«
Ja, jene Weisheit, welche Salomo kannte und in deren Kraft er bei der
Einweihung seines Tempels betete, war eine andre als die Weisheit
Justinians; jene von himmlischer, göttlicher, diese von irdischer,
menschlicher Art.