Wohin willst du?
»Wohin willst du?« so fragen wir den Wandrer, den wir auf einem
einsamen, von uns noch nie betretenen Stege einholen, und an den
wir uns, wenn er etwa gleichen Weges mit uns gienge, als Gefährten
anschließen möchten. »Wohin willst du?« so möchte wohl auch der zum
Mitreisen geneigte Leser den alten Wandrer fragen, welcher in den
nachfolgenden Blättern die Geschichte seiner Reise nach dem Morgenlande
beschreibt. Dieselbe Frage wurde schon viermal, zu vier verschiedenen
Zeiten meines Lebens an mich gethan und ich brauche hier nur zu
berichten, was ich jene vier Male auf sie zur Antwort gegeben.
Es hat wohl selten ein Mensch, der kein Schweizer von Geburt war, so
tief, so verzehrend am Heimweh gelitten, als ich. Da ich, in meinem
neunten Jahre zum ersten Male vom Hause der Eltern getrennt, an einem
fremden Orte lebte, um dort die Schule zu besuchen, da schien mich
auch die Miene eines Jeden, der mir theilnehmend in mein verweintes
Auge schaute, zu fragen: »~wo willst du hin?~« und jeder Nerv,
jede Ader meines Wesens antwortete: »Ich will zum Hause meiner
Eltern.« Dachte und sprach ich ja, außer den Stunden der Schularbeit
nichts andres als was die Heimath, was das Elternhaus angieng; das
Heimweh ließ mich nicht einschlafen, ließ mich nicht ausschlafen; es
ließ mich nicht ruhen beim Spiele der Kinder, nicht froh werden beim
Essen, wenn ich auch noch so hungrig war: im Hause der lieben Mutter
hätte mich wohl trocknes Brod und Wasser mehr vergnügt, als in der
Fremde Alles was süß und lecker ist. Mein Heimweh wurde nicht eher
still, bis die Thräne kam; die bittre süße Thräne des heißen Sehnens
nach dem Elternhause, die anfangs im Verborgenen, später aber, immer
zudringlicher um Mitleid und Hülfe flehend, auch vor Andren geweint
wurde.
Ich wundre mich selbst darüber wie ich so gar siech und elend vor
Heimweh seyn konnte. Von Natur war ich ein kräftiger, muntrer Knabe,
dem, das wissen Alle die mich in meiner Kindheit kannten, kein Thurm-
oder Kirchengemäuer zu hoch und zu gefährlich, kein Baum oder einzeln
hinausragender Ast zu gäh oder zu schwierig zum Besteigen war; der
ohne Grubenlicht dem Bergmann nachschlich in die dunkle Tiefe[1] ohne
sich von dem Sausen und Heulen der Kunsträder und Saugwerke stören zu
lassen. Ich liebte die Einsamkeit und gieng oft stundenlang im Buchen-
und Tannenwald umher, suchend nach Dingen, nach denen Keiner unter
meinen Gespielen Verlangen trug, außer mir. Und an dem fremden Orte,
wohin man mich in meinem neunten Jahre gebracht hatte, wohnte ja meine
liebe, älteste Schwester und der Vorstand der gut eingerichteten,
kleinen Schule, war mein eigner Schwager; wie kam es doch da, daß
jeder Odemzug, jeder Blutstropfen in mir nur nach dem Elternhause
ächzte und hinjagte, und daß mich die kindische Thräne des Heimwehes so
blind machte gegen all das Tröstliche und Gute das um mich her war?
Freilich hatte das Elternhaus gar besondere Dinge in und an sich,
die ein junges Herz, gerade je stärker beweglich es war, desto mehr
zu sich hinziehen konnten. Es wohnte da vor allem eine Mutter,
welcher eine Gabe und Macht der Liebe zu Gott und den Ihrigen, so
wie zu allen Menschen verliehen war, wie dergleichen nur selten in
einem Menschenherzen gefunden wird; eine Liebe die überall um sich
her Friede, Freude und heitres Wohlseyn ausstrahlte, weil sie in
beständiger, das eigne Selbst vergessender That lebendig war. Mit ihr
ein Vater, über dessen kräftiges Wesen die Ruhe eines guten Gewissens
vor Gott und den Menschen ihren Fittich breitete, ein Mann in Wort
und That, dessen ganzem, festen Wesen der Wahlspruch eingeprägt war:
»schlicht und recht das behüte mich«[2]. Dabei noch zwei Schwestern,
welche dieser Eltern Kinder waren und welche den jüngsten, spätgebornen
Bruder von Herzen liebten.
Das Elternhaus hatte aber außer dem innern, mächtig anziehenden Reiz
noch einen andern, auch äußeren: das war die hohe Anmuth der Gegend in
welcher es lag. Das nachbarlich an diese angrenzende Muldenthal hat
schon vor zweihundert Jahren einen begeisterten Lobredner und Sänger
gefunden, an meinem mir sehr theuren, vielgereisten Landsmanne ~Paul
Fleming~ aus Hartenstein, von welchem namentlich das schöne Lied:
»In allen meinen Thaten« so lange forttönen wird als es einen deutschen
christlichen Gesang giebt[3]. Der Berg aber, der sich wie eine hehre
Warte an der Westseite der kleinen Halbinsel erhebt, welche durch die
beiden gleichnamigen Schwestern: die Freiberger und Zwickauer Mulde
gebildet wird; der Berg worauf meine kleine Vaterstadt Hohenstein,
in der Grafschaft Schönburg liegt, trägt denn doch jenes Element, an
welchem sich in der Brust des Schweizers das Heimweh entzündet, in
noch viel höherem Maaße an sich, als das liebliche Muldenthal. Er ist
ein Rigiberg im Kleinen; ein Gilead zwischen der hehren Gebirgsgegend
des Südens und der hier angränzenden, fruchtbaren Ebene des Nordens.
Die Kirche des Städtleins, mit ihrem Thurme, wird wegen der hohen
Lage weithin im Lande gesehen; nahe bei dieser Kirche wohnten meine
Eltern. Von den Fenstern ihres Hauses, mehr aber noch vom väterlichen
Garten am Thurme und von der an ihn angrenzenden Höhe überblickt
man gegen Süd und Südost zunächst ein wellenförmig emporsteigendes,
von grünenden Thälern durchschnittnes, hügliches Land, über dessen
Saum weiterhin die Gebirgskette der erzreichen Sudeten, mit ihren
Granitzinnen und rundlichen, basaltischen Kuppen emporsteigt; in West
und Südwest erheben sich die waldreichen Hochufer des Muldenthales,
und in weiter Ferne die Voigtländischen Gebirge; gegen Norden ergeht
sich die Aussicht ungehemmt über die weite Ebene des niedreren
Muldenlaufes; tief am Horizont zeigt sich noch, als letzte dem Auge
wahrnehmbare Erhöhung, der Petersberg bei Halle. Damals, in den Zeiten
meiner Kindheit, war der seitdem fast kahl gewordene Scheitel unsres
vaterstädtischen Berges von einem Walde der hohen Edeltannen und Buchen
umkränzt, aus dessen kühlem Schatten mancher seitdem versiegte Quell
hervorströmte, in dessen dunkeln Zweigen mancher seitdem verstummte
Gesang der Vögel ertönte.
