II. Reise nach Constantinopel.

Abreise von München nach Wien.

Wenn der Alpenjäger noch spät am Abend die gähe Felsenwand hinanklimmt

und die Herbstsonne war so dunkelroth untergegangen als wollte auf die

Nacht ein Nebel kommen, da ruft ihm sein Nachbar aus der Hüttenthür

bedenklicher und nachdrücklicher als sonst sein »behüt dich Gott« zu.

Der Weg, den der alte Wandersmann am 6ten September 1836 antrat schien

von nicht minder bedenklicher Art als der des Jägers über die Alpenwand

bei später Abendzeit; denn wenn man schon sechs und funfzig Jahre alt

ist, da geht es auch auf den Abend zu, und als das Anzeichen eines

nahen Nebels, der am Weiterziehen hätte hindern können, ließ sich wohl

die Kränklichkeit betrachten, die den Wandrer in den letzten Monaten

vor Antritt der Reise heimgesucht hatte. Darum sahen ihn viele seiner

Freunde und Nachbarn ungern ziehen und auch der treuen Hausfrau, die

nöthigenfalls dem alten Genossen selbst zum Tode folgen wollte, kam

diesmal der Ausgang aus der Heimath härter als jemals an.

Das Haus war bestellt; nicht bloß wie vor einer großen, sondern, wenn

es Gottes Wille wäre, wie vor der größesten Reise, von welcher keine

Wiederkehr mehr möglich ist; der letzte Schlaf im lieben, eignen

Kämmerlein, wenigstens für lange Zeit, war vorüber; der Reisewagen

stund bereit. Noch einmal ein Blick zurück, auf alles Das was die

Trennung schwer, ja unmöglich machen würde, wenn es da überhaupt eine

Trennung gäbe; und nun die Hand frisch an den Pflug gelegt und nicht

mehr umgeschaut.

Du muntre Isar, wenn ich an deinem grünen Wasser saß, da sehnte ich

mich so oft nach der Stunde, da ich deinen ganzen Weg mit dir machen

dürfte, der zuletzt, nach so manchen Hemmungen und Krümmungen, vereint

mit dem der Donaufluth in dem weitab in Osten gelegnem Meere sich

endet, darinnen der hohe Caucasus sich spiegelt und dessen südöstliche

Küste an das Nachbarland der Armenischen Hochebene gränzt. Und siehe

da die Stunde ist jetzt gekommen wo ich mich dir als Reisegefährte

anschließen darf; als ein Mitwandrer nach dem Lande des Aufganges.

Der Morgen war wunderschön und heiter; wir genossen seines vollen

Glanzes, da wir jenseits der Isarbrücke die Anhöhe erreichten und nun

der Zug der Alpen weithin in Süden sich entfaltete.

Die Masse der Hochgebirge ziehet nicht bloß das schwebende, todte

Bleiloth und das fliegende Gewölk gegen sich; sie bewegt auch mit

unwiderstehlicher Gewalt die Empfindung des Menschen; man weiß daß

selbst Blinde ein deutliches Gefühl von der Annäherung des Gebirges

hatten. Der Anblick der Alpen macht auf die Seele, wenn diese es

gelernt hat die Sprache der Natur in die des Geistes zu übersetzen,

immer einen wohlthuenden Eindruck; er hebt sie empor wenn sie

niedergebeugt, er bewegt sie freudig, wenn sie durch Traurigkeit der

Welt gebunden und gelähmt ist, denn es scheint als ließen sich bei dem

Anblick zugleich die Worte eines alten Liedes vernehmen: »ehe denn die

Berge wurden ... bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit«[21]. Und in der

Seele antwortet darauf eine Stimme: »Ich hebe meine Augen auf zu den

Bergen, von welchen mir Hülfe kommt«[22]. -- Wer nun auch bekümmerten

und beschwerten Gemüthes den Weg von München nach Salzburg und von da

weiter nach Wien machte, den müßte wohl, sollte man denken, schon der

Anblick der hohen, herrlichen Alpenkette, die er bei heitrem Himmel

fast immer zu seiner Seite erblickt, aufmuntern und freudig stimmen.

Auch auf uns hatte heute, wie schon so manch andres Mal, der Ausblick

auf die Berge diese Wirkung. Wie ein Vogel, der dem Käfig entronnen,

endlich die Fittiche zum langersehnten Fluge bewegt hat und der nun,

ausruhend in den sichren Zweigen des Eichbaumes sein erstes Lied singt;

so feierte die Seele im Anblick der hehren »Werke« welche das Auge

neben sich sahe, und der Mund sang seine gewohnten Lieder.

Erst jetzt auf dem Wege und auf den Stationen des Ausruhens gab es

wieder Zeit und Ruhe genug um mit den Reisegefährten, die sich für

diese Pilgerfahrt mit uns verbunden hatten, ein Wort zu reden; denn

in dem Drange der letzten Tage vor der Abreise hatte man sich kaum

gesehen, noch weniger gesprochen. Auch der Leser, der sich im Geiste

der Reisegesellschaft anfügen will, muß diese Gefährten kennen lernen,

denen er hoffentlich in der Folge noch manchen freundlichen Blick

zuwenden wird.

An das ältere Paar der Wandrer, an mich und meine Hausfrau, hatte sich

vor allem diesmal ein jüngeres: ein Paar von Freunden angeschlossen,

deren Seele von der innigen Zuneigung zu einem und demselben hehren,

schönen Gegenstand entzündet und bewegt wird: von der Liebe zur

Erkenntniß der Natur und des Waltens jener ewigen Weisheit, die sich

dem redlich forschenden Sinne in den sichtbaren Werken kund machet.

Beide, +Dr.+ ~Johannes Roth~ und +Dr.+ ~Michael Erdl~ sind ihrem ganzen

innren und äußerem Berufe nach Naturforscher und Aerzte. Sie sind dem

Ziele ihrer jugendlich kräftigen Zuneigung schon über manchen Berg

und durch manches Thal nachgegangen und auch jetzt ist es vor allem

dieses Eine, was sie zur Mitreise nach den Morgenländern bewegt. Zu

diesen Vieren hatte sich, schon von München aus, noch ein andrer Freund

gesellt: der fleißige und geschickte Architectur- und Landschaftsmaler

~Martin Bernatz~, der durch seine vielen, treuen Zeichnungen dem

schnell vorüber eilenden Fluße der äußren Erscheinungen, welche uns auf

dieser Reise begegneten, ein festes Bestehenbleiben für die Erinnerung

verlieh. Für diese Fünf, welche gleich von dem ersten Schritte der

Reise an gemeinsam das Angesicht wie die Herzen gerichtet hatten nach

dem Lande des Aufganges, bedurfte es keiner längeren Bekanntschaft

und Zusammengesellung um sie in Einklang mit einander zu bringen; sie

glichen schon daheim fünf Saiten eines Saitenspieles welches die Hand

eines guten Tonkünstlers an einander gefügt und gestimmt hat, zu einem

Liede das von Freude und Frieden singet, und so blieben sie dieß auch

im fernen Lande. -- Für die kürzere Strecke des Weges, von München

nach Salzburg, hatten sich uns überdieß noch mehrere andre, nahe

befreundete Begleiter zugesellt.

Mit Freuden begrüßten wir bei ~Wasserburg~ (dem alten +Pons

Aeni+) den Inn, den kräftigen Jüngling unter den vaterländischen

Flüssen, welchem eines der merkwürdigsten und schönsten Thäler von

Europa zur Heimath verliehen ist und der seinen Ursprung von einem

Elternpaare der Gebirgsstämme herleitet, das die Reihe seiner Ahnen

bis zu den altberühmten Hochrücken des Taurus und des Antitaurus

hinanführen kann. Denn das Innthal, das zusammen mit jenem der Adda

eine fortlaufende, tief einschneidende Kluft durch die Alpen, von

der oberdeutschen bis zur oberitalischen Hochebene bildet[23], ist

nichts andres als die natürliche Abgränzung des südistrischen, vom

Antitaurus herkommenden, und des apenninischen, vom Taurus auslaufenden

Gebirgszuges[24]; jener begleitet und nähret durch seine zuströmenden

Wasser den Inn von der rechten (südlichen), dieser von der linken

(nördlichen) Seite. Selbst bei Wasserburg hat sich der nun seinem Ende

nahende Verlauf des Flusses noch einzelne Spuren seiner majestätischen

Schönheit erhalten. Aber es will hier freilich Abend werden mit dieser

Schönheit; statt der hehren Alpen, deren beschneite Häupter weiter

aufwärts in sein Thal herabblicken, statt der gähen Felsenwände,

die sich, bei Finstermünz, nahe zusammengerückt die Stirne bieten,

zeigen sich hier nur noch niedere Berge und bald verlieren auch diese

sich in hügliches Land. Die Abendsonne warf einen verklärenden Schein

über Thal und Höhen und mit ihrem glänzenden Taglauf war auch unser

unscheinbarer, kleiner Taglauf in ~Frabertsheim~ geendet; klein

wie er auch gewesen, war er doch ein Schritt vorwärts, auf dem Wege

nach dem Ziel.

In ~Salzburg~, der mir so wohlbekannten, lieben Stadt[25] gab es

am andren Abend, beim Hofwirth zum Mirabell, eine zahlreiche, fröhliche

Familientafel, denn zu unsrer aus München gekommenen Reisegesellschaft

fand sich hier noch eine andre, von jungen Freunden, die vor uns die

Vaterstadt verlassen hatten und von einer eben beendeten Alpenreise

ausruhten. Ein Nachklang der Gespräche der letzten Tage vor unsrer

Abreise lebte auf; noch einmal erfüllte mich das ganze, volle Gewicht

der langen Trennung von dem mir so eng und nahe anliegenden Kreise

meines gewöhnlichen Wirkens und Lebens.

Wir hätten keinen schöneren Tag für unsren diesmal nur kurzen

Aufenthalt in Salzburg haben können als den 8ten September. Der Himmel

war heiter und rein; die Alpen stunden in voller Klarheit vor uns,

neben und zwischen ihren hellglänzenden Höhen lag das tiefe Dunkel des

Engpasses am Lueg wie ein verschlossenes Haus da, dessen Bewohner noch

schlafen, während die muntren Nachbarn umher schon längst Thüren und

Fensterläden ihrer Wohnungen dem hellen Tage geöffnet haben. Es war

heute Festtag (Mariä Geburt); auf den Gassen und in den Kirchen zeigte

sich überall ein fröhliches Gedränge der festlich gekleideten Städter

und Landleute. Auch der Mönchberg, den wir noch während der kühleren

Morgenstunden bestiegen, war mit seinem Festtaggewand bekleidet: mit

dem Grün, durchwirkt von dem farbigen Schmucke der mannichfaltigen

Blumen, unter denen das rosenröthliche Cyclamen schon aus der Ferne

durch seinen lieblichen Duft sich verrieth. Wir erquickten uns lange

an der hehren Aussicht, die sich bei dem Herumgehen um die Höhe des

Berges auf jeder Seite neu gestaltet und entfaltet, dann suchten wir

eine andre Aussicht auf, welche, wenn auch nicht das äußre, leibliche,

doch das innre, geistige Auge in noch weitere Fernen führte als die vom

Gipfel des Berges.

Es fand sich diese Fernsicht in einem Eckzimmer des Lustschlosses

Mirabell, an das sich für den alten Reisenden manche tiefanregende

Erinnerungen knüpfen. Hier ward (am 1ten Juni 1815) ein König geboren,

dessen Scepter, zugleich mit der Form welche die Herrschergewalt

bezeichnet, die Bedeutung des Pilgerstabes vereint, auf welchen der

Wandrer, der nach den Stätten des Aufganges zieht, sich stützet; ein

Wandrer, dessen jugendliches Haupt mit dem Diadem zugleich die Palme

umschlingt, welche mitten in des Kampfes Last und Mühe vom Lohne des

Siegers spricht. Bedeutungsvoll erscheint der lebendig gewordenen

Erinnerung Alles, was von jenem Zimmer aus das Auge siehet. Aus dem

Fenster, das sich gen Süden öffnet, zeigt sich jenseit des Gartens,

dessen Blumenbeete als ein Symbol der lieblichen, sorglos spielenden

Kindheit, unmittelbar an das Haus angränzen, da das Auge zuerst dem

Licht sich öffnete, zuerst die gute Stadt, wie ein Bild der schönen,

reichen Heimath; hinter ihr aber erhebt sich, ohne merklichen

Uebergang, mit plötzlichem, gähen Ansteigen im Südost -- als sollte

dies die künftige äußre Richtung des Lebens andeuten -- der Fels mit

dem hohen Kreutze: dem Panierzeichen des östlichen Königreiches; ihm

gegenüber die fest auf ihrem Berge gegründete Burg, und zwischen beiden

siehet das Auge hinaus in den engen, dunklen Weg der nach dem Lande des

Südens führt: in den Paß Lueg.

Der Tag war heiß geworden; auf den Höhen in Südwesten sammelten sich

Gewitterwolken; wir wollten den Regen, mit welchem das Thal der

Salzach so oft und so reichlich gesegnet ist, diesmal nicht mit der

sonst so werthen Gegend theilen und unser Weg war noch ein weiter:

darum machten wir uns noch heute, bald nach Mittag, zur Weiterreise

auf. Bald hatten die Alpen rings umher ihre Nebelkappen aufgesetzt,

doch blickten noch unter dem tiefgehenden Gewölk die Umgegend des

Mondsees und der waldige Höhenrand, der den Attersee umgürtet, in ihrer

ganzen Anmuth hervor, bis mit dem Dunkel der Nacht der Regen zugleich

über das Thal hereinbrach. Erst spät erreichten wir das Nachtlager

in ~Frankenmarkt~, das mit all den Bequemlichkeiten reichlich

versehen war, welche der spät ankommende, vor allem der Ruhe bedürfende

Fremdling begehrt.

Der Regen war mit der Nacht vorübergegangen, nur noch einzelne Wolken

hatten sich zwischen den waldigen Hügeln am Attersee verspätet,

welche, als die höher steigende Sonne ins Thal vordrang, eilig den

Rückzug nach den Hochgebirgen antraten, wo sich ihr zerstreutes Heer

noch einmal sammlete. Der Eindruck, welchen die Gegend zwischen

Frankenmarkt und Lambach, das wir am Mittag erreichten, auf die Sinne

des Reisenden machet, gleicht jenem, den ein lebhaftes Gespräch

in einer geistreichen, großen Gesellschaft hervorbringt, das vom

näher Liegenden und Gewöhnlichen auf das Höhere und Entferntere und

von diesem wieder aufs Nähere übergeht, über Alles aber, was es im

Vorübergehen beleuchtet, einen Glanz der Anmuth ausstrahlet. Mit dem

reichen Wiesengrund der Thäler wechslete die weite, freie Aussicht

auf den Höhen der Hügel; mit dem Anblick der wohlbebauten Ebene jener

des gähen Alpenrückens. Hier rechts im Gebirge, das im Süden über das

hüglige Land hervorblickt, hat ein altes Ehepaar von Naturmächten seine

Wohnstätte aufgeschlagen, welches keinen bei ihm zusprechenden Wandrer

ohne das Gastgeschenk einer reichen, tiefeingeprägten Erinnerung

von sich lässet: die Erhabenheit des Hochgebirges vermählt mit der

Lieblichkeit des grünenden Thales, hat sich die Gegend des Traunsees zu

einem Ruhesitz erlesen, der auch auf das Gemüth des hier verweilenden

Fremdlings öfters einen eigenthümlich beruhigenden Einfluß übet. --

Am Nachmittag erfreuten wir uns an dem Betrachten des lebendigen

Verkehres, den die neu angelegte Linzer Eisenbahn der Welser Heide

gebracht hat; ~Kleinmünchen~, das wir zum Nachtlager erwählten,

erinnerte wenigstens durch den Anblick der vielen biertrinkenden Gäste,

die sich unter Rauchwolken des Tabaks in der geräumigen Wirthsstube

versammlet hatten, an die bürgerlichen Abendunterhaltungen des großen

Münchens. Uns ward ein Bergungsort vor dem betäubenden Nebel in einem

kleinen, freundlichen Nebenzimmer angewiesen.

Der zehnte September war einer jener Tage der Reise, da mit dem äußren

Laufe auch der innre auf eine recht merkliche Weise gefördert ward.

Bisher war es mir öfter gewesen, als wenn sich mehr nur der Leib, im

Wagen sitzend, vorwärts bewege nach Osten, die Seele aber noch nicht

recht dabei, sondern zurückgeblieben sey im Westen, bei mancherlei

Geschäften und Sorgen des Hauses. Heute aber kam die Verspätete nach

und nahm wirklichen, wachen Besitz von dem Glücke, das sie bisher nur

wie im Traume genossen hatte; von dem Bewußtseyn, daß sie nun endlich

wirklich auf dem Wege nach dem langersehnten Ziele sich befinde.

