20. XI. 15.

L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblüffung Emanuel

Quint, -- Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in

unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehr

_Wortkunst_ wie in der Versunkenen Glocke und »Literatur« erwartet, aber

niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft,

die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher

zutraute, -- ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich

stecke natürlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch

glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h.

_ohne Laune und ohne Willkür_, sondern gänzlich episch, logisch

notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektüre für

einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie

natürlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich

hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu

bereden, -- ich mußte immer ein heimliches Lachen unterdrücken, -- alles

was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmöglich für mich. Wie

kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der

menschliche Sinn verstiegen!

Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, daß es mich wirklich

interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in

letzter Zeit in die Hände bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi,

Strindberg usw.), fesselte mich nur _zeilenweise_, -- eben nur da, wo

sie genial sind, -- das andere ist alles langweilig. -- -- -- -- --

Grüß K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag's Hanni

gehn?

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 101 / 158 题