Liebe Lisbeth,
wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fühlst so sehr im
Ganzen und Vollen mit uns allen draußen, daß Dir jeder Soldat dankbar
die Hand drücken möchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide
weiß, das Dein Leben für immer in das Schicksal dieses Krieges
verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm
Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt
merkwürdigerweise doch auch viele, die ängstlich alles meiden, was ihre
Seele in den Krieg hineinziehen könnte, die »Neutralen« im Lande!
Es freut mich, daß Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und
Verehrung herausfühlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem
melancholischen _Hagéville_ geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem
Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glücklich. Ein solcher
Nachruf steht natürlich so völlig außerhalb der kleinen Kunstpolemik vor
dem Kriege, daß ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in
»Kunst und Künstler« habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darüber, wo
Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, daß ich mit K. und K.
gerne einverstanden bin, -- vielleicht übernimmst Du im gegebenen Fall
die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, daß er Dir
und unserm Freundeskreis von August's Wert und unserer gemeinsamen Liebe
erzählen soll.
Hörst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht
mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas
über ihn hörst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von
seinem Besuch bei Euch, es waren wehmütige und aufregende Tage für ihn,
er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich
denke auch daran, wie wehmütig mich ein Besuch in Eurem lieben Häuschen
machen würde und doch möchte ich so gern einmal, noch einmal August's
Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen
lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa
aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als
derselbe zurück. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm
durchschüttelt.
Ach ja, die vergnügten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewiß
melancholisch und ernst drein -- so verändern sich die Dinge!!
Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten
und wie Dich Deine Briefe zeigen. Grüße herzlich Deine ganze
Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, füge bitte einen
kameradschaftlichen Gruß von mir bei. --
Weißt Du, was mir gerade einfällt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung
Deiner beiden Buben mit den zwei Niestlé'schen Mädchen -- auf solche
köstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich!
Von Herzen Dein Franz Marc.