L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht
mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt
nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu
sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das
wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an
die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; »denn es ist ja --
Krieg!« Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das
menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht
_aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul
Rohrbach »Bismarck und wir«, -- merkwürdig ungeistig; einfachste
Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht:
die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!!
Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch -- _homo
sapiens_ -- englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen
Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als
_menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder
türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine
schönsten Blüten treibt.
Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit
ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber
sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre
Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und
aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen
leitete.
Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anständig. Und Deine
Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz
unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen
läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von
Ungeist Gewinn ziehen und »leben«, nur wo der Ungeist, die Dummheit und
die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ möglich. Traurig.
Ich schäme mich. Nun für heute genug. -- -- -- -- --
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Dein Frz.
Gruß an Maman.
Streichle Hanni und die Kleinen.