18. IX. 15.

L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht

mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt

nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu

sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das

wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an

die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; »denn es ist ja --

Krieg!« Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das

menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht

_aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul

Rohrbach »Bismarck und wir«, -- merkwürdig ungeistig; einfachste

Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht:

die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!!

Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch -- _homo

sapiens_ -- englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen

Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als

_menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder

türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine

schönsten Blüten treibt.

Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit

ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber

sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre

Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und

aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen

leitete.

Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anständig. Und Deine

Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz

unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen

läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von

Ungeist Gewinn ziehen und »leben«, nur wo der Ungeist, die Dummheit und

die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ möglich. Traurig.

Ich schäme mich. Nun für heute genug. -- -- -- -- --

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Dein Frz.

Gruß an Maman.

Streichle Hanni und die Kleinen.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 72 / 158 题