Liebe Maman.
Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was
Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man's ja
an sich erproben können, -- eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst
selten bietet, da man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht
sieht und zum mindesten an sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege
nie eingefallen, die Gefahr und den Tod zu suchen wie ich es in früheren
Jahren des öfteren gethan habe, -- damals ist der Tod mir ausgewichen,
nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute würde ich ihn sehr
wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe vor ihm, --
nichts ist beruhigender als die Aussicht auf _Todesruhe_ -- sondern weil
ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes
Sinnen ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille.
Sonst aber hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das _allen_
Gemeinsame und führt uns zurück in das normale »Sein«. Die Strecke
zwischen Geburt und Tod ist der Ausnahmezustand, in dem es viel zu
fürchten und zu leiden gibt, -- der einzige wirkliche, konstante,
philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand
vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz
unzulängliche »Ich-Bewußtsein« wieder in seine wundervolle Ruhe vor der
Geburt zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun
pantheistisch wie Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im
alten geistvollen Japan) oder christlich wie Pascal ausdrückt, -- das
_Wesentliche_ des Gedankens über Leben und Tod ist immer dasselbe
geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte Verwaltung seines
biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens stören
könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer
schlecht thut und wer nichts thut -- der hat die Strafe schon im Leben
davon, in seinem Gewissen und in seiner -- Todesfurcht. Diese Leute
können das Leben nicht rein genießen (so sehr sie sich auch den Anschein
geben), weil sie viel zu viel Angst vor dem Tode haben, der ihnen
»alles« nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis strebt, dem kommt
der Tod immer als Erlöser.
Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war's eigentlich nicht
gemeint. Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker
nicht verdenken. Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund
wiedersehen!