Vielleicht liegt selbst in der historischen Bedeutung der Gegend, durch

welche wir heute kamen ein Element das den Zug des Heimwehes nach der

Stätte des Aufganges anregt und verstärkt, denn hier in der Nähe, bei

~Enns~, war jene alte Pflanzstätte des Christenglaubens, die schon

in den Zeiten der ersten Jahrhunderte von dem Morgenlicht des neuen,

geistigen Lebens bestrahlet war, während das Land rings umher noch

tiefe Nacht bedeckte. Hier stund einst das römische ~Laureacum~

(Lorch), welches die Füße der Boten, die da Heil verkündeten, schon

in den Zeiten des zweiten Jahrhunderts betraten; das der gottgeweihte

Bischof Maximilian, im dritten Jahrhundert mit dem Wort des Lebens

erfüllte und wo der christliche Kriegsheld Florian, im Wasser der Enns,

den Zeugentod starb. -- Noch jetzt hat sich Unterösterreich, in das

wir nun jenseit der Enns hineintraten, die Gestalt einer fruchtbaren

Pflanzstätte, gleich wie ein äußeres Abbild oder wie einen Namen der

großen Zeit, die einst hier lebte, erhalten: es gleichet, durch seine

reichen Obstbaum-Anlagen, einem großen, schönen Garten. Besonders

am Nachmittag, jenseit ~Strengberg~ ergriff uns Alle, mit ganz

besonderer Macht, die Lieblichkeit des Herbsttages, die erhabene

Schönheit des Landes. Die Zinnen der steyerischen Alpen, zum Theil

mit frisch gefallenem Schnee bedeckt, glänzten im Wiederschein der

Abendsonne; ein erfrischender Wind regte die Zweige der Bäume und die

Blumen des Feldes auf; aus der Nähe wie aus der Ferne ließen sich die

Töne der Vesperglocken vernehmen. Mir war es als verkündeten mir diese

Töne nicht nur das Annahen des morgenden Sonntages, sondern ein Annahen

an das Land, das der Woche ihren Sonntag, das dem mühseligen Treiben

des Menschengeschlechtes die Ruhe des Sabbathes gab. War ich doch

wenigstens einige Schritte vorwärts auf meinem Wege gekommen und jeder

neue Schritt sollte mich dem Ziele näher bringen. Ich ruhete freudig

in dem Gedanken, daß ich nun wirklich, endlich einmal das Angesicht

gewendet habe, zu wandeln nach Jerusalem und daß ich nicht eher es

wieder zurückkehren werde nach Westen, bis ich das Ziel erreichte.

Das zuversichtliche Hoffen das mich, mit ganz besonderer Kraft, in

diesen Stunden ergriff, hat den ganzen, weiteren Weg meiner Reise

wie ein Morgenstern beleuchtet und ist mir selbst in den Stunden des

kleinmüthigen Zagens auf dem Meere vor Rhodus noch ein innrer Quell der

Beruhigung geworden.

Am 11ten September, einem Sonntag, näherten wir uns schon frühe den

hier ganz besonders lieblichen, reichbegabten Ufern der Donau. Bald

eröffnete sich uns, in ihrer ganzen Herrlichkeit, die Aussicht nach dem

bergigen Lande das im Norden des Flusses ansteiget und auf jeder neuen

Höhe zu der es emporwächset, mit wohlgebauten Dörfern und Flecken, mit

zierlichen Landhäusern und Lustschlössern der neuern Zeit, wie mit

Burgruinen der alten, längstvergangenen sich bekleidet. Ueber den Wein-

und Obstgärten schmücken grünende Saatfelder die Stirn der Hügel, den

Scheitel des Hochlandes bedeckt die Fülle der Waldungen; in der That

die Wallfahrtskirche von Maria Taferl konnte keinen, zum Hinansteigen

auf ihre Höhen einladenderen Punkt sich erwählen, als diese grünende

Stufenleiter der Thäler und Hügel, welche hier der letzte Abfall des

böhmisch-mährischen Urgebirgs bildet. Ihm gegenüber, in Süden, zeigt

sich von der Höhe herab, welche die Straße an einigen Punkten besteigt,

der Zug der Alpen; näher heran der grünende Hügelzug am Ufer der Erlaf.

~Mölk~, mit seinem prächtigen, auf einem Granitfelsen thronenden

Kloster wird mit Recht für einen der schönsten Anhaltspunkte der

Donaugegenden gehalten. Der Fels, auf welchem es gründet, erhebt hier

seine gähe Wand 180 Fuß hoch über den Wasserspiegel des Flusses;

an seinem nördlichen Abhange und Fuße liegt das Städtlein, dessen

äußerer Gestalt man leicht die Wohlhabenheit und Ordnungsliebe der

Bewohner anmerkt. Das Kloster -- eine Abtei der Benedictiner, wurde

zuerst im Jahr 984 durch Leopold den Erlauchten begründet, sein

jetziger prachtvoller Bau: im sogenannt italiänischen Stile ist das

Werk des berühmten Baumeisters Prandauer aus St. Pölten und ist nur

wenig über hundert Jahre alt. Es findet sich hier die Familiengruft

der Babenberge; in der Kirche eine Reihe von Frescogemälden aus

Rothmayers Hand; eine treffliche, weitberühmte Orgel; im Klostergebäude

selber eine reiche Bibliothek mit einem Codex des Horaz, neben ihr

eine Münzsammlung, so wie ein, mit vaterländischen Gegenständen

wohlversorgtes Naturalienkabinet, auch einige schätzenswerthe ältere

deutsche Gemälde, namentlich von Lucas Kranach. Zu der herrlichen

Aussicht, die sich im Garten des Klosters darbietet, möchte man,

wäre dies möglich, gar gerne öfter wiederkehren. Zunächst am

gegenüberliegenden Ufer des Flusses zeigt sich, unter der Ruine

Weideneck, das kaiserliche Landhaus Lubereck in edler Einfalt und

Anspruchslosigkeit der äußern Form, als wollte es mitten unter den

Herrlichkeiten der äußern Natur, welche es umgeben, die Aufmerksamkeit

des Reisenden nicht stören; nicht auf Menschenwerk hinlenken. Denn in

der That diese Gegend ist geeignet das Auge zu beschäftigen und zu

vergnügen; sie darf sich, was Naturschönheiten betrifft, mit mancher

der lieblichsten Ansichten des Rheinthales messen. Das Engthal in

das der Strom hier mehr nach Norden gewendet sich hineindrängt: die

~Wachau~ genannt, ist an seinem untern Saume mit Weinbergen, höher

hinan von Obstgärten und Waldungen umgürtet; die Menge der römischen

Ruinen, wie der noch jetzt blühenden Ortschaften, die grauen Gemäuer

der alten, zerstörten Burgen des Mittelalters neben den schöngebauten

neuen Schlössern und Landhäusern bezeugen es dem Vorüberreisenden,

daß der eigenthümliche Reiz dieses Thales nicht bloß für einzelne

Stunden die Theilnahme aufs Höchste zu steigern vermöge, sondern daß

er in alter wie in neuerer Zeit kräftig genug gewesen sey eine Menge

der fleißigen Bewohner an sich zu ziehen und sie aufs reichlichste zu

begaben. Unfern von Lubereck hat sich Emmersdorf an die Stätte einer

alten, römischen Niederlassung gebettet; ihm gegenüber öffnet sich das

Thal der Bielach in jenes der Donau; hoch auf einem Felsen, an dessen

Fuß das Wasser des Flusses mit lauter Strömung sich bricht, stehet

das Schloß Schönbühel und auf seinem weitern Verlaufe gegen Krems hin

ziehet der Strom an den Ruinen des einst übermächtigen Raubschlosses

Aggstein, dann an der Felsenwand der sogenannten Teufelsmauer, endlich,

näher an Krems an dem alten Gemäuer des Dürrensteins vorüber, auf

welches die romantische Sagenzeit des Mittelalters ihren farbigen

Schimmer fallen läßt, denn hier ward Richard Löwenherz gefangen

gehalten. Doch fällt auf diese Berge und Thäler auch noch ein andres,

höheres Licht der Geschichte, welches mehr noch als jenes der Sonne

die Kraft in sich trägt nicht bloß zu erhellen, sondern zugleich auch

zu erwärmen und zu beleben. Dort in den waldigen Gebirgen gegen Mähren

und Böhmen hin haben einst Cyrillus und Methodius ein festeres Gebäu

begründet als alle diese alten und neuen Städte oder Schlösser des

Landes waren, das Gebäude des Christenglaubens, welches später weder

die Wuth der heidnischen Fürstin Drahomira noch die Macht ihres Sohnes:

des Brudermörders Boleslav, noch alle Macht und Feindseligkeit des

Heidenthumes wieder zu zerstören vermochte. Und selbst der Ort welcher

der Betrachtung hier am nächsten liegt, die Benedictinerabtei Mölk

war in älterer wie in neuerer Zeit eine Wohnstätte und Pflanzschule

für Männer, welche mit dem Licht des Erkennens die Kraft des Glaubens

vereinten. Diese Kraft war es welche im Jahr 1683, als das Heer der

Türken die Hauptstadt und das ganze umliegende Land so hart bedrängte

und ängstete, den damaligen Prälaten von Mölk, ~Gregorius Müller~,

zu einem Retter der Stadt und des Klosters machte. Denn er wußte, durch

sein Beispiel, den Muth der wenigen, aber tapfern Bürger so kräftig

anzuregen und so weislich zu leiten, daß alle, sich öfter erneuernde

Angriffe der Feindesschaaren zurückgewiesen wurden.

Wir kehrten von dem Besehen des Klosters und seiner Umgegend wieder

nach dem Städtlein selber zurück. So sehr uns auch die Aussicht vom

Klostergarten heraus an die Ufer des Rheines erinnert hatte, so wenig

vermochte dieß der hier einheimische Wein zu thun, den wir im Gasthaus

genossen. Der Reisende der auf der Donaufahrt durch den Anblick der

üppig grünenden und fruchttragenden Weinberge, die zwischen Mölk und

Krems die Ufer bedecken, entzückt wird, muß es nicht versuchen an

diesem Entzücken des Auges die Zunge Theil nehmen zu lassen. Er darf

es nicht vergessen, daß der meiste Wein dieser fruchtbaren Reben nur

zur Essigbereitung benutzt wird und daß namentlich Emmersdorf, dessen

Weinberge so anlockend schön ins Auge fallen, durch seine großen

Essigsiedereien berühmt ist.

In St. ~Pölten~ das wir zeitig am Nachmittag erreichten, bemerkten

wir schon deutlich den Einfluß welchen die Nachbarschaft der großen,

reichen Kaiserstadt auf ihre Umgegend ausübt; die Wirthstafel war mit

vornehm erscheinenden Gästen und Speisen besetzt; das Tischgespräch

hatte zu seinem Inhalt die jüngsten Tagesneuigkeiten der Hauptstadt.

Uebrigens wäre St. Pölten auch ohne die Nähe der Hauptstadt ein

nicht unansehnlicher Ort, denn es ist der Sitz eines Bischofes und

Domcapitels, so wie Kreisstadt des Ober-Wienerwald-Viertels und

überdies der gewöhnliche Aufenthaltsort eines Regimentsstabes. Den

großen Hauptplatz ziert eine 63 Fuß hohe Säule; die Domkirche enthält

Gemälde von Altamonte. Die alten ehrwürdigen Stadtmauern haben in

früheren Zeiten manchem Anlauf der Feinde widerstanden; im Jahre 1683

wurde St. Pölten durch eine kleine Reuterschaar vom Dünewaldschen

Regiment gegen die heranstürmende Uebermacht der Türken geschützt.

Die Aussicht nach der Steyrischen Alpenkette, welche sonst die

Ebene von St. Pölten darbietet, war uns durch das immer mehr sich

verdichtende Gewölk verschlossen; bald ergoß sich der Regen in

Strömen und trieb uns unter das freundliche Obdach des Posthauses von

~Perschling~.

Der Regen war ein bald vorübergehender gewesen; der erste Eindruck

der großen, schönen Kaiserstadt sollte uns ein unverwischt lieblicher

und erfreuender werden, die Nähe von Wien empfieng uns mit einem

freundlichen Angesicht des Himmels. Wir hatten den Weg des heutigen

Tages (am 12ten September) mit der aufgehenden Sonne zugleich

angetreten; die Bäume, vom Morgenwind bewegt, schüttelten die

nächtliche Last des Regens von sich; aus den grünenden Wiesen stieg

ein leichter Nebel auf, der sich über das Gebüsch der Hügel ergoß; ein

etwas dichterer umzog noch das Gebirge, bald aber hatte die wärmer

scheinende Sonne die Scheidung der oberen, blauen Veste, durch welche

ihr Pfad gehet, von der unteren, grünenden der Erde, auf welcher der

Fuß des Menschen wandelt, vollendet und das Wasser als fallenden Nebel

an seine eigentliche, untere Wohnstätte zurückgewiesen. Wie oft habe

ich später, im weitren Verlauf dieser Reise, mit einem im eigentlichen

Sinne dürstenden Sehnen an solche Naturscenen mich erinnert, wie die

war, welche wir an jenem Morgen vor uns sahen und wie sie in den

vaterländischen Gegenden so oft und häufig auftreten. Diese Fülle

des fließenden, des niederträufelnden, des in jeder Vertiefung des

Bodens und auf jedem Blatte stehenden Wassers und dagegen die dürre,

wasserlose Oede des nach Erquickung lechzenden Bodens der arabischen

Wüste! Was wäre das arme Erdreich, mit all seinen in dasselbe

hineingelegten Lebenskeimen, ohne das ernährende Wasser; aber was wäre

auch das Wasser der Erde, wenn nicht ein Licht von oben, das der Sonne,

seine belebenden Kräfte in dasselbe hineinlegte.

Der letzte Ausläufer des Kahlenberges, eines Abkömmlinges der

Alpenkette, lag jetzt vor uns; auf einer der Anhöhen zu der sich

unser Weg erhob, öffnete sich uns zur Linken die Aussicht nach der

Donauebene gegen Tuln und Klosterneuburg, zur Rechten die nach den

weiter entfernten Reihen der Gebirgshäupter. Wir hatten aber jetzt

nicht mehr Zeit noch Neigung zur Rechten oder zur Linken, das was

in der Ferne lag zu betrachten, denn zu mächtig zog uns der Anblick

des Nahen und des vor uns Liegenden an. Neben unserem Wege die Menge

der Landhäuser und ihrer Gärten, die lieblich auf den Anhöhen und in

ihren Thälern gelegenen Dörfer und Lustörter, vor uns die Thürme und

Häusermasse der prächtigen Stadt. Bald sahen wir uns innerhalb ihrer

Thore und gegen drei Uhr waren wir schon, wenn auch nur für wenig Tage,

Bewohner derselben, die sich, im guten Gasthof zur Stadt London, so

wohl versorgt und einheimisch fühlten, als in einem eignen, seit Jahren

bewohnten Hause.

Die noch übrigen Stunden des wunderschönen Nachmittages benutzten wir

um eine vorläufige Bekanntschaft mit der Stadt und ihrer nächsten

Umgebung zu machen. Aus dem muntren Gedränge einiger der schönsten

und besuchtesten Hauptplätze gieng ich, mit meiner lieben Begleiterin

hinaus auf den Wall. Ich hatte da, gerade heute, noch etwas ganz

Besonderes, mir sehr Werthes aufzusuchen und zu thun. Ohne daß ich

vorher daran gedacht, noch weniger aber ohne daß ich dieß absichtlich

so eingerichtet hatte, war ich an einem Tage und in Stunden dieses

Tages nach Wien gekommen, die meiner Erinnrung aus der Geschichte

dieser Stadt in besonderer Tiefe und Frische eingeprägt sind[26].

Heute vor hundert und drei und fünfzig Jahren, gerade als die Noth

der von den Türken hart geängsteten Stadt am höchsten gestiegen war,

kam die Stunde der Errettung aus des Feindes Hand. An der Stätte der

alten Löbel- und Burgbastey stehend, ließ ich, so weit ichs vermochte,

das Andenken der ganzen Reihe jener Begebenheiten aus der Geschichte

der damaligen Leiden und Freuden Wiens an mir vorübergehen. Einen

Monat lang hatte die verhältnißmäßig kleine Schaar der Belagerten

durch Wunder der Tapferkeit den Andrang der Hunderttausende der

Feinde von den Mauern der Stadt zurückgehalten, als am 12ten August

eine feindliche Mine die äußerste Ecke des Burgravelins zerstörte.

Zwar wurde an diesem Tage der zweistündige, wüthende Sturm der

Türken zurückgeworfen und bis zum 16ten August der Einbruch ihrer

Schaaren in den Graben verhindert, dann aber durchbrach die Wuth der

übermächtigen, immer neu andringenden Feinde den Damm der Gegenwehr;

ihre Haufen ergossen sich, über die Leichname der Ihrigen, in den

Löbelgraben, den sie besetzten und von wo aus nun ihre unmittelbar an

der Contrescarpe errichteten Batterien die Mauern der Stadt beschossen.

