Variation und Krankheit.
Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Beispielen und
unter besonderen Bedingungen studiert haben, sind natürlich geneigt
gewesen, ihnen den Charakter eines Krankheits- oder Degenerationszeichens
zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei der Inversion. Indes
ist es hier leichter als dort, diese Auffassung abzulehnen. Die
alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß die meisten dieser
Überschreitungen, wenigstens die minder argen unter ihnen, einen selten
fehlenden Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von ihnen
wie andere Intimitäten auch beurteilt werden. Wo die Verhältnisse es
begünstigen, kann auch der Normale eine solche Perversion eine ganze
Zeit lang an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen
Platz neben diesem einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte irgend ein
pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel fehlen und diese
Allgemeinheit genügt für sich allein, um die Unzweckmäßigkeit einer
vorwurfsvollen Verwendung des Namens Perversion darzutun. Gerade auf dem
Gebiete des Sexuallebens stößt man auf besondere, eigentlich derzeit
unlösbare Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloßer
Variation innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen
ziehen will.
Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität des neuen
Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer Würdigung verlangt.
Gewisse der Perversionen entfernen sich inhaltlich so weit vom Normalen,
daß wir nicht umhin können, sie für »krankhaft« zu erklären,
insbesondere jene, in denen der Sexualtrieb in der Überwindung der
Widerstände (Scham, Ekel, Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen
vollführt. (Kotlecken, Leichenmißbrauch.) Doch darf man auch in diesen
Fällen sich nicht der sicheren Erwartung hingeben, in den Tätern
regelmäßig Personen mit andersartigen schweren Abnormitäten oder
Geisteskranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht über die Tatsache
hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten, auf dem Gebiete
des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft des ungezügeltsten aller
Triebe, sich als Kranke dokumentieren. Manifeste Abnormität in anderen
Lebensrelationen pflegt hingegen jedesmal einen Hintergrund von abnormem
sexuellen Verhalten zu zeigen.
In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des Krankhaften bei
der Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexualzieles, sondern in dessen
Verhältnis zum Normalen finden. Wenn die Perversion nicht _neben_ dem
Normalen (Sexualziel und Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe
fördern und ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das
Normale unter allen Umständen verdrängt und ersetzt hat; -- in der
_Ausschließlichkeit_ und in der _Fixierung_ also der Perversion sehen
wir zu allermeist die Berechtigung, sie als ein krankhaftes Symptom zu
beurteilen.
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Die seelische Beteiligung bei den Perversionen.
Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß man die
ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung des Sexualtriebes
anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer Arbeit geleistet, dem man
trotz seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des
Triebes nicht absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich
vielleicht nirgends stärker als in diesen ihren Verirrungen. Das Höchste
und das Niedrigste hängen in der Sexualität überall am innigsten
aneinander (»Vom Himmel durch die Welt zur Hölle«).
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Zwei Ergebnisse.
Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht ergeben, daß
der Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als Widerstände
anzukämpfen hat, unter denen Scham und Ekel am deutlichsten
hervorgetreten sind. Es ist die Vermutung gestattet, daß diese Mächte
daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb der als normal geltenden
Schranken zu bannen, und wenn sie sich im Individuum früher entwickelt
haben, ehe der Sexualtrieb seine volle Stärke erlangte, so waren sie es
wohl, die ihm die Richtung seiner Entwicklung angewiesen haben(26).
(26) Man muß diese die Sexualentwicklung eindämmenden Mächte -- Ekel,
Scham und Moralität -- anderseits auch als historische Niederschläge
der äußeren Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der
Psychogenese der Menschheit erfahren hat. Man macht die Beobachtung,
daß sie in der Entwicklung des Einzelnen zu ihrer Zeit wie spontan auf
die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin auftreten.
Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der untersuchten
Perversionen nur durch das Zusammentreten von mehreren Motiven
verständlich werden. Wenn sie eine Analyse -- Zersetzung -- zulassen,
müssen sie zusammengesetzter Natur sein. Hieraus können wir einen Wink
entnehmen, daß vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches,
sondern aus Komponenten zusammengesetzt ist, die sich in den
Perversionen wieder von ihm ablösen. Die Klinik hätte uns so auf
_Verschmelzungen_ aufmerksam gemacht, die in dem gleichförmigen normalen
Verhalten ihren Ausdruck eingebüßt haben(27).
(27) Ich bemerke vorgreifend über die Entstehung der Perversionen, daß
man Grund hat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz
ähnlich wie beim Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung
vorhanden gewesen. Die analytische Untersuchung hat bisher in
einzelnen Fällen zeigen können, daß auch die Perversion der Rückstand
einer Entwicklung zum Ödipuskomplex ist, nach dessen Verdrängung die
der Anlage nach stärkste Komponente des Sexualtriebes wieder
hervorgetreten ist.