L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm
und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel
von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte,
weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und
Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine
Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch
liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen
Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, weil immer
sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, daß
Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d.
h. in seiner _Logik eitel_; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn
lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein.
Und ebenso d. h. in viel größerem Maß unrein sind die »Neuen Wege«. Die
liegen voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab.
Ich verstehe jetzt natürlich auch K.'s Wesen viel besser, da ich sein
greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hüten haben,
daß er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit
gerät.
Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige
Aufnahmefähigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden
tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, --
wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist
unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es für möglich;
denn wir kannten Kandinsky selbst _sehr wenig_. Kennt es Kubin, Klee und
Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen von _mir
aus_ zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann
kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien.
Die Erklärung, warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur
in der Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch
sicher gründlich, nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen
Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer
inneren Güte und einem Mitleids- und Schamgefühl heraus leicht, ihn
mißzuverstehen. Grade darin liegt ein unglaublich feiner geistiger Takt
in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, als wären es
Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die
Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir
diesen Geist so vertrauenswürdig.
Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief
noch wegkommt.
Dein
Frz.
Samstag 27. XI. 15.
L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in
Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef
Oberleutnant *** (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der
rückwärts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant *** der Schwager
des Dürnhauser Barons.
Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger,
trockener Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg
läßt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so
unwahrscheinlich Glückhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser
ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, -- es liegt für
mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten
durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft
erhält und durch das Eingreifen des »jungen Bulgariens« als _Deus ex
machina_. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch
derartiger romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg
denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung.
Ich sag das nicht leichtsinnig, -- es gibt im Gegenteil _sehr_ zu
denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite
des Lebens und des Menschengeistes.
Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig
sternenklar; wenn ich an das Leben Quints denke, beglückt und bedrängt
mich eine ähnliche Empfindung als beim Anblick des reinen
Sternenhimmels, der mir in diesen Kriegsjahren ein solcher Freund
geworden ist. Durch Quints Leben geht jene abstrakt reine Linie des
Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich auch immer im Geist
durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich fast nie,
sie mit dem Leben zu verknoten, -- wenigstens nie mit dem Menschenleben,
(-- _darum kann ich keine Menschen malen_). Quint hat wohl seine reine
Idee manchmal mit dem Leben verknotet; daß er dabei doch rein geblieben
ist, darin liegt seine göttliche Größe.