Dennoch hielt der Muth der Belagerten sich und die sinkende Stadt noch

aufrecht, obgleich das Schwert der Feinde, mehr aber noch eine unter

der zusammengedrängten Volksmenge ausgebrochene ruhrartige Seuche

Viele der Kämpfer hinweggenommen oder zum Kampfe unfähig gemacht

hatte. Als aber nun durch die ungeheure Gewalt der Minen, welche die

Türken am 4ten, am 6ten und am 8ten September springen ließen, zuerst

die Spitze der Burgbastei und eine fünf Klaftern lange Strecke der

Courtine, dann sogar die beiden Façen der Löbelbastei sammt einem

vierzig Fuß langem Theil der Stadtmauer, endlich der größeste Theil

dieser Bastei selber zerschmettert und in Schutthaufen verwandelt

waren, da schien der nahe Untergang der Stadt unvermeidlich. Zwar

hatte diese, statt der gesunkenen Mauern mit dem unerschütterlichen

Glaubensmuth ihrer christlichen Kämpfer sich umgürtet und der vom

Großvezier selber geleitete furchtbare Sturm vom 6ten September wurde

mit großem Verlust der Stürmenden von der Macht dieser unscheinbaren

Schutzwehr zurückgeworfen, auch war es gelungen eine Kreuzmine des

Feindes zu entdecken und unwirksam zu machen, die in der Nacht zum

9ten September der Burgbastei Zerstörung drohete; dennoch konnte man

es nicht hindern, daß der Feind vom Graben aus allenthalben in die

wankenden, zerborstenen Gemäuer sich hineinwühlte. Da schien denn

doch endlich der Kahlenberg jene feurige Sprache der Angst und Noth

zu verstehen, welche die bekümmerte Stadt bisher jede Nacht durch

unzählige aufsteigende Raketen mit ihm gesprochen hatte und man sahe

besonders vom 9ten September an von seinem Gipfel antwortende Raketen

emporsteigen, welche die Annäherung des verbündeten Heeres und durch

dasselbe die Rettung Wiens verkündeten. Endlich als am letzten Abend

dieser angstvollen Woche die Sonne noch im Scheiden das Gehänge des

Kahlenberges beschien, sahe man auf seinen Höhen von der Stadt aus

die ersten Vorposten der Verbündeten, deren Stücke schon auf einige

Feindeshaufen zornig herabblitzten. Da eilte Alles, was noch gehen

konnte, auf die Zinnen der Häuser, auf Mauern und Thürme, um sich an

diesem seit neun Wochen bang ersehnten Anblick zu weiden, und alsdann

in die Kirchen um Gott für die nahe Rettung zu danken.

Einen schöneren, mehr zur Andacht stimmenden Sonntagsmorgen hatten

die damaligen Bewohner Wiens wohl niemals erlebt, als der jenes 12ten

Septembers war, welcher ihnen die Hülfe brachte in der großen Noth.

Da sie beim Anbruch des Tages »ihre Augen aufhuben zu den Bergen,«

von denen ihnen diese Hülfe kam, erblickten sie auf dem Gipfel des

Kahlenberges eine Fahne, an der sich auf rothem Grunde ein weißes

Kreuz zeigte, um den Belagerern sowohl als ihren Drängern anzudeuten,

wessen Sache jenes Heer vertheidigen solle, das sich, so weit nur das

Auge reichte, über den ganzen Rücken des Berges hin verbreitet hatte

und welches nun allmälig nach dem Thale herabzuziehen begann. Freilich

war dieser Sonntag für die Belagerten sowohl als für das befreundete

Heer noch keineswegs ein Tag der Ruhe; das Volk der Janitscharen, das

die Laufgräben erfüllte, schien die letzte Anstrengung der wüthenden

Tapferkeit zu versuchen, um noch vor der Ankunft der Verbündeten

in die hier mauernlose Stadt einzudringen, welche sie ohne ihr und

sich ein Ausruhen zu gönnen, durch Bomben und Steinwerfen, Miniren

und Anstürmen aufs Aeußerste bedrängten. Auf der andern Seite mußte

auch das Heer der Retter, welches der Zahl nach kaum ein Drittel

so stark war als das der Türken, jeden Schritt seines Vordringens

durch die vom Feinde besetzten Hohlwege, Schanzen und Steinhaufen

mit manchem Heldenblut und gewaltiger Anstrengung erkaufen. Endlich

am Mittage hatte es die Ebene erreicht; der linke Flügel, geführt

von dem Herzog von Lothringen und dem alten Kriegshelden Golz, mit

der schweren sächsischen Cavallerie und mehreren andren wohlgeübten

Truppen hatte sich den schwersten Theil des Tagwerkes: den Kampf mit

der Hauptmacht der Janitscharen erlesen, deren Gegenwehr durch die

kriegserfahrensten, tapfersten Baschen aufs Höchste gesteigert wurde;

den Kern des verbündeten Heeres bildete die bayerische Armee, zu der

sich, wie zum linken Flügel, die Blüthe des deutschen Adels aus allen

Gegenden des Vaterlandes gesellt hatte; am rechten Flügel kämpften die

Schaaren der Polen, geführt von ihrem edlen Könige Sobiesky. Unter dem

Herzog von Lothringen, auf dem linken Flügel des Heeres, begann der

Kampf zuerst und war zugleich am furchtbarsten und ausdauerndsten, bis

zuletzt Prinz Ludwig von Baden die sächsische Cavallerie zum Absitzen

ermahnte und mit ihnen und einigen kaiserlichen Regimentern sich den

Weg nach der Roßau und hiermit auch ins feindliche Lager und zur Stadt

bahnte. So hatte denn auf dieser Seite das Heer der Unsrigen zuerst

die Süßigkeiten eines Sieges geschmeckt, welcher nicht von armseliger

Selbstsucht herbeigewünscht, sondern von dem Sehnen aller rechten

Gottesfreunde herbeigebetet worden war; bald drang auch der Mittelpunkt

der verbündeten Armee, die sich in allen ihren Bewegungen nach denen

des linken Flügels gerichtet hatte in die Flanke des Feindes und als

nun selbst der heldenmüthige König Sobiesky mit frischen Truppen gegen

diesen anrückte, wurde derselbe zuerst ins Lager zurückgeworfen, dann

aber durch die Flucht seines von Lothringens Schaaren geschlagenen

rechten Flügels mit fortgerissen in die gleiche Eile des Entfliehens.

So war denn jener zwölfte September, dessen Andenken wir heute, da er

sich jährte, dort auf dem lieblich von der Abendsonne beleuchteten,

jetzt mit allen Gaben eines langen Friedens geschmückten Walle

feierten, ein Tag des großen Heiles und der innigen Freude für Wien

geworden. Ich hatte, als wollte ich auch noch die Fußtapfen der großen

Begebenheit am Boden erblicken, so lange und unverwandt nach dem

Kahlenberg, auf den sich jetzt die untergehende Sonne niedersenkte,

hinübergeschaut, daß ich ganz geblendet, das Nahe kaum mehr erkannte;

erst in dem fröhlichen Getümmel der Straßen und Hauptplätze über die

wir noch giengen, fand sich die Erinnrung und der bemerkende Blick für

das gegenwärtige Heute und seine Erscheinungen wieder.

Die Dämmerung war schon eingebrochen als wir uns aus dem Treiben und

Geräusch der Straßen wieder zurückzogen auf unsre stillen Zimmer; das

Bild aber von Dem, was wir heute gesehen, leuchtete noch lange in

unsrer Seele fort, und in den Gesprächen an der Wirthstafel, an der wir

heute Abend mit unsern Reisegefährten ganz allein waren, verwandelte

sich das mannichfache Getöne der Stimmen und der rollenden Wägen,

das wir noch so eben gehört hatten, in einen Nachklang, welcher wie

ein fröhliches Lied lautete, denn uns Allen war es in dieser großen,

volkreichen, für unsre Sinnen noch ganz neuen Stadt in den wenigen

Stunden, welche wir da gelebt hatten, schon so vertraulich wohl

geworden, daß wir, wäre der Zug nach dem fernen, großen Ziele der

Reise nicht so mächtig gewesen, Wochen statt der einzelnen Tage hätten

verweilen mögen.

~Wien.~

Statt eines eigentlichen Capitels meiner Reisebeschreibung gebe ich

hier nur eine Ueberschrift, zu der sich Jeder, der selber zu sehen

Gelegenheit hat, aus eigner Anschauung oder Erinnrung den Text

hinzufügen kann. Denn des noch künftig zu Beschreibenden, weniger

Bekannten, ist noch zu viel, und überdieß wäre die Aufgabe für den

Beschreiber zu schwierig; denn wie von einem Maler der sich unterfängt,

das Portrait eines allbekannten, geehrten Fürsten zu malen, würde man

von ihm ein treffend ähnliches Abbild verlangen und dazu hat mir der

große, schöne Gegenstand meiner Beschreibung zu kurze Zeit gesessen,

indem wohl Monate nöthig seyn möchten, um alles Sehenswerthe der

Kaiserstadt und ihrer Umgebung zu sehen, uns aber hierzu für dieses Mal

nur vier Tage gegeben waren.

Das was sich uns von jedem Besuch einer vorhin noch nie gesehenen

Gegend oder Wohnstätte der Menschen am ersten, und zugleich am

tiefesten in die Erinnrung einprägt, ist zuletzt doch nur Das, was

selber in der Tiefe des Seyns und Bleibens gründet: der Geist der

etwa einst in den Thaten der Geschichte hier waltete, oder der in den

Bewohnern noch jetzt lebt und fortwirkt. Das herrschende Prinzip des

geselligen Lebens und Bewegens in den Bewohnern Wiens ist ein solches,

mit welchem sich auch der schnell hindurchgehende Fremdling und

Wandrer bald und leicht befreundet: es herrscht da, so weit wir dieß

zu beurtheilen vermochten, im Allgemeinen ein Geist des Wohlwollens

und der Friedlichkeit, wie er uns in einer glücklichen, einträchtig

beisammenlebenden Familie begegnet. Eine solche gute Stimmung aller

Genossen des Hauses geht zunächst von der vorwaltenden Stimmung der

Häupter der Familie: des Hausvaters und der Hausmutter aus, und wer

die Geschichte von Wien seit längerer Zeit kennt, der weiß es, daß

es hier gute, an innrem Frieden reiche Oberhäupter des Haushaltes

gegeben hat und noch fortwährend giebt. Was dem geselligen Ton in

Wien, dem Grundton der durch den Wechselverkehr seiner Bewohner

geht, den eigenthümlichen Wohllaut mittheilt, das ist der Geist der

Freundlichkeit und des Wohlwollens, der von dem Haus der Herrscher

ausgieng. Darum wird es auch dem Fremden unter den Bürgern Wiens so zu

Muthe wie unter Kindern die bei der guten, ausreichenden Versorgung

welche sie im Elternhause haben, ganz vergnügt und wohlauf leben und

ihre Eltern in Ehren halten.

Die große Kaiserstadt war gerade in den Tagen, in denen wir sie

besuchten, in etwas vereinsamt; der Hof befand sich in Prag, bei

den Festlichkeiten der Krönung; ein großer Theil der Gelehrten und

Lehrer der Hochschule, auf deren Bekanntschaft ich mich gefreut hatte,

befand sich auf dem Lande oder war auf Ferienreisen in der Nähe und

Ferne verstreut. Man sagte uns es sey eben jetzt bei weitem weniger

»Leben« in der Stadt als gewöhnlich; wir aber bemerkten das nicht,

uns war es, wenn wir in manchen Stunden des Tages über einen der

Hauptplätze giengen so zu Muthe wie den Landleuten, wenn sie an einem

Jahrmarktstage aus ihrem stillen Dorfe in das Volksgedränge der Stadt

kommen. So in langen Reihen und so zusammengeschaart wie hier an jedem

schönen Nachmittag sieht man bei uns die gehenden und fahrenden Städter

und Städterinnen nur an Sonntagen oder bei besonderen Festlichkeiten;

Wien legt sein Sonntagsgewand die ganze Woche nicht ab.

Aus einer solchen Masse des Sehenswerthen und Neuen, wie die ist,

welche hier auf unsre Sinnen einstürmte, wählt man sich bald einzelne

Lieblings- und Ausruhepunkte aus, zu denen man gern öfter wiederkommt.

Ein solcher Ausruhe- und Richtpunkt der Wege war für uns die ~St.

Stephanskirche~, die schon im Jahre 1144 von dem ersten Babenberger

Herzog gegründet wurde, obgleich der Ausbau nach dem jetzigen Umfang

erst in die Jahre 1359 bis 1430 fällt. In ihrem Innren drängen sich

mehrere Mächte der älteren Kunst zusammen: die Glasmalerei der

drei Fenster um den aus schwarzem Marmor gebildeten Hochaltar; die

Fürstengruft; das Grab Friedrichs des Vierten mit mehr als 300 Figuren

und vielen Wappen, oben auf ihm die liegende Figur des Kaisers im

fürstlichen Ornat. Zur Vervollständigung des Eindruckes, den schon

das Innre, selbst auf den bloß Beschauenden macht, gehört jedoch vor

allem die Betrachtung des Aeußeren. Der eine, ausgebaute Thurm, hat

mit Recht auf den Tafeln der Messungen der Höhen und Tiefen seine

Stellung neben den höchsten menschlichen Bauwerken der Erde erhalten.

Er stehet hierinnen der größesten der ägyptischen Pyramiden und dem

Straßburger Münsterthurm nur wenig nach; seine Höhe erscheint wie

ein wohlgelungener Reim auf das Höhenverhältniß des Donauspiegels

bei Wien zur Fläche des Meeres, denn so hoch der mittlere Stand des

Flusses über das Meeresniveau, so hoch erhebt sich die Spitze des

gewaltigen Stephansthurmes über den Boden in welchem sein Grundgemäuer

ruhet[27]. Das Baumaterial der Quadersteine, abgesehen von dem

kräftigen, in wohlerwogenem Verhältniß zur Höhe stehenden Durchmesser,

giebt diesem mächtigen Gebäu das Ansehen eines fast auf der Tiefe

ruhenden Berges, den die mannichfachen, zierlichen Gestalten der

altgothischen Verzierungen wie eine Welt der auf ihm wohnenden Thiere

und Pflanzen beleben. Es thut dem Auge, das gern in die Höhe schaut,

ganz besonders wohl, wenn es mitten auf der Ebene und in der Mitte

der immer bewegten Wellen des gewöhnlichen Lebens einer großen Stadt

an einem solchen Berge (nach Psalm 121) ausruhen kann, den sich, wenn

auch nur als ein Abbild, ein frommer Sinn mitten in die Fläche der

Alltäglichkeit hineingesetzt hat. Auf der Höhe des Stephansthurmes,

zu der man auf etwa 700 Stufen hinansteigt, hat man auch den besten,

den vollständigsten Ueberblick über die Stadt und ihre reiche, schöne

Umgegend. Wie riesenhaft groß das Gebäude sey, das man erstiegen hat,

das bemerkt man bei dem genauen Anblick der Tafel der Uhr, welche über

12 Fuß hoch und fast eben so breit ist. Die große Glocke des Thurmes,

die aus dem Erz der eroberten türkischen Kanonen gegossen ward, wiegt

354 Zentner (nach andern Angaben 412 Z.) sie übertrifft mithin an

Masse und Gewicht die große Glocke zu Notre Dame in Paris, wie die

des Mailänder Domes, welche beide zu 320 Zentnern geschätzt werden,

noch mehr die zu Magdeburg (von 293 Z. Gewicht) und hat im deutschen

Vaterlande zur gleichkräftigen Gesellin nur die berühmte Erfurter

Susanna, deren Gewicht 362 Zentner betragen soll. Ueberhaupt wird die

St. Stephansglocke in Europa (seitdem die riesenhaft große Glocke

in Moskau, von, wie man sagt, mehr als 4000 Zentnern Gewicht, nicht

mehr vorhanden ist) nur von wenigen solchen stimmführenden Mächten,

namentlich von der Cordeillac zu Toulouse (sie wiegt über 500 Zentner)

übertroffen.

Nächst der St. Stephanskirche hat noch gar manches andre der prächtigen

Kirchengebäude von Wien einen anziehenden Reiz für den Fremden. Die

kleine St. Ruprechtskirche erhielt sich nur den Ruf, nicht aber das

äußere Ansehen ihres hohen Alterthumes, denn obgleich ihre erste

Erbauung auf das Jahr 740 gesetzt wird, gehört dennoch ihre jetzige

Form dem 15ten Jahrhundert an. Dagegen hat sich die St. Michaëlskirche

in ihrem Innren unverändert die ehrwürdige Form der morgenländisch

christlichen Bauart bewahrt; eine freundliche Gabe der jüngsten Zeit

an das alterthümlich merkwürdige Gebäude sind die Gemälde von Ludwig

Schnorr. Selbst außen auf dem Vorplatze von St. Michaël erinnert

man sich gern an ein Ereigniß aus den Zeiten der vorhin erwähnten

Belagerung Wiens durch die Türken. Die erste Bombe welche damals die

Feinde in die Stadt warfen, war gegen diese Kirche des Schutzengels

der Unschuld gerichtet, sie fiel, Verderben drohend, vor ihrem Gemäuer

nieder; da lief ein dreijähriges Kind, das sich von selber zu dieser

kühnen That getrieben fühlte, zu ihr hin, löschte sie aus und wendete

so die Gefahr von der Kirche und allen ihren Nachbargebäuden ab.

Gleich am ersten Nachmittag unsres kurzen Aufenthaltes in Wien waren

wir von dem sogenannten Graben durch ein schmales Seitengäßchen zu der

St. Peterskirche gekommen, welche Johann Fischer von Erbach der Form

der Peterskirche zu Rom nachbildete; von demselben Meister ist auch die

prachtvolle St. Karlskirche auf der Wieden erbaut worden. Das Grabmal

der Erzherzogin Christina von Canova's Meisterhand findet sich in der

Hofpfarrkirche der Augustiner.

Auf unsren Wanderungen durch die große Kaiserstadt und einige ihrer

Vorstädte verweilten wir öfters mit vorzüglichem Wohlgefallen auf

dem Josephsplatze. Die eine Seite desselben nimmt das Gebäude der k.

k. Hofbibliothek ein, dessen äußere Pracht und Herrlichkeit nicht

vergeblich auf einen eben so reichen innern Gehalt schließen lässet.

