21. XI. 15.

L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint

lese. Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung

des Christentums, -- nämlich ihrer prinzipiellen _Gegensätzlichkeit

gegen pazifistische Organisationen_ (wie in den Neuen Wegen),

sozialistischen Kommunismus, der ein Erlahmen der Seele und des

christlichen Opfer- und Überwindergedankens bedeutet. Bestimmend ist

immer der Eine Gedanke: die Welt, das »leibliche Wallen« berührt uns

nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das

Unsichtbare. Die Nächstenliebe ist wie die menschliche Nahrung _eine

symbolische Handlung_. Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens

ist gerade das Prächtige, Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen

Erniedrigung vor der Welt und damit seiner Befreiung; er _will_ den

Menschen gar nicht körperlich helfen und sie leiblich satt und gesund

machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele schrickt

schmerzlich vor dieser Bitte zurück, die er in den Augen der Menschen,

zu seiner bitteren Enttäuschung immer wieder liest. Das ist das große

Mißverständnis der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen

fortgeführt wird, spricht er das furchtbare, schneidende Wort: »nach mir

aber fraget niemanden fortan«!

In nächster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, --

ich freu mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, daß ich als

ausbildender Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amüsieren

würde; das Leben hier ist trotz mannigfacher Arbeit zu öde so. Ich gebe

jetzt jeden Nachmittag meinem Chef theoretischen Artillerie-Unterricht;

er möchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber nur ziemlich mangelhafte

Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles für ein verrücktes Theater- und

Traumleben!

Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan

des Hauses, ungefähre Zimmergröße und Höhe (also Kubikinhalt). Ich habe

hier Gelegenheit, mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine

Installation ungefähr kostet; ich möchte diese unverbindliche

Gelegenheit benutzen, um für später eine Handhabe zu besitzen, und

spätere Voranschläge zu beurteilen.

Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, -- der Krieg

dauert nun keine Ewigkeit mehr. -- -- --

Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 102 / 158 题