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Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch

richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, weiß ich ja

auch nicht. Gehört hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es

sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine

neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, -- wir sind nur noch

nicht zur klaren Entscheidung reif, _welche_ es sind und wo die besten

Ansätze stecken; ich halte das für sehr gut möglich; denn wir übersehen

heute in dem großen geistigen Gewühle, in dem Europa steckt, durchaus

noch nicht die _wahren_ Linien und Formen. Vielleicht sind die Ansätze

in der Malerei prominenter als in der Musik, -- aber auch _da_ werden

sie sein; man muß nur sehr scharf _horchen_, -- nicht in Konzerten,

sondern nach _innen_ horchen, sowie man die neue Malerei nicht in

Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Straße, im Leben und in der

Nacht. Ich _sehe_ sogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen

Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir können heute unser Geschick und

die Wahrheit in den Sternen lesen, -- es kommt nur darauf an, wie man

sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher

mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und

Erfahrung heraus. Natürlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der

Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind

hören, -- es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer,

unzerstörter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man

einmal drin _sehen_ gelernt hat (für Musiker z. B. das _Tempo_, in dem

die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man

hier eine unerschöpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im

Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten

Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich

nichts andres im Kopf als persönliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses

gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmögliche Figur hier, -- das

»Unmögliche« liegt vor allem darin, daß die anderen dies gar nicht so

empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle

denken, ich müßte doch auch irgendwie ein bißchen wie sie empfinden; sie

wundern sich dann immer, daß ich mich über dies und jenes »nicht

ärgere«. Sie können nicht sehen, daß ich überhaupt gar nicht da bin, --

noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe.

Ich muß mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre

Bank setzen, um zu vermeiden, daß sie meinen seelischen Abstand fühlen

und sich dadurch gekränkt fühlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein

ganzes Bestreben geht nur dahin, daß sie nicht merken, wie dumm dieses

Verhältnis zwischen uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und

die bewußte Täuschung des Nächsten die einzig anständige Lebensform, und

nicht das: »die Wahrheit sagen«, jene fürchterliche, seelenkränkende

Manie mancher Wahrheitsfanatiker.

Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was ähnliches wie das, was

Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete

vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe

meine.

Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte.

Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet

sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt

bei Artillerie- und Minenkämpfen, -- die Infanterie wird nicht

eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ,

Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende

taktische Absichten.

Baron *** hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie

in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte

mich recht auf seine Gesellschaft gefreut.

Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden

zu sein; bei diesem elenden Wetter, -- _Haumont_ schwimmt schier weg --

wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch

gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren

muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten

selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung

bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich

nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs

meinen innerlichen Spaß hatte.

Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die

Zeiten, die für uns noch blühen werden.

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Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so:

von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger

Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein

_Gewissen_ fühle: meine _Arbeit_; nicht mein Leben als solches; ich kann

gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des

Lebens überwinden, als indem ich den _Sinn_ meines Daseins ins Geistige

hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib _Unabhängige_, d. h.

Abstrakte hinüberrette. Es ist _nicht_ eigentlich das _spätere_ Leben,

das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin

allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, -- er erscheint mir sehr

natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß

ich doch auch vorher einmal gestorben sein, -- denk an die Blumen! Es

ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem

Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der

Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich

werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, -- das

Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner,

enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr

aufmerksam im Quint, -- da steht alles außerordentlich fein und tief

gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre

Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das »letzte Wort

zu reden«; -- Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu

suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, -- die

gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann

schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über

die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen

Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir

unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie

ich das alles meine, -- es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz

unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit

geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren

Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung

gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl

und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum

Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 109 / 158 题