22. II. 16.

L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank für die köstliche Tunisaufnahme

von August, -- wie besonnt und harmlos glücklich reitet da der gute

schwere August auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch

der Jünger Moilliet; im Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner

Malapparate in der Hand? ich freu mich recht über diese kleine Aufnahme;

sie zeigt denselben vergnügten August wie wir ihn in Paris um uns

hatten.

Was Du von August's hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich

riesig. Freilich erfüllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh

über den Weggang dieses Menschen; aber der jähe Weggang durch eine

feindliche, fast möchte man sagen: befreundete Kugel, -- denn es war

eine französische -- scheint mir doch nicht ungereimter als der Tod von

M.'s Frau oder irgendein anderes, »natürliches« Unglück. Auch der Krieg

ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer thust, den Krieg

gänzlich außerhalb des natürlichen Geschehens zu stellen. Die

Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so

gut wie die Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich

_längst ganz vom Krieg abgewendet_. Mein Wesen sucht allerdings nicht

die Indifferenz von *** und *** zu gewinnen, sondern ist nur ein für

allemal _belehrt_, geheilt und zurückgeschleudert von den Peripherien

früherer Interessiertheit in's alte verlassene Zentrum der reinen

_Funktion_. August ist diesem Zentrum von jeher näher gestanden; er war

keine ausgreifende, immer fragende, unerlöste Natur wie ich.

Wie freut es mich, daß Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in

Ried vornimmst, -- führ es wirklich durch und führ Dein Wesen ins

Fruchtbare statt in die Wüste des ewigen Jammerns und womöglich Hasses,

_der nie was gutes erzeugen kann_.

Du willst später mehr Sachen von mir aufhängen? Meinethalben, -- wenn

Dir dann nicht mein lebendiger Leib genügt! Was mich früher immer

abgehalten hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist

eine scharf gefühlte -- Scham vor der eignen Produktion; dies Gefühl ist

schwer erklärbar, -- es geht auf den Moment der Schöpfung zurück, in dem

an Stelle des persönlichen Willens der rätselhafte Zwang einer Eingebung

trat. Ich weiß von so vielen und gerade meinen stärkeren Sachen absolut

nicht mehr _wie_ sie entstanden sind; ich wundre mich, daß ich sie

gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblättern meiner

Skizzenbücher erschrecke ich zuweilen förmlich.

Heut war ein strahlend schöner Tag, voll Anmut und Farbe und voll

Heimweh! Seid beide umarmt und lieb gegrüßt und geküßt von Eurem Frz.

Empfiehl mich bitte bei den schön stickenden Müttern, -- dies im Geiste

August's Arbeiten ist rührend.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 131 / 158 题