2. Abweichungen in bezug auf das Sexualziel.

Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien in dem als

Begattung bezeichneten Akte, der zur Lösung der sexuellen Spannung und

zum zeitweiligen Erlöschen des Sexualtriebes führt (Befriedigung analog

der Sättigung beim Hunger). Doch sind bereits am normalsten

Sexualvorgang jene Ansätze kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen

führt, die man als _Perversionen_ beschrieben hat. Es werden nämlich

gewisse intermediäre (auf dem Wege zur Begattung liegende) Beziehungen

zum Sexualobjekt, wie das Betasten und Beschauen desselben, als

vorläufige Sexualziele anerkannt. Diese Betätigungen sind einerseits

selbst mit Lust verbunden, anderseits steigern sie die Erregung, welche

bis zur Erreichung des endgültigen Sexualzieles andauern soll. Eine

bestimmte dieser Berührungen, die der beiderseitigen Lippenschleimhaut,

hat ferner als Kuß bei vielen Völkern (die höchstzivilisierten darunter)

einen hohen sexuellen Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht

kommenden Körperteile nicht dem Geschlechtsapparat angehören, sondern

den Eingang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente

gegeben, welche die Perversionen an das normale Sexualleben anknüpfen

lassen und auch zur Einteilung derselben verwendbar sind. Die

Perversionen sind entweder a) anatomische _Überschreitungen_ der für die

geschlechtliche Vereinigung bestimmten Körpergebiete oder b)

_Verweilungen_ bei den intermediären Relationen zum Sexualobjekt, die

normalerweise auf dem Wege zum endgültigen Sexualziel rasch

durchschritten werden sollen.

a) Anatomische Überschreitungen.

Überschätzung des Sexualobjekts.

Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt als Wunschziel des

Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in den seltensten Fällen

auf dessen Genitalien, sondern greift auf den ganzen Körper desselben

über und hat die Tendenz, alle vom Sexualobjekt ausgehenden Sensationen

mit einzubeziehen. Die gleiche Überschätzung strahlt auf das psychische

Gebiet aus und zeigt sich als logische Verblendung (Urteilsschwäche)

angesichts der seelischen Leistungen und Vollkommenheiten des

Sexualobjektes sowie als gläubige Gefügigkeit gegen die von letzterem

ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der Liebe wird so zu einer

wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der Autorität(14).

(14) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die gläubige Gefügigkeit

der Hypnotisierten gegen ihren Hypnotiseur zu erinnern, welche mich

vermuten läßt, daß das Wesen der Hypnose in die unbewußte Fixierung

der Libido auf die Person des Hypnotiseurs (vermittels der

masochistischen Komponente des Sexualtriebes) zu verlegen ist.

S. _Ferenczi_ hat diesen Charakter der Suggerierbarkeit mit dem

»Elternkomplex« verknüpft. (Jahrbuch für psychoanalytische und

psychopathologische Forschungen. I. 1909.)

Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der Einschränkung

des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigentlichen Genitalien so

schlecht verträgt und Vornahmen an anderen Körperteilen zu Sexualzielen

erheben hilft(15).

(15) Es ist indes zu bemerken, daß die Sexualüberschätzung nicht bei

allen Mechanismen der Objektwahl ausgebildet wird, und daß wir

späterhin eine andere und direktere Erklärung für die sexuelle Rolle

der anderen Körperteile kennen lernen werden. Das Moment des

»Reizhungers«, das von _Hoche_ und J. _Bloch_ zur Erklärung des

Übergreifens von sexuellem Interesse auf andere Körperteile als die

Genitalien herangezogen wird, scheint mir diese Bedeutung nicht zu

verdienen. Die verschiedenen Wege, auf denen die Libido wandelt,

verhalten sich zueinander von Anfang an wie kommunizierende Röhren,

und man muß dem Phänomen der Kollateralströmung Rechnung tragen.

Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich am ehesten

beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der Erforschung

zugänglich geworden ist, während das des Weibes zum Teil infolge der

Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch die konventionelle

Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der Frauen in ein noch

undurchdringliches Dunkel gehüllt ist(16).

(16) Das Weib läßt in typischen Fällen eine »Sexualüberschätzung« des

Mannes vermissen, versäumt dieselbe aber fast niemals gegen das von

ihr geborene Kind.

* * * * *

Sexuelle Verwendung der Lippen-Mundschleimhaut.