Der Sarkophag von weißem Marmor, den man unten in der Vorhalle des

Gebäudes sieht und auf welchem in halberhabener Arbeit der Kampf

des Theseus mit den Amazonen dargestellt ist, wurde (im siebzehnten

Jahrhundert) unter den Ruinen von Ephesus aufgefunden und durch seinen

glücklichen Finder -- einen Grafen von Fugger -- hieher geschenkt.

Der Freund der naturgeschichtlichen Litteratur wird nicht ohne ein

Gefühl der höchsten Befriedigung den großen, herrlichen Saal der

Bibliothek verlassen. Von der alten Handschrift des Dioscorides

an, bei der sich gemalte Pflanzenabbildungen finden, bis zu den

theuersten und seltensten Kupferwerken der neuesten Zeit wird man

beständig daran erinnert, daß man sich hier in einer Stadt befinde, wo

sich mehrere durch Talent und Wissen wie durch hohen Stand mächtige

Geister der Naturwissenschaft zugewendet haben. Der Reichthum an den

bedeutungsvollsten Werken des Morgenlandes ließ mich den Einfluß des

reichen Geistes von Hammer's errathen, überhaupt erkannte ich und

erfreute mich gar vielfältig in Wien an den Fußtapfen der Wirksamkeit

dieses verehrten Mannes, ihn selber aber, dessen Werke wie wohlwollende

Empfehlungen mir doch ein so kräftiges Geleite auf diese Reise

gaben, fand ich nicht. -- Für die Betrachtung der Landcharten und

Kupferstiche, so wie doch eigentlich für die genauere der Bibliothek

hätte man sich nur mehr Zeit wünschen mögen, als für dieses Mal

dafür vorhanden war. Eben so für die Betrachtung der gehaltreichen

Naturaliensammlung. -- Auf dem Josephsplatze steht auch noch die große,

schöne Reuterstatue Josephs +II.+, von Zanner. -- Außer dieser für

mich so vielfach anziehenden Parthie der Stadt, sind mir auch der neue

Markt mit den trefflichen Brunnenfiguren von Donner, der hohe Markt,

mit dem kleinen Tempel in seiner Mitte, wo die Vermählung der heil.

Jungfrau dargestellt ist; der sogenannte Graben mit der wenigstens

stark genug in die Augen fallenden Dreifaltigkeitssäule gar wohl in

der Erinnrung geblieben. Unter den vielen, nicht immer regelrecht

verlaufenden Gassen der Stadt lernte ich mich nicht einmal bei dem

Tageslicht der unmittelbaren Anschauung zurecht finden, noch weniger

vermöchte ich dieß jetzt, bei dem dämmernden Licht der Erinnrung. In

der k. k. Burg und ihrer Nähe ist mir es immer sehr wohl geworden; sie

ist ein Stammbuchblatt in der Geschichte Deutschlands, auf welchem

viele werthe Namen, Derer die hier walteten, aufgezeichnet stehen.

Ihr Innres gewährt viel mehr als das Aeußre verspricht. Die köstliche

Mineraliensammlung sahe ich nicht; der treffliche Mohs war verreist.

Vor den Gewächshäusern und in den nachbarlichen Gärten der Burg weilte

ich mit Wohlgefallen.

Nun möchte aber auch wohl bald alles das beisammen seyn, was ich

von der Altstadt von Wien zu sagen weiß. Denn wenn ich auch aus dem

Tagebuch des Gedächtnisses noch einige Dinge erwähnen wollte, würde man

bald die flüchtige Eile bemerken, in der ich an Allem vorübergekommen

bin, oder ich müßte nur aus Hörensagen beschreiben, was ich nicht

einmal selber gesehen, wie namentlich Belvedere mit der reichen

Gemäldegallerie und der schönen Aussicht nach der Stadt und ihren

Vorstädten. Ueberdieß ist auch noch gar zu viel von der Geschichte der

Reise nach dem Morgenlande zu erzählen, welche doch eigentlich erst

von Wien aus ihren Anfang nimmt. Indem ich aber nun meine Erzählung

anheben will, fühle ich mich wie von neuem an der guten Kaiserstadt

festgehalten und zu ihr hingezogen; ich finde, daß die Geschichte der

Reise nicht erst von Wien aus, sondern schon in demselben ihren Anfang

nimmt. Denn in seiner Mitte entspannen sich jene goldenen Fäden des

Wohlwollens und der freundlichen Fürsorge, die mich auf meinem ganzen

weitem Wege von der Donau bis zur Herrscherstadt vom Propontis und von

da wieder an den Meles, Nil und Jordan, ja bis zum Arno geleiteten.

Die kräftige Wirksamkeit jener Empfehlungen, welche ich aus der

Staatskanzlei Seiner Durchlaucht, des ~Fürsten von Metternich~

mit mir nahm, ließen es mich erfahren: daß der große, vielumfassende

Geist dieses Staatsmannes mit der Vorsorge für das Allgemeine und

Ganze auch die für das Bemühen eines Einzelnen zu vereinen wisse,

und daß neben dem mächtigen Strome des politischen Bewegens, dessen

Lauf derselbe zum Wohle des Vaterlandes zu leiten bemüht ist, auch

ein armes Bächlein seiner Hülfe sich erfreuen dürfe, welches, aus

dem Quell der Wissenschaft hervorgehend, vielleicht irgendwo einen

noch schlummernden Keim des Erkennens wecken könnte. Was ich hierbei

dem hohen Wohlwollen Seiner Excellenz, des Herrn ~Grafen von

Ottenfels~ verdankte, das war so Wesentliches und so Vieles, daß ich

meinen tiefgefühlten Dank dafür besser durch den Thatbericht über das,

was jenes Wohlwollen in dem ihm so nahe bekannten Lande des Ostens für

mich bewirkt hat, als durch Worte auszusprechen vermag. Einen andern

Punkt, von welchem die goldnen Fäden der freundlichen Bemühungen für

mich und das gute Gelingen meiner Reise ausgiengen, habe ich schon

genannt; das war ein Schreibtisch, von welchem gar viele goldne

Fäden über ganz Europa und tief nach Asien hinein, bis weit über den

Euphrat auslaufen: der Schreibtisch des hochverehrten ~Ritters von

Hammer~. Der Mittelpunkt aber, das eigentliche »Herz« von welchem

alles das Bewegen zu meinem Gunsten in Wien seinen ersten Antrieb

empfieng, habe ich noch nicht genannt: das war jener Mann, der die

hülfreiche That seines Wohlwollens und seiner Liebe schon in so manches

frühere Jahr und Begegniß meines Lebens unvergeßlich tief hineingeprägt

hat, der hochtheure K. Bayerische Minister, Baron ~Maximilian

von Lerchenfeld~. Wenn aber alle die eben erwähnten Beweise von

Wohlwollen und Güte, die wir in Wien erfahren durften, zusammen mit

dem freundlichen, nur unsres Vortheiles gedenkenden Geleites, das uns

die Briefe der Herrn Eskelin und C. in alle größeren Handel treibenden

Städte der östlichen und südöstlichen Mittelmeeresküste gaben,

wenigstens doch an die Fortreise erinnerten, so waren daneben auch

noch andre Fäden wirksam, die uns in der Kaiserstadt selber so fest

und innig umspannen, daß sie uns fast hätten können das Weitergehen

vergessen machen. Wir erfuhren hier die Kräfte und Aeußerungen einer

Freundschaft, welche zu ihrem Erstarken keiner längeren Zeit des Sehens

und Bekanntwerdens bedarf, weil sie von einer Art ist, über deren

Gedeihen und Fortbestehen die Zeit keine Gewalt hat.

An der Seite des theuren ~Endries~ besuchten wir noch am letzten

Tage unsres Aufenthaltes einige Gärten und Landhäuser in der Nähe der

Stadt; vor allem Schönbrunn. Hier ließ uns die Umgegend von Wien noch

einmal die Fülle aller ihrer Lieblichkeiten sehen und genießen; zuerst

bei der weiten Aussicht am Gloriette, dann in den stillen, schattigen

Gängen der hohen Baumgruppen und am Gesundbrunnen der hehren Nymphe.

Die kräftig gedeihenden, ausländischen Gewächse der Treibhäuser und

Blumengestelle sprachen mit mir zum Theil schon die Natursprache jener

Länder, die mein Fuß nun bald betreten sollte. Bei jedem solchen

Anblick merkte ich recht deutlich, daß mein ganzes Sinnen und Trachten

nicht mehr daheim, sondern bereits ausgewandert sey in das Land gegen

der Sonne Aufgang, und wo das Herz wandelte, da wollten dieß auch die

Füße. Darum auf, zur Weiterreise!

Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meer.

Es schien als sey eine ganze Gemeinde im Auswandern begriffen, so groß

war die Zahl der Reisenden, so wie der mit Reisegepäck belasteten

Träger und Karren, welche mit uns zugleich am Nachmittag des 15ten

Septembers hinabzogen durch den Lustwald des Praters nach der Donau.

Hier, bei dem Dampfschiff, war das Gedräng noch größer; denn so wie

mehrere liebe Freunde uns aus der Stadt bis hieher das Geleit gaben,

so hatten auch die Schaaren der andern Reisenden ihre Begleiter, zu

denen sich die Menge der Neugierigen und der im Prater Lustwandelnden

gesellte, welche das Dampfschiff wollten abfahren sehen. Das Glöcklein

das die Abfahrt verkündete, hatte zum letzten Male geläutet, die Räder

der Dampfmaschiene setzten sich in Bewegung und mit ihnen zugleich die

Stimmen, die sich noch einmal vom Schiff und vom Lande aus begrüßten.

Auch auf der schnellen Fahrt, die nun begann, fuhren die Stimmen,

die mit uns im Schiff geblieben waren, fort, an Lauttönigkeit und

Schnelle mit den Rädern und Getrieben zu wetteifern; die Menge der

Mitreisenden war aber auch so groß, daß sich zum Sitzen nur selten

Raum und Gelegenheit fand, man stund da in einem Menschengedränge, wie

jenes ist, das sich an einem Jahrmarkte vor einer Garküche anhäuft.

Denn gerade dergleichen Erinnerungen an Jahrmarkt und Garküche

drängten sich hier der Seele am meisten auf, wo man so viel reden

hörte von den in Wien gemachten Einkäufen, so viel wahrnehmen mußte

von der Geschäftigkeit der Küche, deren Erzeugnisse, von den schnellen

Dienern ohne Aufhören unter die immer mehr und Neues begehrende Menge

ausgetragen wurden. Unter solchen Umständen konnten freilich die

Gedanken an die Pilgerschaft nicht recht aufkommen, obgleich gerade

heute eine besondere Anregung zu denselben vorhanden gewesen wäre. Denn

es hatte sich von Wien aus noch eine Mitpilgerin an uns angeschlossen,

die wir mit ihrem Vornamen: ~Elisabeth~ nennen wollen. Eine

muthige und freudige Wanderin nach dem Morgenlande, welche namentlich

meiner Hausfrau oftmals, wenn zu den äußern Stürmen auf dem Meere die

innern der Sorgen und der Furcht vor dem »großen Wasser« hinzukamen,

von neuem Muth und Freudigkeit mittheilte, und durch ihr geduldiges

Ertragen der vielfältigsten Bedrängnisse uns Allen zur Stärkung; durch

Rath wie That zur Erleichterung und Hülfe gereichte.

Der Anfang der großen Wasserbahn, die wir jetzt auf unserm

Dampfschiffe, der Nador genannt, betreten hatten, gewährt dem Auge

nicht viel Unterhaltung. Der mächtige Strom wird hier zu beiden

Seiten durch eine grünende Ebene begränzt, die sich erst bei

~Fischament~, am Ufer der rechten Seite, wieder hüglich erhebt.

Hier belebt sich die unmittelbare Nachbarschaft des Wassers auch durch

die große Landstraße, welche auf dem 10 Fuß hohen Damme hingehet;

zur Linken dehnt sich noch das Marchfeld aus. Uebrigens gehet die

Fahrt hier an einem Boden vorüber, den man gerne, nicht bloß im

schnellen Vorüberschiffen mit dem Auge durchstreifen, sondern zu

Fuß durchwandern möchte, denn nahe bei ~Petronell~ deuten der

Triumphbogen des Tiberius, so wie andre Ruinen die Stätte des alten

ursprünglich Celtischen, dann Römischen ~Carnuntum~ an; eine

merkwürdige Schanze, welche diese alten Bewohner und Beherrscher des

Landes errichteten, reichet von dieser Gegend fünf Stunden weit gen

Süden, bis an den Neusiedlersee und dehnt sich auch jenseit des linken

(nördlichen) Ufers der Donau bis an Zwerndorf aus. Vor ~Hainburg~

(Hunnenburg) erinnert der 60 Fuß hohe rundliche Hügel, noch mehr aber

die Ruine der wahrscheinlich von den Römern angelegten, dann aber von

den Hunnen bewohnten Veste an König Etzels (Attila's) Hofhalt und an

den Sagenkreis des Nibelungen Liedes. Noch jetzt in ihren Trümmern

riesenhaft mächtig erhebt sich am linken Ufer des Stromes die Burg

des schon zu Ungarn gehörigen Gränz- und Mauthortes ~Theben~,

deren Begründung auch den Römern zugeschrieben wird und welche dem

Mittelalter für eines der unüberwindlichst festen Schlösser des Landes

galt. Berge zu beiden Seiten, deren Abhänge und Schluchten mit Laubwald

und Weinpflanzungen sich bekleiden, geben der Nähe von ~Preßburg~,

dessen alte Königsburg sich von ferne zeigt, ein gastlich einladendes

Ansehen und noch ehe die Sonne sinkt landet das Dampfschiff bei der

Stadt an. Wir waren von Wien nach Preßburg, wohin der gerade Weg

(abgesehen von den Krümmungen der Donau) 12 Stunden beträgt, in nicht

ganz 3 Stunden gekommen.

Wir hatten uns beim Hineingehen nach der Stadt etwas verspätet;

denn welchen Fremdling sollte nicht der erste Anblick dieses alten,

ungarischen Königssitzes anziehen und festhalten, der von den

Vorbergen und Weinbergshügeln der kleinen Karpathen im Halbkreis,

wie von einem grünen Mantel umgeben ist, und welcher seinen Fuß auf

den hier ungetheilten, 780 Fuß breiten, majestätischen Strom stellt.

Die Herrscherburg, in welcher vormals die Reichskleinodien bewahrt

wurden, thronet auf einem 420 Fuß hohem Felsen und hat sich noch

immer, obgleich die Feuersbrunst von 1811 ihr Innres verheerte, die

äußren Züge ihrer stattlichen Gestalt bewahrt; ehrwürdig durch ihr

Alter wie durch ihre Bauart, stehet die von Ladislaus dem Heiligen im

Jahr 1090 begründete St. Martinskirche mit ihrem prächtigen Thurme

da; unter manchen andren schönen und ansehnlichen Gebäuden zeichnet

sich der erzbischöfliche Pallast aus. Während wir jedoch so beim

Anschauen zögerten, hatte das kleine Heer von Reisenden, das sich aus

dem Schiffe über alle Gassen und Plätze der Stadt ergoß, bereits von

allen bessern Gasthöfen Besitz genommen, wir fanden endlich nach langem

Herumfragen nur noch in einem Wirthshause von ziemlich niederem Range

ein Unterkommen.

* * * * *

Wir fuhren am andern Morgen bald nach Tagesanbruche ab; der Himmel

hatte sich getrübt, die Gluthsäule des Morgenrothes über den grünenden

Hügeln, so schön sie dem Auge erschien, war nichts Erfreuliches, denn

sie deutete auf nahen Regen. Bald jenseit Preßburg theilt sich die

mächtige Donau in mehrere Arme, zwischen denen sich die beiden Inseln

Schütt, die größere zur Linken auf die Länge von 9, die kleinere zur

Rechten auf 7 Meilen ausdehnt, wobei die Breite von jener 4-5, von

dieser etwa 1 Meile beträgt. So fruchtbar auch diese Inseln seyn mögen,

hätten wir für heute gerne ihres Anblickes entbehrt und uns vor dem

dicht herabfallenden Regen in die Kajüten gerettet, wenn da nicht das

Gedränge der vielen Menschen eine so unerträgliche Schwüle erzeugt

hätte, daß der Aufenthalt auf dem Verdeck unter dem Regenschirme

noch immer vorzuziehen war. Es waren indeß nur Gewitterregen, die

sich, einer nach dem andern, über die Ebene entluden, dazwischen

gab es auch heitre Sonnenblicke, die uns das unüberwindlich feste

~Comorn~, am Einfluß der Waag und die jenseits Comorn wieder

bergig sich erhebenden, namentlich bei Neszmely (Nesmil), reich mit

Reben und Obstbäumen bepflanzten Ufer, so wie den majestätisch auf

seinem Felsen hervortretenden Dom zu ~Gran~ mit genußreicher

Ruhe betrachten ließen. Ueber den Höhenzügen des Bakonyerwaldes zu

unsrer Rechten, stiegen am Nachmittag von neuem die Wetterwolken wie

Berge auf, während die noch höherstehende Sonne den wunderlichen Bau

der dreieckigen Bergveste von ~Vissegrad~ (der Plentenburg)

beleuchtete, in welcher einst der edle ~Matthias Corvinus~

in der Gesellschaft unsres großen Landsmannes des Astronomen

~Regiomontanus~ Tage eines genußreichen Ausruhens verlebte, und

welche ein Lieblingsaufenthalt mehrerer ungarischen Könige war. Unten

am Fuße des Berges, der die Burg auf seinem Rücken trägt, stehet der

6 Stockwerk hohe Salomo'sthurm, so genannt, nicht nach dem weisen

Herrscher des Israëlitischen Reiches, sondern nach einem Vetter des

Königes Ladislaus, dem ungarischen Gegenkönig Salomo, der (im Jahr

1077) hier gefangen saß. Bei dem schön gelegenen ~Waitzen~ nimmt

der Strom seine Wendung nach Süden; nur noch eine kurze Strecke hatten

wir zu fahren, da zeigte sich das hochgelegene ~Ofen~ und bald

begrüßte das an dem gegenübergelegenen ~Pesth~ anlandende Schiff

die Bewohner der schönen Stadt mit Kanonenschüssen. Abgesehen von den

vielen, sehr bedeutenden Krümmungen, welche die Wasserbahn machet und

die der Landweg abschneidet, misset selbst der gerade Weg von Preßburg

nach Pesth 32 Stunden, während unser Dampfschiff in 13 Stunden das

Ziel erreichte. Doch brachte wenigstens uns diese Eile für heute wenig

Vortheil; ein heftiger Regenguß, der das Ausladen des Reisegepäckes aus

dem Nador, den wir hier mit dem Dampfschiff Zriny vertauschen sollten,

überaus erschwerte, hielt uns noch mehrere Stunden im Fahrzeug zurück,

bis wir endlich nach 9 Uhr Abends im schönen, bequemen Gasthause zum

König von Ungarn Ruhe und Erquickung fanden.

