3. II. 16.

L., was magst Du bei ***'s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß

natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem

gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und

seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu

büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg

das _erstere_ gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn

und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand

in's Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie *** nach dem

Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen

wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil,

wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf

den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, _auf

sich selbst_ zurückzugreifen, -- mit denen paktiere ich nicht. Du sagst

ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, die _Konsequenzen_ zu

ziehen imstande sind, -- darin liegt's. --

-- -- -- -- -- -- -- --

Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw.

-- ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer

nicht am _gegenwärtigen_ Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr

gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir

nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 121 / 158 题