1. Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt.

Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am schönsten die

poetische Fabel von der Teilung des Menschen in zwei Hälften -- Mann und

Weib --, die sich in der Liebe wieder zu vereinigen streben. Es wirkt

darum wie eine große Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für die

nicht das Weib, sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann,

sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche Personen

Konträrsexuale oder besser Invertierte, die Tatsache die der

_Inversion_. Die Zahl solcher Personen ist sehr erheblich, wiewohl deren

sichere Ermittelung Schwierigkeiten unterliegt(3).

(3) Vergleiche über diese Schwierigkeiten sowie über Versuche, die

Verhältniszahl der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von M.

_Hirschfeld_ im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1904.

A. Die Inversion.

Verhalten der Invertierten.

Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen Richtungen

ganz verschieden.

a) Sie sind _absolut_ invertiert, d. h. ihr Sexualobjekt kann nur

gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche Geschlecht für sie

niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht ist, sondern sie kühl

läßt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen hervorruft. Als Männer

sind sie dann durch Abneigung unfähig, den normalen Geschlechtsakt

auszuführen oder vermissen bei dessen Ausführung jeden Genuß.

b) Sie sind _amphigen invertiert_ (psychosexuell-hermaphroditisch),

d. h. ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem gleichen wie dem anderen

Geschlecht angehören; der Inversion fehlt also der Charakter der

Ausschließlichkeit.

c) Sie sind _okkasionell_ invertiert, d. h. unter gewissen äußeren

Bedingungen, von denen die Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjektes

und die Nachahmung obenan stehen, können sie eine Person des gleichen

Geschlechtes zum Sexualobjekt nehmen und im Sexualakt mit ihr

Befriedigung empfinden.

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten in ihrem

Urteil über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die einen nehmen

die Inversion als selbstverständlich hin wie der Normale die Richtung

seiner Libido und vertreten mit Schärfe deren Gleichberechtigung mit der

normalen. Andere aber lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf

und empfinden dieselbe als krankhaften Zwang(4).

(4) Ein solches Sträuben gegen den Zwang zur Inversion könnte die

Bedingung der Beeinflußbarkeit durch Suggestivbehandlung oder

Psychoanalyse abgeben.

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die

Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum entweder von

jeher, soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder dieselbe hat sich ihm

erst zu einer bestimmten Zeit vor oder nach der Pubertät bemerkbar

gemacht(5). Der Charakter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten

oder tritt zeitweise zurück oder stellt eine Episode auf dem Wege zur

normalen Entwicklung dar; ja er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf

einer langen Periode normaler Sexualtätigkeit äußern. Auch ein

periodisches Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten

Sexualobjekt ist beobachtet worden. Besonders interessant sind Fälle, in

denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert, nachdem eine

peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht worden ist.

(5) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, daß die

autobiographischen Angaben der Invertierten über das zeitliche

Auftreten der Inversionsneigung unzuverlässig sind, da dieselben die

Beweise für ihr heterosexuelles Empfinden aus ihrem Gedächtnis

verdrängt haben könnten.

Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht für die ihr zugänglich

gewordenen Fälle von Inversion bestätigt und deren Anamnese durch die

Ausfüllung der Kindheitsamnesie in entscheidender Weise verändert.

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im allgemeinen

unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form kann man etwa

regelmäßig annehmen, daß die Inversion seit sehr früher Zeit bestanden

hat, und daß die Person sich mit ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt.

Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle zu einer

Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die Unterschiede anstatt

der Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen, was mit der von ihnen

beliebten Beurteilung der Inversion zusammenhängt. Allein so berechtigt

Sonderungen sein mögen, so ist doch nicht zu verkennen, daß alle

Zwischenstufen reichlich aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich

gleichsam von selbst aufdrängt.

* * * * *

Auffassung der Inversion.

Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, sie sei ein

angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war im Einklange mit der

Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder

Personen, die solchen Eindruck machten, auf sie gestoßen waren. In

dieser Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhängig

voneinander beurteilt werden sollen; das Angeborensein und die

Degeneration.