Sonnabends, den 17ten September, noch vor Tagesanbruch mußten wir schon

wieder auf unsrem Dampfschiffe seyn; denn dieses sollte, so war es die

Absicht des Capitäns, heute einen noch weiteren Weg machen als gestern;

es sollte am Abend bei dem gegen 40 Stunden Weges von Pesth abliegenden

Mohacs anlegen, damit dort das Einladen der Steinkohlen während der

Nacht geschehen könnte. Die Wasserbahn wurde allmälig heller, die

Räder begannen ihren Kreislauf; wir wandelten wenigstens mit Augen

und Herzen nach dem guten Ofen hinauf, das wir so gerne begrüßt und

besucht hätten; doch schon nach wenig Riesenschritten des Fahrzeuges

war uns das schöne Schwesterpaar der Städte, zuerst Pesth, dann Ofen

aus dem Auge gerückt und wir zogen auf dem einen Arme der hier wieder

getheilten Donau hinab nach der großen, unübersehlich weiten Ebene. Vor

dem eigentlichen Beginn von dieser erhub sich noch einmal der letzte

Sprosse des von Westen, vom Savoischen Gebirgsstamme herkommenden

Höhenzuges zu dem mit Weingärten umkleideten Eugeniusvorgebirge, auf

welchem ein prächtiges Lustschloß gesehen wird; dann aber fiel der

Vorhang eines dichten Nebels über den großen Schauplatz herunter,

das Dampfschiff mußte, weil jetzt die Weiterfahrt wegen der vielen

Schiffsmühlen am Ufer bedenklich erschien, den kaum begonnenen Lauf

hemmen, und wir lagen da, mitten im Strome, bis gegen Mittag still.

Indeß hatten wir Zeit genug uns in dem Dampfschiffe umzusehen, das von

heute an auf längere Zeit unsere Wohnstätte seyn sollte. Der Zriny, so

heißt dasselbe, hat eine Länge von 180 Fuß und 23 Fuß Breite, bewegt

seine Last mit einer Kraft, welche jener von 80 Pferden gleichkommt und

durchläuft hiermit, unter sonst günstigen Umständen in jeder Stunde

eine Strecke, welche mehr als 6 Stunden Weges beträgt. Zu unsrer

großen Freude hatte sich das Gedräng der Reisenden, das auf dem Nador

so übervoll war, sehr vermindert; nur eine Schaar von Handelsleuten,

die auf einen Jahrmarkt jenseit Semlin zog, schien in Pest neu

hinzugekommen zu seyn; an unsere nähere Gesellschaft schloßen sich

jetzt, wo man erst Gelegenheit fand sich näher zu kommen, ein alter,

vielgereister, wohlunterrichteter Engländer mit seinem Neffen und ein

junger Grieche aus Chios an, der in München studirt hatte.

Gegen Mittag wurde der Vorhang des Nebels wieder aufgezogen, die

neue Scene: der volle Anblick der großen, ungarischen Ebene begann,

die Fahrt gieng ohne Hemmung weiter. Der schöne Strom, als wollte

er einige Zeit von dem schnellen Laufe ausruhen, ergeht sich hier,

gleich einem weidenden Rosse durch üppig grünende Auen; verbirgt

sich bald hinter dem grünenden Gebüsch, bald zwischen einzelnen

Laubwäldern, aus denen manche uralte Bäume weit emporragen. Heerden

von bräunlichen Cormoranen und wilden Gänsen flogen lautschreiend

über uns hin, Pelikane mit schneeweißem Gefieder sonnten sich auf den

abgelegenen Sandbänken, Löffelgänse schoßen begierig nach ihrer Beute,

den kleinen Fischen, herunter, hin und wieder zeigte sich auf einem

Baum am Ufer ein einsamer Seeadler. Nur an wenig Stellen öffnete sich

über das hohe Grün des Ufers hinüber die Aussicht nach einem Dorfe;

Heerden des weidenden Viehes oder ein wohlberittener Landmann, der

die Schnelle seines guten Rosses prüfen und zeigen wollte, indem er

auf der Ebene am Ufer mit dem Dampfschiff den Wettlauf versuchte,

verriethen es, daß das Land von Menschen bewohnt sey. Gegen Abend

schien sich unser Weg in undurchdringlichen Waldungen zu verlieren;

die Nacht war schon angebrochen als wir aus der Stille dieser

dichten Laubgänge hinausgelangten ins Freie und in ~Tolna~ das

Nachtlager suchten. Hier fanden wir ein Gasthaus, das an die beßern

Gasthäuser mancher unsrer wohlhabenden Dörfer erinnerte; der Tisch des

Wirthes bot in Fülle die reichen Gaben des Landes dar; noch vor dem

Einschlafen ergötzte uns ein lieblich tönender, von Flöten begleiteter,

zweistimmiger Gesang, der sich nahe bei den Fenstern unsers Zimmers von

einer vorüberziehenden Gesellschaft vernehmen ließ.

Die Stille des Sonntag Morgens, am 18ten September, wurde in den sich

immer gleich bleibenden, grünenden Auen durch nichts gestört, das etwa

die Sinnen sehr anzuziehen vermocht hätte. Noch vor Mittag erreichten

wir ~Mohacs~, dessen reiche Ebene an das malerisch schöne Gebirge

von Villany und Hersany, so wie an die Höhen sich anlehnt, welche das

breite Thal von Fünfkirchen begränzen. Unser Dampfschiff hielt hier, um

neue Steinkohlen einzunehmen, mehrere Stunden und ließ uns Zeit, den

in vieler Hinsicht merkwürdigen Ort zu besehen. Jene Höhe bei Hersany

und Villany, die sich in Gestalt eines rundlichen Grabeshügels über

die Ebene erhebt, trägt allerdings, gleich dem Tumulus des Patroklos

oder Achills die Bedeutung eines alten Heldengrabes an sich; denn diese

Ebene ist ein großes, mit vielem Blute benetztes Schlachtfeld der

Völker, auf welchem das eine Mal die Macht des türkischen Halbmondes

so zum Wachsen kam, daß der Morgenstern der Herrlichkeit dieses

Landes vor seinem Glanze erlosch; das andre Mal aber so ins Abnehmen

gerieth, daß sein schwaches Licht in der Helle des neuanbrechenden

Tages verschwand. Am 29ten August 1526 traf hier bei Mohacs die Schaar

der Christen unter Ludwig +II.+, dem Könige von Ungarn, auf das

Heer der Türken, welches Suleiman der Große zur Schlacht führte. In

der That ein ungleicher Kampf; denn die Armee der Christen, der Zahl

nach nicht viel mehr als ein Zehntheil der türkischen, war ein Gemächte

aus vielen unter einander streitenden Gliedern, denen ein kräftig

herrschendes Haupt fehlte, weil der erst 20jährige König, zwar von

seiner Geburt an[28] durch manche Schule der Schmerzen gegangen, die

stählende Kraft aber derselben immer von neuem in der erschlaffenden

Wärme seiner nächsten, nur auf Sinnenlust denkenden Umgebung wieder

verloren hatte; während Suleiman, der Schrecken der Völker vom Nil bis

zum schwarzen Meere, ein vollkommner Herrscher und Heerführer seiner

an Kampf und Sieg gewöhnten Schaaren war. Als dort, in den Sümpfen des

nachbarlichen Czelie der fliehende junge König, unter der Last seines

gestürzten Rosses den Tod gefunden, da brach die furchtbare Verheerung

durch Feuer und Schwert der Türken über das ganze wehrlose Land herein

und erfüllte dasselbe bis gen Gran, ja bald nachher bis gen Wien,

mit Wehklagen und mit einem Elend, welches über einen großen Theil

von Ungarn länger denn anderthalb Jahrhunderte lastete. Aber eben in

dieser nämlichen Ebene von Mohacs kam auch für jenes Land eine Stunde

der großen Errettung, als am 16ten August 1687 hier das Heer der

Türken, das der Großvezier führte, von jenem der Christen, welches der

Herzog von Lothringen befehligte und Prinz Eugen beseelte, vollkommen

geschlagen ward. Achtzig Kanonen und das ganze christliche Lager waren

vormals (im Jahre 1526) in die Hände der Türken gefallen; achtzig

Kanonen und das ganze Lager der Türken wurden jetzt in die Hände der

christlichen Sieger zurückgegeben; und wie damals der zwanzigjährige

König Ludwig ein Triumph der Türken ward, so triumphirte jetzt ein

nicht viel mehr als zwanzigjähriger christlicher Held, Prinz Eugen von

Savoyen über die Türken, als er, in jugendlicher Kampflust zuerst die

Gräben des feindlichen Lagers erstieg und nach beendigter Schlacht

den Auftrag des Feldherrn empfieng: die Kunde des Sieges selber nach

Wien zu bringen[29]. War es doch derselbe Eugen, der 10 Jahre später

als Feldherr dort im Osten von Mohacs, bei Zenta die von dem Großherrn

selber geführte Uebermacht der Türken brach, und endlich nach wiederum

2 mal 10 Jahren (am 10. August 1717) das Lager des Großveziers bei

Belgrad vernichtete, wobei 140 Kanonen und unmittelbar nachher Belgrad

selber eine Siegesbeute der Christen wurden.

Die Geschichte der beiden, an Erfolg so ungleichen Schlachten bei

Mohacs ist in dem dortigen erzbischöflichen Pallast in zwei großen

Schlachtgemälden dargestellt, die man in ihrer gerade nicht sehr

kunstwerthen Art als »grausam schön« bezeichnen könnte. Wir besahen sie

dennoch, so wie das bei ihnen befindliche Porträt des unglücklichen

Königs Ludwig, dann erquickten wir uns im Gasthaus an dem berühmten

Sexarder Wein, der hier in der Nähe wächst und an kräftig bereiteter

Speise, später mischten wir uns unter das sonntäglich geschmückte

Volk, das heute außer dem Sonntag selber noch ein andres Kirchenfest

feierte. Mohacs hat mehr als 8000 Einwohner, denen man großentheils

Wohlhabenheit und gutmüthiges Wohlbehagen anmerkt. Ich habe das Volk

der Ungarn, so weit ich es auf dieser Reise kennen lernte, wahrhaft

liebgewonnen. Es erinnerte mich oft, in seiner Art und Sitte, an jene

~Sarolta~, das schöne Weib des heidnischen Ungarnköniges Geyssa,

welche den Keim der höheren, geistigen Gestaltung in ihr Volk legte,

als sie, selber Christin, zuerst den Gemahl, dann, durch ihren Sohn:

König Stephan +I.+ das Vaterland zum Christenglauben hinführte.

Diese, kräftig und entschlossen wie sie war, wußte nicht allein,

gleich einem Reutersmann zu Pferd zu sitzen und das Roß zu bändigen,

sondern, an der Seite des kämpfenden Gemahles, auch das Schwert zu

führen; sie achtete während des Feldzuges nicht Beschwerde noch Gefahr,

dagegen achtete sie auch des Spottes der Fremden nicht, wenn sie, nach

väterlicher Sitte, den Männern beim Trinken Bescheid that. So liegen

auch in dem kräftigen, entschloßnen Volke der Ungarn vielversprechende

Keime einer immer höheren Ausgestaltung und der entschiedene Hang zum

Festhalten an väterlicher Art und Weise.

Einige Stunden nach Mittag war das Geschäft des Einnehmens der

Steinkohlen ins Schiff beendigt, die Fahrt gieng weiter an der

sumpfigen, durch ihre große Schweinezucht berühmten Margarethen-Insel

hin. Gegen Abend erreichten wir, vor ~Dalya~, den Punkt, da die

Drau, aus grünen Waldungen herkommend, sich zur Donau gesellt, und

bald hernach warf unser Dampfschiff mitten im Strome Anker. Vormals

hätte sich freilich gerade in dieser Gegend ein gastlicherer Ruhepunkt

gefunden als der im Wasser, denn hier zur Rechten, wo sich am Einfluß

der Drau auf dem hüglichen Vorgebirge vereinzelte Ruinen zeigen, stund

zu den Zeiten der Römerherrschaft ~Teutoburgum~ und später die

Veste von Erdöd. Das Land zur Rechten des Stromes, vom Einfluß der Drau

bis zu jenem der Save gehört zu Slavonien, dessen reiche Ebene bei dem

wohlhabenden Marktflecken ~Vukovar~, am Einfluß der Vuka, wo wir

am andern Morgen vorüberfuhren, so wie noch mehr die waldigen Höhen,

welche bei der Ruine von Scharengrad und Illok die Ufer begränzen,

einen neuen, sehr angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Hinter

~Illock~, auf einer Anhöhe des Sissatovajischen Bergrückens

zeigen sich die Ruinen von drei, wahrscheinlich römischen Kastellen,

unfern von ihnen im Walde die Trümmer eines Dianentempels mit einigen

halbzerbrochnen Säulen. Die Worte: Zerstörung und Vernichtung

wiederholen sich hier, in der Zeichensprache der Natur und der

untergegangenen Herrlichkeiten der Menschenhand, in den verschiedensten

Sprachen und Dialekten; denn während über die bergigen Ufer der rechten

Seite der Graus der Zerstörung durch Krieg und Kampf der Menschen ihren

Lauf nahm, war die fruchtbare, ungarische Ebene auf der linken Seite,

vornämlich zwischen O-Palanka und O-Futak, wiederholten Einbrüchen des

Stromes ausgesetzt, welche noch jetzt die Wohnstätten und das Eigenthum

der Menschen fortwährend gefährden und unsicher machen. Unsicher

jedoch wie dieser Boden erscheint, ist er dennoch nicht ohne mächtig

anziehenden Reiz, denn während sich bei ~Szussek~ das rechte

Ufer mit Weinbergen schmücket, vergnügt sich das Auge an der linken

Seite bei ~O-Futak~ und ~Kamenicz~ an den üppig grünenden

Baum- und Gartenanlagen, welche durch ihre etwas höhere Stellung gegen

die Verheerungen der Fluthen geschützt sind. Gegenüber der Festung

~Peterwardein~ bei der ansehnlichen Handelsstadt ~Neusatz~,

legte das Dampfschiff an, um hier Waaren auszuladen und einzunehmen.

Die Veste von Peterwardein liegt auf einem Serpentinfelsen, der sich

194 Fuß über den Wasserspiegel erhebt; im Halbkreis umschließet als

eine zweite, untere Vestung die eigentliche Stadt die gewaltigen

Mauerwerke der oberen Vestung. An der Stätte von Peterwardein, das wie

man sagt von Peter dem Einsiedler, dem Anführer der ersten Kreuzfahrer

seinen Namen empfieng, lag das ~Milata~ der Römer; die untere

Festung wurde erst im 6ten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Obgleich die benachbarte Eugeniusinsel kein Denkmal enthält, das des

Siegers und Bändigers der türkischen Macht würdig wäre, läßt sich

dennoch der Felsenhügel von Peterwardein schon für sich allein als ein

Ehrendenkmal des Helden betrachten, der hier am 5ten August 1716 einen

der größesten Siege über die Türken erfocht, welche die europäische

Christenheit jemals über diese Feinde feierte. Das ganze türkische

Lager mit der reichen Kriegskasse der Feinde und 170 Kanonen waren die

eine, die Eroberung von Temes war die andere Frucht dieses Sieges; das

Wehen der Paniere, welche der Sieger weithin in dem wiedergewonnenen

Lande aufstellte, verbreitete Furcht und Schrecken durch alle Länder

der Osmanen, Freude und Jubel durch alle Länder der europäischen

Christenheit vom Eismeer bis zu den Pyrenäen. Seit diesen glorreichen

Tagen konnte auch Neusatz, das kurz vorher nur ein armes, serbisches

Fischerdorf war, sich zu einer blühenden Handelsstadt erheben, welche

in unsern Tagen schon gegen 20,000 wohlhabende Einwohner zählt, unter

denen viele deutsche Handwerker und Handelsleute sind. Beide Städte,

Neusatz und Peterwardein, so nahe unter sich verschwistert wie Pesth

und Ofen, sind durch eine Schiffsbrücke verbunden.

