Liebe Maman,
ich weiß nicht, ob Du von meinen kleinen häuslichen Traurigkeiten gehört
hast; die gute kleine Hanni ist plötzlich eingegangen. Sie litt ja schon
seit November an einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere
Beschwerden davon zu haben, -- nun ist sie ziemlich plötzlich, während
Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben.
Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persönlich viel tiefer berühren
wird. Dein guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem
Bedenken mich doch entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem
kleinen Trimm) zu verkürzen. Im November erschrak ich ja schon über sein
Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen Nahrung zum Skelett
abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trübe Augen. Lina hat ihn
gewiß ordentlich gepflegt, auch während Marias Abwesenheit; sie schrieb
mir sehr nette ausführliche Berichte über ihn und Hanni; sie hat ihn
auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn für sehr alt und schwer
nierenleidend erklärte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die
Hütte und der Platz wo er war, floß immer in seinem Wasser; er hatte
natürlich auch Würmer wie alle kranken Tiere; nach dem allen fand ich es
würdiger und mitleidiger, ihm seinen Eingang in den Hundehimmel zu
erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten Tier, sind qualvoll und
nicht zu heilen. Höchstens haben die Herrn Veterinäre noch einen Gewinn
davon, -- der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme, werd ich
ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen, -- vergessen wird der
eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie
es scheint und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als
sehr ordentliches Mädchen bewährt, hat sich alle erdenkliche Mühe
gegeben, den Russl zu pflegen, aber schließlich doch ohne Erfolg; er
wurde immer hinfälliger und elender und der Geruch immer schlimmer.
Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer
Stimmung. Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so
grundverschieden sie auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen.
Das kleine Waltherchen ist jetzt schon 5 Jahre! Er soll _genau_ wie sein
Vater sein, fast unheimlich. An ihm und an dem kleinen Wolfgang (3
Jahre) hat Lisbeth natürlich ihren größten Trost.
Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und
natürlich ziemlich viel zu thun.
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