* * * * *

Degeneration.

Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen die wahllose

Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es ist doch Sitte geworden,

jede Art von Krankheitsäußerung, die nicht gerade traumatischen oder

infektiösen Ursprunges ist, der Degeneration zuzurechnen. Die

_Magnan_sche Einteilung der Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß

die vorzüglichste Allgemeingestaltung der Nervenleistung die

Anwendbarkeit des Begriffes Degeneration nicht auszuschließen braucht.

Unter solchen Umständen darf man fragen, welchen Nutzen und welchen

neuen Inhalt das Urteil »Degeneration« überhaupt noch besitzt. Es

scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht zu sprechen:

1. wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm zusammentreffen;

2. wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen schwer

geschädigt erscheinen(6).

(6) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu stellen

ist und welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, kann man aus

den Ausführungen von _Moebius_ [Über Entartung. (Grenzfragen des

Nerven- und Seelenlebens. Nr. III, 1900)] entnehmen: »Überblickt man

nun das weite Gebiet der Entartung, auf das hier einige Schlaglichter

geworfen worden sind, so sieht man ohneweiters ein, daß es sehr

geringen Wert hat, Entartung überhaupt zu diagnostizieren.«

Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne

sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor:

1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen schweren

Abweichungen von der Norm zeigen;

2. desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht gestört ist,

ja die sich durch besonders hohe intellektuelle Entwicklung und ethische

Kultur auszeichnen(7).

(7) Es muß den Wortführern des »Uranismus« zugestanden werden, daß

einige der hervorragendsten Männer, von denen wir überhaupt Kunde

haben, Invertierte, vielleicht sogar absolut Invertierte waren.

3. Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung absieht und

einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt man nach zwei

Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Degenerationszeichen

aufzufassen verbieten.

a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige

Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution bei

den alten Völkern auf der Höhe ihrer Kultur war; b) man findet sie

ungemein verbreitet bei vielen wilden und primitiven Völkern, während

man den Begriff der Degeneration auf die hohe Zivilisation zu

beschränken gewohnt ist (J. _Bloch_). Selbst unter den zivilisierten

Völkern Europas haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und die

Beurteilung der Inversion den mächtigsten Einfluß(8).

(8) In der Auffassung der Inversion sind die pathologischen

Gesichtspunkte von anthropologischen abgelöst worden. Diese Wandlung

bleibt das Verdienst von J. _Bloch_ (Beiträge zur Ätiologie der

Psychopathia sexualis. 2 Teile, 1902/03), welcher Autor auch die

Tatsache der Inversion bei den alten Kulturvölkern nachdrücklich zur

Geltung gebracht hat.

* * * * *

Angeborensein.

Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, extremste

Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar auf Grund der

Versicherung dieser Personen, daß sich bei ihnen zu keiner Zeit des

Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes gezeigt habe. Schon das

Vorkommen der beiden anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer

mit der Auffassung eines angeborenen Charakters zu vereinen. Daher die

Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die Gruppe der absolut

Invertierten von allen anderen abzulösen, was den Verzicht auf eine

allgemeingültige Auffassung der Inversion zur Folge hat. Die Inversion

wäre demnach in einer Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in

anderen könnte sie auf andere Art entstanden sein.

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die Inversion

ein _erworbener_ Charakter des Geschlechtstriebes sei. Sie stützt sich

darauf, daß 1. bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im

Leben einwirkender sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen

fortdauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt, 2. daß bei

vielen anderen sich die äußeren begünstigenden und hemmenden Einflüsse

des Lebens aufzeigen lassen, die zu einer früheren oder späteren Zeit

zur Fixierung der Inversion geführt haben (ausschließlicher Verkehr mit

dem gleichen Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege, Detention in

Gefängnissen, Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zölibat,

geschlechtliche Schwäche usw.), 3. daß die Inversion durch hypnotische

Suggestion aufgehoben werden kann, was bei einem angeborenen Charakter

Wunder nehmen würde.

