5. XII. 15.

L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche

über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern

kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken

Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die

Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei

doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -- Das Verrückteste

an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher _St. Mihiel_. Die Stadt

liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg!

Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein

einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische

Kanonade unsrerseits auf _Commercy_ u. a. Orte aus, daß die Franzosen es

auch vorziehen, uns das Vergnügen an _Mihiel_ mit seinem Kaffeehaus usw.

zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen

Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt,

vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit

_Damen_bedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach

Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel

unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er

eigentlich ruhig arbeiten könne. »O ja«, hieß es, »der wohnt ja in der

_rue_ soundso nach >hinten< naus.« Hinten ist nämlich bei uns so viel

wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt »Perle« bleibt ja weit

hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in _St. M._ ist sonst

vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber

dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in »Perle«; selbst

dieses traumhafte »nicht Fort-Können« für die dort in Unterkunft

befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen

solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben

ist über seine Phantasie gestiegen.

Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich

gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen.

Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, als _müßte_ sie in

Fetzen gehen. --

Beiliegend Brief von ***. -- -- -- Vielleicht freut sie mich wieder

mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden

oder verstehen wollen; das thut mir um *** leid, den ich eigentlich sehr

gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch

so altklug, menschenkennerhaft und »langweilte« mich überall. Meine

Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, --

ich machte im Gegensatz zu *** höchstens eine kleine Zeichnung pro

Monat! Aber es ist etwas in ***'s Gesicht, was mich und meine

Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm

liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige,

philosophische Mensch! Und *** hat gar keinen Vater!!

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 110 / 158 题