Allerdings war das ein Anblick von seltner Art, wenn von den Fenstern
des Elternhauses aus gesehen die Morgensonne an einem hellen Wintertage
über die beschneiten Felsenwände des Greifensteines (bei Geyer)
emporstieg und wenn nun die beeisten Bächlein im Thale wie Silberfäden
das dunkle Grün der Fichtenwälder umspannen, oder wenn das Abendroth
seine Flammen über dem Voigtländischen Gebirge und im Nachbarwald
der Edeltannen spielen ließ und der Rabe schreiend von dem Flug des
Tages wiederkehrte. Der Sturm hatte auf diesen freien Höhen, wenn
er die Zweige des vereinzelt stehenden Baums erfaßte oder durch die
Schalllöcher des Thurmes hindurchstrich, einen ganz andren, mächtigeren
Laut als anderswo; der Strahl der Frühlingssonne, wenn er in das
grünende, terassenartig emporsteigende Thal trat, das in Süden und
Westen den Fuß des Berges umwindet, oder wenn er auf den südlichen
Abhang von diesem selber fiel, weckte da mit den Maibrunnen[4]
zugleich eine Mannichfaltigkeit der Frühlingsblumen des Gebirges, wie
sie, in gleicher Fülle nur selten erscheint. Der alte Wandersmann, der
damals als Knabe mit einer freilich kindisch übertriebenen Vorliebe an
der Gegend seines Geburtsortes hieng, hat seitdem manche Länder und
Gegenden gesehen, die wohl zu den schönsten der Erde gehören, noch aber
wird ihm das Herz warm, wenn, nach langer Abwesenheit wieder einmal
sein Blick, verjüngt wie ein Adler, von der Höhe des Berges seiner
kleinen Vaterstadt einen Ausflug weithin über die Thäler und Berge
machet.
Im Garten meines Vaters, wie im Thal und auf den Höhen hatten
jeder bunte Stein, jede Blume für mich ihre besondere Sprache,
ihren Namen; die kleine, glänzende Quarzdruse, die mein erstes,
köstliches Besitzthum der Art war, verwahrte ich, wie einen, wenn etwa
Feuersgefahr ihn zerstörte, unersetzbaren Schatz, in einer Oeffnung der
innern Gartenmauer. Wenn mich dann auch beim Anblick des Bergsaumes,
der den Horizont begränzte, je zuweilen das Verlangen anwandelte, zu
sehen was jenseits der Berge wäre, so hatte ich doch Viel zu Viel und
angelegentlich mit dem Elternhause und seiner Umgebung zu schaffen und
zu reden, als daß mir, da zum ersten Male die Frage an mich ergieng,
»wo willst du hin?« eine andre Antwort möglich gewesen wäre als die:
»zum Hause der Eltern.«
Der Wunsch, der in dieser Antwort lag, wurde gewährt; nach etwa
zweijährigem Aufenthalte an fremdem Orte kam ich wieder heim und blieb
im Hause der Eltern bis zur Gränze des Knabenalters. Ueber die ersten
beiden Jahre der neuen Trennung breitete ein jugendlicher Leichtsinn
seinen Nebel; an dem Orte wo ich damals war, konnte keine Art von
Heimweh, konnte nichts Tieferes aufkommen; es war nichts da, was die
Tiefe aufregte. Da zog mich, wie eine sichere Ahnung des Künftigen,
dergleichen ich in meinem Leben öfters erfahren, ~Herders~ mir
kaum bekannter Name, Herders Gegenwart nach Weimar, und siehe es ward
mir das Glück zu Theil in der Nähe dieses großen Geistes, der seinem
Zeitalter ein Ararat, ein Ort der Bergung vor großen Wassern war,
aufzuwachen, zum innern, geistigeren Leben. Was ich etwa späterhin
als wissenschaftlicher Schriftsteller hervorgebracht habe -- es ist
so Weniges und so Mangelhaftes, daß ich fürchte es würde den theuren
Mann beschämen, wenn er diese Worte vernähme -- dazu danke ich, nächst
Gott, den ersten Antrieb und die erste Anregung ~Herder~. In diese
lebendig, bis in die Tiefe aufgeregte Zeit meiner Jünglingsjahre fällt
nun der zweite Brennpunkt meines Lebens, an welchem mein Innres die
Frage vernahm und beantwortete »~wohin willst du~?«
Die Frage ließ sich zwar damals wiederholt vernehmen, es ist mir aber
vor allem ein Moment in der Erinnerung stehen geblieben, in welchem,
wie mir scheint, Frage und Antwort am lautesten sich begegneten. Ich
erzähle was mir damals geschehen.
Es war ein Tag des eben beginnenden Frühlinges, ein solcher, der in
allen Seelen das Vorgefühl eines Lebens weckt, das niemals aufhört,
da wollte in mir das Heimweh, das bittersüße, nach dem Elternhause zum
zweiten Male, und wie mir schien, innig tiefer als jemals erwachen. Ich
stund, ganz allein, an dem kleinen See eines stillen Thales. Das Gewölk
gegen Süd und Ost hatte sich leise geöffnet; ein röthlicher Schimmer
schwebte am Horizont; ein röthlicher Strahl fiel aus dem Gewölk auf
die Bäume am Ufer und auf den Spiegel des Sees; es war als wollte noch
jetzt, am Mittage, der ganze Himmel in Morgenroth sich auflösen. Eine
Schaar der erst neulich wiedergekehrten Vögel, die über den See flog,
wurde nur gesehen, nicht gehört; die Lerche, als dürfte sie die Stille
des Thales nicht stören, sang ihr Lied hoch in der Luft; das Gebüsch
wie der Baum waren schweigend in das Geheimniß ihres Wachsens und
Gedeihens versenkt; es war wie ein Warten in der Natur: ein Warten,
das seinen Mund nicht aufthut, weil sich das sehnlich Erwartete schon
nahet. Es sind dieses Stunden, da der Geist, welcher in der Natur
webt und waltet, dem Geiste, der im Menschen lebt, mehr denn sonst
sich nähert, deutlicher denn sonst sich ihm kund giebt. Das Sehnen
das in dem heimwehkranken Herzen so eben noch von dem Elternhause
sprach, schwieg, mit der schweigenden Natur; wie ein Wandrer, wenn
er bei einer am Wege stehenden Menschenschaar vorüberkommt, welche
unverwandt, in stiller Erwartung, nach einem vor ihr gelegenen Punkte
hinblickt, unwillkürlich sein Auge dahinwendet, wohin die Andren sehen;
so lauschte der innre Sinn des Jünglinges, von welchem wir hier, aus
seinem eignen Munde erzählen, auf eine Stimme, die ihm sagen könnte,
wohin dieses Warten der Natur gienge?
Die Frühlingssonne trat jetzt frei aus dem Gewölk hervor, da endete
das Schweigen; die Nachtigall im Gebüsch begann ihr erstes Lied:
das Lied, das nach dem Verlauf der Wanderzeit durch ferne Auen, die
wiedererreichte Heimath begrüßt. Dem Jünglinge war es als sey heute
sein innres Ohr geöffnet; als verstünde er die Sprache der Sängerin,
die mitten in die Begrüßung der Heimath das Lob des Landes verwebte,
aus dem sie so eben kam. »Ja,« so schien mirs lautete der Inhalt des
Liedes, »ja das Wiedersehen der Stätte, die mich gebar, ist süß, und
mächtig der Zug, der mich nach ihr zurückführte; mächtiger aber noch
war jener, der mich im Spätsommer, als hier noch Feld und Gebüsch mit
all ihrer grünenden Fülle geschmückt waren, hinwegtrug über Meer und
fernes Land, in die Geburtsstätte der höheren Art, aus der sich am
Morgen die Sonne erhebt und über die ihr Weg am Mittage hinübergeht.