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit des Vorkommens

einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. Man kann einwenden

(_Havelock Ellis_), daß ein genaueres Examen der für angeborene

Inversion in Anspruch genommenen Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein

für die Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit

zutage fördern würde, welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person

nicht bewahrt worden ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur

Erinnerung gebracht werden könnte. Die Inversion könnte man nach diesen

Autoren nur als eine häufige Variation des Geschlechtstriebes

bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände bestimmt werden

kann.

Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegenbemerkung ein

Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen sexuellen

Beeinflussungen (auch in früher Jugend; Verführung, mutuelle Onanie)

erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden oder dauernd so zu

bleiben. So wird man zur Vermutung gedrängt, daß die Alternative

angeboren -- erworben entweder unvollständig ist oder die bei der

Inversion vorliegenden Verhältnisse nicht deckt.

* * * * *

Erklärung der Inversion.

Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der

anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt. Im

ersten Falle muß man sich äußern, was an ihr angeboren ist, wenn man

sich nicht der rohesten Erklärung anschließt, daß eine Person die

Verknüpfung des Sexualtriebes mit einem bestimmten Sexualobjekt

angeboren mitbringt. Im anderen Falle fragt es sich, ob die mannigfachen

akzidentellen Einflüsse hinreichen, die Erwerbung zu erklären, ohne daß

ihnen etwas an dem Individuum entgegenkommen müsse. Die Verneinung

dieses letzten Momentes ist nach unseren früheren Ausführungen

unstatthaft.

* * * * *

Heranziehung der Bisexualität.

Zur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist seit _Frank

Lydstone_, _Kiernan_ und _Chevalier_ eine Gedankenreihe herangezogen

worden, welche einen neuen Widerspruch gegen die populäre Meinung

enthält. Dieser gilt ein Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die

Wissenschaft kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere

verwischt erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird:

zunächst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen

vereinigen männliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus). In

seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate

ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist findet man

beiderseitige Verkümmerung(9).

(9) Vergleiche die letzten ausführlichen Darstellungen des

somatischen Hermaphroditismus: _Taruffi_, Hermaphroditismus und

Zeugungsunfähigkeit, Deutsche Ausgabe von R. _Teuscher_, 1903, und

die Arbeiten von _Neugebauer_ in mehreren Bänden des Jahrbuches für

sexuelle Zwischenstufen.

Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in unerwarteter

Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern. Ein gewisser

Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört nämlich der Norm an; bei

keinem normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden

die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder

funktionslos als rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur

Übernahme anderer Funktionen umgebildet worden sind.

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen

Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen Veranlagung,

die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität mit geringen

Resten des verkümmerten Geschlechts verändert.

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu übertragen und

die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines psychischen

Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu entscheiden, bedurfte es

nur noch eines regelmäßigen Zusammentreffens der Inversion mit den

seelischen und somatischen Zeichen des Hermaphroditismus.

Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man sich die

Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen und dem nachweisbaren

anatomischen Zwittertum nicht vorstellen. Was man bei den Invertierten

findet, ist häufig eine Herabsetzung des Geschlechtstriebes überhaupt

(_Havelock Ellis_) und leichte anatomische Verkümmerung der Organe.

Häufig, aber keineswegs regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß

man erkennen, daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen

unabhängig voneinander sind.

Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären und tertiären

Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes Vorkommen bei den

Invertierten betont (H. _Ellis_). Auch daran ist vieles zutreffend, aber

man darf nicht vergessen, daß die sekundären und tertiären

Geschlechtscharaktere überhaupt recht häufig beim anderen Geschlecht

auftreten und so Andeutungen von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei

das Sexualobjekt sich im Sinne einer Inversion abgeändert zeigte.

Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit gewinnen, wenn

mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens ein Umschlag der

sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und Charakterzüge in die fürs

andere Geschlecht bezeichnende Abänderung parallel liefe. Allein eine

solche Charakterinversion darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei

den invertierten Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste

seelische Männlichkeit mit der Inversion vereinbar. Hält man an der

Aufstellung eines seelischen Hermaphroditismus fest, so muß man

hinzufügen, daß dessen Äußerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur

geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche gilt

übrigens auch für das somatische Zwittertum; nach _Halban_(10) sind auch

die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären Geschlechtscharaktere

in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig voneinander.

