L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der
»Wirklichkeit« verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem
riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf
Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die
Sache ist allerdings harmloser, -- die »_Kunst_« war bei dieser
Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die
Überzeugung der anderen, -- ich selbst hatte sonderbare
Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck:
Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie
unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die
nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten
Naturschutzfarbe (_mimicry_) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen
man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, --
_sehr_ viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die
photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu
Hause stark vergrößert, -- dabei entdeckt man meistens die eckigen
Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen
zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild
so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die
Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch
photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die
Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung
»von Monet bis Kandinsky«!
Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja
nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine
solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts
eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch
zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.
Jetzt ist schon der 6. Februar, -- ein alter Kirchweihjahrestag! Ich
erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock
und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, -- ich
»rieche« noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und
Kaulbachstraße!
Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz
unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben
wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.
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