L., ich wollte, Du könntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir
sitzen und manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung
auf dem Couvert:
An Frl. Zenzi Duffner
zum Köpferl in der Wis
Post Miesbach
und dergleichen. Und manches ist so reizend und rührend ausgedrückt;
oder so lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i
ungemütlich. Daß Niestlé diese Briefe nicht lesen kann!
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Heute erzählte jemand, daß wenn der deutsche Tagesbericht
funkentelegraphisch über ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft
grob dazwischen diktiert: »ist gelogen«, »Prahlerei« usw. Ist das
nicht unglaublich? Diese Vorstellung, daß der Eiffelturm so
dazwischenschimpft!
* * * * *
Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen
Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir
gleichzeitig. Zu helfen war da natürlich nicht mehr. Sie ist wenigstens
nicht allein gestorben und hat die pflegenden Hände sicher wohltätig
gespürt. Ich leg Dir Linas Brief bei. Ob nur die Schwächung durch die
Geburt und schwache Ernährung schuld ist, möchte ich sehr bezweifeln.
Wild _darf nicht_ stark gefüttert werden; Heu bekam es ja wohl, soviel
es wollte. Schon die Drüsenanschwellung ist das Symptom irgendeiner
inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik endete. Ich
kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches,
liebes Leben bei uns gehabt, -- so denke ich auch nicht weh an Hanni
zurück, -- und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, daß ihn Bauer
unbedingt schmerzlos in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im
November war mir klar, daß er an einer schweren Alterskrankheit leidet;
Linas Brief schildert sie ja so gut, daß ich mich sofort entschieden
habe. Es wäre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen Rehhüttchen
und überhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn. Halte Dir, wenn
Du heimkommst und kein Lämmchen halten willst, ein Vögelchen.
Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern
das Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern
auszubeuten, ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu
geben, daß es zu einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im
Großen, der Bazillus und die Krankheit sind für mich dasselbe. --
Februar-Urlaub ist unmöglich; ich führe ja noch immer die Kolonne ganz
allein und kann nicht weg.
Aber es geht mir famos.