L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und
machen mich _sehr glücklich_. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich
immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden
und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und
mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht
verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit
dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen
Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege
sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche
Verbindung mit dem Ziel; einer der _nur_ lebt, und in Reinheit wie ein
Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des
Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein _produzierender_ d. h.
»_sich quälender_« Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin
mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B.
auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust
Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu
gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von _Kunst_; ich habe bei meinem
Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine
»Sünde wider den heiligen Geist« ist, über die Form nachzudenken, -- das
ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird
mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich
an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des
Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die
_Form_ gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst
wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr
tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht.
Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir
in ihren _reinen_ Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien
Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein
Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu
machen getraue (ich will es auch gar nicht), -- während mir sentimentale
oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine
Musik sentimental gespielt, _gar keine_ Freude macht, schon aus dem
Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher
gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch
noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das
was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich
noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest
damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner,
unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich
nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade
_deswegen_ unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist
und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht,
wie ein Rokokozierat, _sehr reines Kunstgewerbe_. Das gibt es freilich
heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt
den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und
darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen
Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es
chinesisch, wenn ich 1915 lebe, -- 1915. Das ist so wahr, aber leichter
gesagt als gethan, _nämlich das »1915 leben«_! Dazu muß man vielleicht
die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig
_viel umfassen_; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der
Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein
frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und
vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum
_Schaffen_ kommen, weil sie vielleicht _zu rein_ und keusch sind),
sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich:
daß der »Betrieb« meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und
ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. _Der Gedanke an ihn ist
mir gräßlich._ --
Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für
Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher
sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was
kostet; das macht nichts.
Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute
ist, -- das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in
meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und
Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird.
Gerade _reine_ Kunst denkt so wenig an die »andern«, hat so wenig den
_»Zweck«, die Menschen zu einigen_ wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt
keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und
ganz »für sich«! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber;
verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi'scher Gedanken; ich
verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach
jahrelanger Pause; aber lies _Du_ jetzt einmal -- Nietzsche: Jenseits
von Böse und Gut -- Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte
(bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später
einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief
soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe,
sondern zunächst und vor allem meine _freudige Zustimmung_ zu dem
künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen
erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein _Weckruf_; und dann kurze
verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind.
Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. -- -- -- -- --
Ostersonntag 15.
L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die
Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an
die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle
kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden
beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem
fruchtbaren »Osterwasser«, das doch auch von jeher als besonders
heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden
Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu
erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich
immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als
Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung
heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen,
so gründlich und feiertägig, als wir nur können. -- Was ist wohl mit
Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links
stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich -- unten,
(Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt
doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind
und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig
preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn
doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben,
wie es damit steht.
Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr
benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für
Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein
paar Blümchen hinein.