(10) J. _Halban_, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv für

Gynäkologie. Bd. 70, 1903. Siehe dort auch die Literatur des

Gegenstandes.

Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem Wortführer

der männlichen Invertierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im

männlichen Körper. Allein wir kennen die Charaktere eines »weiblichen

Gehirns« nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems durch das

anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v.

_Krafft-Ebings_ scheint exakter gefaßt als der _Ulrichs_', ist aber im

Wesen von ihm nicht verschieden. v. _Krafft-Ebing_ meint, daß die

bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso männliche und weibliche

Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren

entwickeln sich erst zur Zeit der Pubertät, zumeist unter dem Einflusse

der von ihnen in der Anlage unabhängigen Geschlechtsdrüse. Von den

männlichen und weiblichen »Zentren« gilt aber dasselbe wie vom

männlichen und weiblichen Gehirn, und nebenbei wissen wir nicht einmal,

ob wir für die Geschlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen

(»Zentren«) wie etwa für die Sprache annehmen dürfen.

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin bestehen: daß

auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung in Betracht kommt,

nur daß wir nicht wissen, worin diese Anlage über die anatomische

Gestaltung hinaus besteht, und daß es sich um Störungen handelt, welche

den Geschlechtstrieb in seiner Entwicklung betreffen(11).

(11) Der erste, der zur Erklärung der Inversion die Bisexualität

herangezogen, soll (nach einem Literaturbericht im 6. Band des

Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen) E. _Gley_ gewesen sein, der

einen Aufsatz (Les abérrations de l'instinct sexuel) schon im Jänner

1884 in der Revue philosophique veröffentlichte. -- Es ist übrigens

bemerkenswert, daß die Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion auf

Bisexualität zurückführen, dieses Moment nicht allein für die

Invertierten, sondern für alle Normalgewordenen zur Geltung bringen

und folgerichtig die Inversion als das Ergebnis einer Entwicklungsstörung

auffassen. So bereits _Chevalier_ (Inversion sexuelle, 1893).

v. _Krafft-Ebing_ (Zur Erklärung der konträren Sexualempfindung,

Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, XIII. Bd.) spricht

davon, daß eine Fülle von Beobachtungen bestehen, »aus denen

sich mindestens die virtuelle Fortexistenz dieses zweiten

Zentrums (des unterlegenen Geschlechtes) ergibt.« Ein Dr. _Arduin_

(Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen) stellt im zweiten

Band des Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen 1900 die Behauptung

auf: »daß in jedem Menschen männliche und weibliche Elemente vorhanden

sind (vgl. dieses Jahrbuch, Bd. I, 1899: »Die objektive Diagnose der

Homosexualität« von Dr. M. _Hirschfeld_, S. 8-9 u. f.), nur -- der

Geschlechtszugehörigkeit entsprechend -- die einen unverhältnismäßig

stärker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle

Personen handelt . . . .« -- Für G. _Herman_ (Genesis, das Gesetz der

Zeugung, 9. Bd., Libido und Mania, 1903) steht es fest, »daß in jedem

Weibe männliche, in jedem Manne weibliche Keime und Eigenschaften

enthalten sind« usw.

1906 hat dann W. _Fließ_ (»Der Ablauf des Lebens«) einen

Eigentumsanspruch auf die Idee der Bisexualität (im Sinne einer

_Zweigeschlechtigkeit_) erhoben.

* * * * *

Sexualobjekt der Invertierten.

Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, daß das

Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegengesetzte sei. Der

invertierte Mann unterliege wie das Weib dem Zauber, der von den

männlichen Eigenschaften des Körpers und der Seele ausgeht, er fühle

sich selbst als Weib und suche den Mann.

Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten zutrifft, so ist

es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter der Inversion zu

verraten. Es ist kein Zweifel, daß ein großer Teil der männlichen

Invertierten den psychischen Charakter der Männlichkeit bewahrt hat,

verhältnismäßig wenig sekundäre Charaktere des anderen Geschlechtes an

sich trägt und in seinem Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische

Züge sucht. Wäre dies anders, so bliebe es unverständlich, wozu die

männliche Prostitution, die sich den Invertierten anbietet -- heute wie

im Altertum --, in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung die

Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal der

Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten Männer

unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht der männliche

Charakter des Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib

sowie seine weiblichen seelischen Eigenschaften, Schüchternheit,

Zurückhaltung, Lern- und Hilfsbedürftigkeit die Liebe des Mannes

entzündeten. Sobald der Knabe ein Mann wurde, hörte er auf, ein

Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde etwa selbst ein

Knabenliebhaber. Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in

vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung

beider Geschlechtscharaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung,

die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit der

festgehaltenen Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der Genitalien),

sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur(12).

(12) Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklärung über die

Herkunft der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus

ihrer Entstehung aufgedeckt und die in Betracht kommenden

Fragestellungen wesentlich bereichert. Wir haben bei allen

untersuchten Fällen festgestellt, daß die später Invertierten in den

ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber

kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen,

nach deren Überwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und sich

selbst zum Sexualobjekt nehmen, d. h. vom Narzißmus ausgehend

jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer aufsuchen, die sie

so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir haben ferner

sehr häufig gefunden, daß angeblich Invertierte gegen den Reiz des

Weibes keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib

hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein männliches Objekt

transponierten. Sie wiederholten so während ihres ganzen Lebens den

Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war. Ihr

zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt durch ihre

ruhelose Flucht vor dem Weibe.

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller

Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders

geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch

andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert,

erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl

fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben. Ja die

Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen Geschlechts

spielen als Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, und als

Motoren der Erkrankung eine größere Rolle als die, welche dem

entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der Psychoanalyse erscheint

vielmehr die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des

Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche

Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und

frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprüngliche, aus

dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der anderen Seite der

normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse

ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für

das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine

Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu

unterlegen ist. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten

fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer noch nicht

übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils

aber akzidenteller Natur sind. Gewiß können einzelne dieser Faktoren

so übergroß ausfallen, daß sie das Resultat in ihrem Sinne

beeinflussen. Im allgemeinen aber wird die Vielheit der bestimmenden

Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgänge im manifesten

Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist

durchweg das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver

psychischer Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der _narzißtischen

Objektwahl_ und _die Festhaltung_ der erotischen Bedeutung der

_Analzone_ erscheinen als deren wesentlichste Charaktere. Man gewinnt

aber nichts, wenn man auf Grund solcher konstitutioneller Eigenheiten

die extremsten Inversionstypen von den anderen sondert. Was sich bei

diesen als anscheinend zureichende Begründung findet, läßt sich

ebenso, nur in geringerer Stärke, in der Konstitution von

Übergangstypen und bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede

in den Ergebnissen mögen qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt,

daß die Unterschiede in den Bedingungen nur quantitative sind. Unter

den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl haben wir die

Versagung (die frühzeitige Sexualeinschüchterung) bemerkenswert

gefunden und sind auch darauf aufmerksam geworden, daß das

Vorhandensein beider Elternteile eine wichtige Rolle spielt. Der

Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit begünstigt nicht selten

die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daß die

Inversion des Sexualobjekts von der Mischung der Geschlechtscharaktere

im Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Maß von

Unabhängigkeit ist auch in dieser Relation unverkennbar.

Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat

_Ferenczi_ in einem Aufsatz: Zur Nosologie der männlichen

Homosexualität (Homoerotik) (Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, II,

1914) vorgebracht. _Ferenczi_ rügt mit Recht, daß man unter dem Namen

»Homosexualität«, den er durch den besseren »Homoerotik« ersetzen

will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer wie in

psychischer Hinsicht ungleichwertigen, Zuständen zusammenwirft, weil

sie das Symptom der Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe

Unterscheidung wenigstens zwischen den beiden Typen des

_Subjekthomoerotikers_, der sich als Weib fühlt und benimmt, und des

_Objekthomoerotikers_, der durchaus männlich ist und nur das weibliche

Objekt gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den ersteren

anerkannt er als richtige »sexuelle Zwischenstufe« im Sinne von

_Magnus Hirschfeld_, den zweiten bezeichnet er -- minder glücklich --

als Zwangsneurotiker. Das Sträuben gegen die Inversionsneigung sowie

die Möglichkeit psychischer Beeinflussung kämen nur beim

Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser beiden

Typen darf man hinzufügen, daß bei vielen Personen ein Maß von

Subjekthomoerotik mit einem Anteil von Objekthomoerotik vermengt

gefunden wird.