Die Verwendung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion, wenn die

Lippen (Zunge) der einen Person mit den Genitalien der anderen in

Berührung gebracht werden, nicht aber, wenn beider Teile

Lippenschleimhäute einander berühren. In letzterer Ausnahme liegt die

Anknüpfung ans Normale. Wer die anderen wohl seit den Urzeiten der

Menschheit gebräuchlichen Praktiken als Perversionen verabscheut, der

gibt dabei einem deutlichen _Ekelgefühl_ nach, welches ihn vor der

Annahme eines solchen Sexualzieles schützt. Die Grenze dieses Ekels ist

aber häufig rein konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines

schönen Mädchens küßt, wird vielleicht das Zahnbürstchen desselben nur

mit Ekel gebrauchen können, wenngleich kein Grund zur Annahme vorliegt,

daß seine eigene Mundhöhle, vor der ihm nicht ekelt, reinlicher sei als

die des Mädchens. Man wird hier auf das Moment des Ekels aufmerksam,

welches der libidinösen Überschätzung des Sexualobjekts in den Weg

tritt, seinerseits aber durch die Libido überwunden werden kann. In dem

Ekel möchte man eine der Mächte erblicken, welche die Einschränkung des

Sexualzieles zustande gebracht haben. In der Regel machen diese vor den

Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein Zweifel, daß auch die

Genitalien des anderen Geschlechtes an und für sich Gegenstand des Ekels

sein können, und daß dies Verhalten zur Charakteristik aller

Hysterischen (zumal der weiblichen) gehört. Die Stärke des Sexualtriebes

liebt es, sich in der Überwindung dieses Ekels zu betätigen. (S. u.)

* * * * *

Sexuelle Verwendung der Afteröffnung.

Klarer noch als im früheren Falle erkennt man bei der Inanspruchnahme

des Afters, daß es der Ekel ist, welcher dieses Sexualziel zur

Perversion stempelt. Man lege mir aber die Bemerkung nicht als

Parteinahme aus, daß die Begründung dieses Ekels, diese Körperpartie

diene der Exkretion und komme mit dem Ekelhaften an sich -- den

Exkrementen -- in Berührung, nicht viel stichhaltiger ist als etwa die

Begründung, welche hysterische Mädchen für ihren Ekel vor dem männlichen

Genitale abgeben: es diene der Harnentleerung.

Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf den Verkehr

zwischen Männern beschränkt, ihre Bevorzugung hat nichts für das

invertierte Fühlen Charakteristisches. Es scheint im Gegenteil, daß die

Pädikatio des Mannes ihre Rolle der Analogie mit dem Akt beim Weibe

verdankt, während gegenseitige Masturbation das Sexualziel ist, welches

sich beim Verkehr Invertierter am ehesten ergibt.

* * * * *

Bedeutung anderer Körperstellen.

Das sexuelle Übergreifen auf andere Körperstellen bietet in all seinen

Variationen nichts prinzipiell Neues, fügt nichts zur Kenntnis des

Sexualtriebes hinzu, der hierin nur seine Absicht verkündet, sich des

Sexualobjekts nach allen Richtungen zu bemächtigen. Neben der

Sexualüberschätzung meldet sich aber bei den anatomischen

Überschreitungen ein zweites, der populären Kenntnis fremdartiges

Moment. Gewisse Körperstellen, wie die Mund- und Afterschleimhaut, die

immer wieder in diesen Praktiken auftreten, erheben gleichsam den

Anspruch, selbst als Genitalien betrachtet und behandelt zu werden. Wir

werden hören, wie dieser Anspruch durch die Entwicklung des

Sexualtriebes gerechtfertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser

Krankheitszustände erfüllt wird.

* * * * *

Ungeeigneter Ersatz des Sexualobjektes -- Fetischismus.

Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Fälle, in denen das normale

Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu ihm in Beziehung

steht, dabei aber völlig ungeeignet ist, dem normalen Sexualziel zu

dienen. Wir hätten nach den Gesichtspunkten der Einteilung wohl besser

getan, diese höchst interessante Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes

schon bei den Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt zu erwähnen,

verschoben es aber, bis wir das Moment der _Sexualüberschätzung_ kennen

gelernt hatten, von welchem diese Erscheinungen abhängen, mit denen ein

Aufgeben des Sexualzieles verbunden ist.

Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für sexuelle

Zwecke sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar) oder ein unbelebtes

Objekt, welches in nachweisbarer Relation mit der Sexualperson, am

besten mit der Sexualität derselben, steht. (Stücke der Kleidung, weiße

Wäsche.) Dieser Ersatz wird nicht mit Unrecht mit dem Fetisch

verglichen, in dem der Wilde seinen Gott verkörpert sieht.

Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht auf ein

normales oder perverses Sexualziel bilden Fälle, in denen eine

fetischistische Bedingung am Sexualobjekt erfordert wird, wenn das

Sexualziel erreicht werden soll. (Bestimmte Haarfarbe, Kleidung, selbst

Körperfehler.) Keine andere ans Pathologische streifende Variation des

Sexualtriebes hat soviel Anspruch auf unser Interesse wie diese durch

die Sonderbarkeit der durch sie veranlaßten Erscheinungen. Eine gewisse

Herabsetzung des Strebens nach dem normalen Sexualziel scheint für alle

Fälle Voraussetzung (exekutive Schwäche des Sexualapparates)(17). Die

Anknüpfung ans Normale wird durch die psychologisch notwendige

Überschätzung des Sexualobjektes vermittelt, welche unvermeidlich auf

alles mit demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad

von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben regelmäßig eigen,

besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in welchen das normale

Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung aufgehoben erscheint.

(17) Diese Schwäche entspräche der konstitutionellen Voraussetzung.

Die Psychoanalyse hat als akzidentelle Bedingung die frühzeitige

Sexualeinschüchterung nachgewiesen, welche vom normalen Sexualziel

abdrängt und zum Ersatz desselben anregt.

»Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust,

Ein Strumpfband meiner Liebeslust!«

(Faust.)

Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben nach dem

Fetisch über solche Bedingung hinaus fixiert und sich an die Stelle des

normalen Zieles setzt, ferner wenn sich der Fetisch von der bestimmten

Person loslöst, zum alleinigen Sexualobjekt wird. Es sind dies die

allgemeinen Bedingungen für das Übergehen bloßer Variationen des

Geschlechtstriebes in pathologische Verirrungen.

In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie _Binet_ zuerst behauptet hat

und dann später durch zahlreiche Belege erwiesen worden ist, der

fortwirkende Einfluß eines zumeist in früher Kindheit empfangenen

sexuellen Eindruckes, was man der sprichwörtlichen Haftfähigkeit einer

ersten Liebe beim Normalen (»On revient toujours à ses premiers amours«)

an die Seite stellen darf. Eine solche Ableitung ist besonders deutlich

bei Fällen mit bloß fetischistischer Bedingtheit des Sexualobjektes. Der

Bedeutung frühzeitiger sexueller Eindrücke werden wir noch an anderer

Stelle begegnen(18).

(18) Tiefer eindringende psychoanalytische Untersuchung hat zu einer

berechtigten Kritik der _Binet_schen Behauptung geführt. Alle hieher

gehörigen Beobachtungen haben ein erstes Zusammentreffen mit dem

Fetisch zum Inhalt, in welchem sich dieser bereits im Besitz des

sexuellen Interesses zeigt, ohne daß man aus den Begleitumständen

verstehen könnte, wie er zu diesem Besitz gekommen ist. Auch fallen

alle diese »frühzeitigen« Sexualeindrücke in die Zeit nach dem

fünften, sechsten Jahr, während die Psychoanalyse daran zweifeln läßt,

ob sich pathologische Fixierungen so spät neubilden können. Der

wirkliche Sachverhalt ist der, daß hinter der ersten Erinnerung an das

Auftreten des Fetisch eine untergegangene und vergessene Phase der

Sexualentwicklung liegt, die durch den Fetisch wie durch eine

»Deckerinnerung« vertreten wird, deren Rest und Niederschlag der

Fetisch also darstellt. Die Wendung dieser in die ersten

Kindheitsjahre fallenden Phase zum Fetischismus sowie die Auswahl des

Fetisch selbst sind konstitutionell determiniert.

In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht bewußte

symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz des Objektes durch den

Fetisch geführt hat. Die Wege dieser Verbindungen sind nicht immer mit

Sicherheit nachzuweisen (der Fuß ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon

im Mythus(19), »Pelz« verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation

mit der Behaarung des Mons veneris); doch scheint auch solche Symbolik

nicht immer unabhängig von sexuellen Erlebnissen der Kinderzeit(20).

(19) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen

Genitales.

