12. IX. 15.

L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit

einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir

den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, -- wir

sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran

anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und

Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September

soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die

Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß

mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und

unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles

interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als

peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder

auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert.

Du sprichst von fehlenden »Verbindungen«; das ist natürlich sehr

richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin:

schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann

man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern

abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie ***

und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich,

bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.

Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal:

ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder

Großfürst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen

wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die _wirkliche Lage_!

Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es

nicht zu können! Mein Ausdruck »Thema«, als ich vom Krieg als Folge des

deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen

schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland

fähig gewesen wäre, ein »geistiges Gegengewicht« zu halten, erledigt

sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies

eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19.

Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer

das alles _haßt_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_

nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher

im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und

Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin

und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die

Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Führung der

Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in

kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar

verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher

begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. -- -- -- --

-- Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung

nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße

Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- --

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 71 / 158 题