Das Sehnen, das zum Wandern treibt, weiß von einer doppelten Heimath:
von jener, in der das einzelne, sterbliche Leben geboren ward und
erzogen, und von einem andern, aus welchem das Leben Aller, das Leben
des ganzen Geschlechts seinen Anfang nahm.«
Es war freilich nicht bloß das Lied der Nachtigall oder die
begeisternde Kraft die in der Schönheit des Frühlingstages lag, sondern
mehr denn beide war es ein innres, aus der Seele selber kommendes
Bewegen, was in jener Stunde dem enger beschränkten Heimweh, das noch
kurz vorher sich schmerzlich geregt hatte, eine neue Richtung gab; was
dem Herzen auf die abermals wach gewordene Frage: wohin willst du? die
Antwort einsprach: »in das Land des Aufganges der Geschichte meines
Geschlechts.« Eine unbeschreibliche Lust zum Wandern, zum weiten
Wandern hatte mich seitdem ergriffen; meine liebste Erholung von dem
gewöhnlichen Werk des Tages war das Lesen von Reisebeschreibungen,
und wenn im Herbst die kleinen Zugvögel auf der Heide sangen: »ziehe
mit« -- »ziehe mit,« da konnte ich nicht widerstehen, ich ergriff den
Wanderstab, und zog, so weit es gehen wollte über Berg und Thal, bis
zuletzt, nach vierzig Jahren -- denn so weit liegt jener Frühlingstag
meiner Jugend[5] schon hinter mir, es mir war, als ob der Wanderstab,
den ich so lange rüstig geführt und bewegt hatte wohin ich wollte,
jetzt mich, bei schon ergrauendem Haare erfaßte und mich führte dahin
ich gehen ~mußte~. Ehe ich aber dieses Begebniß, so wie jenen
entscheidendsten Augenblick meines späteren Mannesalters beschreibe,
da in meinem Innern zum dritten Male die Frage gefragt und beantwortet
wurde: »wohin willst du« muß ich zuerst noch über den Sinn der Antwort,
die mir das zweite Mal auf jene Frage in Herz und Mund gelegt wurde,
etwas Weiteres berichten.
Es wirkt nicht allein auf den Vogel ein zweifacher Zug zum Wandern:
einmal nach dem besondren, engbeschränkten Bergungsplatz, da sein
mütterliches Nestlein ist, und Nahrung für ihn und die Jungen, dann
nach dem allgemeineren, weiteren, da die zahllosen Schaaren seines
Geschlechts Bergung vor dem Winter und Fülle der Nahrung finden,
sondern auch im Menschen regt sich ein ähnlicher, doppelter Zug des
Heimwehes und der Wanderlust. Kaum giebt es ein Volk der Erde, in
welchem nicht, wie ein Jugendtraum noch die Kunde nachtönte von einem
Lande des gemeinsamen Ursprunges, von einer paradiesisch reichen,
früheren Heimath seines Geschlechts, und in welchem diese Kunde nicht
einen Zug des Heimwehs aufregte. -- Ein Berg war es, bewacht von
geisterhaften Mächten: der Goldberg Meru, von welchem, nach der Sage
der Inder, als von dem Wohnsitz der seligen Götter, der Ausgang des
Schaffens geschehen; die Kunde von diesem Paradiese, dessen ewige
Fülle von keinem Sturme bewegt ward, kleidete sich bei den Griechen
in die Sage vom Lande der Hyperboräer; ein letzter Nachklang der
alten Ueberlieferung war vielleicht selbst die Dichtung von der
Nibelungen Hort. Wie die Magnetnadel in den Gegenden, die ostwärts
dem physikalischen Erdpole liegen gen Westen, in denen die westwärts
gelegen sind gen Osten hinweiset: nach dem Punkte, von welchem ihr
lebendiges Bewegen ausgieng; so weiset uns ein altes Sehnen der Völker
in Osten, wie die Stimme des sterbenden Confucius, wie der Stern jener
Weisen des Morgenlandes nach Westen, während sich das Erwarten der
Bewohner des Westens gegen den Aufgang, als auf das Land der Erfüllung
hinwendet. Es ist dieses Heimweh des Menschen nach dem vormaligen,
paradiesisch schönen Wohnsitz seines Geschlechts zum Theil selbst ein
anregendes Element für die Wanderungen der Völker gewesen, welche im
Reiche des Sichtbaren vergeblich nach dem suchten, das nur in einem
Reiche des Höheren zu finden war. Und dennoch spiegelt sich ja immer,
auch im Sichtbaren und Niedreren, das Höhere, nicht mehr im Bereich
des Sichtbaren Liegende ab; es läßt sich wirklich, auch noch auf Erden
eine Stätte bezeichnen, welche auf den Namen des Ausgangspunktes der
Geschichte unsers Geschlechtes und der zunächst zu diesem gehörigen
organischen Natur einen Anspruch machen kann.
Seitdem ~Paul Tournefort~ auf seiner Reise nach den Morgenländern
an dem Ararat eine Welt im Kleinen kennen gelernt und beschrieben
hatte, in welcher sich auf engem Raume fast alle Hauptformen des
Pflanzenreiches beisammen finden: unten am Fuße des Berges die Gewächse
des wärmeren Asiens, höher hinauf die des mittleren Europas, näher
nach dem beschneiten Gipfel die Pflanzengeschlechter vom nördlichen
Schweden und Lappland, hatte sich hie und da bei den Naturforschern
die Vorstellung von einem, ich möchte sagen, Schöpfungsberge gebildet,
der vielleicht wie eine Insel aus dem Gewässer hervorragend, die
Stammformen der Geschlechter der organischen Wesen trug und hegte,
die sich nachmals im Verlaufe der Zeiten über alle Gegenden der Erde
ausbreiteten und fortpflanzten. Und in der That, an die von Tournefort
veranlaßte Vorstellung werden wir noch von einer ganz andern Seite
erinnert.
In dem Hochlande Armeniens, umgürtet und bewacht von der Wildniß,
welche hier erhabener ist und gewaltiger als an andern Orten der
Erde, liegt eine Gegend, auf die der Morgenglanz der Geschichte
unsres Geschlechts seine ersten erhellenden Strahlen wirft. Einsam
erhebt sich dort der Ararat über die Hochebene; ein Mittelpunkt des
größesten Länderstriches der Erde, welcher vom Südende von Africa bis
zum nordöstlichen Küstensaume von Asien reicht; ein Mittelpunkt des
Zuges der Wüsten, wie der Gewässer, deren Stromgebiete von seiner
Nachbarschaft aus nach allen Richtungen hin zu den Meeren und Seen im
Norden und Westen, in Süden und Osten sich hinabsenken[6]. Die hehre
Warte jenes Gebirges, das in seinen Umrissen einem Schiffe verglichen
wird, erscheinet noch jetzt den umwohnenden Völkern wie den Bewohnern
der westlichen Länder als eine Denksäule der großen Errettungen; als
eine Stätte des Ausruhens von dem Ungestüm der gewaltigen Wasser. Denn
hier, in dieser Gegend, war es, wo der übrig gelassene Sprosse eines
älteren, zertrümmerten Stammes unsres Geschlechts zuerst wieder Wurzeln
schlug; hier erbaute am Frühlingsmorgen des zweiten Weltentages Noah
jene Hütten, aus denen, wie aus einem gemeinsamen Quellpunkte, die
Ströme der Völker von neuem über die Länder der Erde sich ergossen.
Aber diese Gegend, in deren Thälern und Ebenen noch jetzt ein fast
beständiger Frühling seinen Sitz hat, ist nicht bloß die Zeugin des
einen, zweiten Frühlingsmorgens der Geschichte unsres Geschlechts
gewesen; sie war auch Zeugin nicht nur, sondern Theilhaberin an der
Herrlichkeit eines andern Tages, dem an äußerer Fülle und Lieblichkeit
kein andrer Tag der Erde gleich kam. Könnten diese Berge und Thäler mit
Worten von Dem zeugen, was einst in ihrer Mitte sich zugetragen, dann
würde ihre Stimme ein Lied der Schöpfung nachhallen, bei dessen Tönen
der Mensch einst zum Bewußtseyn seiner selbst und zum Anschauen Dessen
erwachte, der ihn erschuf. Denn hier, diese Hochebene an den Quellen
des Euphrat und Tigris, welche noch jetzt, vorzugsweise vor allen
andren Punkten der Erdfläche, als das vermuthliche Vaterland unsrer
Getreide- und Obstarten, wie der nützlichsten Hausthiere erscheint,
wird uns von der heiligen Urkunde als die erste Heimath unsres
Geschlechts; als die Stätte des Paradieses bezeichnet[7]. Noah, als er
aus den Schrecknissen der allverheerenden Fluth hieher entrann, hatte
seine Bergungsstätte nahe bei der Heimath der ersten Väter gefunden.
