29. I. 1915.

Liebe Lisbeth,

wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im

Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar

die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide

weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges

verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm

Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt

merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre

Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die »Neutralen« im Lande!

Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und

Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem

melancholischen _Hagéville_ geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem

Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher

Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor

dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in

»Kunst und Künstler« habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo

Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K.

gerne einverstanden bin, -- vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall

die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir

und unserm Freundeskreis von August's Wert und unserer gemeinsamen Liebe

erzählen soll.

Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht

mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas

über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von

seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn,

er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich

denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen

machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August's

Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen

lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa

aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als

derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm

durchschüttelt.

Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß

melancholisch und ernst drein -- so verändern sich die Dinge!!

Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten

und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze

Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen

kameradschaftlichen Gruß von mir bei. --

Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung

Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé'schen Mädchen -- auf solche

köstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich!

Von Herzen Dein Franz Marc.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 150 / 158 题