17. II. 1916.

Liebe Maman.

Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was

Dich nicht schreckt. Ich fühle genau so. In diesem Kriege hat man's ja

an sich erproben können, -- eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst

selten bietet, da man im täglichen Leben die Todesgefahren meist nicht

sieht und zum mindesten an sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege

nie eingefallen, die Gefahr und den Tod zu suchen wie ich es in früheren

Jahren des öfteren gethan habe, -- damals ist der Tod mir ausgewichen,

nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute würde ich ihn sehr

wehmütig und bitter begrüßen, nicht aus Angst oder Unruhe vor ihm, --

nichts ist beruhigender als die Aussicht auf _Todesruhe_ -- sondern weil

ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu führen mein ganzes

Sinnen ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille.

Sonst aber hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das _allen_

Gemeinsame und führt uns zurück in das normale »Sein«. Die Strecke

zwischen Geburt und Tod ist der Ausnahmezustand, in dem es viel zu

fürchten und zu leiden gibt, -- der einzige wirkliche, konstante,

philosophische Trost ist das Bewußtsein, daß dieser Ausnahmezustand

vorübergeht und daß das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz

unzulängliche »Ich-Bewußtsein« wieder in seine wundervolle Ruhe vor der

Geburt zurücksinkt; es scheint mir gänzlich gleichgültig, ob man das nun

pantheistisch wie Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im

alten geistvollen Japan) oder christlich wie Pascal ausdrückt, -- das

_Wesentliche_ des Gedankens über Leben und Tod ist immer dasselbe

geblieben. Die Idee, daß man sich durch schlechte Verwaltung seines

biblischen Pfundes im Leben die süße Ruhe des ewigen Lebens stören

könnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer

schlecht thut und wer nichts thut -- der hat die Strafe schon im Leben

davon, in seinem Gewissen und in seiner -- Todesfurcht. Diese Leute

können das Leben nicht rein genießen (so sehr sie sich auch den Anschein

geben), weil sie viel zu viel Angst vor dem Tode haben, der ihnen

»alles« nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis strebt, dem kommt

der Tod immer als Erlöser.

Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war's eigentlich nicht

gemeint. Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker

nicht verdenken. Aber zunächst wollen wir uns im Leben und zwar gesund

wiedersehen!

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 132 / 158 题