Jenseits Peterwardein gehet die Fahrt an den mit herrlichen

Eichenwaldungen gekrönten, von Weinpflanzungen umsäumten Gebirge

von Fruska Gora vorüber. Hier soll Kaiser Probus die ersten Reben

gepflanzt haben; in den anmuthigen Schluchten des Gebirges liegen 15

griechische Klöster zerstreut, welche den Reisenden in all ihrer Armuth

aufs Freigebigste Obdach und Bewirthung darbieten. Obgleich etwas

weiterhin die ausgedehnten Sandflächen und Sandbänke des Ufers die

zuströmende Macht des Stromes verrathen, so wird dennoch das Auge durch

den Anblick der überreichen Weinbergshügel des am äußersten Saume der

Fruska Gora lieblich gelegenen ~Carlowitz~ viel mehr an die Segnungen

erinnert, welche die Nähe des Wassers bringt. Der hiesige, köstliche

Wein gedeiht nicht selten in solcher Fülle, daß man im Jahr 1812 den

Eimer desselben um 48 Kreutzer verkaufte. -- Von ~Slankamen~, das an

der Stätte des römischen ~Acimincum~ liegt, strömt die mächtige Theiß

in die noch mächtigere Donau; bei ~Szurduck~ lag das ~Rittium~ der

Römer. Allmälig sahen wir jetzt die Gebirge des Fremdlingslandes, das

unter der Herrschaft des Halbmondes steht, aus der Ebene aufsteigen,

vor allem den durch seine rundliche Form ausgezeichneten Avalaberg,

welcher 5 Stunden südwärts von Belgrad liegt und goldhaltig seyn soll.

Ein erfrischender Wind wehete uns aus Westen, vom Gebirge her entgegen;

Heerden von großen Wasservögeln zogen schwerfälligen Fluges über uns

hin; auf dem Strome bewegte sich das Gedräng der Fischerboote und

der kleinen Frachtschiffe, welche Waaren und Handelsleute zu einem

Jahrmarkt in der Nachbarschaft hinführten; mitten durch alle und an

ihnen vorüber schritt unser Dampfschiff so eilenden Laufes vorbei, wie

ein schnelles Roß an den Heerden der auf der Weide gehenden Stiere.

Noch in einer frühen Nachmittagsstunde erreichten wir ~Semlin~, bei

welchem unser Fahrzeug, weil dies eine seiner Hauptstationen war,

für die künftige Nacht anlegte. Obgleich der Landungsplatz eine

ziemlich weite Strecke von der Stadt und ihren Gasthäusern abliegt

und die Abfahrt am andern Morgen sehr zeitig geschehen sollte, zogen

wir es dennoch vor, statt im Schiffe, auf dem Lande zu übernachten,

auf welchem es uns während der bisherigen, kurzen Reise durch Ungarn

überall so wohl ergangen war. Als wir denn da über den Damm des

Donauufers und durch die nur aus Hütten bestehende Vorstadt einzogen,

wachte unwillkührlich, in Einigen von uns, jene Stelle aus dem alten,

deutschen Volkslied von Prinz Eugen auf: »bei Semlin schlug man das

Lager, alle Türken zu verjagen.« Doch dieser Nachklang aus mancher

fröhlichen Stunde in der theuren Heimath mußte bald vor dem ernsteren

Eindruck verstummen, den die Gegenwart auf uns machte. Das Zimmer,

das man uns im Gasthaus zum Löwen anwieß, hat die freie Aussicht nach

dem ganz nahen, am jenseitigen Ufer der Save gelegenen ~Belgrad~,

dessen Festung, mit der hochgewölbten Moschee, so wie die untere, am

Ufer des Flußes sich ausbreitende, sogenannte Wasserstadt, mit dem

Pallast des Fürsten Milosch in größester Deutlichkeit vor uns lagen.

Der Halbmond der Minares erglänzte dort in einem von der Abendsonne

erborgten Glanze, während das Abendgeläute der christlichen Kirchen

zu Semlin von einem Lichte sprach, das älter und bleibender ist, denn

jenes der Sonne. Uns freilich lauteten heute diese Glockentöne wie die

Worte eines Abschiedes, den eine gute Mutter von ihren hinwegwandernden

Söhnen nimmt, obgleich bei den Gedanken des Ernstes das freudige Gefühl

war, von dem hülfreichen Nahebleiben und der Gewißheit des Wiedersehens

der Mutter.

Der wunderschöne Abend zog Mehrere von uns noch auf einige Augenblicke

hinaus, zum Besuchen der Stadt und ihrer Umgegend. Das jetzige Semlin

liegt nahe an der Stätte des ~Taurunum~ der Römer, welches,

weniger durch seine Größe oder durch Verkehr und Handel als durch seine

große Festigkeit ausgezeichnet, zum Anhaltspunkt jener Abtheilung

der Donauflotte diente, die gewöhnlich beim Ausfluß der Save sich

aufhielt. Dagegen hat das heutige Semlin die vormalige Bestimmung

zur Festung ganz aufgegeben und sich mit seinen 9000 Einwohnern die

friedlichere des Handels und Verkehrs erwählt. Serbische, griechische

und türkische, mit ihnen einzelne deutsche und italienische Kaufleute

haben sich einträchtiglich in dieses Geschäft getheilt; die deutsche

Sprache scheint allgemein unter ihnen verständlich; selbst die Häuser,

wenigstens in etlichen Straßen der innern Stadt, wo sich auch ein

Straßenpflaster findet, erinnern durch Bauart und Einrichtung an

das Vaterland. Dagegen gleichen die kleinen Häuser des nördlichen

Stadttheiles, die sich an den sogenannten Zigeunerberg anlehnen, den

Hütten der stets zum Wegziehen bereiten Pilgrime, und die Ruinen der

Burg des Johann Hunvads, die hier auf einem kleinen Hügel gesehen

werden, reden von Krieg und Zerstörung. Die Quarantäneanstalt, welche

auf der andern Seite der Stadt liegt, umfasset in ihrem von 12 Fuß

hohen Mauern umschloßenen Raume, außer den Magazinen, 6 einstöckige,

massive Häuser, welche, sammt ihrem freien Vorplatz, von einem hohen

Stacketenzaun eingefaßt und durch diesen äußerlich, so wie innerlich

durch die Mauern, in vier verschiedene Quartiere, für eben so viele

Reisegesellschaften abgetheilt sind. -- An der Wirthstafel in unserm

Gasthause trafen wir beim Abendessen Landsleute aus den verschiedensten

Gegenden von Deutschland, welche großenteils der Handel hieher gezogen

hatte; das Tischgespräch ergieng sich bald am Rhein, bald in den

Gegenden des Mains und der Elbe, oder in jenen der Spree.

Der Morgen des 20ten Septembers brach unter Regengewölken an, die

jedoch bald zerrissen und den blauen Himmel wieder durch sich

hindurchblicken ließen. Der erste Reiseeindruck den wir heute

empfiengen, war der nahe Anblick der Festung ~Belgrad~, (dem

~Singidunum~ der Römer, das Justinian mit starken Mauern umschloß),

der so oft von Türken und Christen belagerten, eroberten und

wiederverlorenen. Wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick dieser

alten Mauern ~Johann Hunyads~ und ~Capistrano's~ Heldenmuth und

Heldenglaube in die Erinnrung kommen, welche hier bei Belgrad ein

fester Damm wurden, an welchem die wilde Kraft Mohammeds +II.+ und der

Uebermuth der Türken sich brach. Denn schon gedachte dieser zweite

Mohammed den Halbmond, so wie auf der Sophienkirche und den Zinnen

des von ihm eroberten Constantinopels, auch in Ofen, ja auf der St.

Stephanskirche und den Zinnen von Wien aufzupflanzen, als seinem in der

rasenden Trunkenheit der vielen Siege fast unwiderstehlich gewordenen

Heere am 14. Juli 1456, gerade drei Jahre nachher, nachdem der

türkische Eroberer alle Herrscher der christlichen Nachbarstaaten als

Zinnspflichtige erklärt und abgeschätzt hatte, Johann Hunyad zuerst die

Lehre gab, daß es im Reiche der Christenheit noch Köpfe gäbe, an welche

man bei der Berechnung der türkischen Kopfsteuer nicht gedacht hatte.

Denn an diesem Tage schlug der ungarische Held auf der Donau die Flotte

der Türken, eroberte 3 Galeeren, bohrte 4 in den Grund, die übrigen

ließ der Sultan selber verbrennen, damit sie nicht Beute der Christen

würden. Noch aber stund am Lande das Heer des Mahommed: eine furchtbare

Macht durch seine mehr denn anderthalbmal hundert tausend wohlgeübte

Krieger, durch seine 300 Kanonen, unter denen 22 die Riesengröße von 27

Fuß hatten und sieben Mörser zentnerschwere Steinkugeln schleuderten.

Tag und Nacht hörte man den Donner dieser gegen Belgrad gerichteten

Geschütze, bis nach dem 24 ungarische Meilen entfernten Szegedin und

schon waren die Mauern zerschmettert, schon war über ihre Trümmer

Mohammeds Heer am 21ten Juli in die untere Stadt erobernd eingezogen,

auch die Mauern der obern, so wie Hunyads Muth, welcher die Festung

schon als verloren betrachtete, waren gebrochen; da setzte Capistrano's

gottbegeisterte Rede andre, höhere Kräfte in Bewegung als die der

Mörser und Riesenkanonen des Feindes waren. Er, an der Spitze jener

mit dem Kreuz bezeichneten, meist aus ungeübten Bürgern, Landleuten

und Studenten gebildeten Schaar, welche sein feuriger Glaubensmuth

für diesen Kampf geworben und entflammt hatte, schreckte zuerst die

über den Schutt der gestürzten Mauer heraufklimmenden Türken durch

angezündete, in Schwefel getauchte Reisigbündel zurück und wagte

dann, mit nur 1000 Kreuzfahrern, einen angreifenden Anfall auf das

mehr als hundertfach stärkere türkische Heer. Es war ein Schrecken

von Gott, der die Tiger des Ostens ergriff, als sie mit dem lauten

Schlachtruf Allah, vor jenem äußerlich schlecht bewaffneten Häuflein

flohen, das mit dem Loosungsworte »Jesus« ihren mordenden Waffen sich

entgegenwarf. Mohammed selber, am Schenkel verwundet, ward zur Flucht

vor diesen »Hündlein« hingerissen; 24,000 Türken lagen erschlagen

auf dem Schlachtfeld vor Belgrad, unter ihnen der tapfre Feldherr

Karadscha und Hasan der General der Janitscharen; hundert Wägen, mit

Verwundeten beladen, zogen mit dem Reste des feindlichen Heeres gen

Sophia; das ganze Belagerungsgeschütz der 300 Kanonen war in die Hände

der Christen gefallen. So endigte für diesmal der Lauf der Eroberungen

Mohammeds, der so unaufhaltsam geschienen, vor Belgrad und der Sieg

der Christen hätte noch andre, bedeutungsvollere Früchte getragen,

wären nicht bald nachher Hunyad und Capistrano, so wie ein großer

Theil der Schaaren des Letztern der Seuche erlegen, welche vielleicht

aus dem verpesteten Aushauch des blutgetränkten Landes ihren Ursprung

genommen hatte. Aber Belgrad mußte dennoch der türkischen Macht sich

beugen, denn schon unter der Regierung Ludwig +II.+, am 29. August

1521, ward diese für unüberwindlich gehaltene Veste durch Suleiman

erobert, nachdem ein Häuflein von 700 tapfern Ungarn und Serbiern,

unter des ritterlich kühnen Morgai Oberbefehl, drei Monate lang der

Uebermacht des türkischen Heeres widerstanden hatte. Und auch jetzt,

hätte die Vertheidiger der Stadt der Schrecken, den die Macht der ihnen

noch unbekannten Minen erregte, noch nicht zur Uebergabe bewogen,

wäre nicht die Ueberzahl der Serbier, die als griechische Christen

ein unglücklicher Religionsstreit mit den Ungarn entzweite, auf der

Capitulation bestanden, in welcher zwar von einem freien Abzuge die

Rede war, der jedoch von den Türken nachmals nur den Seelen der von

ihnen niedergehauenen Streiter, nicht den lebenden Leibern gegeben

wurde. Erst am 6ten September 1688 ward Belgrad von neuem durch das

christliche Heer, das der Churfürst von Bayern befehligte, erobert,

schon im October 1690 aber, als ein, wie man glaubt, durch Verrätherei

entzündetes Pulvermagazin die Mauern zerstört hatte, gieng es zum 2ten

Male an die Türken verloren, wobei von 8 der besten Regimentern des

christlichen Heeres nur 500 Mann sich auf Schiffen retteten. Und was

half es, daß Prinz Eugen im Jahr 1717 es wieder gewonnen hatte, ward es

doch schon ein Jahr nach dem Tode dieses großen Helden, im Jahr 1737,

in dem leichtsinnig und übereilt abgeschlossenen Belgrader Frieden den

Türken ohne Schwertstreich überlassen, ja selbst, nachdem Landon 1789

noch einmal sie genommen, kam die Veste schon in dem Friedensvertrag

von 1791, den das Unglück der damaligen Zeiten Oesterreich abnöthigte,

wieder in die Hände der Feinde. Jetzt sind alle die Werke, welche

besonders während des österreichischen Besitzes von 1717 bis 1737 hier

angelegt waren, in einem sehr augenscheinlichen Verfall.

Bei ~Panczova~ verließ uns ein Theil unsrer Handel treibenden

Reisegefährten; mit der geflügelten Schnelle unsres Dampfschiffes

eilten wir weiter auf der Bahn des Wassers hinab; das Auge,

ohnehin durch einzelne Regenschauer gehindert, konnte nur schnell

vorüberziehende Streifzüge machen, bald hinüber in die fruchtreiche

Ebene des Banats, bald in die immer näher an den Strom heranrückenden

waldbedeckten Gebirge und Weinbergshügel von Serbien, und in Kurzem

sahen wir uns schon bei der dreieckig geformten, serbischen Festung

Semendria[30], an deren zinnenreichen Mauern dreimal sieben viereckte

Thürme sich erheben. In der That, es ist etwas Schönes um die Eile

eines Dampfschiffes. Von Pesth nach Semlin beträgt der Weg 75 Meilen,

wir waren (den Aufenthalt bei Nacht und bei Nebel abgerechnet) kaum

26 Stunden gefahren. Von Semlin oder Belgrad würde ein Fußgänger

fast einen ganzen Tag lang bis nach Semendria zu gehen haben, denn

die Entfernung beträgt 12 Stunden, wir aber hatten diese Strecke

fast in zwei Stunden zurückgelegt. In der Nachbarschaft der alten,

thürmereichen Vestung von Semendria sahen wir auch den ersten

türkischen Gottesacker, über dessen weißen Denksteinen der Baum, der

unter allen andren ein Sinnbild der freudig emporstrebenden Kraft

seyn könnte: die Zypresse, als Sinnbild der Trauer dastehet. Weiß

doch die jugendlich kräftige Natur dieses Landes überall, besonders

am rechten Ufer des Flußes, Das was ans Veralten und an Zerstörung

erinnern könnte, mit ihren Reizen zu verhüllen und zu bekleiden, denn

die Trümmer der alten Burgveste von ~Kulich~, am Einfluße der

Morava in die Donau werden unter der Fülle der Gärten und Weinberge

kaum bemerkt; der Pestkirchhof, nahe an der Eugeniusschanze, auf der 6

Stunden langen Insel Ostrava, wird von dem lieblichen Grün der hohen

Bäume beschattet; ~Rama~ (das vormalige Armata?) mit seinem alten

römischen Kastell, stehet, umgürtet von seinen waldbewachsnen Felsen,

wie ein zwar grauhaariger, aber noch immer starker Held da, welcher

der Hut des Landes wartet. Noch am 28ten Juni 1788 vertheidigte der

damalige Lieutenant Joseph Baron ~Lopresti~ dieses Schloß mit

23 Mann gegen 4000 Türken und ihre Kanonen, bis zuletzt das von dem

Feind in Flammen gesetzte Gebäude die tapfre, kleine Schaar unter den

zusammenstürzenden Trümmern begrub. Rama gegenüber, am linken Ufer der

Donau, scheint ~Uj-Palanka~, nahe vor dem Einfluße der Nera, den

vorüberziehenden Schiffer in seine freundlichen Wohnungen einzuladen.

Von hier an zieht sich auch an dieser Seite die Ebene zurück, und das

banatische Gebirge, von Norden herkommend, tritt an ihre Stelle. Der

Strom, von einem hier fast beständig wehenden Zugwind des Engthales

erfrischet, windet sich nach Südosten, rauschet an der grünenden

Felseninsel Nova gaja vorüber und zeiget den Ruinen der serbischen

Festung ~Gradisca~ das Bild ihrer veralteten Herrlichkeit in

seinem Spiegel.

