3. Allgemeines über alle Perversionen.

Variation und Krankheit.

Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Beispielen und

unter besonderen Bedingungen studiert haben, sind natürlich geneigt

gewesen, ihnen den Charakter eines Krankheits- oder Degenerationszeichens

zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei der Inversion. Indes

ist es hier leichter als dort, diese Auffassung abzulehnen. Die

alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß die meisten dieser

Überschreitungen, wenigstens die minder argen unter ihnen, einen selten

fehlenden Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von ihnen

wie andere Intimitäten auch beurteilt werden. Wo die Verhältnisse es

begünstigen, kann auch der Normale eine solche Perversion eine ganze

Zeit lang an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen

Platz neben diesem einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte irgend ein

pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel fehlen und diese

Allgemeinheit genügt für sich allein, um die Unzweckmäßigkeit einer

vorwurfsvollen Verwendung des Namens Perversion darzutun. Gerade auf dem

Gebiete des Sexuallebens stößt man auf besondere, eigentlich derzeit

unlösbare Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloßer

Variation innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen

ziehen will.

Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität des neuen

Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer Würdigung verlangt.

Gewisse der Perversionen entfernen sich inhaltlich so weit vom Normalen,

daß wir nicht umhin können, sie für »krankhaft« zu erklären,

insbesondere jene, in denen der Sexualtrieb in der Überwindung der

Widerstände (Scham, Ekel, Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen

vollführt. (Kotlecken, Leichenmißbrauch.) Doch darf man auch in diesen

Fällen sich nicht der sicheren Erwartung hingeben, in den Tätern

regelmäßig Personen mit andersartigen schweren Abnormitäten oder

Geisteskranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht über die Tatsache

hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten, auf dem Gebiete

des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft des ungezügeltsten aller

Triebe, sich als Kranke dokumentieren. Manifeste Abnormität in anderen

Lebensrelationen pflegt hingegen jedesmal einen Hintergrund von abnormem

sexuellen Verhalten zu zeigen.

In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des Krankhaften bei

der Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexualzieles, sondern in dessen

Verhältnis zum Normalen finden. Wenn die Perversion nicht _neben_ dem

Normalen (Sexualziel und Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe

fördern und ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das

Normale unter allen Umständen verdrängt und ersetzt hat; -- in der

_Ausschließlichkeit_ und in der _Fixierung_ also der Perversion sehen

wir zu allermeist die Berechtigung, sie als ein krankhaftes Symptom zu

beurteilen.

* * * * *

Die seelische Beteiligung bei den Perversionen.

Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß man die

ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung des Sexualtriebes

anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer Arbeit geleistet, dem man

trotz seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des

Triebes nicht absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich

vielleicht nirgends stärker als in diesen ihren Verirrungen. Das Höchste

und das Niedrigste hängen in der Sexualität überall am innigsten

aneinander (»Vom Himmel durch die Welt zur Hölle«).

* * * * *

Zwei Ergebnisse.

Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht ergeben, daß

der Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als Widerstände

anzukämpfen hat, unter denen Scham und Ekel am deutlichsten

hervorgetreten sind. Es ist die Vermutung gestattet, daß diese Mächte

daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb der als normal geltenden

Schranken zu bannen, und wenn sie sich im Individuum früher entwickelt

haben, ehe der Sexualtrieb seine volle Stärke erlangte, so waren sie es

wohl, die ihm die Richtung seiner Entwicklung angewiesen haben(26).

(26) Man muß diese die Sexualentwicklung eindämmenden Mächte -- Ekel,

Scham und Moralität -- anderseits auch als historische Niederschläge

der äußeren Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der

Psychogenese der Menschheit erfahren hat. Man macht die Beobachtung,

daß sie in der Entwicklung des Einzelnen zu ihrer Zeit wie spontan auf

die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin auftreten.

Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der untersuchten

Perversionen nur durch das Zusammentreten von mehreren Motiven

verständlich werden. Wenn sie eine Analyse -- Zersetzung -- zulassen,

müssen sie zusammengesetzter Natur sein. Hieraus können wir einen Wink

entnehmen, daß vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches,

sondern aus Komponenten zusammengesetzt ist, die sich in den

Perversionen wieder von ihm ablösen. Die Klinik hätte uns so auf

_Verschmelzungen_ aufmerksam gemacht, die in dem gleichförmigen normalen

Verhalten ihren Ausdruck eingebüßt haben(27).

(27) Ich bemerke vorgreifend über die Entstehung der Perversionen, daß

man Grund hat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz

ähnlich wie beim Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung

vorhanden gewesen. Die analytische Untersuchung hat bisher in

einzelnen Fällen zeigen können, daß auch die Perversion der Rückstand

einer Entwicklung zum Ödipuskomplex ist, nach dessen Verdrängung die

der Anlage nach stärkste Komponente des Sexualtriebes wieder

hervorgetreten ist.

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie · 第 10 / 13 题