Die sexuellen Abirrungen(1).
(1) Die in der ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus den
bekannten Publikationen von v. _Krafft-Ebing_, _Moll_, _Moebius_,
_Havelock Ellis_, v. _Schrenck-Notzing_, _Löwenfeld_, _Eulenburg_, J.
_Bloch_, M. _Hirschfeld_ und aus den Arbeiten in dem vom letzteren
herausgegebenen »Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen« geschöpft. Da
an diesen Stellen auch die übrige Literatur des Themas aufgeführt ist,
habe ich mir detaillierte Nachweise ersparen können.
Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonnenen
Einsichten ruhen auf Mitteilungen von J. _Sadger_ und auf eigener
Erfahrung.
Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier drückt man
in der Biologie durch die Annahme eines »Geschlechtstriebes« aus. Man
folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach Nahrungsaufnahme, dem
Hunger. Eine dem Worte »Hunger« entsprechende Bezeichnung fehlt der
Volkssprache; die Wissenschaft gebraucht als solche »_Libido_«.(2)
(2) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache »Lust« ist
leider vieldeutig und benennt ebensowohl die Empfindung des
Bedürfnisses als die der Befriedigung.
Die populäre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen von der
Natur und den Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. Er soll der
Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im Zusammenhang mit dem
Reifungsvorgang der Pubertät einstellen, sich in den Erscheinungen
unwiderstehlicher Anziehung äußern, die das eine Geschlecht auf das
andere ausübt, und sein Ziel soll die geschlechtliche Vereinigung sein
oder wenigstens solche Handlungen, welche auf dem Wege zu dieser liegen.
Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr ungetreues Abbild
der Wirklichkeit zu erblicken; faßt man sie schärfer ins Auge, so
erweisen sie sich überreich an Irrtümern, Ungenauigkeiten und
Voreiligkeiten.
Führen wir zwei Termini ein: heißen wir die Person, von welcher die
geschlechtliche Anziehung ausgeht, das _Sexualobjekt_, die Handlung,
nach welcher der Trieb drängt, das _Sexualziel_, so weist uns die
wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche Abweichungen in bezug
auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel, nach, deren Verhältnis zur
angenommenen Norm eingehende Untersuchung fordert.