Und fürwahr, die Kräfte der frischesten Jugend der Menschennatur müssen
sich, ein und das andre Mal, hier, wie in den nachbarlich angränzenden
Ländern, in einer Stärke und Mächtigkeit geregt haben, wie kaum sonst
in andren Gegenden der Erde; hier ward namentlich ein Bauwerk des
Menschengeistes begründet, welches statt der Werksteine aus den Sternen
des Himmels zusammengefügt ist; denn noch jetzt verräth das älteste
System der Sternkunde durch die Anfügung seiner Elemente an die Grade
der Breite dieses Erdstriches, daß es von da seinen Ausgang genommen.
Riesenhaft groß und mächtig, dieß bezeugen selbst die wenigen übrig
gebliebenen Trümmer, muß aber auch alles Das gewesen seyn, was, bald
nach dem Beginn des zweiten, noachischen Weltentages, die Jugendzeit
der Völker, dort, auf dem Tummelplatz ihrer ersten Thaten, aus
irdischem Material erbaute. Das, was der spätgeborne Sohn des Westens
bei dem Anblick von Baalbeck empfindet, in dessen Ringmauern Werkstücke
von mehr denn sechzig Fuß Länge sich finden; das was er bei dem Anblick
von Palmyra fühlt, das ist dennoch, was die Größe und Macht der Massen
betrifft, nur ein schwacher Nachhall von Dem, was vormals in den
östlicher gelegenen Ländern bestanden.
Wie ein einsamer Wandrer strömt der Euphrat an den Schutthaufen
des alten Babylon, der Tigris an der Stätte vorüber, auf welcher
einst das mächtige Ninive drei Tagreisen weit sich ausbreitete;
statt der Menage der Städte die während ihres längst vergangenen
Jahrtausends in dem Gewässer jener Ströme sich spiegelten, wirft
jetzt die verödete, menschenleere Wüste ihren Schatten darein; nicht
ein Drittheil, nicht die Hälfte, sondern mehr denn neun Zehntheile
der Zahl der Seelen, die einst hier wohnte, und von Geschlecht zu
Geschlecht sich forterbte, sind von dem schweren Gericht der Zeiten,
das diesen reichen Erdstrich traf, ertödtet und hinweggeräumt worden;
zur Erde, in den Staub gefallen, sind die Sterne der irdischen
Größe, welche einst hier leuchteten. Sollte jener große König, der
im Gesichte der Nacht mit dem goldnen Haupte verglichen ward; jener
König, der auf dem Dache seiner Burg wandelnd, vor Hochmuth trunken,
sich des Anblickes »der großen Babel« freuete, »die er sich erbaut
hatte zu Ehren seiner Herrlichkeit«[8], sollte dieser jetzt auf dem
Trümmerhügel stehen, zu welchem seine Königsburg zusammengesunken
ist, und um sich schauen, wie würde es da vor Dem ihm grauen, das
einstmals seiner Augen Lust war. Den Lauf der langen, geraden Straßen,
die sich meilenweit in Osten, meilenweit in Westen, seitwärts vom
Strome des Euphrat, und eben so weit, seinem Laufe folgend, gegen
Norden und Süden ausdehnten, bezeichnen anjetzt nur noch jene wall-
oder rainartigen Schutthaufen, an deren Abhange sich die Schlange
sonnet; Nebucadnezars, des Weltbeherrschers Pallast, in dessen Sälen
Alexander, der Welterschütterer, starb, unterscheidet sich von den
andern Trümmerhaufen, die an der Ostseite des Stromes liegen, nur
durch seine bedeutendere Höhe und Ausdehnung; vergeblich suchet da
das Käuzlein ein aufrecht stehendes Gemäuer, in welchem es sich vor
dem blendenden Lichte des Tages verbergen könnte. Und wen sollte auch
die grauenvolle Zerstörung aller der Bauwerke, welche die Ostseite
der vormaligen Haupt- und Mutterstadt der Weltenreiche umfaßte, noch
befremden, wenn er die Zertrümmerung jener ungleich colossaleren
Werke der Menschenhand gesehen, die an der Westseite des Stromes
stunden. Von Bagdad herkommend, haben mehrere frühere Reisende jenen
Theil der Ruinen des alten Babylons, von denen wir jetzt reden, gar
nicht beachtet, denn sie liegen drei Stunden Weges vom Ufer des
Euphrat ab. Hier -- es war einst, nach der Beschreibung der Alten,
die Mitte der Stadt, stund, selbst noch in den Zeiten der genaueren
historischen Kunde, jener Birs Nimrud oder Thurm des Baal, welcher
in acht terassenartig sich absetzendem Stockwerken, deren unterstes
sechshundert Fuß im Durchmesser beherrschte, bis zur entsprechenden
Höhe von sechshundert Fußen sich erhob; es umfaßte dieser Thurm in
seinem mächtig weisen, unterem Ringe, den viereckten Tempel des Baal,
dessen Umfang zwölfhundert, die Länge jeder der einzelnen Säulen
dreihundert Fuß betrug; im Innersten des Tempels fand sich das vierzig
Fuß hohe güldene (wenigstens mit dichtem Goldblech überzogene) Bild des
babylonischen Gottes, für dessen unmittelbares, persönliches Annahen
die Kammer des obersten Stockwerkes erbaut war. Doch dieser Thurm,
den uns ~Strabo~ beschreibt, war selber nur ein Neubau, errichtet
über den Trümmern eines Thurmes zu Babel, von dessen ältestem Bau die
historische Kunde uns zwar kein Maaß der Fuße und Ellen, die heilige
Urkunde aber ein andeutendes Bild gegeben hat, das den Schatten seines
mächtigen Emporstrebens weithin über das Feld der Geschichte der
nachkommenden Geschlechter wirft. Noch jetzt ziehet der Trümmerberg,
der sich an der Stätte des denkwürdigen Gigantenwerkes emporthürmt,
von Allem was die Zeit, deren Zuname das Vergehen ist, von der alten
Babel übrig gelassen hat, das Auge des Wandrers am meisten an sich.
Er erscheint als eine terassenartig emporsteigende Anhöhe, die zu
unterst aus einem Schuttwerk von alten Bausteinen bestehet, welche,
nach ~Ker-Porters~ Beschreibung und Ausdruck[9], wie durch ein
Feuer vom Himmel, wie durch Blitze verglast sind, und vielleicht,
daß dieser unterste Hügel der zerschmetterte Leichnam jenes ältesten
Thurmes zu Babel ist, der sich die Höhe des Höchsten zum Endziel seines
jugendlich übermüthigen Emporstrebens erlesen hatte. Oben auf der Mitte
des Trümmerhügels giebt noch jetzt ein kunstreiches Gemäuer, aus den
Zeiten der späteren assyrisch-babylonischen Weltherrschaft den wilden
Thieren, welche in unsern Tagen die wüste Stätte des gesunkenen Thrones
beherrschen, einen notdürftigen Schatten; ~Ker-Porter~ sahe bei
einem seiner Besuche des Birs Nimrud zwei Löwen neben jenem Gemäuer
stehen, welche erst bei dem lauten Geschrei, das seine arabischen
Begleiter erhuben, sich entfernten.