(20) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Lücken im

Verständnis des Fetischismus ausgefüllt, indem sie auf die Bedeutung

einer durch Verdrängung verloren gegangenen koprophilen _Riechlust_

für die Auswahl des Fetisch hinwies. Fuß und Haar sind stark riechende

Objekte, die nach dem Verzicht auf die unlustig gewordene

Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben werden. In der dem

Fußfetischismus entsprechenden Perversion ist demgemäß nur der

schmutzige und übelriechende Fuß das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag

zur Aufklärung der fetischistischen Bevorzugung des Fußes ergibt sich

aus den infantilen Sexualtheorien. (S. u.) Der Fuß ersetzt den schwer

vermißten Penis des Weibes.

In manchen Fällen von Fußfetischismus ließ sich zeigen, daß der

ursprünglich auf das Genitale gerichtete _Schautrieb_, der seinem

Objekt von unten her nahe kommen wollte, durch Verbot und Verdrängung

auf dem Wege aufgehalten wurde, und darum Fuß oder Schuh als Fetisch

festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen

Erwartung entsprechend, als ein männliches vorgestellt.

b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen.

Auftreten neuer Absichten.

Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen des normalen

Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken (Impotenz, Kostbarkeit

des Sexualobjektes, Gefahren des Sexualaktes), unterstützen wie

begreiflich die Neigung, bei den vorbereitenden Akten zu verweilen und

neue Sexualziele aus ihnen zu gestalten, die an die Stelle des normalen

treten können. Bei näherer Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend

fremdartigsten dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen

Sexualvorgang angedeutet sind.

* * * * *

Betasten und Beschauen.

Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den Menschen zur

Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist es allgemein

bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß neuer Erregung

anderseits durch die Berührungsempfindungen von der Haut des

Sexualobjektes gewonnen wird. Somit kann das Verweilen beim Betasten,

falls der Sexualakt überhaupt nur weiter geht, kaum zu den Perversionen

gezählt werden.

Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten Sehen.

Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die libidinöse Erregung am

häufigsten geweckt wird, und auf dessen Gangbarkeit -- wenn diese

teleologische Betrachtungsweise zulässig ist -- die Zuchtwahl rechnet,

indem sie das Sexualobjekt sich zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit

der Kultur fortschreitende Verhüllung des Körpers hält die sexuelle

Neugierde wach, welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch

Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische

abgelenkt (»sublimiert«) werden kann, wenn man ihr Interesse von den

Genitalien weg auf die Körperbildung im ganzen zu lenken vermag(21). Ein

Verweilen bei diesem intermediären Sexualziel des sexuell betonten

Schauens kommt in gewissem Grade den meisten Normalen zu, ja es gibt

ihnen die Möglichkeit, einen gewissen Betrag ihrer Libido auf höhere

künstlerische Ziele zu richten. Zur Perversion wird die Schaulust im

Gegenteil, a) wenn sie sich ausschließlich auf die Genitalien

einschränkt, b) wenn sie sich mit der Überwindung des Ekels verbindet

(Voyeurs: Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das

normale Sexualziel, anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist

in ausgeprägter Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich

nach einer einzigen Analyse schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um

als Gegenleistung die Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht zu

bekommen(22).

(21) Es scheint mir unzweifelhaft, daß der Begriff des »Schönen« auf

dem Boden der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das sexuell

Reizende (»Die Reize«) bedeutet. Es steht im Zusammenhange damit, daß

wir die Genitalien selbst, deren Anblick die stärkste sexuelle

Erregung hervorruft, eigentlich niemals »schön« finden können.

(22) Der Analyse enthüllt diese Perversion -- sowie die meisten

anderen -- eine unerwartete Vielfältigkeit ihrer Motive und

Bedeutungen. Der Exhibitionszwang zum Beispiel ist auch stark abhängig

vom Kastrationskomplex; er betont immer wieder die Integrität des

eigenen (männlichen) Genitales und wiederholt die infantile

Befriedigung über das Fehlen des Gliedes im weiblichen.

Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschautwerden ist,

tritt ein sehr merkwürdiger Charakter hervor, der uns bei der

nächstfolgenden Abirrung noch intensiver beschäftigen wird. Das

Sexualziel ist hiebei nämlich in zweifacher Ausbildung vorhanden, in

_aktiver_ und in _passiver_ Form.

Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und eventuell durch sie

aufgehoben wird, ist die _Scham_ (wie vorhin der Ekel).

* * * * *

Sadismus und Masochismus.

Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen und ihr Gegenstück,

diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen, ist in ihren beiden

Gestaltungen, der aktiven und der passiven, von v. _Krafft-Ebing_ als

_Sadismus_ und _Masochismus_ (passiv) benannt worden. Andere Autoren

ziehen die engere Bezeichnung _Algolagnie_ vor, welche die Lust am

Schmerz, die Grausamkeit, betont, während bei den Namen, die v.