Gerade die Stelle des linken Ufers, bei welcher unser Dampfschiff,

um neue Steinkohlen einzunehmen, einige Stunden lang verweilte: der

Bergabhang von ~Bassiacz~ gewährte wenigstens in dieser Jahreszeit

kein besonderes Interesse. Die vorhergegangene, lang anhaltende Dürre

hatte an den jenseits des kleinen griechischen Kirchleins häufig

wachsenden Rosengesträuchen nur noch die Dornen, keine einzige der

schönen Blüthen zurückgelassen, auch die Schmetterlingsblume der hier

gedeihenden Hülsengewächse war zur unscheinbaren Frucht geworden.

Statt des Gesanges der Vögel oder des Blöckens der Lämmer hörte man

nur das unliebliche Grunzen einer Schweinheerde, welche auf den Ruf

einer Frau die aus der Wohnung des griechischen Geistlichen hervortrat,

aus Wald und Gebüsch herbeieilte und an dem reichlich hingeworfenen

Mittagsfutter sich sättigte, während ein kleiner Zigeunerknabe, der

den Hirtendienst versahe, durch einen andren, deutschredenden Knaben,

der ihm zum Dolmetscher diente, gegen uns die Klagen und Wünsche des

bittern Hungers aussprach[31].

In ~Alt-Moldawa~, bei welchem wir am Nachmittag einige Augenblicke

anhielten, weil hier der Capitän unsres Dampfschiffes Vorkehrungen

für unsre morgende Weiterförderung zu treffen hatte, fanden wir ein

fröhliches Gedränge festlich gekleideter Menschen. Jenseit des Orts

zeigen sich die Trümmer einer zerstörten Burg und etwas weiter nach

Norden das Bergbau treibende ~Neu-Moldawa~. Der Strom begiebt

sich nun von neuem in die einsame Wildniß der Gebirgswände, aus denen

sich auf der linken (ungarischen) Seite der Fels Tivadicza; auf der

serbischen der Jocz hervorhebt, und welche für die Bahn des Wassers

zum Theil nur einen Raum von 500 Fuß übrig lassen. Der mächtige Fluß

wird zwar schon längst nicht mehr durch diesen Engpaß so angestaucht

und gehemmt als vormals, wo sein Gewässer in der Ebene des Banats

einen großen Landsee bildete, aber sein lautes Rauschen und Anbranden

gegen die Felsen verräth die Gewalt, mit welcher er noch immer sich

durchdrängen muß. Während das Ohr des sicher dahin Schiffenden mit dem

Brausen des Wassers sich unterhält, wird das Auge mächtig angezogen und

entzückt durch die wahrhaft majestätische Form der Felsenberge und der

Burgruinen von ~Golubacz~ und der ihm auf der linken Seite des

Stromes gegenüberliegenden vormaligen Veste von ~Babakaly~. An

den riesenhaften Gemäuern von Golubacz haben sehr verschiedene Zeiten

gebaut, denn ein Theil derselben ist offenbar ein Werk der Römer, die

hier eine Veste, ~Cupus~ genannt, besaßen; ein andrer Theil, dies

bezeugen die arabischen Inschriften, ist von der Hand der Türken.

Unter den alten Thürmen dieser Veste wird der, welcher am weitesten

nach oben liegt, für das Gefängniß der schönen, griechischen Kaiserin

Helena gehalten. So hehr und lieblich diese Gegend dem Vorüberreisenden

erscheint, so furchtbar ist sie dem, mit der Natur des Landes bekannten

Eingebornen, weil hier aus dem Schooße der Schönheit Schrecken und

Verderben hervorgehen. Denn gerade dieses zur Ruhe in seinem Schatten

einladende von klaren Quellen und kleinen Wasserfällen durchwebte,

malerisch schöne Grün der Waldungen gebiert in der wärmeren Zeit des

Spätfrühlinges jene Schwärme der Golubaczer Mordmücken[32], welche in

manchen Jahren in unermeßlicher Menge über das ganze, benachbarte

Land sich verbreiten und ganze Heerden des Viehes, dem sie durch

Nase und Mund in die Luftröhre und Eingeweide dringen, plötzlich

tödten oder in Lebensgefahr bringen. Weil diese sehr kleine Mücke,

welche auch in andern Gegenden von Europa, obwohl nirgends in solcher

übermächtiger Menge vorkommt, bei kühlem Wetter und eintretendem Regen

sich in die Felsenhöhlen und Klüfte verbirgt, wo man sie dann oft in

ungeheuren Massen zusammengehäuft finden kann und von wo aus dieselbe

bei wiederkehrender Wärme in ganzen Wolken hervorbricht, ist daraus

die Volkssage entstanden, daß sie ihren Ursprung aus diesen Höhlen,

besonders aus einer, unterhalb Golubacz gelegenen nähmen, in welcher

der h. Georg den Drachen erlegt haben sollte. Vergeblich war aber, dies

zeigte die Erfahrung, das Bemühen, durch das Vermauern mehrerer solcher

Höhlen der Vermehrung der Mordmücken Einhalt zu thun; man hatte ihnen

nur ein und den andern bequemeren Schlupfwinkel genommen, worinnen

sie bei kühler Zeit leichter als anderwärts durch Feuer zu tödten

gewesen wären; statt dessen fanden die furchtbaren Schwärme einen

andern Bergungsort in hohlen Bäumen und Felsenklüften. Nur Eines kann

dem Verderben steuern, das hier aus einer ungebändigten Ueberfülle der

sich selber überlassenen, herrscherlosen Natur entsprang: das ist der

Fleiß der Menschenhand, welcher das feuchte Dickig durchbrechen, das

in den Schluchten stehende Wasser der Sümpfe ableiten, den faulenden

Abfall und die erstorbenen Reste der organischen Körper hinwegräumen

müßte. Aber das Auge vermisset hier in diesem serbischen, so reich

begabten Waldgebirge und Wiesenland nur zu sehr die Hand des ordnenden

Herrschers; es fehlt demselben, wie einem schon ganz zur Wohnung

eingerichteten Hause der Bewohner selber: der Mensch; auf jeder Miene

der dortigen Natur und Creatur spricht sich ein sehnliches Warten des

besseren Künftigen aus.

Von Golubacz fuhren wir auf dem hier wieder in breiterer Strombahn,

immer aber noch in reissender Schnelle verlaufenden Fluße nur noch

eine kurze Strecke, dann warfen wir am linken Ufer Anker; an einer

Stelle, bei welcher keine Ortschaft in der Nähe sich zeigte. Denn

hier fand sich jene Gränze, welche damals noch, wenigstens bei

niedrem Wasserstande, die von Menschenhänden unbezwungene Natur, der

Dampfschifffahrt von da an bis zum eisernen Thor jenseits Orsowa

setzte. Aber nicht der unternehmende Sinn der Dampfschifffahrer allein,

sondern auch die Vorstellung die man etwa zu der ungarisch-serbischen

Donauklause von ferne her mit sich brachte, muß vor dieser Wildniß der

Felsengebirge sich beugen, denn seines Gleichen mag dieser Engpaß,

wenigstens in Europa nur wenige haben, weil die Macht und Fülle des

Stroms, die sich da in den Kampf mit der Veste der Erde begiebt, eine

größere ist, als die der meisten andern Ströme unsres Welttheiles.

Es wunderte mich nun nicht mehr, daß jener gekrönte Freund der

Architektur: Kaiser Trajan, dessen Geschmack an großartig Schönem

so viele Bauwerke verkünden, seines Namens Gedächtniß so eifrig und

wiederholt in diese Felsenwände einschreiben lassen; denn hier vergnügt

sich das Auge an einer Baukunst der Natur, deren Herrlichkeit wie

der Flug des Adlers den Flug eines im Käfig erzogenen Vogels, so die

Herrlichkeit der Menschenwerke besieget. Der Engpaß, zu welchem das

eiserne Thor gehört, ist keinesweges durch die mechanische Gewalt

eines da hindurchreissenden Gewässers entstanden, sondern durch jene

krystallinisch bauenden Kräfte der Natur gebildet, welche bei dem

Entstehen der jetzigen Erdveste aus dem formlosen Zustand[33] der

Massen, die einzelnen Stämme und Gruppen der Gebirge von einander

sonderte und abgränzte. Es nähern sich bei diesem Engpasse der vom

Kaukasus entsprossene Hauptstamm der nordistrischen Gebirge und der vom

Höhenzug des Antitaurus herkommende südistrische allerdings einander

so sehr, daß sich ihre tieferen Wurzeln, wie die zweier nachbarlichen

Gewächse in einander verpflechten, das aber, was zuletzt die Wände der

so nahe gerückten Höhenzüge als Zwischenkluft von einander abgränzt,

das scheint eine Wirkung derselben Kraft, welche die Flächen zweier

nachbarlichen Krystalle gesondert hält. Die Felsarten zu beiden Seiten

gehören vorherrschend zum Geschlecht der granitischen Gebirge.

Ein kleines, aber bequem genug eingerichtetes Ruderschiff, von

tüchtigen, des Ortes kundigen Schiffsleuten bewegt und geleitet,

brachte uns am andern Tage, den 21sten September weiter, und die

dritthalbstündige Verzögerung, die uns bei der Unterschrift der Pässe

in dem höchst uninteressanten ~Trenkowa~ zustieß, erschien uns

härter als die leicht vermeidliche Gefahr, welche die Klippenreihe

des Sztenka gleich am Anfang der Fahrt hätte bringen können, obgleich

weiter abwärts unser Schifflein, wegen des niedern Wasserstandes, auf

einer der Klippen für einige Augenblicke festsaß. Der Strom ist da,

wo er aus der Hemmung der Felsenriffe sich hinausringet, so kräftig

schnell, daß er das Fahrzeug auch ohne Ruderschlag bald gegen

~Berszaszka~ hinfördert, dessen Wachtthürme sich am linken,

ungarischen, gegenüber einer Burgruine am rechten, serbischen Ufer

zeigen. Eine halbe Stunde unterhalb Berszaszka, bei dem Wachthause

Welika Kozla, verräth die starke Brandung des Stromes ein andres,

durch sein Bette hindurchsetzendes Felsenriff. Von hier, etwa in

einer Entfernung von einer Viertelstunde, folgt bei dem Einfluß

des Szirinyakbaches in den Hauptstrom die Charybdis des unteren

Donaulaufes: der berüchtigte Jardop- oder Kurdapwirbel, der durch das

Zurückprallen des Wassers von den Felsenwänden des serbischen Ufers

entstehet, hierauf die freilich nur bei hohem Wasserstande gefährliche

Skylla: der mitten aus dem Flußbette hervorragende Doppelfels Bioolj.

Drei Viertelstunden weiter hinabwärts drohet das laut gegen die Felsen

des Izlas und weiter abwärts des Tachtalia anbrandende Wasser eine

neue Gefahr, welcher noch im Jahr 1833 fünf große Fahrzeuge erlagen,

indem sie an den hier überall nahe zur Oberfläche heraufragenden

Klippen zerscheiterten. Diese Gefahr wird vermieden, wenn sich die

Schiffe ganz nahe zum serbischen Ufer halten, an welchem ein fahrbarer

Paß von 60 Fuß Breite offen stehet. Jenseit des minder gefährlichen

Felsens Brany, bei dem serbischen Flecken ~Porecz~ und der nach

ihm benannten Insel Porecza beginnen die Donaufälle, von denen jene

des linken, stärkern Armes, über Klippen hinabstürzend, auch für die

kühnsten Schiffer unfahrbar sind, während die des rechts an der Insel

vorbeiströmenden, serbischen Armes selbst stromaufwärts befahren

werden, obgleich das Wasser mit solcher Gewalt über die rundlichen,

glatten Felsenmassen herunterstürmt, daß man, um ein Frachtschiff mit

etwa 80 Zentnern Ladung heraufzufördern, einer Vorspann von 120 bis

130 Menschen und 10-20 Ochsen bedarf. Die Bahn des Stromes erweitert

sich nun, sein Lauf wird ruhiger; am linken Ufer zeigt sich Szvinicza,

weiter abwärts das Dorf Plavischivicza. An vielen dieser Punkte und

selbst an Tachtalia und bei den Donaufällen hat das Auge Ruhe genug

an dem Anblick der Uferfelsen sich zu ergötzen, das Ohr, um auf andre

Stimmen der Natur zu horchen, welche etwa, vom Lande her, die Melodien

des brausenden Stromes begleiten. Aber das majestätische Schweigen

dieser Gebirgsgegend wird nur selten durch die Stimme eines Vogels,

etwa des Schwarzspechtes, oder in den grünenden Thälern, die sich hie

und da an den Seiten des Stromes eröffnen, durch das Brüllen eines

Stieres, dem das Echo der Felsen antwortet, unterbrochen; es ist als ob

die Häupter der Gebirge, mit stillem Lauschen, nur auf die Stimme der

Wasserwogen herabhorchten, welche der Lauf aus manchem fernen, schönen

Lande hier vorüberführt.

Die tiefer stehende Sonne war schon hinter die Höhen der niedreren

Ufergebirge hinabgesunken; das Thal mit dem Gewässer lag im Schatten,

während die gähe Felsenwand des 2000 Fuß hoch über die Thalfläche

emporsteigenden Sterbeczberges noch in hellem Sonnenlichte erglänzte,

da fieng das seit Kurzem wieder ruhiger gewordene Wasser von neuem

an zu wogen und wir hörten sein Brausen, sahen seine Wirbel an dem

Felsensaume des Kazan. Der Strom ist hier in ein Engbette von nur 520

Fuß Breite zusammengedrängt, seine Tiefe gleichet an dieser Stelle der

Tiefe eines Thurmes, denn sie wird nahe an 170 Fuß geschätzt. Längs

der gähen Felsenwände des linken Ufers wird, mit bewundernswürdiger

Kunst, auf Kosten der k. k. österreichischen Regierung eine neue Straße

angelegt, die schon ziemlich weit gediehen ist. Eine halbe Stunde lang

waren wir durch diesen Lustwald der Felsen und des brausenden Gewässers

gefahren, da zog die Abendröthe über den Abhang des Blutberges hinüber,

dessen jetziger Name (ursprünglich hieß er Schukuru) an eine blutige

Niederlage erinnert, welche die Türken bei seinem Fuße erlitten. In

diesem Berge zeigt sich, 120 Schritte vom linken Donauufer entfernt,

in einer Höhe von etwa 12 Fuß, der von Schanzen umgürtete, von oben

durch die 70 Fuß hohe, weit überhangende Felsenwand geschützte, durch

eiserne Thüren verschließbare Eingang jener Höhle, deren alter Name

Romanaz und Pescabara seit dem Jahr 1692 fast ganz aus dem Munde der

deutsch redenden Bewohner des Landes verschwunden ist. Denn in diesem

Jahre hatte der General ~Veterani~ jene Höhle, die in ihrem

geräumigen Innern eine Besatzung von fast 700 Mann zu fassen vermag,

zu einer Veste einrichten lassen, welche durch 300 Deutsche und eine

geringe Anzahl serbischer Soldaten so trefflich versehen wurde, daß

sie die Schifffahrt der Türken auf der Donau und auch die Bewegungen

der Feinde auf dem benachbarten Lande fast gänzlich hemmte. Nur der

Mangel an allen Lebensmitteln zwang zuletzt das kleine Häuflein der

Vertheidiger zur Capitulation mit der sie belagernden Armee des Pascha

von Belgrad. Seitdem wird diese Höhle allgemein die Veteranische

genannt. Und warum sollte sie nicht wenigstens hierdurch das Andenken

des Mannes erhalten, der sich nicht bloß durch seine Tapferkeit und

großen Feldherrntalente, sondern mehr noch durch seine weise Milde

in Siebenbürgen den Namen eines Vaters des Landes erworben hatte

und der auch in der Schlacht, welche gerade heute vor 141 Jahren, am

21. September 1695, bei dem 10 Meilen von hier nördlich gelegenen

~Karansebes~ geschahe, als Vertheidiger von Siebenbürgen den Tod

des Helden starb, als er, verlassen von der ihm versprochenen Hülfe

der befreundeten Armee, mit seinem nur 7000 Mann starken Corps ein

mehr als 8 mal stärkeres, mit Wuth kämpfendes Feindesheer von dem

Eindringen durch den Gebirgspaß von Varhely abhalten wollte. Drei und

zwanzig Jahre später (1718) vertheidigte gegen die Uebermacht der

Türken der tapfere Major von Stein diese Höhle, deren Geschütz die

hier nur 840 Fuß breite Strombahn vollkommen beherrscht. Einige alte

bei der Höhle aufgefundene Inschriften bezeugen es, daß schon die

Römer hier Waffenthaten geübt haben, und etwas weiter hinabwärts, dem

fast unmittelbar auf das Dörflein Dubova folgendem ~Ogradina~

gegenüber, am rechten Ufer, spricht in halbverloschenen Zügen

eine Marmortafel, vom Bilde des römischen Adlers und der Delphine

beschattet, von Trajans erstem, siegreichen Feldzuge in Dacien. Es

ist hier ein Ort des Zusammentreffens, da der Geist, welcher in

der Geschichte waltet, und jener, der in der Natur herrschet, im

Zweigespräche der großartigen Gedanken sich begegnen; unten im Thale

murmelt die schnell vorübergehende Welle ein Erinnern an die Thaten

des Menschen die hier geschahen, oben in den feststehenden Zinnen des

Felsengebirges verkündet der tausendstimmige Widerhall des Sturmwindes

oder des Donners die großen Thaten Gottes.