Daß von Ninive, daß von der noch gewaltigeren Babel, deren Stadtmauern,
ehe Darius Hystaspes sie erniedrigte, nach ~Herodots~ Angabe
350 Fuß hoch waren, fast gar nichts übrig geblieben als häßliche
Schutthaufen, das darf uns nicht befremden. Das Material aus welchem
zum größeren Theil jene uralten Städte erbaut waren, konnte ihnen keine
lange Ausdauer sichern: es bestund aus Backsteinen, geformt aus dem
feinen Thon der Euphratebene, verbunden mit Asphalt aus Is am Euphrat
und mit Rohrlagen. Auch bei solchen Menschenwerken wird erkannt, daß
der Anfang zwar von einem Antriebe ausgehe, der, im Vergleich mit jenem
der den Fortgang bewirkt, von überwiegend mächtigerer geistiger Natur
ist, daß aber die leibliche Basis mit welcher dieser Antrieb sich
überkleidet, wie bei der Blüthe des Baumes eine leichter vergängliche
sey, während später, nach dem Vergehen der Fülle der Blüthen die
Früchte, sparsamer an Zahl und langsamer, zugleich aber auch in
dauerhafterer Form heranwachsen. Uebrigens konnte auch Babylon, außer
der Euphratsbrücke noch manche andre Bauwerke aus festerem Gestein
umfaßt haben, deren Trümmer ein später bauendes Geschlecht von ihrer
anfänglichen Stätte hinwegführte; denn aus den Ruinen jener alten
Herrscherstadt haben[10], außer den vielen kleineren, drei namhafte
Städte des späteren Altertums sich erbaut und ausgestattet: Seleucia
der Griechen, Ktesiphon der Parther und Al-Maidan der Perser.
Siegreicher sind aus dem Kampfe mit den Verheerungen der Zeiten
jene Werke der verständig und künstlich bauenden Menschenhand
hervorgegangen, welche vormals um einen zweiten Thron der irdischen
Herrlichkeit versammelt waren: um jenen, den das Geschlecht des Chus
im Nilthale begründete; in dem Thale das so reich begabt ist mit allen
Lieblichkeiten, mit aller Fülle und Kraft der Natur. Der Geist des
Menschen hat hier, an der Gränze der Wüste, welche den beständigen
Schlaf des Todes schläft, Denkmale seines lebendigen Bewegens
hinterlassen, die noch jetzt in dem sie Betrachtenden eine lebendige
Bewegung der Theilnahme erwecken, an einem irre gegangenen Sehnen der
Menschenseele, welches das Leben, das ohne Ende ist, da gesucht hatte
wo dasselbe nie gefunden wird: bei den Gebeinen der Todten. Riesenhaft
mächtig dann, wie das ungestillte Sehnen des Menschengeistes, erheben
sich jene Pyramiden, neben deren fast unzerstörbar festem Gebäu schon
weit mehr denn hundert Geschlechter den Menschen geboren wurden und
sich niederlegten zur langen Ruhe des Grabes. Auch die Ruinen der alten
Königsstadt Theben, welche noch jetzt einen Umkreis von neun Stunden
Weges erfüllen, tragen eine Beachtung erweckende Macht in sich, die
mehr in der Bewegung des Suchens, als in der befriedigten Ruhe des
Findens oder Gefundenhabens ihren Grund hat. Denn wenn der Geist des
Wanderers jene Memnonskolosse »Tama« und »Chama«[11], welche hoch über
den Akazienwald des alten thebanischen Gefildes hervorragen; wenn er
jene riesenhaften Sphinxe, deren Reihen zwischen Luksor und Karnack
eine weithin laufende Allee bilden[12]; wenn er die Bildwerke der
Tempel und Grabgewölbe des alten Aegyptens fraget: »wohin schauet euer
Auge so unverwandt?« -- Da antworten jene: »wir sehen des Lebens Ende,
wir schauen den Tod an.« -- Wenn dann der Geist des Wandrers weiter
fragt: »was suchet ihr bei dem Tode?« -- Da sprechen jene »wir suchen
bei ihm die Lösung des Räthsels, das in der Brust des Menschen stehet.«
-- »Und wie heißt das Räthsel?« -- »Es heißet Ewigkeit.« -- »Habt ihr
bei dem Schweigen der Gräber die Lösung gefunden?« -- »Der Staub, den
gestern der Wind verwehte, sagte zu uns, ich kenne sie nicht; der
Splitter des Todtengebeines, dem unsre Kunst Ewigkeit zu geben wähnte
und mit welchem nun die Hand des spätgebornen Fremdlings ihr Spiel
treibt, sprach: ich weiß nicht was ewig ist.«
Wir haben erst einen Theil der Fernansicht jenes Landes des Ausganges
der Geschichte unsres Geschlechts betrachtet, von welchem damals,
als zum zweiten Male die Frage: »wohin willst du?« in mir laut
wurde, die Antwort sprach. Näher als alle Herrlichkeiten und Werke
der schaffenden Menschenhand lagen damals dem Jüngling jene noch
unvergänglicheren Herrlichkeiten und Werke, welche der bedenkende,
schaffende Geist namentlich bei dem Volke der Griechen und Römer
geweckt und zur Vollendung gebracht hat. Ninive's Stätte und
Nebucadnezars Königspallast konnten keinen so anziehenden Reiz für mich
haben, als Homers liebliches Vaterland, als der hohe Ida und Troja's
verödete Küste. Jene Lehren uralter Weisheit welche man einst in
Aegyptens Tempeln vernahm, oder welche die chaldäische Sternkunde auf
Babylons künstlich bereitete Steine schrieb, mögen allerdings hehren,
reichen Inhaltes gewesen seyn; näher aber und vertrauter sind dem nach
Erleuchtung verlangenden Geiste jene offenkundigen Lehren, welche die
Weisen von Athen nicht im verschlossenen Innern der Tempelgewölbe,
sondern hier im Schatten der Platane, dort beim freundschaftlichen
Mahle und selbst mitten im Geräusch der öffentlichen Volksversammlungen
Jedem, der offnen Sinnes für ihre Worte war, verkündeten. Das
Andenken an Ninus und Semiramis ausgedehnte Herrschergewalt, oder
an Nebucadnezars stolze Macht, konnte mich nicht so rühren, als die
Beschreibung von des alten Roms Einfalt der Sitten und innerer Kraft;
die Ufer von Salamis und Marathons Gefilde können es bezeugen, wie
weit überlegen die eigne durch ernstes Streben erworbene Kraft des
Armes jener Macht sey, welche der im Purpur erwachsene Despot des
Morgenlandes durch die Menge der bei der Geburt ihm zugefallenen Arme
der Sklaven empfieng.
Ueberhaupt zog mich namentlich zu den Griechen und Römern nicht bloß
die Verwandtschaft der äußern Form und der innern Richtung mit der
meines eignen Volkes hin, sondern ein jugendliches Wohlgefallen an
jener jugendlich selbstthätigen Kraft, die sich, wie der Adler des
Fluges, so der Arbeit und des Sieges über das feindlich hemmende und
beschränkende Element freut. Denn während die vormals herrschenden
Völker am Euphrat wie am Nil zunächst nur des Genusses und Besitzes
jener Güter pflegten, in deren Fülle, wie in einem wohlgesicherten
väterlichen Erbtheil, sie geboren waren, mußten und wollten die
Völker des Westens mit der Mühe der Hand das Eigenthum sich erwerben.