_Krafft-Ebing_ gewählt hat, die Lust an jeder Art von Demütigung und

Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird.

Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im Normalen

leicht nachzuweisen. Die Sexualität der meisten Männer zeigt eine

Beimengung von _Aggression_, von Neigung zur Überwältigung, deren

biologische Bedeutung in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Widerstand

des Sexualobjekts noch anders als durch die Akte der _Werbung_ zu

überwinden. Der Sadismus entspräche dann einer selbständig gewordenen,

übertriebenen, durch Verschiebung an die Hauptstelle gerückten

aggressiven Komponente des Sexualtriebes.

Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von einer bloß

aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das Sexualobjekt bis

zur ausschließlichen Bindung der Befriedigung an die Unterwerfung und

Mißhandlung desselben. Strenge genommen hat nur der letztere extreme

Fall Anspruch auf den Namen einer Perversion.

In ähnlicher Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven

Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als deren äußerste die

Bindung der Befriedigung an das Erleiden von physischem oder seelischem

Schmerz von Seiten des Sexualobjektes erscheint. Der Masochismus als

Perversion scheint sich vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als

sein Gegenstück; es darf bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt

oder nicht vielmehr regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus

entsteht. Häufig läßt sich erkennen, daß der Masochismus nichts anderes

ist als eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung gegen die eigene

Person, welche dabei zunächst die Stelle des Sexualobjektes vertritt.

Die klinische Analyse extremer Fälle von masochistischer Perversion

führt auf das Zusammenwirken einer großen Reihe von Momenten, welche die

ursprüngliche passive Sexualeinstellung übertreiben und fixieren.

(Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.)

Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem Ekel und der

Scham an, die sich der Libido als Widerstände entgegengestellt hatten.

Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen eine besondere

Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende Gegensatz von Aktivität und

Passivität zu den allgemeinen Charakteren des Sexuallebens gehört.

Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die

Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, aber in der

Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man über die Betonung des

aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen

Autoren ist diese dem Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein

Rest kannibalischer Gelüste, also eine Mitbeteiligung des

Bemächtigungsapparates, welcher der Befriedigung des anderen,

ontogenetisch älteren, großen Bedürfnisses dient(23). Es ist auch

behauptet worden, daß jeder Schmerz an und für sich die Möglichkeit

einer Lustempfindung enthalte. Wir wollen uns mit dem Eindruck begnügen,

daß die Aufklärung dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben

ist, und daß möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu

einem Effekt vereinigen.

(23) Vgl. hiezu die spätere Mitteilung über die prägenitalen Phasen

der Sexualentwicklung, in welcher diese Ansicht bestätigt wird.

Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber darin,

daß ihre aktive und ihre passive Form regelmäßig bei der nämlichen

Person mitsammen angetroffen werden. Wer Lust daran empfindet, anderen

Schmerz in sexueller Relation zu erzeugen, der ist auch befähigt, den

Schmerz als Lust zu genießen, der ihm aus sexuellen Beziehungen

erwachsen kann. Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist,

wenngleich die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm

stärker ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle Betätigung

darstellen kann(24).

(24) Anstatt vieler Belege für diese Behauptung zitiere ich nur die

eine Stelle aus _Havelock Ellis_ (Das Geschlechtsgefühl, 1903). »Alle

bekannten Fälle von Sadismus und Masochismus, selbst die von v.

_Krafft-Ebing_ zitierten, zeigen beständig (wie schon _Colin_, _Scott_

und _Féré_ nachgewiesen) Spuren beider Gruppen von Erscheinungen an

ein und demselben Individuum.«

Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als

_Gegensatzpaare_ auftreten, was mit Hinblick auf später beizubringendes

Material eine hohe theoretische Bedeutung beanspruchen darf(25). Es ist

ferner einleuchtend, daß die Existenz des Gegensatzpaares Sadismus --

Masochismus aus der Aggressionsbeimengung nicht ohneweiters ableitbar

ist. Dagegen wäre man versucht, solche gleichzeitig vorhandene

Gegensätze mit dem in der Bisexualität vereinten Gegensatz von männlich

und weiblich in Beziehung zu setzen, dessen Bedeutung in der

Psychoanalyse auf den Gegensatz von aktiv und passiv reduziert ist.

(25) Vgl. die spätere Erwähnung der »Ambivalenz«.

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie · 第 9 / 13 题