Für ein Verweilen von etlichen Tagen konnte es, am ganzen untern Laufe

der Donau, für uns keinen angenehmern Ort geben als ~Alt-Orsova~ (dem

+Tierna+ oder +Colonia Zernensium+ der Römer und Byzantiner) in

welchem wir jetzt die Ankunft des Dampfschiffes Pannonia zu Kladowa

abzuwarten hatten. Das deutsche, wohleingerichtete Gasthaus bietet

Alles dar, was man zur Ruhe und Pflege des ermüdeten Leibes bedarf; die

Gesellschaft an der Wirthstafel, die aus mehreren wohlunterrichteten,

freundlich zuvorkommenden Officieren und Beamten bestund, zu denen am

andern Tage noch einige junge Adelige aus Siebenbürgen hinzukamen,

fanden wir unterhaltend und angenehm. Wir besahen uns am 22ten

September zuerst die nächste Umgegend von Orsova. Das Städtlein wird

landeinwärts von einem Halbkreise der Höhen umgränzt, gegen die

Stromseite hin gewährt es eine herrliche Aussicht nach der gerade

gegenüber am rechten Ufer, auf den Felsen thronenden Elisabethburg,

deren einst unter der österreichischen Herrschaft wohlbestellter Bau,

jetzt unter türkischer sehr in Verfall gerathen ist, und auf das

serbische Dorf Tekia. Weiter abwärts zeigt sich die mitten im Fluße,

auf einer Insel gelegene, türkische Festung ~Neu-Orsova~, und neben

ihr, am linken Ufer, erhebt sich der wegen seiner herrlichen Aussicht

gerühmte Alionberg, während man stromaufwärts in das waldige Engthal

hineinblickt, an dessen Ufer die schon oben erwähnte Trajanstafel und

andere Ueberreste römischer Bauwerke gefunden werden. Die Umgegend

von Alt-Orsova ist vorzüglich reich an Wein- und Maisbau; den Strom

erfüllt eine Menge von Fischen, unter denen der oft mächtig große

Hausen (+Acipenser Huso+) den man öfters gleich einem spielenden

Delphin über die Wasserfläche emporspringen sieht, für den Fischfang

der wichtigste, für den Gaumen der köstlichste ist. Das Städtlein

selber hat in Folge des Friedensvertrages von 1739 aufgehört Festung

zu seyn, was es doch schon zu den Zeiten der Römer gewesen war; seine

späteren österreichischen Werke sind geschleift; die Ueberreste alter

Befestigung, die man noch an einigen Punkten bemerkt, sind früheren,

türkischen Ursprunges. Die Zahl der Bewohner von Alt-Orsova steigt

kaum über 900, doch wird der kleine Ort belebt und wohlhabend durch

seine Lage an der türkischen und wallachischen Gränze, die ihn zu

dem Wohnsitz eines Cordons-Commandanten und eines Dreißigstamtes

macht; auch führt die Nähe der Heilbäder von Mehadia im Sommer viele

besuchende Fremde hieher. Ganz nahe bei dem Orte liegt das Dorf

~Schupaneck~ mit einer wohleingerichteten Quarantäneanstalt, die

vor vielen andren den aus dem Orient zurückkehrenden Reisenden zu

empfehlen scheint, da die Lage gesund, die besten Lebensmittel in

Fülle vorhanden, und (wenigstens war es bei unsrem Hierseyn so) die

Anforderungen auf ein längeres Verweilen in der Obhut der Quarantäne

ungleich gemäßigter sind, als an den meisten Häfen des adriatischen

und des europäischen Mittelmeeres. Und wo könnte der von der Reise

im Fremdlingslande vielleicht noch heftig angegriffene Reisende sich

besser zu dem Wiedereintritt in die rauhere Heimath stärken, als in den

kraftvollen Bädern von Mehadia.

Am Nachmittag ergötzten wir uns am Besuch der Skella: jenes

Gränz-Ueberfahrtspunktes am Ufer der Donau, der gegen das Land hin ganz

von Pallisaden umschlossen ist, und bei welchem überdieß Wachtposten

stehen, um jede Verpestung drohende Gemeinschaft mit den Waaren und

Bewohnern des jenseitigen Ufers zu verhindern. Hier wird täglich,

unter Aufsicht einiger Sanitäts- und Mauthbeamten, in einer ziemlich

großen, bretternen Schranne (Verkaufsbude) Markt gehalten. Die Bewohner

des jenseitigen Ufers, Serbier wie Türken, mit ihnen Zigeuner, die

den Geschäftsgang des Handels mit dem gellenden Laut ihrer singenden

Stimmen und ihrer Instrumente begleiten, kommen auf Fahrzeugen herüber

und stellen sich, so wie die etwa mitgebrachten Waaren hinter den

Schranken des jenseits, nach dem Ufer hin gelegenen Theiles der Bude

auf, während die Bewohner und Verkäufer, so wie Käufer des diesseitigen

Ufers in dem landeinwärts gelegenen Theile, ebenfalls hinter Schranken

ihre Stelle einnehmen; in der Mitte zwischen beiden Schranken bleibt

ein freier Platz für die Sanitäts-Officianten. Man zeigt sich nun

gegenseitig die Waaren des Ostens wie des Westens, des Nordens wie des

Südens, und nach abgeschloßnem Handel wird das Geld wie die Waare auf

den Boden des Mittelplatzes zwischen den beiden Schranken hingeworfen,

oder, wenn es von diesseits kommt, den Sanitätsdienern übergeben, die

es unmittelbar hinüber befördern an die andere Seite, während das,

was von jenseits kam, zuerst den Räucherungen oder den Waschungen mit

Essig und Wasser unterworfen wird. In ganz vorzüglichem Maaße zog

unsre Aufmerksamkeit eine christliche serbische Familie an sich, die

in reichem, festlichen Nationalschmuck, in einer zierlichen Barke

vom jenseitigen Ufer zur Skella herüberkam. Es war ein serbischer

Hauptmann mit seiner Frau und mehreren Kindern. Die wahrhaft hohe,

männliche Schönheit des Vaters war mit einer Würde gepaart, wie sie

nur ein angeborner Edelsinn der Natur des Menschen giebt; wir hörten

seiner Unterredung mit dem Cordons-Commandanten von Orsova, obgleich

wir die Sprache nicht verstunden mit Interesse zu, weil die Mienen

und Gebärden des Serbiers uns zu Dolmetschern dienten. Auch die Mutter

wie die Töchter schienen es zu fühlen, daß der höchste Schmuck der

Schönheit, welche ihnen die Natur gab, jene bescheidene Sittsamkeit

sey, die sich, ihnen selber unbewußt, in ihrem ganzen Wesen aussprach.

Uns erinnerte dieser Anblick an jene schöne serbische Prinzessin, die

als Lieblingsgemahlin des türkischen Sultan Murad +I.+ dem Glauben

der christlichen Väter auch im Fremdlingslande bis an ihr Ende getreu

blieb.

Den zweiten Tag unsres Aufenthaltes in dieser Gegend benutzten wir

zu einer Reise nach den Herculesbädern bei ~Mehadia~, welche in

einer Entfernung von 5 Poststunden von Orsova an den Ufern der Caserna

liegen. Der Weg gehet zuerst ziemlich nahe an dem Dorfe Schupaneck

und seinen Quarantänegebäuden vorüber, durch die reiche Donauebene,

und tritt dann durch den Engpaß von Koramnick in den sogenannten

Serakovaer Schlüssel, unter welchen sich jedoch der Reisende, in dieser

Gegend, wo jede kleine Parthie durch die Geschichte der so häufig

hier vorgefallenen Schlachten, ihren eigenen Namen hat, keine solche

Vorstellung machen darf, wie von den »Clausen« und Schlüsselpässen

unsrer Tyroler Alpengebirge; denn gegen diese gehalten, erscheint

freilich der Serakovaer Schlüssel gleich dem eines Zimmers- gegen einen

Kirchenschlüssel. Auf einer kleinen Anhöhe zeigen sich jetzt die ersten

vier Bögen jenes Aquädukts, der weder türkischer noch altrömischer

Art, mehr an jene Bauwerke erinnert, die wir etwa, aus den Zeiten

des »Dietrichs von Bern« in Verona so wie bei Terracina erblicken.

Die Straße zieht sich von da, an dem durch starke Mauern gestützten

Ufer der Czerna hinan und immer zeigen sich von neuem die Trümmer der

alten Wasserleitung, deren zweistöckige Bögen an einigen Stellen die

Höhe von 30 bis 36 Fuß erreichen. Eine hölzerne Brücke führt weiterhin

über das Bächlein Jardesdizka, das an Forellen reich ist; weiterhin

zeigen sich jene alten, festgemauerten Gräben, die für den Anfang des

erwähnten Aquäduktes gehalten werden und bald ist das reichgrünende

Felsenthal von Mehadia mit seinen zum längern Verweilen einladenden,

schönen Gebäuden und hiermit zugleich die Eingangspforte zu den Bädern

des Hercules erreicht. Wenn auch der Halbgott, dessen Namen diese

Heilquellen, gleich andern ihrer Art geweiht waren, in die Gegend

von Mehadia nicht die Reize des Gartens der Hesperiden hineinlegte,

so gab er ihr doch dafür desto reichlicher den Ausdruck der Alles

durchbrechenden Kraft. Das Werk des Hinwegräumens der niedergestürzten

und von der Czerna herabgeführten Felsmassen, scheint wie von der Hand

jenes Starken begonnen, nicht aber vollendet zu seyn, denn zwischen

und neben den üppig grünenden Wäldern und Bergwiesen liegen an vielen

Stellen, gleich den Gandecken einer ehemals hier sich stauchenden, dann

hindurchbrechenden Wasserfluth, die wilden Gehäuse des Bergsturzes.

~Mehadia~, ein Marktflecken mit etwa 1500 Einwohnern, liegt

am linken Ufer der Bella-Reka an der Stätte des römischen +ad

Mediam+. Eine lange, steinerne Brücke führt über das breite Bette

des kleinen Flußes hinüber, der sich nicht fern von da mit der Czerna

verbindet. Die Herculesbäder, welche, wie dies die hier aufgefundenen

Inschriften, so wie die vormaligen Ueberreste der Tempel des Hercules

und Aeskulap erweisen, schon den Römern bekannt, und bei ihnen, wegen

ihrer Heilkräfte sehr in Ehren waren, liegen etwa 40 Minuten weit von

dem Städtlein entfernt, am felsigen Ufer der Czerna. Das Grundgebirge,

aus dessen Gangspalten die Dämpfe hervorsteigen, welche nach oben zu

dem Wasser der Heilquellen sich verdichten[34], ist Granit, der unten

in der Tiefe des Flußbettes, besonders auf der rechten Seite, zu Tage

ausstehet und weiter flußaufwärts große Felsen bildet. Ueber dem Granit

sind Mergelschiefer und dichter, aschgrauer Kalkstein aufgelagert, aus

denen die heißen Quellen zunächst hervorbrechen[35]. Der Geruch nach

geschwefeltem Wasserstoffgas (Hydrothionsäure) der an jenen von faulen

Eiern erinnert, kündigt dem im Thale aufwärts gehenden Fremdling die

Nachbarschaft der Heilbäder an, welche von 22, mit wenigen Ausnahmen

nur am rechten Ufer gelegenen Quellen, mit solcher Fülle von heißem

Wasser versorgt werden, daß in dieser Hinsicht nur wenig andre

Warmbrunnen von Europa, namentlich die Isländischen, die von Mehadia

übertreffen. Denn schon neun jener Quellen, welche ~Zimmermann~

mit musterhafter Genauigkeit untersuchte und beschrieb, liefern in

einer Stunde im Mittel 6525 Cubikfuß Wasser, mithin mehr denn halb so

viel als die gesammten Wasserleitungen von Paris dieser Königsstadt

an Quellwasser zuführen[36]. Unter diesen neun genauer beschriebenen

Quellen stehet, an Wassermenge, die des Herculesbades, welche am

weitesten nach oben im Czernathale entspringt, voran, denn sie quillt

wie ein kleiner Bach aus der Höhle des dichten Kalksteines hervor und

stürzet, nachdem sie das was zur Füllung zweier großen Badekästen

nöthig ist, in die verdeckten Röhren abgegeben, den größten Theil

ihres Wasserüberflusses in die Czerna hinab. Diese Quelle allein giebt

im Mittel in jeder Stunde über 5000 Cubikfuß Wasser, doch ist diese

Menge veränderlich, weil die Quelle ihre große Stärke zum Theil der

Zumischung von Tagewässern verdankt, weßhalb sie im Frühling, wenn der

Schnee der Gebirge thaut, oder nach starkem Regen, am reichlichsten

fließt, dann aber zuweilen nur 18° R. Wärme zeigt, während sie in

trockner Sommerzeit minder reichlich strömt, zugleich aber 39° R.

Wärme annimmt. Die Heilquellen von Mehadia enthalten außer dem

geschwefelten Wasserstoff- und kohlensauren Gas auch etwas Stickgas;

unter den festen Bestandtheilen hauptsächlich salzsaures Natron und

salzsauren Kalk[37]. Die Wärme einiger der am tiefsten im Czernabette

entspringenden Quellen steigt bis 51° Reaumur. Gegen Gicht und

langwierige Rheumatismen, Lähmungen und gegen eine große Zahl anderer

Krankheiten, welche durch eine Steigerung der Hautthätigkeit gehoben

werden können, haben sich diese Warmbrunnen schon vielfältig heilsam

bewiesen.

An den Ufern der Czerna giengen wir durch das Schattendach des

Laubwaldes und an grünenden Waldwiesen vorüber, aufwärts bis zu dem

Wasserfalle. Auf dem grünen Rasen und im Schatten der Gebüsche zeigte

sich mit fleischrothen Blüthen, ähnlich unsrer Herbstzeitlose, der

+Crocus speciosus+; unter den Bäumen erhub sich stellenweise der

schöne, türkische Haselnußbaum (+Corylus Colurna+), an einem

Felsenabhang stund neben dem ruthenartigen Bohnenstrauche (+Cytisus

elongatus+) der mittägige Zeltenbaum (+Celtis australis+); im

dichten Waldschatten erschien zwischen den heller grünenden Bäumen

die Schwarzföhre (+Pinus Pinaster+). In verwildertem Zustande

wird nicht selten am Saum des Waldes der Weinstock gesehen, und, als

Zeichen der Milde dieses Landstriches gedeiht schon, nahe bei der

Herculesquelle, der Feigenbaum (freilich nur von strauchartiger Größe)

im Freien. Unter den Vögeln glaubten wir die Bewohnerin des Ostens:

die wilde Lachtaube (+Columba risoria+) zu bemerken.

Auf den langen Spaziergang schmeckte uns das wohlbereitete Mittagsessen

im Gasthause sammt dem mit Recht gepriesenen Schillerwein von Mehadia

vortrefflich; am Nachmittag kehrten wir nach Orsova zurück, wo die

heitre Stimmung, in welche der Genuß dieses Tages uns versetzt hatte,

auf einige Augenblicke durch die kleinen Quälereien unterbrochen ward,

welche die Douaniers uns zufügten. Doch bald war der innre Ton wieder

derselbe, der er am Morgen gewesen, und der letzte Abend in Orsova

wurde fröhlich beschloßen.

Sonnabends am 24ten September traten wir die Weiterreise nach

Kladowa an, wo das Dampfschiff Pannonia unsrer wartete. Unsre

Gesellschaft hatte sich getheilt; Einige, welche das beßre Theil

erwählt hatten, machten den Weg zu Wasser durch das sogenannte

eiserne Donauthor (+Cataractae Danubii+) auf einem mit tüchtigen

Schiffern versorgten Fahrzeuge, Andre zu Lande in einer Art von

Gesellschaftswagen. Der Landweg, welcher Anfangs die herrliche Aussicht

auf die Elisabethburg, Neu-Orsova und das rechte Ufer der Donau, so

wie auf den Eingang des eisernen Thores beherrscht und auch in seinem

späteren Verlauf meist in der Nachbarschaft des Flußes bleibt, geht

eine halbe Stunde unterhalb Alt-Orsova über die Czerna und zieht

sich dann am Vorgebirge Alion vorüber hinab nach der Wodiczer Mühle.

Nahe bei dieser, am Bagnabache erinnerten die steinernen Pyramide

mit dem Doppeladler und die Gebäude des Cordonpostens an den letzten

Abschied aus den guten, österreichischen Landen, denn hier ist die

Gränze; jenseits des Baches betritt man in dem Dorfe Werczerowa die

Wallachei und von nun an wachen die Sanitätsdiener, welche die

Landreisenden begleiten, ängstlich über jede Gelegenheit, bei welcher

eine Berührung ihrer Personen oder ihrer Pferde mit den Menschen

und Thieren von jenseits statt finden könnte, weil sie sonst selber

durch eine lange Quarantäne den freien Eintritt in die Heimath wieder

erkaufen müßten. Die Felsarten, aus denen sowohl das gäh abstürzende

linke, als auch das mehr terassenartig ansteigende rechte Ufer der

Donau beim eisernen Thore bestehen, sind vorherrschend Glimmerschiefer

und Gneus; an unsrem Wege blühten unter andrem die acanthusblättrige

Silberdistel (+Carlina acanthifolia+), die schwärzlich purpurne

Centaurea (+Centaurea atropurpurea+) und das caucasische Doronicum

(+Doronicum caucasicum+); die große, grüne Eidechse und die

vierstreifige Natter (+Coluber Elaphis+) sonnten sich am Felsen.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Erster Band · 第 5 / 12 题