Dem Westen und höherem Norden, wohin diese kräftigen, unter sich
nahe verwandten Völker sich ausbreiteten, konnte auch äußerlich der
fruchtbringende Boden nur im männlichen Kampfe des Armes mit den
schwer durchdringlichen Waldungen und mit den wilden Thieren in ihrem
Innren abgewonnen und durch immer sich wieder erneuernde Arbeit im
Bau erhalten werden. Hier giebt es keine Palmen, die dem Schläfer
unter ihrem Obdache ihre Früchte fast mühelos darreichen; selbst den
Sprößling des Obstbaumes und den Saamen des Getraides mußten die
Völker, welche hier ihre Wohnstätten aufschlugen, mit sich aus der
alten Heimath des Ostens herüberbringen. Wie das edle Metall des
Nordens und das nützliche Eisen ist da Alles als ein Keim, welcher der
Menschenthat zu seiner Belebung bedarf, im Boden verschlossen, oder muß
durch den rüstigen Arm, mit Jagdspieß, Bogen und Fischernetz erbeutet
werden. Selbst in dem Gebiet des Wissens betrat das kräftige Volk
des Westens, durch eigne Wahl, zuerst die Bahn eines selbstständigen
Forschens; die Güter jener Tempelweisheit, welche den Völkern des
Ostens ohne ihr Zuthun, als ein ererbtes Gut aus dem Mund und der Hand
der Väter gekommen waren, diese verarbeiteten sich namentlich die
Griechen durch eignes Sinnen und geistiges Bemühen; so zeigte sich in
jeder Hinsicht der Stamm der Völker, welcher im Westen des mittlern
Asiens und diesseits des Bosporus und des Archipelagus herrschte,
neben jenem, der auf Sinears und Aegyptens üppigem Boden wurzelte
und waltete, wie ein kräftig männliches Geschlecht, neben dem minder
kräftigen, nicht männlichen.
Die heilige Urkunde nennt uns drei Hauptstämme des nun auf
Erden angesiedelten Geschlechtes der Menschen, welche, nach der
allverheerenden Fluth, in das Geschäft der Besitznahme und des
Wiederanbaues der Länder sich theilten, und in der That sind es drei
verschiedene Richtungen des Bewegens und der äußren Gestaltung, in
welche, von frühester Zeit an, die Masse der Völker sich scheidet.
Wir betrachten zuerst jene Verschiedenheit, welche die innerste Wurzel
der Menschennatur angehet: die Kraft und Aeußerung des Denkens und
Erkennens. Daß der Mensch nicht ursprünglich, so wie er aus der Hand
seines Schöpfers hervorgieng, ein Thier, mit Anlage zur Vernunft,
sondern umgekehrt ein vernünftiges, denkendes Wesen, mit Anlage zur
Thierheit gewesen sey, das beweist uns jeder vergleichende Blick auf
die älteste wie neuere Entwicklungsgeschichte unsres Geschlechts. Der
Mensch war ein Denkender und Sinnender, weil er ein Sprechender war;
der Geist des Erkennens, der Geist aus Gott, wodurch er von dem Thier
sich unterschied, war das Wort, war die Sprache. Daß diese nicht von
niederem, thierischen Anfange, sondern höheren, geistigeren Ursprunges
sey, das bezeugt uns die Betrachtung der ältesten bekannten Sprachen;
die tiefe Vielsinnigkeit ihrer Worte, die Kraft ihres Ausdruckes. Wie
die Pyramiden Aegyptens und die Herrlichkeit des alten Thebens zu
den bequemen, aber keineswegs großartigen Bauwerken einer modernen
Gewerbstadt, verhalten sich die uns bekannten Sprachen des ältern
Orients und die des klassischen Alterthums der Griechen und Römer zu
den jetzt lebenden, sogenannt gebildeteren Sprachen. Mit Recht hat man
gesagt, daß allein in der vielseitigen Bedeutung und Zusammenfügung
der Worte der hebräischen und samscretamischen Sprache ein ganzes
System der Philosophie verborgen liege. Daß in jenen frühesten
Menschenaltern, von denen die historische Kunde weiß, nicht ein
halbthierischer Instinkt die Bauwerke am Euphrat und am Nil, wie am
Ganges hervorgebracht habe, sondern ein tief bedenkender Verstand, das
zeigen uns die Nebengebäude der geistigen Art, die bei jenen steinernen
bestunden: die Sternkunde der alten Chaldäer, wie der Aegypter und
Inder.
Während die Wissenschaft bei den Völkern aus dem Stamme Japhets, wie
wir oben sahen, zwar als das Erzeugniß einer höheren Begeisterung,
zugleich aber als ein Werk des einzelnen Menschen erscheint, und
Allen zugänglich ist, nennt uns die Tempelweisheit der Völker des
Ostens aus den Geschlechtern des Sem und des Cham keine einzelnen,
menschlichen Erfinder ihrer geistigen Werke, sondern sie spricht nur
von einem höheren, göttlichen Ursprung derselben; die Verwaltung der
Güter des höheren Wissens ist zunächst in die Hände eines einzelnen
Standes: des Standes der Priester gelegt. Doch eben hiebei zeigt sich
ein neuer, bedeutender Unterschied zischen dem erwählten Saamen aus
dem Stamme Sems und den Völkern aus Chams Geschlecht. Das Haus des
Sem blieb fortwährend auf dem festen Grunde des höheren, geistigen
Anfanges erbaut; nicht bloß die eigne Aussage, sondern die That und
Kraft seiner Geschichte bezeuget es, daß dasselbe wie ein Kind und Erbe
in fortwährender, lebendiger Verbindung mit den Kräften des ewigen,
väterlichen Ursprunges blieb. Wie eine Felsenwarte, aus deren Ruhesitz
die Quellen des Thales hervorbrechen und deren Gipfel dem Wandrer der
Wüste zum Richtpunkt des Weges dienet, stehet Sems friedliche Hütte
mitten in dem mühevollen Treiben der Urgeschichte der andern Völker
da; Sems Geschlecht wußte in der That von einer andren höheren Lust zu
zeugen[13] als von der Lust der Sinnen. Dagegen war in Chams Völkern,
so wie diese im Spiegel der Urkunde und Geschichte uns erscheinen, von
Grund aus eine andre innere Richtung, welche vorherrschend auf den
Genuß und Besitz Dessen hingieng, das die Sinne ergötzt und was der
leiblichen Natur des Menschen herrlich und groß erscheint. Dieser innre
Zug führet notwendig zur Abhängigkeit unsres Wesens von der Lust und
dem Bedürfniß der Sinnen, und wie sich aus dem Schooß der Sklaverei und
neben dieser stets die Herrschsucht entfaltet, so wird jene Richtung
mittelbar eine Begründerin der Weltenreiche und ihrer Eitelkeit. Ihr
entsprechend und sie begünstigend ist dann auch die Wahl des äußern
Wohnortes gewesen. Denn wenn irgend eine Gegend der Erde geeignet
erschien den Zug nach dem Besitzen und Genießen der Herrlichkeit der
Welt auf sich hinzulenken, so war dieß jene, die hinabwärts am Euphrat
und Tigris und hinanwärts am Nil sich ausbreitet. Hier aber, wie bald
nachher am Ganges, schlug vor allem Chams Geschlecht seine Wurzeln;
Nimrod, der Sohn Chus, des Sohnes Chams, so erzählt uns die heilige
Urkunde hatte in Sinear (Babylonien) das erste Weltenreich begründet,
während Mizraim, Chams Sohn, Aegypten zur Stätte seiner Herrschermacht
erkohr.
An dem einzelnen Menschen wie in der Geschichte ganzer Völker wird es
erkannt, daß die Kräfte unsrer Natur in der Gluth des Sehnens nach dem
nahe liegenden Sinnlichen am frühesten reifen; am frühesten zu einem
Zustand der äußern Vollendung und der raschen Beweglichkeit nach dem
Ziele jenes Sehnens gelangen. Dieses frühe Reifen zu einer vollendeten
Form der Staaten und einem Gipfelpunkt der Herrschergewalt zeigte
sich namentlich auch bei den Völkern aus dem Geschlechte Chams. Denn
diese waren es, wie wir eben gesehen, welche mitten in der Fülle des
irdischen Paradieses in Mesopotamien und am Nil, jene vorhin erwähnten
Bauwerke errichteten, welche, noch in ihren Trümmern, nicht minder von
der Geschicklichkeit der bauenden Hände als von der unumschränkten
Gewalt der Herrscher zeugen. Sie waren es auch, welche zuerst von
Phöniziens Küste aus, weithin über das gefahrvolle Meer den Gang nach
der Herrlichkeit und den Schätzen der weiter abgelegenen Länder wagten.
