L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel
Quint, -- Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in
unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehr
_Wortkunst_ wie in der Versunkenen Glocke und »Literatur« erwartet, aber
niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft,
die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher
zutraute, -- ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich
stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch
glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h.
_ohne Laune und ohne Willkür_, sondern gänzlich episch, logisch
notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektüre für
einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie
natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich
hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu
bereden, -- ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, -- alles
was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie
kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der
menschliche Sinn verstiegen!
Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich
interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in
letzter Zeit in die Hände bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi,
Strindberg usw.), fesselte mich nur _zeilenweise_, -- eben nur da, wo
sie genial sind, -- das andere ist alles langweilig. -- -- -- -- --
Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag's Hanni
gehn?