Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut?
_Hagéville_, 5. XI. 1914.
Liebe Lisbeth,
ich weiß nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht »nichts-sagende«
Zeilen lieb sind -- aber ich möchte so gern mit dir reden, und wäre es
nur, um Dir ein bißchen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine
traurige Karte mit der ungewissen Nachricht über den armen August, ich
wußte inzwischen schon durch Maria und Koehler, daß doch noch eine
kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, -- möchte es doch sein!
An französische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube ich absolut
nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang
des Krieges herrschte -- übrigens auch bei uns, ich war in _Saales_
selbst Zeuge -- ist längst einer strafferen Disziplin und auch reiferen,
männlicheren Überlegung gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders
sein. Der Postverkehr ist andrerseits so gänzlich abgeschnitten, daß er
vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, vor allem, wenn er in
einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer noch ein
bißchen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin. Ich
denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben,
gemeinsamen Erinnerungen, an August's Atelier und was aus unsrer
Freundschaft und gemeinsamen Arbeit noch hätte werden können!
Was mich für Dich tröstet, ist, daß Du wenigstens die beiden, lieben
Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir
den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige
Gedanke, daß ich sie ganz allein zurücklasse, wenn ich nicht
wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde fürchtet man den
Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem
fürchterlichen Sterben schließlich ganz kühl umher; aber, der Gedanke,
kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergießt,
zurückzulassen, ist für mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im
allgemeinen wenig exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht
zurückzukehren; aber ebenso felsenfest hab ich an August's Stern
geglaubt und doch schimmert er jetzt so trübe, daß man verzweifeln
möchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschüttert und deprimiert
als diese Nachricht. Sie quält mich oft des Nachts und taucht zwischen
ganz anderen Gedanken immer wieder auf, daß ich erst jetzt ganz schwer
fühle, was ich und wir alle an ihm verlieren würden. --
Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor
allem unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den
Vogesenkämpfen kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen;
ich hab viel ruhige Stunden für mich und arbeite für mich an meinen
Gedanken, die der Krieg in ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich
finden, mit dem ich über das alles reden kann, wenn ich August nicht
mehr habe? Du kannst es mit noch größerem Recht sagen, aber was Dir
Freunde sein können, das sollst und wirst Du an uns finden. Grüße Deinen
lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich riesig, daß er sich
wenigstens gut erholt, grüße auch herzlich Deine Angehörigen und laß Dir
einen Freundeskuß geben von Deinem treuen
Franz.
Bertschweiler, Südvogesen
7. I. 1915
Liebe Lisbeth,
Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22.
XII. hab ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von
Koehler, der mir von seinem melancholischen Besuch bei Euch erzählte und
auch die näheren Umstände von August's Tode schilderte. Nun sind wir
wirklich allein, ohne unseren August, Du und Koehler und ich, und mit
uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand geben in seinem
Gedächtnis und versuchen, so viel wir nur können in unser Leben davon
umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei.
Vielleicht (ich hoffe es sehr) können wir uns dabei manchmal gegenseitig
helfen. Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder
bei uns in die Atmosphäre der Malerei rückst, die Dir Deine Familie
nicht geben kann. Daß sich in Ried leben läßt, in unserem Häuschen,
kannst Du mir schon glauben, vor allem auch für die Kinder. Und von Dir
möchte ich noch viel über August hören und erfahren, vor allem über
seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, als wenn schon bald Friede
wäre und dabei krachen draußen, 200 mtr. weit unsere Geschütze! Wir sind
seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mühlhausen). Statt des
erhofften Soldatenweihnachten in Mühlhausen, verbrachten wir die ganze
Weihnachtsnacht am Pferd!
Einmal muß dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im
Westen. Man vertröstet sich von einer Jahreszeit auf die andere!
Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt
ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefährdet da oben und als
Infanterist doppelt und zehnfach.
Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine
Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten
unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche Ähnlichkeit mit August.
Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Kuß von mir und nimm Du
auch einen von Deinem treuen
Franz Marc.