Wie viel langsamer und später, und dennoch dann wie viel kräftiger
und selbst mächtiger entwickelte sich der Keim, der in Japhets hartem
Geschlechte lag, das die Ströme seiner Völker über die Länder des
Westens und Nordens ergoß. Es hatte dieses Geschlecht die Kräfte
eines doppelten Segens mit sich aus dem gemeinsamen Hause der Väter
genommen: den der weitern Verbreitung über das freie, dem Scepter
der Weltenreiche des Cham nicht unterworfene Land der Erde und
jenen der einstigen Wiederkehr zu Sems friedlichen Hütten. Die Kraft
des letzteren Segens war es, welche Japhets Geschlecht auf dem
labyrinthischen Wege seiner Mühen einen Faden der Ariadne in die Hand
gab: einen Zug des Heimwehes nach der Ruhe im Vaterhause, der zuletzt
aus dem Kampfe der Schwerter zum Frieden, aus dem Dunkel des ungewissen
Sehnens zum Licht führte.
Die nordische Edda giebt uns in einer ihrer Sagen, in der von
~Gangler~, dem weitgereisten Könige, ein treues Abbild jenes
Geschlechtes der vielgeschäftigen Männer: des Geschlechtes Japhets
welches Freude hatte an dem Gedeihen des selbstgepflanzten Keimes und
an dem Genießen der selbsterbeuteten Lust, und welches deshalb in der
Wissenschaft, die es sich selbst neu erschuf, wie im Leben von der That
des Armes wie des Geistes sich nährte. Gangler, der königliche Wandrer,
war aus der Ferne hergekommen, zu forschen nach der Weisheit Urstätte;
nach des Werdens verborgenem Anfang und Ende. Gefunden hat er endlich
den Ort, von dem eine dunkle Kunde ihm sprach; die sichtbare Vorhalle,
da das Göttliche dem Menschlichen sich nahet. Das Thor der mächtigen
Burg ist ihm aufgethan; aus ihren Sälen vernimmt er die lauten Stimmen
vieler Sprechenden, ein Getös der Waffen. Er tritt in den ersten Saal
aus dem das Tönen der sprechenden Stimmen kam und findet ihn leer;
die Sprechenden, er hört dies deutlich, sind im angränzenden Saale.
Er kommt in diesen, aber auch da ist wieder Alles stumm und leer. So
zieht er, im vergeblichen Suchen nach dem Anblicke der Redenden, dem
Laute nach, durch manchen der Säle, bis er näher nach dem Innern der
Burg gelangt, vor sich Schaaren der spielenden Helden erblickt, welche
sich vergnügen an dem Emporwerfen und Wiederauffangen der spitzigen,
scharfen Schwerter. Durch die Tausende der stürzenden Schwerter, welche
so dicht fallen als Flocken des Schnees, gehet sein Weg hin; er wandelt
ihn furchtlos. Da öffnet sich ihm die Thüre zum innersten Gemach. Hier
ist Frieden und Stille; das Getös der Stimmen wie der Waffen wird nicht
mehr gehört; auf dem Throne sitzen, von ruhigem Lichte beleuchtet,
jene Drei, welche jetzt Drei dann wieder Einer sind: Har, Jafnhar und
Tredie; hier vernimmt der Forschende das Geheimniß des Seyns und der
Schöpfung Kunde; hier findet er das ersehnte Ziel des langen, vielfach
irrenden Wanderns.
Seit jenem Frühlingstage am stillen See, da in mir die Wanderlust
nach der Heimath im höheren Sinne: nach den Stätten des Ausganges der
Geschichte unsres Geschlechts so mächtig erwachte, war mehr denn ein
Jahrzehend vergangen; die Zeit des Lebens war von der Morgenstunde
hinweg, dem Mittage näher gerückt. Mir, wie vielen Andren aus Japhets
Geschlecht, war das geschehen was uns die Sage von Gangler im Abbilde
darstellt. Wir suchten weit herum im Lande nach einer Weisheit, an
deren Fülle der Geist ein Ausruhen und Frieden finden könnte, und siehe
ein Ende des Weges -- es war wie ein Gemäuer, das uns nicht weiter
ließ -- schien erreicht. Da hörten wir ein Gerede vieler Stimmen; wir
giengen dem Gerede nach, denn durch die Vielen, so wähnten wir, konnte
man vielleicht die sichre Kunde vernehmen von dem was wir suchten.
Aber das Gerede der Vielen, wenn wir näher traten, zerstob in ein
leeres Nichts, auch das Gedräng der Noth, wenn es gleich den spitzen
Schwertern der Kämpfer, in Ganglers Sage, dicht wie Schneeflocken auf
uns herabfiel konnte nichts Andres als unsre Schritte nach dem Ort des
Friedens und des sichern Ausruhens beschleunigen. Endlich fand sich
das, was wir suchten, in der stillen Kammer, die jenseit des Lärmens
der vielen Stimmen wie der Waffen, im Innersten des Hauses lag.
Ein Räthsel war mir auf dem Wege den mein Sehnen nach den Stätten
des Aufganges, mein Wandeln über das Feld der Geschichte unsres
Geschlechtes nahm, aufgefallen, davon hätte ich die Lösung gerne
gewußt; das Räthsel wie doch das, was durch eignen, inwohnenden Zug
seiner Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken
war, ganz seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen
konnte. Denn wenn aus der Mitte der Menschenzeiten jenes äußerlich so
unscheinbare Ereigniß hinwegfiele, das einst in Bethlehem, in Jerusalem
statt gefunden, was wäre dann aus der innern Verwesung geworden, in
welche die herrschende Welt der Heiden mit all ihrer äußern Bildung und
Herrlichkeit am Ende des zweiten Weltentages versunken war? Giebt es
auch wohl unter den Heilmitteln unsrer Menschenweisheit eines, welches
kräftig genug wäre das Todte, das schon so weit von der Fäulniß eines
allgemeinen Verderbens ergriffen war, wieder zu erwecken und dasselbe
zur Jugendfrische und Gesundheit zurück zu führen?
Vor diesem Räthsel stund ich noch sinnend, da kam die Stunde, da
zum dritten Male in meinem Leben in meinem Innren die Frage gefragt
und beantwortet wurde: ~wohin willst du~? Es ist diesmal nicht
zunächst von einem äußren, sondern von einem innren Ereigniß die Rede,
welches der wörtlichen Erzählung sich entziehet; ich gebe deshalb,
statt eines äußerlich thatsächlichen Berichtes von der Geschichte
jener Stunde, ein Bild der innren Gestalt derselben, wie dieses in dem
Spiegel eines Vergleiches sich darstellt; eines Vergleiches der jedoch
Vielen von Denen, welche mit mir die Geschichte jener Tage erlebten,
aus denen ich Ein einzelnes Moment hervorhebe, leicht verständlich seyn
wird.