In den letzten Jahren haben Arbeiten von Biologen, in erster Linie die

von _Eugen Steinach_, ein helles Licht auf die organischen Bedingungen

der Homoerotik sowie der Geschlechtscharaktere überhaupt geworfen.

Durch das experimentelle Verfahren der Kastration mit nachfolgender

Einpflanzung von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es,

bei verschiedenen Säugetierarten Männchen in Weibchen zu verwandeln

und umgekehrt. Die Verwandlung betraf mehr oder minder vollständig

die somatischen Geschlechtscharaktere und das psychosexuelle

Verhalten (also Subjekt- und Objekterotik). Als Träger dieser

geschlechtsbestimmenden Kraft wird nicht der Anteil der Keimdrüse

betrachtet, welcher die Geschlechtszellen bildet, sondern das

sogenannte interstitielle Gewebe des Organs (die »Pubertätsdrüse«).

In einem Falle gelang die geschlechtliche Umstimmung auch bei einem

Manne, der seine Hoden durch tuberkulöse Erkrankung eingebüßt hatte.

Er hatte sich im Geschlechtsleben als passiver Homosexueller weiblich

benommen und zeigte sehr deutlich ausgeprägte weibliche

Geschlechtscharaktere sekundärer Art (Behaarung, Bartwuchs, Fettansatz

an Mammae und Hüften). Nach der Einpflanzung eines kryptorchen

Menschenhodens begann dieser Mann sich in männlicher Weise zu benehmen

und seine Libido in normaler Weise aufs Weib zu richten. Gleichzeitig

schwanden die somatischen femininen Charaktere. (A. _Lipschütz_, Die

Pubertätsdrüse und ihre Wirkungen, Bern 1919.)

Es wäre ungerechtfertigt zu behaupten, daß durch diese schönen

Versuche die Lehre von der Inversion auf eine neue Basis gestellt wird

und voreilig von ihnen geradezu einen Weg zur allgemeinen »Heilung«

der Homosexualität zu erwarten. W. _Fliess_ hat mit Recht betont, daß

diese experimentellen Erfahrungen die Lehre von der allgemeinen

bisexuellen Anlage der höheren Tiere nicht entwerten. Es erscheint mir

vielmehr wahrscheinlich, daß sich aus weiteren solchen Untersuchungen

eine direkte Bestätigung der angenommenen Bisexualität ergeben wird.

Eindeutiger sind die Verhältnisse beim Weibe, wo die aktiv Invertierten

besonders häufig somatische und seelische Charaktere des Mannes an sich

tragen und das Weibliche von ihrem Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch

hier sich bei näherer Kenntnisnahme größere Buntheit herausstellen

dürfte.

* * * * *

Sexualziel der Invertierten.

Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel bei der

Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. Bei Männern fällt

Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion zusammen; Masturbation ist

ebenso häufig das ausschließliche Ziel und Einschränkungen des

Sexualzieles -- bis zur bloßen Gefühlsergießung -- sind hier sogar

häufiger als bei der heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die

Sexualziele der Invertierten mannigfaltig; darunter scheint die

Berührung mit der Mundschleimhaut bevorzugt.

* * * * *

Schlußfolgerung.

Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion aus dem

bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, können aber

merken, daß wir bei dieser Untersuchung zu einer Einsicht gelangt sind,

die uns bedeutsamer werden kann als die Lösung der obigen Aufgabe. Wir

werden aufmerksam gemacht, daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes

mit dem Sexualobjekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung

an den für abnorm gehaltenen Fällen lehrt uns, daß hier zwischen

Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung vorliegt, die wir bei der

Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das Objekt

mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir werden so

angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in unseren

Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist wahrscheinlich zunächst

unabhängig von seinem Objekt und verdankt wohl auch nicht den Reizen

desselben seine Entstehung.

B. Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte.

Während die Personen, deren Sexualobjekt nicht dem normalerweise dazu

geeigneten Geschlechte angehören, die Invertierten also, dem Beobachter

als eine gesammelte Anzahl von sonst vielleicht vollwertigen Individuen

entgegentreten, erscheinen die Fälle, in denen geschlechtsunreife

Personen (Kinder) zu Sexualobjekten erkoren werden, von vornherein als

vereinzelte Verirrungen. Nur ausnahmsweise sind Kinder die

ausschließlichen Sexualobjekte; zumeist gelangen sie zu dieser Rolle,

wenn ein feige und impotent gewordenes Individuum sich zu solchem

Surrogat versteht oder ein impulsiver (unaufschiebbarer) Trieb sich

zurzeit keines geeigneteren Objektes bemächtigen kann. Immerhin wirft es

ein Licht auf die Natur des Geschlechtstriebes, daß er so viel Variation

und solche Herabsetzung seines Objektes zuläßt, was der Hunger, der sein

Objekt weit energischer festhält, nur im äußersten Falle gestatten

würde. Eine ähnliche Bemerkung gilt für den besonders unter dem

Landvolke gar nicht seltenen sexuellen Verkehr mit Tieren, wobei sich

etwa die Geschlechtsanziehung über die Artschranke hinwegsetzt.

Aus ästhetischen Gründen möchte man gern diese wie andere schwere

Verirrungen des Geschlechtstriebes den Geisteskranken zuweisen, aber

dies geht nicht an. Die Erfahrung lehrt, daß man bei diesen letzteren

keine anderen Störungen des Geschlechtstriebes beobachtet als bei

Gesunden, ganzen Rassen und Ständen. So findet sich sexueller Mißbrauch

von Kindern mit unheimlicher Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen,

bloß weil sich diesen die beste Gelegenheit dazu bietet. Die

Geisteskranken zeigen die betreffende Verirrung nur etwa gesteigert

oder, was besonders bedeutsam ist, zur Ausschließlichkeit erhoben und an

Stelle der normalen Sexualbefriedigung gerückt.

Dieses sehr merkwürdige Verhältnis der sexuellen Variationen zur

Stufenleiter von der Gesundheit bis zur Geistesstörung gibt zu denken.

Ich würde meinen, die zu erklärende Tatsache wäre ein Hinweis darauf,

daß die Regungen des Geschlechtslebens zu jenen gehören, die auch

normalerweise von den höheren Seelentätigkeiten am schlechtesten

beherrscht werden. Wer in sonst irgend einer Beziehung geistig abnorm

ist, in sozialer, ethischer Hinsicht, der ist es nach meiner Erfahrung

regelmäßig in seinem Sexualleben. Aber viele sind abnorm im Sexualleben,

die in allen anderen Punkten dem Durchschnitt entsprechen, die

menschliche Kulturentwicklung, deren schwacher Punkt die Sexualität

bleibt, in ihrer Person mitgemacht haben.

Als allgemeinstes Ergebnis dieser Erörterungen würden wir aber die

Einsicht herausgreifen, daß unter einer großen Anzahl von Bedingungen

und bei überraschend viel Individuen die Art und der Wert des

Sexualobjektes in den Hintergrund treten. Etwas anderes ist am

Sexualtrieb das Wesentliche und Konstante(13).

(13) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der Alten

Welt und dem unsrigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf

den Trieb selbst, wir aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten

feierten den Trieb und waren bereit, auch ein minderwertiges Objekt

durch ihn zu adeln, während wir die Triebbetätigung an sich

geringschätzen und sie nur durch die Vorzüge des Objekts entschuldigen

lassen.

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie · 第 8 / 13 题