30. III. 15.

L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und

machen mich _sehr glücklich_. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich

immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden

und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und

mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht

verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit

dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen

Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege

sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche

Verbindung mit dem Ziel; einer der _nur_ lebt, und in Reinheit wie ein

Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des

Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein _produzierender_ d. h.

»_sich quälender_« Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin

mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B.

auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust

Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu

gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von _Kunst_; ich habe bei meinem

Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine

»Sünde wider den heiligen Geist« ist, über die Form nachzudenken, -- das

ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird

mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich

an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des

Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die

_Form_ gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst

wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr

tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht.

Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir

in ihren _reinen_ Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien

Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein

Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu

machen getraue (ich will es auch gar nicht), -- während mir sentimentale

oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine

Musik sentimental gespielt, _gar keine_ Freude macht, schon aus dem

Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher

gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch

noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das

was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich

noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest

damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner,

unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich

nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade

_deswegen_ unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist

und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht,

wie ein Rokokozierat, _sehr reines Kunstgewerbe_. Das gibt es freilich

heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt

den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und

darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen

Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es

chinesisch, wenn ich 1915 lebe, -- 1915. Das ist so wahr, aber leichter

gesagt als gethan, _nämlich das »1915 leben«_! Dazu muß man vielleicht

die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig

_viel umfassen_; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der

Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein

frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und

vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum

_Schaffen_ kommen, weil sie vielleicht _zu rein_ und keusch sind),

sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich:

daß der »Betrieb« meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und

ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. _Der Gedanke an ihn ist

mir gräßlich._ --

Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für

Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher

sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was

kostet; das macht nichts.

Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute

ist, -- das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in

meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und

Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird.

Gerade _reine_ Kunst denkt so wenig an die »andern«, hat so wenig den

_»Zweck«, die Menschen zu einigen_ wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt

keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und

ganz »für sich«! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber;

verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi'scher Gedanken; ich

verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach

jahrelanger Pause; aber lies _Du_ jetzt einmal -- Nietzsche: Jenseits

von Böse und Gut -- Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte

(bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später

einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief

soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe,

sondern zunächst und vor allem meine _freudige Zustimmung_ zu dem

künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen

erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein _Weckruf_; und dann kurze

verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind.

Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. -- -- -- -- --

Ostersonntag 15.

L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die

Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an

die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle

kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden

beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem

fruchtbaren »Osterwasser«, das doch auch von jeher als besonders

heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden

Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu

erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich

immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als

Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung

heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen,

so gründlich und feiertägig, als wir nur können. -- Was ist wohl mit

Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links

stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich -- unten,

(Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt

doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind

und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig

preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn

doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben,

wie es damit steht.

Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr

benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für

Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein

paar Blümchen hinein.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 47 / 158 题