Es war eine Nacht -- ich meine die dunkelste meines Lebens; -- der
Himmel war mit Gewitterwolken bedeckt; mit dem Laut des Donners
vermischte sich ein Rasseln in der Luft, wie das des nahenden Hagels;
Blitze zuckten von allen Seiten hervor; kehrte der Wandrer, von dem
Leuchten, das aus Osten kam, gescheucht, sich zurück nach Westen,
da schreckte ihn eine andre stärkere Flamme, die aus dem Westen
hervorbrach; hinter der Gefahr, die aus Norden drohete, machte sich
unverzüglich die andre auf, die von Süden ausgieng. Das arme Land war
damals[14] von den Kriegsvölkern eines äußern Feindes zertreten; der
Weinberg, wo man sonst, wenn etwa die Stadt ein Gedräng der Noth traf,
eine Stätte der Bergung und der Sicherheit gefunden, war von innren
Feinden -- von den Weingärtnern selber[15] -- verwüstet; er war zu
einem Anblick des Entsetzens und des Eckels geworden[16]. Ich suchte,
getrieben von innrer Angst, nach einem Obdach; nach einer Lagerstätte
in der späten Nacht, denn mein ganzes Haupt war krank, das ganze Herz
war matt. »Da kam ich an einen Ort, der einem Häuslein im Weinberge,
einer Nachthütte im Kürbisgarten«[17] glich. Ich hörte da die Stimme
eines Rufenden, welche zu Dem sprach, Der da hält Bund und Gnade Denen
die Ihn lieben und die seine Gebote halten[18], eine Stimme welche die
Schuld der Weingärtner und des ganzen Volkes bekannte, das sich zur
Feindschaft seines eigenen väterlichen Erbes und des heiligen Berges
verkehrt hatte. Mitten unter den Tönen der Stimme des Rufenden hörte
man die eines Kampfes, welchen Einer, der von Natur schwach war, mit
dem Starken zu kämpfen wagte. Und siehe, jener siegte über den Starken,
als er, statt der eignen Waffe, die Waffe des Starken erfaßte, welche
dieser ihm willig abtrat, weil der Kampf ein Kampf des Liebenden mit
dem Geliebten war[19].
Ich trat hinein in die Nachthütte des Kürbisgartens und fand da eine
vom Feinde noch unbesiegte, »übrig gelassene« Stätte[20] des Ausruhens.
Hier war ein festes Obdach gegen den niederstürzenden Hagel; das Zucken
der Blitze leuchtete nicht hinein; der Donner war jenseits der Berge
verstummt. In mir war es, durch die Stimme des Rufenden, mehr aber noch
durch die Nähe Dessen, mit dem der Rufende den Kampf des geistigen
Sehnens gekämpft hatte, Friede geworden; eine Stunde der Ruhe war
gekommen, wie ich sie seit Langem nicht genossen. Der Morgen leuchtete
herein; sein Strahl fiel gerade auf das Bild jenes großen Ereignisses,
das in Bethlehem, das in Jerusalem statt gefunden, und siehe, der
Augenblick war vorhanden, da ich an und in mir selber die Lösung des
Räthsels erfuhr: wie das Herz das durch eigenen, inwohnenden Zug seiner
Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken war, ganz
seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen könne.
Das »kranke Haupt« war eben noch geneigt; von dem Ausruhen gestärkt
richtete es sich jetzt empor; siehe da war mirs als vernähm ich zum
dritten Mal in meinem Leben die Frage: wo willst du hin? und die
Antwort war fast eine ähnliche als sie würde gewesen seyn, wenn jemand
in meiner Kindheit, im Hause der Eltern mich so gefragt hätte. »Wo
sollte ich hingehen,« so lautete sie jetzt, »was ich gesucht das hab'
ich nun.« Die Ruhe in der sichern, stillen Stätte that wohl; sie diente
zur Stärkung und Bekräftigung des Hauptes wie der Glieder.
Der Herr des Weinberges, bei welchem es mir vergönnt war meine Hütte
zu bewohnen, hatte mich indeß zu dem Geschäft eines Boten bestellt,
welcher gebraucht ward um etwa da und dort ein Gewürzkraut der Berge,
einen Stein zum Bauen oder auch Blumen zur Erquickung und Belehrung
der Kinder des Hauses herbei zu holen. Wenn ich dann in der Stunde des
frühen Morgens, da der Thau auf dem Felde lag, oder am späten Abend
über Berg und Heide gieng, da war ich fröhlich, denn ich wußte, mein
Gang sey nach Seinem Geheiß. Oefter wurde es mir auch freigestellt,
in der Nähe oder in der Ferne den Ort selber zum Ziel meines Weges
zu erwählen, wo ich den heilsamen Enzian oder die balsamische Lilie
des Thales reichlicher zu finden meinte. Und so geschah mir es auch
jüngsthin da ich rufend in meiner Hütte stund und darüber nachsann
wohin der etwa weitere Gang am meisten sich lohnen möchte, daß ich
abermals gefragt wurde: wohin willst du? Da erwachte auf einmal wieder
-- und er durfte dieses -- in seiner ganzem Macht und ersten Richtung
der alte Trieb zum Wandern und die Antwort auf die Frage lautete
diesmal wieder ähnlich jener, die mein wanderlustiger Sinn in der Zeit
des Jünglingsalters auf dieselbe Frage gab: »Ich will mich aufmachen
nach der Stätte des Aufganges und der Geburt, nicht des Lebens des
Einzelnen, sondern des Lebens Aller, damit ich beim Sammlen der
Gewürzkräuter, wenigstens in der lebendigen Erinnerung an das, was hier
geschehen, die Kräfte des Sehens mit eignen Augen, des Berührens mit
eignen Händen erfahre.«
Das Ziel der Pilgerreise, die auf diese Weise doch noch, nachdem der
Keim des Vorsatzes so lange im Boden verborgen gelegen, zur Ausführung
kam, habe ich bereits bezeichnet. -- Es war ein kleiner, armer Fleck
der Erde, bewohnt von einem durch eigne Schuld sehr verachtetem Volke,
wo es der ewigen Weisheit gefiel den Grundstein zu einem geistigen
Gebäu zu legen, welches das wahrhaft erlangte, was jener alte Thurmbau
zu Babel in seinem Uebermuth vergeblich erstrebte: ein Hinansteigen
des Irdischen und Menschlichen zu dem Himmlischen und Ewigen. Das
was etwa ein Wandrer, der mit »Ganglers« Sehnen, weit über Länder
und Meere nach dem Lande der großen Verheißungen und ihrer Erfüllung
kam, dort findet, das sind freilich keine Pyramiden Aegyptens, es
sind keine Tempelhallen oder Königsgräber von Theben, sondern es ist
da nur ein verödetes Erdreich, benetzt von den Thränen der Tausende,
welche hier nicht eine Stätte der großen Menschenwerke, sondern der
Wunderthaten Gottes begrüßten. Aber es ruhet noch eine besondre Kraft
in diesen verödeten Steinen, in dem Anblick dieser Höhen und Thäler;
eine Kraft, welche, wie Elisa's Gebein den Todten, den man darauf
hinwarf, so die Erinnerungen zum Leben erweckt, wenn sie auch fast
erkaltet und todt im Herzen schliefen. Wer hat nicht erfahren, welches
neue kräftige Leben der Anblick der Gräber oder der Wohnstätte der
längst verstorbenen Eltern den Gefühlen der dankbaren, kindlichen Liebe
gab, wenn er einmal, nach langem Verweilen in der Fremde die Heimath
wieder besuchte. Und in der That, das was in den Thälern und auf den
Höhen Judäa's sich bezeugte, das war ja mehr als Vatertreue, mehr als
Mutterliebe. Darum möge man auch dem alten Wandersmann, der in den
nachfolgenden Blättern seine Reise nach den Ländern des Aufganges
beschreiben will, es zu gute halten, wenn er nicht bloß manches
äußerlich unscheinbare Blümlein, sondern selbst die dürren Grashälmchen
und Keime an seinem Wege je zuweilen in dem rosenfarbenen Lichte einer
sich selber nicht mehr beherrschenden Liebe betrachtet; in dem Lichte
das über jenem Frühlingstage seiner Jugend leuchtete, an welchem, wie
er vorhin erzählte, der so spät zur Ausführung und Reife gekommene
Gedanke zu dieser Reise zuerst, im Innren, zu keimen anfieng.