23. IX. 15.

L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet.

Ich zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns

sein Tod auch tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir

wohl wieder den Eindruck einer _sehr_ begrenzten Begabung; aber

innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens eine großartige

Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder

Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke oder Stephan

George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor,

den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er _war schon

am richtigen Wege_. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch

eines Größeren.

Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr

Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören,

als letzte sehr reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver,

weniger abgeschlossen. Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal

und Besseres schafft; und daß es um so urwüchsige und ehrliche Naturen

wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohl _Schicksal_

ist. -- -- -- -- --

Und nun für heute Schluß! Mir geht's famos. Gruß an Deine Mutter,

Niedmanns, K. und meine Tierlein.

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Dein Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 73 / 158 题