L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit
einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir
den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, -- wir
sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran
anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und
Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September
soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die
Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß
mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und
unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles
interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als
peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder
auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert.
Du sprichst von fehlenden »Verbindungen«; das ist natürlich sehr
richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin:
schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann
man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern
abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie ***
und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich,
bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.
Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal:
ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder
Großfürst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen
wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die _wirkliche Lage_!
Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es
nicht zu können! Mein Ausdruck »Thema«, als ich vom Krieg als Folge des
deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen
schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland
fähig gewesen wäre, ein »geistiges Gegengewicht« zu halten, erledigt
sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies
eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19.
Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer
das alles _haßt_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_
nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher
im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und
Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin
und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die
Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Führung der
Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in
kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar
verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher
begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. -- -- -- --
-- Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung
nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße
Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- --